Tilman Spreckelsen – Kopflos. Gespenstische Geschichten

spreckelsen-kopflos-cover-klein16 Geschichten erzählen von Geistern, die im Diesseits nicht grundlos Rechnungen begleichen oder für alte Schuld büßen wollen. Dieser Band sammelt überwiegend gute und sehr gute Storys vor allem der klassischen britischen Phantastik. Weniger erfreulich stimmt die Tatsache, dass ausschließlich bereits oft editierte Erzählungen präsentiert werden, was den Wert dieser Sammlung zumindest für Phantastik-Freunde und -kenner relativiert. Für ‚Anfänger‘ bietet „Kopflos“ einen ausgezeichneten Einstieg ins Genre.

Inhalt:

– Saki: Die offene Tür (The Open Door, 1911): Eine junge Frau erteilt einem nervenschwachen Besucher (und dem Leser) eine eindrucksvolle Lektion, wie leicht sich mit ein wenig Fantasie ein Gespenst erschaffen lässt.

– Saki: Laura (Laura, 1914): Auch die Wiedergeburt ist etwas, dass sich planen lässt; Pech, wenn ausgerechnet ein etwas boshafter Zeitgenosse entdeckt, wie’s geht.

– Edward Frederic Benson: Die Turmstube (The Room in the Tower, 1912): Träume sind nicht immer Schäume, sondern können eine Warnung sein – zum Beispiel vor einer englischen Lady, die sich als Vampir entpuppt.

– Wilhelm Hauff: Die Höhle von Steenfoll (1828): Ehrgeiz und Geldgier bilden eine unwiderstehliche Mischung, die den Teufel sogar in ein einsames schottisches Fischernest locken kann.

– Muriel Spark: Portobello Road (Portobello Road, 1956): Selbst ein zerstreuter Rachegeist kann gute Arbeit leisten.

– Montague Rhodes James: Eine Warnung für die Neugierigen (A Warning to the Curious, 1925): Wenn man einen vergrabenen Schatz entdeckt, sollte man daran denken, dass es einen Wächter geben könnte.

– Edith Wharton: Später (Afterward, 1909): Manchmal tarnen sich Gespenster, so dass man sie erst zu spät von den Lebenden nicht unterscheiden kann.

– Sir Arthur Conan Doyle: Durch den Vorhang (Through the Veil, 1911): Die Zeit heilt alle Wunden, aber der Liebe und dem Tod können manchmal sogar die Jahrhunderte nichts anhaben.

– John Galt: Die schwarze Fähre (The Black Ferry): Der Soldat nutzt eine stürmische Überfahrt, um sich der ungeliebten Gattin zu entledigen, doch er wiegt sich zu Unrecht in Sicherheit.

– Bram Stoker: Das Haus des Richters (The Judge’s House, 1914): Dem lernwilligen Studenten scheint das alte Haus des grausamen Richters ideal zu sein, aber er muss erfahren, dass „ruhig“ nicht unbedingt „verlassen“ bedeutet.

– Graham Greene: Der positive Beweis (Proof Positive, 1930): Jeder kennt diese penetranten Zeitgenossen, die einfach nicht wahrhaben wollen, was nicht in ihr Weltbild passt – und sei es der eigene Tod.

– Eleanor Scott, „Kehrst du nie mehr zurück?“ („Will Ye No‘ Come Back Again?“, 1929): Die unangenehmen Erfahrungen unseres Lebens verdrängen wir gern, was gefährlich werden kann, wenn sie im Unterbewussten weiterleben und plötzlich Gestalt annehmen.

– Ambrose Bierce: Das vernagelte Fenster (The Boarded Window, 1891): Die Trauer über den Tod der geliebten Frau führt einen hartgesottenen Trapper an die Grenze seiner geistigen Belastbarkeit – und darüber hinaus.

– Montague Rhodes James: Ein Blick von einem Hügel (A View from a Hill, 1925): Wer sich der Toten bedient, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, muss mit üblen Folgen rechnen.

– Valeri Brjussow: Im Spiegel (В зеркале, 1903): Was wäre, wenn hinter der spiegelnden Fläche seltsame Wesen darauf lauerten, in die Welt des Lebenden zu wechseln?

– Celia Fremlin: Das Böse im eigenen Haus (Something Evil in the House, 1968): Irren ist menschlich, verzeihen göttlich, doch sollte man es ehrlich meinen, denn sonst gewinnt der Hass ein schlimmes Eigenleben.

