Scalzi, John – Androidenträume

_Aufs Schaf gekommen: Aschenputtel rettet die Galaxis_

Die ferne Zukunft: Die Menschen haben das Weltall besiedelt und mit zahlreichen Alien-Völkern politische Bündnisse geschmiedet. Doch dann kommt es auf einer interstellaren Konferenz zu einem fatalen Attentat durch einen Menschen. Der Frieden der Galaxis – und der Fortbestand der Erde – stehen auf Messers Schneide. Und nur ein Mann kann den Krieg noch verhindern. Ein Mann, der es gewöhnt ist, schlechte Nachrichten zu überbringen …

_Der Autor_

Der Amerikaner John Scalzi, geboren 1969, arbeitet als Journalist, Kolumnist und Schriftsteller. Sein Debütroman „Krieg der Klone“ machte ihn auf Anhieb zum Shootingstar der amerikanischen Science-Fiction. Scalzi lebt mit seiner Familie in Bradford, Ohio. Mehr Info unter [www.scalzi.com]http://www.scalzi.com . (ohne Gewähr)

_Handlung_

|Zwei Todesfälle|

Immer diese lästigen Konferenzen, denkt Dirk Moeller, über irgendwelche Handelsquoten. Aber Moeller ist nun mal der Unterhändler des Außenministeriums und muss sich um diesen Scheiß kümmern, wenn die Nationen der Erde weiterhin mit den Nidu Handel treiben wollen. Und diese Nidu sind nun ja wirklich keine Typen, die man kurz mal übers Ohr hauen könnte, sondern leider die stärkste Militärmacht im erdnahen Raum. Der die irdische Weltraumflotte nur ein paar poplige Zerstörer entgegenstellen könnte, wenn es darauf ankäme. Nun, man kann Verhandlungen auf verschiedene Weise führen, beschließt Dirk und denkt an das Supersonderspezialgerät in seinem Mastdarm.

Wenige Stunden später ist der Leiter der Nidu-Delegation an einem Schlaganfall gestorben, doch auch Dirk Moeller hat den Löffel abgegeben. Diplomatische Verwicklungen drohen, die zu einem Krieg führen könnten. Das Außenministerium ist ebenso in Aufruhr wie der Verteidigungsminister, während sich der Präsident im Urlaub befindet. Schon machen sich die ersten Nidu-Schlachtschiffe auf den Weg, um durch den Hyperraum – oder was auch immer – zur Erde zu fliegen.

|Zwei Ministerien|

Das ist nicht gut, denkt der Außenminister geistreich, als ihn der Botschafter der Nidu sprechen möchte. Bloß nicht provozieren! Der Botschafter ist die Freundlichkeit in Person – Kunststück bei einem zähnestarrenden Echsenmaul. Es habe auf dem Heimatplaneten der Nidu durch den Ausfall des geschätzten Nidu-Führers eine Komplikation in der Thronfolge gegeben, und nun müsse binnen weniger Tage ein Nachfolger inthronisiert werden. Die dafür vorgesehene Zeremonie sieht jedoch ein pikantes, aber entscheidendes Element vor: Ein blaues Schaf sei dafür notwendig, und zwar aus der Rasse „Androidentraum“ (vgl. dazu Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, besser bekannt als „Blade Runner“).

|Zwei Spezialisten|

Der Außenminister verspricht hoch und heilig, dieses, äh, blaue Schaf herbeizuschaffen, koste es, was es wolle. Es könnte ja die Erde kosten, bemerkt der Nidu-Botschafter beiläufig und verschwindet. Das Verteidigungsministerium hat durch eine raffinierte Wanze die Unterhaltung mit angehört und ist baff: ein blaues Schaf? Wo um alles in der Welt gibt es „Androidenträume“? Doch der Adjutant des Ministers hat da schon eine Idee: Er hat einen Computerhacker an der Hand, der ihm einen Gefallen schuldet. Und auch für die Schmutzarbeit hat man ein paar harte Jungs an der Hand.

Aber auch der Adjutant des Außenministers ist nicht auf den Kopf gefallen. Er hat ebenfalls einen Spezialisten an der Hand, den er normalerweise zum Überbringen schlechter Nachrichten einsetzt. Doch leidet ist dieser „Harris Creek“ ihm keinen Gefallen schuldig, sondern muss mühsam überredet werden. Natürlich bekommt Harris, ein ehemaliger Veteran einer verheerenden Niederlage bei einer Schlacht, nur das Nötigste gesagt und lässt sich auf den 08/15-Job. Nur ein paar Daten überprüfen? Null Problemo.

|Zwei Pläne|

Seltsamerweise scheinen alle Schafzüchter, die „Androidenträume“ halten, von eine Reihe unglückseliger Todesfälle heimgesucht zu sein. Und nicht nur sie fallen dieser mysteriösen Todesserie zum Opfer, sondern vor allem auch ihre schäflichen Schützlinge. Jedenfalls gelingt es Harris Creek nicht, auch nur ein einziges lebendes „Androidentraum“-Schaf aufzutreiben. Okay, Plan B: Suche nach „Androidentraum“-DNS in den USA. Bingo! Dieses Erbgut befindet sich nach Auskunft seines Supercomputers in einem Individuum, das den Namen Robin Baker benutzt und eine Zoohandlung betreibt.

