Frank Herbert – Auge. SF-Erzählungen. Illustriert von Jim Burns

Sammlerstück: Einheit aus SF-Erzählungen und Bildern

„Auge“ ist eine Sammlung von illustrierten Kurzgeschichten des Erfinders des „Wüstenplaneten“ und bietet einen repräsentativen Querschnitt durch Herberts Werk eine Ehrung und Erinnerung an ihn: Denn am 11. Februar 1986 starb der Science Fiction-Autor an den unerwarteten Komplikationen nach einer vorsorglichen Krebsoperation. Es ist eine Ausgabe für das Auge des Betrachters.

Der Autor

Frank Herbert (1920-1986) wuchs im Nordwesten der USA auf, arbeitete als Reporter und Wahlkampfhelfer, bevor und während er ab 1952 seine ersten SF-Stories veröffentlichte, denen 1956 der erste Roman „Dragon in the Sea“ folgte. 1963 -1965 wurden seine Stories um den Wüstenplaneten Arrakis in „Astounding“ publiziert, doch um seinen daraus aufgebauten Roman „Der Wüstenplanet“ unterzubringen, musste Herbert erst 20 Ablehnungen kassieren, bevor es ihm 1965 gelang, den Verlag Chilton Book Co. zu gewinnen, der mehr für seine Autoreparaturratgeber bekannt war.

Die DUNE-Saga umfasste schließlich sechs Romane aus Frank Herberts Schreibfabrik, von denen die ersten drei verfilmt worden sind. Herbert schrieb neben 20 anderen SF-Romanen auch einen interessanten Non-SF-Roman namens „Soul Catcher“, der noch nicht übersetzt worden ist.

Die DUNE-Saga:

1) Der Wüstenplanet (1965)
2) Der Herr des Wüstenplaneten (1969)
3) Die Kinder des Wüstenplaneten (1976)
4) Der Gottkaiser des Wüstenplaneten (1981)
5) Die Ketzer des Wüstenplaneten (1984)
6) Die Ordensburg des Wüstenplaneten (1985)
7) Die Jäger des Wüstenplaneten
8) Die Erlöser des Wüstenplaneten

DIE ERZÄHLUNGEN

1) Rattenrennen (Rat Race, 1955)

Welb Lewis ist der Leiter der Kripo unter dem Kommando von Sheriff Czernak, der für Recht und Ordnung in einem Ort in Kalifornien sorgt. Lewis hätte nicht erwartet, ein Alien in einem Beerdigungsinstitut vorzufinden. Aber als er das Johnson-Tule-Institut besucht, fallen ihm drei große Behälter auf, mal da sind und mal nicht. Und als er den Institutsleiter Johnson danach fragt, zieht der eine Pistole und schlägt ihn bewusstlos.

Sheriff Czernak hält große Stücke auf Lewis, auch wenn dessen Denkweise etwas gewöhnungsbedürftig ist. Wie auch immer: Er lässt mehrere Leute das Institut auf den Kopf stellen und stößt erst im Keller auf eine merkwürdige, gitterförmige Apparatur, von der keiner weiß, wozu sie gut sein soll. Den verschwundenen Johnson kann man nicht fragen. Lewis hat eine Ahnung, aber wer würde ihm schon glauben, dass es sich um ein Tor in eine andere Dimension handelt? Jedenfalls käme es mal auf einen Test an…

Mein Eindruck

Wenn es wirklich Aliens da draußen gibt, dann befinden sie sich möglicherweise in einem technischen Wettrennen mit der Menschheit. Doc Bellarmine, ein Chirurg, erklärt sich bereit herauszufinden, auf welchem Wissensstand die Aliens sein könnten, zumindest hinsichtlich der Medizin und Chemie. Er verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das Wettrennen hat begonnen, konstatiert Lewis gespannt.

Die Story überträgt die Methoden von Sherlock Holmes auf das Gebiet der Science Fiction, aber das Ergebnis fällt wenig zufriedenstellend aus. Der Bewis für die Hypothese des Ermittlers fehlt.

