MacBride, Stuart – Shatter the Bones (Logan McRae 7)

_|Logan McRae|:_

01 [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
02 [„Dying light“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6758
= [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
03 [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
04 [„Flesh House“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6760
= [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5792
05 „Blinde Zeugen“
06 [„Dunkles Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7164
07 _“Shatter the Bones“_

_Kidnapper, Huren und kleine Mädchen – Aberdeen steht Kopf_

Das schottische Gesangsduo Alison und Jenny McGregor war ein vielversprechender Kandidat für die Talentshow „Britain’s Next Big Star“. Doch seit sechs Tagen sind Mutter und Tochter verschwunden. Entführt, wie eine Lösegeldforderung deutlich macht. Lösegeld, das von ganz Großbritannien binnen 14 Tagen aufgebracht werden soll, sonst …

Die Ermittlung der Grampian Police Force in Aberdeen hat keinerlei Anhaltspunkte. Bis am sechsten Tag ein kleiner abgeschnittener Kinderzeh die Forderungen der Entführer drastisch unterstreicht.

_Der Autor_

Stuart MacBride war schon alles Mögliche: ein Grafikdesigner, dann ein Anwendungsentwickler für die schottische Ölindustrie und jetzt Kriminalschriftsteller. Mit seiner Frau Fiona lebt er in Nordostschottland. Seine Krimis um Detective Sergeant Logan McRae spielen in Aberdeen.

Werke:

1) Cold Granite (2005) = Die dunklen Wasser von Aberdeen
2) Dying light (2006) = Die Stunde des Mörders
3) Broken skin (2007; US-Titel: Bloodshot) = Der erste Tropfen Blut
4) Flesh House (2008) = Blut und Knochen
5) Blind eye = Blinde Zeugen (2009)
6) Halfhead (2009, SF)
7) Dark Blood (2010) = Dunkles Blut
8) Shatter the Bones (2011) = Knochensplitter
9) Sawbones (2011)
10) Birthdays for the Dead (2012)

_Handlung_

Logan McRae rast mit Sgt. Rennie um die Kurve. Reifen quietschen, Rennie keucht angstvoll auf. „Noch 90 Sekunden …“ McRae drückt auf die Tube, donnert durch Aberdeens Vororte, brettert um Kreisverkehre, donnert über Schwellen, nur um die Deadline zu schaffen, die die Entführer gesetzt haben. Der Auspufftopf verabschiedet sich von der metallischen Gemeinschaft des Polizeiwagens, als McRae mit Karacho über eine weitere Schwelle düst. Sie schaffen es nicht zur bezeichneten Telefonzelle: „zwei Minuten über der Zeit“, verkündet Rennie düster. Was werden sie in der Zelle finden?

Alison und Jenny MacGregor, ein vielversprechendes Gesangsduo aus Mutter und kleiner Tochter, ist entführt worden. England und Schottland haben gerade mal 14 tage Zeit, um das erhebliche Lösegeld für die gekidnappten aufzubringen. Unterdessen muss die Aberdeener Polizei, die Grampian Police Force, alles unternehmen, um den Forderungen der Entführer nachzukommen – und zugleich die Suche vorantreiben. Bislang erfolglos. Deshalb auch der rasende Eifer von Detective Sergeant Logan McRae, der es wirklich gerne bald zum Detective Inspector bringen würde.

In der Zelle befindet sich ein gelbes Päckchen. McRae öffnet es mit behandschuhten Händen, weil er hofft, dass er einen weiteren Hinweis findet. Doch der Inhalt ist ein höhnischer Zettel – und ein abgeschnittener Kinderzeh. Gehörte er Jenny? Rennie dreht es den Magen um, während McRae flucht. Die Laboruntersuchung der DNS bestätigt den finsteren Verdacht: Das Körperglied gehörte der kleinen Jenny. Die Presse tobt und will Blut sehen. Oder wenigstens einen Verdächtigen. Besonders nachdem einer Ihren, der geschniegelte Reporter Colin Miller, ein Schreiben der Erpresser mitten in der Pressekonferenz präsentiert hat.

