Jolowicz, Philip – Kartell des Schweigens

_Tod an den Türmen des Schweigens_

Von seinem Büro an der Wall Street sieht der junge Anwalt Fin Border einer strahlenden Zukunft entgegen. Sein Freund, Star-Banker JJ Carlson, präsentiert ihm eines Morgens stolz seinen neuen superteuren Sportwagen, einen McLaren F1. Wenige Minuten später schießt das Traumauto jedoch über eine Rampe und landet auf dem FDR Highway – eine Amokfahrt mit Toten und Verletzten. Was hat JJ Carlson zu diesem Selbstmord veranlasst?

Für Fin Border ist das erst der Anfang vieler Probleme. Der Wagen, der nun als Mordinstrument angesehen wird, ist auf seinen Namen gekauft und mit seinem Geld bezahlt worden. Er sieht sich mit einer Flutwelle von Intrigen konfrontiert, schließlich aber auch mit Mord. Alle Spuren führen nach Bombay, wo sein Vater vor fünf Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam.

Begleitet von seiner Berufskollegin Carol Amen versucht Fin, hier Licht in das Dunkel zu bringen. Doch er stößt nicht nur auf globale Geldwäsche im großen Stil, sondern auch auf deren finstere Seite: Menschenhandel. Schon bald rennt er wie sein Vater um sein Leben …

_Der Autor_

Philip Jolowicz, geboren 1959, war fast zwei Jahrzehnte lang als Investmentbanker und Wirtschaftsjurist in New York, London und Hongkong tätig, u. a. in der Abwicklung von Schulden von Dritte-Welt-Ländern. Zuletzt war er Leiter der Rechtsabteilung in der Londoner Zentrale von Merrill Lynch International – eine der führenden juristischen Positionen in der europäischen Finanzindustrie. Diese Stellung gab er auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

_Handlung_

Der aufstrebende Wirtschaftsjurist Findlay „Fin“ Border trifft seinen Freund, den Star-Banker JJ Carlson eines Morgens in New York City, um dessen neuen Sportwagen zu bewundern. Wow, ein McLaren F1! Kostet locker eine Million, oder?. Ganz genau, meint JJ, und nachdem er Fin das Cockpit gezeigt hat, lässt er ihn wieder aussteigen, um ihm das Fahrverhalten der geilen Kiste vorzuführen. Nach einer Minute kommt der Wagen denn auch wieder die Straße heruntergeschossen, doch hält er zu Fins Verwunderung keineswegs am Straßenrand an, sondern rast eine Baustellenrampe empor und hebt ab … um mitten auf der nahen Stadtautobahn zu landen, wo es eine riesige Explosion und jede Menge zerstörte Autos gibt. Tote und Verletzte, Chaos pur.

Hier kann er nichts mehr ausrichten. Das ist einige Nummern zu groß für ihn. Benommen wendet sich Fin ab und grübelt darüber, was JJ zu dieser Wahnsinnstat gebracht hat, ihn, einen erfolgreichen, wenn auch häufig waghalsig agierenden Banker bei Jefferson Trust, einem der wichtigsten Klienten von Fins eigener Firma, der Anwaltsfirma Clay & Westminster. Er kommt zu keinem Schluss, und seine verlässliche Sekretärin Paula weiß auch keinen Grund, als er ihr davon erzählt.

Der Unfall und Fins ziemlich unrühmliche Rolle dabei überschatten die kritische Phase in den Verhandlungen seiner Firma mit einer anderen Anwaltskanzlei, Schuster Mannheim. Sein Chef zieht die Notbremse und schon bald sieht sich Fin ernsten Konsequenzen gegenüber. Seine Klienten werden anderen Anwälten zugeschanzt, so dass er keine Einkommensquellen mehr hat.

Als er jedoch erfährt, dass der McLaren F1 auf seinen eigenen Namen zugelassen, gekauft und sogar bezahlt wurde, gerät Fin allmählich in Rage. Alle Papiere seien gefälscht, erklärt er Inspektor Manelli von der New Yorker Polizei. Der Mann hat zwar noch keine Beweise gegen Fin in der Hand, aber jede Menge Indizien. Und diese stempeln Fin auch in seiner eigenen Firma zum Aussätzigen. Der ihm zugewiesene Rechtsanwalt nimmt seinen Fall nur widerwillig an.

Fin sucht Rat bei seinen Getreuen und Mentoren, doch Charles Mendip, der Chef der Kanzlei Clay & Westminster, hält etwas zurück und verweist immer wieder auf das schlechte Beispiel von Fins Vater, der vor fünf Jahren in Bombay unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Werde sich Fin genauso geschäftsschädigend verhalten oder alles so machen, wie er, Charles, es vorschreibe? Fin fragt aber auch Ernie Monks, einen der Teilhaber, der wie Fin britischer Herkunft ist. Doch am nächsten Tag ist auch Ernie tot. Hat er sich wirklich selbst erhängt, wie es aussieht? Aber wieso hat er sich dann erst am ganzen Körper kahlrasiert? Fin findet einen Brief, der an Terry Wardman adressiert ist: Ernies Abschiedsbrief, aber versehen mit einem Zahlencode auf der Rückseite.