Konfrontationen im Grenzbereich

„Das Entsetzen wirkt umso nachhaltiger, je gelassener es sich in den Alltagsgeschichten einnistet. Oft sind es gerade die robusten Naturen, die dem Grauen erliegen. Kopflos stürzen sie davon, sie fliehen vor den Rufen aus der Vergangenheit und scheuen vor ihrem eigenen Spiegelbild wie vor einem Gespenst zurück … Die Natur macht sich zum Komplizen des Schreckens, und die Elemente sind mit den rätselhaften Besuchern im Bunde. Sind es Rachegeister? Oder die Ausgeburten des eigenen Inneren?“

Wenigstens wissen wir nach der Lektüre dieser Zeilen – zitiert wird aus dem rückwärtige Klappentext des vorliegenden Bandes -, wie der seltsame Titel zustande kam. Ansonsten wird viel Unsinn verzapft, der wieder einmal ein bezeichnendes Licht auf den Minderwertigkeitskomplex wirft, unter dem jene leiden, die unheimliche Geschichten schreiben oder lesen. Auch die Liebe zum Übernatürlichen bringe ‚gute‘ Literatur hervor, meinen sie sich vor denen rechtfertigen zu müssen, die hochnäsig die Nasen rümpfen. Die ‚gute‘ Geistergeschichte wird dabei merkwürdigerweise durch die Abwesenheit eines Gespenstes definiert; akzeptiert wird vor allem der Horror, den das menschliche Hirn selbst gebiert.

Geschichten wie Sakis „Die offene Tür“ oder Celia Fremlins (1914-2009) „Das Böse im eigenen Haus“ machen deutlich, dass dieser Quelle wahrhaft Schreckliches entspringen kann. Valeri Brjussow (1873-1924) gab seiner Erzählung den Untertitel „Aus dem Archiv eines Psychiaters“. Doch Herausgeber Tilman Spreckelsen hebelt sich als selbst ernannter Repräsentant des ‚guten‘ Horrors immer wieder aus. So präsentiert er gleich zwei Geschichten des Altmeisters M. R. James (1862-1936), der nachweislich dem Übernatürlichen skeptisch gegenüberstand und seine Gruselgeschichten primär aus Spaß an der Freude schrieb. Seine Gespenster sind hässliche, bösartige Gesellen, die meist gänzlich Unschuldige um Gesundheit und Leben bringen, ohne dabei psychologische Raffinesse an den Tag zu legen. Sollte es nicht nachdenklich stimmen, dass James‘ Erzählungen einfach großartig sind und viele Jahre nach seinem Tod in kaum einer Anthologie fehlen?

Die Angst hat viele Gesichter

„Portobello Road“ von Muriel Spark (d. i. Muriel Sarah Camberg, 1918-2006) leidet erheblich unter der Unentschlossenheit der Autorin, sich zwischen einer ‚richtigen‘ Geistergeschichte und ‚normaler‘ Belletristik zu entscheiden. In gewisser Weise trifft dies auch auf Edith Wharton (1862-1937) zu, die ihre Geschichte noch endlos und zu ihrem Nachteil fortsetzt, nachdem das logische Ende längst erreicht ist.

John Galt (1779-1839) gilt heute weniger als begnadeter Schriftsteller denn als ‚unfreiwilliger‘ Chronist seiner Zeit, die er in seinen zahlreichen, nur der reinen Unterhaltung verpflichteten Romanen, Geschichten, Gedichten etc. als Kulisse nutzte. „Die schwarze Fähre“ belegt die harschen Sitten und Gebräuche des frühen 19. Jahrhunderts, darunter das unerfreuliche Frauenbild dieser Epoche: Obwohl blanke Not die junge Ehefrau praktisch zwingt, sich mit aller Kraft an den ungeliebten Gatten zu klammern, der allein zwischen ihr und dem unerquicklichen, mit gesellschaftlicher Ächtung gleichzusetzenden Schicksal einer unverheirateten, alleinstehenden Mutter steht, ist sie bei Galt die ‚Böse‘, die einem wackeren Jüngling – auch wenn er unbedacht gewesen sein mag – die vielversprechende Zukunft verbaut und letztlich ihr gewaltsames Ende selbst verschuldet.

