Oscar Wilde – Lord Arthur Saviles Verbrechen

Aufgespießt: die Verblendung der höheren Stände

In Lord Arthur Saviles Hand steht ein Verbrechen geschrieben: Mord! Dieser Auffassung ist zumindest Mr. Pdgers, ein Wahrsager, der mit seiner Kunst die Gäste von Lady Windermere unterhält. Wenig unterhaltsam ist seine Prophezeiung allerdings für Sir Arthur, der sich nun unentwegt die Frage stellt, an wem er dieses Verbrechen begehen wird, das ihm so offensichtlich vorherbestimmt ist.

Der Autor

Oscar (Fingal O’Flahertie Wills) Wilde, geboren am 16.10.1854 in Dublin, studierte dortselbst am berühmten Trinity College klassische Literatur und errang ein Stipendium für das Magdalen College in Oxford, wo er 1878 sein Studium erfolgreich abschloss. Er arbeitete als Herausgeber und Autor in London für verschiedene Zeitschriften, unternahm eine Vorlesungsreise nach Amerika und heiratete 1884 Constance Lloyd, mit der er zwei Söhne hatte.

Mit seiner Kunstauffassung, seinem extravaganten Auftreten und scharfzüngigen Erwiderungen machte er sich nicht nur einen Namen, sondern auch mehrere Feinde. 1895 wurde er der Homosexualität beschuldigt und zu zwei Jahren schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Als man ihn aus der Haft entlässt, ist er stark geschwächt. Er flieht 1897 nach Paris, um der gesellschaftlichen Ächtung in England zu entgehen. Mittellos lebte er unter dem Namen „Melmoth“ (eine literarische Figur aus dem Schauerroman „Melmoth der Wanderer“) und starb am 30.11.1900 an den Folgen einer Hirnhautentzündung. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Wilde hinterließ eine Reihe von gesellschaftskritischen Dramen wie etwa „Lady Windermeres Fächer“ („fan“ ist allerdings doppeldeutig), wunderschöne Märchen, den Schauerroman „Das Bildnis des Dorian Gray“ und zahlreiche Gedichte und theoretische Schriften. Unter seinen Gedichten findet sich ein sehr bewegendes über seine Zeit im Zwangsarbeitslager: „De profundis“ – „Aus den Tiefen“.

Die einzige Kriminalerzählung Wildes, „Lord Arthur Saviles Verbrechen“, trägt den Untertitel „Eine Studie über die Pflicht“. Sie erschien erstmals 1887 in der Zeitschrift „Court and Society Review“ und wurde 1891 als Teil des Erzählbandes „Lord Arthur Savile’s Crime And Other Stories“ zum ersten Mal in Buchform vorgelegt.

Der Sprecher

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater. Er hat u. a. die kompletten Narnia-Chroniken als Lesung aufgenommen (bei Brendow).

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

Handlung

Es ist Lady Windermeres letzter Empfang des Jahres und wie stets ein großer Erfolg. Die Lady ist rundum zufrieden, denn sie, 40, kinderlos, hat einen ständigen Geliebten und mehrere abgelegte Ehemänner, außerdem ist ihr Chiromant zugegen, Mr. Septimus R. Podgers. Nein, das ist kein Chirurg, wie Herzogin Paisley in ihrer grenzenlosen Unwissenheit mutmaßt, sondern ein Handleser. Aus der Hand liest er Lady Windermere ihr Schicksal, und dass die Leute im Saal entweder bald auf eine Reise gehen oder jemanden in der Verwandtschaft verlieren werden, dürfte nicht schwer vorherzusagen sein. Als er aber auch aus der Hand des neugierigen Lord Arthur Savile lesen soll, zögert der kleine rundliche Mann. Er nimmt lieber die Linke des Lords und rattert sein Sprüchlein herunter.

