Lustbader, Eric Van – Testamentum

_Freund oder Feind: Krieg der Ordensritter_

800 Jahre lang hütet ein Geheimorden eine Textsammlung, die das Christentum bis ins Mark erschüttern kann: Jesu Testament. Als der letzte Hüter des Schatzes ermordet wird, muss sein nichts ahnender, aber gut vorbereiteter Sohn die Nachfolge antreten. Er wird unterstützt von einer Wächterin des Ordens, einer zwielichtigen jungen Frau, und gnadenlos verfolgt von Gefolgsleuten des Vatikans, Leuten, die er bislang für seine Freunde gehalten hat. Doch diese wollen nicht nur das Jesus-Testament zerstören, sondern noch etwas viel Wertvolleres, um dem sterbenden Papst das Leben zu retten …

_Der Autor_

Eric Van Lustbader, geboren 1946, ist der Autor zahlreicher Fernost-Thriller und Fantasyromane. Er lebt auf Long Island bei New York City und ist mit der SF- und Fantasylektorin Victoria Schochet verheiratet. Sein erster Roman „Sunset Warrior“ (1977) lässt sich als Science-Fiction bezeichnen, doch gleich danach begann Lustbader (das „Van“ in seinem Namen ist ein Vorname, kein holländisches Adelsprädikat!), zur Fantasy umzuschwenken. Der Dai-San-Zyklus gehört dem Genre der |Sword & Sorcery| an und besteht aus folgenden Romanen:

Sunset Warrior (Ronin); Shallows of Night (Dolman); Dai-San; Beaneath an Opal Moon (Moichi); Beyond the Sea of Night (Der Drachensee).

1980 begann Lustbader mit großem Erfolg seine Martial-Arts-&-Spionage-Thriller in Fernost anzusiedeln, zunächst mit Nicholas Linnear als Hauptfigur, später mit Detective Lieutenant Lew Croaker: The Ninja; The Miko; White Ninja; The Kaisho usw. Zur China-Maroc-Sequenz gehören: Jian; Shan; Black Heart; French Kiss; Angel Eyes und Black Blade. Manche dieser Geschichten umfassen auch das Auftreten von Zauberkraft, was ihnen einen angemessenen Schuss Mystik beimengt.

Ab 2003 erschien bei uns die Kundala-Trilogie: „Der Ring der Drachen“, „Das Tor der Tränen“ und „Der dunkle Orden“. Da diese Fantasy ebenfalls in einem orientalisch anmutenden Fantasyreich angesiedelt ist, kehrt der Autor zu seinen Wurzeln zurück, allerdings viel weiser und trickreicher. Kürzlich hat er noch einmal eine Wendung vollzogen und schreibt nun die Thriller seines verstorbenen Kollegen Robert Ludlum fort, so etwa „Die Bourne-Verschwörung“. Zuletzt erschien 2007 der Mystery-Thriller „Testamentum“ in der Art von Dan Browns „The Da Vinci Code“.

_Handlung_

Braverman Shaw lebt eigentlich in Europa, wo er sich als Experte für Verschlüsselungstechnik, die Kryptologie, im Geschäftsleben einen Namen gemacht hat. Wie an jedem 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, besucht er seinen Vater Dexter in New York City. Zu Dexter hat er ein zwiespältiges Verhältnis. Der Mann hat ihm zwar die Kryptologie beigebracht und ihn sogar mittelalterliche Religionsgeschichte studieren lassen. Doch er hat auch versucht, den Lebensweg seines Sohnes vorzuzeichnen – und das konnte Braverman nicht hinnehmen. Also setzte er sich nach Übersee ab.

|Wiedersehen|

Als er ihn nun in einem Restaurant in der Innenstadt wiedersieht, äußert Dexter mal wieder die Absicht, mit seinem Sohn über Zukunft und Pläne zu sprechen. Bravo, wie ihn alle Freunde allgemein nennen, kann’s nicht mehr hören und trennt sich schon bald im Streit von Dexter. Doch er spürt Schuldgefühle und kehrt um, bevor er shoppen geht. Er hat fast seinen Vater vor dessen Wohnung erreicht, als die Haustür in einer furchtbaren Explosion birst und die Trümmer Dexter Shaw auf der Stelle töten, doch wie durch ein Wunder wird Bravos Leben verschont. Als er wieder zu sich kommt, ist das Haus nur noch ein Trümmerhaufen. Und darin muss sich nicht nur sein Vater befinden, sondern auch seine Schwester Emma. Als er sie im Krankenhaus besucht, hat sie ihr Augenlicht verloren.

|Rätsel und Codes|

Doch wer steckt hinter der Explosion? Doch nicht etwa die zwei Spaziergänger, die ihn am Tag danach so unverschämt angesehen haben, oder? Auch Emma hat keine Vermutung, aber sie ist sich sicher, dass ihrer beider Vater für diesen Fall der Fälle Vorsorge getroffen hat. Bravo geht zur Bank seines Vaters. In dem Schließfach findet er neben Geld auch einen Schlüssel. Er könnte zu Dexters Wohnung in der Stadt passen, wo er zuletzt im Außenministerium arbeitete, in Washington, D.C.