2) Der Drache in der See (Dragon in the Sea, 1957)

Diese packende Erzählung ist die Vorlage zu Herberts erstem Roman „Atom-U-Boot 1181“ (der zuerst in Fortsetzungen abgedruckt wurde). Darin geht es recht spannend um die Frage, wie ein Kapitän eines Schiffstyps mit solcher Vernichtungskraft ethisch angemessen oder rechtfertigbar handeln kann. Am Ende der U-Boot-Geschichte bricht der Spannungsbogen leider abrupt ab. Wer wissen will, wie es weitergeht, muss sich den entsprechenden Roman im Antiquariat kaufen.

3) Feuer einstellen! (Cease Fire, 1958)

Ein sehr kalter Krieg wird in Alaska ausgefochten. In Beobachtungsposten 114 tut Corporal Hulser Dienst, der als Feigling verschrien ist. Als er Feindaktivitäten meldet, glaubt ihm zuerst keiner. Erst als der leere Panzer neben seinen Posten in die Luft fliegt, schreit er Zeter und Mordio. Bei diesem Zwischenfall ist ihm indes eine brillante Idee gekommen, die allerdings keiner ohne die nötigen chemischen Vorkenntnisse versteht…

Er wartet bereits aufs Kriegsgericht, als ein weiterer Chemiker bei ihm vorstellig wird, seinen Einfall versteht und ihm grünes Licht für das Projekt gibt. Sechs Monate später soll ein Test zeigen, ob Hulsers Fern-Detonator von Sprengstoffen und allem Entzündlichen wirklich funktioniert. Die Detonation ist sehr eindrucksvoll, jedenfalls genug, um den Geheimdienst auf die Idee zu bringen, von nun an alle Explosivstoffe (inklusive der nuklearen) der eigenen Streitkräfte durch bakterielle oder mittelalterliche Waffen zu ersetzen. Aber einen weiteren Krieg werde es dennoch geben, sagt der General. Und der müsste es ja wissen.

Mein Eindruck

Die Waffe, mit der sich alle Kriege beenden ließen, muss also erst noch gefunden werden. Diese Kalte-Krieg-Story ist zumindest mit viel sarkastischem Humor erzählt, der auf Kosten der bestehenden Ordnung aus Militär. Geheimdiensten und Politikern besteht. Der Gipfel des schwarzen Humors ist das Buch, das Hulser, dieser Friedensengel, zuletzt in die Hand gedrückt bekommt: „Der Fürst“ von Niccolo Machiavelli…

4) Aufs Geschirr kommt es an (A Matter of Traces, 1958)

Auf der Siedlerwelt haben die Bauern das gleiche Problem wie überall im Universum: Wer zieht den Pflug? Die Siedler müssen den Boden von Kratzbüschen säubern und ständig vor der Hut vor gierigen Reißvögeln sein- Ochsen würden diese Zustände nicht aushalten. Daher lässt such Papa Gustin von einem cleveren Nachbarn dazu überreden, es mal mit einem Rollit zu versuchen. Den stellt man sich am besten als riesigen lebendigen Fleischklops vor. Immerhin: Er reißt mit Vorliebe Kratzbüsche aus, und auf Reißvögel setzt es sich einfach drauf. Aber kann er auch eine Furche ziehen?

Natürlich nur, wenn man das Riesenvieh in ein Geschirr einspannt. Da aber irdische Geschirre eher kleine, eckige Viecher entworfen wurden, muss man ein neuartiges Geschirr entwerfen. Das erfordert einige Versuche, von denen die meisten fehlschlagen. Schließlich aber hat Papa Gustin den Dreh raus. Tja, und seitdem nutzt alle Welt den Gustin-Rollitor, wie ein verblüfftes Anhörungs-Komitee herausfindet.

Mein Eindruck

Auf eine verschmitzte Weise präsentiert der Autor hier, wie Innovation wirklich funktioniert: durch Ausprobieren. Hier sind keine akademischen Forscher und Techniker am Werk, sondern bäuerliche Pioniere. Aber sie folgen dem alten Diktum: „Form follows function.“ Tja, und nach einer Weile kann sich keiner im Universum mehr vorstellen, wie man das Pflügen jemals anders hätte handhaben können. Das Anhörungskomitee, in dem auch ein gewisser Jorj McKie sitzt (aus „Das Dosadi-Experiment“), bekommt von Gustins Sohn eine Lektion in Graswurzel-Innovation erteilt.

