Anonymus – Eine Sommerliebe

Abwechslungsreiche Amouren am Wolfgangsee

Ein Sommer voller Liebe steht dem jungen Wiener bevor. Er kommt an den Wolfgangsee, wo er all das erlebt, was er sich schon immer so sehnsüchtig gewünscht hat. (Verlagsinfo) Die geschilderte Epoche liegt irgendwo zwischen 1920 und 1938, denn in den Hotels von St. Wolfgang geben sich Österreicher, Franzosen und Amerikaner die Klinke in die Hand.

Der Autor

Über den sehr gebildeten Autor dieses schönen, heiteren Romans ist leider nichts zu erfahren. Sein Held nennt sich „Journalist und Kritiker“, ein echter „Herr Doktor“ mit schon ergrauenden Schläfen. Bert kann fließend Französisch, was sich in vielen Zitaten zeigt. Er kennt die Werke von Gustav Mahler vor- und rückwärts, erkennt also „Das Lied von der Erde“ schon beim ersten Ton. Und er mag die neuesten Automodelle, möglicherweise von Steyr Puch, einem namhaften österreichischen Autohersteller.

Handlung

Bert ist Journalist und Kritiker der Wiener Kulturszene, seine Reisebegleiter sind das Pärchen Hans, ein Ingenieur, und Friedl, eine Sekretärin. Sie haben ein schnittiges Auto genommen, um in Salzkammergut in die Sommerfrische zu fahren. Das Grandhotel „Weißes Rößl“ in St. Wolfgang ist genau ihre Kragenweite: Seeblicke, etwas exklusives Touristenpublikum, feines Essen.

Schichtwechsel

Schon in der ersten Nacht spioniert Bert den beiden Turteltäubchen nach, denn er hatte einst selbst Absichten auf die Friedl. Über die Veranda gelangt er zum Fenster des Nachbarzimmers. Zu seinem Erstaunen lässt es sein Freund Hans ein wenig an der nötigen Standhaftigkeit an einer strategisch wichtigen Stelle mangeln, was Friedl unbefriedigt zurücklässt.

Als sich Hans endlich für ein paar Tage nach Salzburg verabschiedet, um den Ausbau einer Alpenstraße zu planen, ergreifen Friedl und Bert die Gelegenheit beim Schopfe. Zu Friedls Entzücken macht Bert in puncto Stehvermögen alles wett, was Hans unerledigt gelassen hat. Sie plant, sich auf angenehmste Weise zu revanchieren.

Französischer Vierer

Die Chance bietet sich ihr, als Monsieur Duchamp, ein schon etwas angegrauter Unternehmer aus Paris, mit seiner schlanken, sinnlichen Gattin Germaine zu einem Mittagessen und einem Abendessen bereit sind. Germaine füßelt schon gehörig mit Bert, als Friedl die Initiative ergreift und zu einem Nachttrunk einlädt. In entspannter Stimmung vertagt sich die Gesellschaft in die Suite der Franzosen. Während Friedl den Monsieur beschäftigt, ist für Hans die Bahn frei, sich um das Wohl von Germaine zu kümmern…

Hedy und Susi

Nachdem er eine ganze Familie kennengelernt hat, die über zwei entzückende Töchter namens Inge (schwarzhaarig) und Edith (rotblond) verfügt, stößt eine alte Wiener Bekanntschaft auf ihn. Hedy war in junge Jahren unter den Theatermitarbeiterinnen, die ihm auffielen, doch sie war nicht sein Typ. Er steht auf reife Damen, die „griffig“ sind – also genauso wie Hedy jetzt ist.

