Bram Stoker – Dracula (Gruselkabinett 16-19)

Die wackeren Vampirjäger in Transsylvanien

Im Jahr 1893 befindet sich das britische Weltreich auf dem Höhepunkt seiner Blüte. Doch Graf Dracula, der Fürst der Dunkelheit, verlegt seinen Wohnsitz nach London, um seine unstillbare Gier nach Blut zu befriedigen. Wird er das Imperium mit seiner untoten Brut zu Fall bringen? Doch nein. In einer dramatischen Jagd verfolgen der junge Dr. Seward und sein Lehrmeister Prof. van Helsing gemeinsam mit dem Anwalt Jonathan Harker und dessen Frau Mina den „Jäger der Nacht“ bis nach Transsylvanien, um seinem unheiligen Leben ein Ende zu bereiten.

Der Autor

Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des damals berühmten Theaterschauspielers Henry Irving verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers „Dracula“ gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Graf Dracula: Joachim Höppner (dt. Stimme von „Gandalf” alias Ian McKellen, im November 2006 verstorben)
Jonathan Harker: Simon Jäger (dt. Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett)
Peter Hawkins: Jürgen Thormann (Michael Caine, Max von Sydow)
Mina Murray, Harkers Verlobte: Tanja Geke (Scarlett Johansson)
Gräfin Dolingen: Melanie Pukaß (Halle Berry, Helena Bonham Carter)
Herr Dellbrück: Heinz Ostermann
Kutscher Johann: Christian Rode (Christopher Plummer, Michael Caine)
Soldat & Chronist: Nicola Devico Mamone
Offizier: Uwe Büschken (Matthew Broderick, Hugh Grant)
Vampire: Rita Engelmann (Catherine Deneuve), Monica Bielenstein (Emma Thompson), Arianne Borbach (Catherine Zeta-Jones, Diane Lane)
Lucy Westenra: Petra Barthel (Nicole Kidman, Uma Thurman, Bridget Fonda)
John „Jack“ Seward: Lutz Mackensy (Christopher Lloyd, Rowan Atkinson, Al Pacino)
Quincey P. Morris: Tobias Kluckert (Tyrese Gibson)
Renfield: Andreas Mannkopff (John Candy)
Abraham Van Helsing: Kaspar Eichel (Dennis Hopper in „E-Ring“)

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Studio AudioCue, Rotor Musikproduktion, Scenario Studio und bei Kazuya statt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

Handlung von „Draculas Gast“

Diese Story war ursprünglich der Prolog von „Dracula“. Daher kommen hier die Hauptfiguren vor, besonders Jonathan Harker.

Man schreibt den 30. April 1893. Jonathan Harker macht sich per Kutsche von München aus zu einem Ausflug ins Umland auf. Der Hotelbesitzer Delbrück warnt Jonathan, denn heute Nacht sei Walpurgisnacht, und man wisse ja, dass dabei der Teufel umgehe. Den vernünftigen Engländer kümmert das wenig. Er glaubt nicht an Teufel und Hexen. Im Zeitalter des Telegrafen und der Schreibmaschine leben wir ja schließlich nicht mehr im Mittelalter, oder?

Als Harker ein merkwürdig abgelegenes Tal erspäht, befiehlt er dem Kutscher Johann, abzubiegen und dort hinunter zu fahren. Doch Johann weigert sich. Mal von der Tatsache abgesehen, dass an dieser Kreuzung ein Selbstmörder begraben liegt, so sollen unten im verlassenen Dorf lauter Vampire gelebt haben, weshalb es ja auch schon seit hundert Jahren verlassen sei. Was der Herr wohl dort wolle?

Wölfe heulen, und ein Schneesturm ist im Anzug. Allmählich wird es ungemütlich. Trotzdem schickt Harker in seinem jugendlichen Hochmut Johann zurück nach München. Als in diesem Moment ein Fremder auf dem Hügelkamm auftaucht, gehen die Pferde durch. Gleich darauf ist der Fremde verschwunden. Wohl oder übel muss Harker allein und zu Fuß ins Tal hinabgehen.