Robin Baker ist die rothaarige und höchst attraktive Besitzerin einer Zoohandlung, die auch außerirdische Kreaturen führt. Als Harry Creek nach einem solchen Schätzchen erkundigt, kommt ihm die Besitzer ganz normal vor. Von Schaf-DNS ist ihr jedenfalls nichts anzumerken: kein Fell, keine spitzen Ohren, kein Wedelschwänzchen und schon gar keine Schafszähne. Beruhigend. Als jedoch ein Typ einen Gecko kauft und diesen gleich wieder draußen vor der Tür in den Mülleimer wirft, merkt Harry, dass der Feind nicht schläft und es ebenfalls auf Robin abgesehen hat.

|Zwei Weltenretter|

Also muss Plan C inkrafttreten: Harry nimmt Robin in seine Obhut, denn schließlich steht der interstellare Frieden auf dem Spiel. Die gute Frau hat noch keinen blassen Schimmer, welche Rolle sie in Kürze auf dem Heimatplaneten der schrecklichen Nidu spielen wird. Und wie alle Rothaarigen sträubt sie sich, ungefragt für die Zwecke obskurer Ministerien eingespannt zu werden. Für Spezialist Harry Creek brechen turbulente Zeiten an …

_Mein Eindruck_

Zunächst mutete mich die hirnrissig überzogene Story wie ein gigantischer Witz an, und zwar an einen zu Ehren des 1982 verblichenen amerikanischen SF-Autors Philip K. Dick. Er war es bekanntlich, der Androiden von elektrischen Schafen träumen ließ, also von „Androidenträumen“ – und genau diese Rasse scheint hier der klassische McGuffin nach hitchcockschem Muster zu sein. Man könnte die Geschichte genauso gut „North by Northwest in the Galaxy“ nennen, nach dem Originaltitel von Hitchcocks Klassiker „Der unsichtbare Dritte“.

Der Plot beginnt zwar hirnrissig, hielt mich aber durch ein paar hübsche Wendungen und Erfindungen bei der Stange, statt in übelsten Trash abzurutschen. So gelingt es Harry Creek, einem wahren Supermann und Allzweckwaffe, seine in der Schlacht auf Pajhmi getöteten Bruder Brian in einem Großcomputer zum virtuellen Leben wiederzuerwecken. Brian wird eine nicht ganz unerhebliche Rolle im Grande Finale spielen, schon allein aufgrund der Tatsache, dass er praktisch alle Daten aufspüren kann, auch die der Nidu, und deren Netzwerke terranischer Herkunft …

Außerdem bekommt es Harry mit seinem Gegenstück zu tun, das vom Verteidigungsministerium auf ihn angesetzt worden ist. Archie McClellan ist nicht bloß ein Computerfreak, sondern auch Angehöriger einer Sekte: der Kirche des Höheren Lamms. Diese Sekte hat sich einst ein verrückt gewordener Möchtegerndichter und -abzocker ausgedacht. Sein Buch der Prophezeiungen spielt ebenso eine Rolle für die Geschichte wie Archie McClellans Zugehörigkeit zu dieser kuriosen Kirche.

Und als wäre dies nicht genug, gibt es noch die Revisionisten, die den Nidu für die Niederlage in der Schlacht auf Pajhmi kräftig in den Hintern treten würden. Schroeder, der Leiter des Amerikanischen Instituts für Kolonisation, hat Dirk Moeller benutzt, um den Delegationsleiter der Nidu zu töten. Und er hat gute Freunde im Pentagon, versteht sich. Diese wiederum haben Archie McClellan und seinen rauflustigen Freund Rod Acuna in Marsch gesetzt.

Dies alles ist eine explosive Mischung von Interessen und Aktivitäten. Kein Wunder also, wenn es früher oder später zu heftigen Auseinandersetzungen kommt, in deren Verlauf gewisse Erkenntnisse gewonnen werden, aber auch gewisse Verluste zu verzeichnen sind. Fragt sich nur, wer am Schluss lebend übrigbleibt und die besseren Karten hat. So wies aussieht, ist Harry Creek der bessere Pokerspieler.

|Mal im Ernst|

Jetzt aber mal Scherz beiseite. Was bleibt den übrig, wenn die Bühnenfaxen vorüber sind und sich der Leser fragt, ob sich das Lachen und Grinsen gelohnt hat? Unter der Kühlerhaube scheint der Motor dieses Vehikels für Amüsement nämlich ganz anders zu ticken. Wir haben zwei Hauptfiguren, die beide eine ganz besondere Geschichte besitzen, die sie unverwechselbar macht. Harry ist ein Veteran mit einem Trauma, das er sich in der Schlacht von Pajhmi geholt hat: Den Verlust seines Bruders und weiterer zehntausend Kameraden. Harry muss durch die Rückkehr an den Ort dieses Geschehens eine sehr wichtige Lektion lernen, ganz so als läge auf der Couch eines Psychiaters.

