Schlagwort-Archive: Knaur

Sabine Ebert – Blut und Silber

Inhalt

Freiburg 1296: Das Apothekermündel Änne leidet an Alpträumen, in denen sie zusehen muss, wie ihre Mitbürger abgeschlachtet werden. Inbrünstig hofft sie, dass diese Träume mit der Realität nichts zu tun haben, und doch weiß sie es eigentlich besser: Ihre Träume werden mit beunruhigender Regelmäßigkeit wahr.

Und tatsächlich: König Adolf von Nassau träumt von den Silberschätzen der reichen Stadt und braucht sie darüber hinaus zur Festigung seines Reiches. Zwar halten die Mauern, und die Soldaten sind hervorragend ausgebildet, doch gegen Verrat ist niemand gefeit, und so wird die Stadt erobert.

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Michael Baigent – Das Rätsel der Sphinx

Zusammen mit seinen Co-Autoren Henry Lincoln („Der heilige Gral und seine Erben“ – 1982) und Richard Leigh („Verschlusssache Jesus“ – 1991) landete Michael Baigent mit seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Religion und Altertumsforschung bereits auf den Bestsellerlisten. 1998 folgte mit „Ancient Traces“, welches in der deutschen Fassung ziemlich unpassend mit „Das Rätsel der Sphinx“ betitelt wurde, ein Soloprojekt, bei welchem sich der in England lebende Autor diesmal noch weiter in die Vergangenheit begibt, um die Frage zu klären, ob die verbreitete Lehrmeinung bezüglich der Einordnung signifikanter Daten und archäologischer Funde der Erdgeschichte nicht kolossal danebenliegt.

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David Lawrence – Tödliches Dunkel

David Lawrence ist das Pseudonym eines bekannten britischen Drehbuchautors, unter dem er bereits drei Thriller mit Detective Stella Mooney veröffentlicht hat. „Tödliches Dunkel“ ist nun der vierte Fall der innerlich zerrissenen Hauptfigur und nimmt sie mit auf eine Reise, die zurück in ihre eigene Kindheit führt …

In einem Baum aufgeknüpft findet die Polizei die Leiche einer jungen Frau, der „Schmutziges Mädchen“ auf die Schulter geschrieben wurde. Stella und ihre Kollegen stehen vor einem doppelten Rätsel. Es gibt weder verwertbare Spuren zum Täter noch ist bekannt, wer das Mädchen ist. Niemand scheint es zu vermissen. Wenig später finden sie einen ersten Hinweis. Möglicherweise handelt es sich um eine Siebzehnjährige aus Harefield, der Armensiedlung, in der Stella aufgewachsen ist. Dorthin zurückzukehren, fällt ihr sehr schwer, und zu allem Überfluss begegnet sie ihrer Mutter, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt hat.

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Jeanne C. Stein – Lockruf des Blutes (Anna Strong, Band 2)

Inhalt:

Anna Strong versucht, ihr Dasein als Vampir und ihr Leben unter Menschen in Einklang zu bringen und die Tatsache, dass sie sich vom Blut der Menschen ernährt, vor den Personen zu verbergen, die sie liebt.

Während eines ihrer Besuche bei ihren Eltern erscheint plötzlich Carolyn Delaney auf der Bildfläche, die Ex-Freundin von Annas verstorbenen Bruder. Vom Leben gezeichnet, berichtet sie, dass sie von Annas Bruder ein Kind habe, das nun verschwunden sei. Sie bittet Anna Strong um Hilfe, die als Kopfgeldjägerin einen guten Ruf genießt. Widerwillig, aber um das Wohlergehen ihrer Nichte Trish besorgt, willigt Anna Strong schließlich ein, denn darüber hinaus wurde eine Freundin von Trish ermordet aufgefunden. Scheinbar wollte sie einen der Lehrer von der Highschool, die Trish besuchte, zur Rede stellen. Dieser Lehrer, Daniel Frey, steht unter dem Verdacht, Jugendliche sexuell zu missbrauchen. Anna Strong nimmt sich des Falles an, nicht ahnend ,was Frey in Wirklichkeit ist. Die Suche nach Trish führt in einen Sumpf menschlicher Perversion, der Anna zu verschlingen droht …

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Nicole Drawer – Das Messer in der Hand

Bei einer, die es wissen muss, liest man doch gleich um so lieber. Autorin Nicole Drawer war früher Oberkommissarin in Hamburg und hat unter anderem Psychologie studiert. Mit „Das Messer in der Hand“ erscheint bereits der zweite Band um die Polizeipsychologin Johanna Jensen, und auch dieses Mal ist für ein gewisses Maß an Spannung gesorgt.

