Robert B. Parker – Appaloosa (Cole & Hitch 1)

Western-Klischees gegen den Strich gebürstet

Der Farmer Bragg mischt gemeinsam mit seinen Anhängern das Städtchen Appaloosa gehörig auf, sie verbreiten Angst und Schrecken. Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch werden gerufen um den Frieden wiederherzustellen. Ein bitterer Kampf beginnt, denn Bragg geht über Leichen, um das Dorf in seinen Besitz zu bringen. Mit der Ankunft der schönen Witwe Allie French verkompliziert sich die Lage. Sie zieht Cole und Hitch in ihren Bann, die Männerfreundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. (Verlagsinfo)

Das Buch wurde inzwischen übersetzt und 2008 mit Viggo Mortensen, Jeremy Irons, Ed Harris und Renee Zellweger verfilmt. Die Kritiker waren sich einig, dass hier die traditionellen Motive des Westerns überarbeitet werden.

Der Autor

Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 60 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der Spenser-Reihe wohl seine etwa acht Jesse-Stone-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wurde vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Die Cole & Hitch-Reihe:

1) Appaloosa (2005)
2) Resolution (2008)
3) Brimstone (2009)
4) Blue-Eyed Devil (2010)
5) Ironhorse (2013)
6) Bull River (2014)

Handlung

Das erste Mal, als Everett Hitch auf Virgil Cole trifft, ist vor einem Saloon in dem Kaff Trinidad, irgendwo in Arizona. Der Marshall ist deutlich an seinem Stern auf der Brust zu erkennen. Everett schaut zu, wie es mit einem betrunkenen Fallensteller in Lederwams aufnimmt, der den bezeichnenden Namen Bear trägt. Virgil ist die ganze Zeit sehr ruhig, erhebt die Stimme nie, doch als der andere zur Waffe greift, schießt er zuerst. Cole, der den Beistand Everetts zu schätzen, fragt den arbeitslosen Durchreisenden, ob er als sein Deputy arbeiten würde. Everett sagt schließlich ja.

Der Tyrann: Randall Bragg

Nachdem sie einige weitere Städtchen zusammen befriedet haben, treffen sie in Appaloosa ein. Die drei Ältesten des Stadtrates bitten Virgil, sie von dem Rancher Randall Bragg zu befreien, dessen Cowboys nicht nur die Stadt tyrannisieren, sondern auch den vorhergehenden Marshall Jack Bell und dessen Deputy erschossen, als diese drei von ihnen festnehmen wollten. Diese drei hatten eine Bürgerin vergewaltigt, nachdem sie ihren Gatten erschossen hatten. Virgil lässt sich umfassende Vollmachten erteilen und drakonische Gesetze verhängen. Das wichtigste davon: Niemand darf innerhalb der Stadtgrenzen eine Waffe tragen.

Natürlich glauben die Bragg-Cowboys nicht, dass der neue Marshal diese Gesetze durchsetzen würde. Drei von ihnen müssen für diesen Irrtum ins Gras beißen, der vierte ergibt sich. Bragg will verhandeln, aber Cole zeigt ihm, was die einzige Verhandlungsbasis ist: seine Gesetze. Bragg zieht Leine. Als ein ehemaliger Deputy Jack Bells namens Whitfield zurückkehrt, um als Zeuge gegen Bragg und Co. wegen Mordes auszusagen, sieht Cole einen guten Grund, sich Bragg zu schnappen. Aber wie geht man gegen 25 Bewaffnete vor? Am besten gar nicht. Stattdessen schnappen sich Cole und Everett den Rancher auf dem stillen Örtchen und stecken ihn in die Zelle des Sheriffbüros.

Sie müssen zweieinhalb Wochen warten, bis der Wanderrichter vorbeikommt, um das urteil über Bragg zu fällen. In dieser Zeit kann viel passieren, daher wird der Gefangene permanent bewacht und Whitfield, der einzige Zeuge, nächtigt im Knast, damit er nicht von Braggs Leuten erschossen wird.

Woman trouble: Allie French

Inzwischen hat sich eine angeblich verwitwete Pianospielerin namens Allie French in Cole verliebt und fängt mit ihm eine Affäre an. Everett, Coles treuer Gefährte, schaut dem Anfang skeptisch zu. Denn weil Allie Cole wütend gemacht hat, schlägt dieser einen Kutscher zusammen. Nur Everett kann Coles Anfall beenden. Dennoch bleiben Cole und Allie beisammen und bauen ein Haus am Stadtrand.