Doch die Wohnung ist längst ausgeräumt, und der einzige Hinweis, der ihm weiterhilft, sind die auf dem Schlüssel eingravierten 16 Buchstaben. Offensichtlich ein Code. Entschlüsselt ergibt sich das Wort „Liegeplatz“. Es handelt sich um den Liegeplatz von Dexters Yacht im Hafen von Washington. Das Boot ist nach Bravos verstorbener Mutter Stefania benannt, die Dexter sehr geliebt und betrauert hat: „Steffi“. Als er das Boot durchsucht, stößt Bravo auf ein Geheimfach, das er öffnen kann, doch darin befinden sich Gegenstände, mit denen er nichts anzufangen weiß. Sie werden sich aber auf der folgenden Schnitzeljagd als sehr nützlich erweisen.

|Wächter|

Er beginnt mit der Brille. Sein Vater trug nie eine, also muss dies ein Hinweis sein. Er führt zu einem Optiker und dieser zu der Technikerin, die die Brillengläser schliff. Er fährt zu ihr hin und wird bereits ungeduldig erwartet. Jenny Logan ist hübsch, schlank, durchtrainiert und fit im Umgang mit Waffen. Kaum haben sie sich miteinander bekannt gemacht, wird die Tür des Hintereingangs mit einem Rammbock aufgebrochen. Durch eine Falltür und einen Geheimgang gelingt ihnen die Flucht. Da bemerkt Bravo wieder das Pärchen aus Manhattan: Sie heißen Rossi und Donatella, wie er später erfährt. Seltsamerweise hindert Rossi einen der Ganoven daran, auf Bravo zu schießen. Wozu? Was macht Bravo so wertvoll?

|Offenbarungen|

Jenny Logan findet kaum Zeit, ihm die folgenden Hintergrundinformationen zu verklickern. Sie sei als seine Wächterin abgestellt worden, von seinem Vater natürlich. Bravo stöhnt schon wieder genervt. Aber dann kommen die spannenden Details, und er hört genau zu.

Dexter Shaw war der Schlüsselbewahrer eines Jahrhunderte alten Ordens verfolgter Gnostiker, der von einem dem Vatikan ergebenen Orden verfolgt wurde. Denn die Gnostiker, eine vom Vatikan seit dem Jahr 325 n. Chr. geächtete christliche Glaubensrichtung, bewahrt neben zahlreichen Staatsgeheimnissen auch zwei unendlich wertvolle Gegenstände auf – in der Obhut des Schlüsselbewahrers und seines Chefs, des |Magister regens|. Diese Gegenstände sind das echte Testament Jesu und eine Essenz, die nicht nur Tote wiedererwecken, sondern ihnen sogar ein ungewöhnlich langes Leben verleihen kann. Man könnte sie die Lazarus-Essenz nennen. Und nun, da der Papst im Sterben liegt, sei der Orden vom Heiligen Klemens hinter dieser Essenz her wie der Teufel hinter der armen Seele.

|Aufgaben|

Na und, will Bravo wissen, was geht das ihn an? Ganz einfach, meint Jenny Logan, während sie mit hundert Sachen durch die Washingtoner Innenstadt prescht, nicht ahnend, dass ihr Wagen mit einem Peilsender versehen ist. Bravo sei von seinem Vater dazu ausersehen worden, sein Nachfolger im Orden der observanten Gnostiker zu werden. Deshalb habe er ihm die richtige Ausbildung zukommen lassen. Er kenne sich in mittelalterlicher Religionsgeschichte aus, könne praktisch jeden Code knacken, der ihm in die Finger kommt, und könne mit Waffen umgehen. |Quod erat demonstrandum|.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd durch den ältesten Teil des Nationalfriedhofs von Arlington gelingt es dem Paar, nach Frankreich zu entkommen, auf den Fersen die wütende Donatella. Sie weiß nicht, wie es Bravo gelungen ist, ihren Seelengefährten, den Killer Rossi, zu töten, aber sie weiß eines sicher: Sie will ihn teuer dafür bezahlen lassen. Doch ihre Auftraggeber verbieten ihr, Bravo zu töten. Erst soll er sie zum Versteck führen, wo die Geheimnisse des Ordens verborgen sind. Wo immer das auch sein mag.

