Trudi Canavan – Priester (Das Zeitalter der Fünf 1)

Das Zeitalter der Fünf

Band 1: „Priester“
Band 2: „Magier“ (Januar 2008)
Band 3: „Götter“ (März 2008)

Schon als Kind wollte Auraya gern Priesterin werden. Doch mit einer kranken Mutter, die auf ihre Pflege angewiesen war, schien dieser Traum unerfüllbar. Dass er letztlich doch wahr wurde, verdankt Auraya unter anderem ihrem früheren Lehrmeister Leiard, einem Traumweber.

Jetzt ist Auraya nicht nur eine ausgebildete Magierin, sie wurde sogar von den Göttern in den Kreis der Weißen berufen, jener fünf Unsterblichen, die als die unmittelbaren Vertreter der Götter in der Welt auserwählt wurden. Seither besteht ihr Leben fast ausschließlich aus Diplomatie. Denn die Götter wünschen, ganz Nordithania durch Bündnisse zu vereinen. Keine leichte Aufgabe, denn in anderen Ländern haben die Traumweber noch wesentlich mehr Einfluss und ihr Misstrauen gegenüber den Weißen ist schier unüberwindbar. Auraya bittet ihren früheren Lehrmeister Leiard um Hilfe, mit schwerwiegenden Folgen …

Während Auraya und Leiard versuchen, ihre unmögliche Situation auf die Reihe zu kriegen, tauchen immer öfter schwarz gekleidete Fremde aus den Ländern des südlichen Ithania auf. Und sie scheinen nichts Gutes vorzuhaben. Schon bald kursieren die ersten Gerüchte von einem drohenden Krieg …

Auraya ist ein bemerkenswertes Mädchen. Schon in jungen Jahren beweist sie großes Einfühlungsvermögen in fremde Denkweisen und ein ungewöhnliches Geschick für Verhandlungen, abgesehen natürlich von ihrem ausgeprägten Mut. Ihr diplomatisches Geschick ist für die Weißen einerseits von unschätzbarem Wert, andererseits bedeutet ihr ausgeprägtes Verständnis und Mitgefühl für andere Kulturen auch sozialen Sprengstoff. So hat Auraya zum Beispiel überhaupt kein Verständnis für die restriktive Politik den Traumwebern gegenüber, und auch andere Minderheiten wie die Siyee, die geflügelten Bewohner der Berge, liegen ihr besonders am Herzen. Und genau das ist ihr Dilemma: Auraya macht keine halben Sachen. Bei allem, was sie tut, engagiert sie sich auch emotional sehr stark. Schmerzliche Erfahrungen sind da unausweichlich.

Leiard ist weit schwieriger einzuschätzen. Zunächst will er nichts weiter als bessere Lebensbedingungen für die Traumweber erreichen. Da er Auraya seit ihrer Kindheit kennt und ihr vertraut, ist er bereit, mit ihr zusammenzuarbeiten. Allerdings muss er dazu eine tiefsitzende Angst überwinden, die übertrieben scheint, denn obwohl Juran und Dyara, die beiden ältesten Weißen, ihm äußerst kühl begegnen, wird er zu keiner Zeit bedroht oder diskriminiert. Die Traumweberälteste Arleej bemerkt als Erste, dass Leiard ungewöhnlich viele und deutliche Erinnerungen an Mirar, den einstigen Traumweberältesten, besitzt. Und je näher Auraya und Leiard sich kommen, desto stärker werden diese Erinnerungen. Bis irgendwann ein fremdes Bewusstsein Leiard dreinzureden beginnt. Und bald begnügt es sich nicht mehr damit zu reden … Wo kam dieses Bewusstsein her? Und wieso hat es solche Macht über Leiard? Wer ist Leiard wirklich?

Emerahl hat von all dem nichts mitbekommen. Sie ist eine Wilde, eine Unsterbliche und eine Zauberin. Jahrelang hat sie im Verborgenen gelebt, bis sie dem Vorsteher des benachbarten Dorfes in die Quere kam. Nun suchen die Priester nach ihr, und Emerahl bleibt nichts anderes übrig als zu verschwinden. Ein schwieriges Unterfangen, denn sie muss feststellen, dass die Zahl der Priester enorm zugenommen hat! Emerahl muss auf all ihre Fähigkeiten zurückgreifen, um ihnen auszuweichen, und sie darf dabei nicht auffallen. So kommt es, dass das Versteckspiel sie letztlich dazu zwingt, im Tross eines Bordells den Truppen Nordithanias in den Krieg zu folgen, wo sie die größte Überraschung ihres langen Lebens erwartet.

Trudi Canavan hat für ihre neue Trilogie durchaus interessante Charaktere entworfen. Sie sind auch klar gezeichnet und ihre Handlungen nachvollziehbar. Trotzdem konnte ich mit keiner von ihnen richtig warm werden. Zwar ist keine von ihnen unsympathisch oder langweilig, es ist aber auch keiner von ihnen gelungen, mich wirklich zu fesseln und mit ihr fiebern zu lassen, zu vorhersehbar ist die Entwicklung geraten. Das betrifft sowohl die wachsenden Fähigkeiten Aurayas als auch Leiards wachsende Labilität.

