C. J. Cherryh – Fortress in the Eye of Time (Galasien-Zyklus 1)


Neue Fantasy-Welt: Ritter, Ladies und Magie

Der Zauberer Mauryl erschafft einen jungen Mann und versieht ihn mit geheimem Wissen um das Königreich Ylesuin. Tristen ist wie Parzival ahnungslos, was die Welt angeht, in die er gestoßen wird, als Mauryl gegen einen mächtigen Feind unterliegt. Er sucht weisungsgemäß den Kronprinz Cefwyn auf, und dessen Zauberer-Ratgeber Emuin nimmt Mauryls Geschenk an. Doch worin besteht das Geschenk und was ist so Besonderes an einem ahnungslosen jungen Mann aus den Wäldern?


Der Zyklus

Dies ist der erste Band im bislang fünfbändigen „Fortress“-Zyklus von C.J. Cherryh. Der zweite Band heißt „Fortress of Eagles“ (1998), der dritte erschien im Januar 1999 unter dem Titel „Fortress of Owls“. Unter dem Titel „Fortress of Dragons“ und „Fortress of Ice“ hat Cherryh inzwischen zwei abschließende Romane veröffentlicht. Dieser Fantasy-Zyklus stellt einen Höhepunkt in Cherryhs umfangreichem Schaffen dar: Die Recherche und Vor-Ort-Besuche erforderten 20 Jahre, sagt ihr Verlag. Das glaube ich gerne, denn dieser Kenntnisreichtum ist schon in den realistischen Details des ersten Bandes nicht zu zu übersehen.

Der Galasien-Zyklus:

1) Fortress in the Eye of Time (1994)
2) Fortress of Eagles (1998)
3) Fortress of Owls (1999)
4) Fortress of Dragons (2000)
5) Fortress of Ice (2006)

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

Vorgeschichte

Das Königreich Ylesuin erstreckt sich von den Shadow Hills im Norden bis zur schimmernden See im Süden, und der Fluss Lenúalim fließt mittendurch. Westlich davon liegt das Sihhe-Reich Elwynor, und östlich von Ylesuin erstreckt sich das feindliche Chomaggar. Ylesuin selbst ist in etwa ein Dutzend Grafschaften aufgeteilt, von denen Amefel an Elwynor grenzt. Tatsächlich waren Amefel und Elwynor einst unter den Sihhe-Königen vereint: Galasien. Das Land ist aufgeteilt durch Berg- und Hügelketten und vielfach bedeckt von Wäldern voller Wild.

Es ist das dritte Zeitalter der Welt, und die Sihhe-Könige der alten Zeit sind alle verschwunden. (Obwohl sich die Könige des benachbarten Elwynor immer noch nur als „Regenten“ der Sihhe bezeichnen und auf die prophezeite Rückkehr des Sihhe-Königs hoffen.) Das alte Königreich Galasien, das die Sihhe Ynefel nannten, ist verschwunden und mit ihm die prächtigen Bauten, die seine gleichnamige Hauptstadt Ynefel auszeichneten.

Von den vier mächtigen Festungen, die Galasien einst schützten, steht nur noch eine einsam emporragende Burg. Wir können sie ebenfalls Ynefel nennen. In ihre Mauern sind die Antlitze von Dämonen, Königen und Göttern eingelassen – eine steinerne Erinnerung. Nach Jahrhunderten der Verlassenheit jedoch ist der Festungsturm neuerdings wieder bewohnt…

Handlung

Ynefel ist nun das geisterhafte Zuhause von Mauryl Gestaurien, dem letzten großen Zauberer der Welt. Einst war er ein Königsmacher Galasiens. In einer stürmischen Nacht führt Mauryl das letzte Ritual der Alten Magie durch, eine Formung. Er hofft, dass durch diesen Zauber die schon lange vergessenen Missetaten, die er in einem Krieg der Zauberer beging, korrigiert werden mögen.

Der so erschaffene Junge, Tristen, wächst im Turm auf, weder Golem noch Mensch, und zum Entsetzen Mauryls verfügt er über keinerlei Wissen, um die Absicht des alten Zauberers auszuführen. Vor dem Buch stehend, das das von ihm benötigte Wissen enthält, kann Tristen kein einziges Wort verstehen. Statt dessen liebt Tristen seinen Schöpfer ebenso wie die Schönheit der Welt. Furcht jagen ihm jedoch die wiederholten Besuche eines Sturmwinds in die Glieder, eines Sturmwinds mit Namen Hasufin, der zu Mauryl spricht, ein uralter Feind, einst ebenfalls ein Zauberer.

Nach dem Ableben Mauryls in einer besonders schrecklichen Sturmnacht wandert Tristen allein und nur geleitet von Mauryls Lehren und Anweisungen aus dem Marna-Wald hinein in ein neues Zeitalter, das von Täuschung, Verrat und Krieg erfüllt ist.

Die Landstraße und die Führung der Eule, der Tristen folgt, enden an einem Ort, der für ihn jetzt der beste ist: Hnas’amef, die Hauptstadt der Provinz Amefel. In dessen Festung Kathseide, genannt Zeide, die nun über die Provinz Amefel im Königreich Ylesuin herrscht, wohnt nicht der König Ilnareddin, sondern dessen Sohn, Kronprinz Cefwyn, un dessen gastgeber, Herzog Heryn Anwydd. Und da er sich gerade heftig mit Heryns Zwillingsschwestern Orien und Tarien verlustiert, als man ihn wegen Tristens Ankunft ruft, ist er zunächst nicht besonders gnädig gestimmt.

Tristens Ankunft

Nur die Wachen, die den Gefangenen gebracht haben, und der Berater Cefwyns, der ehemalige Zauberer und Mauryl-Schüler Emuin, dürfen der Begegnung zwischen Cefwyn und Tristen beiwohnen. Als der Prinz die völlige Unschuld in den Augen des jungen Fremdlings erblickt, berührt etwas sein Herz und erweckt sein besonderes Interesse. Dies hier scheint weder ein Attentäter aus Elwynor noch ein Intrigant aus Amefel noch ein Schweinedieb zu sein. Als dann auch noch der Name Mauryl fällt, herrscht bestürztes Schweigen. Mauryl, der Königsmacher der Sihhe-Könige von Galasien und ihr Königsvernichter, der dem gegenwärtigen Königsgeschlecht der Marhanen zur Macht verhalf. Was hat der greise Zauberer jetzt schon wieder ausgeheckt? Noch mehr Unheil?

Als Tristen berichtet, dass Mauryl jetzt einer der Köpfe in der Mauer von Ynefel sei, atmen Cefwyn und Emuin auf. Doch was hat es dann mit Tristen auf sich – und mit seinem Buch, das er nicht lesen kann? Kronprinz Cefwyn befolgt den Rat seines Mentors und nimmt Tristen gastlich auf. Danach berät er sich mit Emuin. Der meint, Tristen sei kein von einer Frau Geborener, sondern eine Formung Mauryls. Und so könne man noch nicht wissen, ob er Gutes oder Böses im Schilde führe. Besser sei es, seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen, dann könne man mehr von ihm erfahren. Cefwyn wälzt sich durch eine schlaflose Nacht, während Emuin blutiger alter Zeiten gedenkt. Er hat deshalb der Magie abgeschworen. Wochen vergehen, in denen Tristen mit keinem außer mit Cefwyn und Emuin sprechen darf, bis schließlich Emuin abreist.

Staatsräson

Cefwyn, auf sich allein gestellt, befindet sich als Kronprinz in einem prekären Gleichgewicht der staatlichen Interessen. Das Arrangement mit den Schwestern seines Gastgebers ist ein vorläufiges, aber wer seine künftige Braut sein soll, an deren Seite er den Thron von Ylesuin besteigen kann, ist völlig offen. Das Königreich Elwynor, gleich jenseits des Lenualim, hat seine eigene Regentin Ninevrise angeboten. Doch allein schon der Vorschlag würde ausreichen, um seinem Vater einen Herzanfall zu verschaffen. Vielleicht kann Tristen die Waagschalen verändern. Tristen erinnert sich bemerkenswerterweise an viele Dinge, sobald er Wörter und Namen hört. Sogar Orte erinnern ihn an eine Landkarte. Woher stammt dieses Wissen, fragt sich Cefwyn, und wozu mag Tristen noch fähig sein.

