Michael Lorenz – Die nackten Wilden

Utopie mit Nackten: Paradies 2.0?

„Zwanzig Lichtjahre weit sind sie geflogen, haben die ausgepowerte Erde hinter sich gelassen und sind entschlossen, den erdähnlichen Planeten Eridanus Omega Zwei in besitz zu nehmen. Eine paradiesische Welt, nur – sie ist bewohnt. Es kommt zu einer dramatischen Begegnung zweier Rassen.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

Michael Lorenz, 1928 geboren, war Redakteur und Kritiker bei einer Hamburger Fernsehzeitschrift. Er studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie, um schließlich über den jüdsicehn Denker Martin Buber zu promovieren. „In meinem beruf lernte ich den Umgang mit harten, meist unerfreulichen Tatsachen. In meiner Freizeit entwarf ich das Bild einer besseren Welt. Die Zusammenfassung beider Erfahrungen ist Science Fiction, wie ich sie verstehe.“ (Verlagsinfo)

Handlung

Drei Raumschiffe sind mit 9000 Siedlern von der übervölkerten Erde aufgebrochen, um ihre menschliche Fracht zu dem erdähnlichen, zweiten Planeten der Sonne Omega im Sternbild Eridanus zu bringen. Die Besatzung der Landefähre „Terra incognita“ landet auf dem grünen, paradiesisch wirkenden Planeten in einem Talkessel und schickt sich an, das Terrain zu erkunden, das vor allem aus Dschungel und Bergen zu bestehen scheint.

Doch etwas stimmt hier nicht. Der Jäger Jim Hunter hat auf einen bunten Paradiesvogel angelegt, als er sich auf einmal seines Tuns schämt und sein Lasergewehr senkt. Francoise Charrat erblickt einen grünfelligen, mannsgroßen Panther und will ihn unbedingt zu sich locken, um sie zu streicheln. Der chinesische Psychagoge Yuan Kung Fe hat sich in meditativer Haltung im Gras niedergelassen und empfängt Eindrücke dieser Lebewesen und eine handfeste Warnung: „Geht nicht weiter. Verlasst diese Welt.“

Doch er hat eine Verantwortung gegenüber den Siedlern, die in den Schiffen, die in der Umlaufbahn kreisen. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates Dr. Rainbow an Bord der „Omega Eins“ will ebenfalls wissen, was los ist. Yuan beruhigt ihn und übernimmt bei einer Sitzung der Crew der Fähre die Verantwortung – und somit die Leitung.

Spekulationen werden ausgetauscht, doch nur Yuan hat einen Plan. Das Forschungsteam wird auf Dr. Charrat und Caim Gubach, ihren israelischen Geliebten, verzichten. Sie sollen die Brücke der Fähre bemannen, während das Forschungsteam in den Wald vordringen soll. Es ein guter Plan, gegen den sich kein Widerstand regt, denn Yuan hat Charrette und Gubach, die gegen ihn opponieren, ausgetrickst.

Die Umsetzung des Plans scheitert schon wenige Stunden später. Als Yuan die Brücke der Fähre ruft, erhält er nur vorher aufgezeichnete Standardantworten. Und auch das Expeditionsfahrzeug ist verlassen. Wohin sind nur alle gegangen – und dann auch noch ohne Kleider?

Als eine Gruppe von unbekleideten Menschen vor ihm auftaucht, schottet Yuan seine Seele gegen die telepathischen Botschaften dieser Humanoiden ab. So erhält er zahlreiche Erklärungen. Es dauert nicht lange, und auch sein Widerstand bricht zusammen. Doch dann geschieht ein Mord…

Mein Eindruck

Mich hat die Geschichte über dieses Utopia der nackten, friedlichen Wilden, die mit allen Tieren in telepathischem Einklang leben, sofort an „Avatar“ von James Cameron erinnert. Es ist ein Garten Eden, den die Siedler von der Erde vorfinden, doch sie müssen sich erst selbst gründlich ändern, um hier leben zu können – und zu dürfen.

Sie sind ja vor der Erde geflohen, weil dort die Konflikte zwischen Nord und Süd, die wir selbst heute so massiv erleben (nicht zuletzt aufgrund der Flüchtlingsströme), das friedliche Leben und die Hoffnung auf eine gedeihliche Zukunft, zunichte gemacht haben. Das friedliche Utopia scheint nun eine zweite Chance zu bieten, um alles besser zu machen. Pustekuchen! Die Siedler wollen genauso weitermachen, wie sie auf der Erde aufgehört haben: mit Raubbau, Technologie, Atomenergie und vor allem mit Waffen.