5) Erinnert euch! (Try to Remember, 1961)

Die Aliens sind gelandet und haben der erschrockenen Erde eine Aufgabe gestellt: Sprecht mit uns oder sterbt! Die Versenkung des Eniwetok-Atolls und die Eliminierung sämtlicher Satelliten demonstriert eindrucksvoll, wozu die fünf froschähnlichen Außerirdischen fähig sind.

Also versammeln sich die fähigsten Sprachwissenschaftler und Korangelehrten in der Wüste des westlichen Nordamerika, um das kauderwelsch der Aliens zu entschlüsseln. Da es keine Frist gibt, haben sie es nicht sonderlich eilig, und die Monate gehen ergebnislos ins Land.

Francine Millar ist die Witwe des mit seinem Flugzeug verunglückten Sprachforschers Robert Millar. Als Angehörige des Indoeuropäisch-germanischen Teams besucht sie die morgendliche Konferenz. Sie wird beleidigt und frustriert, sogar an ihren toten Gatten erinnert, bis sie den Tränen nahe ist. Doch es kommt noch schlimmer: Nach einigen Winkelzügen muss sie entsetzt entdecken, dass General Speidel und seine linguistischen Handlanger von ihr erwarten, eine Bombe in das Raumschiff der Aliens zu schmuggeln – und sich selbst dabei zu opfern.

Benommen begibt sie sich auf die Fläche vor dem Raumschiff: Schüsse fallen, Explosionen krachen! Der Angriff der Russen ist in vollem Gange, angeführt vom russischen Linguisten Zakheim, mit dem sie noch Stunden zuvor heftig diskutiert hat. Er rennt genau in den Kugelhagel der amerikanischen Militärpolizei…

Mein Eindruck

Doch Francine gelingt ein mehrfacher kognitiver Durchbruch, bevor es zu dieser Katastrophe kommt. Sie realisiert zusammen mit ihrem japanischen Kollegen Ohashi, dass die Aliens nicht lügen. Sie verbinden nämlich verbalen Singsang mit körperlichem, tänzerischem Ausdruck, der ihre Emotionen ausdrückt. Was, wenn man die intellektuelle Ebene aus der menschlichen Sprache entfernen würde, dann könnten Menschen ebensowenig lügen?!

Sie erkennt zweitens, dass es sich wohl um eine konstruierte Sprache handelt. Dieser Ausdruckstanz hat nämlich irdische Vorbilder aus verschiedensten Weltregionen (anno 1961 gab es noch 2800 Sprachen; heute sind es viel weniger). Das bedeutet, dass die Sprecher der Aliens lediglich Übersetzer sind. Aber worin besteht dann die wahre Sprache der Besucher? Diese Frage kann nur eine körperliche Begegnung beantworten…

Der Text endet mit einer Fusion aus gesungener, erzählender Sprache in Gedichtform, wie wir sie aus alten Zaubersprüchen des Walisischen (Taliesin; siehe Robert Ranke-Graves) kennen. Das Gedicht endet mit einer dreimaligen Aufforderung: „Erinnert euch!“ Die linguistische Theorie dahinter findet sich in ausgefeilterer Form in allen DUNE-Romanen wieder, die F. Herbert selbst verfasste.

6) Der taktvolle Saboteur (The Tactful Saboteur, 1964)

Der hochrangige Saboteur Jorj McKie, bestens bekannt aus dem Roman „Das Dosadi-Experiment“, steckt in der Klemme. Sein Chef Watt will, dass er einen untergetauchten Saboteur namens Napoleon Bildoon aufspürt, der allerdings ein humanoider Alien ist, verbietet ihm aber gleichzeitig, die Steuerfahnder der Aliens, unter denen sich dieser Bildoon versteckt, irgendwie zu schädigen. Sie werden nämlich neuerdings vom Gesetz geschützt. McKie setzt bereits eine riskante Strategie um: Er sabotiert seinen Chef, indem er ihm ein Medusenhaupt aus Schlangen verpasst. Damit ist Watt als Minister für Sabotage untragbar worden.