Schon am nächsten Morgen muss McRae die Wohnung einer Familie von Drogensüchtigen und Dealern stürmen. Es wird ein Desaster, denn Shuggie Webster, der Kopf der Bande, kann entkommen. Und Trisha Brown, seine drogensüchtige Frau, beschuldigt McRae, sie vergewaltigt zu haben. Für Logan ist es also mal wieder Zeit, die allseits beliebte Dienstaufsicht zu beehren. Da freut er sich schon tierisch drauf.

Doch alles, was Trisha Brown will, sind die beschlagnahmten Drogen. Die Ziegelsteine von Heroin haben die Websters nämlich auf Pump gekauft, und die Verkäufer wollen jetzt ihre Ware zurück – oder das Geld. Shuggie Webster ist noch längst nicht über alle Berge. Das muss McRae schmerzhaft feststellen, als Shuggie ihn in eine Falle lockt, seinen Rottweiler auf ihn hetzt und sich sein Polizeiauto schnappt. Logan beschleicht ein finsterer Verdacht. Könnte der Drogendealer am Ende hinter der Entführung der MacGregors stecken, um das Lösegeld zu verwenden, seine Drogenlieferanten zu bezahlen?

Die weiterhin ergebnislose Ermittlung zieht nach dem Willen der Gewaltigen an der Spitze immer weitere Kreise. Sexuelle Missetäter zu interviewen, ist ebenso wenig ergiebig wie appetitlich, und das Befragen von Alisons ehemaligen Mitstudenten fördert ein paar seltsame Gestalten zutage, darunter eine angehende Stalkerin. Doch die Entführung, bei der keine einzige DNS-Spur hinterlassen wurde, war so professionell durchgezogen, dass McRae seine Zweifel hat, die Studenten könnten auch nur den Pudel einer Oma entführen.

|Unterdessen|

Die Monster sind ganz in Weiß gekleidet. Die sechsjährige Jenny beobachtet sie, wenn sie mit diesen Roboterstimmen miteinander sprechen. Sie tragen Skibrillen, Schals, Gummihandschuhe sowie Duschhauben an den Schuhen. Alles in Weiß. Sie tragen Namensschilder, die sie gut lesen kann, während sie angekettet auf dem Bett liegt. Darauf steht SYLVESTER, TOM, DAVID, COLIN und PATRICK.

DAVID ist der schreckliche Anführer, der Mummy im anderen Zimmer immer wehtut, bis sie weint. Nach einer Weile kommt COLIN nicht mehr, der ihr immer so sanft ihre Spritzen geben hat. Nun muss SYLVESTER das erledigen, und er ist ein Stümper. So wie jetzt. Die Biene sticht, und Jennys Gedanken wandern ins Nimmerland …

|Feuer unterm Hintern|

Es ist nachts um drei, als McRae von einem Geräusch an der Wohnungstür geweckt wird. Er steht auf und schaut nach. Die Klappe für die Post ist geöffnet und jemand füllt ein Kondomm voll Benzin. Logan schreckt auf – er weiß, was das bedeutet. Er ruft nach seiner Freundin Samantha, doch sie schläft fest. Das weiße Kondom wird gefüllt, dann folgt ein kratzendes Geräusch: ein Streichholz wird angerissen.

Fürs Eingreifen ist es zu spät, daher spurtet Logan zurück ins Schlafzimmer, ruft dabei ständig Samanthas Namen. Auf einmal dröhnt ein Donnerschlag. Die Tür des Schlafzimmers, die Logan gerade schließen will, wird von der Explosion aus den Angeln gerissen und er unter ihr begraben …

|Seitenwechsel|

Als Logans Wohnung in Brand gesetzt und dabei seine Freundin Samantha schwer verletzt wird, ist eine rote Linie ganz klar überschritten worden. Nun ist die Sache persönlich. McRae setzt alles daran, die verschiedenen Rätsel aufzuklären – und wendet sich an das organisierte Verbrechen in Aberdeen. Dort empfängt man ihn mit offenen Armen, wie einen verlorenen Sohn …

_Mein Eindruck_

Nach vielen Anläufen und unzähligen Anschissen seitens seiner Vorgesetzten schafft es der Held Logan McRae, endlich vom Underdog-Dasein eines Detective Sergeant in den nahezu erhabenen Rang eines Detective Inspector aufzusteigen. Ehrenhalber und interimsmäßig, wie sich sein Chef beeilt hinzuzufügen. Trotzdem: Endlich heimst McRae Lorbeeren. Er wagt nicht zu verraten, auf welche Weise – er hat sich mit der Unterwelt eingelassen und fast einen Menschen getötet. Ein geradezu faustischer Pakt. Kein Wunder, dass ihn sein Gewissen plagt.

