Charlotte Link – Der fremde Gast

„Mach Fremden nicht die Tür auf“, so schärft man es kleinen Kindern immer wieder ein, Charlotte Links aktueller Thriller macht aufs Schärfste deutlich, was einem blühen kann, wenn man sich nicht an diesen Leitsatz hält. Hatte ich bislang nur vier von Links historischen Gesellschaftsromanen gelesen, so bekam ich durch ihr neu erschienenes Taschenbuch nun endlich die Möglichkeit, auch einen ihrer Thriller zu lesen. Wieder einmal beweist Link eindrucksvoll, dass sie Leser an ihre Bücher fesseln kann und zu unterhalten weiß. Einmal angefangen, kann man ihre Werke nicht mehr aus den Händen legen, „Der fremde Gast“ stellt hier keine Ausnahme dar …

Wenn der Mörder zweimal klingelt

Mitten in der Nacht wird Greta Lenowsky durch das Klingeln an der Haustür geweckt. Ängstlich schreckt sie auf und weckt ihren tief und fest schlafenden Mann, um ihm die Entscheidung zu überlassen, was nun zu tun sei. Fred nimmt die Sache in die Hand und geht zur Haustür. Dass er diese öffnet, werden seine Frau und er noch bereuen …

Nur ein Haus weiter leidet auch Karen an Schlaflosigkeit, in ihrer Ehe kriselt es, außerdem macht sie sich zu viele Sorgen. Also entschließt sie sich, mitten in der Nacht noch mit ihrem Hund Kenzo spazieren zu gehen. Dummerweise beschließt dieser, an das Rad eines schicken BMW zu pinkeln, in welchem noch der wütende Besitzer sitzt. Hasserfüllt beschimpft er Karen, bis diese in Tränen ausbricht und sich noch elender fühlt. Außerdem macht sie sich langsam Sorgen um ihre Nachbarn, denn obwohl manchmal Licht brennt und die Rolläden hochgezogen werden, melden diese sich nicht und öffnen nicht die Haustür.

In Südfrankreich treffen wir auf Inga und Marius. Die beiden jungen Leute sind seit zwei Jahren verheiratet und wollen nun an die Küste trampen, doch Inga hat sich offene Blasen an den Füßen zugezogen und kann keinen Schritt mehr weitergehen. In einem abgelegenen Dorf macht Marius sich daher alleine auf die Suche nach Hilfe. Kurze Zeit später hält der freundliche Maximilian Kemper vor Inga, sammelt diese auf und bietet ihr an, sie und Marius mitzunehmen an die Küste. Gemeinsam suchen sie Marius und machen sich anschließend auf den Weg nach Cap Sicié, wo Maximilian seine alte Freundin Rebecca Brandt besuchen möchte.

Doch diese ist alles andere als erfreut über den überraschenden Besuch, denn nach dem Unfalltod ihres geliebten Mannes Felix hat sie sich gerade zum Selbstmord entschlossen, als Maximilian und die beiden Urlauber ihre Ruhe stören. Widerwillig beschließt Rebecca, ihre Selbstmordpläne etwas aufzuschieben. Maximilian versucht verzweifelt, in Rebecca die Lebensgeister wieder zu erwecken und sie aus ihrer Verzweiflung zu reißen, doch kommt er nicht an sie heran. Als Inga und Marius mit dem Segelboot von Rebeccas verstorbenem Mann unterwegs sind, zieht ein Sturm auf. Gleichzeitig beschließt Marius, das Boot zu entwenden und zu verkaufen. Inga ist entsetzt, sie erkennt ihren Mann nicht wieder, als er sie brutal in die Kabine stößt, um sie daran zu hindern, den Motor auszustellen und damit seine Flucht zu beenden.

