Michel Gall – Der andere Robinson Crusoe

Liebesnöte eines Ausgesetzten

Robinson Crusoe verbrachte 20 Jahre auf einer frauenlosen Insel. Wie er mit seinen sexuellen Problemen fertig wurde, hat Daniel Defoe uns nicht verraten, wohl aber jetzt Michel Gall mit diesem Buch. Robinson tat’s ganz anders, als Sie vermuten!. (Verlagsinfo) Im Buch selbst verbringt Crusoe sogar 25 Jahre auf seiner Insel, die laut Defoe vor der Küste des Orinoko-Deltas lag.

Der auf Französisch geschriebene Roman „La vie sexuelle de Robinson Crusoe“ wurde erst 1963 im Buchklub von Claude Tchou veröffentlicht. Das Buch muss also viel früher geschrieben worden sein. Es dauerte nochmal 20 Jahre, bis Moewig es 1982 auf Deutsch publizierte.

Nach den Worten eines Kritikers handelt es sich um einen „gut geschriebenen Leitfaden zu Masturbation, Tierliebe, Homosexualität, Erinnerung und die Kraft der Phantasie.“ Der Leser ist gewarnt.

Der Autor

Michel Gall ist mehrfach als Autor erotischer Romane hervorgetreten, einmal hat er das Pseudonym „Humphrey Richardson“ verwendet. „Gall war 15 Jahre lang Chefreporter bei PARIS MATCH, arbeitete für ‚TIME-Life‘, war stellvertretender Chefredakteur von ‚MARIE CLAIRE‘ und ist in der Werbung tätig.

Schon mit 19 Jahren schrieb er über das Liebesleben von Robinson Crusoe, später folgten die erotischen Träumereien um Odysseus, um Adam und Eva und um Eros und Psyche. Er ist mit einer Frau aus der Filmbranche verheiratet. Das Schreiben ist sein größtes Hobby. In seinem Sommerhaus in Südfrankreich hat er zahlreiche Schreibmaschinen aufgestellt, in denen ständig beschriebene Blätter eingespannt sind.“ (bearbeitete Verlagsinfo)

Die Altersangabe des Knaur-Verlags kann stimmen: 1983 sei Gall 50 Jahre alt gewesen. Rechnet man vom Jahr 1963 der ersten Veröffentlichung (Crusoe, s.u.) 19 Jahre zurück, kommt man auf 1944.

Weitere Werke

Erotische Träumereien um Odysseus (1983)
Erotische Träumereien um Eros und Psyche (1984)
Erotische Träumereien um Adam und Eva (1975 und 2000)
Der andere Robinson (1963; 1982)
Adieu donc, belle Eugénie (1): La Cavalière de Camerone (1983)
Le maître des saveurs – La vie d‘ Auguste Escoffier (2001)
Die Odyssee. Sonderausgabe (1995, Mitwirkung

Vorwort

Der Erzähler / Autor beruft sich auf das Tagebuch des historisch belegten Seemanns Alexander Selkirk, der auf seinerzeit auf einer einsamen Insel (die heute seinen Namen trägt) vor der Küste Chiles ausgesetzt wurde. Dieser Hinweis bereitet den Leser auf die zahlreichen Abweichungen von der Erzählung über Robinson Crusoe, die uns Daniel Defoe im 17. Jahrhundert überliefert hat. Schon in Defoes „Bericht“ bildet Robinson Crusoes Aufenthalt auf einer „einsamen“ Insel nur das mittlere Drittel von Crusoes Lebensbericht. Allerdings verschweigt uns auch Gall, wie es dazu kam, dass Crusoe ausgesetzt wurde…

Handlung

Crusoes Schiff ist keineswegs gekentert und er ist folglich nicht gestrandet. Vielmehr ist er von der Besatzung des Schiffes, auf dem mitfuhr, auf einer Insel ausgesetzt worden. Aus welchem Grund, bleibt unklar. Es handelt sich um ein Eiland, das im großen Delta des Orinoko-Stromes liegt, östlich von Venezuela und westlich von den neuen Guayana-Kolonien der Franzosen, Engländer und Holländer. Erst als ein zweites Schiff an den Riffen der Lagune scheitert, erhält Crusoe alles, was er zum Leben braucht. Und noch viel mehr.

Nun errichtet er eine Festung, verfügt über einen Bach mit Süßwasser, Ziegen als Milchquelle – und über eine Badezuber, den er aus dem Panzer einer Riesenschildkröte gefertigt hat. Wie er sich so wäscht, erinnert er sich an seine vielen Liebschaften, die er im stolzen London unterhielt. Da ist Emily, die Strohwitwe eines Seekapitäns, der auf große Fahrt gegangen ist. Ah, was für ein Weib! In Ermangelung weiblicher Gesellschaft stellt er sich vor, er sei selbst Emily und Crusoe, dieses fesche Mannsbild, in ihrer Kemenate. Oder Clarissa Beldon, die Londoner Kaschemmentänzerin. Oder er sei Lady Rolly-Royce mit den hohen Brüsten, die sich diesem Mann auf der Terrasse ihres Palastes im Mondschein hingibt.

