A.C. Doyle & Herman Cyril McNeile – Der Zuträger (Sherlock Holmes Folge 43)

Schlimmer als der Milverton-Fall

Als Sherlock Holmes erfährt, dass sein Freund Sir Archibald Maitland von dem zwielichtigen Richard Mordon erpresst wird, hat er nur noch ein Ziel: Den teuflischen Erpresser zu überlisten und ihm dauerhaft sein schäbiges Handwerk zu legen. Mit Mordon hat er sich allerdings einen durchaus ebenbürtigen Gegner ausgesucht, der vor keiner Gemeinheit zurückschreckt.. (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.

Die Autoren

1) Herman Cyril McNeile (28. September 1888 – 14. August 1937), meist bekannt als Cyril McNeile der unter dem Namen „H. C. McNeile“ oder dem Pseudonym „Sapper“ veröffentlichte, war ein britischer Soldat und Schriftsteller der Nachkriegszeit. Er starb wahrscheinlich an den Spätfolgen eines Gasangriffs im Ersten Weltkrieg. Die Wikipedia bringt ihn an keiner Stelle in Zusammenhang mit Sherlock Holmes, was erstaunlich ist, denn McNeile schrieb in erster Linie Detektivgeschichten.

2) Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen ca. 60 Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird.

Folge 1: Im Schatten des Rippers
2: Spuk im Pfarrhaus
3: Das entwendete Fallbeil
4: Der Engel von Hampstead
5: Die Affenfrau
6: Spurlos verschwunden
7: Der Smaragd des Todes
8: Walpurgisnacht
9: Die Elfen von Cottingley
10: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band / Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Neuausgabe)
11: Das Zeichen der Vier (4/2014, Neuausgabe)
12: Ein Skandal in Böhmen (4/2014)
13: Der Bund der Rotschöpfe (5/14)
14: Eine Frage der Identität (9/14)
15: Das Rätsel von Boscombe Valley (10/14)
16: Der blaue Karfunkel
17: Die fünf Orangenkerne
18: Der Mann mit der entstellten Lippe
19: Der Daumen des Ingenieurs
20. Der adlige Junggeselle
21. Die Beryll-Krone
22. Das Haus bei den Blutbuchen
23. Silberblesse (6/16)
24. Das gelbe Gesicht (6/16)
25. Der Angestellte des Börsenmaklers (7/16)
26: Die „Gloria Scott“ (11/16)
27: Das Musgrave Ritual (12/16)
28: Eine Studie in Scharlachrot (2 CDs)
29: Die Junker von Reigate
30: Der bucklige Mann
31: Der Dauer-Patient
32: Der griechische Dolmetscher
33: Das graue Haus
34: Die quietschende Tür
35: Der Hund der Baskervilles (2 CDs)
36: Das unheimliche Pfarrhaus
37: Der verschwundene Kutscher
38: Das Haus mit den Zwingern
39: Eine Frage des Teers
40: Die dritte Botschaft
41: Mayerling (2 CDs)
42: Der Tote im Extra-Waggon
43: Der Zuträger
44: Der zweite Hund
45: Harry Price und der Fall Rosalie
46: Der Mann in Gelb
47: Das verlassene Haus
48: Der Gezeitenstrom

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Joachim Tennstedt: Sherlock Holmes
Detlef Bierstedt: Dr. John Watson
Joachim Kerzel: Richard Mordon
Bernd Kreibich: Mr. Benjamin
Lutz Mackensy: Sir Archibald Maitland
Sascha von Zambelly: Junger Spitzel
Jean Paul Baeck: Belman
Rolf Berg: Earl of Bletcheley

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio, bei Advertunes, bei LiveLive sowie in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trugen Ertugrul Edirne und Firuz Askin bei.

Handlung

Als Watson seinen Freund Holmes in der Baker Street besucht, findet er ein Bild der Verzweiflung vor. Holmes, ist verzweifelt, weil er seinem Freund Sir Archibald Maitland nicht helfen kann. Und warum nicht, um Himmels willen, will Watson wissen. Weil sein alter Schulfreund von einem der niederträchtigsten Männer, von denen Holmes je gehört hat, erpresst wird: von Richard Mordon, einem skrupellosen Schurken.

„Es ist schlimm, Watson, schlimmer als Milverton-Fall.“ Und ja, die Erpresserbriefe von Charles Augustus Milverton waren eine schlimme Plage der britischen Upper Class, weiß Gott. Mordon hingegen beschränkt sich auf Liebespaare als Opfer. Abscheulich. Umso abscheulicher, als die ehemalige Freundin Sir Archibalds, die inzwischen den Earl of Bletcheley geheiratet hat, in Kürze ihr erstes Kind erwartet.