Dort soll Everett auf Coles Geheiß mal die Zimmer anschauen – und wahrscheinlich Allie Gesellschaft leisten. Allie schmeißt sich jedoch an den überraschten Everett ran und küsst ihn. Der drückt sie von sich weg und haut ab, denn seinen Freund zu betrügen kann nur zu Ärger führen: Cole würde ihn abknallen. Katie Goode, die freundliche Hure, zu der Everett oft geht, ahnt, was Allie French tun wird: Sie wird Everett an Cole verraten, und dann gnade Gott den beiden – und der Stadt.

Schon bald taucht Randall Braggs Vormann Vince, ein Revolvermann, mit 20 Männern vor dem Gefängnis auf, um Bragg herauszuholen. Nur Cole und Everett stellen sich ihm entgegen. Der Ärger hat begonnen.

Mein Eindruck

Aber das ist der Auftakt zum turbulenten Mittelteil des Romans. Zwei Revolverhelden, mit denen Cole schon mal zusammengearbeitet hat, tauchen in der Stadt auf: die Shelton-Brüder Ring und Mackie. Es ist klar, worauf sie aus sind. Nach Braggs überfälliger Verurteilung zum Tod durch den Strang entführen sie Allie French und versprechen Cole, sie im Austausch für Bragg wieder freizulassen. Dies geschieht bei einem Wassertank mitten in der Prärie, wo der Zug, der Bragg ins Gefängnis bringen soll, anhält, um zu tanken. Die Sheltons hauen Cole übers Ohr und verschwinden mitsamt Bragg und Allie.

Nun folgt eine kuriose Verfolgungsjagd mitten durch die Prärie, die zu diesem zeitpunkt offenbar noch von den letzten Kiowa-Indianern bewohnt wird. Als die Verfolgten in einer Flußbiegung ein Lager aufschlagen, schlagen die Kiowa-Jäger zu, um sich die Waffen und die Frau zu schnappen. Dies beobachten Cole und Hitch, die inzwischen aufgeschlossen haben. Sie wissen, dass die Indianer nur auf der Büffeljagd waren, als sie die Weißen entdeckten. Und Cole und Hitch beobachten erstaunt, wie Allie French sich nach dem Nacktbaden ihrem Entführer Ring Shelton hingibt.

Um die Indianer abzuwehren, müssen sich Entführer, Entführte und Verfolger zusammentun, wobei sich Hitch durch besonderen Mut hervortut, indem er dem Anführer der Kiowas auf friedliche Weise begegnet statt mit der Knarre. Zusammen geht’s weiter nach Beauwville, wo es zum Shootout kommen wird, weil sich die Sheltons und ihr Cousin, der Stadt-Marshal, weigern, den Gefangenen herauszurücken. Der Schluss des Romans besteht in der Lösung des Bragg-Problems – ein für alle Mal. Nur wer ganz genau aufgepasst hat, weiß, warum es nicht Cole, sondern Hitch ist, der Bragg erledigt.

Die Gesetzeshüter

Die beiden Gesetzeshüter Cole und Hitch schlagen sich von Stadt zu Stadt durch – sie sind, was sie tun, wie Spenser, Jesse Stone und all die anderen Helden bei Robert B. Parker. Zugleich sind sie ein dynamisches Duo: Während Cole so abgebrüht ist, dass er keine Angst vor dem Tod hat, verfügt Hitch durchaus noch über Gefühle – und das mache ihn verwundbar, findet Cole. Deshalb ist es Hitch ganz zufrieden, nur der Deputy zu sein. Er hat dafür Gelegenheit, seinen Gefährten bei dessen Gebrauch der falschen Fremdwörter zu korrigieren. Während Hitch auf der US-Militärakademie West Point war, kennt Cole dafür Clausewitz, den preußischen Militärtheoretiker. Diese zwei Jungs haben einiges auf dem Kasten.

Die Frau und der Leithengst

Beide könnten friedlich ihren Job erledigen, tja, wenn es Allie French nicht gäbe. Nur Katie Goode, Everetts Hure, scheint diese Frau vollständig zu verstehen. Allison ist ein Überlebenstyp: Sie hängt sich immer an den Leithengst in einer Gemeinschaft, damit dieser sie beschützt und ernährt. Als sie sich an Everett ranschmeißt, kapiert dieser Allies Methode: Everett ist Allies Ersatzmann, sollte Cole, mit dem Allies zusammenwohnt, etwas zustoßen. Als sie entführt wird, lässt sie sich mit Ring Shelton ein, dem neuen Leithengst.

