M. R. James – Zimmer 13 (Gruselkabinett 92)

Bürgerschreck im Parkhotel: Hohngelächter, Schattenspiele

An einem Sommertag des Jahres 1929 erzählt Victor Anderson seinem Cousin John von einem unheimlichen Erlebnis, welcher er in der dänischen Stadt Viborg im historischen Hotel „Goldener Löwe“ während eines Forschungsaufenthaltes hatte… (abgewandelte Verlagsinfo)
Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor

Montague Rhodes James (1862-1936) war ein englischer Altertumsforscher und Autor von Geistergeschichten. Außerdem war er Provost von Cambridge University und Eton College. Der Öffentlichkeit bekannt wurde James ab 1894 durch seine Geistergeschichten, wobei er sich auf zahlreichen Reisen auf dem europäischen Kontinent Anregungen holte. Seine profunden historischen Kenntnisse, die er in seine Erzählungen einfließen ließ, geben diesen einen Anstrich von Authentizität.

James bediente sich häufig der Elemente von „klassischen“ Geistergeschichten und perfektioniert diese: Der Schauplatz ist oft eine ländliche Gegend, Kleinstadt oder eine ehrenwerte Universität mit einem verschrobenen Gelehrten als Protagonisten. Die Entdeckung eines alten Buches oder einer anderen Antiquität beschwört das Unheil oder eine dunkle Bedrohung herauf. Dabei wird das Böse eher angedeutet und der Vorstellung des Lesers überlassen, wogegen die Charaktere und der Schauplatz detailliert beschrieben werden. (Quelle: Wikipedia)

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Victor Anderson: Christian Stark
Herr Kristensen: Tom Deininger
Direktor des Archivs: Lutz Mackensy
Zimmermädchen: Antje von der Ahe
Herr Jensen: Patrick Bach
Hausmeister Frederik: Andreas Mannkopff
John: Jannik Endemann

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Titania-Medien-Studio und in den Planet-Earth-Studios statt und wurde bei Kazuya abgemischt. Die Illustration stammt von Ertugrul Edirne.

Handlung

Victor Anderson erzählt seinem Cousin John bei einem Waldspaziergang in England von den unheimlichen Vorgängen, die er bei einem Aufenthalt in der dänischen Stadt Viborg erlebt hat. Victor ist Historiker und interessiert sich für die dänische Religionsgeschichte. Im 18. Jahrhundert wurde dort die Kirche reformiert, und er fragt sich, was aus dem lokalen Bischof wurde.

Er checkt im Hotel „Goldener Löwe“ ein und fragt nach einem Zimmer, das er auch als Arbeitsraum für mindestens zwei Wochen nutzen kann. Herr Kristensen, der Manager des Hotels, nennt ihm eine ganze Reihe von infrage kommenden Räumen. Victor wählt Nr. 12, denn es liegt geräumig und gut erreichbar, noch dazu zur Straße hinaus. Auf der Zimmerliste fällt ihm auf, dass es keines mit der Nummer 13 gibt. Herr Kristensen versichert ihm, das sei in allen dänischen Hotels Gepflogenheit.

Die Nachforschungen im Archiv der lokalen Kirche verlaufen aufschlussreich. Sogar kürzlich gefundene Briefe finden sich, die darauf hindeuten, dass der Bischof höchstselbst verdächtigt wurde, im Bunde mit dem Teufel zu stehen. Der Grund ist seine Verbindung zu dem ominösen Magister Nicholas Franken, dem er ein Zimmer in einem seiner Häuser überließ. Der Grund bleibt ihm Dunkeln. Doch dann stößt Victor auf die Notiz, der Magister sei „von uns gegangen“ – eine doppeldeutige Formulierung.

In seinem Zimmer Nr. 12 beobachtet Victor das Farben- und Lichtspiel auf der Fassade des jenseits der Straße gelegenen Gebäudes. Demzufolge scheint sich doch jemand in seinem Nachbarzimmer aufzuhalten. Aha, das muss dieser Anwalt Jensen sein, der auf der Zimmerliste steht, denkt Victor. Aber warum sollte sich ein Anwalt wie ein Irrer aufführen und ekstatisch in seinem Zimmer herumtanzen? Noch dazu nackt und alleine…

Als Victor Herrn Kristensen zu sich bittet, um gemeinsam nach der Ursache des Geheuls aus dem Nachbarzimmer zu forschen, beschwert sich Herr Jensen aus Zimmer 14 empört über den Lärm. Der stammt aber offenbar nicht aus Zimmer 12, sondern aus Zimmer Nr. 13, das auf rätselhafte Weise nur zu gewissen Nachtstunden auftaucht.