Selbstredend hat er, Holmes, bereits das Anwesen dieses Mordon ausbaldowert. Zwecklos. Es ist quasi eine Festung, über deren Eingang ein Zerberus namens Parker wacht. Die gestohlenen Liebesbriefe lagern jedoch nicht irgendwo, sondern in einem eigens abgetrennten Tresorraum. Mordon selbst sitze hinter einem Gitter, wenn er mit seinen „Klienten“ und Zuträgern zu tun hat. Kurzum, Watson, es ist so gut wie aussichtslos.

Watson ist rechtschaffen empört darüber, dass edle Damen und Herren Opfer von lumpigen Dieben werden sollen. Geradezu niederschmetternd ist Holmes‘ Information, dass ihm nur noch zwei Tage bleiben, um den Brief wiederzubeschaffen – oder Maitland müsse 40.000 Pfund zahlen. Watson bleibt die Spucke weg. Solche Summen hört er nicht alle Tage. „Und bloß keine Polizei! Diskretion hat oberste Priorität!“ warnt Holmes. „Aber die Briefe sind Diebesgut!“, ruft Watson entrüstet. Holmes starrt seinen Freund erst an, dann nennt er ihn ein Genie. Sprach’s und verschwand.

Tags darauf spricht ein Mann, der sich Belman nennt, bei Mordons Butler Parker auf dem Anwesen Sevenoaks vor. Er habe einen brisanten Brief anzubieten. Er sei der Kammerdiener von Earl Bletcheley gewesen, wurde heute gefeuert und habe in einem „geborgten“ Anzug seines Herrn einen pikanten Liebesbrief gefunden. Darin lädt der Earl eine Duchess namens Tally zu einem Stelldichein in Malvern ein. Belman will die Zofe dieser Herzogin kennen. Er bestätigt sämtliche Angaben, selbst wenn sie verschlüsselt sind. Er will 100 Pfund Cash auf die Kralle.

Mordon erkennt, dass der Brief ohne weiteres das Tausendfache wert ist und lässt Parker Belman auszahlen. Dieser geht, doch kehrt er gleich darauf zurück. Was noch? Zwei Polizisten haben Belman verhaftet und wollen, dass Mordon dessen Identität bestätigt…

Mein Eindruck

Man braucht keine Kristallkugel, um sich auszurechnen, dass Belman in Wahrheit Sherlock Holmes ist. Wieder einmal hat er sich verkleidet und in die Höhle des Löwen gewagt. Natürlich stützt er sich auf Informationen, die ihm Maitland gegeben hat, nachdem dieser seine direkte Unterredung mit Mordon hatte. (In dieser Ära scheint es noch kein Telefon zu geben.) Aber kann Holmes Mordon auch dazu bringen, aus seinem abgetrennten Käfig herauszukommen und den Weg zum Tresor mit den Briefen freizugeben?

Das Thema ist genau das gleiche wie im Fall Charles Augustus Milverton. Daher weiß der Holmes-Fan schon Bescheid, wie die Erpressung funktioniert. Daher richtet sich die Story eher an Einsteiger in Sachen Holmes. Warum soll jedoch Watson auf einmal Genie sein? Der entscheidende Dreh an dieser Version der briefbasierten Erpressung ist die Art des Verbrechens: Diebstahl. Denn während die Anklage wg. Erpressung alles andere als diskret verlaufen dürfte, ist es die Anklage wg. Diebstahl nicht. Die Strafe kann nämlich, wenn man es richtig anstellt, gleich vor Ort vollzogen und die Briefe sichergestellt werden. An dieser Stelle darf allerdings nicht verraten, wer Holmes alles bei seinem Coup behilflich ist…

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Watson nimmt die Stelle des zweifelnden gesunden Menschenverstandes gegenüber Holmes ein, welcher ein getriebener Junkie der Vernunftarbeit zu sein scheint. Watson ist der Gemütsmensch, ein Jedermann mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Holmes jedoch ist nicht nur Kopfarbeiter, sondern auch Schauspieler und Manipulator von Menschen. Das zeigt sich auch in dieser Folge: Er überlistet den flüchtigen Täter, mit ihm zu kommen – als Mitfahrgelegenheit…

Sherlock Holmes

Es gibt mehrere Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir Joachim Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität.

Aber Holmes ist auch ein ausgezeichneter Schauspieler und engagierter Boxer. Ab und zu treibt er sich als aktiver Detektiv in Londons Sauwetter herum und kehrt völlig ausgehungert ins Hauptquartier zurück. Dann darf Mrs. Hudson, die als moralisches Zentrum auftritt, ihm Essen kredenzen.

Watson

Dr. John H(amish) Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, höflich, frauenfreundlich und durchweg emotional, außerdem glücklich verheiratet. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten und dürfte keinen überraschen.

