Lydia Manzoni – Gewisse Stunden

Monika macht den Liebesführerschein

„Die Verwirrungen einer jungen Frau, die ihren Mann liebt und sich in einsamen Stunden von einem Kavalier trösten lässt, werden hier beschrieben. Ein aufregendes Buch für alles, die das Ungewöhnliche lieben.“ (Verlagsinfo) Nun, der Kavalier ist nur der Anfang und zudem ein Irrweg. Was Monika wirklich sucht, ist die Erfüllung in den Armen anderer Frauen, sowie die damit einhergehende Erfahrung und Reife als Frau.

Die Autorin

„Lydia Manzoni“ ist eine echte Vielschreiberin und lässt sich auch bei Facebook finden.

Von ihr stammen folgende Titel im Moewig-Programm:

1) Gewisse Stunden
2) Tante Lola
3) Sommerflimmern
4) Der Liebescomputer
5) Nächte mit Jenny
6) Zeig es mir
7) Im Treibhaus der Lüste

Handlung

Monika ist eine einsame, 33-jährige Ehefrau, denn ihr Mann Stephan ist Pilot und häufig tagelang unterwegs. Kommt er zurück gewährt sein Dienstplan den beiden kinderlosen Eheleuten nur 24 Stunden, im Glücksfall auch mal 48 Stunden Zeit, um ihre Sehnsucht nacheinander auszuleben. Auch heute wieder ist Stephan losgedüst und unsere blonde Heldin erwacht voll Sehnsucht. Sich zu streicheln bringt aber nur vorübergehend Erleichterung.

Es klingelt an der Tür und Monika eilt aus der Dusche im Bademantel zur Haustür. Es ist der 16-jährige Nachbarsjunge Martin, der ihr bzw. ihrem Mann geliehene Fotos zurückgeben will. Er ist von der Fliegerei genauso begeistert wie ihr Mann. Doch als er herumfuchtelt, öffnet sich unabsichtlich ihr Bademantel, und er kann alles darunter sehen. Sie ahnt nicht, dass er sich schon seit einem Jahr nach ihren weiblichen Reizen sehnt, seit dem Tag, an dem er ein Fernglas geschenkt bekam und in ihrem Schlafzimmer nicht nur Kissen aus Stoff erspähte…

Mit rotem Kopf geht Martin wieder, und schnell hat Monika den peinlichen Zwischenfall vergessen. Sie braucht etwas Reelles und wählt die Nummer, die sie einer Zeitungsannonce entnommen hat: ein Vermittlungsinstitut für Kavaliere. Ihr erster Kavalier soll „Manfred“ heißen, auf keinen Fall „Stephan“, versteht sich. Und als er eintrifft, um sie sanft zu verführen, darf er natürlich auch nicht ins heilige Schlafzimmer. Er verrichtet sein Werk also auf dem Küchentisch. Hinterher schämt sich Monika und gerät ins Nachdenken.

Sie wendet sich an die hübsche Nachbarin. Ilonas Mann ist Vertreter und ebenfalls tagelang auf Achse. Ilona hat aber gelernt, die daraus resultierende Einsamkeit zu bekämpfen. Sie erkennt sofort die Klemme, in der Monika steckt, und lässt ihr liebevolle Fürsorge angedeihen – sie zieht sie aus und liebkost sie. Martin, der schon wieder am Fenster Spanner spielt, fallen fast die Augen aus dem Kopf. Schon wieder wird seine Hose nass und er muss nach Hause eilen…

Auf dem Lande

Auf Ilonas Anregung hin fährt Monika von Frankfurt aus zurück in ihre Vergangenheit, dorthin, wo sie aufgewachsen ist: in die Berge. Nach dem Verlust ihrer Eltern in einem Autounfall wurde sie als Vollwaise von ihrem Onkel Franz und seiner Frau Else aufgezogen. Der Bauernhof im Voralpenland kommt immer noch vor wie das verlorene Paradies, als sie dort nach einer stundenlangen Autofahrt eintrifft. Es ist Vormittag, aber noch Zeit für ein Frühstück. Die begeisterten Zieheltern richten Monikas Kinderzimmer her, so dass sie sofort in tiefen Schlaf fallen kann. Fallen ist auch das Motto ihrer Träume, das Signal, dass eine Veränderung bevorsteht.