Der Ausritt

Cefwyn beschließt, Tristen und seinen Militärbefehlshaber mit auf eine Exkursion zu dem Grenzdorf Emwy zu nehmen. Dort soll es Banditen und Schafräuber geben. Da er der Vizekönig dieser Grenzprovinz ist, muss er damit rechnen, dass das Königreich Elwynor etwas damit zu tun hat – oder Verräter in den eigenen Reihen. In Emwy kommt es zu mehreren mysteriösen Zwischenfällen. Als Tristen zurückgeschickt wird, überfallen Banditen mit den Waffen von Schafhirten seine Gruppe. Er kehrt um und warnt Cefwyn. Dieser beschließt, sofort querfeldein zur Burg zurückzukehren und inzwischen seinen Oberbefehlshaber Idrys die Gegend absichern zu lassen.

Tristens Anfall

Der Heimritt durch die hereinbrechende Nacht gerät zu einem Albtraum, als die Gruppe in die Ruinen der einstigen Sihhe-Hauptstadt Althalen gerät. Hier hausen Geister und Schatten, die sich sofort Tristens Verstandes bemächtigen. Zwar riechen alle Reiter den Gestank von Rauch, doch nur er sieht die Flammen und die schreienden Menschen. Entsetzt gibt er seinem Pferd die Sporen und galoppiert davon. Wie durch ein Wunder führt sein Weg schnurstracks zur Landstraße, wo die Gruppe auf Hilfe und Verstärkung trifft. Sogar Heryn Anwydd, der Burgherr und Herzog von Amefel, trifft ein. Cefwyn zeigt sein Misstrauen nicht offen, sondern lässt er einfach alle Amefel-Wachen in Burg Zeide durch eigene ersetzen. Heryn steht nun praktisch unter Hausarrest. Und seine beiden lüsternen Schwestern. Doch er hat die Bosheit der Sippe schwer unterschätzt…

Tristens Verwandlung

Der rätselhafte Tristen ist nach seinem wilden Ritt durch Althanen in einen todesähnlichen Schlaf gefallen, und Cefwyn sorgt sich wegen neuer Überraschungen. Eines Morgens findet er Tristen in den Archiven wieder, gebeugt über eine Geschichte Amefels unter den Sihhe-Königen, unter anderem über Althalen, die alte Hauptstadt. Tristen ist wie verwandelt. Ahnt er, auf welch blutige Weise die Marhanen-Könige in Amefel an die Macht kamen? Dass sie die letzten Sihhe-Nachkommen massakrierten?

Emuin hat Cefwyn gebeten, Tristen zu lieben, doch wie soll er dessen Vertrauen gewinnen, wenn er selbst Zweifel an sich und Tristen hat? Wie sich erweisen soll, ist Vertrauen der entscheidende Faktor für den Erfolg des Kronprinzen. Denn schon bald hagelt es Hiobsbotschaften, und der Feind holt zum entscheidenden Schlag aus.


Mein Eindruck

Etwa zehn Jahre lang habe ich versucht, dieses umfangreiche Buch zu lesen. Ich kam nur kapitelweise voran, denn es ist vor allem die Sprache, die sich dem leichten Konsum des Textes entgegenstellt. Die Autorin hat auf jede erdenkliche Weise Klischees vermieden, die sich in diesem so häufig intensiv beackerten Feld des ritterlichen Fantasyromans (man denke nur an Artus) in Massen finden. Zu den Klischees der Charakterisierung und der Schauplätze gehört allzu häufig auch die Sprache.

Cherryh hat sich eine ganz eigene Verwendung des Englischen ausgedacht, und das erweist sich für den Fremdsprachler als hohe Hürde. Über die Angemessenheit lässt sich trefflich streiten. Die Handlung spielt in einer Zeit vor der Erfindung der Armbrust und des Schwarzpulvers, also etwa auf dem Stand des 12. Jahrhunderts. Es gibt noch metallene Ritterrüstungen, eine militärische Logistik und prächtige Banner, aber so etwas wie Minnedienst und Ritterspiele kennt man in Ylesuin überhaupt nicht, jedenfalls nicht im provinziellen Amefel.

