Scott, Martin – Drachentöter, Der (Die Geheimnisse von Turai 1)

_Gelungene Sherlock- und Fantasy-Parodie­_

Eine Fantasy-Parodie um einen gewitzten Detektiv, die bereits die Qualitäten einer Satire hat. Kein Wunder, dass diesem Roman eines englischen Autors der |World Fantasy Award| zugesprochen wurde.

Mich hat die Lektüre nie gelangweilt, denn die Figuren sind ebenso unorthodox wie die Ermittlungsmethoden des Detektivs – und die Aufklärung des Falls erfolgt erst auf den letzten Seiten: ein turbulenter Lesespaß.

_Handlung_

Die königliche Hafenstadt Turai ist so eine Art Mischung aus Ankh-Morpork und Renaissance-Stadtstaat: Das Hafenviertel wird beherrscht von zwei rivalisierenden Mafia-Clans, die Glücksspiel, Prostitution und neuerdings sogar den Drogenhandel kontrollieren. Durch die vielen Opfer der Drogen Boah und Lalula nimmt die Verbrechensrate im Viertel ZwölfSeen erheblich zu.

|Der „Held“|

Und hier wohnt in einem Zimmer einer Schänke der „Held“ der Handlung, der Detektiv Thraxas. Er spricht dem Gerstensaft ebenso gerne zu wie einem Spielchen, sagt aber auch zu einem Schwertkampf hie und da nicht nein. Leider haben seine Spielschulden zu einer gewissen finanziellen Klemme geführt, so dass der Boss des einen Mafia-Clans, Corleonaxas (vgl. „Don Corleone“), täglich einen seiner Schläger namens Conax (vgl. „Conan“) mit einer handfesten Mahnung vorbeischickt: Das Zimmerchen wird regelmäßig in seine Einzelteile zerlegt. Kleine Einzelteile.

Doch unser Freund Thraxas ist keineswegs auf den Kopf gefallen, was die Beschaffung der gewünschten Summe betrifft. Als Ex-Höfling im Königspalast kennt er die oberen Zweitausend (Stadtstaat!), als Ex-Soldat etliche Ex-Kameraden und Polizisten sowie als Ex-Gatte auch eine Reihe von interessanten Frauenzimmern. Als Zauberer versteht er sich auf die Bannabwehr.

Bei seinen neuesten Ermittlungen hilft ihm die junge Schwertkämpferin Makri, die als Schankmädchen arbeitet, aber nach Höherem strebt: Sie besucht die Versammlungen der Feministinnen ebenso wie die Seminare von Privatdozenten. Leider hat sie ein echtes Problem: In ihren Adern fließt nicht nur Menschen-, sondern auch Elfen- und Orgkblut. Kein Wunder also, dass sie als Frau an der Uni nicht zugelassen und von Elfen und Orgks gleichermaßen mit Verachtung gestraft wird. Thraxas hat damit kein Problem: Er hat schon mit übler gelaunten Orgks gekämpft. Außerdem trägt Makri ein knappes Kettenhemdoberteil und einen ebenso knappen Rock. Wie sich allmählich herausstellt, ist Makri seine wertvollste Helferin.

|Der Fall aller Fälle|

Da Thraxas unter akutem Geldmangel leidet, fragt er nicht lange, warum ausgerechnet die Königstochter ihm einen delikaten Auftrag erteilt: Er soll einige kompromittierende Liebesbriefe zurückholen, die sich in den Händen eines ausländischen Edelmanns befinden, mit dem sie einst ein Verhältnis hatte (der Edelmann gehört natürlich einem feindlichen Stadtstaat an). Thraxas nimmt den Fall an, stolpert prompt über die erste Leiche und steht unter dringendem Tatverdacht.

Doch damit nicht genug. Unser Held vom Falstaff-Format sieht sich auch in Drogengeschäfte verwickelt und wird von ungefähr der halben Welt (die andere ist gerade high) beschuldigt, das ungemein kostbare Rote Elfentuch gestohlen zu haben, das die Elfen dem König geschenkt haben. Da es die Eigenschaft hat, vor jeder Art von Magie zu schützen, kommt ihm strategisch wichtige Bedeutung bei geheimen Beratungen zu, die kein Zauberer abhören soll.

Als seine Auftraggeberin auch noch beschuldigt wird, einen von den Orgks (zwecks Fortpflanzung im turanischen Zoo) geliehenen Drachen getötet zu haben, ist der Schlamassel komplett. Denn nun ist auch noch Wahlkampf in Turai: Da sehen die königstreuen „Traditionalisten“ ob dieser Drachen-Affäre ihre Felle davonschwimmen, und die demokratischen „Populären“ wittern Morgenluft. Schon kommt es in den Gassen Turais zu ersten heißen Wortgefechten, doch bei Worten wird es nicht lange bleiben, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

Und so steht eines Tages der Chef der Traditionalistenpartei, ein veritabler Vizekonsul, in Thraxas‘ unordentlichem Zimmer und beauftragt ihn herauszufinden, wer den Drachen gekillt und das Rote Elfentuch geklaut hat. Diskret, versteht sich!

