Richard Stark – Eine Falle für Parker

stark falle cover kleinDas geschieht:

Der nervöse Nachwuchsbandit Uhl, der beim Banküberfall der alten Raubhasen Parker, Andrews und Weiss den Fluchtwagen steuern soll, wird bei der Verteilung der Beute zum Doppelmörder. Hinterrücks legt er im einsam gelegenen Gaunerschlupfwinkel Andrews und Weiss um. Parker sollte der Dritte sein, aber er entkommt in letzter Sekunde. War Uhl sein Anteil zu klein? Parker ist es egal: Uhl hat ihn hereingelegt, das kann und will er nicht dulden. Umgehend beschafft er sich einen fahrbaren Untersatz und Waffen und macht sich daran, Uhl zu suchen, zu finden und zu töten. Rache treibt ihn nicht, Parker will sein Geld und einen Verräter ausschalten.

Uhl ist wie vom Erdboden verschluckt. Parker übt sich in Geduld und sortiert die wenigen Indizien, die ihn zum Flüchtigen führen könnten. Enttäuschte Frauen und zornige Männer säumen Uhls traurigen Lebensweg. Parker stochert ein wenig zu tief in diesem Sumpf und stört dabei das schwule Gaunerpaar Rosenstein und Brock auf. Sie erfahren von der gestohlenen Beute und wollen sie an sich bringen.

Zwischen Parker und dem Duo beginnt ein Wettlauf, der Uhl auf seine Verfolger aufmerksam macht. Das Tempo der Jagd beschleunigt sich. Rosenstein lässt jede Zurückhaltung fallen und foltert sich durch Uhls Bekanntenkreis. Auch Parker muss seine Deckung verlassen, will er nicht ins Hintertreffen geraten. Das bringt ihn, der lieber planmäßig vorgeht, rasch in unerfreuliche Schwierigkeiten, die seiner Gesundheit abträglich sind. Aber Parker ist stur wie ein Bluthund und lässt sich nicht abschütteln. Es kommt zur großen Schlussabrechnung, die indes anders ausgeht, als die Beteiligten sich dies dachten …

Zielorientierte Spannungslektüre

Die Lektüre eines „Parker“-Romans macht deutlich, von wem heutige Stars des Gangsterthrillers ihren Job gelernt haben. Kein Prolog, keine lange Vorrede, keine Einführung ins Geschehen. Stattdessen sind wir sofort mittendrin in einem von Profis durchgezogenen Bankraub, der nach geglücktem Vollzug als blutiges Desaster endet. Wen wir da bei seiner „Arbeit“ beobachten, bleibt zunächst unklar.

Erst im Verlauf der Lektüre klären sich Fragen und Rätsel. Der Verfasser hat für umständliche Erklärungen weder Interesse noch Zeit. Deshalb ist seine Geschichte nach 150 Seiten bereits zu Ende. Keine Zeile wurde verschwendet, keine Szene um des Effekts willen aufgeplustert. Ökonomisch und als Schriftsteller ebenso kundig wie Parker als Verbrecher geht Richard Stark zu Werk.

Ausführliche politisch korrekte = nervende ‚Entschuldigungen‘ für Parkers Handeln bleiben uns erspart. „Eine Falle für Parker“ spielt in einer moralfreien Parallelwelt, die mit dem Alltag normaler Zeitgenossen nur insofern zu tun hat, als diese zu den Schafen zählen, die vom Wolf Parker und seinen kriminellen Rudelgefährten zur Ader gelassen werden.

Karger Lohn für Raub und Diebstahl

Verbrechen lohnt nicht: Das alte, oft moralinsauer aufgeladene Sprichwort bekommt hier eine plausible Erläuterung. Drei harte Wochen haben Parker und seine Spießgesellen ihr Gaunerstück vorbereitet. Magere 33.000 Dollar sind ihre Beute. Hätten sie die Energie, die sie für ihr Verbrechen eingesetzt haben, in ein legales Geschäft investiert, wären sie vermutlich besser davongekommen. Aber diese Frage stellt sich nicht: Parker, Uhl, Weiss und Andrews sind Berufsverbrecher mit einer Selbstverständlichkeit wie andere Menschen Büroangestellte.

Wobei die nähere Betrachtung zeigt, dass auch die Welt des Verbrechens ein weitgehend geschlossenes System ist. Es gibt Regeln, an die man sich zu halten hat. Ein Raub muss gut vorbereitet sein und sachlich über die Bühne gehen. Gewalt gehört zum Geschäft, aber sie bleibt zweckorientiert. Finden sich mehrere Kriminelle zu einer Bande zusammen, so muss man sich aufeinander verlassen können. Hält man sich nicht daran, drohen als Konsequenz nicht Entlassung und Bankrott, sondern Gefängnis und Tod durch das Gesetz, unvorhergesehene Ereignisse oder missliebige Komplizen. Das Gesetz bleibt hier außen vor. Höchstens in Nebensätzen erwähnt Stark, dass es die Polizei gibt. Sie spielt keine Rolle. Schwierigkeiten in der ‚Familie‘ werden unter sich ausgemacht.