Er beeilt sich, denn der Schneesturm kann gleich losbrechen. Nachdem er im Dunkeln einen düsteren Zypressenhain durchquert hat, landet er auf einem Friedhof und zwar direkt vor einem weißen Mausoleum aus Marmor. Doch es wurde seltsamerweise einer Selbstmörderin errichtet: für eine Gräfin Dolingen aus Graz. In Kyrillisch ist der Satz eingemeißelt: „Die Toten reisen schnell.“ Sehr lustig. Als er im Grabmal vor dem Hagelsturm Zuflucht suchen muss, erblickt er im Schein eines Blitzes die Gestalt einer schönen Frau auf dem Grab. Sie scheint sich aufzurichten und ihn anzulächeln. Der Donner kracht. Jonathan verlassen die Sinne.

Während der Sturm heult, kommt Harker etwas schwummrig wieder zu sich. Als er für einen Moment erwacht, liegt ein riesiger Wolf auf ihm …

Mein Eindruck von „Draculas Gast“

Jeder, der schon mal eine werkgetreue Verfilmung von Stokers „Dracula“ gesehen hat – am besten jene von Francis Ford Coppola -, wird sich sofort in die Lage von Jonathan Harker versetzen können, wird ihm vielleicht sogar das schmale, bleiche Gesicht von Keanu Reeves zuweisen. Harker hat ein morbides Interesse an allem Unheimlichen und verlangt daher sofort, in das Dorf der Vampire gefahren zu werden. Schließlich muss er doch laufen, begleitet von sämtlichen Vorboten des Unheils: ein am Kreuzweg begrabener Selbstmörder (in ungeweihter Erde bestattet), Sturm, Dunkelheit, Wolfsgeheul, Zypressen (typisch für südliche Gottesacker) und natürlich Gräber.

Natürlich bleibt das Unheil nicht aus. Blöd nur, dass Harker ständig das Bewusstsein verliert, was seiner Erzählung eine gewisse stroboskopartige Beleuchtung der laufenden Ereignisse verleiht. Ist aber vielleicht besser so, denn angesichts dessen, was Harker noch in Transsylvanien bei seinem Gastgeber erleben soll, darf der Autor nicht allzu viel vorwegnehmen, um die Spannung nicht zu verderben. Wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass Harker nicht doch von jenem Geisterwolf auf dem Friedhof gebissen wurde. Die Pointe kommt natürlich erst ganz am Schluss, als Harker ein seltsames Telegramm erhält …

Handlung von „Dracula“

Zahlreiche Dokumente werden zitiert, darunter viele Briefe, Telegramme, Protokolle usw. Zu den wichtigsten Dokumenten gehört zweifellos das Tagebuch von Jonathan Harker.

Das Jahr 1893. Harker ist der Gehilfe des Anwalts Peter Hawkins in Exeter und muss nach Rumänien reisen, um seinem Klienten Dracula Dokumente über den Kauf eines Hauses in England zu überbringen. Nachdem Jonathan über Budapest und Klausenburg nach Bistritz gereist ist, muss er die Postkutsche über den berüchtigten Borgo-Pass nehmen. Dort, so hat der Graf geschrieben, solle er in eine andere Kutsche umsteigen. Der Pass liegt über einem tiefen Abgrund, und wenn in der Ferne die Wölfe heulen, können die Pferde schon mal nervös werden. Das ist aber noch gar nichts gegen die wilde Fahrt in der Kutsche des Grafen. Und deren Kutscher hat so seltsam spitze, weiße Zähne …

Auch der Herr Graf besitzt eine prachtvolle Reihe solcher Beißerchen. Bloß nicht nervös werden, sagt sich Harker, schließlich ist das ein geschätzter Kunde seiner Kanzlei, und er nur ein Lehrling. Etwas merkwürdig ist es schon, dass der Schlossherr das Geheul der Wölfe als „die Musik der Kinder der Nacht“ bezeichnet. Ein, gelinde gesagt, eigenartiger Geschmack.

Das Interieur des Schlosses, welches über einem weiteren Abgrund steht, ist recht alt, aber geschmackvoll und teuer, auch die Bibliothek ringt Harker Anerkennung und Interesse ab. Es ist zwar merkwürdig, dass nirgendwo ein Spiegel zu sehen ist, aber wozu hat er denn seinen Rasierspiegel mitgebracht? Im Schloss würde er sich gerne in der Abwesenheit des Hausherrn, dessen „Geschäfte“ ihn stets tagsüber daran hindern, sich um seinen Gast zu kümmern, näher umsehen. Aber alle Türen sind verschlossen. Allmählich kommt sich Jonathan ein wenig wie ein Gefängnisinsasse vor.

Am 7. Mai erscheint der Graf wieder einmal unangemeldet, als sich Jonathan gerade rasiert. Dass der Hausherr keine Reflexion im Spiegel zeigt, versetzt ihm einen solchen Schrecken, dass er sich schneidet. Der Anblick des Lebenssaftes scheint den Grafen außerordentlich aufzuregen. Doch das Kruzifix an Jonathans Hals schreckt ihn ab, er schreit auf und zerbricht den Spiegel. Am 12. Mai verlangt Dracula, dass sein „Gast“ noch einen ganzen Monat lang hierbleibe, und Jonathan kann schlecht ablehnen, ohne den Kunden zu brüskieren. In dieser Nacht beobachtet er, wie Dracula die Außenwand des Schlosses hinabklettert wie eine Eidechse.

Endlich sieht Jonathan eine Chance! Während der Graf außer Haus ist, begibt er sich am 16. Mai in den Südflügel. Welch ein Glück, dass der Zugang nicht abgeschlossen ist. So gelangt er in ein orientalisch anmutendes Boudoir, das allerdings nicht ganz unbewohnt ist, wie es scheint. Drei Geisterfrauen sind entzückt über den schmucken männlichen Besucher. Da sie untot sind wie der Graf, wollen sie sich gleich über ihn hermachen. Doch Dracula geht dazwischen. Der Meister beansprucht Jonathan für sich, zumindest vorerst. Zum Ausgleich übergibt er den Vampirinnen einen Säugling, den Dracula frisch geraubt hat.

Am 19. Mai muss er auf Draculas Geheiß drei Briefe schreiben, um seine Kontaktpersonen in England zu beruhigen, insbesondere Peter Hawkins und Jonathans Verlobte, die Hilfslehrerin Mina Murray in Exeter. (Mina schreibt bereits besorgt an ihre Freundin Lucy Westenra in London, weil sie sich um Jonathans Verbleib sorgt.) Der letzte Brief ist auf den 29. Juni datiert, und da weiß Jonathan, dass dies der letzte Tag seiner Galgenfrist ist. Am 29. Mai verschwinden alle seine Dokumente, weil er zwei Briefe heimlich in die Heimat schmuggeln wollte, und seine Tür bleibt versperrt. Nur sein Tagebuch hat er vor dem nächtlichen Besucher verstecken können.

Am 24. Juni taucht vor dem Schloss eine verzweifelt rufende Frau auf, die den Grafen anfleht, ihr ihr Baby zurückzugeben. Jonathan warnt sie, dass der Graf seine Wölfe ruft. Vergeblich … Eine Nacht später sucht er die Schlüssel, entdeckt aber nach einer Kletterpartie nur den in einem Sarg reglos liegenden Grafen. Voll Entsetzen flieht er zurück in seine Zimmer.

Am 29. Juni beobachtet er etwas, das noch merkwürdiger ist als alles andere: Fünfzig Kisten, die wie Särge aussehen, werden von dienstbaren Zigeunern nur mit Erde gefüllt, auf Karren geladen und abtransportiert. Dracula verabschiedet sich. Als auch Jonathan zu gehen wünscht, öffnet ihm der Graf freundlich das Schlosstor („Reisende soll man nicht aufhalten.“), doch davor fletscht einer der Wölfe, die dauernd zu hören sind, die Reißzähne und knurrt Jonathan an. Der junge Mann beschließt zu bleiben, doch er weiß, dass er den drei Teufelinnen in die Hände fallen wird, wenn er es nicht schafft, das Schloss irgendwie zu verlassen. Er weiß genau, wo Dracula unterwegs ist: nach Carfax House, das er über die Kanzlei gekauft hat. Aber was hat das Monster dort bloß vor?

Mein Eindruck

So weit also das Tagebuch des bedauerlichen Jonathan Harker. Doch was dann folgt, ist der reinste Horrorfilm, und zwar in der Fassung, die man von Francis Coppola kennt. Den Verlauf der Handlung brauche ich wohl nicht mehr nachzuerzählen, ist er doch allen Zuschauern des Films gut bekannt. Allerdings ist das Ende ein wenig anders gestaltet als von den Amerikanern. Nach einer furiosen Aufholjagd fangen die zwei Paare von Vampirjägern die Kutsche des Grafen auf dem Borgo-Pass ab und setzen den Grafen dem Licht der untergehenden Sonne aus. Ein Showdown beginnt, der sich aber im Vergleich zu dem, was Hollywood an spektakulärem Bühnenzauber produziert hat, wie ein laues Sommerlüftchen ausnimmt.

Eine Nation von Vampiren

Wer sich nun fragt, was aus den anderen 50 Särgen geworden ist, die der Graf nach England verschiffen ließ, so gibt darüber der Mittelteil der Story Auskunft. Ich will aber nichts darüber verraten, um nicht die Spannung zu zerstören. Sie dienten jedoch als Grundstock für den Aufbau einer weltumspannenden Nation von vampirischen Untoten. Jeder von Draculas Sippschaft hätte demnach, so offensichtlich sein Plan, selbst eigene Sklaven schaffen sollen, die wiederum weitere Vampire geschaffen hätten – ad infinitum. Diese Art der Ausbreitung hat viel Ähnlichkeit mit einer Epidemie, wie sie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder auftraten, mit verheerenden Folgen. Der Vampirismus ist unter anderem eine biologische Krankheit.

Lucy, die Anti-Mutter

Aber auch eine psychologische. Dies zeigt sich sehr deutlich an den weiblichen Opfern des Vampirs. Lucy Westenra, die schöne Verlobte von Arthur Holmwood und Freundin von Mina Murray-Harker, wird nicht von ihrem Bräutigam entjungfert, sondern von einem dahergelaufenen Graf Dracula aus dem hinterletzten Rumänien – wie unstandesgemäß! Sie bekommt jedoch von ihm kein Kind, wie das Mutter Natur vorgesehen hat, sondern eben die vampirische Krankheit. Da ihr Tod nicht ihr Ende ist, tritt sie später als das Gegenteil einer richtigen Mutter auf: Sie gibt Kindern nicht das Leben, sondern sie nimmt es ihnen, indem sie ihren Blutdurst stillt. Und natürlich sehnt sie sich stets nach ihrem Herrn und Erschaffer bzw. Erwecker. Wie sagt er doch immer so beschwörend? „Fleisch von meinem Fleische, Blut von meinem Blute!“

Mind Control

Die vielfachen Verdrehungen, die der Vampirismus als Krankheit bewirkt, überhöhen die traurige Wirklichkeit, die die Epidemien dem Leser damals vor Augen führten, ins Monströse. Diese Faszination ist zwiespältig. Der Horror, der vom Vampir ausgeht, ist eindeutig: Das untote Leben als Sklave des Blutdurstes erscheint nicht gerade erstrebenswert. Aber die besonderen Fähigkeiten des Vampirs wie etwa die Hypnose und die Telepathie (Dracula kommuniziert so mit der hypnotisierten Mina), aber auch sein potenziell ewiges Leben entzünden die Vorstellungskraft und rühren an uralte Menschheitswünsche und -ängste. Wäre es nicht toll, unsterblich zu sein? Wäre es nicht phantastisch, die geheimsten Gedanken eines Menschen zu hören? Nein, nicht nur zu hören, sondern sie sogar manipulieren zu können?

Der Trost der Normalität

Der Autor benutzt diese Gegenwelt der Projektionen, um den Leser zu unterhalten und ihn am Ende der Geschichte mit der Gewissheit zurückzulassen, dass das banale Alltagsleben vielleicht doch dem Grauen des Vampirismus vorzuziehen sei. Die Aufregung der entzündeten Imagination ist zwar schauerlich, erotisch und lustvoll, aber am Ende muss dem Leser wieder bestätigt werden: Nicht nur, dass alles gut WIRD, sondern auch, dass alles gut so IST, wie es ist. Gäbe es kein Happyend, hätte der Leser allen Grund, unruhig in seinem Lesesessel umherzurutschen und über die Schulter zu blicken. Sind auch bestimmt genügend Knoblauchzehen und Kruzifixe aufgehängt?

Unrein!

Für Mina, die frisch getraute Mrs. Harker, sieht es eine ganze Weile gar nicht gut aus. Dracula hat sie nicht nur gebissen, sondern sie auch mit der Drohung, er werde ihren Mann töten, dazu gezwungen, von seinem Blut zu trinken. Sie soll auf diese mystische Weise so werden wie er selbst und wie ihre Freundin Lucy Westenra. Doch Minas Umwandlung ist noch nicht weit fortgeschritten. Sie bezeichnet sich selbst jetzt als „unrein“, und zwar in einer Stimme höchster Not. Sie darf ihren Mann nicht mehr anrühren.

Von nun an ist sie nicht mehr selbst am Steuer ihres Schicksals, sondern wird von einer unsichtbaren Macht gesteuert: vom Vampir-Virus. Deshalb legt sie gegenüber Professor Van Helsing seltsame Anwandlungen an den Tag, die starke Ähnlichkeit mit einer sexuellen Anmache haben. So verhielt sich zu Zeiten der Viktorianer nur eine „gefallene Frau“, und das ist ja die bedauerliche Mina in einer gewissen Weise.

Um der Sache des Guten zum Sieg zu verhelfen, lässt sie sich von Van Helsing hypnotisieren. Dank ihres telepathischen Bandes zu Dracula kann sie den Vampirjägern verraten, wo sich der Sarg ihres Meisters befindet. Dieser Verrat wiegt ihre – unfreiwillige – Schuld wieder auf. Würde man in den alten Bahnen des 19. Jahrhunderts denken, so erschiene sie als eine Maria-Magdalena-Figur, die durch tätige Buße erlöst werden kann. Das dürfte besonders religiös argumentierende Leserkreise im höchsten Maß befriedigt haben. In den meisten Verfilmungen sind Frauen lediglich wehrlose Opfer des Vampirs, doch Mina ist alles andere als das, und das ist sehr viel wert.

Die Sprecher / Die Inszenierung

„Dracula“ ist nicht nur Kino für die Ohren, sondern auch noch Hollywoodkino. Denn hier sprechen nicht irgendwelche Sprecher, sondern die deutschen Stimmen bekannter Stars aus der amerikanischen, englischen und französischen Filmgeschichte – siehe oben. Dass diese Profis eine solide Performance abliefern, versteht sich fast von selbst, und ich war entsprechend entsprechend zufrieden.