Während Herr Kristensen den Haushandwerker holen geht, um die Tür zu Nr. 13 aufzubrechen – denn es gibt natürlich keinen Schlüssel dazu -, nähern sich Victor und Jensen vorsichtig der Tür zu Nr. 13. Diese öffnet sich knarrend hinter Herrn Jensens Rücken. So kommt es, dass nur Victor erblickt, was fortan seine Albträume erfüllt…

Mein Eindruck

Mit Zimmer 13 hat es eine ulkige Bewandtnis: Es schiebt sich zu gewissen Zeiten zwischen die Zimmer 12 und 14, obwohl es gar nicht existieren dürfte. Dabei schnappt es sich jeweils vom angrenzenden Zimmer Raum, in dem sich dann besagte unheimliche Geschehnisse beobachten lassen. So kommt es, dass sich Anderson immer wieder wundert, warum sein Zimmer nur noch zwei statt drei Fenster aufweist und viel schmaler wirkt. Es ist keine Einbildung, aber macht dies das Phänomen bereits real? Es anzuerkennen, hieße ja, am eigenen verstand zu zweifeln.

Schlüssel der Vergangenheit

Um was es sich handeln könnte, deuten die Forschungsergebnisse Andersons an. Man braucht nur eins und eins zusammenzuzählen: Es war der Bischof, der seinem Bekannten, Magister Nicholas Franken, ein letztes Zimmer in einem seiner Häuser überließ – und dieses Gebäude muss heute der „Goldene Löwe“ sein. Doch wie konnte der Magister über Jahrhunderte überdauern? Offenbar steht sein gespensterhaftes Auftauchen für etwas anderes.

Anderson forscht über die Reformation in Dänemark und wie dort mit dem katholischen Bischof umgesprungen wurde. Die braven Bürger Viborgs, die anfangs des 18. Jahrhunderts den Brand ihrer Stadt überstanden hatten, ziehen ihn des Teufelspaktes und verjagten ihn mehr oder weniger. Es geht also um die Ablösung der alten Religion durch eine neue: den Protestantismus.

Unterdrückt & verdrängt

Aber Reformation, so deutet der kenntnisreiche Autor (s. o.) wohl an, bedeutet nicht, dass der Grund für das Alte mit der Einführung des neuen Systems verschwindet, ganz im Gegenteil: Das Böse verschwindet nicht, weil man die Leute, die es anerkannten, verjagte, sondern es zieht sich in andere Ecken zurück, wo es weiter unbehelligt sein Unwesen treiben kann. Etwa in Zimmer 13.

Old Nick

Dass es nur nachts zu entdecken ist, deutet auf einen psychologischen Zusammenhang mit tagsüber unterdrückten Bedürfnissen hin. Was dies für Bedürfnisse sind, kann sich jeder selbst ausmalen: Der alte Nick, ein Beiname des Teufels in allen angelsächsischen Ländern, ist ein fröhlicher Geselle, der gerne über die Stränge schlägt – was ganz im Gegensatz zu den protestantischen Tugenden von Fleiß, Anstand und Gelderwerb steht. Er tanzt nackt, singt falsch und heult wie ein Wolf. Offenbar steht er für alles, was Spaß macht – pfui!

Die Frage ist allerdings, wie ein Protestant, sei er nun ein dänischer oder ein englischer, mit derart teuflischen Phänomenen umgehen soll. Die „Papisten“ haben ja wenigstens ihre Exorzisten, um das Böse zu vertreiben. Aber den Protestanten scheint nichts anderes übrigzubleiben, als seine Existenz zu leugnen und zu verdrängen. Was beim Bewohner von Zimmer 13 leider nicht ganz zu klappen scheint…

Die Sprecher/Die Inszenierung

Lauter brave und rechtschaffene Männer treten in diesem Stück auf – bis auf einen. Von diesem hört man nur sein irres Hohngelächter, doch obwohl es wichtig ist, rechtfertigte es wohl keinen Eintrag in der Sprecherliste…

Christian Stark stellt den Erzähler Anderson als Mister Normalverbraucher dar, wenn auch mit dem Intelligenzquotienten eines studierten Historikers. Dennoch muss er die Szene, in der die zeitweilige Existenz bzw. Nichtexistenz von Zimmer 13 im Dialog mit Jensen und Kristiansen eruiert wird, so spielen, dass auch der letzte Zuhörer begreift, über was hier geredet wird. Das mag manchem Akademiker nach Kindergarten klingen, aber Tatsache ist, dass auch Jugendliche ab 14 Jahren diesen Text verstehen können sollen. Akademiker mit IQ 160 mögen also Nachsicht üben.