Sprachliche Hürden

Diesem kulturellen Stand ist die Sprache angenähert. Grammatik und Semantik entsprechen zwar dem heutigen Englisch, doch es gibt eine Reihe von Konstruktionen und Wörtern, die einem Sprachstand aus dem frühen 17. Jahrhundert eher entsprächen, wie wir es von Shakespeares Stücken kennen. Einer der Stolpersteine, die mich fast zur Verzweiflung trieben, ist das unscheinbare Wörtchen „as“. Es bedeutet „so wie“, „seit“, „weil“, aber eben auch das Relativpronomen „welcher, welche, welches“. Man muss folglich scharf aufpassen, welches „as“ denn nun gemeint ist. Sowohl Erzähler als auch die Figuren benutzen es, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Nur Tristen ist der einzige, der auf sehr einfache und stets unverblümte Weise redet – zum nicht geringen Entsetzen seiner höfischen Gesprächspartner.

Es gibt eine Figur, die für Tristen von großer Bedeutung ist: Uwen, sein Leibwächter, Aufpasser, Gefährte und Lehrer. Uwen ist ein Amefin-Soldat aus dem einfachen Volk. Er hat keine Ahnung, wie man grammatisch korrekt spricht. Er formt die Sätze, wie es ihm gerade einfällt, vertauscht Plural und Singular ebenso wie Gegenwart und Vergangenheit. Nicht genug damit, verschluckt er jede Menge Buchstaben, wie es jeder Mensch des Volkes im täglichen Umfang tun würde. Dadurch werden seine Sätze zu einem Ratespiel. Statt „Somewhat“ würde er beispielsweise „summat“ sagen. Nur ein sehr erfahrener Fremdsprachler kann sich zusammenreimen, was Uwen ausdrückt. Warum er so wichtig ist, werde ich unter „Wahrheit und Illusion“ erklären.

Die einzigen Sprecher, die wirklich fehlerloses Englisch sprechen, sind die von höchstem Rang. Da ist an erster Stelle Ninevrise, die Tochter des Regenten von Elwynor zu nennen. Sie weiß wirklich, was sich gehört. Nachdem sie jedoch gerade ihren Vater verloren hat, ist sie seine Nachfolgerin und entsprechend unsicher, trotz ihres hohen Ranges. Weitere einwandfreie Sprecher sind Cefwyn, der frischgebackene König, sein Lehrer Emuin und sein Oberbefehlshaber Idrys. Die Liste ist kurz.

Spannungsaufbau

Das Buch braucht etwa die Hälfte seines Umfangs, um überhaupt in die Gänge zu kommen, aber dann geht’s richtig los, unter anderem mit den Vorgängen in Emwy und einer Schlacht um den König von Ylesuin, Cefwyns Vater. Darin zeigt Tristen, dass in ihm ein großer Krieger steckt. Wir können auf weitere große Taten von ihm hoffen. Die zweite Hälfte des Buches steigert sich zu der finalen Konfrontation mit Tristens größtem Feind Hasufin und dessen irdischen Handlangern.

Die fremden Soldaten, die Ylesuin angreifen, sind abtrünnige Elwinym, die gegen die Regentin von Elwynor rebellieren, weil sie Cefwyn heiraten will. Klar, dass der frischgebackene König Cefwyn ihnen mit seinem Heer und dem seiner Vasallen entgegentreten muss. Die Mühe des Wartens und der sprachlichen Arbeit lohnt sich auf jeden Fall, denn die doppelte Entscheidungsschlacht – Cefwyns und Tristens – ist auf einzigartige Weise gestaltet. Danach war ich zwar erschöpft, aber auch zufriedengestellt. Fragen bleiben zwar offen, aber sonst gäbe es ja auch keine Fortsetzungen.

Realismus

Wie so oft, erschafft die Autorin auch in diesem Startband ihres Galasien-Zyklus in mühevoller Kleinarbeit eine sehr detaillierte Welt, in der selbst der Umgang mit Pferden und Soldaten authentisch erscheint. Hierfür hat die Autorin eigene Erfahrungen einfließen lassen und nicht bloß Bücher studiert. Besonders die seltsame Erziehung und Ausbildung Tristens, die am Anfang in fast minutiöser Detailgenauigkeit geschildert wird, ist von anrührender Glaubwürdigkeit. (Er wächst unter Tauben und Eulen auf, mit einem mürrischen Zauberer als einzigem Lehrer.) Tristens handlungsmäßige wie auch sprachliche (s.o.) Eskapaden wirken zudem erheiternd in einem Buch, das vor grimmiger Realität strotzt. Aber Tristen muss so genau geschildert werden, damit die Autorin später seine Einzigartigkeit hervorheben kann.

