George R. R. Martin – Witz und Weisheiten des Tyrion Lennister

Tyrion-Kultbuch: Mit Zynismus und heiler Haut

„Tyrion Lennister, der wohl beliebteste und berühmteste Charakter aus George R.R. Martins Serie „Das Lied von Eis und Feuer / Game of Thrones“ ist bekannt für seine spitze Zunge, seinen beißenden Sarkasmus und seinen gnadenlosen Spott. Von der Macht der Worte über die Liebe bis zur Realpolitik – Tyrion Lennisters Weisheiten unterstützen in jeder Lebenslage.“ (Verlagsinfo) Die Zeichnungen von Georg Behringer ergänzen die Zitate auf hintersinnige Weise.

Der Autor

George R. R. Martin, 1948 in Bayonne, New Jersey geboren, veröffentlichte seine ersten Kurzgeschichten 1971 und gelangte damit in der Science-Fiction-Szene zu frühem Ruhm. Gleich mehrfach wurde ihm der renommierte Hugo Gernsback Award von den Lesern verliehen. Danach arbeitete er in der Produktion von TV-Serien, ehe er 1996 mit einem Sensationserfolg auf die Bühne der Fantasy-Literatur zurückkehrte: Sein mehrteiliges Epos „Das Lied von Feuer und Eis“ wird einhellig als Meisterwerk gelobt und wurde von HBO als TV-Serie „Game of Thrones“ verfilmt. (Siehe dazu meine Berichte.)

Martin, der mittlerweile in Santa Fé, New Mexico, lebt, ist ein begeisterter Fußball- und Geschichtsfan sowie leidenschaftlicher Sammler von Miniatur-Ritterfiguren. (Verlagsinfo)

Inhalte

Die „weisen Worte“ des aufmüpfigen Zwergs sind thematisch in einer Reihe von Abschnitten zusammengefasst.

Über das Leben als Zwerg, die Macht der Worte, die Liebe und Familienwerte weiß sich Tyrion sowohl sarkastisch, als auch humorvoll zu äußern. Es können auch mal bissige, al melancholische Bemerkungen über das Menschsein, Musik, Essen und Trinken, das Königtum und die Realpolitik und die Kriegskunst nicht ausbleiben. Immerhin findet sich Tyrion früher oder später in der Mitte der wichtigsten politischen Entwicklungen in Essos und Westeros verwickelt.

Zur Kunst, die eigene Haut zu retten hat er ebenso einiges aus eigener Erfahrung zu sagen wie zur Kunst des Lügens. Zum Schluss begibt er sich an die Randbezirke menschlicher Erfahrung, die aber gerade in Westeros und Essos wichtig werden: „Drachen und andere Mythen“ sowie „Religion“.


Mein Eindruck

„Es gibt nur eins, was erbärmlicher ist als ein Zwerg ohne Nase: ein Zwerg ohne Nase, der kein Gold hat.“ Tyrion, man merkt es, lässt sich nicht unterkriegen, ganz gleich, wie sehr man auf ihn herabschaut. Solange sein Mundwerk noch arbeitet und der Wein seinen Geist befeuert, kann er praktisch jedem Gegner Paroli bieten. Und in puncto sexueller Potenz macht ihm keiner was vor, egal was Lästermäuler über „kleine“ Menschen sagen. Im Bett ist er der „Prinz der Blumen“, behauptet er.

Sprüche wie „Ein Lennister begleicht stets seine Schulden“ sind dem Zuschauer, der die TV-Serie „Game of Thrones“ bestens vertraut, denn Tyrion lässt keine Gelegenheit aus, seine unwilligen oder verächtlichen Gegenüber daran zu erinnern. In dieser Hinsicht hält sich das Drehbuch für die Serie, an der ja auch der Autor George R.R. Martin mitgewirkt hat, durchaus an die literarische Vorlage, wenn auch in vielerlei anderer Hinsicht nicht. Tyrions Darsteller Peter Dinklage hat ja inzwischen sogar einen EMMY, also den TV-OSCAR, für seine Darstellung bekommen.