Kniffliger ist es, Bildoon aufzuspüren. Die Rasse der Pan-Spechi hat nämlich die nervende Eigenart, sich in einer Fünfer-Gruppe ein Hauptbewusstsein zu teilen. Dabei gibt es ein schmutziges Geheimnis, das keinesfalls an die Öffentlichkeit der Erde geraten darf. Gleich als er von Panthor Bolin, dem Sprecher des Quintetts angesprochen wird, fällt ihm die Ähnlichkeit der Namen Bildoon und Bolin auf. Sein Verdacht erhärtet sich, als Bolin Ambitionen zeigt, als Oberster Steuerfahnder das nunmehr vakante Sabotageministerium zu leiten. McKie provoziert Bolin so lange, bis diesem nichts anderes übrigbleibt, als McKie zu verhaften und vor Gericht zu stellen.

Doch Richter Dooley, ein ansonsten aufrechter Mann, hat vom Präsidenten einen politischen Maulkorb verpasst bekommen und muss vorsichtig agieren: Die Steuerfahnder im besonderen sind ebenso unantastbar wie die humanoiden Pan-Spechi, die mittlerweile Menschen-Rechte genießen, im allgemeinen. Doch bald zeigt sich in diesem Gerichtssaaldrama, dass auch hier McKie allen anderen einen Plan voraus ist, der das Verfahren bzw. die Anhörung zu einer tragischen Offenbarung seitens Bolins steuert. Bolin muss in aller Öffentlichkeit die Hosen runterlassen und das schmutzige Geheimnis der Pan-Spechi zugeben und beim Namen nennen. Letzten Endes geht es um das gefestigte Vertrauen zwischen zwei Spezies…

Mein Eindruck

In einem klassischen Dreisprung nähert sich die Handlung dieser längeren Erzählung einem dramatischen Höhepunkt. Insofern ist sie für den mitdenkenden Leser, der über Empathie verfügt, recht spannend.

Für mich spannend sind zwei innovative Konzepte: Warum sind Saboteure so wichtig für ein funktionierendes Staatswesen? McKie erklärt dies detailliert im Dialog mit Bolin. Man ersetze „Saboteur“ durch „Investigativ-Journalisten“, „Whistleblower“ und „Kritiker“. Das zweite interessante Konzept ist das Gruppenbewusstsein mit wechselnder Identität. Es zu erklären, würde zu weit führen, aber es hat drastische Auswirkungen auf den Ausgang der Verhandlung.

Der Autor hat sich einen hübschen Insiderwitz erlaubt. Er hat seinen Schriftstellerkollegen Jack Vance hineingeschmuggelt. Jack Vance, der Schöpfer der „Sterbenden Erde“ und des Dämonenprinz-Zyklus, heißt bürgerlich John Holbrook Vance, aber das weiß natürlich kein Schwein. Deshalb konnte Herbert seinen Kumpel per Anagramm als den Staatsanwalt „Holjance Vohnbrook“ auftreten lassen.

7) Auf dem Wüstenplaneten (The Road to Dune, 1985)

Ein Höhepunkt dieser Arbeiten stellt sicherlich der Bilderzyklus „Auf dem Wüstenplaneten“ dar. Der nach den Illustrationen geschriebene Text dieses Kapitels (keine Story!) steht umschreibend neben der Hauptsache, dem Bild. Zu sehen sind auf diesem „Rundgang“ die Palastanlagen in Arrakeen, der Tempel Alias, ein Außenpanorama – vor allem aber mehrere Figuren aus den Romanen: Prinzessin Irulan, hier tituliert als „Mua’dibs jungfräuliche Gefährtin“ (?!), daneben auch Duncan Idaho und eine hohe Vertreterin des Bene-Gesserit-Ordens, Gaius Helen Mohiam.

8) Streng nach Vorschrift (By the Book, 1966)

Ivar Norris Gump, genannt „Ing“, ist ein Troubleshooter der Haight Company, die den Auftrag hat, andere Welten zu terraformen und zu besamen. Zu diesem Zweck werden kleine Tierbehälter zu den fremden Welten übertragen, in denen sich schlafende Tiere befinden, die wiederum Embryonen von Menschen und Tieren tragen. Das Vehikel der Übertragung ist der Winkelraum-Strahl. Der von einer Mondstation abgeschossene Strahl durchquert den Winkelraum und überwindet so die große Zahl der Lichtjahre bis zu den Exoplaneten.