Doch was nützt die Liebe in Gedanken, fragt sich Robinson, und schlüpft in den seidenen Fummel, den er in einer großen Kiste gefunden hat: hauchzarte Höschen, verruchte Mieder und Korsetts. Mit diesen Kleidungsstücken bekleidet er seine Herde aus Ziegen – natürlich nicht den Bock, sondern nur die Damen. Es bleibt nicht mit dem Bekleiden, sondern er vergreift sich an ihnen, eine nach der anderen. Und natürlich erträumt er sich erneut die entsprechende Damenwelt: die erfahrene Lady Rolls-Royce, sodann die frische Miss Remingtonrand, die noch so viel lernen muss, und schließlich noch eine eingeborene Karibenfrau, die schwarzes Haar an allen möglichen und unmöglichen Stellen zeigt.

Nach einem Fehlversuch mit einer wilden Katze, der übelste Nachwirkungen zeitigt, erspäht Robinson draußen in der Lagune einen schwarzen Punkt. Nein, kein weiterer Eingeborener, sondern offenbar ein Affe. Er nennt päppelt ihn auf – denn dessen Männlichkeit, wenn auch nur erbsengroß, ist eindeutig vorhanden – und nennt ihn Zizi. Der Affe ist bald ein durchtriebener Schelm, vor dem nichts sicher ist – auch nicht Robinsons Hinterteil. Doch sich ständig für ein, zwei Sekunden benutzen zu lassen, ist Crusoes Sache nicht – wo bleibt denn da sein eigener Lustgewinn?

Rausch

Schon über fünfzehn Jahre Einsamkeit! Robinson versucht alles Mögliche, um die Entbehrung einer weiblichen Gesellschaft auszugleichen oder wenigstens die Erinnerung daran zu vertreiben. Er sammelt Pilze und Kräuter. Die Pilze sind ungenießbar, aber die Kräuter versetzen ihn in einen angenehmen Rausch. Als habe er seinen selbstgemachten Rum genossen, versetzt ihn der Rausch ihn erotische Träume der angenehmsten Art. Doch als er seinen Kräutervorrat auch Zizi, dem Affen, überlässt, reagiert dessen kleinerer Körper seltsam: Er wirkt geradezu frenetisch, wird dynamisch und überdreht – bis schließlich sein kleines Herz aussetzt.

Freitag

Nun da er sein schwarzes Herz entdeckt hat, verliert der Ausgestoßene jede Selbstkontrolle. Er verkommt zu einem Tier und verfällt seinem Selbstgebrannten. Erst im 21. Jahr entdeckt er seine Rettung: Es ist ein schwarzhäutiger Mensch. Schon zuvor hat er Kanus voller Krieger erspäht, doch was sie am anderen Ende seiner Insel taten, entdeckt er erst bei einer Erkundung: Sie fressen andere Menschen und malen entsprechende Zeichen an die Wände von Felsen, die die Mündung eines Baches umlagern. Robinson packt tiefes Grauen und Entsetzen. Er wird schlagartig nüchtern.

Als er wieder Rauch aufsteigen sieht, erfüllt ihn Wut, und gerüstet mit Pistolen und Musketen erstürmt er das Lager der Kannibalen. Auf dem Weg erschießt er zwei Krieger, die einen jungen Mann abführen, dann schlägt er die anderen mit einer Sprengstoffexplosion in die Flucht. Der junge Mann wirft sich diesem Gott des Donners zu Füßen. Da er nackt ist, hat sein Retter Muße, die Schönheit seines Körpers zu bewundern. Er selbst ist hingegen von Kopf bis Fuß in Ziegenfelle gehüllt, und sein Gesicht umwuchert ein ungepflegter Bart. Verblüfft stellt er fest, dass er vergessen hat, wie man lächelt. Er bringt nur ein erschreckendes Grinsen zustande.

Nach der Selbstunterwerfung des jungen Mannes führt er ihn zu seinem Lager – und lässt ihn seine Musketen tragen. Damit ist die Rollenverteilung geklärt. Freitag, wie er ihn nennen wird, ist sein untertäniger Diener. Erst nachdem er ihm Englisch beigebracht hat, erfährt der Meister, was für ein großer Casanova sein Diener bei den karibischen Mädchen gewesen ist. Und dass ihm das zum Verhängnis wurde…

Mein Eindruck

Ein Mann allein auf einer einsamen Insel. Wir kennen die Geschichte aus etlichen Hollywoodfilmen, die alle einen Schönheitsfehler aufweisen: Weil sie für die ganze Familie gedacht sind, dürfen sie nur die erlaubte heterosexuelle Romantik, aber auch gar keinen Fall Sexualität oder gar sogenannte Perversionen zeigen. Diese zeigt uns nun der vorliegende Roman.

In einer Reihe tolldrastischer Eskapaden erleben wir den Helden, wie er verschiedenste Methoden der Selbstbefriedigung ausprobiert. Schon bald ist schmerzhaft klar, was geht und was nicht. Finger weg von Katzen! Finger weg von Drogen (es sei denn, sie wären flüssig)! Wenn nur nicht diese ständig Phantasien von angenehmer weiblicher Gesellschaft wären! Diese genoss er zu anderen Zeiten in gewissen Etablissement des großen London. Crusoe war damals beileibe kein Kostverächter, und er ist es auch heute nicht: Die Ziegen wissen ein Lied davon zu singen.