Nachdem es durch die ersten „bekehrten“ Besatzungsmitglieder der „Terra incognita“ zu einem guten Erstkontakt und zur ersten Tragödie gekommen, haben die Eridaner es geschafft, mit ihnen eine Art Gesellschaftsvertrag auszuhandeln. Dieser würde es den Siedlern ein friedliches Miteinander auf Omega Zwei erlauben. Doch eine Parlamentssitzung der Siedler scheint die Annahme dieses Vetrags zu vereiteln. Erst als Sarah, die eridanische Gattin von Chaim Gumbach, ihre Stimme erhebt und den Oppositionsführer zur inneren Umkehr bringt, scheint der Weg für die Besiedelung frei zu sein.

Leider verweigert eine Minderheit von Bewaffneten die Befolgung des Vertrags und schickt sich an, die heiklen Anfänge Utopias zu sabotieren. Die Eridaner sind ja, anders als die Navi in „Avatar“ friedliebend und besitzen keine Waffen. Wozu auch, wenn sie doch nur die Hilfe der Raubkatzen herbeizurufen brauchen? In einer dramatischen Szene kommt es zu einem brutalen Überfall der Rebellen – und zu Sarahs Reaktion darauf, indem sie die Hilfe der Panther herbeiruft…

Man sieht also, dass dieses Utopia zwar eine wunderlich humanoide Bevölkerung auf Omega zwei vorsieht, aber keineswegs Friede, Freude, Eierkuchen zelebriert. In der ersten Hälfte des Romans, die mit dem ersten Mord endet, verwandelt sich die Crew der „Terra incognita“ unter dem telepathischen bzw. empathischen Einfluss der Eridaner. Die zweite Hälfte zeigt, wie die „Bekehrten“ und die Eridaner mit den restlichen Siedlern verfahren, bis es zur dramatischen Krise kommt.

Immer wieder legt der Autor hohe Einsicht in die Motive von Menschen an den Tag, und das mag nicht zuletzt an seinem Studium des jüdischen Denkers Martin Buber liegen. Er zitiert auch Seneca in seinem Nachwort und kennt offensichtlich seinen Shakespeare. Die Sprache des Autors mag so manchem heutigen Leser etwas betulich und antiquiert erscheinen, aber er weiß sich präzise und poetisch zugleich auszudrücken.

Die Textform

Ich bin auf zwei Druck- und einen Grammatikfehler gestoßen.

S. 62: „unverzüg[l]ich“. Das L fehlt.
S. 63: „spürten einen guten Tail davon…“ Es sollte korrekt „Teil“ heißen.
S. 95: „Gespräche, die über das Wohl und Wehe… entscheidet.“ Es müsste korrekt „entscheiden“ heißen.

Die Illustrationen Olga Rinnes sind häufig Strichzeichnungen, aber sie bringen stets das Charakteristische einer Figur oder einer Szene zum Ausdruck. Vielfach sind unbekleidete Frauen und Männer zu sehen. Wer sich daran nicht stört, wird die Illustrationen als große Bereicherung des Buches würdigen können.

Unterm Strich

Ich habe diesen kurzen Roman an nur einem Nachmittag gelesen. Er ist anschaulich geschrieben, psychologisch recht interessant, stellenweise anrührend und weiß auch Action zu bieten. Ob es sich wirklich um Science-Fiction handelt, wage ich zu bezweifeln. Wie der Autor selbst im Nachwort schreibt, handelt es sich eher um einen Entwurf eines zeitgemäßen, ökologisch orientierten Utopias als um eine auf wissenschaftliche Plausibilität bedachte Historie.

Wenn ich dabei an James Camerons „Avatar“ denken musste, so liegt dies teils an den telepathisch mit den Tieren kommunizierenden Eridanern, die untereinander ebenfalls telepathisch verbunden sind. So bilden sie quasi ein Schwarmbewusstsein, einen „homo gestalt“. Was dem einen zustößt, das erleben auch alle anderen mit, und sie erleiden den gleichen Schmerz. Kein Wunder also, wenn alle Vegetarier sind und Waffen verbannt haben.

Nun müssen sie sich mit Außenweltlern einig werden, die als Flüchtlinge zu ihnen kommen, die aber völlig andere Regeln befolgen, nämlich eben jene Regeln und Methoden wie etwa Waffengewalt, die ihrer eigenen Welt schon den Untergang bereitet haben. Können die Eridaner sie bekehren, und wenn ja, auf welche Weise? An dieser kritischen Stelle muss der Leser selbst entscheiden, ob ihm die Bekehrung und seelische Läuterung der Erdlinge plausibel erscheint. Das Urteil hängt in hohem Maße von der ethischen Reife des Lesers ab. Deshlab ist dieser Roman eher erwachsenen Lesern zu empfehlen. Voyeure kommen hier keinesfalls auf ihre Kosten – trotz des effekthascherischen Titelbildes.

Taschenbuch: 156 Seiten
ISBN-13: 978-3453308435

www.heyne.de

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