Die hier gesammelten Zitate stammen aber aus den Büchern, nicht aus den Episoden. Daher werden hier auch Geschlechtsteile, „unanständige“ Tätigkeiten wie Pissen und Scheißen usw. beim Namen genannt, auch von Huren ist vielfach die Rede – Dinge eben, mit denen sich Tyrion bestens auskennt. Was er allerdings ins Reich der Phantasie verweist, sind Drachen. Und sollte man doch über so ein Fabelwesen verfügen, wie Daenerys, dann sollte man gut darauf aufpassen.

Der letzte Abschnitt ist der Religion gewidmet, womit eher die Götter im allgemeinen gemeint sind. „Als ich an der Reihe war, müssen die Götter wohl betrunken gewesen sein.“ Aber: „Die Götter geben mit der einen Hand und nehmen mit der anderen.“ So viel realistischer Zynismus ist sicherlich hilfreich, eine Welt, in der Mord und Totschlag, Verrat und Ketten verbreitet sind, erträglich zu machen. Wenn aber Götter gar nicht existieren, was dann? Vielleicht sind sie ja nur von Ammen erfundene Märchen, um Kinder ruhigzustellen.

Die Zeichnungen

Der Text ist frei von Fehlern, doch über die Zeichnungen kann man geteilter Meinung sein. Die dargestellte Szene ist zweifellos passend, wenn sie einen Tyrion zeigt, der mit seinem Sack voll Gold einen Ritter mit einem Schwert unter Münzen begräbt. Allein die Darstellung von Tyrions Gesicht hat mich gestört. Die Stirn ist mir zu hoch, die Nase zu groß, der Mund zu weit von der Knollennase entfernt. All dies, so könnte man entgegnen, sind die „typischen“ Merkmale, die einen Zwerg ausmachen.

Unterm Strich

Seit etwa einem Jahr bringt das PENHALIGON-Imprint von Random House begleitende Werke zur Kultserie „Game of Thrones“ auf den Markt, so etwa die WESTEROS-Enzyklopädie unden das Landkartenwerk zu Westeros und Essos. In den USA sind diese Publikationen schon zu einem guten Dutzend angeschwollen, hierzulande fängt man damit erst an. – es gibt eben eine Fangemeinde, die diese Werke dankbar abnimmt. Nischenverlage wie Zauberfeder haben sich auch ein Stück vom Kuchen sichern können, schließlich müssen all diese Fürsten ja auch mal GEKOCHT haben, oder? Dann liegt doch ein GoT-Kochbuch nahe.

Zurück zu Tyrion. Seine Zitate bieten keine Überraschungen für den Fan der TV-Serie – warum auch? Wir kennen seine zotige, ungeschminkte Ausdrucksweise, die Peter Dinklage so lebhaft und glaubwürdig darzustellen weiß, so dass wir Tyrion ohne Ausnahme sympathisch finden, selbst wenn er einer der größten Verbrecher dieser Welt ist: Er hat seinen Vater getötet, angeblich seinen Neffen Joffrey, um ein Haar auch den Thronerben Stannis Baratheon, ganz sicher aber seine Geliebte Shae. Und doch sollen wir seinen Weisheiten lauschen?

Es sagt wahrscheinlich mehr über den Wandel, der sich in unserer eigenen Kultur vollzogen haben muss, als über Tyrion, dass wir diese Weisheiten hinnehmen und vielleicht sogar amüsant finden. Zynismus ist einfach in, denn sonst wäre das Leben in einer Welt, in der seit sechs Jahren (in Syrien) ein blutiger Bürgerkrieg ungehindert Millionen Opfer fordern darf, einfach unerträglich. Die Götter, sofern man sie als Erklärungsansatz braucht, müssen verrückt geworden sein. Und wenn man sich Tyrions Zynismus anschließt, liegt der Verdacht nahe, dass dies erst der Anfang war. Schlechte Zeiten für Kindermärchen von endlosen Sommern.

Das schmale Büchlein dient also der Erbauung des Lesers und Fans, aber auch dem Profit des Hauses Random House. Doch in der Sammlung an Inkunabeln eines wahren Fans darf es auf keinen Fall fehlen, soviel ist mal sicher.

Taschenbuch: 160 Seiten
Info: Wit and Wisdom of Tyrion Lannister, 2013; 2017, München;
Aus dem US-Englischen von Jörn Ingwersen und Andreas Helweg, illustriert von Georg Behringer.
www.randomhouse.de/Verlag/Penhaligon

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