Dasselbe gilt für die Handlung. Die Autorin lässt es extrem langsam angehen. Langsamer, als es für die Ausarbeitung der verschiedenen Beziehungen zwischen den Protagonisten nötig wäre. Ausführlich schildert sie Aurayas diplomatische Bemühungen zunächst in Somrey, später bei den Siyee. Dazu kommt die Entwicklung von Tryss‘ Fluggeschirr und seiner Beziehung zu dem Mädchen Drilli. All dies wirft zwar ein sehr deutliches Licht auf die Kultur der Siyee, trotzdem wäre es mir gelegentlich lieber gewesen, das Erzähltempo wäre etwas höher angesetzt. Denn der eigentliche Konflikt mit den schwarzen Magiern aus den Südlanden kommt dadurch erst extrem spät zum Tragen. Lediglich zwei kurze Zwischenfälle deuten darauf hin, worauf das Ganze zusteuert, doch danach versinkt die Handlung jedes Mal erneut in Diplomatie. Irgendwie ist Trudi Canavan diesmal nicht so richtig in die Gänge gekommen. Als es dann endlich ernst wird, kommt sie dagegen ziemlich rasch zur Sache, und der Höhepunkt, auf den eigentlich ein Spannungsbogen hätte zulaufen sollen, ist erstaunlich kurz geraten und auf eine Weise entschieden worden, die ich ein wenig enttäuschend fand.

Zu diesem etwas blassen Gesamteindruck hat sicherlich auch die starke Zurückhaltung der Autorin in Bezug auf Antworten beigetragen. Dass sie bisher nicht verraten hat, wie es kommt, dass Leiard diesen ungebetenen Gast mit sich herumträgt, kann ich ja verstehen. Dem geschichtlichen Hintergrund hätte es allerdings gutgetan, die Autorin hätte an der Diplomatie ein wenig Ausführlichkeit abgezwackt und sie in ein paar Details über die Vergangenheit ihrer Welt investiert. So hat sie den Konflikt zwischen den Weißen und den Traumwebern zwar mit ein paar trockenen Worten erklärt, sodass der Leser wenigstens die Grundlagen versteht. Aber nachvollziehbar wird die Vergangenheit dadurch nicht. So erfährt der Leser zum Beispiel nicht, warum Mirar so gegen die Götter gewettert hat, dass Juran sich gezwungen sah, ihn zum Schweigen zu bringen. Immer wieder wird ein Krieg der Götter erwähnt, aber niemand verliert ein Wort über die Ursache und die Konsequenzen dieses Krieges. Auch Emerahls Rolle in dieser Vergangenheit bleibt bisher noch ein Geheimnis.

Auch den Gegnern der Weißen, den Südländern, hat die Autorin kaum Beachtung geschenkt. Einerseits scheinen sie ziemlich grausam zu sein, andererseits zeigen sie Züge von Freundlichkeit, etwa, wenn eine ihrer Zauberinnen bedauert, gegen die Siyee kämpfen zu müssen, als täten diese ihr leid. Eine Erklärung für diese ungewöhnliche Diskrepanz gibt es bisher nicht, auch nicht, warum die schwarzen Magier einen so ausgeprägten Hass auf die Götter der Weißen haben. Der Feind wirkt fast wie eine Kulisse; er hat zwar ein Ziel, aber keine Kultur, keine Geschichte, keine Beweggründe.

So bleiben unterm Strich nicht viel mehr als eine akzeptable Charakterzeichnung sowie ein recht gelungener Entwurf einer Kultur von Flügelwesen und der einer Theokratie. Dabei hat die Geschichte durchaus noch eine Menge Potenzial: die Meermenschen, die Dunweger, die Südländer, die Vorgeschichte, Mirar und Emerahl … aber offenbar hat sich die Autorin all das für die Fortsetzungen aufgehoben. Ich für mein Teil hätte diesen ersten Teil interessanter gefunden, wenn Trudi Canavan all diese Aspekte in gleichem Umfang weiter ausgebaut hätte, anstatt sich so sehr auf die Diplomatie der Weißen und das Volk der Siyee zu konzentrieren, dass für die anderen fast nichts mehr übrig blieb. Nach der Lektüre der abwechslungsreichen und lebendigen Magiertrilogie hatte ich durchaus mehr erwartet. Ich hoffe, das rappelt sich noch.

Trudy Canavan stammt aus Australien, wo sie nach einem Studium am Melbourne College of Decoration als Designerin, Illustratorin und Kartenzeichnerin für verschiedene Verlage tätig war, ehe sie zu schreiben begann. 1999 gewann sie mit ihrer Kurzgeschichte „Whispers of the Mist Children“ den Aurealis Award for Best Fantasy Short Story. 2001 erschien dann ihr erster Roman, der erste Band der Trilogie Die Gilde der schwarzen Magier. „Priester“ ist der erste Band der Trilogie Das Zeitalter der Fünf, dessen Folgebände „Magier“ und „Götter“ im Januar beziehungsweise im März nächsten Jahres erscheinen sollen. Die Autorin arbeitet derweil an „The Magician’s Apprentice“, einem Prequel zur Magiertrilogie. Auch ein dreibändiges Sequel ist in Arbeit.

Broschiert 832 Seiten
Originaltitel: Priestess of the White (Age of the Five 1)
Deutsch von Michaela Link
ISBN-13: 978-3-570-30432-7

http://www.trudicanavan.com/
http://www.randomhouse.de/cbt/

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