Allerdings gibt es Probleme mit dem Strahl. Schon sechs Troubleshooter wie Ing sind draufgegangen, und das Problem ist weder identifiziert noch behoben. Zusammen mit seinem Vorgesetzten und Kumpel Possible „Poss“ Washington macht sich Ing an die Arbeit. Von seinem gepanzerten Schutzanzug geschützt begibt er sich in 20 km lange Strahlenröhre. Schon bald erkennt er, dass es nicht ratsam, nach Vorschrift vorzugehen. Andererseits hat das Haight-Handbuch immer recht…

Mein Eindruck

Eine typische ANALOG-Story: von Ingenieuren für Ingenieure. Wohl dem, der mit diesem Technojargon etwas anfangen kann. Der deutsche Übersetzung Ronald M. Hahn hatte 1985 wohl auch seine Probleme damit. Es ist auch nicht sonderlich hilfreich, dass die damalige deutsche Sprache inzwischen teilweise unverständlich geworden ist. Wer weiß denn noch, was „auf links drehen“ bedeutet? Es bedeutet „etwas umstülpen“, beispielsweise eine Jeanshose.

9) Saatgut (Seed Stock, 1970)

Schon seit drei Jahren existiert die menschliche Kolonie auf diesem namenlosen Planeten, doch nicht alles ist zum Besten bestellt. Die Techniker und Wissenschaftler wollen nämlich eine zweite Erde schaffen, ein Unterfangen, das immer wieder zum Scheitern ihrer Versuche führt. Die Saat geht ein, das Wasser ist oft giftig, nur die Luft ist halbwegs atembar.

Kroudar ist der hässliche Anführer der Fischer. Er hat als einziger daran gedacht, Boote zu bauten, Netze zu weben und die Trodi-Schwärme zu befischen. Diese sind jetzt eine wichtige Eiweißquelle. Aber bald werden die Schwärme weiterziehen, und was dann? Es ist Honadi sehr dankbar, dass sie ihn geheiratet und mit ihm zwei Kinder bekommen hat. Sie arbeitet als Hydroponiktechnikerin, züchtet also irdisches Gemüse. Zum Glück hören die Techniker mittlerweile auf ihre verständigen Ratschläge, denn sie kennt noch viel Wissen ihrer indianischen Vorfahren – und natürlich das von Kroudar.

Heute Nacht zeigt sie ihm ein Geheimnis: einheimischen Mais. Er sieht so hässlich aus wie ihr Mann, ist aber wenigstens genießbar – er hat das daraus gebackene Brot gegessen. Er verrät ihr auch ein Geheimnis: Er muss den Schwärmen acht Tage lang folgen. So lange war er noch nie draußen. Aber eines ist sicher: Entweder passen sich die Menschen an, oder diese Welt bringt sie um.

Mein Eindruck

Eine typische Story für das Magazin ANALOG: weltumspannend, technikorientiert, hoffnungsvoll. Der besondere Dreh, den der Autor beiträgt: Die technizistischen Utopien der ANALOG-Leserschaft werden allesamt scheitern, sagt er voraus. Denn die Techniker und Wissenschaftler können nie alle Eventualitäten vorhersehen und Bedingungen ausrechnen, auf die die Siedler treffen werden. Ein grundlegendes ökologisches Bewusstsein ist eben vonnöten – und die ultimative Öko-Welt, die Herbert beschrieben hat, ist Arrakis, der Wüstenplanet.

10) Komm zu mir, mein Mörder! (Murder Will In, 1970)

Das symbiotische Alien Tegas/Bacit hat den alten Körper von William Bailey bewohnt, doch jetzt ist Bailey durch ein Euthanasieprogramm der neuen Regierung getötet worden. Roboter wie die Gesetzniks streifen durch die Stadt, und weitere Computerprogramme suchen nach auffälligen Verhaltensmustern – sie sind dem Tegas auf der Spur. Da kein neuer Wirt in der Nähe, breitet sich in ihm Panik aus: noch fünf Minuten, bis der tote Bailey-Wirt zum Gefängnis wird!

