Die drei ??? – Master of Chess (Live & Unplugged)

Man durfte sich bei der stets ausverkauften Live-Tour glücklich schätzen sagen zu können: „Ich war dabei!“ Damals. Genau genommen war’s am 9.12. 2002 in Bonn / Bad Godesberg. Für die begehrte Karte waren 20 € fällig. Nicht viel, doch trotzdem schwer zu bekommen. Ein hoch geschätztes Mitglied einer berüchtigten Meinungsplattform mit C hatte tatsächlich noch welche auftreiben können. Hier war es auch, wo sich auch erstmals größere Fangruppen zusammen rotteten und ???-Berichte konzentiert veröffentlichten. Lange ist’s her. Die meisten der Clique sind leider längst nicht mehr aktiv. Doch wenn die Doppel-DVD gelegentlich mal wieder einlegt wird, dann kommen die Erinnerungen wieder.

Die Handlung

Die drei Fragezeichen beschließen an Justus‘ Geburtstag, in Peters rotem MG eine ausgedehnte Spritztour von mehreren Tagen zu unternehmen; dummerweise streikt in strömendem Regen und natürlich (!) gottverlassener Gegend der Motor und lässt sich trotz allerhand vergeblicher Versuche nicht neu starten. Ein angetrunkener Passant (was auch immer der da zu suchen hat) teilt den Junior-Detektiven mit, dass man a) in dieser Gegend keine Fremden mag und b) wenn sie Hilfe benötigen, sie sich wohl zum „Schloss“ aufmachen müssten, das droben auf dem Berg liegt.

Was bleibt den Dreien anderes übrig, als in diesem Unwetter den recht langen Fußmarsch zum Schloss zu unternehmen, wobei Bob Peter fortwährend mit zur Stimmung passenden Gruselgeschichten ärgert und der füllige Justus von einer vorgetäuschten Unterzuckerung in die nächste schlittert, bis er dem eh schon entnervten Peter auch noch den letzten Schokoriegel aus der Tasche geluxt hat. Was tut man nicht alles für ein Telefon, mit dem man Hilfe in Form eines Abschleppdienstes herbeirufen kann ?!

Schloss „Blackstone“ erweist sich als unverschlossen, und pitschnass betreten die Jungs die Halle – alles ist mucksmäuschenstill, niemand scheint da zu sein. Neugierig – wie immer – sehen sie sich um und entdecken einen Raum, der mit den zunächst nichts sagenden Buchstaben M O C gekennzeichnet ist … darin befindet sich nicht nur ein riesiger Marmorschachtisch, sondern auch die Wände und der Rest des Interieurs lässt darauf schließen, dass derjenige, der hier wohnt, eine gewaltige Schach-Macke hat – jetzt geht Justus auch auf, was das ominöse MOC an der Eingangstüre eigentlich bedeutet, nämlich: „Master Of Chess“.

Sein geschulter Blick entdeckt sofort, dass dort gerade eine Partie laufen muss, doch noch bevor er vorwitzig eine der Figuren berühren kann, lässt eine harsche Stimme die drei zusammen zucken. Der Schlossherr – Graf Shamus Gallagher – ist wenig begeistert von „Einbrechern“ und schon gar nicht von welchen, die die Frechheit besitzen, in sein geheiligtes Schachzimmer einzudringen, um dort an den Figuren zu manipulieren. Das Missverständnis wird aufgeklärt und der Wunsch geäußert, dass man nur telefonieren wolle, um den Abschleppdienst zu verständigen. Leider erweist sich das mit dem Telefonieren als nicht durchführbar, da die Leitungen wegen des Unwetters tot sind und zu allem Überfluss fällt nach einem heftigen Blitzschlag auch noch die gesamte Stromversorgung im Schloss aus.

Der nervlich ziemlich fertig wirkende Gallagher erlaubt seinen nicht ganz unfreiwilligen Gästen im Schloss zu übernachten, bis das Unwetter vorbei und die Leitungen wieder zu gebrauchen sind. Der Grund für des Grafen desolaten Nervenzustand ist auch rasch erklärt: Er hört Stimmen und außerdem führt er eine extrem schwierige Partie gegen seinen Bruder Rowry – mit dem kleinen Haken, dass Rowry bereits vor einem Jahr nach einer Schachpartie gegen ihn an einem Herzanfall verstarb. Der Geist Rowrys habe ihn Anfang der Woche zu einer erneuten Partie herausgefordert, mit dem gleichen Eröffnungszug wie beim schicksalhaften Spiel vor einem Jahr. Zumindest ist der Graf felsenfest davon überzeugt.