Leider kann selbst Thraxas‘ Version von Diskretion nicht verhindern, dass am Schluss Turais Hafenviertel niederbrennt und mordgierige Bürger die Kirche der heiligen Lisutaris, Herrin des Himmels, stürmen wollen, wo sich Thraxas und Makri nebst einigen Attentätern, Kirchenleuten, Orgks und Elfenvolk verschanzt haben …

_Mein Eindruck_

Der Leser hält es lange Zeit für ein Ding der Unmöglichkeit, dass Thraxas diesen Fall – der ja im Grunde aus mehreren Fällen besteht – doch noch aufklärt. Aber mit tatkräftiger Hilfe seiner attraktiven (und mitunter sehr orgkigen) Assistentin Makri bringt er das schier Unmögliche zustande: Er überlebt.

Thraxas überlebt Drachenangriffe aus der Luft, Meuchelmörderattacken in der Kanalisation, Bannflüche von Zauberern und natürlich die regelmäßigen „Ermahnungen“ von Conax. Dabei ist ihm nicht nur Makri behilflich, sondern auch sein scharfer Verstand (weniger sein Glück) und zu guter Letzt auch sein unerschütterliches Selbstvertrauen.

Dadurch liegt der Vergleich mit Steven Brusts ebenso gewitztem Detektiv Vlad Taltos nahe. Allerdings ist Brusts Welt Dragaera noch um einiges ausgefeilter und gefährlicher als Turai und Umgebung. Im Grunde stellt „Der Drachentöter“ – ein völlig ungerechtfertigter Titel – nicht nur eine Parodie auf gängige Fantasyromane à la Raymond Feist und Robert Jordan dar, sondern auch eine Satire auf reale Verhältnisse.

Da ist zum einen natürlich die Verbrecherszene à la „Der Pate“ oder „Snatch“, komplett mit korrupter Polizei und Justiz sowie mit jeder Menge Meuchelmörder und Junkies. Neu sind lediglich die Zauberer. Aber die haben’s auch nicht leicht, denn sie können sich immer nur einen Zauberspruch auf einmal merken.

Zum anderen ist da der Wahlkampf, der im Falle von Turai extrem ausartet und schier zum Untergang der Stadt führt. Komplizierte Machenschaften wollen das nahende Unheil abwenden, und in deren Zentrum steckt quasi unser Held, Thraxas. Kein Wunder, dass ihm jeder und jede Meuchelmörder(in) ans Leder will. Thraxas erzählt im Roman von sich selbst, und zwar immer im Präsens, also der Gegenwart. Das macht so manche Wendung in der Geschichte recht überraschend.

Geradezu aktuell wird der Roman, wenn Thraxas allmählich die weitverzweigte Organisation der „Frauenzimmer“ aufdeckt. Natürlich ist sie den patriarchalischen Organisationen ein Dorn im Auge, etwa der Uni, der Kirche, den Parteien und so weiter. Aber am Schluss zeigt sich, dass die Frauenrechtlerinnen ein gewichtiges Wort bei der Beschaffung des Roten Elfentuchs mitzureden haben …

|Die Übersetzung|

… ist als durchweg gelungen zu bezeichnen. Wolfgang Thon überträgt nämlich auch die beziehungsreichen Namen des Originals in unseren Kulturkreis, so dass es etliche witzige Anspielungen gibt, die auch als solche zu erkennen sind. Die Herkunft von „Corleonaxas“ und „Conax“ ist ja offensichtlich, doch einen Elfennamen wie „Vases-al-gipt“ (= „was es nicht alles gibt!“) auszutüfteln, dazu gehört schon eine gute Portion Einfallsreichtum. Für die Übersetzung gibt’s 100 Punkte.

|Der Autor|

„Martin Scott“ ist das Pseudonym des in Glasgow geborenen Autors Martin Müller (Scott klingt halt irgendwie besser). Scott lebt seit über 20 Jahren in London. „Der Drachentöter“ ist nur der erste Roman einer Serie um „Die Geheimnisse von Turai“. Wenn die weiteren Romane ebenso witzig und turbulent sind, dürfen wir uns freuen. Die bislang auf Deutsch erschienenen Folgebände sind:

Das Zaubergift (Oktober 2002)
Das Wagenrennen (November 2002)
Die Reise zu den Elfeninseln (Februar 2003)
Der Konvent der Zauberer (Juni 2003)
Der grüne Stein (November 2003)
Orks ante portas (August 2004)

_Unterm Strich_

Eine kurzweilige Fantasyparodie, die actionreich, sinnlich und gewitzt daherkommt. Man könnte mehr davon vertragen.

|Originaltitel: Thraxas, 1999
Aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon|