Ian Rankin – So soll er sterben

Das geschieht:

Das Revier St. Leonard‘s im schottischen Edinburgh wurde umstrukturiert, die Kriminalpolizei ausquartiert. Detective Inspector John Rebus hat es nach Gayfield Square verschlagen. Dort ist er im Grunde überflüssig, denn seine Vorgesetzten möchten den querköpfigen Ermittler, der innerhalb der traulichen Filzokratie der Stadt immer wieder für Unruhe sorgt, endlich loswerden und aus dem Job ekeln. Wenigsten ist Detective Sergeant Siobhan Clarke, Rebus‘ Vertraute, mit ihm versetzt worden.

Sein aktueller Fall bringt Rebus nach Knoxland, ein heruntergekommenes Stadtviertel von Edinburgh. Die Ärmsten der Armen hausen in verkommenen Betonbauten. Noch weiter unten in der gesellschaftlichen Hackordnung stehen die Einwanderer und Asylanten, die von einer überforderten und gleichgültigen Verwaltung mit Rassisten und Fremdenhassern zusammengepfercht werden. Einen der ungeliebten Fremdlinge hat es erwischt: Stef Yurgii, ein kurdischer Regimekritiker, der vor der Ausweisung stand, wurde erstochen. Niemand hat etwas gesehen, will der Polizei etwas sagen oder wagt dies zu tun.

Inzwischen erlebt Siobhan Clarke eine peinliche Überraschung: Zwei Skelette, die unter dem Kellerboden eines Pubs an der alten Gasse Fleshmarket Close ausgegraben wurden, entpuppen sich als Hörsaalgerippe aus Plastik bzw. als Überreste einer vor 250 Jahren hingerichteten Hexe. Lange bleiben die Verbindungen zwischen dem Mord an einem armen Teufel und einem Studentenulk unentdeckt. Doch es gibt sie, und sie führen Rebus und Clarke in den Dunstkreis des modernen Menschenhandels. Wieder muss Rebus erkennen, dass Politik, Wirtschaft, Verwaltung und das organisierte Verbrechen eine Zweckgemeinschaft bilden, die es verständlicherweise hasst, wenn man ihre lukrativen Geschäfte stört oder sie gar – wie unglobal – zur Rechenschaft ziehen will …

Der Mensch und die Menschlichkeit

Ausländer gleichen den Gauklern und Schaustellern des Mittelalters: Das Establishment erfreut sich ihrer Dienste, wenn es ihrer gerade bedarf, und jagt sie möglichst weit davon, sobald es ihrer überdrüssig ist bzw. die ‚Gäste‘ Forderungen stellen. Zum Leidwesen vieler ökonomisch denkender Politiker, Geschäftsleute und Verwaltungsexperten ist dies heutzutage so einfach nicht mehr möglich. Ja, es ist schlimm, was in fremden, seltsamen Ländern geschieht, aber so ist es halt, man hat seine eigenen Sorgen und außerdem ereignen sich Rebellionen, Menschenrechtsverletzungen, Hungersnöte oder Sturmfluten in der Regel beruhigend weit entfernt. So soll es auch bleiben.

Dummerweise weigern sich gar nicht wenige der Unterdrückten, Verfolgten und Verzweifelten, in der ‚Heimat‘ auszuharren, auf Besserung zu warten oder möglichst unauffällig zu sterben. Sie packen ihre wenigen Habseligkeiten, sammeln ihre Familien und machen sich dorthin auf, wo es anders und abweisend ist aber schlimmer nicht mehr werden kann. Dann ist der Punkt erreicht, an dem unerfreuliche Entscheidungen zu treffen sind: Werden diejenigen, die mehr besitzen als das nackte Leben, ihren Besitz teilen, selbst wenn sie dafür finanzielle Opfer leisten müssen, oder wollen sie ihren Wohlstand für sich allein und weisen die Bedürftigen ab?

Tugendbolde wollen es nicht hören, doch beide Haltungen sind zunächst einmal legitim. Zur Aufgabe erarbeiteten Wohlstandes, zur Hilfe auf eigene Kosten ist niemand verpflichtet. Freilich ist es ein Maßstab für die Definition von Zivilisation, in welchem Maße es dennoch geschieht. Wie weit muss, wie weit kann man dabei gehen, wenn man erst einmal Verfolgte aufnimmt und Verantwortung übernommen hat?