Die ganze Familie hat seit Generationen einen bestimmten Ritus: Die Spieler sitzen sich nie gemeinsam beim Schach gegenüber, sondern treten einzeln in das Zimmer, machen ihren Zug und verlassen es wieder, bevor der Andere auf die gleiche Art seinen Gegenzug macht. Der Spuk begann also vor einer Woche, wo im abgeschlossenen Zimmer „Weiß“ nachts einen Eröffnungszug machte, auf den der Graf natürlich reagierte („Ein Gallagher kneift nicht, wenn er herausgefordert wird!“). Seither beharken sich er und der vermeintliche Geist seines Bruders bei einem 1:1 Replay des Matches von vor einem Jahr – Shamus zieht, schließt den Raum ab, und doch wird irgendwann nachts wie durch Geisterhand darauf erwidert …

Die Live-Aufführung

Das Licht dimmt herunter und mit einem Donnerschlag, begleitet von einem flackernden Lichtreflex und leiser Musik, erklingt auch gleich die Bassstimme des Erzählers Helmut Krauss (die deutsche Synchronstimme von Marlon Brando). Die Stimmen von Justus, Peter und Bob erklingen im Intro aus der Konserve, von ihren Sprechern Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck (übrigens gesprochen: „Wawra-tscheck“) und Andreas Fröhlich ist Weit und Breit nix zu sehen, während die Sprecher der Nebenrollen und die Jungs von der Technik allesamt auf der Bühne anwesend sind. Auf das Stichwort des Erzählers stürmen die drei Hauptakteure dynamisch auf die Bühne und nehmen unter tosendem Beifall Aufstellung an ihren Sprecherpulten. Dieser verzögerte theatralische Auftritt ist geplant und beabsichtigt, das wird spätestens beim Vergleich mit der CD-Version (Live-Mitschnitt aus dem Berliner CineMaxx-Colosseum) klar.

Bei der Aufführung wird nicht einfach nur der Text stumpf abgelesen, sondern auch Gestik und Mimik auf eine ganz eigene Art interpretiert, was nicht weiter wundert, schließlich sind die meisten Mitwirkenden nicht nur reine Sprecher, sondern ausgebildete Schauspieler – natürlich bleibt das Ganze ein Hörspiel, doch die schauspielerischen Einlagen sind nicht nur auflockernd und symbolischer Natur, sondern oft hoch witzig, was an der räumlichen Trennung der Akteure zueinander liegt.

Bei den Dreien spürt man, dass sie nicht nur reine „Arbeitskollegen“ sind, sondern eine ähnlich gute Beziehung zueinander haben, wie die Figuren, denen sie ihr Leben einhauchen. Das Teamwork der drei ist exzellent, da sieht man sich während eines Dialoges auch ins Gesicht und oftmals kriegt der eine oder andere von ihnen auch mal einen Spruch gedrückt, der so bestimmt nicht im Script steht. OK, die allermeisten Gags sind vorgefertigt, doch zwischendurch wird auch kräftig improvisiert, was nur menschlich und verständlich ist.

Bei so vielen Auftritten immer wieder die gleiche Leier abzuziehen mag zwar für die Regie wünschenswert sein, doch kann man sich vorstellen, dass es den Sprechern oftmals nach Abwechslung dürstet, da kommt ein unbeabsichtigter Versprecher eines Kollegen gerade recht und wird mit einem Seitenhieb aus dem Stehgreif geahndet. Allerdings immer dem Hörspiel-Charakter entsprechend; das erfordert schon blindes Vertrauen und langjähriges Verständnis, damit solche Auflockerungen so klingen, als würden sie zur fiktiven Figur und Handlung gehören.

