Freund, Peter – Stadt der vergessenen Träume, Die (Die Legenden von Phantásien)

Saranya ist eine Insomnierin und in Seperanza aufgewachsen. Das ist eigentlich schon ungewöhnlich, denn normalerweise sind Insomnier viel unterwegs. Doch in letzter Zeit kommt es so gut wie nicht mehr vor, dass einer von ihnen den Ruf verspürt, den unwiderstehlichen Drang, die Stadt zu verlassen und durch Phantásien zu ziehen. Im Gegenteil, immer mehr Insomnier drängen nach Seperanza hinein, denn das ist der einzige Ort, an dem sie vor dem Vergessen sicher sind. Ein Rat von Gelehrten ist seit langer Zeit schon damit beschäftigt herauszufinden, was es mit dem Ruf und dem Vergessen auf sich hat, bisher erfolglos.

Saranya möchte allerdings etwas ganz Anderes wissen, nämlich, warum das Ehepaar, das sie für ihre Eltern hielt, ihr so lange verschwiegen hat, dass sie ein Findelkind ist! Und was hat die Verbannung des einstigen Gelehrten Philonius Philippo Phantastus mit dieser Sache zu tun?

Während Saranya verbotenerweise in den Saal der Weisheit eindringt, um dort nach Antworten auf ihre vielen Fragen zu suchen, sind zwei andere Insomnier-Kinder auf dem Weg nach Seperanza, um dem Vergessen zu entgehen. Doch sie werden von Traumfängern verfolgt! So sehr sie sich auch abmühen, und obwohl ein Lawinenwicht die Kinder unterstützt, gelingt es den Traumfängern, das Mädchen Elea einzufangen. Natürlich will ihr Bruder Kayún sie auf keinen Fall aufgeben. Gemeinsam mit einem Gräuelgruseler namens Atrox macht er sich an die Verfolgung der Traumfänger …

Saranya ist ein typisches, behütetes Kind. Sie spielt mit ihrer Freundin Colina Schwebeball, geht für ihre Mutter auf den Markt, bringt ihrem Vater das Mittagessen ins Büro und ägert sich, dass sie auf die meisten ihrer Fragen nur ein „wenn du größer bist“ oder „das verstehst du noch nicht“ erhält. Ganz klar, dass sie wütend ist, als sie von ihrer geheimnisvollen Herkunft erfährt, und ebenso klar, dass sie mit allen Mitteln die Wahrheit erfahren will.

Kayún dagegen hat es nicht so leicht. Seine Eltern sind dem Vergessen anheim gefallen, jetzt ist er allein verantwortlich für seine jüngere Schwester und muss außerdem den Weg nach Seperanza finden. Obwohl seine Situation schwierig genug ist, hat er immer noch genug Zeit, sich darüber zu ärgern, dass Atrox ihn wie ein Kind behandelt.

Mit anderen Worten: Beide sind typische Teenager! Tiefer geht die Charakterzeichnung allerdings nicht.

Die Handlungsstränge dieser beiden Charaktere laufen fast das ganze Buch über parallel nebeneinander, ohne sich zu berühren. Erst gegen Ende treffen sie sich scheinbar rein zufällig. Es ist, als würde man zwei Geschichten gleichzeitig lesen. Aber nur fast. Im Grunde sind es zwei halbe Geschichten.

Der Handlungsstrang um Saranya beschäftigt sich nicht nur mit deren Herkunft, sondern auch mit dem Rätsel der Insomnier, mit dem Ruf und dem Vergessen. Denn diese Fragen sind bei weitem nicht so ungelöst wie allgemein angenommen. Und so kommt es, dass Saranya gleichzeitig nicht nur ihre wahre Herkunft aufdecken kann, sondern auch die Wahrheit über das Wesen der Insomnier. Saranya liefert sozusagen die Theorie. Der Handlungsstrang um Kayún dagegen liefert die Praxis. Er beschäftigt sich mit der Bedrohung durch die Traumfänger, sozusagen der Durchführung dessen, was Saranya herausgefunden hat.

