Anthony Ryan – Das Lied des Blutes (Rabenschatten 1)

‚Game of Thrones‘ trifft ‚Die linke Hand Gottes‘

Vaelin Al Sorna, der berühmteste Gefangene des Reichs und sein größter Kämpfer, erzählt die atemberaubende Geschichte seines Lebens. Er ist auf einem Schiff unterwegs, das ihn zu dem Ort bringen soll, an dem es für ihn um Leben und Tod geht. »Er besaß viele Namen. Noch nicht einmal dreißig Jahre alt war er im Lauf der Geschichte bereits reich mit Titeln beschenkt worden: ›Schwert des Königs‹ hieß er für den wahnsinnigen Herrscher, der ihn als Geißel zu uns sandte; ›Junger Falke‹ für die Männer, die ihm in die Wirrnisse des Krieges folgten; ›Dunkelklinge‹ für seine cumbraelischen Feinde und ›Rabenschatten‹ für die geheimnisvollen Stämme des großen Nordwaldes.« (Verlagsinfo)

Der Autor

Anthony Ryan, 1970 in Schottland geboren, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in London. Seit seinem großen Erfolg von »Das Lied des Blutes« arbeitet er als Schriftsteller und Illustrator. Er besitzt einen akademischen Grad in Geschichte und betätigte sich bisher in Vollzeit als Rechercheur. (Verlagsangaben)

Die Rabenschatten-Trilogie

1) Das Lied des Blutes (Blood Song, 2012)
2) Tower Lord (7/2014)
3) Queen of Fire (7/2015)

Slab City Blues

A Hymn To Gods Long Dead (2012)
The Ballad of Bad Jack (2013)

Handlung

Prolog

Endlich haben die kaiserlichen Truppen den gefährlichen Ritter Ser Vaelin Al Sora gefangennehmen können. Er, das „Schwert des Königs“ aus dem Reich der nördlichen Invasoren, soll für seine Untaten büßen. Zu diesen zählt unter anderem die Tötung des Kronprinzen und Thronfolgers Seliesen, auf dem die Hoffnungen des alpiranischen Kaisers ruhten. Wie sich zeigen wird, verlangt Seliesens Witwe Vaelins Kopf.

„Alles Unfug!“, bestreitet der Ritter, der als „Hoffnungstöter“ bekannt geworden ist, auf der Überfahrt gegenüber dem kaiserlichen Chronisten diese Anwürfe. Er besteht darauf, seine eigene Version der blutigen Geschehnisse des vergangenen Krieges wiedergeben zu geben. Wohlan denn…

Haupthandlung

König Janus herrscht siegreich über die vier unterworfenen Erzfürstentümer der Nordlande, als sein Feldherr, das „Schwert des Königs“, seinen zehnjährigen Sohn Vaelin aufs Pferd setzt und ihn zur Zentrale des Sechsten Ordens bringt. Hier soll Vaelin zu einem Ritter des Glaubens ausgebildet werden. Nur der sechste von einst sieben Orden führt das Schwert. Seine Ritter kämpfen zwar nominell für die Verteidigung des Glaubens, doch in Wahrheit kämpfen sie auch für den König. Vaelin begibt sich nach sieben Jahren, am Ende seiner Ausbildung, selbst in den Zwiespalt, der sich dadurch in seiner Loyalität ergibt.

Die erste Prüfung

Zehn Schüler, er selbst mitgezählt, gehören zu der kleinen Truppe, die in die erste Prüfung geschickt wird. Sie sollen den Wald durchqueren und zur Ordensburg zurückkehren. Die Aufgabe ist aber keineswegs einfach, wie Vaelin herausfinden muss. Drei Männer lauern ihm auf, um ihn zu töten. Den ersten erschießt er mit Pfeil und Bogen, als ihm ein Wolf erscheint. Dieser kümmert sich um die restlichen beiden. Nun fragt sich Vaelin, wer ihm nach dem Leben trachten könnte.

Die zweite Prüfung

Ein Jahr später folgt eine wesentliche schwierigere Prüfung: Er muss fünf Tage in der winterlichen Wildnis aushalten, sie sich versorgen und sich alleine verteidigen. In einem Schneesturm rettet er zwei Menschen, die nicht an die Staatsreligion glauben, die er verteidigen soll. Erlin ist ein Fluchthelfer für die junge Leugnerin, die sich Sella nennt. Es ist das erste Mal, dass Vaelin mit der „dunklen Gabe“ Bekanntschaft macht.

Später wird er vom Rat der Ordensoberen, der Aspekten, gefragt, ob Sella ihn berührt habe, und stets antwortet er mit nein. „Dein Glück“, sagen sie, „sonst hätte sie dich verhext!“ Aber wenigstens akzeptiert er ihr Halstuch, das sie ihm aus Dankbarkeit gegeben hat. Er hat sie und Erlin vor ihren Verfolgern aus dem vierten Orden versteckt. Er schwört sich, an keinen Unschuldigen zum Mörder zu werden.