Auf die gleiche Weise wird auch das Publikum interaktiv mit einbezogen: Wenn wieder mal ein vorlauter (nicht seltener) Zwischenruf abgefeuert wurde, übergehen die drei Sprecher das nicht stur, sondern kommentieren diesen mit Witz und Charme, lassen sich aber durch Nichts in ihrer eigentlichen Performance beeinträchtigen; so sehr es auch von einigen Spaßvögeln aus dem Publikum versucht wurde sie aus dem Tritt zu bringen: Diese drei sind zu sehr Profis für derart billige Sabotageakte.

Apropos witzig: Das gilt ganz besonders für Joachim Lautenbach in der Gestalt des buckligen und debilen Hausdieners „Moe“, der spielt so überzeugend, dass er glatt auch als Quasimodo-Double im „Glöckner von Nôtre Dame“ mühelos seine Brötchen verdienen könnte. Er und auch Frauke Pohlmann haben eh beide Dreifachrollen zu bewältigen, während die anderen „nur“ jeweils eine Figur verkörpern müssen. Beide machen ihre Sache mehr als beachtenswert und ändern beim Charakterwechsel von einer Figur zur anderen ebenso die Gestik und die Körperhaltung, anstatt sich lediglich darauf zu beschränken die Stimme zu verstellen. Beeindruckend, lustig und (was für ein Hörspiel denkbar selten ist) absolut sehenswert.

Doch nicht nur die aktive Sprechercrew hat lobende Worte verdient, auch die Technik, ohne die ein solcher Auftritt absolut undenkbar ist, hat Großes geleistet – zwar hauptsächlich recht unscheinbar im Hintergrund, doch nichtsdestoweniger souverän. Das fängt beim Musikus an und geht über die Soundmischer bis hin zum Geräuschemacher. Letzterer hatte allerdings die Ehre, direkt mit seinem Equipment zum Krach machen vorne am Bühnenrand und an exponierter Stelle für alle Anwesenden gut sichtbar zu sitzen, damit ihm das Publikum bei seiner Arbeit quasi über die Schulter bzw. auf die Finger und Füße schauen kann. Sehr interessant, mit welch einfachen Mitteln man ein Hörspiel effektmäßig aufpolieren kann.

Die grauen Eminenzen am Mischpult und am Keyboard sorgen für die etwas subtilere Atmosphäre, ihnen obliegt es, durch allerhand elektronische Klangverbiegung und Samples es beispielsweise „Regnen zu lassen“ oder die Schlosshalle klingen zu lassen, als wäre es wirklich eine Halle und keine Gummizelle. Im Verlauf der Live-Aufführung fällt einem das gar nicht so auf, doch wenn man sich die CD anhört, wo man nicht mit den Augen, sondern mit den Ohren sieht, kommt die sehr wichtige Undergroundarbeit eher zur verdienten Geltung.

Bonner Runde – Das Publikum

Ein Blick in den restlos ausverkauften Raum (schätzungsweise 500 Besucher) offenbart, dass die drei ??? nicht unbedingt eine reine Jugend-Hörspielserie sind. Das Durchschnittsalter der versammelten Zuschauerschar beträgt gefühlte 30 – mit einigen Ausreißern nach oben und nach unten. Da sich noch viele Leutchen an den gut besuchten Fanartikelständen draußen im Foyer aufhielten, um noch das ein oder andere (meist signierte) Erinnerungsstück oder CDs/MCs zu ergattern. Generell lässt sich sagen, dass sich dort vorwiegend fachkundiges Publikum tummelte, das bei den Interaktionen mit den Sprechern willig mitmachte und bei den sehr häufig eingestreuten Insidergags lauthals lachte sowie frenetischen Szenenapplaus spendierte.

Nachspiel

Die Crew hatte noch eine weitere Vorstellung zu geben, doch wir zogen weiter, um noch ’nen Happen einzuwerfen. Während unserer lustigen Runde erspähten unsere Augen spät abends plötzlich sehr bekannte Gesichter – die gesamte Crew enterte das Restaurant. Es wurde lange von uns sinniert, ob wir sie ansprechen sollten oder gar einige der erbeuteten Fanartikel signieren zu lassen, diese Diskussion hat sich bis zu unserem Aufbruch heimwärts hingezogen. Letztendlich haben wir dann aber darauf verzichtet. Deren Essen wurde nämlich just in diesem Moment serviert – und jeder hat das Recht auf einen Feierabend. Nicht, dass wir auf den Mund gefallen wären, doch in tiefstem Respekt vor der Privatsphäre haben wir uns freundlich nickend und mit einem ehrlich gemeinten „Geile Show!“ in Richtung der versammelten Tourneemannschaft dann still und leise gegen halb Zwei nachts verdrückt und den Heimweg angetreten.