Aber 15 Jahre auf einem Eiland sind eine verdammt lange Zeit, selbst wenn man den Komfort eines ganzen Schiffes sein Eigen nennen kann. Es liegt nun mal in der Natur des Menschen, einfach nicht alleine existieren zu können. Zwar hat Crusoe mit Gott wenig am Hut, und baut ihm auch keine Kirche, aber seine Fähigkeit zu Hingabe und Liebe erlischt nie. Das zeigt sich, als er den jungen Kariben, den er Freitag nennt, in seine Dienste nimmt.

O diese starken Muskeln, diese schwarz schimmernde Haut und diese lebhaften Augen! Crusoe entbrennt in Begierde und macht seinem Diener alsbald Avancen. Der sträubt sich auch nicht lange, und zusammen lernen sie einander rasch besser kennen – und lieben. Robinson erfährt, was für ein Casanova ihm da ins Netz gegangen ist, und dass genau diese allzu eifersüchtige Liebe zu den Frauen die Ursache für seine Verstoßung aus dem Karibenstamm war. Die Strafe für sein Vergehen, nämlich Mord, bestand im Verspeistwerden. Freitag entging also durch Robinsons Eingreifen seiner gerechten Strafe. Dieser Sachverhalt bleibt indes ohne Folgen.

Vielmehr nimmt die Beziehung zwischen den beiden Männern den Lauf jeder Ehe: Von der Aufregung der ersten Monate und sogar Jahre mündet das Miteinander in ein Nebeneinander und schließlich sogar in ein Gegeneinander. Bevor sie jedoch einander die Köpfe einschlagen können, werden sie von einem weiteren Schiff vor einem Akt der Nekrophilie gerettet. Das tote junge Mädchen, das in der Felsenbucht liegt, sieht gar zu verlockend aus. Doch als eine Breitseite über die Bucht donnert, erwachen Freitag und Robinson aus ihren Reverien: Die Welt hat sie wieder.

Die Übersetzung

Der Text wurde möglicherweise an besonders heiklen Stellen gekürzt.

S. 8: „Aurokaria”, besser bekannt als „Araukarie“ ((https://de.wikipedia.org/wiki/Araukarien))

S. 16: Wahrscheinlich eine gekürzte Stelle: Robinson vergreift sich an einer Riesenschildkröte.

S. 25: “Kariatyden” statt “Karyatiden”: Tempelsäulen in Frauengestalt, z.B. vor dem Athener Parthenon.

S. 41: “Die F[r]au war nackt“: Das R fehlt.

S. 67: “sich selbst im Zaun zu halten“: Eher ist das Gegenteil der Fall: „er muss sich im ZAUM halten“.

S. 95: „zu seinen Füß[t]en“: Das T ist überflüssig.

S. 124: „Freitag versich[t]erte Robinson…“: Das T ist überflüssig.

Unterm Strich

Dies ist nicht mehr der familienfreundliche und jugendfreie Robinson, den so viele Generationen kennen. Wie die meisten erotischen Romane ist auch dieser Roman eher eine Nummernrevue aus sich langsam steigernden und abwechselnden Episoden. Jede Episode ist ein kleines Experiment, was die ganze Abfolge relativ spannend macht, sie aber auch mit komischen Unglücken spickt.

Natürlich weiß der Leser, dass irgendwann dieser Freitag auftauchen muss, dass der Schwarzhäutige dem Weiß- bzw. Braunhäutige dienen muss und dass dies wohl mit einem sorgsam gehüteten Geheimnis verbunden ist: die körperliche Liebe zwischen Schwarz und Weiß. Dass die beiden, die gegen das vielerorts verbreitete Rassen-Tabu verstoßen, auch in ihren Tagträumen weiß- und dunkelhäutige Damen miteinander teilen, ist ein weiterer Tabubruch.

In dieser Hinsicht erweist sich der junge Autor als richtiger Freigeist. Kein Wunder, dass sein Büchlein erst in den sechziger Jahre veröffentlicht werden konnte, und dann auch nur in einem winzigen Buchklub. Man darf wohl annehmen, dass die Mitglieder des Buchklubs ihre Volljährigkeit nachweisen mussten. Und die heutigen Leser sollten ebenfalls volljährig sein, wenn sie sich an diese Lektüre wagen. Und das gilt besonders für Tierliebhaber, die hier nichts zu lachen haben, und für Verfechter der Diversität. Vor sechzig Jahre dachten viele Menschen noch in Kategorien wie Rasse und Hautfarbe. Der Autor kämpfte offenbar gegen diese Engstirnigkeit an.

Taschenbuch: 140 Seiten.
O-Titel: La vie sexuelle de Robinson Crusoe, 1963/1981.
Aus dem Französischen von unbekannt.
ISBN-13: 9783811862586

Hinweis: Der Moewig-Verlag und sein Nachfolger VPM existieren nicht mehr.

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)