Andererseits ist sein „Sündenfall“ gerechtfertigt: Trisha Brown ist ebenso entführt worden wie die beiden MacGregors. Nur dass sich um die Junkie-Hure keine Sau kümmert, am allerwenigsten die Medien. Trishas Mutter Helen wirft McRae diese Ungerechtigkeit völlig zu Recht vor. Aber was soll er machen? Niemand verlangt für eine verschwundene Hure Lösegeld oder setzt auch nur eine Belohnung aus. Wie sich herausstellt, erfordert es McRaes ganze Schläue und körperliche Einsatzbereitschaft, um Trisha zu finden und zu befreien.

Im Unterschied dazu scheint Alison Macgregor nahezu ein Engel zu sein. Kein Wunder, dass die Millionen Fans dieses C-Promis bereit sind, nicht weniger als 9 Millionen Pfund (etwa 10,4 Mio. Euro) auf ein Konto ihres Senders zu überweisen, um sie freizubekommen. Merkwürdig ist jedoch, dass Alisons Entführer nie festgelegt haben, welche Summe ihnen als ausreichend erscheint. Warum dieser Umstand nie zur Sprache gebracht wird, kann ich mir nicht erklären. Ist dieser Aspekt etwa zu banal? Mir scheint er gegen die Professionalität der Entführer zu sprechen.

Wie immer wirft das Schicksal in Gestalt von dämlichen Vorgesetzten unserem Helden jede Menge Knüppel zwischen die Beine, um ihn an einem simplen Erfolg zu hindern. Da könnte ja jeder dahergelaufene Detective Sergeant den Bossen die Lorbeeren klauen! Soweit darf es nicht kommen, denn würde ja die Hierarchie infragestellen.

Ganz besonders hervortut sich ein Berater für das organisierte Verbrechen. Der Typ mit dem vielsagenden Namen „Mr. Green“ scheint mehr auf TV-Heldentum interessiert zu sein als an vernünftiger Polizeiarbeit. Durch Drohungen verschreckt er beispielsweise einen als Pädophilen registrierten Arbeiter namens Frank Baxter. Als Greens Drohungen publik werden und in den Zeitungen landen, taucht Baxter unter – nun ist er keine Hilfe mehr. Er kommt nicht weit. In Dundee entdecken ihn harte Kerle und machen Kleinholz aus ihm.

Das Generalthema ist die kritische Beleuchtung der Auswirkungen, die die Medien TV und Presse auf das Bewusstsein der Menschen in Aberdeen – der Autor spricht nie für andere Gegenden – haben. Der Medienhype macht aus einer Beinahehure wie Alison MacGregor eine Heilige, während echte Huren, die McRae befragt, unbemerkt belästigt werden und im Nichts verschwinden können. Die Heiligsprechung Alisons erzeugt eine weitere, weitaus gefährlichere Spezies von Fan: eine Stalkerin. Sie wird sich als Alisons Nemesis erweisen.

Eine Weile sieht es so aus, als hätten entweder Pädophile oder Alisons Mitstudenten mit der Entführung zu tun. Die Verbindung zu der Science-Fiction-Fernsehserie „Dr. Who“, die in Großbritannien seit zig Jahren läuft, ist doch recht auffällig. Und im Gegensatz zu Logan McRae verstehen wir nun auch, warum sich die Entführer in eine Art Raumanzug gekleidet haben. Die Umhüllung verhindert auch, dass sie irgendwelche DNS-Spuren hinterlassen. Schlaue Bürschlein.

Doch die knallharte Wahrheit, auf die Mr. Green Logan McRae und DS Rennie stoßen, ist weitaus erschütternder. Wirklich zu Herzen gingen mir jene Szenen, deren Zeuge wir aus der Perspektive der sechsjährigen Jenny MacGregor werden. Die Entführer amputieren ihr die beiden kleinen Zehen – das Video wird der BBC zugespielt, so dass die Cops das Nachsehen haben. Ganz England ist geschockt – und spendet Lösegeld wie verrückt. Die Spritzen, die Jenny nun bekommt, sollen eine Infektion verhindern. Die Szenen sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber alles andere wäre bei einem Autor wie Stuart MacBride wirklich ein Wunder.