Der Jahrmarkt

Der Erste Minister soll öffentlich hingerichtet werden, erfährt der vierzehnjährige Vaelin: auf dem Jahrmarkt vor den Toren der Hauptstadt Varinsburg. Leider ist der Erste Minister der Vater von Nortah, Vaelins bestem Freund und Ordensbruder. Dieser macht sich gegen das Ausgangsverbot auf den Weg, die Hinrichtung zu verhindern. Als Vaelins diese Flucht entdeckt, muss er sich beeeilen, um Nortah vor einer tödloichen Dummheit zu bewahren. Man legt sich nicht ungestraft mit der Garde des Königs an, mit den schwarzen Falken.

Vor dem Galgen kommt es zu einer dramatischen Szene, als er Nortah in letzter Sekunde niederschlagen kann, bevor dieser einen der „Falken“ tötet. Prinz Malcius verhindert obendrein, dass der Oberhauptmann der „Falken“ die beiden Ordensbrüder gefangensetzt. Er lässt sie gehen. Ein Straßenjunge namens Frentis, der Vaelin zum Galgen geführt hat, schließt sich später dem Orden an. Mit einem der Wurfmesser, die ihm Vaelin zum Dank geschenkt hatte, hat er dem Diebeskönig der Hauptstadt ein Auge ausgestochen und muss sich nun verstecken. In der Ordensburg wird er Vaelins treuster Gefährte, wenn auch in einem Trupp von Jüngeren.

Der Anschlag

Im Jahr vor der Abschlussprüfung steht für die angehenden Ritter ein Austauschprogramm an. Sie begeben sich für einen Siebentag in einen der anderen fünf Orden. Aus einem ganz bestimmten Grund entscheidet sich Vaelin für den fünften Orden, dem die Aspektin Elera vorsteht: Hier leben Heiler. Aus diesem Orden stammte einst auch Vaelins Mutter, bevor sie seinen Vater, den Feldherrn, heiratete und Vaelin gebar. Was geschah damals und warum zeugte sein Vater mit einer anderen Frau eine uneheliche Tochter namens Alornis? Aspektin Elera weigert sich klugerweise, auch nur eine einzige dieser folgenschweren Fragen zu beantworten.

Vaelin ist mittlerweile schon eine gewisse Berühmtheit und muss allerlei Fragen seitens der Brüder und Schwestern beantworten. Doch das Herz der schönen, kenntnisreichen Schwester Sherin kann er ebenfalls nicht erobern. Ein sechster Sinn warnt ihn vor Eindringlingen in die Ordensburg. Eine der Ordensschwestern tritt ein und nähert sich ihm in eindeutig verführerischer Absicht. Doch dann zückt sie ein Messer, um ihn damit zu stechen. Er wehrt den Angriff ab, und sie beißt auf eine Giftkapsel, um sich den Tod zu geben.

Die Klinge war vergiftet! Mit zunehmend verwirrten Sinnen eilt Vaelin, der ahnt, dass der Angriff auf ihn nur ein Ablenkungsmanöver war, zur Kammer der Aspektin. Er findet drei schwarzgewandete Krieger vor, mit denen er es aufnehmen muss. Dank seiner Gabe und seiner antrainierten Reflexe bleibt er siegreich, doch das Gegengift, das ihm Schwester Sherin verabreichen muss, scheint ihn zu zerreißen. Nur eines hält seinen Verstand zusammen: der wahre Name seiner Mutter…

Mein Eindruck

Das klingt doch alles schon sehr nach „Game of Thrones“, aber der Schein trügt. In Martins Mega-Epos fehlen zumeist die Illusionen, die sich die zentralen Figuren über Begriffe, wie Ehre, Moral und Rechtschaffenheit machen. Vaelin hat diese Illusionen noch, selbst wenn er gegenüber dem kaiserlichen Chronisten so tut, als wäre er völlig abgeklärt. Aber zwischen seiner Überfahrt als Gefangener und seinen Anfängen als junger Ordensbruder liegen Jahrzehnte, genügend Zeit, um jede Menge liebgewordene Selbsttäuschungen zu verlieren.

Auch eine Art Bruderschaft findet man in „Game of Thrones“ nur in den geächteten Wächtern der Mauern. Sie sind Außenseiter, doch der sechste Orden ist dies nicht. Ganz im Gegenteil sind diese Ritter die rechte Hand des Königs und ihm ein willkommenes und (meistens) willfähriges Werkzeug, um Abtrünnige zur Räson zu bringen. Abtrünnige scheint es jede Menge zu geben. Da sind Rebellen, die gegen die Herrschaft des Königs aufbegehren, und da sind Renegaten, die vom rechten Glauben abgefallen sind. Die Cumbraeler sind beides, was umso schlimmer ist.

Der Cumbraelische Krieg ist die schwerste Probe für den Orden, aber auch für den kleinen Zirkel, den Vaelin seine Freunde zu nennen wagen darf. Man kann durchaus sagen, dass der innere Zirkel an den Widersprüchen, denen er sich gegenübersieht, zerbricht. Das ist eine interessante Sache, denn nun muss sich zeigen, was die hehren Ideale, auf die die Ordenbrüder eingeschworen worden sind, wirklich wert sind. Vaelin verliert seinen besten Freund, der abtrünnig wird und in die Wildnis geht, dorthin, wo die Magie ungehindert waltet.