Der Sir

Lutz Mackensy hat als Maitland hat nur einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt. Der erpresste Gentleman knurrt und keucht, denn er muss an sich halten, um seine Wut auf Mordon nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. Diese Größe der guten Gesellschaft soll von einem schmierigen Gauner in den Dreck gezogen werden. Der Name seiner geliebten soll öffentlich gemacht werden – und der ihres kommenden Kindes? Niemals. Schlimm genug, dass Mordon offenbar über privateste Details von Maitlands leben Bescheid weiß.

Die Schattenwelt

Diese Szene und weitere werfen ein Schlaglicht auf jene Schattenwelt, die in den viktorianischen Romanen selten erwähnt wird: die Dienerschaft. Zofe, Kindermädchen, Kammerdiener, Kutscher, Küchenpersonal, die Stallburschen, kurzum das, was man herablassend als „Domestiken“ bezeichnete. Dass sich eine feine Dame wie beispielsweise Lady Chatterley (bei D.H. Lawrence) mit einem solchen Domestiken, nämlich dem Förster, einlässt, zerstörte die strikte Klassentrennung und führte 1916 zu einem Skandal. Der bestand vor allem aus der Indiskretion, dem Öffentlichmachen der sexuellen Umtriebe der oberen Zehntausend. Die Zensur nützte also vor allem der Upper Class, die weiterhin die wehrlose Lower Class – die Domestiken – nach Lust und Laune ausbeuten konnte. TV-Serien wie „Downton Abbey“ geben vor, diese Welt widerzuspiegeln, aber ich bezweifle, dass hier die vom Lord geschwängerten Dienstmädchen vor Gericht gegen Missbrauch verteidigen dürfen.

Mordon

Das Highlight an diesem Hörspiel ist sicherlich der Auftritt von Joachim Kerzel. Der bekannte Sprecher von Hollywood-Schauspielern wie Jack Nicholson, Dustin Hoffman und vielen anderen hat genau die richtige Art von Stimmlage, um das Böse zu personifizieren.

Geräusche

Eine schöne Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Diesmal sind es Geräusche in einem Interieur: Tee gluckert beim Einschenken, Tassen und Besteck klappern, eine Zeitung raschelt.

In Sevenoaks nimmt diese Geräuschkulisse eine etwas unheimliche Erscheinung an, was vor allem an dem Klicken des Tresorschlosses und der quietschen Tür liegt, die den Tresorraum vom Rest des Gebäudes trennt. All diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln. Gleichzeitig bleiben alle Stimmen verständlich. Diese saubere Trennung ist nicht selbstverständlich.

Die Musik

Das Intro, eine Art flott-dezente Teemusik, bildet den heiter-beschwingten Auftakt des Hörspiels und deutet die häusliche Idylle von Baker Street 221B an. Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt den Ex-Kammerdiener Belman, der gerade Mordon einen Liebesbrief zum Kauf anbietet. Mordon hat kaum ein gesicht, aber seine Hand zeichnet sich durch eine gierige Haltung aus: Alle Finger sind griffbereit gespreizt wie eine Klaue. Nun, das Klauen ist Mordons wahre Natur.

Die innere Doppelseite listet die aktuellen und kommenden Titel der Holmes-Reihe (s.o.) und des Gruselkabinetts auf. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Die CD und der Einleger sind mit den Sherlock-Holmes-Motiven versehen, die die Reihe von Anfang an begleitet haben.

Unterm Strich

Herman McNeile hat mit seiner Vorlage einwandfreie Krimikost geliefert, und wir bekommen hoffentlich noch mehr kniffligen Fälle präsentiert. Der Kenner wird sich sofort an den Fall Milverton erinnert fühlen, genau Watson und Holmes es erwähnen. Was der Hörer jedoch genießen kann, ist ein Schauspiel im Schauspiel: Holmes tritt als vermeintlicher Kammerdiener gegen den Erzschurken Mordon an. Wird es ihm gelingen, diesen zu überlisten? Zum Glück liefert Watson die rettende Idee – ohne es zu wissen.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Die Sprecherriege für diese Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich (Tennstedt) und George Clooney (Bierstedt). In dieser Episode kommt Joachim Kerzel hinzu, der einen eiskalten und abgebrühten Schurken abgibt. Lediglich in den letzten Minuten seines Auftritt gibt sein Mordon ein eher etwas hilfloses Bild ab. Wie auch immer: Mit dem Engagement von Joachim Kerzel hat das Studio dieses Hörspiel stark aufgewertet.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Nicholson, Dustin Hoffman, George Clooney und John Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling.

CD: über 59 Minuten
ISBN-13: 9783785782019

www.Titania-Medien.de

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