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Jeff Noon – Nymphomation

Ein Sprachfest: Evolution im Zeichen des Dominosteins

Die Lotterie Domino Bones bestimmt das Leben und das Bewusstsein der Bewohner von Manchester. Kleine Miniroboter berieseln jeden Bürger mit ihren Werbesprüchen, und jeden Freitag, wenn Ziehung ist, tritt die üppige Lady Luck auf, die Galionsfigur der Lotterie. Doch in Wahrheit gibt es nur einen Gewinner: AnnoDomino, die Company hinter der Lotterie.

Eine Gruppe von Mathestudenten untersuchen die Geheimnisse hinter der Lotterie. Sie entdecken die beängstigenden Möglichkeiten, die in der Lotteriemanie liegen. Die Company übernimmt Manchester wirklich, denn sie verfügt über die Nymphomation, einen evolutionären Prozess mit der Kraft, die Träume der Stadt zu übernehmen…

Liest sich wie eine Mischung aus William Gibsons Cyberpunk und George Orwells Zukunftsvision.
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Noon, Jeff – Alice im Automatenland

Einfallsreiche und witzige Phantasie um Alice

Der britische Kultautor Jeff Noon erzählt Alices weitere Abenteuer im Wunderland und hinter den Spiegeln, vor allem aber ihren Kampf gegen die Schlangenkönigin.

Es war einmal an einem trüben, verregneten Tag in Manchester, irgendwann im Jahre 1860. Eigentlich sollte die kleine Alice ihre Mathematikaufgaben machen, aber im Moment interessiert sie viel mehr, wo die fehlenden zwölf Teile ihres Puzzles geblieben sind. Außerdem wird sie vom Papagei ihrer Großtante abgelenkt, der sie schließlich überredet, seine Käfigtür ein winziges Stück zu öffnen. Als der Vogel davonfliegt, hinein in die riesige Großvateruhr, lä,uft ihm Alice sofort hinterher.

Und als sie der Uhr wieder entsteigt, befindet sich Alice im Manchester des Jahres 1998, einer Welt der Automatenwunder, die dennoch von der Atmosphäre des vergangenen Jahrhunderts durchdrungen ist. Auf der Jagd nach dem Papagei gerät Alice in Rätsel über Rätsel, sucht nach den zwölf Puzzleteilen, führt Dispute mit den merkwürdigsten Kreaturen, wird von einer unsichtbaren Katze namens Quark begleitet und trifft in einem von Kletterrosen überrankten Cottage sogar Mr. Dodgson alias Lewis Carroll. Und bei alledem versucht sie, irgendwie den Weg zurück in ihre eigene Zeit wiederzufinden. (Verlagsinfo)

Der Autor

Der britische Schriftsteller Jeff Noon, der sich in dieser Fortsetzung der zwei klassischen Alice-Romane „Zenith O’Clock, writer [= righter] of wrongs“ nennt, ist der einfallsreiche Autor der phantastischen Romane „Vurt“ (dt. „Gelb“), „Pollen“ (dt. gleich) und „Nymphomation“ (noch nicht übersetzt). Sie spielen alle in seiner Heimatstadt Manchester. Und dies ist auch zum großen Teil der Schauplatz der wundersamen Ereignisse in „Automated Alice“.

Romane

Vurt (dt. Gelb, ISBN 3-442-44449-7, ISBN 3-442-54007-0)
Pollen (dt. Pollen, ISBN 3-442-44408-X, ISBN 3-442-54031-3)
Automated Alice (dt. Alice im Automatenland, ISBN 3-442-54065-8)
Nymphomation
Needle in the Groove
Falling Out Of Cars

Theaterstücke

Woundings
Vurt – the theatre remix
Alphabox
Somewhere the Shadow
The Modernists

Das Buch ist schwierig ins Deutsche zu übertragen: Die Anzahl der Wortspiele und Doppeldeutigkeiten ist nämlich derartig groß, dass eine Übertragung zwingend ein völlig anderes Werk hervorbringt – etwa so, als wollte man Lewis Carrolls berühmtes Nonsens-Gedicht „Jabberwocky“ übertragen (was ja in der Tat getan wurde).

Handlung

Eines Tages im Jahr 1860 fliegt Alices Papagei Whippoorwill in den Kasten der Großvateruhr und verschwindet. Die um ihren Liebling bangende Alice folgt ihm in das Uhrwerk und landet auf der anderen Seite im Jahr 1998 (wie sie sehr viel später herausfindet) – in einem Termitenbau. Die Termiten sind (wie weiland der weiße Hase) alle sehr in Eile – kein Wunder, sind es doch Computermiten! Sie stellen Berechnungen an, etwa zur Quadratwurzel aus -1 (die es reell nicht geben kann).