Sehr gefreut hat mich das Wieder-Hören mit Lutz Mackensy, einem meiner Lieblingssprecher. Auch hier ist sein Part als Archivdirektor klein, aber fein. Schließlich liefert er Anderson (und uns) den Schlüssel zum Geheimnis von Zimmer 13. Lutz Mackensy lässt es sich angelegen sein, die Bedeutung der bischöflichen Briefe gebührend hervorzuheben. Wie merkwürdig, dass sie am nächsten Tag alle bis auf einen verschwunden sind…

Als einziges weibliches Wesen in dieser Männerriege fällt das Zimmermädchen doch ziemlich auf. Es wird von Antje von der Ahe mit gewohnter Kompetenz gesprochen. Denn das Zimmermädchen muss einen merkwürdigen Umstand in Zimmer 12 klären: Eben war Andersons Aktentasche noch da – und jetzt ist sie weg. Das Zimmermädchen beteuert seine Unschuld: „Da ist sie ja wieder, die Tasche!“

Geräusche

Die Geräusche sind etwa die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Natürlich knarren Türen und Treppen, und es wird regelmäßig an Türen geklopft. Aber letzten Endes sind diese Geräusche nebensächlich im Vergleich zu jenen, die aus dem unheimlichen Zimmer 13 dringen.

Musik

Zunächst erklingt klassische Musik, etwas beruhigend und idyllisch. Doch das hat schon bald mit Andersons Ankunft im Hotel ein Ende. Fortan wird der akustische Hintergrund von elektronisch erzeugten Klangeffekten bestimmt. Diese sind viel eher dazu angetan, eine Gänsehaut zu erzeugen. Aber sie verleihen dem Hörspiel eine unerwartet moderne Anmutung.

Musik, Geräusche und Stimmen wurden so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher.

Im Booklet finden sich Verweise auf die kommenden Hörspiele aufgeführt:

Nr. 93: N. Hawthorne: Das Haus der sieben Giebel
Nr. 94: Charles Rabou: Tobias Guarnerius
Nr. 95: Henry S. Whitehead: Die Falle
Nr. 96/97: Abraham Merritt: „Madame Mandilips Puppen“
Nr. 98: Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“
Nr. 99: Leopold von Sacher-Masoch: „Die Toten sind unersättlich“

Auf www.titania-medien.de wird das Hörspiel zum Jubiläum der Reihe genannt:

Nr. 100: H.P. Lovecraft: Träume im Hexenhaus
Nr. 101: M.R. James: „Verlorene Herzen“

Unterm Strich

Vordergründig scheint sich die Geschichte nur um die Begegnung mit einem äußerst unangenehmen und unbesiegbaren Plagegeist zu drehen, doch in Wahrheit macht der Autor eine Aussage über die zwei Hauptrichtungen des Christentums. Und das ist im Grunde schon ziemlich gewagt, zumal in postviktorianischer Zeit.

Man könnte die Geschichte auch ganz platt „Der Teufel von Viborg“ nennen, aber das würde den mysteriösen Vorgängen im Hotel „Goldener Löwe“ nicht gerecht werden. Auf raffinierte Weise schnappt sich nämlich Zimmer 13 regelmäßig Territorium von den angrenzenden Zimmern 12 und 14, so dass deren Bewohner mit zahlreichen Rätseln konfrontiert werden: Mal hat ihr Zimmer drei, dann wieder nur zwei Fenster.

Verstörende Schattenspiele auf der Wand des gegenüberliegenden Gebäudes tun ein Übriges, um die Gäste um den Schlaf zu bringen – der übrigens bemerkenswert frei von Albträumen ist. Hier hätte die Dramaturgie vielleicht noch eine Schippe drauflegen können, um die freudianische Grundlage der Psychologie in diesem Stück hervorzuheben.

Leider gibt es keinerlei Action, und wer solche sucht, dürfte enttäuscht sein. Vielmehr baut die etwas in die Länge gezogene Handlung ein wachsendes Rätsel auf komplexe Weise in allen Details auf. Das ist zwar umständlich und liefert viele Gruseleffekte, bietet dem aufmerksamen Zuhörer aber auch etliche Hinweise auf die wahre Natur von Zimmer 13.

Dass Hotelzimmer seit M.R. James‘ eine magische Wirkung auf jeden Horrorschriftsteller ausüben, belegt nicht zuletzt die eine oder andere Story von Stephen King. Eine davon, „Zimmer 1408“, wurde mit keinen Geringeren als John Cusack und Samuel L. Jackson verfilmt. Auch in „The Shining“ gibt es im Overlook Hotel ein ganz bestimmtes Zimmer, das man besser meiden sollte…

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Synchronstimmen von Schauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Sprecher vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Wer jedoch mit stimmungsvollem Grusel absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen. Die Hörbücher der „Necroscope“-Reihe von Brian Lumley dürften eine ausreichend starke Grusel-Dosis verabreichen. Schade, dass sie längst eingestellt worden ist.

Spieldauer: ca. 49 Minuten
Originaltiel: Number 13, ca. 1930

www.titania-medien.de

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