Doch er entkommt der Neugier des Lords nicht. Lord Savile gedenkt am 16. Mai seine Verlobte Sybil Merton zu ehelichen, und da sollte er schon über das, was die Zukunft bringen mag, Bescheid wissen, findet er. Und schnappt sich Podgers in einem unachtsamen Augenblick, bietet dem widerstrebenden Mann sogar die astronomische Summe von 100 Pfund Sterling an, um das Geheimnis zu erfahren. Hätte er nur nicht gefragt! In seiner Hand las der Chiromant MORD und Savile vermeint schon die blutroten Lettern MORD in seiner Handfläche erscheinen zu sehen. Erschüttert torkelt er durchs nächtliche London.

Doch Savile ist ein Mann mit gesundem Verstand und Pflichtbewusstsein. Zagen und Zaudern ist seine Sache nicht, er ist ein Mann der Tat. Sind wir vielleicht Marionetten des Leids, die die Komödie des Lebens spielen? Nimmer! Je eher er die Pflicht, die ihm das Schicksal aufgebürdet hat, erfüllt, umso eher kann er seine Ehe mit Sybil beginnen. Denn dass eine Ehe unter einem Unstern beginnen solle, ist für ihn undenkbar. Sybil würde es ihm an der Nasenspitze ansehen. Es wäre wie Verrat an ihrer Liebe.

Savile schreitet zur Tat, methodisch, wie es seine Art ist. Da er keinerlei Feinde hat, sucht er unter seiner Verwandtschaft jemanden, der ein wenig entbehrlich ist. Wen könnte er umbringen, um die Prophezeiung zu erfüllen? Seine Wahl fällt auf Tante Clementina, die schon ziemlich alt ist und alleine lebt. Die Methode? Nun, Gift wäre relativ unauffällig und ließe den Verdacht nicht auf ihn fallen. Denn dass er auf seinen Ruf achten muss, versteht sich von selbst. In einer Apotheke ersteht er eine Kapsel mit Akonitin, dem Gift des Fingerhuts, das schnell und auffällig tötet.

Dann besucht er Tante Clementina. Welch Glückes Geschick: Sie hat Sodbrennen! Und er hat genau das neue amerikanische Mittel, um ihr zu helfen. Aber bitte erst beim nächsten Anfall nehmen, Tantchen! Der Anfall von Panik, der Savile ereilt, als die Tante die Kapsel sofort einnehmen will, geht rasch vorüber. Als er sie verlässt, nennt sie ihn sogar ihren „mitfühlenden Jungen“. So ein nettes Tantchen.

VORSICHT: SPOILER!

Tante Clementina stirbt, als Savile in Venedig weilt, doch die Götter stellen Saviles Leidensfähigkeit auf eine harte Probe, als sich herausstellt, dass die alte Dame eines natürlichen Todes starb. Savile ist schier untröstlich!

Er muss die Hochzeit ein weiteres Mal verschieben und einen weiteren Mord einfädeln. Diesmal soll Dynamit den sicheren Erfolg bringen, doch leider sucht er sich die falschen Handlanger für den Mord an seinem Onkel aus. Es ist wahrlich schwer, seine vom Schicksal auferlegte Pflicht zu tun.

Mein Eindruck

Lord Savile ist ein vorbildlicher Gentleman: geistig präsent, gebildet, mit gesundem Menschenverstand und Geschmack ausgestattet sowie von Pflichtbewusstsein erfüllt. Welche Verlobte à la Sybil Merton würde sich nicht einen so schmucken Mann zum Gatten wünschen, zumal er auch noch einiges in seiner Portokasse zu haben scheint?

Es gibt für uns im Grunde nur ein Problem mit Savile: Er will Leute umbringen. Und dies tut er aus dem grotesken und unsinnigsten Grund, der sich vorstellen lässt: Die Macht des Schicksals, die ihm ein gewöhnlicher Handleser offenbart hat, zwingt ihn dazu. Das nennt man wohl eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wie es scheint, haben sich Pflicht und Schicksal gegen Savile verschworen. Doch als aufrechter Brite geht er keineswegs in die Knie, sondern methodisch an die Bewältigung des Problems: Mord muss sein, koste es, was es wolle.