Das Symbol, das der Autor dafür gewählt hat, ist der große, starke Appaloosa-Hengst, dessen Freiheit und Dominanz Cole so bewundert, dass er ihn sowohl Everett als auch Allie zeigt. Allie erschrickt, als der Hengst mit einem Rivalen kämpft und diesen in die Flucht schlägt. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und jammert: „O mein Gott!“ Wer weiß, was sie in diesem Kampf erblickt hat. Sie fragt, warum sich die Stuten nicht einfach auch von dem zweiten Hengst decken lassen – was genau die falsche Denkweise ist, aber ihrer eigenen völlig entspricht.

Als Cole und Everett einmal von Ehre und Unehre sprechen, schüttelt Allie nur verwundert den Kopf und fragt sich, wie Männer bloß so „silly“ sein können, so töricht. Nun, für Cole und Hitch ist die Ehre alles. Denn würden sie sich nicht an die Regeln halten, die sie als Gesetz über eine Stadt verhängen, wären sie keinen Deut besser als jeder dahergelaufene Straßenköter, der mit einer Knarre umzugehen wisse – wie die Sheltons etwa. Die Ehre ist alles, was zwischen den Gesetzeshütern und der Barbarei steht. Und ausgerechnet diese Ehre will Allie für töricht halten?

Freundschaft

Beim Shotout in Beauville ist Bragg entkommen. Nach einem Jahr kehrt er zurück und gibt die Rolle des reuigen Sünders, der die Stadt Appaloosa zu neuer Pracht und Blüte führen will. Er kauft die Stadträte aus und plant, seinen Kompagnon zum Bürgermeister zu machen. Das würde Cole und Hitch natürlich den Job kosten. Doch dann macht Bragg einen Fehler: Er will auch Cole die Frau ausspannen. Da hat er bei Allie leichtes Spiel, denn er ist offensichtlich der neue Leitwolf in der Stadt und sie lässt sich gerne mit ihm ein.

Als Everett die beiden in flagranti delicto erwischt, steht er vor einem Dilemma: Wenn Cole erfährt, dass er betrogen wird, bringt er Allie und/oder Bragg aus persönlichen Gründen um – ein klarer Verstoß gegen die eigenen Ehrenregeln. Also muss Everett einen Weg finden, um Cole nicht in diese Verlegenheit zu bringen. Er gibt seinen Stern ab und fordert Bragg danach als reiner privatmann heraus. Für seinen Freund und die Ehre setzt er sein eigenes Leben aufs Spiel. Er macht alles richtig, genau wie es ihm Cole beigebracht hat….

Neben all dem Brimborium, das typisch für jeden Western ist, geht es also dem Autor um die zentrale Frage, was denn eigentlich die Gesetzeshüter wie Cole & Hitch von den angeheuerten Revolvermännern wie den Sheltons unterscheidet. Und wie weit ist es eigentlich mit diesem angeblichen Ehrenkodex her, wie er von John Wayne und anderen Hollywood-Ikonen verkörpert wurde, etwa in „Rio Bravo“? Die Frau, um die es geht, stellt alles infrage, doch Everett Hitch hat eine Antwort darauf: freundschaftliche Treue.

Der Überlebenstyp

Der Autor verurteilt Allie French keineswegs, so wie er auch sonst stets unparteiisch bleibt: Sie lebt nach ihren eigenen Regeln, und die oberste lautet: Überleben! Und das geht nach ihrem Verständnis nur an der Seite des jeweils stärksten Mannes, den sie mit der ältesten Währung der Welt bezahlt: Sex. Dabei will sie sich doch keinesfalls mit einer Stute vergleichen lassen, die sich nur vom stärksten Hengst decken lässt – und doch verhält es sich genauso. Und das ist das zentrale Motiv, das sich im Titel Appaloosa – einer speziellen Pferderasse – widerspiegelt. Doch der einzige Grund, der verhindert, dass Allie wie alle anderen unverheirateten Frau in der Grenzstadt anschaffen gehen muss, ist ihr Klavierspiel. Und das beherrscht sie nach Everetts Meinung auch noch ziemlich schlecht.

