Clancy, Tom – Red Rabbit

_Ryan: Mit der Kanone zur Papstaudienz_

Jack Ryan ist diesmal in London stationiert, als er erfährt, dass jemand aus dem KGB überlaufen will, um ein Attentat auf den Papst zu verhindern. Das klingt zwar spannend, stellt sich aber als geschwätzig und spannungslos erzählt heraus. Lediglich die letzten 150 Seiten rechtfertigen den Anspruch eines „Thrillers“ – bei weitem zu wenig.

_Der Autor_

Tom Clancy, geboren 1942, wurde mit seinem Hightech-Thriller „Jagd auf Roter Oktober“ und dessen Verfilmung mit Sean Connery schlagartig als Bestsellerautor bekannt. Auch „Die Stunde der Patrioten“, „Das Kartell“ und „Der Anschlag“ wurden erfolgreich verfilmt. In den USA gilt er als guter Militärexperte, der schon einige Fachbücher fabriziert hat, so etwa über Flugzeugträger.

_Handlung_

1981: Jack Ryan und seine Frau Cathy sind nach den Geschehnissen in „Die Stunde der Patrioten“ (Patriot Games) nach Großbritannien gezogen, wo Jack von seinem Kollegen Dan Murray begrüßt wird. Jack soll als Analyst bei der Auslandsaufklärung, im „Century House“, arbeiten, aber Verbindung nach Hause zur CIA halten, vor allem zu Admiral Jim Greer.

In Moskau erhält Juri Andropow, Vorsitzender des Komitees für Staatssicherheit (und späterer Nachfolger Breschnews als Parteichef), einen Brief vom Papst, der ihn gar nicht freut. Der „Priester“ droht den Russen mit kirchlichen Maßnahmen, sollten sie die Polen weiter so unterdrücken. Andropow beschließt, Johannes Paul II. zu eliminieren. Das dürfte uns bekannt vorkommen: Das Attentat auf den Papst erfolgte tatsächlich im Jahr 1982; es war keine Fiktion.

Die CIA-Agenten Ed Foley und seine Frau Mary Pat ziehen in das Haus der amerikanischen Botschaft in Moskau ein, das komplett vom KGB verwanzt ist. Eines Tages nimmt ein Mitarbeiter des KGB, Oleg Zaitzew, Kontakt mit den Foleys auf: Er wolle überlaufen. Die Foleys sind zunächst völlig aus dem Häuschen, aber könnte das nicht eine KGB-Falle sein?

Doch wie sich herausstellt, ist der „Rabbit“ echt und weiß brisante Details über das Vorhaben des KGB zu erzählen, was das geplante Attentat angeht. Und dann muss natürlich noch jemand dafür sorgen, dass Red Rabbit mitsamt seiner Familie (Frau und Töchterchen) wohlbehalten von Moskau nach Washington gelangt. Keine leichte Aufgabe, doch Mary Pat Foley lässt sich einen ausgefuchsten Plan einfallen, wie es gelingen könnte.

Leider ist gerade in Budapest das CIA-Büro verwaist, und was läge also näher, als dass sich Jack Ryan zusammen mit den Kollegen vom britischen Auslandsgeheimdienst darum kümmert, dass Red Rabbit wohlbehalten nach Jugoslawien gelangt.

Es gibt nur zwei Probleme: Wie vermeidet man, dass der KGB erfährt, dass der Westen einen Überläufer hat und gewarnt wird? Und wer schützt überhaupt den Papst?

_Mein Eindruck_

Ein dickes Buch, und eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Wer Spannung erwartet, wird ungefähr 400 Seiten vergeblich darauf warten, dass irgendetwas passiert. Wer Sex erwartet, kann sich das gleich an die Backe kleben. Auch U-Boote kommen nicht vor, noch irgendwelche Atombomben. Technothriller? Fehlanzeige! Jack Ryan muss sich mit einer popeligen Browning Hi-Power behelfen, um Amerikas Auftritt mitten in Rom zu inszenieren. Denn er ist der archetypische Ami: Interessiert sich nur für Baseballergebnisse.