Da, ein anderes emotionales Zentrum! Der Tegas wagt den Sprung – und landet in dem Körper des 71-jährigen James Daggett. Doch wer oder was ist Daggett? Wie sich herausstellt, ist auch Daggett ein Kandidat im Euthanasiezentrum und bald mausetot. In letzter Sekunde gelingt dem Tegas der Sprung auf einen gewissen Joe Carmichael, doch mit diesem Menschen hat es eine ganz besondere Bewandtnis: Er hat sein wahres Ich jahrelang unterdrückt und sieht nun in der Übernahme durch den Tegas eine Gelegenheit, sein Ich in einer Dreiergemeinschaft – zusammen mit dem Bacit – zu befreien.

Doch Carmichael ist nur der unterwürfige Untergebene des brutalen Gesetzeshüters Vincintelli. Der ist der Spur des Tegas gefolgt und vermutet ihn nun im Gehirn von Carmichael, den er von Gesetzniks abführen lässt. Doch statt den Tegas hervorlocken zu können, sieht sich Vincintelli schon bald selbst einem Angriff ausgesetzt. Zwar sind autoritäre, gefühllose Menschen gegen den auf emotionaler Ebene tätigen Tegas gefeit, doch der Tegas einen Weg, in den Gefühlspanzer Vincintellis eine Bresche zu schlagen…

Mein Eindruck

Obwohl der Text 1970 veröffentlicht wurde (und garantiert nicht in ANALOG), erinnert er doch durch den Aspekt der Alien-Invasion sehr an Philip K. Dicks und Heinleins Erzählungen und Romane über die „Invasion der Körperfresser“ bzw. „Die Marionettenspieler“. Diese beruhen auf der US-amerikanischen Paranoia vor den Kommunisten bzw. deren Spionen. Vincintelli steht hier also für die damalige Hexenjagd.

Doch sein Gegner ist auf emotionaler statt ideologischer Ebene tätig und daher sehr schwer zu fassen. Tatsächlich wird der Tegas sogar von emotional unterdrückten Menschen wie Carmichael willkommen geheißen. Die Handlung führt über Dick, Heinlein und Finney hinaus, indem die Verwundbarkeit des autoritären Alienjägers bloßgelegt wird…

Roboter werden hier als „Androiden“ bezeichnet, was nach Philip K. Dicks Definition von 1973 grundfalsch ist. Siehe auch „Blade Runner“, der auf Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ aus dem Jahr 1968 beruht: Dort werden Androiden als Replikanten bezeichnet und sind weit entfernt von Isaac Asimovs programmierbaren Robotern.

11) Transit für einen Flügel (Passage For Piano, 1973)

Margaret Hatchell ist nervös: Ihr Mann Walter ist der Chefökologe auf dem Siedlerflug zum Planeten C. Da sein Vorgesetzter verunglückt ist, muss er nun die ganze Arbeitslast tragen und ist folglich selten zu Hause. Dabei könnte sie ihn dringend gebrauchen: Ihre größte Sorge gilt nämlich nicht ihrem Töchterchen Rita, einer begeisterten Insektenforscherin, sondern ihrem blinden Sohn David, der entmutigt und zurückgezogen auf die Aussicht, jahrelang zu einer fremden, weit entfernten Welt zu reisen, reagiert hat. Aber was ist der Grund dafür?

Sie lässt David von einem Psychologen des Raumfahrtunternehmens untersuchen. Dieser stellt ein ernstzunehmendes Problem fest: David ist ein Pianist, aber völlig auf den großen Flügel fixiert, den er von seinem Großvater Maurice, einem berühmten Konzertpianisten, geerbt hat. Es gäbe Abhilfe. Aber wie soll man einen Flügel, der eine halbe Tonne wiegt, an Bord eines Raumschiffes schaffen, auf dem jedem Siedler nur sieben Pfund an Gepäck gestattet sind? Aber wie soll Margaret das Walter beibringen, geschweige dies durchsetzen, selbst wenn Davids Leben davon abhinge?

Doch als sie sich insgeheim einer der anderen Siedler anvertraut, stößt sie unverhofft auf eine Komplizin, die sich dafür einsetzt, dass eine solidarische Aktion unter den Siedlern den Transport des Flügels (über 1400 amerikanische Pfund!) in Gang kommt. Schließlich hält aber einer der angefragten Siedler nicht dicht, sondern verrät die ganze Verschwörung an den Direktor. Der gibt natürlich als erstes Walter eins auf die Mütze, bevor er sich Margaret zur Brust nimmt.