Als reiche Witwe kann sie sich St. Wolfgang leisten, und sie hat ihre Nichte Susi mitgebracht. Ihre nicht lange verschleierte Absicht verklickert sie Bert ganz im Vertrauen: Die 16-jährige Jungfrau brauche dringend einen richtigen Mann, der sie sanft und einfühlsam von diesem unseligen Zustand befreit. „Sagt sogar der Herr Doktor“, fügt sie hinzu. Schon am nächsten Morgen, nachdem einer mit Hedy verbrachten Nacht, schmiegt sich ein jungfräulicher Körper an den erstaunten Bert…

Salzburg

Was wäre ein Urlaub im Salzkammergut ohne einen Abstecher nach Salzburg? Das denkt sich auch Bert und erkundet die Festspiel- und Mozartstadt alleine. Schon bald blitzt ihm auf dem Platzl ein hübsches Dirndl entgegen, dem er sogleich nachspürt. Die süße Anni weiß, was sie an einem standhaften Mannsbild hat und verlangt nur einen klitzekleinen Obolus…

Bert düst mit seinem Sportwagen in den Wald, um dem Touristentrubel zu entgehen. Er folgt einem Waldweg, gelangt an eine Grundstücksmauer und an ein Tor. Vertraute Klänge entzücken sein geschultes Ohr: Mahlers „Lied von der Erde“, aus vollem Hals geschmettert von einer Frauenkehle! Er verfällt ins Träumen, bis ihn eben jene Frauenstimme weckt und auf ein Stelldichein ins herrschaftliche Haus einlädt. Aber wo sind all die Leute, wundert er sich. Sonia, seine entzückend schlanke Gastgeberin, ist seit kurzem Witwe und wohnt hier ganz allein mit ihrer Amme, der alten Nastja. Und sie ist in amouröser Hinsicht voll auf Entzug…

Die Samensammlerin

Zurück am Wolfgangsee fällt Bert in die schlauen Klauen der Amerikanerin, die er von Anfang im Visier hatte. Rank und schlank schlüpft sie in Berts Nachbarkabine in einen scharf geschnittenen Badeanzug, nicht ohne von ihm dabei heimlich durchs Guckloch beobachtet zu werden. Vor der kleinen Hütte grüßt er sie und lädt sie zu einer Bootspartie ein. Am See gibt es zu dieser Zeit noch lauschige Fleckchen im Uferwald, die sich für ein Stelldichein anbieten.

Doch Gladys Grandville hat andere Pläne. Sie sammelt in ganz Europa Männer, erzählt sie, und nun habe sie einen strammen Österreicher an der Angel – Bert nämlich. Zur Untersuchung ihres Forschungsobjektes besteht sie darauf, es mitten auf dem See im Boot zu treiben. Wie könnte er ihr diesen Wunsch abschlagen?

Doch Gladys‘ Lustschreie verhallen nicht ungehört über den See. Auch Hedy hat sie gehört, ein Fernglas geholt und „ihren“ Bert bei der „Arbeit“ erspäht. Höchste Zeit, ihren versprochenen Plan in die Tat umzusetzen: aus der nahezu jungfräulichen Inge eine Frau zu machen…

Mein Eindruck

Die Welt der zwanziger Jahre bot offenbar zahlreiche Kontraste, und der namenlos gebliebene Chronist berichtet davon. Seine Hauptfigur Bert entflieht dem geschäftigen Treiben der Metropole Wien, um sich in der Sommerfrische des ländlichen Wolfgangsees zu erholen. Dort sind aber auch jede Menge Touristen und Urlauber aus aller Herren Länder, sogar aus den Vereinigten Staaten.

Kein Wunder also, dass diskrete Zimmer im Luxushotel oder verschwiegene Waldlichtungen eine Rolle spielen: Hier ist man unter sich. Auf besagter Waldlichtung etwa tummeln sich sehr ansehnliche FKK-Anhänger, die gymnastische Übungen ausführen. Das sieht man als Kulturphänomen erst ab ca. 1900, als auf dem Monte Verità und anderswo solche Initiativen gegründet und bis in DDR-Zeiten weitergeführt wurden.