Er ist ja eine Formung seines Meisters Mauryl und hat keinerlei Kindheit erlebt, noch lässt sich seine Herkunft auf Vater und Mutter zurückführen. Allein schon dieser Umstand lässt ihn den Grafen und Königen verdächtig erscheinen. Die spannende Frage ist jedoch für Cefwyn und seine Berater, wessen Seele denn in Tristen steckt. Ist er ein Wiedergänger? Bei der Beantwortung dieser Frage taucht immer wieder der Name Mauryl auf. Mauryl ist zwar Hasufin letztendlich unterlegen, doch hat er zuvor Tristen zur Veränderung der Welt aussenden können. Kann Tristen, ein möglicher Zauberer der Sihhe, vielleicht sogar am Ende Hasufin besiegen? Oder bringt er noch größeres Unheil als selbst Hasufin? In den ältesten Chroniken finden sich unheilverkündende Hinweise.

Wahrheit und Illusion

Cefwyn und seine Berater können sich nie ganz sicher sein. Nur Cefwyns Herz kann sprechen, wenn es um Vertrauen zu diesem seltsamen Retter aus den Wäldern geht. Mauryl spielte in der Geschichte Ylesuins bekanntlich eine zwiespältige Rolle: Er hat die Sihhe-Könige eingesetzt, daher sein Beiname „Königsmacher“. Aber er hat sie auch verraten und vor 80 Jahren die Marhanen an die Macht gebracht, daher sein Beiname „Königsbrecher“ (Kingmaker und Kingbreaker). Er tat dies aus Gründen, die nur Zauberern und Mitgliedern der Marhanen bekannt sind: Das letzte Sihhe-Kind war eine Wiedergeburt Hasufins, des abtrünnigen, böse gewordenen Zauberers und Schülers Mauryls. Die Marhanen sollten es vernichten, aber fraglich ist, ob das gelang.

Wie steht es also um die Loyalität eines so geheimnisvollen Helfers und Mauryl-Geschöpfes wie Tristen, fragen sich Cefwyn und seine Berater. Tristen gelingt es, seine Treue wiederholt unter Beweis zu stellen, indem er nicht nur Cefwyn, sondern auch Ninevrise, Cefwyns Braut und Regentin Elwynors, rettet und Cefwyn zuführt. Von seinen eigenen Zweifeln sagt er nur seinem Vertrauten Uwen etwas. Uwen ist die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes und daher ein Maßstab, der nicht wankt. Tristen sieht sich in ständiger Versuchung durch die Täuschungen seines Gegners Hasufin.

Die Magie

Tristen ist der Magie ebenso mächtig wie Hasufin. Bislang habe ich noch kein Wort über die Magie verloren. Es gibt jede Menge davon, aber sie zu benutzen, ist extrem gefährlich. Das funktioniert folgendermaßen.

Tristen und andere Sihhe-Abkömmlinge (dass er einer ist, dürfte schon längst klar geworden sein) verfügen wie Zauberer über die Gabe, ihren Geist in jene Zone zu schicken, die Tristen als den „grauen Ort“ bezeichnet. Es ist ein psychischer Hyperraum, in dem nicht nur die Wahrnehmung von Geistern und Toten möglich ist, sondern auch die telepathische Verständigung. (Jedes Mal, wenn die Geistessprache verwendet wird, steht der Text in Kursivschrift. Direkte Geistesrede ist fett und kursiv gedruckt. Das ist einfach zu verstehen.)

Das Handicap bei dieser höchst praktischen Sache – sie ersetzt ja das Handy und den Fernseher – ist der Umstand, dass Hasufin, der Feind, der unumschränkte Herrscher am grauen Ort ist und alles mithört, was die Benutzer mit Geistesrede sagen. Aber es gibt noch andere Verwendungsweisen, über die ich hier nichts verraten will.