Wenig später landet Alice in einem Gartenschuppen, wo ein grobschlächtiger Mann Puppen aus altem Krempel zusammensetzt und dieses Gebilde mit Hilfe einer Handvoll Computermitenerde „belebt“. So zum Beispiel eine Puppe namens James Marshall Hentrail, genannt „Jimi“, der ein höllisches Gitarrengejaule auf einem Tennisschläger („a terrible racket“) veranstaltet … Auch ein gewisser Quentin Tarantula wird erwähnt und ein Trompetespieler namens Long Distance Davis, genannt Miles …

Auf der Jagd nach ihrem entflogenen Papagei trifft Alice auf ihre Zwillingsschwester, Automated Alice, genannt Celia. „Celia“ ist ein Anagramm aus den Buchstaben von Alices Namen. Und Celia stammt aus dem Jahr 1998, aus Manchester. In der großen Stadt erleben die beiden verrückte und erschreckende Abenteuer. So wird Alice zum Beispiel des Mordes angeklagt und landet im Gefängnis. Sie kann entkommen und entdeckt eine Verschwörung der Bürokraten Manchesters, der „Civil Serpents“ (statt civil servants). Die schlangenförmigen Serpents haben nämlich ein wissenschaftliches Experiment mit „Chrononen“ an den nichts ahnenden Bürgern durchgeführt, um sie zu Gehorsam und Gesetzestreue zu bringen. Statt des erhofften Ergebnisses entstanden jedoch Mischungen aus Tier und Mensch, ja, aus Ding und Mensch. Alice trifft Zebramenschen und wandelnde Küchenspülen (und Zenith O’Clock).

Verfolgt von der Herrin der Schlangen landet Alice wieder im alten Häuschen, in dem sie 1860 lebte. Dort setzt sie alle zwölf Puzzlestücke, die sie bei ihren Abenteuern todesmutig gesammelt hat, zusammen – doch da bleibt ein Loch! In der Zooszene, die entsteht, fehlt ein Mädchen … Alice hüpft in das Loch hinein – und landet wieder im selben Moment, in dem sie das Jahr 1860 verlassen hatte – rechtzeitig zur Grammatikstunde mit Tante Ermintrude. Wo sie doch so viel zu erzählen hätte …

Mein Eindruck

Ich kenne nur wenige Bücher, die in gleichem hohen Maß wie „Automated Alice“ geistiges Vergnügen am verrückten Abenteuer (auch sprachlich!) und emotionale Anteilnahme am Schicksal der Hauptfigur in jener genialen Weise zu verbinden vermögen, wie es Noon hier gelungen ist. Das Buch sprüht vor Einfällen, einer verrückter und doch plausibler als der andere, ganz im Stil und Ton der Alice-Bücher. Selbst die Gedichte treffen den gleichen Esprit. Und es gibt eine ganze Reihe von Szenen und Sätzen, die den Leser über die eigene Beschaffenheit und Wahrnehmung der Wirklichkeit nachdenken lassen.

Fazit: Highly recommended! Nicht nur für junge Menschen. Für alle Alice-Fans ein Muss!

Infos: Automated Alice, 1996
Deutsch bei Goldmann/Manhattan
Oktober 1999
218 Seiten
ISBN 3442540658
EAN: 9783442540655

https://www.randomhouse.de

Jeff Noon – Gelb

Orpheus in der Drogenwelt: Trip mit Federn

Das Manchester der Zukunft: eine Stadt aus Chrom und Glas, bevölkert von rivalisierenden Banden, Dealern und der Geheimpolizei. Alle sind auf der Suche nach dem ultimativen Kick, der Dimensionsdroge „Vurt“. Scribbles Schwester Desdemona wurde dank Vurt in eine andere Realität katapultiert, und Scribble setzt alles daran, sie zurückzuholen. Doch dafür braucht er selbst eine Dosis der Droge – und der Preis ist unfassbar…. (Verlagsinfo)

Der Autor

Der Manchester-Bürger (die Eingeborenen bezeichnen sich als „Mancunians“) Jeff Noon, ein Musiker, Maler und Bühnenautor, ist mittlerweile in der Phantastik-Szene ein erfolgreicher Senkrechtstarter mit vier veröffentlichten Romanen: „Gelb“, „Pollen“ und „Nymphomation“ bilden die Manchester-Trilogie.

Der britische Schriftsteller Jeff Noon, der sich in dieser Fortsetzung der zwei klassischen Alice-Romane „Zenith O’Clock, writer [= righter] of wrongs“ nennt, ist der einfallsreiche Autor der phantastischen Romane „Vurt“ (dt. „Gelb“), „Pollen“ (dt. gleich) und „Nymphomation“ (noch nicht übersetzt). Sie spielen alle in seiner Heimatstadt Manchester. Und dies ist auch zum großen Teil der Schauplatz der wundersamen Ereignisse in „Automated Alice“.