Sobald die Polizei auch Ernies Tod mit Fin in Verbindung bringt, werden die Medien – und Manelli – seinen Kopf haben wollen, weiß Fin. Daher taucht er zunächst bei Carol Amen unter, der Wirtschaftsjuristin bei der Jefferson Trust Bank, für die auch JJ Carlson arbeitete (aber nur als freier Berater). Nach mehreren Liebesnächten erzählt ihm Carol, dass sie die Geliebte JJs war und, um aus dieser Beziehung rauszukommen, Fin als Alibi genannt hatte. Deshalb wollte JJ Fins Leben ruinieren und es so Carol heimzahlen.

Aber etwas reimt sich hier noch nicht zusammen. Wieso lassen ihn plötzlich alle (außer Carol und Terry und Paula) fallen? Hängt es damit zusammen, was mit seinem Vater in Bombay passierte? Als Jefferson Trust wünscht, dass Fin mit Carol Amen nach Bombay fliegt, um den Kauf einer Anwaltskanzlei zu regeln, erinnert sich Fin, was Ernie ihm erzählte. „Bombay-Frühstück, Schwindel überbacken“. Dies sei seinem Vater zum Verhängnis geworden, die „halbgare Akte“. Als sein Vater ihn hilfesuchend von dort anrief, hat Fin aufgelegt, und noch heute hat er deshalb Schuldgefühle. Eine üble Ahnung beschleicht Fin, doch er beschließt, Carol zu beschützen und das Geheimnis um den Tod seines Vaters zu lüften, koste es, was es wolle.

Wie sich herausstellt, muss er dafür sein eigenes Leben in die Waagschale werfen.

_Mein Eindruck_

Dieser Roman wurde offensichtlich von einem Kenner der Welt der Wirtschaftsjuristen und Banker geschrieben. Der Autor ist dafür ein ausgewiesener Fachmann (siehe oben). Die Szenen sind mit sicherer Hand und anschaulich beschrieben, aber ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren. Die Figuren verraten sich durch ihre Redeweise und wie sie ihre Mitmenschen behandeln. Eingehende Charakterisierungen sind unnötig, aber bei den Hauptakteuren gibt sich der Autor Mühe, sie genau anhand ihres Äußeren zu beschreiben und einzuordnen. Ungewissheiten gibt es hier nicht, wohl aber viele Informationen, mit denen der junge, vielleicht etwa dreißigjährige Findlay Border noch nichts anzufangen weiß. Aber er ist hartnäckig und beißt sich durch.

Fins Ermittlung ist enorm spannend und ergeht sich nicht in überflüssigen Enthüllungen oder Anklagen. Er deckt auf und lässt die Fakten für sich sprechen. Vor allem die vielfältige und widersprüchliche Welt der Elf-Millionen-Metropole Bombay (Mumbai) könnte leicht ebenso verwirrend auf den Leser wirken, wenn da nicht die ordnende Sicht des Autors wäre, die jedem Phänomen seinen Platz zuweist.

Für Fin bedeutet Bombay schlicht und ergreifend die Hölle. Sein Vater starb hier eines grausamen Todes, draußen vor einem Todestempel der Parsen, den Türmen des Schweigens. Dort legen die Angehörigen den Verstorbenen auf eine Plattform, damit die Geier die Leiche fressen. Die Geier hatten auch Sinclair Border übel zugerichtet, als Fin und seine Mutter ihn zu Gesicht bekamen. Was und wer war für so einen Tod verantwortlich? Fin wird es herausfinden.

Aber da Bombay die Hölle ist und nur ein Ende der Bombay-New-York-Connection darstellt, steht Fins Leben auch hier auf dem Spiel. Feinde seines Vaters und zwielichtige Unternehmer umgeben und isolieren ihn von Carol, die noch nichts vom kommenden Unheil ahnt. Nur ein Mann namens Raj, der ein Pariah – ein Kastenloser – ist, verrät Fin ein wenig von dem, was los ist, doch auch er gehorcht fremden Herren. Bis Fin in einem verrufenen Bombayer Bordell zusammenbricht. Was ist passiert? Ist dies sein Ende? Keineswegs, aber das dicke Ende kommt erst noch. Denn die hiesigen Herren wollen in Fins Fall den Fehler, den sein Vater beging, auf jeden Fall verhindern …

|Die Themen|

Neben dieser persönlichen Ebene geht es natürlich auch um Wirtschaftskriminalität. Das Badla-System beispielsweise sorgt laut Autor dafür, dass Auslands-Inder, die im Jahr 2001 über ein geschätztes Vermögenvon 150 Mrd. Dollar verfügten, ihr Geld in indischen Firmen waschen können. Diese Firmen lassen sich diesen Service gut bezahlen und investieren ihrerseits kräftig, zum Beispiel in korrupte Beamte, die ein Auge zudrücken.