Der Bauernhof ist alles andere als eine sexfreie Zone, wie sie bald feststellt. Als sie in ihr kleines Kinderversteck zwischen Stall und Scheune schleicht, kann sie den Knecht Heinz und die Magd Rosi beim Vögeln beobachten. Dabei wird ihr ganz schön warm. Sobald Heinz seine Arbeit im Garten der Venus verrichtet hat, ist Rosi allein, doch sie hört, dass da ein Lauscher ist: Doch statt des Bauern (Franz) tritt da eine junge Frau hervor. Vor der braucht sich Rosi wirklich nicht zu schämen, und tatsächlich kommt es zwischen den beiden zu einer Art Pakt.

Onkel Franz gräbt Monikas altes Fahrrad aus und versetzt sie so in die Lage, zu dem einsam gelegenen See zu radeln, wo sie ein erfrischendes Bad nehmen will. „Natürlich nackt“, sagt sie stolz, was ihn etwas zu erschüttern scheint. Der See ist bei sonnigem Wetter in der Tat herrlich, das kühle Nass erfrischt Monikas Sinne und erregt sie derart, dass sie sich auf ihr Handtuch legen und selbst befriedigen muss: Sonne mag eben geil.

Doch kaum ist wieder bei Sinne, hört sie es im Gebüsch knacken und rascheln. Jemand hat sie beobachtet! Da keine Spuren zu entdecken sind, muss der Spanner aus der Umgegend sein, wahrscheinlich vom Hof. Doch welcher von den Männern kann es gewesen sein? Monika muss ihre Augen aufsperren und Detektiv spielen…

Mein Eindruck

Mit männlicher Logik hat es Monika allerdings nicht so. Mit dem Auge des Herzens mustert sich jeden der Männer – und hat den Verdächtigen sogleich ausgemacht, weil er ihr nicht in die Augen schauen will. Aber sie kann ihn nicht zur Rede stellen, denn war nie sie es selbst, die das voyeuristische Spiel angefangen hat, als sie tags zuvor in ihrem Versteck Rosi und Heinz beobachtete? Monika fasst sich an die eigene Nase und hält sich mit Anklagen zurück. Außerdem hat sie keinerlei Beweise. Also muss sie einen zweiten Versuch starten und einen unwiderstehlichen Köder auslegen – mit sich selbst und Rosi als Nacktbadende in der Hauptrolle. Tatsächlich geht der Spanner auch in die Falle…

Freundschaft und Verantwortung

Doch mit Rosi kann Monika tun, was sie am liebsten tut: lesbische Spiele der zärtlichen Sorte. An diesen Begegnungen wächst sie selbst innerhalb, denn sie kann ausloten, wozu sie emotional in der Lage ist. Ganz davon abgesehen schließt dadurch eine Menge Freundschaften und Bündnisse, so etwa mit ihrer Nichte Peggy, die sie später mit dem jungen Martin verkuppelt. Der Grund dafür ist ihre Einsicht, dass sie als Frau eine Verantwortung dafür hat, wie sich ein Mann fühlt und wie sich ein junger Mensch wie Martin seelisch weiterentwickelt. Sie will sich nicht Schuld geben müssen, wenn er in seinem Voyeurismus gefangen bleibt und quasi ein Pornosüchtiger wird. Das sieht zum Glück auch Peggy ein und schreitet mit Monika zur Tat. (Und weil sowohl Peggy als auch Martin schon 16 Jahre alt sind, ist das auch altersmäßig überhaupt kein Problem von wegen „Verführung Minderjähriger“.)

Körperlandschaften

Alle erotischen Begegnungen, die zwischen Frauen stattfinden, nehmen für ihre Beschreibung eine Bildersprache zuhilfe, die sich der Ausdrücke einer Landschaft bedient. So ein junger Frauenkörper besteht ja aus einer Menge Rundungen, die sich Berge und Hügel bezeichnen lassen: Brüste werden zu Bergen und sogar Türmen, die wiederum von Spitzen, Krönchen und Türmchen gekrönt werden. Jeder Berg, wie etwa der der Venus, muss ein Tal haben, und das wichtigste Tal führt zwischen die Schenkel hinab. Dort befindet sich das „Allerheiligste“ der Frau, ja, sogar ihr „Schatzkästlein“. Man sieht schon an diesen Metaphern, wie veraltet dieser Text ist: Sie stammen aus der Zeit, als Oma noch jung war. Für die Männer gibt es übrigens überhaupt keine Metaphern. Ein Glied ist ein Penis und fertig.