Kein unterhaltsames Verbrechen

Was das mit dem hier zu besprechenden Buch zu tun hat, mag der Leser fragen. Doch diese und andere aktuelle, brennende, chronisch ungelöste Fragen bilden das Gerüst für die Geschichte, die Ian Rankin im 15. John-Rebus-Roman erzählt. Dieser hat mit einem ‚normalen‘, d. h. das Leben und vor allem den Tod als unterhaltsames Spiel zelebrierenden Krimi nur wenig zu tun. Das Kriminelle kommt hier unangenehm ‚legal‘ daher, denn es ist juristisch zulässige Praxis, wie (nicht nur in Schottland) mit Asylbewerbern als möglichen „Wirtschaftsflüchtlingen“ umgegangen wird. Etwas läuft schrecklich falsch: Diese unbequeme Gewissheit quillt zwischen den Zeilen förmlich hervor. Nicht nur den betroffenen Asylanten, sondern auch jenen, die sie ‚betreuen‘, sie in gefängnisähnlichen ‚Heimen‘ konzentrieren oder in den möglichen Tod ‚abschieben‘, ist dies bewusst. Rankin macht den Eiertanz deutlich, der um dieses Thema aufgeführt wird: Niemand außer den geistig Armen und den Brutalen will das heiße Eisen anfassen, an dem man sich garantiert verbrennen wird.

Natürlich ist Rankins Sicht einseitig. Er klammert das Problem aus, ob eine Integration, wie sie die unbedingten Multikulti-Befürworter wünschen, überhaupt möglich ist. Für Rankin gilt, dass Einwanderer und Asylanten primär aus Angst in der Fremde unter sich bleiben. Er ignoriert, dass es daneben Zuwanderer gibt, die aus vielerlei Gründen isoliert bleiben wollen. Allerdings ist das seine Entscheidung, die man akzeptieren sollte: Rankin hat ohnehin mehr abgebissen, als er zu schlucken vermag. Manchmal wirft er Rebus in eine Situation, um dessen Fragen und Gewissensnöte etwas plakativ oder gar platt zu vermitteln. In der Regel schafft er es aber, brisante Themen zu verarbeiten. Rankin informiert, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu dozieren oder gar zu vergessen, dass er eine unterhaltsame Geschichte erzählen soll.

Krimi-Plot mit Seitentrieben

Dieser schwere Überbau beeinträchtigt die Auflösung des überaus komplexen Krimiplots, den es ja durchaus gibt, glücklicherweise nicht. Der Verfasser konfrontiert seine Leser mit einigen gelungenen Überraschungen. Wieder einmal stellt sich heraus, dass dort, wo ein juristisches oder moralisches Vakuum herrscht, das Verbrechen besonders üppig wuchert und gedeiht. „Fleshmarket Close“: Das ist nicht nur der Name einer Gasse in Edinburgh. Hier, wo in der Vergangenheit auf offener Straße Fleisch verkauft wurde, ist man in der ‚zivilisierten‘ Gegenwart zum Menschenhandel übergegangen. Dank Rebus wird diese Filiale geschlossen – doch nur vorläufig, wie er sehr gut weiß, denn neue Inhaber stehen schon bereit, das schmutzige Geschäft weiterzuführen.

Verzichten sollen hätte Rankin auf den kriminalistischen Nebenstrang um eine verschwundene Bürgertochter. Zwar enthüllt er auch hier Verbindungen zu den beiden ‚Hauptfällen‘ dieses Buches, doch diese wirken aufgesetzt, obwohl dem Verfasser gleichzeitig zugestanden werden muss, dass sich auch dieser Teil der Handlung überaus spannend liest. Fühlte sich Rankin veranlasst, seinem allzu belletristisch geratenen Roman nachträglich einen deutlicheren Krimi-Touch zu verpassen?

Rebus muss Farbe bekennen

In seinem 15. Auftritt präsentiert sich John Rebus beruflich wie privat zwar auf niedrigem Niveau aber stabil. Um ihn aus seinem verhassten wie geliebten Polizeijob zu mobben, müssten seine Gegner schon stärkere Geschütze auffahren. Rebus ignoriert die meisten Gemeinheiten. Wird es ihm zu viel, zahlt er einfallsreich zurück. Ansonsten erledigt er seine Arbeit in dem Wissen, dass seine Karriere ohnehin zu Ende ist, recht eigenständig. Das macht seine Gegner ebenso hilflos wie rasend und gibt Rankin Gelegenheit für wirklich humorvolle Episoden, welche diese Geschichte bitter nötig hat.