_Fehler im Text_

Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mal ein englisches Original sehen würde, das derart viele Fehler aufweist wie das vorliegende Buch. Der Einfachheit halber zähle ich sie einfach auf.

S. 160: “ …saw the psychologist star[t]ing at him …“ Das T ist überflüssig.
S. 165: „You do what your fucking told.“ Es muss heißen: “ …what you’re fucking told.“
S. 280: „I told him threatening Frank Baker [was] would just make him run.“ „was“ ist hier überflüssig.
S. 286: “ …petrol squir[t]ing from the open end …“ Das T muss rein.
S. 350: „And J.U. had made it quite clear what would that would involve.“ Offenbar ist hier ein „would“ zuviel im Satz, aber welches? Ich tippe auf das erste.
S. 363: „She picked up [the] folder.“ Ein wichtiges Wort fehlt.
S. 389: „why has [he] been rebelling against them all his life?“ Auch hier fehlt ein wichtiges Wort.
S. 435: „The un[i]formed constable shook Logan’s hand.“ Ungeformte Constables könnten die öffentliche Sicherheit gefährden, uniformierte aber wohl nicht.
S. 438 (letzte Seite): „He must have [through] I was on to them.“ Es muss richtig heißen: „He must have thought I was on to them.“

Offensichtlich lässt die Lektoratsqualität auf den britischen Inseln stark nach.

_Unterm Strich_

Ich kenne fast alle Thriller von MacBride bis auf den jüngsten und muss sagen, dass mich „Shatter the Bones“ keineswegs vom Hocker gerissen hat. Der Plot lässt sich in zweieinhalb Zeilen zusammenfassen – aber das trifft wohl auf die meisten Krimis zu. Deswegen wirkte der Krimi auf mich über weite Strecken hinweg aufgebläht und substanzlos, ganz besonders in der ersten Hälfte. OK, hier kommt häufig die schwarze Komödie zu ihrem Recht.

Ab der Mitte, als das Video mit den amputierten Zehen gezeigt wird tritt eine Wendung ein, und spätestens mit dem Brandanschlag auf McRaes Wohnung ist das Maß des Erträglichen voll – McRae ergreift verzweifelte Maßnahmen ohne Rücksicht auf Verluste. Die Ermittlung steigert sich zum ersten Finale, das der Rettung von Trisha Brown gilt, und dem zweiten Finale, das der Rettung der MacGregors gilt.

Der Epilog liefert noch einmal eine bittere Pointe, die typisch ist für MacBrides ultrarealistischen und zugleich anklagenden Stil. Angesichts des Gehalts der zweiten Hälfte fand ich mich schließlich doch noch genügend zufriedengestellt, um ruhigen Gewissens vier von fünf Sternen vergeben zu können.

|Das Englischniveau|

Wer nicht beste Kenntnisse der verschiedenen englischen Lokaldialekte und vor allem des Schottischen vorweisen kann, sollte sich nicht ohne Weiteres an dieses Buch wagen. Selbst beste Wörterbücher scheitern an Dialektausdrücken wie „munter“ (nein, nicht das DEUTSCHE Wort). Auch ich musste die meisten Dialektausdrücke aus dem Kontext erschließen. Zum Glück habe ich bereits ein halbes Dutzend MacBrides gelesen (s. o.), so dass ich weniger Schwierigkeiten damit hatte.

Aber wer die schlimmen Schimpfwörter mitbekommen will, die sich die Leute in Aberdeen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an den Kopf werfen, der sollte eben zum authentischen Original greifen. Leider erweist sich dieses Original als mit sinnentstellenden Druckfehlern behaftet.

Zum Glück liegt seit September die Übersetzung auf den deutschen Ladentischen. Ich kann nur hoffen, dass die Druckfehler des Originals nicht auch die Übersetzung negativ beeinflusst haben. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

|Paperback: 438 Seiten
ISBN-13: 978-0-00-734422-2|
http://www.orionbooks.co.uk
http://www.stuartmacbride.com

_Stuart MacBride bei |Buchwurm.info|:_
[„Halfhead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6773

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