Die Hauptrolle

Wenn es einen hervorzuhebenden Star des hochkarätigen Ensembles zu nennen gibt, so ist dies zweifelsohne Joachim Höppner. Den viel zu früh verstorbene Sprecher von „Gandalf” alias Ian McKellen als den satanischen Graf Dracula einzusetzen, ist schon beinahe kühn zu nennen. Diese Stimme ist mittlerweile stark mit Gandalf, dem Agenten der Mächte des Guten in „Der Herr der Ringe“ verbunden. Dieses positive Image erst einmal abzustoßen, kostete mich einige Mühe.

Die Szenen, in denen er Dialoge mit „Jonathan Harker“ im Schloss führt, sind nicht gerade dazu angetan, das alte Gandalf-Image zu verdrängen, denn Dracula führt sich sehr manierlich auf, beinahe gütig und väterlich. Von Dämonisierung keine Spur. Erst als Dracula gegen seine drei Gespielinnen auftritt, tritt seine ganze Autorität hervor, und aus den Herr-der-Ringe-Filmen ist uns vom Weißen Gandalf eine hohe Autorität vertraut, die Höppner nun wieder in seine Stimme legt.

Im dritten Akt, der vierten CD, tritt Dracula gegenüber Lucy Westenra und Mina Harker als Herr und Meister mit ebenso großer Autorität auf. Wenn er die tapferen Vampirjäger verspottet und verhöhnt, so glaubt ihm die Verachtung aufs Wort. Es ist als ein weiter Weg von guten Gandalf zum bösen Dracula zurückzulegen – nicht nur für Höppner, sondern auch für den Hörer.

Das Prinzip der Inszenierung

Solche geübten und prestigeträchtigen Sprecher und Sprecherinnen einzusetzen, gehört zum Marketing von Marc Gruppe bzw. |Titania Medien|. Hinzu kommen jeweils traditionsreiche Schauergeschichten, die den nötigen emotionalen Rahmen für die Entfaltung solcher Stimmtalente liefern. Zu Anfang waren es eher unbekannte Geschichten wie etwa Launs „Totenbraut“, doch mittlerweile wagt sich Marc Gruppe an die Klassiker heran.

Nach den Weihnachtsstandards von Charles Dickens’ „Frohe Weihnachten, Mr. Scrooge“ und Burnetts „kleinem Lord“ nimmt sich der Produzent zentraler Stoffe an. „Frankenstein“ macht den Anfang, nun folgt also „Dracula“. Wer weiß, wozu Marc Gruppe und sein Team noch fähig sind. Ich bin bereits gespannt auf folgende Titel:

1) Alexandre Dumas: Der Werwolf (Gruselkabinett Nr. 20)
2) Per McGraup: Der Hexenfluch (Nr. 21)
3) Heinrich Heine: Der fliegende Holländer (Nr. 22)
4) Johann August Apel: Die Bilder der Ahnen (Nr. 23)

Geräusche und Musik

Das zweite konstante Merkmal der „Gruselkabinett“-Inszenierungen – man könnte sie auch Grusicals nennen – besteht darin, alle Geräusche sehr realistisch und glaubwürdig zu gestalten, aber sich dabei stets an die Vorgaben des Horrorgenres zu halten. Wenn es also Nacht ist und Furcht und Grauen angesagt sind, so ruft das Käuzchen und heult der Wolf. Die Kirchturmuhr schlägt die Stunde, am besten rollen noch zwei oder drei Donnerschläge über den Himmel, um den Hörer wissen zu lassen, dass die Mächte des Bösen umgehen. Gleich wird etwas Schreckliches geschehen, so viel ist klar. Hufgekpapper und Kutschenpoltern machen uns klar, das wir uns im tiefsten viktorianischen Zeitalter befinden.