_Mein Eindruck_

Erinnert sich jemand an den Robert-Ludlum-Thriller „Die Bourne-Identität“ und dessen ebenso verfilmte Fortsetzung „Die Bourne-Verschwörung“? Lustbader hat die Trilogie mit „Das Bourne-Vermächtnis“ vervollständigt. Eines ist den drei Büchern stets gemeinsam: Es gibt keine Gewissheit, auf welcher Seite jemand steht. Ist der Freund oder die Freundin, die neben einem steht, nicht doch ein verkappter Agent der Gegenseite, der einem gleich an die Gurgel will? Es ist niemandem zu trauen, und Liebe ist nur ein Wort, oder?

Genauso verhält es sich in „Testamentum“, mit dessen religionsgeschichtlicher Mystery-Story sich Lustbader, der Großmeister des Fernost-Thrillers, auf die Fährte von Dan Browns [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 begeben hat. Wir erinnern uns: Ständig muss Robert Langdon, seines Zeichens Symbolkundler, mit seiner Gefährtin Sophie Codes knacken, Symbole entschlüsseln, die verborgene Botschaft der Maria Magdalena aufdecken usw. Genau wie Sophie von ihrem Vater, dem Direktor des Louvre und geheimen Ordensvorsteher, auf ihre Aufgabe vorbereitet worden ist, so wurde auch Bravo Shaw auf seine Nachfolge gründlich vorbereitet. Die Parallelen sind unübersehbar.

Doch hier endet bereits die Ähnlichkeit. Lustbader hat schon mehrfach nichts ahnende Söhne auf die Spur ihrer in Agententätigkeiten verstrickten Väter geschickt, sei es in „Der Ninja“ oder in „Zero“. Stets war eine zwielichtige Frau an seiner Seite, die ihn erst in erotische Höhen katapultiert und dann in tiefste Abgründe des Verrats. |C’est la guerre, mon cher|!

In „Testamentum“ spielt Lustbader das alte Ludlum-Bourne-Spielchen noch einen Tick raffinierter. Die Frau an des Helden Seite, Jenny Logan, wird von einer zweiten Frau ausgetrickst, so dass es aussieht, als ob Jenny Bravos Feind sei. Dieser Spannungsbogen wird erst sehr spät aufgelöst, und so ist stets für gehörig Adrenalinnachschub gesorgt, wo immer Jenny auftaucht. Wird Jenny ihren geliebten Bravo jemals bekommen? Wer will, kann eine Wette darauf abschließen.

Während sich Bravo von einer Entschlüsselung und Rätsellösung zur nächsten vortastet, weiß er selten hundertprozentig, wer welchem der beiden verfeindeten Orden angehört. Natürlich irrt er sich gründlich und vertraut den Falschen. Perfiderweise hat er sie stets für seine besten Freunde gehalten, ohne zu ahnen, dass sie nur mit ihm Freundschaft geschlossen haben, um über ihn an seinen Vater und dessen Ordensgeheimnisse heranzukommen. Daher vertraut er ihnen so lange, dass es schon töricht wirkt. Aber Bravo hat Freunde in seinem Orden, die auch nicht unfähig sind und für ihn Freund von Feind unterscheiden können, zumindest alle außer Jenny Logan.

Was mir am sympathischsten an Bravo war, ist die Tatsache, dass er nie einen Menschen absichtlich tötet. Wenn schließlich jemand durch seine Hand stirbt, dann handelt es sich mehr um eine Art Unfall und zweitens hat es derjenige verdient.

|Schauplätze|

Wie auch in „The Da Vinci Code“ bietet der Plot der Schnitzeljagd dem Autor jede Menge Gelegenheit, seine intime Kenntnis diverser Schauplätze unter Beweis zu stellen. In mehreren Romanen Lustbaders (z. B. „Kaisho“, 1993) spielt Venedig, la Serenissima, eine sehr positive Rolle. Das Labyrinth, das ihre Kanäle und Gassen bilden, steht symbolisch für das Gewirr von Loyalitäten und Ungewissheiten, mit dem sich der jeweilige Held herumschlagen muss wie weiland Theseus beim Minotaurus.

Außerdem ist Venedig sehr alt und wurde von einer überschaubaren Zahl von Familien – es waren 24 – gegründet. Die Nachkommen dieser Gründer genießen offenbar bis heute hohe Privilegien, natürlich auch in „Testamentum“, missbrauchen sie aber wie so oft aus niederen Beweggründen. Es ist wie ein blutrünstiges elisabethanisches Theaterstück, das hier aufgeführt wird. Rom als Schauplatz wird ganz gemieden; zu ausgelutscht sind hier wohl die Kulissen, als dass sie einen Autor noch reizen würden.