Die eigentliche Prüfung ist in der Tat diese Magie. Vaelin sieht sich nicht nur äußerlich den Formen und Auswirkungen dieser Magie ausgesetzt, sondern auch innerlich. Denn es ist ja gerade seine „Gabe“, die es ihm erlaubt, als bester Ritter des Sechsten Ordens zu glänzen und zu überleben. Das ist ungefähr so, als würde ein aufs Kreuz eingeschworener Kreuzritter seinen eigenen christlichen Glauben anzweifeln. Warum erscheint ihm ein Geisterwolf als Totemtier, warum nennt ihn das alte magische Volk den „Rabenschatten“?

Seine Zweifel an der Magie, woher auch immer sie nun rühren mag, liegen unter anderem an dem Missbrauch, den er in der Diebesgilde der Hauptstadt erleben musste. Der Chef der Gilde hat sich der Hölle verschrieben, um mehr Macht zu erlangen. Vaelin muss sich fragen, ob diese dunkle Macht auch in ihm am Werke ist. Die Antwort auf diese Frage erlangt er erst ganz am Schluss des Buches. Bis dahin wird der aufmerksame Leser auf die Folter gespannt.

Fragen bleiben offen. Die wichtigste ist natürlich, welches dunkle Spiel der König und Vaelins Vater spielten, als sie den Jungen ausgerechnet in den Kriegerorden steckten statt in einen der fünf anderen Orden. (Vom siebten Orden darf ja keiner mehr sprechen, denn dieser hatte sich der Magie verschrieben und war ob seines Hochmuts zerschlagen worden.) Warum zielte die erste Prüfung darauf ab, ihn persönlich zu töten?

Die Übersetzung

Sara und Hannes Riffel haben die Vorlage makellos ins Deutsche übertragen. Dazu gehören auch die Tolkienesken Anhänge mit den Übersichten der Namen und Orte.

Unterm Strich

Wer eine Art Zwischending zwischen „Game of Thrones“ und „Die linke Hand Gottes“ von Paul Hoffman gesucht hat – hier wird er fündig. Allerdings versteht es der Autor, seinem Helden genügend Profil zu geben, um ihn als eigenständige Figur erscheinen und wirken lassen. Mir war das Profil nicht scharf und rund genug, und das lag vor allem an den mangelhaften Beschreibungen von Vaelins Vater und Mutter. Da sollten noch einige Fragen beantwortet werden, finde ich.

Auch ist mir nicht klar, warum Vaelin so lange an seiner Treue zu einem ziemlich hinterlistigen König festhält, der seinen Namen „Janus“ – der zweigesichtige Gott der Schwelle – nicht ohne Grund trägt. Vielleicht weil die Alternative der Zerfall des Reiches wäre, und das hat noch selten was Gutes gezeitigt. Gut fand ich hingegen sein Misstrauen gegenüber den ebenso raffinierten Prinzessin, die den populären Ritter für ihre Zwecke einspannen will, und seine Schläue, die sich gerade in der Führung der Armee während der Besetzung der kaiserlichen Stadt Linesh zeigt. Es ist bemerkenswert, dass nur Linesh nicht niedergebrannt wird oder gar einer tödlichen Seuche anheimfällt. (Dabei gibt es ein anrührendes Wiedersehen mit der schönen Schwester Sherin.)

Auf jeden Fall kommen Fans von Action und Abenteuer auf ihre Kosten. Wer schon immer wissen wollte, wie die Spezialtruppen von Großbritannien, Deutschland oder den USA ausgebildet werden, der findet hier etliche Antworten. Packende Szenen sind aber kein Selbstzweck, sondern führen immer zu weiteren Vaelin, die er später verwerten kann. Dies geht bis zum Finale bei den Piraten so, als eine Witwe seinen Kopf fordert. Vaelin muss sich verteidigen, ob er nun will oder nicht. Dass er es da zumindest schafft, ist aus den beiden Fortsetzungen ersichtlich. Wichtig ist die Art und Weise, wie er die Oberhand behält.

Alles in allem fand ich das Buch denn doch recht unterhaltsam. Obwohl vollgepackt mit Action, ist es doch nkein tumber Haudrauf-Landserroman, sondern mit warmer Ironie gespickt, wie man sie zuweilen in „Game of Thrones“ im Umfeld von Jon Snow und Daenerys Sturmtochter findet. Mir wäre aber die zynische Ironie zuweilen sehr willkommen gewesen, die man in Martins Szenen mit Tyrion, dem Zwerg der Lannisters, findet.

Eines ist mal klar: Die beiden Fortsetzungen haben eine Menge Fragen zu beantworten. Ich freue mich deshalb schon auf die Antworten.


Gebundene Ausgabe: 775 Seiten
Originaltitel: Blood Song
aus dem US-Englischen von Sara und Hannes Riffel
ISBN-13: 978-3608939255

www.klett-cotta.de

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