Als Inga aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, treibt das Boot steuerlos im Sturm, denn Marius scheint über Bord gegangen zu sein. Inga kann gerettet werden, doch von Marius fehlt auch nach tagelanger Suchaktion jede Spur. Noch während Inga sich von ihrem Schock erholt und übergangsweise bei Rebecca wohnt, kündigt sich auch in deren Haus ein gefährlicher Gast an …

Ein fesselndes Leseerlebnis

Kannte ich bislang nur vier historische Romane von Charlotte Link, die mich stets von Anfang an gefangen nahmen, so war ich doch umso gespannter, wie ihre Thriller gelungen sind und ob diese den Leser ebenso sehr fesseln können. In diesem Punkt erfüllte Charlotte Link all meine Erwartungen und überraschte mich äußerst positiv. Als Einstieg in die Geschichte wählt Link einen Drohbrief an Sabrina Baldini, in dem ein offensichtlich hasserfüllter Mensch akut Sabrinas Leben bedroht und seinen Besuch bei ihr ankündigt. Gleich auf den ersten Seiten kommt dadurch eine düstere Atmosphäre auf, der Leser wittert sofort die drohende Gefahr. Doch noch wird nicht klar, wer diese Briefe schreibt und aus welchem Grunde. Auch Sabrina Baldini wird dem Leser erst viel später präsentiert, denn zunächst lernt man das Ehepaar Lenowsky kennen.

Gleich zu Beginn eröffnet Charlotte Link verschiedene Handlungsstränge, in denen der Leser die unterschiedlichen Romanfiguren kennen lernt. Zunächst haben diese nichts miteinander zu tun, erst nach und nach eröffnen sich dem Leser die Gemeinsamkeiten und Hintergründe. Wie es zur Inszenierung eines perfekten Spannungsbogens gehört, geschehen die Wechsel zwischen zwei Schauplätzen natürlich immer an der spannendsten Stelle, sodass man sich gespannt wie ein Flitzebogen mindestens durch ein ganzes Kapitel arbeiten muss, bevor der interessanteste Handlungsstrang weitergeführt wird. Dadurch gerät auch dieses Buch wieder einmal zu einem absoluten Pageturner, aus dem man keinen Ausstieg findet. Kaum ein Kapitelende findet sich in diesem Roman, an welchem man das Buch guten Gewissens zur Seite legen könnte; immer sitzt man auf heißen Kohlen, weil man die Geschehnisse entwirren und die Zusammenhänge durchschauen möchte.

Charlotte Link legt dabei genug Fährten für ihre Leser aus, damit diese mitraten und rätseln können, doch werden einem die Hintergründe der Tat erst sehr spät derart deutlich gemacht, dass man sie auch wirklich verstehen könnte. Lange Zeit bleibt das wahre Tatmotiv im Hintergrund, sodass man gute Nerven braucht, um das Buch lesen zu können. Besonders das Ende, das sich über fast hundert Seiten hinzieht, erfordert starke Nerven. Ich war dem eigenen Herzinfarkt nahe, da mir klar war, dass sich das Ende unweigerlich nähern würde und ich mich in der letzten entscheidenden Szene befand. Die ganze Zeit fieberte ich mit und bangte um das Leben der beiden bedrohten Frauen. Charlotte Link baut dermaßen viel Spannung auf, dass man sich mitten in der Situation befindet und einem selbst beim Lesen der Angstschweiß auf die Stirn tritt.

Bei all der Spannung vergisst Link jedoch nicht, ihre einzelnen Handlungsebenen weiter auszubauen. Recht früh wird klar, in welchen Szenen die entscheidenden Dinge passieren, doch entwickelt Link auch einen Handlungsstrang, der nur ganz am Rande mit der eigentlichen Thrillerhandlung zu tun hat. Diese Beschreibungen ergänzen das Buch gut, auch wenn sie die Geschichte kaum vorantreiben. Am Ende bleiben keine Fragen offen, in einem abschließenden Brief wird alles aufgeklärt und zu einem Abschluss gebracht, der den Leser ohne Fragezeichen im Gesicht zurücklässt. Erstaunlicherweise hängen am Schluss alle Dinge miteinander zusammen und Link hat im Laufe des Buches mehr Verbindungen geschaffen, als der Leser je vermutet hätte, nichts passiert hier zufällig.

