Deaver, Jeffery – Allwissend

Die uns vertraute Welt, in der wir lieben und leben, in der wir miteinander und gegeneinander kommunizieren, in der wir Freund- und Feindschaften aufbauen und uns materielle Güter zulegen, um unser Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, vermischt sich zunehmend mit der virtuellen Welt des Internets.

Damit ist unsere Welt schon längst zu einem nicht mehr überschaubaren, kommunikativen Netzwerk mutiert. Viele Menschen verlieren den Bezug und die sozialen, menschlichen Bindungen in der realen, stofflichen Welt, und widmen sich mit aller Energie virtuellen Foren, Communities, Multiplayerspielen, Blogs usw. In diesen offenen Plattformen muss sich der Anwender persönlich profilieren, sprich: eine virtuelle Persönlichkeit aufbauen. Dass diese oftmals ein verzerrter Schatten ihrer selbst ist und sich der Mensch mit Fähigkeiten, Aussehen und einer falschen Persönlichkeit ausstattet, kann gefährlich sein, denn da alle Informationen frei zugänglich sind, ist die Gefahr von Verleumdung, Mobbing oder Stalking ein ernstes Thema, das schnell zu einer gefährlichen Bedrohung führen und reale Existenz zerstören kann.

Jeffery Deaver lässt in seinem aktuellen Thriller „Allwissend“ die Kinetikerin und Ermittlerin Kathryn Dance aus Kalifornien online wie auch offline auf Mörderjagd gehen.

_Inhalt_

Jeder kennt die an Kurven oder Schnellstraßen von Angehörigen aufgestellten Kreuze, die an den Unfalltod eines ihrer Lieben gemahnen sollen. Oftmals werden am Todestag Blumen oder eine Kerze an dieser Stelle zum Gedenken abgelegt. Als ein junger Streifenpolizist am 25. Juni am Straßenrand eines Highways Blumen und ein Kreuz entdeckt, auf dem eindeutig der folgende 26. Juni als Todesdatum zu lesen ist, geht er davon aus, dass die trauernden Angehörigen verwirrt waren und fährt, wenn auch ein wenig vorsichtiger, nach Hause.

Doch am besagten Tag wird eine junge Schülerin fast zum Opfer eines brutalen Mörders. Tammy Foster findet sich gefesselt und geknebelt im Kofferraum eines Autos wieder, das bei Ebbe inmitten eines Strandes stehen gelassen wurde, damit Tammy qualvoll mit der kommenden Flut ertrinkt. Tammy überlebt aber den Anschlag, da der Täter den Wagen nicht weit genug rausgefahren hat und Passanten das Auto rechtzeitig gesehen haben. Unterkühlt, aber lebendig kommt Tammy mit einem Schrecken davon.

Der mysteriöse Fall wird der Dienststelle von Kathryn Dance zugeteilt und die Verhör- und Kinetikspezialistin beginnt mit ihren Ermittlungen. Kathryn fängt an, Tammy Foster zum Hergang der Tat zu befragen. Kathryn ist eine äußerst talentierte Psychologin und Kinesikerin, die die Körpersprache treffend analysieren und interpretieren und damit die Lügen und Halbwahrheiten von Kriminellen wie auch Opfern durchschauen kann.

Im Krankenhaus, im Gespräch mit Tammy, wird Kathryn schnell klar, dass die junge Frau nicht ehrlich zu ihr ist und ihr vielleicht nicht die volle Wahrheit sagt. Ihre ganze Körpersprache und ihr sprachlicher Ausdruck lassen vermuten, dass sie unsicher ist und wohl Angst hat. Aber wovor, vor wem? Kathryn beobachtet, aber konfrontiert Tammy nicht mit ihren Vermutungen. Still und ruhig lässt sie sich erzählen, was Tammy von ihrer Entführung und dem Tathergang zu erzählen hat, oder besser gesagt, was sie nicht sagt.