So ist der Leser auf der einen Seite mit Detektivarbeit beschäftigt, während er auf der anderen Seite eine Menge Abenteuer zu bestehen hat.

Die Abenteuer selber sind eher unspektakulär. Denn fast alle Geschöpfe, denen Kayún und Eala begegnen, sind harmlos. Sogar der Gräuelgrusler ist ein im Grunde harmloses Geschöpf, das keine schlimmere Aufgabe hat als andere Geschöpfe zu erschrecken. So wundert es nicht, dass die Kinder von allen möglichen Seiten Unterstützung erhalten und immer wieder entkommen können. Allein das Irrlicht Trausdumir wird seinem Ruf gerecht und sorgt so dafür, dass die Traumfänger endlich Elea erwischen.

Die Traumfänger sind die einzige wirkliche Bedrohung, Wergeschöpfe, die wie der Gmork zwischen den Welten wandern können. Ihr Auftrag, Insomnier zu fangen, stammt von Xayide. Denn die Insomnier sind die verkörperten Träume der Menschen. Xayide will sie bei Vollmond in die Menschenwelt verschleppen und sie dadurch zu falschen Träumen machen, zu Optasomniern, langweiligen austauschbaren Geschöpfen, die alle gleich aussehen. Und außerdem will sie Bastian abfangen, bevor er in seine Welt zurückkehren kann …

An dieser Stelle gerät die Sache ins Schwimmen. Zunächst einmal fragte ich mich – wie übrigens schon bei „Die Seele der Nacht“ von Ulrike Schweikert -, wie es sein kann, dass Geschöpfe, die einer Macht außerhalb Phantásiens dienen, sich einer Phantásierin unterwerfen, und das in diesem Fall offenbar regelmäßig. Außerdem: Warum sollte Xayide mit Wergeschöpfen gemeinsame Sache machen? Die Macht, der diese dienen, will Phantásien zerstören, Xayide aber will es beherrschen! Abgesehen davon scheint es, als könne der Autor sich nicht recht entscheiden, welchen Plan Xayide nun eigentlich verfolgen soll.

Wenn sie einfach nur die Insomnier in die Menschenwelt verfrachten lassen will, wofür schleppt sie sie dann mühsam in die einsamste Gegend Phantásiens, anstatt sie bis zum Vollmond einfach irgendwo einzusperren? Braucht sie die Grube Nimroud, den Ort, an dem die vergessenen Träume der Menschen lagern, um die Insomnier in die Menschenwelt zu schicken? Wenn ja, dann erfährt der Leser jedenfalls nicht, warum.

Auch war mir nicht klar, was genau Xayide mit all dem eigentlich bezweckt. Die Insomnier mögen etwas Besonderes sein, weil sie Träume verkörpern, die schlafend geträumt werden. Zumindest weist ihr Name darauf hin. Da der Autor aber nirgendwo erwähnt, ob diese besonderen Wesen auch eine besondere Funktion innerhalb Phantásiens erfüllen und wenn ja, welche, ergeben sich auch keine Anhaltspunkte für irgendwelche Konsequenzen, die sich aus der Verzerrung der Insomnier für Phantásien ergeben könnten.

Ist Xayide also wegen Bastian nach Nimroud gekommen? Warum? Wäre es nicht einfacher, ihn schon auf dem Weg dorthin abzufangen? Außerdem besteht zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, Bastian als Marionette für ihre eigene Herrschaft zu benutzen, längst nicht mehr. Also wozu braucht sie ihn noch? Der einzige Grund, ihn zurückzuhalten, wäre Rache. Allerdings kann der Leser darüber nur spekulieren, denn der Autor verliert darüber kein einziges Wort! Und dafür hat er Michael Endes Vorgaben umgangen und Xayide mit einem Trick sozusagen wieder auferstehen lassen?