Obwohl bereits vor vielen Jahrzehnten entstanden, hat „Eine Falle für Parker“ nichts von seinem Glanz verloren. Nur kurz irritiert eine Handlung, die durch die Existenz des Handys unmöglich geworden ist. Bald vergisst man solche Nebensächlichkeiten und konzentriert sich auf die Story. Der Plot ist simpel aber ausgeklügelt, er wird sauber entwickelt und wartet doch mit Überraschungen und einem Finale auf, das der Handlung gewachsen ist. Das sind die Qualitäten, die diesen Roman zeitlos wirken lassen.

Ein Job wie jeder andere

Parkers persönlicher Ehrenkodex ist kurz und simpel. Er hat Grundsätze: Wäre der Bankraub schiefgegangen, hätte er das als Berufsrisiko in Kauf genommen. Auch der Knast fällt in diese Kategorie. Aber ein Bundesgenosse hat ihn hintergangen. Das darf Parker nicht dulden, denn es würde sich im Milieu herumsprechen und seinen Status schwächen. Außerdem gedenkt er nicht, auf sein Geld zu verzichten. Er hat hart dafür gearbeitet und seinen Teil der Abmachung erfüllt; es steht ihm zu.

Stur ist Parker sowieso, dazu ein Arbeitstier, das sich selten in Selbstreflexion betrachtet. Die Jagd auf Uhl und die Beute ist kein Rachefeldzug, sondern wird zur Fortsetzung des Banküberfalls. Parker muss halt ein wenig mehr Energie und Zeit in die Sache investieren. Besseres hat er ohnehin nicht zu tun. Disziplin ist Parkers Erfolgsgeheimnis. Uhl, Rosenstein oder Brock sind nicht mit dieser Gabe gesegnet. Sie wollen viel Geld, können ihre persönlichen Vorlieben oder Abneigungen jedoch nicht kontrollieren. Das wirkt sich negativ auf ihren Job aus.

Parker muss eigentlich nur warten, bis sich seine Gegner von selbst verraten. Dummerweise leiden Unschuldige unter ihrer Schlampigkeit. Dies muss die unglückliche Familie Saugherty erfahren, die Uhl in die Geld-Jagd hineinzieht. Ein Profi – auch das ein Grundsatz Parkers – verletzt oder tötet nur mit Vorsatz. Das Vergnügen daran ist nicht nur eine Charakterschwäche, sondern erregt vor allem unnötige Aufmerksamkeit.

Auch halbherzige ‚Quereinsteiger‘ duldet das professionell kriminelle System nicht. Uhls Freundin Joyce Langer wählt von zwei möglichen Wegen stets den falschen. Letztlich ergebt es ihr von allen kriminellen Gestalten dieser Geschichte am schlechtesten: Sie muss in ihrer jämmerlichen kleinen Welt überleben. Ed Saugherty büßt seinen schlecht durchdachten Ausbruch aus einem allzu geordneten Alltag mit dem Leben: Mit solchen Ambivalenzen stattet Richard Stark seine Figuren aus: Soviel zum Thema „simple Krimilektüre“.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch diese eigene, sehr schöne Website.

Zur „Parker“-Reihe gibt es diese deutschsprachige Website.

Die „Parker“-Reihe

(Die „Parker“-Romane bis 1974 erschienen in Deutschland in den Krimi-Reihen des Heyne- und des Ullstein-Verlags; sie wurden z. T. als „Bestseller-Krimis“ im Erich Pabel Verlag neu veröffentlicht.)

(1962) Jetzt sind wir quitt/Payback (The Hunter/Payback/Point Blank)
(1963) Parkers Rache (The Man with the Getaway Face/The Steel Hit)
(1963) Die Gorillas (The Outfit)
(1963) Ein Job für Parker (The Mourner)
(1964) Stadt im Würgegriff (The Score/Killtown)
(1965) Parkers Urteil (The Jugger)
(1966) Parker und der Amateur (The Seventh/The Split)
(1966) Das Kasino vor der Küste (The Handle/Run Lethal)
(1967) Sein Gewicht in Gold (The Rare Coin Score)
(1967) Unternehmen Grüner Schnee (The Green Eagle Score)
(1968) Unternehmen Schwarzes Eis (The Black Ice Score)
(1969) Eine Falle für Parker (The Sour Lemon Score)
(1971) Ein wunder Punkt kann töten (Deadly Edge)
(1971) Ich bin die dritte Leiche links (Slayground)
(1972) Harte Zeiten, weiche Knie (Plunder Quad)
(1974) Blutiger Mond (Butcher’s Moon )
(1997) Verbrechen ist Vertrauenssache (Comeback)* bzw. Dtv-Nr. 21502
(1998) Sein letzter Trumpf (Backflash)* bzw. Dtv-Nr. 21468
(2000) Irgendwann gibt jeder auf (Flashfire)* bzw. Dtv-Nr. 21419
(2001) Der Gewinner geht leer aus (Firebreak)* bzw. Dtv-Nr. 21382
(2002) Das große Gold (Breakout)* bzw. Dtv-Nr. 21337
(2004) Keiner rennt für immer (Nobody Runs Forever)* bzw. Dtv-Nr. 21266
(2006) Fragen Sie den Papagei (Ask the Parrot)* bzw. Dtv-Nr. 21210
(2008) Das Geld war schmutzig (Dirty Money)* bzw. Dtv-Nr. 21321

* Zsolnay-Verlag

Taschenbuch: 158 Seiten
Originaltitel: The Sour Lemon Score (New York : Fawcett Publications, Inc. 1969)
Übersetzung: Will Helm
www.ullsteinbuchverlage.de

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