Das Lachen möchte uns fast im Halse stecken bleiben, wenn Savile seiner lieben Tante Clementine die Todespille überreicht. Doch nach und nach lernen wir, dass es nicht darauf ankommt, was und wie man etwas tut, sondern aus welchem Grunde. Was wir schon von Anfang an geahnt haben, bestätigt uns Lady Windermere am Schluss selbst: Podger ist ein Scharlatan, im Grunde wie jeder Astrologe auch. Er hätte genauso gut das Horoskop stellen können.

Die Frage ist jedoch: Ist nicht Savile ebenso schuldig? Hätte er nicht genügend Selbstbewusstsein und Zweifel aufbringen müssen, um Podgers Schicksalsspruch von sich zu weisen? Stattdessen stellt er seinen gesunden Menschenverstand, den man ihm attestiert, hintan und erfüllt wie ein Roboter ein Programm, das man ihm offenbar von klein auf eingetrichtert hat: Tu deine Pflicht, und nach dir die Sintflut.

Da Savile nicht irgendein verschrobener Außenseiter, sondern ein akzeptiertes Mitglied seiner exklusiven Gesellschaftsschicht ist, muss jede Kritik an seiner Figur und seinem möderischen Tun auch den Rest der feinen Gesellschaft treffen. An diesem Punkt wird die Erzählung zu einer beißenden Gesellschaftssatire – ein Genre, in dem sich der Autor Wilde schon früh hervorgetan hat. Und wie Recht er hatte, zeigte sich spätestens zu Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als die pflichterfüllten jungen Briten nach Frankreich eilten, um ihr Schicksal zu erfüllen: nämlich den frechen „Hunnen“ aus Berlin eins aufs Haupt zu geben. Millionen zahlten für ihre moralische Blindheit mit ihrem Leben, so etwa die engsten Freunde eines gewissen John Ronald Reuel Tolkien. (Womit ich nicht andeuten will, dass Tolkien selbst so verblendet war wie Lord Savile, ganz im Gegenteil. Er wusste sehr gut, was er riskierte.)

Der Sprecher

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine Reihe unterschiedlichster Stimmen. Savile klingt am natürlichsten: der unbekümmerte junge Mann, und die Stimme des Erzählers, der uns an Saviles Gedankengängen und Empfindungen teilhaben lässt.

Er wird kontrastriert durch höhere, weibliche Stimmen wie die von Clementina oder Lady Windermere, aber auch von tieferen Stimmen wie der des russischen Anarchisten Ruwalloff und seines deutschen Bombenbauers Winkelkopf. Die Stimme des Chiromanten Podgers liegt irgendwo dazwischen, nicht sonor, sondern gepresst, nicht tief, sondern relativ hoch. Man hört, dass Podgers recht beleibt sein muss.

Man muss allerdings schon genauer hinhören, um diesen Unterschied im stimmlichen Ausdruck herauszuhören. Denn Schepmann tut alles, nur nicht übertreiben. Das überlässt er anderen Sprechern und tut es selbst höchstens in Kinderhörbüchern. In einer Erzählung über wohlerzogene Engländer ist Übertreibung jedoch in jedem Falle unangebracht.

Geräusche und Musik

Die vielfältigen Geräusche verleihen der Geschichte das Flair eines Kinofilms: Jeden Moment könnten Sherlock Holmes und Dr. Watson um die Ecke auf Lord Arthur Saviles Belgrave Square treten, oder Dorian Gray könnte auf Lady Windermeres Party auftauchen. Allerdings sind die Geräusche und Hintergrundstimmen – wie etwa lachende Kinder – so dezent eingesetzt, dass sie niemals den Vortrag des Textes beeinträchtigen.