Live oder Konserve?

Natürlich war der Live-Auftritt kaum zu toppen. Nicht nur die Gesichter zu den bekannten Stimmen zu sehen ist interessant (wiewohl ein wenig seltsam), auch das WIE man ein Hörspiel im Prinzip produziert, war sehenswert. Das lebendige Flair und die unterschiedlichen Reaktionen des Publikums kann die CD natürlich nicht im Entferntesten erreichen. Verglichen mit dem Bonner Publikum wirken die Berliner aus der Konserve im Übrigen etwas frostiger, als das in Bad Godesberg war – vermutlich wegen der etwas familiäreren Atmosphäre, resultierend aus der kleineren Zuschauerzahl in der ehemaligen Bundeshauptstadt.

Zum größten Teil sind die Versionen zwar identisch, mit dem oben genannten Unterschied, dass auf der CD-Fassung Olaf Kreutzenbeck statt Joachim Lautenbach tätig ist, doch auch die CD ist (für Fans und Sammler sowieso) ein Leckerli: Zum (uncut) Live-Mitschnitt aus dem Berliner Colosseum bekommt man zusätzlich noch 27 Outtakes der schönsten Pannen und Versprecher aus diversen Vorstellungen mit dazu, die eindrucksvoll demonstrieren, dass bei Weitem nicht immer alles glatt läuft – einige davon sind sogar mittlerweile fester Bestandteil des Programms, wovon wir uns überzeugen durften.

Es scheint einige Textpassagen zu geben, die wirklich Stolpersteine sind und entsprechend häufig daneben gehen, das schien mir nicht gekünstelt und auch die Outtakes sprechen eine deutliche Sprache: An immer wieder ähnlichen Dialogen hakt es, aber nicht immer auf die gleiche Art und exakt der gleichen Stelle. Die Doppel CD ist für 16,99 € fast überall zu haben, während für Live-Karten je nach Veranstaltung und Sitzplatz zwischen 18 und 36 € zu bezahlen waren.

Fazit

Die Story an sich ist eine reine Fungeschichte, die sowohl langjährige Enthusiasten als auch Einsteiger bedient, allerdings richtungsmäßig klar zum Vorteil der eingefleischten Fangemeinde geht, da viele Insider und Anspielungen extra für sie eingebaut wurden. Dennoch dürfte auch weniger beschlagenen Besuchern die Show absolut gefallen. Die Aufführung ist nicht wirklich mit irgendeiner laufenden Folge zu vergleichen. Wenngleich sie ein Mischmasch aus allen möglichen bisher erschienenen Stories darstellt, steht sie doch eigenständig für sich alleine, vereint aber jede Menge der gepflegten Klischees aus der Serie, die sie so sympathisch machen, und nimmt sich dabei selbst auf die Schippe. Pflichtkauf für Fans.

Die üblichen Verdächtigen und Täter – Das Line-Up

Erzähler: Helmut Krauss
Justus Jonas: Oliver Rohrbeck
Peter Shaw: Jens Wawrczeck
Bob Andrews: Andreas Fröhlich (außerdem: Dialog-Bearbeitung)
Passant / Graf Shamus Gallagher / Moe: Joachim Lautenbach *
Ana / Gräfin Gallagher / Virginia Burnett: Frauke Poolmann

Geräusche: Peter Klinkenberg
Musik: Frank Ertel
Technik: Christian Käufl (Ton-Ingenieur), Elmar Eckert (Licht)
Regie: Holger Mahlich
Story: Stefanie Burkart

*) Es besteht eigentlich nur ein Unterschied zwischen der CD-Version und der besuchten Vorstellung – seit dem 1.10.02 ist statt Olaf Kreutzenbeck (auf der CD) Joachim Lautenbach in dieser Dreifachrolle zu hören/sehen.

2 Audio-CDs
Spieldauer: 2:14 Std.

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