Das Schwert

Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob sich Tristen entsprechend der Artuslegende verhalten wird. Tut er natürlich nicht, sondern würde die Autorin, die alles über Artus weiß, ja ein Klischee verwenden. Also wird kein Schwert aus einem Stein gezogen und der wahre Erbe des Reiches nicht proklamiert. Es kommt ganz anders. Aber Tristen muss ja ein Schwert haben, das ihn hervorhebt und ihn sowohl als Nachfolger von Mauryl und als rechtmäßigen Sihhe-König von Elwynor ausweist.

Wie sich zeigt, benutzt er sein Schwert wie ein magisches Werkzeug. Das ergibt einen Sinn, nachdem es ihm gelungen ist, endlich die einzigen Erbstücke zu verwenden, die Mauryl, sein Geistvater, ihm mitgegeben hat: ein Buch mit Runen und einen silbernen Spiegel. Erst am Vorabend der Entscheidungsschlacht erkennt er deren wahren Nutzen. Weiteres Wissen entfaltet sich in seinem Geist. Endlich kann er das Schwert gestalten, wie er es braucht.

Er ritzt auf eine Seite der Klinge das Wort TRUTH (Wahrheit), auf die andere Seite das Wort ILLUSION (im Sinne von „Trug“) und schmiedet ein silbernes Amulett an die „Wurzel“ der Klinge. Wie Uwen richtig erkennt, ist entscheidend, wie der Name der Schneide lautet – auch sie hat einen Namen, doch wie lautet er? Tristen ist ein Mann auf des Schwertes Schneide, und seine Aufgabe besteht darin, die Trugwerke des Feindes Hasufin sowohl zu entlarven als auch sie zu zerstören.

Was könnte also in der Lage sein, Wahrheit von Täuschung zu trennen, fragt sich Tristen wiederholte Male. Das ist einer der Gründe, warum er sich selbst nicht vertraut, sondern auf den gesunden Menschenverstand und die bedingungslose Treue seines Knappen Uwen baut. Er mag zwar selbst zum Lord von Ynefel und Althalen gemacht worden sein, aber das bedeutet nicht, dass er gegen die Täuschungen Hasufins immun ist. In einem tollen Showdown stellt er sich dem feindlichen Zauberer und behauptet sich. Mehr sei nicht verraten.

Verwandte Werke

Diese wahrheitsfindende Funktion des Schwertes erinnert jeden Fantasyfreund natürlich an „Das Schwert der Wahrheit“ von Terry Goodkind. Allerdings haben die Helden dieses Romanzyklus, Richard und seine Frau Kahlan, ganz andere Probleme als Tristen und Cefwyn. Auch ist die Magie völlig anders geartet. Aber es geht stets auch um Wahrheit und Täuschung.

Hinsichtlich des Realismus in einer höfischen und ritterlichen Umgebung lässt sich „Fortress“ am ehesten mit Stephen R. Donaldsons Doppelroman „Mordants Not“ vergleichen. Darin verschlägt es die junge Terisa an einen Königshof, der voller labyrinthischer Intrigen steckt und sich einem drohenden Krieg mit einem Nachbarreich gegenübersieht. Ähnlich verhält es sich so auch in Cherryhs erstem „Fortress“-Roman.

Auch der Einsatz eines Dimensionstores dürfte Cherryh-Fans (wie mir) vertraut vorkommen. In ihren Zukunftsromanen sind zeitsparende Raumsprünge gang und gäbe, in ihrer Fantasy jedoch nur sehr spärlich eingesetzt. So etwa in ihrem Zyklus um die Tore des Chaos, die von der furchteinflößenden Kriegerin Morgaine zu schließen sind. Morgaine ist ebenso wie Tristen eine große Macht, aber auch ein tiefes Rätsel. Stets fällt es ihrem Gefährten Vanye schwer, ihr Vertrauen entgegenzubringen, noch schwerer ist es, ihren möglichen (oder gar tatsächlichen) Verrat zu ertragen, geschweige denn zu verzeihen.