Aber die Pipeline des Geldes hat eine finstere Seite, nämlich Menschenhandel. Die Auslands-Inder können ihren meist männlichen Geschäftspartner nämlich indische Prostituierte und billige Arbeitskräfte beschaffen, die über dunkle Kanäle heimlich in die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder geschmuggelt werden. Vor Ort beuten diese Geschäftspartner die Opfer weiter aus, bis sie die menschliche Ware leid sind und weiterverkaufen.

Fins Vater hat diese Menschen-Pipeline entdeckt und deren Betreiber bloßgestellt, indem er ein Mädchen retten wollte. Er nahm es sogar mit nach England, wo Fin es zufällig im Haus seines Vaters entdeckte. Dass diese Preety (= pretty, hübsch) zufällig die Schwester von Ray, dem Pariah-Freund Fins in Bombay, war, sieht zwar nach einem sehr unwahrscheinlichen Zufall aus, aber ein Schriftsteller hat die Freiheit, der Realität ein wenig nachzuhelfen. In der Wirklichkeit stünde Preety wohl für ein halbes Dutzend solcher Mädchen, die zur Prostitution gezwungen wurden (meist von ihren Eltern im Alter von zehn Jahren verkauft, um die Armut zu lindern). Fins Vater wollte Preety retten – und musste den Preis dafür bezahlen. Nun droht Fin den Geldwäschekanal bloßzustellen und muss dafür bezahlen.

|Spannung|

Dies und einige andere Szenen führen zu recht annehmbarer Action mit gehöriger Spannung. Aber die Action ist nicht machohaft inszeniert, um zwei Helden wie Raubtiere aufeinander zu hetzen. Es geht ausschließlich um Fins Überleben. Meist gelingt ihm dies nur mit knapper Not – und mit Einfallsreichtum. Diese Höhepunkte fand ich noch spannender als die zahllosen Rededuelle, die der Autor so meisterlich zu schildern vermag. Sicher, die Wahrscheinlichkeit, dass ein psychopathischer Typ wie JJ Carlsons Bruder Konrad, ein Deutscher, Fins Wagen so lange verbissen verfolgt, bis er in einer Tunneleinfahrt steckenbleibt und beim Aufprall den Tod findet, ist ebenfalls nicht sonderlich wahrscheinlich.

|Pathos|

Wie man sich vielleicht vorstellen, bietet die Kulisse Bombays Anlass zu einigen bewegenden Szenen. Eine dieser Szenen ist die Feuerbestattung von Fins Mutter in einem Boot auf dem Meer. Dabei zeigt meiner Ansicht nach der Autor eine Menge Feingefühl in seiner ausführlichen Schilderung des Vorgangs. Wer die vorausgehenden Prüfungen und Kämpfe Fins nicht gelesen hätte, würde die Bestattungsszene als übermäßig pathetisch abtun, aber im Zusammenhang gelesen funktioniert sie. Ein würdiger Abschluss des mittleren Teils des Buches.

|Die Übersetzung|

… durch Rainer Schumacher fand ich sehr gut gelungen. Die Szenen sind, wie gesagt, anschaulich geschildert, die Gefühle feinfühlig beschrieben. Die Handhabung der Namen ist nicht derartig eingedeutscht, dass es befremdlich wirken würde. Ein Highway bleibt deshalb ein Highway. Und Chowpatty Beach wird nicht plötzlich zum Chowpatty-Strand.

Nur eine einzige Formulierung kam mir spanisch vor. Ein Mann aus dem im Buch beschriebenen Gemini-Klub stammt nicht aus Oxford wie die anderen, sondern kommt von einer „öffentlichen Schule“ im Norden (Nordengland oder Schottland). Warum steht hier nicht „staatliche Schule“? Könnte der Grund sein, dass im Original „public school“ steht? Dann wäre dies falsch übersetzt, denn eine Public School ist (zugegeben, widersinnigerweise) eine Privatschule, ein Internat.

_Unterm Strich_

Ein langjähriger Macher aus der Finanzwelt hat hier ein nobles Anliegen – die Bekämpfung des internationalen Menschenhandels und die Hilfe für dessen Opfer – mit einer spannenden Anklage gegen gewisse ungesetzliche und durchaus auch inhumane Praktiken im Finanzhandel verknüpft. Um für Unterhaltung zu sorgen, lässt er einen jungen Anwalt sich in eine fiese Intrige verwickeln, in der er um ein Haar umkommt.

Spannung und Action gewinnen jedoch im Finale die Oberhand. Das ist für einen Thriller sicherlich erwünscht und angemessen, aber es macht auch einen Epilog notwendig, der wie ein Anhängsel wirkt und völlig ohne Dialog auskommen muss. In Sachen Erzählweise kann der Autor also noch etwas dazulernen. Aber vielleicht mag er es ja als Jurist schön aufgeräumt und verwirrt den Leser nicht unnötig durch Einschübe und geheimnisvolle Andeutungen.

Ich fand den Thriller jedenfalls sehr leicht zu lesen und verschlang ihn binnen drei Tagen, ohne davon Bauchschmerzen zu bekommen. Wenn Jolowicz mehr geschrieben hat, würde ich es daher gerne lesen.

|Originaltitel: Walls of Silence, 2002
Aus dem Englischen von Rainer Schumacher|
http://www.bastei-luebbe.de

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