Romane

Vurt (dt. Gelb, ISBN 3-442-44449-7, ISBN 3-442-54007-0)
Pollen (dt. Pollen, ISBN 3-442-44408-X, ISBN 3-442-54031-3)
Automated Alice (dt. Alice im Automatenland, ISBN 3-442-54065-8)
Nymphomation
Needle in the Groove
Falling Out Of Cars

Theaterstücke

Woundings
Vurt – the theatre remix
Alphabox
Somewhere the Shadow
The Modernists

Für „Gelb“, das im Oktober 1993 von einem kleinen unabhängigen Manchester-Verlag veröffentlicht wurde, erhielt er den |Arthur C. Clarke Award|; es wurde in mindestens 15 Sprachen übersetzt und gilt als das „Uhrwerk Orange“ der 90er Jahre. Zwischenzeitlich war es in zwei Ausgaben als |Goldmann|-Taschenbuch erschienen und zumindest auf der britischen Insel ein Bestseller.

Handlung

Scribble lebt im Manchester der nahen Zukunft, und das Einzige, was ihn sein tristes Dasein ertragen lässt, ist Vurt (von engl. „virtual“). Vurt ist der ultimative Kick, die perfekte Droge, ein Traumzustand, eine Realität für sich. Und Vurts, das sind verschiedenfarbige Federn, die sich der Junkie in den Mund steckt, um den Wirkstoff aufzunehmen – für jede Stimmung und jedes Bedürfnis das Passende. Nur von den gelben Vurts sollte man tunlichst die Finger lassen: Wer sich in ihre Welt begibt, riskiert, nie wieder zurückzukehren. So wie Desdemona, Scribbles verschwundene inzestuös geliebte Schwester.

Scribble muss also selbst an die höchst illegale Farbe herankommen, um Desdemona wiederzufinden, doch seine Chancen stehen schlecht. Noch weiß er nicht, dass dieser Kick nur mit etwas ganz Besonderem erkauft werden kann. Denn „Curious Yellow steht für die Vergangenheit, die schlimmstmögliche Version der persönlichen Vergangenheit“, sagt Jeff Noon in Interzone vom Oktober 1994. „Du kannst ihr nicht entrinnen, bis du dich ihr gestellt hast. Und wenn du mit ihr fertig geworden bist, lebst du. Wenn du’s nicht schaffst, stirbst du.“

Vurt ist eine eigenständige Realitätsversion, die die hiesige Realität durchdringt und umgekehrt. So tauchen etwa Traumschlangen auf, deren Biss tödlich ist und einen ins Vurt reißt. Nachdem Desdemona verschwand, tauchte bei Scribble ein Vurt-Wesen auf, das schlicht The Thing from Outer Space genannt wird. Es zu essen, befördert schnurstracks ins Vurt. Keiner Wunder, dass alle Dealer und Junkies hinter ihm her sind.

Das Vurt ist Teil der Kultur, ein Mythos, eine Art Magie. Nur noch wenige wissen um die Entstehung des Vurt: Miss Hobart zum Beispiel, und die Game Cat, die dem Leser alles über die Federn erklärt. Miss Hobart kontrolliert den Mechanismus des Austausches zwischen beiden Realitätsebenen, wie eine Art Schamane, der den Stamm in die Welt der Geister führt.

Mein Eindruck

Bizarre Handlungen werden von faszinierenden Figuren ausgeführt. Da sind zum Beispiel die zwei Späthippies oder Rastas, deren langes Haar zusammengewachsen ist, so verfilzt ist es. Als die Frau erschossen wird und stirbt, muss Scribble die schmerzhafte Prozedur des Haareschneidens übernehmen. Intelligente Robothunde scheißen auf den Teppich und nennen Scrible „Sir“. Ferngesteuerte Sonden und Geheimpolizistinnen tauchen auf – ein Hauch von Cyberpunk und Iain Banks‘ Culture.

In einigen Passagen erinnern die Übergänge und Figuren an Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“, an dessen eigenwilligen und rätselhaften Humor und metaphorische Gestalten. Insofern ist „Gelb“ nicht nur Post-Cyberpunk, sondern auch ein zutiefst moralisches Buch.

Ursprünglich sollte es ein Bühnenstück namens „The Torture Garden“ werden, inspiriert von dem gleichnamigen phantastischen Roman des 19.-Jh.-Franzosen Octave Mirbeau. Doch ein Hinweis William Gibsons auf diesen Roman verhalf „Gelb“ zur Geburt als das „Uhrwerk Orange“ der Neunzigerjahre. Kein Wunder, dass das erste Kapitel stark an den rasanten „Neuromancer“ erinnert. „Curiouser and curiouser“, wie Alice sagen würde.

|Originaltitel: Vurt, 1993
ISBN-13: 978-3442540075
Aus dem Englischen von Ute Thiemann|