Doch Margaret ist inzwischen vom Ingrimm einer Mutter erfüllt, die um eines ihrer Kinder bangt. Da beißt selbst der Herr Direktor auf Granit. Als dann auch noch David Zugeständnisse macht (Holz gibt es schließlich ja auch auf Planet C), wird die Verschwörung flugs legalisiert…

Mein Eindruck

Die Handlung demonstriert, dass Idee und Methoden der Ökologie bereits auf der Erde praktiziert werden müssen, soll dem Siedlerprojekt Erfolg beschieden sein. So wie auf Arrakis die Fremen hinsichtlich der ökologischen Bedingungen härteste Vorgaben seitens ihrer Umwelt erfüllen müssen, um überleben zu können, so sehen sich auch die Siedler des Raumflugs zum Planeten C gezwungen, ihre Eigeninteressen hintanzustellen, um auch dem scheinbar unbedeutendsten Teilnehmer ein Mitkommen zu ermöglichen. So etwas wie einen „Klotz am Bein“ gibt es für wahre Ökologen nicht. Die Fremen, die nur als Gemeinschaft überleben, indem sie harte Regeln befolgen, würde sich darüber einen Ast lachen.

Andererseits scheint mir die Prämisse auf tönernen Füßen zu stehen. Das Reisegewicht spielt nur dann eine ausschlaggebende Rolle, wenn man von der Erdoberfläche aus startet (wie es die Illustration zeigt). Heute wäre niemand mehr so blöd, ein Raumschiff nicht in der Umlaufbahn zu beladen. Ein paar Fährenflüge, und voll ist das Schiff. Es kann losgehen.

12) Der Tod einer Stadt (Death of a City, 1973)

Der Stadtarzt ist mit seiner Auszubildenden Mieri auf diese Welt gekommen, um die zu behandelnde Stadt zu begutachten. Zufällig (oder auch nicht) stammt Mieri aus der schönen Stadt, die sich selbstgefällig an der Meeresküste ausbreitet. Zufällig ist sie mindestens genauso schön wie ihre Heimatstadt. Und das ist das in den Augen des Arztes ihr Problem: Als Ärztin sollte sie sich nicht mit dieser Stadt identifizieren, sondern ein Mindestmaß von Objektivität bewahren. Mit geschickten Fragen und Bemerkungen führt er Mieri zu diesem Ziel.

Und was nun? Sollen sie dies Stadt auslöschen lassen? Dazu fällt Mieri etwas Besseres ein, und sie beginnt, sich ihrer lästigen Kleider zu entledigen…

Mein Eindruck

„Make love, not hate“, könnte man die Aussage der Geschichte zusammenfassen. Die Dialogform erinnert stark an Isaac Asimovs schwafelnde Figuren. Das Fehlen einer Handlung wäre ein Grund, sich zu langweilen, wenn da nicht die Spannung zwischen dem Stadtarzt – eine ganz neue Berufsbezeichnung! – und der jungen, voreingenommenen Mieri wäre. Zudem erzeugt die Frage, ob die Stadt zerstört werden soll, eine gewisse Spannung.

Worin besteht das Verbrechen der braven Stadtbewohner, fragt sich der Leser verwundert. Es ist die Selbstzufriedenheit, die in Fremdenhass ausgeartet ist, die die jungen kreativen Leute veranlasst hat, sie zu verlassen. Diese Heuchelei wird auch in Ursula Le Guins umstrittener Geschichte „The Ones Who Walk Away From Omelas“ angeprangert: Die selbstgerechten Omelasaner sind stolz auf sich, doch die Andersdenkenden verschmachten in ihren Kerkern. Hass vs. Liebe – was ergibt sich daraus? Make love, not hate.


13) Frösche und Forscher (Frogs and Scientists, 1985)

Zwei Frösche sitzen an einem Teich und betätigen sich als scharfe Beobachter der menschlichen Zweibeiner. Als eine junge Frau sich ihrer „zweiten Haut“ entledigt, um in dem Teich zu baden, ist dem älteren Frosch völlig klar, dass sie dies nur tut, um ein Männchen anzulocken, das sie bestimmt gerade beobachtet. Es liegt auf der Hand, oder?