Die Namen im „Fortress“-Zyklus, die der walisischen Tradition entspringen, erinnern mich an Cherryhs Doppelroman „Der Baum der Schwerter und Juwelen“ (The Dreaming Tree), in der auch Arafel, die letzte Elbin, ebenfalls eine Rolle als Macht und Retterin spielt. Die Magie in „Fortress“ ist von höchst zweifelhafter Natur, weil vom Feind missbraucht. Diese Art düsterer Zauberei findet sich in Cherryhs einzigem Dark-Fantasy-Roman „Faery in Shadow“ wieder. Alle erwähnten Werke habe ich besprochen.

Unterm Strich

„Fortress“ ist ein recht ungewöhnlicher Ritter-und-Magie-Roman. Auf der einen Seite bewegen wir uns in vertrautem Umfeld, wenn es um die Vorgänge in der Burg König Cefwyns geht. Die Figuren und ihre Hierarchie sind bekannt, von den Blaublütigen bis hinunter zu den Soldaten, Köchen und Priestern. Auch ihr Treiben wie etwa Herrschen und Gehorchen, Kämpfen und sogar Zaubern kommt einem sehr bekannt vor. Ebenso natürlich der Verrat, der hier überall lauert, der aber, wenn entdeckt, sehr überraschend kommt.

Der Joker

Auf der anderen Seite bekommen wir eine komplette Geschichte dieses Reiches geliefert: mit vergangenen Herrschern, den zaubermächtigen Sihhe, die aber nicht so ganz tot zu sein scheinen, und mit ihren Nachfolgern, den blutrünstig an die Macht gekommenen Marhanen-Königen. Und nun taucht als Joker in diesem Spiel der Macht der Parsifal-artige Tristen auf. Er wandert von Ynefel aber nicht zu den Erben der Sihhe in Elwynor, sondern zu Prinz Cefwyn auf der Marhanen-Seite. Schon diese kleine Entscheidung hat weitreichende Folgen.

Magie

Und dann ist da noch die Magie, die überhaupt nicht willfähriges Werkzeug von irgendwelchen Zauberer-Alchimisten ist, sondern ein Geisteszustand, in den sich die Sihhe-Nachkommen (darunter Tristen) nur mit äußerster Vorsicht wagen dürfen, weil dort der Feind herrscht und alle Geistesreden mithören kann. Faszinierend fand ich Tristens Entwicklung von einem ahnungslosen Hansguckindieluft zu einem verantwortungsbewussten Krieger-Zauberer. Das ist ein immens langer Weg, und nur in diesem ersten Band konnte er überzeugend geschildert werden. Von dieser Entwicklung geht ein Großteil der Spannung und Sympathie für den Helden aus.

Humor und Erotik

Aber es gibt auch schöne Seiten und sogar komische Szenen. Eine, die mir sehr gefiel, ist das erste private Gespräch, das der frischgebackene König Cefwyn mit der ausländischen Prinzessin Ninevrise führt, der er einen Heiratsantrag machen muss. Er hat, zum Schrecken seiner Berater, öffentlich um die Hand der Elwynor-Regentin angehalten, nun muss er dieses Ansinnen auch im privaten, ja sogar intimen Rahmen vorbringen und bekräftigen.

Herrlich sind die Wortspiele und Plänkeleien zwischen diesen beiden Blaublütigen. Cefwyn erschreckt die Lady immer wieder durch seine Unverfrorenheit, besonders in erotischen Dingen, in denen er gut bewandert ist. Am Schluss mag sie ihn immerhin, wenn sie auch nicht hundertprozentig vertraut. Auch Tristen ist eine erotische Szene gegönnt, doch diese erweist sich als Falle des Feindes, und zum Glück riecht er den Braten rechtzeitig.

Wertung

Ich vergebe vier von fünf Sternen.

Punktabzug gibt es für diese Ausgabe, weil sie weder das Glossar des 3. Bandes noch die Schlosszeichnung des 2. Bandes enthält (aktuellere Ausgaben könnten diese Zutaten enthalten). Der deutsche Leser sei vor dem hohen sprachlichen Anspruch dieses Buches gewarnt. Die entsprechenden Ausführungen sind oben zu finden.

Da am Schluss viele Fragen offenbleiben, ist der Anreiz groß, die Fortsetzungen zu lesen. Aber ich glaube, es lohnt sich, denn schon dieser Startband ließ mich sehr zufrieden zurück. Die Mühe von zehn Jahren hat sich gelohnt.

Taschenbuch: 784 Seiten
Sprache: Englisch

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