Moralische Bedenken?

Charlotte Link greift in ihrem psychologischen Spannungsroman ein ziemlich heißes Thema auf und setzt sich unter anderem mit unterlassener Hilfeleistung auseinander. Besonders eindrucksvoll werden Schuldgefühle derjenigen Menschen beleuchtet, die im entscheidenden Moment weggesehen und nicht gehandelt haben. Im Zentrum des Buches steht allerdings noch ein ganz anderer Aspekt, der erst im Laufe der Erzählung offensichtlich wird und auf den ich daher nicht näher eingehen möchte. Die Autorin versucht hier jedenfalls, mögliche Folgen aufzuzeigen und zu diskutieren. Durch diese interessante Thematik erhält Charlotte Links aktueller Thriller eine sehr lesenswerte Rahmengeschichte, die den Leser zum Nachdenken anregen kann.

Kleine moralische Bedenken können beim Lesen allerdings dennoch auftauchen, denn zwischendurch beginnt der Leser, Mitgefühl und Mitleid für den Mörder aufzubringen. Seine Handlungsweisen werden fast sogar nachvollziehbar, was doch ein merkwürdiges und beklemmendes Gefühl hinterlässt. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse ist in diesem Fall verwaschen und jeder kann sie für sich selbst ziehen. Link beleuchtet beide Sichtweisen und überlässt ihren Lesern selbst das Urteil.

Frauen an die Macht

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen zweifelsohne die Frauen, denn sie sind es, die Drohbriefe vom Mörder erhalten oder die entscheidenden Beobachtungen machen. Die Männer schneiden in Charlotte Links Darstellung bis auf wenige Ausnahmen nicht sonderlich gut ab, besonders Karens Ehemann Wolf ist hier zu nennen, der sich in jeder möglichen Situation stets rücksichtslos verhält und seiner Frau keine Liebe mehr entgegenzubringen scheint. Ihre Probleme übersieht er dabei immer mehr, außerdem untergräbt er beständig ihr Selbstwertgefühl. Aber auch Fred Lenowsky bekommt sein Fett weg und wird schonungslos kritisiert und beurteilt. Die Frauen dagegen finden sich oftmals in der Opferrolle wieder, sodass die Charakterzeichnungen teilweise etwas klischeehaft anmuteten.

Charlotte Link bemüht sich zwar, ihren Figuren den nötigen Handlungsspielraum zu geben und sie eingehend zu charakterisieren, doch konzentriert sie sich eher auf Zweifel und Schwächen der Frauen, die später dann durch Mut und Größe abgelöst werden. Die Charakterzeichnungen müssen im Laufe der Geschichte allerdings vor der intensiven Auseinandersetzung mit der psychologischen Seite des Tatmotivs zurückstehen, was mir durchaus angemessen vorkam.

Gefährliche Gastfreundschaft

Mit dem „fremden Gast“ hat Charlotte Link einen packenden und spannungsgeladenen Thriller vorgelegt. Von Beginn an macht Link mehrere Handlungsebenen auf, die sie engagiert weiterentwickelt und am Ende gekonnt zusammenführt. So erlebt der Leser, dass im Laufe der Erzählung nichts dem Zufall überlassen wird, sondern am Ende überall Verbindungen bestehen. Durch einen geschickt inszenierten Spannungsbogen fesselt Link ihre Leser von Anfang an, sodass es schwer fällt, zwischendurch Pausen einzulegen. Nur wenige Kritikpunkte können angeführt werden, sodass ich das Buch allen Thrillerfans nur ans Herz legen kann. Die Autorin nimmt sich eines brisanten Themas an und versteht es prima, ihre Leser zu unterhalten und zu überraschen.

Taschenbuch: 480 Seiten
www.randomhouse.de/Verlag/Goldmann

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