Bert ist ein vollendeter Gentleman alter Schule, ohne allerdings ein Kostverächter zu sein. Er nimmt die reifen Damen mit den „junonischen Formen“ ebenso gern wie die jungen Früchtchen, die noch etwas „begossen“ werden müssen, um wachsen zu können. Für den heutigen Leser ist vielleicht verwunderlich, auf wie wenig Widerstand er bei der Damenwelt stößt. Meist braucht es nur wenig Überredung, dann darf der „Herr Doktor“ schon zur Sache kommen. Schwierig wird es nur, wenn sich die Frau zu schämen beginnt, „denn das ist ein sicheres Zeichen, dass sie nachzudenken beginnt“, und das wiederum ist aller Lust abträglich. Dagegen hilft nur stürmisches Küssen.

Friedl, Hedy, Anni, Gladys und all die anderen sind keineswegs Flittchen, sondern einfach nur auf ihren momentanen Vorteil bedacht, wie Bert klarmacht. Friedl ist von ihrem Hans enttäuscht, Hedy ist schon verwitwet, Gladys ist eine Sammlerin und Germaine, die verwöhnte Pariserin, braucht einen energiereicheres Mann als ihren „Monsieur Duchamp“. Aber Bert hilft auch gerne Damen in Not, so etwa der bezaubernden Mahler-Sängerin Sonia. Ihr nicht mit der Einspritzpumpe eine intensive Wurzelbehandlung zukommen zu lassen, wäre geradezu ein Verbrechen.

Die politische Welt ringsum interessiert den Kulturkritiker Bert herzlich wenig. Sie scheint in Ordnung zu sein, denn die Nazis jagen noch keine Juden, und Inflation scheint es in Österreich keine zu geben. Der einzige Hinweis auf die versunkene k.u. k. Monarchie ist ein alter Dampfer, der den Wolfgangsee befährt und den Namen „Franz Joseph I.“ trägt.

Sprachliche Hinweise

S. 18: „sekkieren“ bedeutet laut DUDEN.de “ a) belästigen, quälen; b) necken.“

Ein „Radi“ ist ein Meerrettich. Was ein „Dirndl“ ist, dürfte bekannt sein: Aber es ist nicht nur das Kleidungsstück mit seinen lokalen Merkmalen gemeint, sondern auch das, was drinsteckt.

Unterm Strich

Der Roman wartet mit einer großen Anzahl von Variationen desselben Themas auf: Wie es Männlein und Weiblein am angenehmsten und vergnüglichsten treiben können. Die Umgebung des Wolfgangsees und Salzburgs ist exklusiv genug, um für eine gehobene „Klientel“ des Helden zu sorgen, bietet auch genügend Abwechslung in den weiblichen Gesellschaftsschichten, um für immer wieder neue Reize und Überraschungen zu sorgen.

Der durchaus menschenfreundliche Humor kommt nicht zu kurz, so etwa in der Szene, die in völliger Dunkelheit auf dem Flurklo des „Weißen Rößls“ stattfindet. Bemerkenswert, dass die Zimmer selbst keine Toiletten haben, sondern sich die Gäste auf den Flur bemühen müssen, als wären sie in einem gewöhnlichen Wiener Mietshaus jener Zeit. Wie auch immer: Im Dunkeln ist nicht nur gut munkeln, wie der Held herausfindet.

Spannungsbogen

Eine Art Spannungsbogen bietet Hedys Plan, die kleine Inge dem großen Bert zuzuführen. Die Ausführung beansprucht mehrere eingeschobene Kapitel, die Erfüllung aber bildet den Schluss auf zufriedenstellende Weise. Dass in dieser Szene und anderswo mit Minderjährigen Sex getrieben wird, ist natürlich nicht in Ordnung, und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sah das genauso: Dieser Titel steht seit dem 22.1.1983 auf dem Index. Er darf daher nur an Erwachsene verkauft werden. Anlass für die Indizierung ist wohl das Auftreten von Minderjährigen in der Handlung.

Taschenbuch: 143 Seiten
www.vpm.de

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