Die Musik ist ebenso dezent und steuert die Emotionen des Zuhörers auf fast unmerkliche Weise. Doch der Fachmann hört heraus, wann ein Moment heiter und dynamisch, ein anderer hingegen traurig, besinnlich oder gar verzweifelt klingen soll. Zum Einsatz kommen ausschließlich klassische Instrumente wie etwa Piano, Harfe und Oboe, aber auch die Orgel – eventuell auch eine Glasharfe – ist zu vernehmen.

Das vielfache Läuten von Uhren und Glocken ist ein Mittelding aus Klang und Geräusch. Dreimal darf man raten, welche Melodie eine Uhr in der viktorianischen Ära zu schlagen hat: die von Big Ben natürlich.

Das Booklet

Das vierseitige Booklet erfreut mit umfassenden Informationen über den Autor Oscar Wilde (s. o.) und einer Inhaltsangabe, die nicht zu viel verrät. Außerdem wird ein Interpretationsansatz geliefert, der dem einen oder anderen Literaturstudenten hilfreiche Hinweise liefern kann. Als i-Tüpfelchen verrät das Booklet auch, wann und wo der Text zuerst erschien und gedruckt wurde – so viel Service findet man bei 1-CD-Hörbüchern selten.

Auf Seite 3 ist neben den Kapitelüberschriften eine Buchseite reproduziert, die angeblich die Kunst des „Palm Reading by Mr. Septimus R. Podgers. London“ mit einem Diagramm der Handlinien illustriert. Das Schaubild sieht recht authentisch aus.

Unterm Strich

Für Kenner der spätviktorianischen Literatur wie etwa von Sir Arthur Conan Doyle, Henry James, E. M. Foster oder Oscar Wilde ist diese selten zu findende Erzählung ein wahrer Leckerbissen. Sie verbindet authentisches gesellschaftliches Flair mit einer grotesken Handlung zu einer beißenden, glaubwürdigen Kritik an gewissen Geisteshaltungen von Mitgliedern der obersten Gesellschaftsklasse (Adel ausgenommen).

Diese Leute haben wirklich alles, was man zum Leben braucht, allein es fehlt ihnen ein wenig an philosophisch begründetem Zweifel. Und ob Lord Savile wirklich, wie vom Erzähler behauptet, über „gesunden Menschenverstand“ verfügt, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Andernfalls würde er nicht Mordanschläge auf seine liebe Verwandtschaft planen, oder? Begriffe wie „Schicksal“, „Pflicht“ und „Tat“ werden hinfällig und lächerlich, wenn man sie dem Grund gegenüberstellt, aus dem sie von Lord Savile anerkannt werden: das Sprüchlein eines zweifelhaften Wahrsagers. Das erinnert an den Hype, den eine gewisse Madame Blavatsky damals mit ihren okkulten Sitzungen verursachte – alles Scharlatanerie. Und doch fielen viele darauf herein. (Man erinnere sich auch an das rege Interesse an Illusionisten, wie es in „The Prestige“ gezeigt wird.)

Endlich gibt es dieses feine Stückchen spätviktorianische Prosa auch auf CD zu hören. Philipp Schepmann setzt seine beträchtlichen Fähigkeiten zum Vorteil des Textes und für den Genuss des Zuhörers ein und kitzelt die verborgenen ironischen Bedeutungen der Erzählung allenthalben hervor. Wer ein feines Gehör hat, wird die typischen Empfindungen der blasierten Engländer heraushören: „O Gott, wann nur endlich meldet diese blöde Zeitung den Tod meiner Tante!“ Und man wird sich köstlich amüsieren – oder sich mit dem Autor über die Idiotie der „gebildeten Stände“ totärgern.

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch sauber produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Der Gesamteindruck ist tadellos.

1 CD, 65 Minuten
Originaltitel: Lord Arthur Savile’s Crime, 1887
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
www.stimmbuch.de

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