In ihrem Auto, in dem Tammy ertrinken sollte, finden die Behörden ihr Notebook; das ist zwar vom Salzwasser beschädigt, aber Kathryn will unbedingt wissen, was sich auf der Festplatte des Rechners befindet, denn vielleicht führen die privaten Daten von Tammy zum Täter. Hilfe bekommt Kathryn von Prof. Jon Bolling, der an der hiesigen Universität lehrt und ein Experte für die neuen Medien ist.

Tatsächlich gelingt es Prof. Bolling, an die persönlichen Daten von Tammy zu kommen. Regelmäßig kommunizierte sie mit anderen Freunden auf einem Blog – dem Chilton Report. Tammy Foster hat sich ziemlich negativ über ein Thema ausgelassen, das zwar nicht sie direkt, aber Freundinnen betrifft, die bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Der Fahrer Travis Brigham hat überlebt und zieht den Zorn von einigen Bekannten und noch mehr Unbekannten auf sich, die ihn als Mörder abstempeln und ausgrenzen.

Travis ist in der Schule ein Außenseiter, ein Sonderling, gezeichnet von Akne im Gesicht; ein Einzelgänger, der sich anscheinend auch viel online bewegt. Als Kathryn Travis und seine Familie aufsucht, fällt ihr im Gespräch mit dem introvertierten Jungen auf, dass dieser innerlich vor Zorn bebt, und vielleicht ein Funken genügt, um ihn ausrasten zu lassen …

Zu allem Stress kommt noch hinzu, dass die Mutter von Kathryn Dance des vorsätzlichen Mordes angeklagt und verhaftet wird. Sie soll einen lebensgefährlich verletzen Polizisten, der im Krankenhaus lag, aktiv getötet haben. Da in Kalifornien Sterbehilfe gegen die Gesetze verstößt, könnte auf Kathryns Ma bei einer Verurteilung die Todeszelle warten …

Noch am selben Abend wird Kathryn zu einem weiteren Tatort gerufen, und diesmal gibt es einen Toten. Wieder wurde ein Kreuz gefunden und Indizien weisen darauf hin, dass Travis der Mörder gewesen sein könnte. Doch als Kathryn Travis und seine Familie aufsucht, ist dieser verschwunden – und mit ihm der Revolver seines Vaters …

_Kritik _

„Allwissend“ von Jeffery Deaver ist nach „Die Menschenleserin“ der zweite Band mit der Ermittlerin Kathryn Dance. Und wieder einmal hat es der Autor geschafft, einen großartigen und atemlos spannenden Roman zu veröffentlichen, der zu Recht auf den oberen Rängen der Bestsellerlisten zu finden ist.

Nicht nur, dass „Allwissend“ spannend und intelligent konzipiert ist, auch in den schnellen und gut eingestreuten Nebenerzählungen schafft es Deaver, den Leser quasi ’nebenbei‘ zu überzeugen. Neben dem Hauptplot – natürlich die Jagd nach dem „Kreuzkiller“ – sind auch die Nebenschauplätze – zum Beispiel die Anklage von Kathryns Mutter wegen Mordes oder das Privatleben von Dance – ungemein spannend. Das gelingt nicht jedem Autor, besonders nicht bei einem Thriller, aber Deaver gelingt dies Kunststück fulminant.

Das Tempo der Handlung ist, gemessen an den Ereignissen und Szenenwechseln, wohldosiert. Ebenso gezielt wechseln die Perspektiven; so erfährt man aus Opfersicht, wie diese die Entführung und das Grauen erleben, aber auch Nebencharaktere wie der Datenexperte Prof. Jon Bolling oder der Betreiber des Blogs kommen zu Wort. Nichtsdestotrotz erlebt der Leser die Ermittlungen selbst natürlich aus der Sicht der Hauptfigur Kathryn Dance.

Es gibt viele Thriller mit psychologischen Aspekten, in denen Profiler und Psychologen die Ermittlungen vorantreiben, sich in das Denken und Handeln der Täter einleben, um diese verstehen und natürlich weitere Morde verhindern zu können. Auch Deaver bedient sich dieser Rezeptur, erschafft aber mit seiner Figur Kathryn Dance einen Charakter, der realistisch und zugleich sensibel agiert, also keinen Ermittler, der mit Waffengewalt oder empathischen Supertalenten den Gegner einengt.