Ein weiterer exotischer Schauplatz wird von Trabzon gestellt. Nicht nur einer der besten Fußballklubs kommt aus dem alten byzantinisch-osmanischen Trapezunt, sondern hier lag auch eines der Zentren des Gnostikerordens, in dessen Innenleben Bravo immer weiter vordringt. Und natürlich liegen hier – irgendwo an einem versteckten Ort – die Geheimnisse des Ordens. Über das Trabzon der Gegenwart weiß der Autor praktisch nur Negatives zu berichten, über die alte Kaiserstadt der Byzantiner hingegen viel Positives und Schönes. Hier trieben die Venezianer regen Handel mit den Kaufleuten, die aus China Seide und Wunderdinge mitbrachten. Von hier begaben sich die Ordensleute in den Westen, um mehr Geheimnisse anzuhäufen, die ihnen Macht verschafften.

Folgerichtig findet hier der finale Showdown statt – nachdem es schon eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen gegeben hat. Und nun erst werden die letzten Geheimnisse gelüftet, nicht nur die des Ordens, sondern vor allem jene im Herzen der Figuren. Bravo findet endlich heraus, auf welcher Seite Jenny Logan steht, bevor es für sie beide zu spät ist.

|Die Übersetzung|

… von Bea Reiter ist über weite Strecken hin gut geglückt, aber auf ein paar Fehler bin ich doch gestoßen. So existiert das Wort „sekulär“ auf Seite 431 im DUDEN nicht, gemeint ist wohl „säkular“, was „verweltlicht“ bedeutet.

Auch die Wortform „heraufbeschwörte“ auf S. 537 ist etwas daneben, denn meistens sagt und schreibt man immer noch korrekt „heraufbeschwor“, und jeder weiß, was gemeint ist.

Auf den gröbsten Schnitzer stößt jedoch nur der aufmerksame Leser, der aus Erfahrung vorgewarnt ist, wenn sich Amerikaner und Europäer über Jahrhunderte ausdrücken wollen. Da heißt es also auf Seite 436, dass Luigi Fornarini Ende des 14. Jahrhunderts (in Venedig) gelebt habe. Doch zwei Seiten weiter wird dies durch die Angabe widerlegt, dass Trapezunt, mit dem Fornarini zu tun hatte, 1461 von den Türken erobert wurde. Ergo lebte Fornarini nicht Ende des 14., sondern Ende des 15. Jahrhunderts. Nur durch Kombinieren wird dieser Fehler sichtbar, der durchaus auf den Autor zurückzuführen sein könnte.

_Unterm Strich_

Wie alle Lustbader-Thriller ist auch dieser mit Routine und Raffinesse gestrickt worden. „Sakrileg“ und „Bourne-Identität“ lassen grüßen, doch der Autor spielt seine Stärken in cleverer Plotführung und hinterhältiger Handhabung von Loyalitäten bis zum Schluss aus. Ich habe erst skeptisch auf diesen dicken Schinken geschaut, aber als Fan dieses Autors mich doch überwunden, ihn zu lesen. Und siehe, das Buch las sich praktisch von selbst, denn man kann es kaum aus der Hand legen, weil schon wieder eine unwahrscheinliche Enthüllung den Adrenalinpegel hochtreibt. Das erprobte, patentierte Prinzip der Schnitzeljagd funktioniert wie eh und je. Erst wenn sie zu Ende ist und „alle Klarheiten beseitigt“ sind, kann es Ruhe und Frieden geben. Ich brauchte daher nur drei oder vier Tage für Lustbaders standardmäßige 650 Seiten.

Sicher, wer hier nach Jesu Testament und anderen welterschütternden Neuigkeiten sucht, wird enttäuscht werden. Dieses Testament dient lediglich als McGuffin, denn es auf die Christenheit loszulassen, wäre glatter Selbstmord an dem Glaubensfundament. Und das „Lazarus-Öl“, wie ich es mal nenne, ist auch nicht mehr das, was es vor 500 Jahren mal war. Tja, |sic transit gloria mundi|. Darin unterscheidet sich dieser Roman gründlich von dem etwas überheblichen und prätentiösen „Sakrileg“.

Aber darauf kommt es dem Autor wirklich nicht an. Er zieht einfach alle Tricks aus dem Ärmel und vergönnt dem Leser kaum mal eine Atempause. Denn alles, was der Autor wirklich will, ist die denkbar spannendste Unterhaltung zu liefern. Das allerdings gelingt ihm ausgezeichnet. Nebenbei lernt der Leser noch viel Wissenswertes über Venedig, den Mont St. Michel und das türkische Trapezunt.

|Originaltitel: The Bravo Testament, 2005
653 Seiten
Aus dem US-Englischen von Bea Reiter|
http://www.heyne.de

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