Wer die Jesse-Stone-Krimis kennt (ebenfalls verfilmt), der erinnert sich an Jesses Exfrau Jennifer, von der er sich in L.A. scheiden ließ, nachdem er wg. Trunksucht aus dem Polizeidienst geflogen war. An seinem neuen Arbeitsort taucht sie erneut auf, setzt ihm jedoch wieder Hörner auf – nur um zu ihm zurückzukehren, wenn ihre Pläne scheitern. Sie ist ebenfalls ein Überlebenstyp und gleichfalls nicht zu verurteilen. Aber wie für Cole macht ihr Verhalten das Leben für den Gesetzeshüter Jesse Stone nicht gerade einfacher. Das sorgt wiederum für den ironischen Humor in den Stone- und in den Cole & Hitch-Romanen.

Die Übersetzung

Der Europa-Verlag hat seinen Sitz in Zürich. Die Übersetzung liest sich flüssig, korrekt und angenehm, denn sie verzichtet auf Dialekt oder gar Ausdrücke, die man nur in der Schweiz versteht.

S. 56: „Ich habe keine Lust, zur Ranch zu gehen“, sagte Cole, „und einen Haufen Leute abzuschießen und Cole vor gericht zu zerren…“; „über das Geländer“

Dafür, dass an diesem Buch gleich zwei Lektoren am Werk waren, ist diese Anzahl Fehler nicht so berauschend, insbesondere die Namensverwechslung auf S. 56 hätte auffallen müssen.

Unterm Strich

Klar, dass es Schießereien und andere Standardsituationen aus den Westernfilmen gibt. Aber sie sind niemals Selbstzweck oder gar Show – so machen eben die Gesetzeshüter Cole & Hitch ihre Arbeit. Dass sie den Verbrecher der Gerechtigkeit zuführen, versteht sich von selbst. Doch dann gibt es Komplikationen: Allie French, mit der sich Cole eingelassen hat, wird von Braggs Revolvermännern entführt und erst viel später freigelassen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit Indianern und einer weiteren Schießerei mit Braggs Leuten. Um das Problem Bragg endgültig zu lösen, muss Hitch ihn zum Duell herausfordern.

Das ist der nicht so standardmäßige Handlungsverlauf. Dieser Aspekt könnte Ed Harris, den Produzenten, Regisseur und Hauptdarsteller der Verfilmung von 2008 dazu veranlasst haben, das Projekt überhaupt zu machen. Er spielt ja selbst auch öfters solche Macho-Typen, etwa einen Marshall, einen Sheriff oder den Anführer einer Killertruppe. Und Viggo Mortensen (Hitch) ist in „History of Violence“ – und natürlich als Aragorn – schon selbst als Mann aufgetreten, der Gewalt einzusetzen weiß, um seine Werte (Freiheit, Liebe, Treue usw.) zu verteidigen.

Die beiden Hauptfiguren sind, wie im Film, recht nachdenklich und reden oft über sich und ihre Motive und Einstellungen, nicht zuletzt deshalb, weil Allie sie ständig löchert. Haben sie denn keine Angst bei ihrem Job, will sie wissen? Cole hat keine, aber Everett schon – das unterscheidet die beiden grundlegend. Allie ist denn auch, die alles in Frage stellt: die Gesetze, die sie aufstellen, ihre Ehre und das Konzept von Liebe sowieso. Trotz dieser Zweifel kann man den Roman keineswegs nihilistisch nennen, sondern lediglich realistisch. Denn es gibt eines, das durchaus imstande ist, diesen Zweifeln Paroli zu bieten: das Prinzip der freundschaftlichen Treue.

Für einen Western ist dieser Roman sehr untypisch, und der Leser, der sich Klischees erwartet, wird enttäuscht werden. Doch es ist auch kein Anti-Western, denn die beiden Hauptfiguren werden zwar heftig angekratzt, doch bleiben sie Sieger. Auch die Frauenfiguren werden weder auf den Sockel gestellt, noch als Huren üb er einen Kamm geschert, sondern nur als Überlebenstypen gewürdigt. Man kann dies verurteilen. Der Autor tut dies wohlweislich nicht, zeigt aber die Folgen dieser Haltung auf. Was würde aus der menschlichen Gesellschaft werden, wenn es ausschließlich Überlebenstypen gäbe? Die „Regeln“ und ihre Durchsetzung würden der Vergangenheit angehören und wir würden zur Barbarei zurückkehren.

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
Originaltitel: Appaloosa (2005) Hardcover,
Europa Verlag AG Zürich 2012
Übersetzer: Emanuel Bergmann
ISBN-13: 978-3905811605