Abraham Merritt – Das Gesicht im Abgrund. Fantasy-Klassiker

Im Reich der Schlangenfrau

Von der Hoffnung erfüllt, mit Hilfe einer seltsamen Landkarte einen Schatz der alten Inkas zu finden, macht sich Nicholas Graydon, ein Bergbauingenieur, gemeinsam mit drei Abenteurern auf den Weg in ein Gebiet der Kordilleren, das bisher noch kein Weißer betreten hat. Habgier, Goldfieber und Hass lassen die Expedition zu einem Fiasko werden. Nur Graydon überlebt – und er gelangt nach Yu-Atlanchi, dem verbotenen Land. Dort – unter Geschöpfen, die zeitlos sind und für die der Tod unbekannt ist – lernt Graydon, der Mann des 20. Jahrhunderts, die Wunder und Schrecken eines Volkes kennen, das viel älter als die Menschheit ist… (Apex-Verlag)

Der Autor

Abraham Merritt lebte von 1884 bis 1943 und war als Journalist, Chefredakteur von „The American Weekly“, Immobilienmakler und Schriftsteller tätig. Er verfaßte vor allem Fantasy, obwohl er auch SF-Leser und -Autoren stark beeinflußte. Wegen seines Berufs war er sehr beschäftigt, was seinen Ausstoß nicht besonders groß werden ließ. 1917 erschien seine erste Story, 1918 mit „The Moon Pool“ sein erster Roman. Dieser enthielt bereits die Merritt-Standardingredienzien der Aliens und der „Lost Race“, die irgendwo auf unserer Erde im Verborgenen überlebt hat – ähnlich wie King Kong. „The Metal Monster“ (1920) beschreibt ein fremdes Kollektivwesen aus Metallteilchen.

Weitere Werke: „The Ship of Ishtar“ (1924/26), „7 Footprints to Satan“ (1928, verfilmt), „The Face in the Abyss“ (1923; ebenfalls bei S. Fischer), „Burn Witch Burn!“ (1932/33), „Creep, Shadow!“ (1934, verfilmt), „The Fox Woman and Other Stories“ (Collection, 1949).

Merritts Einfluss rührte weniger von seinen unoriginellen Handlungsverläufen oder seinem überbordenden Stil her als vielmehr von der wirklich originären Kraft, mit der er sich alternative Welten und Realitäten vorstellen konnte. Sam Moskowitz: „Merritt war das überragende Fantasy-Genie seiner Zeit“ („Explorers of the Infinite“, Kap. 12, 1963). Nichtsdestotrotz war Merritts Prosa wortreich und gefühlsbetont. Wiederholt benutzte er das romantische Frauenbild der Viktorianer (für die eine Frau entweder Jungfrau oder Teufelin war) in den schönen, doch bösartigen Priesterinnen, die bei ihm auftauchen. In seiner Zeit, der Great Depression, drückte er die eskapistische Sehnsucht nach Andersartigkeit und Geheimnissen mit einer emotionalen Kraft aus wie kein anderer.

Die Reihe

„Das Gesicht im Abgrund“ ist in der (inzwischen eingestellten) „Bibliothek der phantastischen Abenteuer“ des S. Fischer Verlags, Frankfurt/M., erschienen. Hier erschien auch „Das Gesicht im Abgrund“, „Der Mondteich“ und „Die Metallstadt“. Die Reihe zeichnete sich durch ausgezeichnete Übersetzungen wie auch durch phantasievolle und aufwendige Titelillustrationen aus – vom hohen Preis ganz zu schweigen. Ein wichtige Leistung lag auch in der Veröffentlichung der wichtigsten Werke von Thorne Smith (z.B. „Meine Frau, die Hexe“, verfilmt mit Cary Grant und Kim Novak).

Handlung

Der wohlhabende Bergbauingenieur Graydon , ein unternehmungslustiger Junggeselle, schließt sich in Peru der Expedition dreier Abenteurer an, die im Hochland nach Inkaschätzen suchen wollen. Sie verirren sich im Gebirge und stoßen überraschend auf ein ebenso schönes wie geheimnisvolles Mädchen, das weder Indio noch Weiße ist. Graydon befreit sie aus der Gewalt seiner Gefährten, die daraufhin ihn selbst ebenfalls bedrohen. Suarra, so der Name der jungen Frau, trägt wertvollen Schmuck und goldene Waffen und weckt gewisse Begehrlichkeiten.