Rebus vertritt dieses Mal stärker als sonst den ‚normalen‘ Bürger seines Landes und damit auch den Leser. Er wird mit einem Aspekt des alltäglichen Lebens konfrontiert, der ihm bisher wie den meisten Menschen zwar bekannt aber trotzdem fremd ist. Nun ist er gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, Stellung zu beziehen. Gleichzeitig führt es ihn an die verdrängten eigenen Wurzeln zurück: John Rebus ist – wir erfahren es hier zum ersten Mal – der Nachfahre polnischer Einwanderer. Nicht einmal die eigene Familiengeschichte ist ihm bekannt; sie wurde verdrängt und vergessen. Rebus muss lernen, dass es so etwas wie ‚echte‘ Schotten wohl gar nicht (mehr) gibt: Die menschlichen Rassen vermischen sich, seit es sie gibt.

Das Wissen um diese einfache Tatsache ist nicht identisch mit ihrer Akzeptanz. Rankin lässt Rebus ein Wechselbad verschiedener Meinungen erleben. Gleichgültige Politiker, publicitygeile Journalisten, überarbeitete Verwaltungsleute, ins Abseits geratene Dauerarbeitslose, Neonazis, auf den eigenen Vorteil fixierte Geschäftsleute, engagierte bis fanatische Menschenrechtler: Personen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Rebus vernimmt Argumente für und Argumente gegen die Aufnahme von Einwanderern, bis ihm die Ohren dröhnen und er sich notgedrungen wieder dorthin zurückzieht, wo er festen Boden unter den Füßen hat: Rebus jagt die eindeutig Kriminellen, die in Schottland die Neuankömmlinge bedrohen, ausbeuten und umbringen. An fragwürdigen Praktiken wie der Abschiebung von „Wirtschaftsflüchtlinge“ kann er nichts ändern. Diese Erkenntnis ist nur ein weiterer Nagel zu seinem Sarg, wobei dessen Deckel allerdings noch reichlich Platz bietet.

Willkommen im Irrenhaus

Zu einem Rebus-Roman gehören dessen Polizeikolleginnen und -kollegen. Viele kennen wir schon aus früheren Abenteuern; es ist schön zu erfahren, was aus ihnen geworden ist. Neue, manchmal angenehm skurrile Gestalten tauchen auf. Durch das gesamte Buch zeiht sich als gelungener „running gag“ Rebus‘ Kleinkrieg mit einer rabiaten Spezialeinheit der Drogenfahndung, die ihm einen Streich sehr einfallsreich heimzahlt.

Neben Rebus steht dieses Mal als Hauptfigur wieder Siobhan Clarke. Sie scheint lange an einem eigenen Fall zu arbeiten, bis Rankin sie mit Rebus zusammenführt. Das ist natürlich ein Täuschungsmanöver aber das Privileg eines Schriftstellers, der sein Publikum überraschen will. Viel zu leiden haben erneut diverse Vorgesetzte, die sich gegen Rebus‘ langjährig erprobte und perfektionierte Dreistigkeit nur schwer oder gar nicht zu wehren wissen.

Bleibt abschließend die Frage, wie der deutsche Titel dieses Romans zu Stande kam. Zwischen „Fleshmarket Close“ und 2So soll er sterben“ lässt sich keinerlei Verbindung herstellen. Rankins Titelwahl ist angesichts des Themas ebenso klug wie raffiniert. Da hätte sich im Deutschen sicherlich eine annähernde Entsprechung finden lassen. Stattdessen gibt‘s wieder eines dieser Pseudo-Bibelzitate, die sich – ausgehend von den auch sonst nur Unheil bietenden Elizabeth-George-Schwarten – wie die Pest ausgebreitet haben.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Taschenbuch: 592 Seiten
Originaltitel: Fleshmarket Close (London : Orion Books Ltd. 2004)
Übersetzung: Heike Steffen u. Claus Varrelmann
http://www.randomhouse.de/goldmann

eBook: 614 KB
ISBN-13: ISBN: 978-3-89480-956-0
http://www.randomhouse.de/goldmann

Hörbuch-Download (gekürzt): 423 min., gelesen von Udo Wachtveitl)
ISBN-13: 978-3-8371-7273-7
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