Mein Eindruck

Die kleine Szene nimmt die induktive Logik von Beobachtern auf die Schippe, die sich als „Forscher“ bezeichnen: Nur weil sie in einen simplen Vorgang etwas hineingeheimnissen, muss diese Theorie noch längst nicht stimmen. Außerdem maßen sich die Amphibien an, über eine ganz andere Spezies, nämlich Menschen, zu urteilen und deren Beweggründe zu kennen. Doch, das einzige, was sie erkennen, sind sie selbst, nämlich weitere Beobachter. Eine der schlauesten Geschichten des Meisters.

Die Einführung

Herbert liefert hier interessante Hintergrundinformationen zur Filmproduktion von „DUNE – Der Wüstenplanet“ aus einer eigenen Sicht. Dazu gehört eine Detailliste von herausgeschnittenen, bereits fertig gedrehten Szenen. Sie und andere Szenen machen etwa drei Fünftel des Gesamtmaterials aus! Inklusive dieses Materials hätte es der Film auf eine Gesamtlänge von rund 5 Stunden gebracht. Leider wurde die damit anvisierte TV-Mini-Serie nie realisiert. Dies gelang erst Ende 2000 mit völlig anderen Darstellern. Diese DUNE-Version fand im Januar 2001 ihren Weg ins deutsche Fernsehen (Pro7).

Die Aufmachung

Der Herausgeber hat die Geschichten jeweils mit genauen Angaben zur Erstveröffentlichung versehen und in zeitlicher Reihenfolge sortiert. Die Auswahl hingegen erfolgte noch durch Herbert selbst, der das Erscheinen der US-Ausgabe noch erleben konnte. Durch den engen Kontakt, den Herbert und der bekannte Illustrator Jim Burns pflegten, entstanden realistische, eng an den jeweiligen Text Schwarzweiß-Illustrationen.

Porträts des Autors, des Illustrators und weitere Erklärungen zu den Illustrationen runden die ganze Ausgabe ab. Das trägt zu einer selten anzutreffenden Geschlossenheit dieser Buchproduktion bei. Zahlreiche Geschichten dieser Sammlung sind nochmals in der Collection „Der Tod einer Stadt“ wiederzufinden (ebenfalls bei Heyne), die wesentlich umfangreicher ist.

Unterm Strich

Die zwölf Geschichten selbst sind von unterschiedlicher Qualität und oftmals von politischer Thematik. Sie stellen den Autor, der ja lange Jahre als Reporter gearbeitet hatte, als vorausdenkenden Mann dar, der den Finger am Puls der Zeit hatte. Anfangs spielen die Geschichten vielfach vor dem Kalten Krieges, dessen verdrehte Logik demontiert wird. In den sechziger Jahren kommen Ideen wie Ökologie auf, denn 1963 konnte der Autor endlich das komplette DUNE-Manuskript verkaufen. Dennoch versuchte der Autor, seinem Stammblatt ANALOG treu zu bleiben und Ingenieure als Leser zu halten. Das engte ihn aber thematisch stark ein, wie die späteren Storys zeigen: Im „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ fand der Autor einen viel passenderen Publikationsort, und hier konnte er sogar Humor und menschliche Wärme vermitteln. Ohne seine eigenen Familienerfahrungen hätte Herbert eine Erzählung wie Transit für ein Piano“ nicht glaubwürdig schreiben können.

Für wen sich das Buch eignet

Zweifellos handelt es bei diesem Buch um ein Sammlerstück, das nicht nur für DUNE-Fans einen hohen Wert besitzt. Mir ist nicht bekannt, ob Burns später einen separaten DUNE-Band veröffentlichte, aber in seinem Nachwort erwähnt er nichts davon.

Der Haken: Für nur zwölf Stories ebenso viele Markstücke (genauer: 12,80 DM) hinzulegen, war schon 1987 recht teuer. Aber es lohnt sich: So eine geschlossene, wertvolle Buchausgabe von einem der wichtigsten Science Fiction-Autoren und dem bestbezahlten Science Fiction-Illustrator kommt niemals wieder. 1987 wurde Jim Burns mit dem HUGO Award ausgezeichnet.

Taschenbuch: 397 Seiten
Originaltitel: Eye, 1985
Aus dem Englischen von Ronald M. Hahn, zahlreiche Illustrationen von Jim Burns
ISBN-13: 9783453009592

www.heyne.de

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