Eine Art Heldinnenreise

Monika ist die Heldin ihrer eigenen Reise zu Reifung und Erfahrung. Die Titel der drei Buchteile deuten darauf hin: „Erkenntnis und Flucht“, „Selbstfindung und Zweifel“ sowie „Erwartungen und Freuden“. Ihr eigenes Wachstum dient also der Erlangung der seelischen Kompetenz in einer Liebesbeziehung, quasi dem „Liebesführerschein“.

Allerdings ist ihr Reiseabschnitt, gemessen an der Reise einer Frau, auf die frühe Phase begrenzt: Die Phasen der Mutterschaft und der Matrone liegen noch vor ihr und spielen auch keinerlei Rolle. An keiner Stelle hat irgendeine Frau auch nur ein einziges Kind. Es ist geradeso, als seien Kinder in die Phantasiewelt streng tabu. Monikas Welt ist statisch, ihre gesellschaftliche Reifung nur Illusion.

Sie folgt dem Sharing-Prinzip. Weil sich ihre Liebe nur auf den eigenen Mann beschränkt, tritt Monika nie als Eroberin auf, die anderen den Mann ausspannt. Bei der Magd Rosi oder Tante Else wäre das leicht zu bewerkstelligen. Für sie als idealisierte Hauptfigur gilt das Prinzip des friedlichen Teilens, auch ihrem Pflegevater genüber. Dadurch ist die gemeinsame Freude am Körper der oder des jeweils anderen doppelt so groß, irgendwelches Leid wie etwa ein Spanner aber nur halb so bedrückend. Könnte dieses Verhalten womöglich das Geheimrezept für eine glückliche Ehe sein? Monika muss es mit ihrem Stefan, der ja bald zurückkehrt, herausfinden…

Textfehler

S. 36: „An Männern dürfte ihr es eigentlich nicht fehlen.“ Syntaxfehler. Richtig wäre: „An Männern dürfte es ihr eigentlich nicht fehlen.“

S. 72: „und schlüpfte flinks ins Bett.“ „Flink“ würde völlig reichen.

S. 77: „…und setzte [sich] auf Monikas Bettdecke fort.“ Da fehlt ein wichtiges Wörtchen.

S. 119: „fröhnte“: „Frönen“ kommt von „Fron“, und die schrieb man schon immer ohne H.

S. 124: „du[r]schte…“: Das R ist überflüssig.

S. 153: „wies seinen Fingern den Weg in ihr[e] Tal.“ Das E ist überflüssig.

S. 160: „du sagst höchsten[s] mal ja oder nein…“ Das S fehlt.

S. 163: „Monika sch[a]ute zum Fenster.“ Das A fehlt.

Unterm Strich

Das Buch liest sich wie eine rasche Aneinanderreihung von primär lesbischen Liebesszenen, die sich intensiv mit der (äußeren) weiblichen Anatomie beschäftigen und den Wonnen, die sich durch deren Liebkosung erlangen lassen. Die Anatomie der Männer spielt fast gar keine Rolle und ihr Liebesleben beschränkt sich auf Sex und Masturbation. Frauen scheinen wesentlich mehr Spaß an der körperlichen Liebe zu haben – oder die Autorin wollte damit dem männlichen Leser ein entsprechendes Vergnügen bereiten, nämlich das des Voyeurs.

Weibliche Leser werden eher das seelische Reifen der Heldin goutieren. Dieser Reifeprozess erstreckt sich nicht nur auf die Sexszenen, sondern auf viele Gespräche mit anderen Frauen. Die Anhalterin, die ich oben unterschlagen habe, berichtet beispielsweise, wie weit sie die Männern gehen lässt, damit sie ihre verdiente Belohnung fürs Mitnehmen bekommen. Ihr Motto lautet offenbar: „bis zum Höschen, aber keinen Zentimeter weiter“.

Ja, Kinders, damals, also zu Omas Zeiten, gab es tatsächlich noch Anhalterinnen und andere Märchengestalten, wie etwa echte Bauern. Nicht nur in dieser Hinsicht wirkt das Buch nahezu prähistorisch. Auch die Bildsprache mutet so an: Frauen haben ein „Schatzkästlein“ oder ein „Allerheiligstes“ zwischen den Schenkeln, also dort, wo sich das „Tal der Wonnen“ befindet. Die Lektüre war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Vor allem die vielen Druckfehler störten mich.

Taschenbuch: 191 Seiten
ISBN-13: 9783811862470

www.vpm.de

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