Obwohl sie den Männern entkommen kann, kehrt sie schon bald wieder zurück, in Begleitung eines uralten Mannes mit jungen Augen und eines weißen Lamas. Sie rettet nun ihrerseits Graydon vor den drei anderen, die von der Gier nach Suarras Gold bereits verroht sind, und verspricht, sie alle zu einer Stelle zu führen, an der es Gold im Überfluß gibt. Zugleich sichert sie zu, den Männern nichts anzutun. Heimlich warnt sie jedoch Graydon vor einer drohenden Gefahr.

Die Atlanter

Nach und nach kommen Graydons „Begleiter“ bei Gefechten mit unsichtbaren Monstern um, die aus dem Nichts auftauchen. Graydon selbst überlebt. Suarra führt ihn hoch hinauf in ein einsames Gebirgstal, wo sich eine Vergessene Rasse versteckt hat und die moderne Welt nicht kennt. Es sind unsterbliche Abkömmlinge einer alten Rasse von Atlantern, die aus der einst warmen Antarktis hierher kamen, in modern anmutenden Maschinen und mit wirkungsvollen Waffen ausgerüstet. Das Land heißt Yu-Atlanchu. Allerdings hat sich das Volk aufgespalten in einen Teil, der einer wohlwollenden Priesterkönigin gehorcht – dazu gehört Suarra -, und einen, der dem satanischen „Gott“ Nimir gehorcht. Rebellen gegen Nimir haben sich in einem Höhlensystem des Tales verborgen und führen Krieg gegen ihn. Gleichzeitig stehen sie der Partei der Priesterkönigin kritisch gegenüber. Man sieht: Es wird unübersichtlich…

Achtung, SPOILER!

Verrat führt zur Niederlage der Rebellen und zur Gefangennahme Graydons. In einer Höhle erblickt er das „Gesicht im Abgrund“, das Nimir, dem Fürst des Bösen, gehört. Graydon überlebt, weil er den Einfluss des hypnotischen Blicks überwinden kann. Er entkommt und schlägt sich auf die Seite der Priesterkönigin, die sich als unsterbliche Schlangenfrau verehren läßt. Er verliebt sich zusehends mehr in Suarra. Als spannendes Finale des Buches findet die endgültige Schlacht zwischen den Getreuen der Priesterkönigin und denen des Fürsten der Finsternis statt – beeindruckend. Das Gute gewinnt. Am Schluß entsagt das Volk der Unsterblichkeit, die Schlangenmutter legt sich in einer Gruft zur ewigen (?) Ruhe, und Graydon kann Suarra in die Arme schließen. Das Verborgene Land wird weiterhin von unsichtbaren Hütern bewacht.

Unterm Strich

„Das Gesicht im Abgrund“ bietet auf der Grundlage des „Lost-Race“-Mythos eine komplexe Handlung, in deren Verlauf wechselnde Loyalitäten, Stärken und Schwächen für Ungewißheit über den Ausgang der Kämpfe sorgen. Exotische Wesen, Mächte und Waffen sowie geheimnisvolle Gestalten sorgen für den „sense of wonder“, der in der SF so gerne beschworen wird. Vom Setting her ist der Roman mit den Heldentaten von Flash Gordon auf dem Planeten Mongo zu vergleichen. Zwar fehlen die geflügelten Krieger, aber dafür tauchen hier reptilienhafte Mutanten auf gezähmten Sauriern auf, was auch ganz nett ist.

Merritt benutzt alles, was gut und teuer in der Fantasy der 30er Jahre ist. Meiner Erfahrung nach gefällt das auch noch Lesern aus den Neunzigern. Lediglich die Darstellung der Frauen (-Wesen) dürfte niemanden zufriedenstellen.

Hinweis

Anno 2018 erschien im Apex Verlag eine erneut „durchgesehene“ Ausgabe als E-Book.

Taschenbuch: 347 Seiten
Originaltitel: The Face in the Abyss, 1932
Aus dem Englischen von Marcel Bieger
ISBN-13: 9783596227273

https://www.fischerverlage.de/verlage/fischer_taschenbuch

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