Dafür erfährt der europäische Thrillerleser Dinge, die er schon längst kennt, nämlich von John le Carré und Frederick Forsyth: Alles über den sowjetischen Machtapparat und das Innenleben des KGB. Wir bekommen in seitenlangen Meditationen mit, wie sich Agenten fühlen, ganz egal, auf welcher Seite sie operieren. Und dass dies ein Scheißspiel ist, das sie betreiben (ode vielmehr ihre jeweilige Regierung), wussten wir im Grunde doch schon vorher. Man fragt sich die ganze Zeit: Was treibt eigentlich die Gegenseite? Bis zum Schluss scheint sie gar nichts zu tun. Sie schöpft nicht einmal Verdacht.

|Die Gretchenfrage|

Überraschend ist vielmehr, dass Jack Ryan (= USA) hier die Gretchenfrage gestellt bekommt: Wie hältst du’s mit der Religion? Er heißt zwar nicht Heinrich wie Dr. Faust, doch auch er hat eine Antwort parat: Als irischer Schüler von Nonnen und Jesuiten ist er durch und durch Katholik und somit von der Existenz eines bestimmten Gottes überzeugt. Und dessen Stellvertreter auf Erden ist nunmal seine Heiligkeit, der Pontifex maximus, der „Brückenbauer“: der Papst, der ermordet werden soll. Klar, dass sich Ryan berufen fühlt, schützend einzugreifen.

Ryans plötzlich betonte Religiosität ergibt erst dann einen bedeutenden Sinn, wenn man berücksichtigt, dass dieser Roman vor dem Hintergrund einer sehr religiösen amerikanischen Regierung geschrieben wurde. Die Clique um George W. Bush und Dick Cheney dürfte es sehr begrüßen, wenn der wichtigste US-Autor von Waffen-Sachbüchern und Agententhrillern, ein gewisser Clancy, die Frage der Religion zum ausschlaggebenden Argument dafür erhebt, dass ein Amerikaner in einem europäischen Land eingreift. Dass 1982 ein Republikaner an der Macht war, Reagan, ist sicher kein Fehler in diesem Zusammenhang.

Für den kritischen Leser in Europa wird das Buch dadurch aber um keinen Deut besser oder unterhaltsamer. Erst ab Seite 400, also nach mehr als der Hälfte der Seiten, gerät so etwas wie Action in Sichtweite. Erst als die Zaitzews Budapest erreichen, kommt Spannung auf. Von 700 Seiten bieten also nur vielleicht 150 das, was landläufig einen spannenden Thriller ausmacht: eine magere Ausbeute

|Die Übersetzung (hat ein Problem)|

Gleich vier Übersetzer mussten sich darum kümmern, dass all die landestypischen Realien wie etwa Baseballspiele, Filmtitel, Konzertgebäude oder Berufsbezeichnungen (viele Militärs, viele Agenten) adäquat ins Deutsche übertragen wurden. Das war sicher eine Heidenarbeit, und sie machen ihre Arbeit in der Regel gut.

Am Anfang des 27. Kapitels gibt es eine Stelle, die den aufmerksamen Leser praktisch aus der Bahn wirft und sich fragen lässt, was der Autor sich dabei gedacht hat. Oleg Zaitzew befindet sich in Budapest, also weit WESTLICH von Moskau. „Nur noch ein Tag in dieser Stadt, dachte Zaitzew, als die Sonne – zwei Stunden FRÜHER als in Moskau – im Osten aufging. Zu Hause würde er noch schlafen.“

Was macht der Autor (oder Übersetzer) hier? Er verlegt Budapest nach Sibirien bzw. Moskau auf den Längengrad von London. Nicht sehr schön, nicht sehr korrekt. Warum hat das niemand bemerkt?

_Unterm Strich_

Von Clancy kenne ich vornehmlich die Verfilmungen seiner sogenannten Technothriller, als dessen Erfinder er gilt. „Red Rabbit“ hingegen hat mehr mit John Le Carré („Smiley und seine Leute“) und Frederick Forsyth („Der Schakal“) gemeinsam: ein müdes, spannungsloses Alterswerk, das sich mit der Welt der Agenten befasst sowie mit dem Argument, dass auch ein religöses Oberhaupt amerikanisches Eingreifen rechtfertigen könnte.

Nicht gerade aufregende Themen. „Red Rabbit“ ist zwar leicht zu lesen, aber was man da zu lesen bekommt, lohnt die Mühe nicht. Schon gar nicht die ganzen 700 Seiten. Eine Alternative bietet allenfalls das stark gekürzte Hörbuch. Es erhält bei Amazon.de zwei Sterne mehr als das Buch, nämlich vier. Immerhin.

|Originaltitel: Red Rabbit, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb, Michael Windgassen, Kirsten Nitto, Petra Stremer|

(Visited 1 times, 1 visits today)