Die Musik ist wie fast jede andere Filmmusik nach konventionellem Muster gestaltet, und niemand, der auf alte Dracula-Filme steht, wird sich daran stören. Die Musik lenkt die Emotionen auf subtile, aber wirkungsvolle Weise. So setzt beispielsweise „Draculas Gast“, der Prolog, mit Oboen und Flöten ein, die dem im Vordergrund erklingenden Wolfsgeheul eine Atmosphäre des Mystischen hinzufügen.

Eine Eigenheit dieser Hörfassung sei nicht verschwiegen. Jede der drei ersten CDs endet mit einer Art Tusch des gesamten Orchester. Wer also wider Erwarten eingeschlafen sein sollte, wird nun wieder aufgeweckt. Es gibt auch Actionstrecken, die von entsprechend dynamischer Hintergrundmusik begleitet werden, die Bewegung und zielgerichtetes Handeln der Hauptfiguren suggeriert.

Der Komponist hat auch die Leitmotivtechnik eingesetzt, um jedem der Figurenpaare – allen voran Jonathan und Mina Harker, aber auch Lucy und Arthur sowie Seward und van Helsing – zu einem gewissen Wiedererkennungswert zu verhelfen. Wer genau hinhört, wird feststellen, dass dies meistens auch klappt. Auf diese Weise kann sich das Unterbewusstsein des Zuhörers schneller auf einen Szenenwechsel umstellen, wie er in der Handlung recht häufig vorkommt. Außerdem verdeckt die Musik die Tatsache, dass wir einen Großteil der Handlung ausschließlich durch Dokumente vermittelt bekommen, was auch zu Rückblenden führt. Dabei erweist sich die Führung durch musikalische Leitmotive als sehr hilfreich bei der Orientierung.

Unterm Strich

Nach einem sehr stimmungsvollen und spannenden Auftakt in „Draculas Gast“ (CD Nr. 1) erwartete ich eine Fortsetzung im gleichen Tempo. Dem ist nicht so. Wo andere Audiofassungen die „Dracula“-Story auf nur 80 Minuten komprimieren und dabei so manches schöne Detail weglassen, erstreckt sich die „Dracula“-Handlung hier auf rund 190 Minuten. Das bedeutet neben einem hohen Detailreichtum aber auch, dass der Beginn von Jonathan Harkers Reise nach Transsylvanien (CD Nr. 2) recht schleppend beginnt. Ich habe mich daher gefragt, ob die Macher nicht die eine oder andere Szene hätten streichen oder straffen können.

Doch auf der dritten und vierten CD hatte ich diesen Eindruck überhaupt nicht. Das ist vor allem der erzählerischen Technik der vielen Blickwinkel zu verdanken, die den Eindruck erweckt, es sei ständig etwas los – oder zumindest im Anzug. Und dieser Eindruck oder Verdacht stellt sich als korrekt heraus. Bis zum Höhepunkt lässt die Action nicht mehr nach. Und ein Höhepunkt ist sicherlich die verhängnisvolle Fahrt des unglücklichen Seglers „Demeter“, dessen gesamte Mannschaft dem Obervampir zum Opfer fällt, als er nach England übersiedelt.

Das vorliegende Hörspiel unterhält nicht nur fabelhaft inszeniert, sondern lässt auch den grundlegenden Charakter von Stokers Klassiker erkennen: Es ist nicht nur eine 08/15-Räuberpistole über verwegene Vampirjäger. Hier werden auch unterschwellige Strömungen der Kultur des fin de siècle (= Ende des 19. Jahrhunderts) aufgegriffen und für die Langzeitverwertung verarbeitet. Es dauerte nicht lange, bis der erste Dracula-Film über die Leinwand flimmerte (1931, mit Bela Lugosi). Und der erotische Dämon, den der Vampir verkörpert, ist deshalb bis heute ein fester Mythos in der westlichen Zivilisation. Wie sonst wäre der stetig wachsende Fundus an Vampirserien zu erklären?

Originaltitel: Dracula, 1897 und 1914
260 Minuten auf 4 CDs
http://www.titania-medien.de
http://www.luebbe-audio.de

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