Robin Baker ist zu 20 Prozent ein Schaf – zugegeben ein sehr seltenes Schaf, aber dennoch ein Schaf. Das kratzt ein wenig an ihrer bisherigen Selbstachtung, vor allem weil die Art und Weise wie es zu diesem Hybriden kam, nicht nur völlig illegal, sondern auch sexuell anrüchig ist. Mehr sei vor den Kindern nicht gesagt! Auch Robin muss also ihr emotionales Nervenkostüm flicken, und das wird sie am besten auf der Nidu-Heimatwelt können. Ganz nach dem amerikanischen Credo, dass für jeden von uns seine Bestimmung irgendwo wartet, findet sie auf Nidu genau den Ort, wohin sie gehört. Wo sonst würden die Nidu ein Schaf der Rasse „Androidenträume“ ebenso verehren wie es die Kirche des Höheren Lamms tut? Kinokenner dürfen gerne an den Film „Das fünfte Element“ denken, der doch verblüffende Ähnlichkeiten aufweist.

Doch bevor die beiden Helden ihre Bestimmung zwischen den Sternen erlangen können, müssen sie diverse Hürden überwinden, die doch sehr irdischer Natur sind. Sie geraten nämlich in den reichlich vertraut wirkenden Streit zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium. Beide Minister haben Mist gebaut, aber aus unterschiedlichen Gründen. Und diverse Individuen, die ich bereits genannt haben, müssen diesen Mist wieder ausbaden, damit die Nidu die Erde nicht pulverisieren (oder eine intergalaktische Umgehungsstraße bauen, wie bei Douglas Adams). Dieses Hin und Her wird den Pfeilen der Satire ausgesetzt und kommt daher nicht, ähem, ungeschoren davon (ein schiefer Vergleich, sorry).

Man sieht also, dass der Wahnsinn Methode hat. John Scalzi ist nicht nur ein sehr fähiger Erzähler, sondern auch ein listiger Kritiker an den Zuständen seines eigenen Landes. Durch Übertreibung ins Absurde, werden diese Zustände erkennbar und in ihrer Sinnlosigkeit angreifbar gemacht. Für solchen Unsinn werden Steuergelder verschwendet, darf sich der amerikanische Leser zu Recht fragen.

_Die Übersetzung_

Bernhard Kempen hat das Original kongenial übersetzt, und er musste dafür nicht mal ein Glossar erstellen, was sehr für die Verständlichkeit des Textes spricht. Sein Verdienst ist es, die verschiedenen Figuren mit völlig verschiedenen Ausdrucksweisen zu versehen und so gut unterscheidbar zu charakterisieren. Die Bürokraten, Diplomaten und Politiker reden eben anders etwa ein Mann fürs Grobe wie Rod Acuna, ein Militär oder ein Acuna-General. Und die schwärmerischen Angehörigen der Kirche des Höheren Lamms sprechen anders als, sagen wir mal, Robin Baker, die durchschnittliche Zoohandlungsbesitzerin.

Ich konnte höchstens ein oder zwei Flüchtigkeitsfehler finden.

_Unterm Strich_

Auf der ersten Blick mag das spannende, actiongeladene Thrillergarn oberflächlich und voller Klischees wirken. Aber diese Klischees werden gegen den Strich gebürstet und so übertrieben, dass darunter die typischen Grabenkämpfe zwischen Ministerien und Nationen (Erde vs. Nidu) zum Vorschein kommen. Dadurch werden sie kritisierbar, wie es ja die Aufgabe der Satire ist.

Deshalb hat mir das Buch nicht nur durch seine schrägen Einfälle jede Menge Spaß gemacht, sondern auch ein wenig Stoff zum Nachdenken und fürs Herz gegeben. Wo sonst als in einem solchen Sternenmärchen à la Edgar Rice Burroughs, gelangt eine Frau mit 20 Prozent Schafs-DNS zum Ziel ihrer geheimen Träume? Ups, sorry, zu viel verraten! Wer rasant erzählte SF mit einem Schuss witziger Satire und Romantik lesen möchte, ist hier genau richtig.

|Taschenbuch: 496 Seiten
Originaltitel: The Android’s Dream (2008)
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kempen
ISBN-13: 978-3453525047|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_John Scalzi bei |Buchwurm.info|:_
[„Krieg der Klone“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3677
[„Geisterbrigaden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4467
[„Die letzte Kolonie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5041

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