Dass Grusel und Humor erstaunlich gut miteinander korrespondieren – Lachen löst bekanntlich Spannungen -, belegt Graham Greene (1904-1991) mit einer Geschichte, die ihre Wirkung u. a. aus der ‚Tatsache‘ zieht, dass der Tod offenbar kein feierlicher, buchstäblich erhebender Akt ist, wenn ihn schnöde, sehr diesseitige Alltags-Lästigkeiten überleben. Saki beschreibt in „Die offene Tür“ ebenfalls humorvoll aber dennoch überzeugend das Übernatürliche als Ergebnis geschickter aber gänzlich diesseitiger Manipulation.

Wiedersehen macht Freude – aber nicht zu oft …

„Kopflos“ sammelt einige der schönsten Gespenstergeschichten des angelsächsischen Sprachraums (plus eines ‚Ausreißers‘ aus Russland und eines ‚Gastbeitrags‘ aus Deutschland), die überwiegend aus der klassischen Periode des Genres (die etwa das halbe Jahrhundert vor dem Ausbruch des II. Weltkriegs umfasst) vereint. Bis auf wenige Ausnahmen – besonders peinlich aus dem Rahmen fallen Eleanor Scotts (d. i. Helen Madeline Leys, 1892-1965) pathetische „Lebe-dein-Leben-bevor-es-zu-spät-ist“-Parabel sowie – ausgerechnet! – Arthur Conan Doyle (1859-1930) allzu flüchtige Reinkarnations-Fabel – wird durchweg Überdurchschnittliches geboten.

Dass sich die dieses Rezensenten dennoch in Grenzen hält, hat eher persönliche Gründe. Es irritiert im Quellenverzeichnis zu lesen, dass ausnahmslos jede Geschichte bereits in Deutschland erschienen ist. Man könnte nicht einmal sagen, dies sei an abseitiger Stelle geschehen. Nein, alle Sammelwerke, die Spreckelsen gefleddert hat, waren über lange Jahre im Handel und sind auch heute ohne Schwierigkeiten zu bekommen. Insofern kann „Kopflos“ keine Überraschungen in Form neuer, hierzulande noch nicht erschienenen Geschichten bieten.

Anders ausgedrückt: Besonders viel Herausgeber-Mühe steckt nicht hinter diesem Werk, das offensichtlich möglichst kostenneutral entstehen sollte. Stattdessen trifft man auf x-fach gelesene Storys wie Bram Stokers (1847-1912) „Das Haus des Richters“. Und wieso gibt es zweimal Saki bzw. M. R. James, während andere Größen der Gespenstergeschichte außen vor bleiben? Zumindest für jene, die unheimliche Literatur kennen, ist „Kopflos“ ein überflüssiger Titel.

Offene Fragen – einige Antworten

Wie Herausgeber Spreckelsen darauf kommt, das Pseudonym „Saki“ als „Gabriel-Ernest Saki“ aufzulösen, wird wohl sein Geheimnis bleiben (Der Rezensent konnte es lüften: „Gabriel-Ernest“ ist der Titel einer weiteren Saki-Geschichte, die 1909 in der Mai-Ausgabe der „Westminster Gazette“ erschienen ist). Tatsächlich verbirgt sich dahinter der britische Schriftsteller Hector Hugh Munro (1870-1916), den sein Wissen um die verkrustete Gesellschaftsordnung seiner Zeit, die er mit sarkastischem, noch heute höchst frisch wirkendem Witz bloßzustellen wusste, nicht davor bewahrte, sich im Ersten Weltkrieg freiwillig für sein Heimatland in die Schlacht zu stürzen, um – ohnehin nicht mehr der Jüngste und auch sonst als Krieger denkbar ungeeignet – irgendwo in einem schlammigen Schützengraben in Frankreich zu verbluten.

Wilhelm Hauff (1802-1827) ist zeitlich wie formal ein wenig fehl am Platze in dieser Sammlung. „Die Höhle von Steenfoll“, ein Jahr nach dem frühen Tod des Schriftstellers erschienen, ist keine eigenständige Schöpfung, sondern die Nacherzählung einer alten Sage – hier aus den schottischen „Tales of a Voyager“ -, die unter Hauffs kundiger Feder ein ‚deutsches‘ Eigenleben annimmt.

So bleibt abschließend anzumerken, dass „Kopflos“ in erster Linie denjenigen Lesern, die mit der Phantastik noch fremdeln, einen vorzüglichen Einstieg in das Genre bieten kann. Dass man dieses Büchlein antiquarisch überaus kostengünstig zu erwerben ist, ist ein weiterer Pluspunkt.

Taschenbuch: 268 Seiten
Originalausgabe = deutsche Erstausgabe
www.aufbau-verlag.de

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