Nein, Jeffery Deaver stattet Dance mit einem nicht neuen, aber ungemein effektiven Talent aus. Sie kann in einem Menschen lesen wie in dem sprichwörtlichen Buch, so gut, dass selbst ihre Kinder sie wie eine Art Superfrau behandeln, denn Lügen ist bei ihr zwecklos, und das ist in den Augen ihrer Kinder ja so was von unfair …

Trotz ihres nonverbalen kommunikativen Talents bleibt Kathryn Dance eine Frau wie jede andere auch. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie alleinerziehende Mutter, die sich nach Wärme und Liebe sehnt und natürlich auch einen potenziellen Vater für ihre Kinder sucht. Solche Kleinigkeiten hat Jeffrey Deaver wunderbar in seinen Roman implementiert und spendiert seinem Hauptcharakter damit sympathische Besonderheit und Tiefe. Ihr inniges Verhältnis zu und ihr Vertrauen in ihre Mutter wird durch die Anklage wegen Sterbehilfe ein wenig erschüttert, und auch ihre berufliche Nähe zu ihrem Kollegen Michael O’Neal wird ein wenig komplizierter, als sie sich unbewusst für Prof. Jon Bolling interessiert, der zudem noch gut mit ihren Kindern auskommt. Dem Autor gelingt hier genau das, wovon ein Roman lebt: Er erschafft kompakte Charaktere, die Baustein für Baustein immer greifbarer werden, und zwar so intensiv, dass sich der Leser inmitten des Geschehens wiederfindet.

Es gibt unerwartete Wendungen zur Genüge, denn um die Handlung noch interessanter zu machen, weicht Deaver gern vom Weg ab. Dennoch steuert die Spannung einem Finale entgegen, das gut durchdacht und logisch stimmig ist.

Es gibt zwar einige rasante Passagen, aber „Allwissend“ ist kein Action-Feuerwerk, sondern ein kontrolliertes psychologisches Gefecht mit allen Täuschungen, Irrungen und Wirrungen, die man sich als Leser nur wünschen kann. Den Überblick über die Handlung und die Nebenerzählungen verliert man dabei zu keiner Zeit.

Besonderes Einfühlungsvermögen beweist der Autor aber nicht nur mit der Gestaltung der Protagonistin Kathryn Dance, sondern auch bei den vielen anderen Charakteren, die alle für sich genommen wichtig sind. Deaver hat sich mit der Ausarbeitung seiner Figuren nicht nur viel Zeit genommen, sondern diese derartig mit Leben gefüllt, dass nichts wirklich unnötig oder fehl am Platze wirkt.

Deavers Stil ist mit jenem in seinen Romanen um den behinderten Ermittler Lincoln Rhyme schwer zu vergleichen. Die Reihe um Ryhme und Sachs ist eher actionlastig angelegt. Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten in den psychologischen Ansätzen, dennoch ist der Weg und Lösungsansatz von Dance ein ganz anderer als der von Lincoln Ryhme.

_Fazit_

„Allwissend“ ist ein psychologischer Thriller, dessen Klasse in der obersten Liga anzusiedeln ist. Jeffery Deaver hat sich erneut als ein Großmeister dieses Genres bewiesen.

Wer Spannung sucht, wird bei „Allwissend“ fündig werden und das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Deaver kombiniert Spannung mit viel Blick aufs Detail, und seine Charaktere wirken wie eine große Familie, die sich zwar nicht immer versteht, aber in der ein Rad ins nächste greift und so die Handlung bis auf die letzten Seite atemlos macht.

|Originaltitel: Roadside Crosses
Originalverlag: Simon & Schuster, New York 2009
Deutsch von Thomas Haufschild
544 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7645-0336-9|
http://www.jeffery-deaver.de
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