Auch viele andere Fragen – wie zum Beispiel die, warum die Insomnier in Seperanza vor dem Vergessen sicher sind oder warum Mädchen für die Traumfänger besonders wertvoll sind – werden nicht beantwortet.

Eigentlich schade, dass Peter Freund seine Ansätze so in der Luft hängen gelassen hat. Seine Geschichte beinhaltet viele interessante Ideen, allen voran der Lawinenwicht und sein Tausendleuchter, der sinnigerweise den Namen Osmar trägt, sowie das rasende Gerücht und die Wolkenweber. Leider hat der Autor auch sie nur mit knappen Worten umrissen, viele andere sogar nur am Rande erwähnt. Nichts davon wurde detallierter ausgebaut, alle sind nur kurze Durchgangsstationen. Das verleiht der Geschichte etwas Hektisches, Atemloses und hinterlässt einen Eindruck von Lieblosigkeit. Durch Fehler wie „mondäugige Gebieterin der Wünsche“ oder die Bezeichnung der Zauberin Xayide als dunkle Prinzessin wird dieser Eindruck noch unterstützt. Dazu kommt, dass alle seine erdachten Wesen offenbar einen Hang zur Ungeduld und Unfreundlichkeit haben. Die Art und Weise, wie sie mit Kayún reden – und auch seine Art zu antworten -, klingt gelegentlich fast grob und führt zu Abstrichen in der Sympathie!

Die ständige Erwähnung von Wesen, die auch in der „Unendlichen Geschichte“ auftauchen, soll wahrscheinlich einen Bezug zur Vorlage herstellen, wirkt aber eher ein wenig gekünstelt. Vor allem Kayúns Kritik an Bastian empfand ich als ziemlich lästig. Schließlich sind neue Ideen nicht dem in Phantásien anwesenden Menschenkind vorbehalten. Wenn aber die Ideen aller Menschen in Phantásien wahr werden, bedeutet das, dass Phantásien sich ständig verändert – was es laut Michael Ende ja auch tut! Kayún sollte also daran gewöhnt sein. Abgesehen davon dürfte er die Veränderungen eigentlich gar nicht bemerken, denn ab dem Zeitpunkt, da etwas Neues entstand, war es schon immer da und müsste also bekannt sein!

Der abrupte Schluss, der keinerlei Lösung verrät, weder im Hinblick auf diejenigen Insomnier, die dem Vergessen anheim gefallen sind, noch im Hinblick auf diejenigen, die noch in Seperanza auf einen neuen Ruf warten, tut ein Übriges und lässt den Leser mit einem Gefühl der Unzufriedenheit zurück.

Kurz und gut: Hier wurde eine Menge Potenzial verschenkt. Die handelnden Personen bleiben blass und flach und wecken keine echte Sympathie, die den Leser mitfiebern ließe. Die meisten Ideen wurden nur kurz angedacht, die Grundaussage nicht konsequent zuende geführt, und am Schluss bleibt der Leser auf der Aussage sitzen, er solle sich an seine wahren Träume erinnern und den falschen Träumen abschwören. Als ob der Leser sich seine Schlafträume aussuchen könnte!

Damit wurde dem Vorsatz, Phantásien bunter und lebendiger zu gestalten, gerade mal ansatzweise entsprochen, und gleichzeitig die Hoffnung des Lesers auf eine interessante Geschichte durch Oberflächlichkeit und Desinteresse enttäuscht. Es scheint, als hätten dem Autor entweder die Lust oder die Geduld gefehlt, dem Thema mehr als flüchtige Aufmerksamkeit zu widmen. Schade!

Peter Freund lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin und ist seit 1980 in der TV- und Filmbranche tätig. Unter anderem schrieb er Drehbücher und Bücher zum Film. Seit 2002 erscheinen auch Jugendromane von ihm. Sein Zyklus um Laura Leander umfasst inzwischen vier Bände, der fünfte Band soll im November diesen Jahres erscheinen.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19644-1

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