Eines Nachts wird in Hamburg eine blutüberströmte Frau mit einem Messer in der Hand aufgegriffen. Nicht weit von ihr entfernt findet man die Leiche eines Privatdetektivs, doch Manuela Kranz ist verwirrt, leidet an einer retrograden Amnesie. Sie kann sich an nichts erinnern, doch trotzdem ist die Sachlage für die Polizei so gut wie klar. Alle Indizien sprechen dafür, dass Manuela, die Frau eines reichen Bauunternehmers, die Täterin ist. Doch Johanna glaubt an solch eine einfache Lösung nicht. Sie betreut die Frau und versucht ihr zu helfen, sich an besagte Nacht zu erinnern.

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Marc Levy – Kinder der Hoffnung

Frankreich, 1940. Das Land ächzt unter der Besatzung der Militärmacht Deutschland unter der Führung der Nationalsozialisten. Als Frankreich besiegt und ein Waffenstillstand vereinbart wurde, schlug die Geburtsstunde der Widerstandsbewegungen in Frankreich, der Résistance. Sie kämpfte gegen die deutsche Besatzungsmacht und kollaborierenden französischen Institutionen und auch gegen Sympathisanten innerhalb der Bevölkerung. Die Résistance war hervorragend und streng organisiert. Es gab innerhalb der Widerstandsbewegung kleinere operierende Gruppen, die Bahn- und Nachschubverbindungen sabotierten, Anschläge auf Soldaten und Offiziere verübten sowie Kasernen und Stützpunkte zerstörten.

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Sebastian Fitzek – Der Seelenbrecher

Das Szenario ist klassisch: ein Ort, abgeschnitten von der Außenwelt, an dem Menschen der Willkür eines unheimlichen Mörders ausgeliefert sind. Hier müssen sie irgendwie mit der Gefahr fertig werden, zumindest bis von Außen Verstärkung eintrifft.

Genau dieser klassischen Rezeptur bedient sich auch Sebastian Fitzek in seinem aktuellen Roman „Der Seelenbrecher“. Der von der Außenwelt abgeschnittene Ort ist in diesem Fall eine psychiatrische Luxusklinik, und der unheimliche Mörder ist der titelstiftende Seelenbrecher.

Der Seelenbrecher ist ein perfider Psychopath. Drei junge Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Sie alle verschwanden für eine Woche und kehrten psychisch völlig gebrochen wieder zurück. Alle drei Frauen wirkten nach ihrem Wiederauftauchen, als wären sie in ihrem eigenen Körper begraben. Niemand dringt mehr zu ihnen durch, sie nehmen nichts mehr wahr. Eine starb gar an den Folgen.

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Suzy McKee Charnas – Alldera und die Amazonen (Motherlines 2)

Wege zu einer feministischen Utopie

Dieser Post-Holocaust-Roman ist ein weiteres Experiment in Sachen alternativer Geschichte aus feministischer Sicht – eine Tradition, die Ursula K. LeGuin („Winterplanet“) und Joanna Russ („Planet der Frauen“) in den Siebzigern begannen. „Alldera“ ist die Fortsetzung von „Tochter der Apokalypse“ („Walk to the End of the World“, 1974) und erweckt den Eindruck, es handele sich um den Mittelteil einer Trilogie, von welcher der dritte Band nie geschrieben wurde. Doch keine Angst: Auch so liest sich „Alldera“ spannend, interessant und unterhaltsam. Das Buch wird jedoch die (meist) männlichen Erwartungen nach Action und Kampf nicht erfüllen.

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Richard Dalby (Hg.) – O du grausame Weihnachtszeit. Schaurige Geschichten zum Fest

16 teils klassische, teils eigens für diese Sammlung geschriebene Erzählungen erinnern an die Tradition, zu Weihnachten Geistergeschichten zu erzählen. Dabei werden gängige Festtagsbräuche hinterfragt oder grimmig konterkariert, und selbst bei Wahrung der feierlichen Harmonie bleibt Sentimentalität sorgfältig ausgeschlossen, sodass diese Storys sich trotz manchmal hohen Alters ihren Unterhaltungswert bewahren konnten.
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Jonathan Rabb – Die Eisenreich-Verschwörung

Rabb Eisenreich Cover TB 2004 kleinDas geschieht:

In Washington wurde vor einiger Zeit eine streng geheime Untersuchung beschlossen. Diverse ultra-reaktionäre und rechtsradikale Gruppen sollen darauf überprüft werden, ob sie dem Staat gefährlich werden könnten und aus dem stets verdächtigen Ausland Unterstützung erfahren. Dahinter steckt der „Aufsichtsausschuss“, eine der Öffentlichkeit nicht bekannte Abteilung des US-Außenministeriums, die einst gegründet wurde, um jenseits der lästigen Knechtschaft durch niedergeschriebene Gesetze die Bösen dieser Welt zu strafen und auszuschalten.

Agentin Janet Trent taucht hinab in den Sumpf selbst ernannter Tugendwächter und fanatischer Seelenretter, in dem es seit einiger Zeit gefährlich brodelt: Eine Welle äußerst brutaler, dabei militärisch präzise organisierter Terroranschläge erschüttert die USA. Der Aufsichtsausschuss rätselt, ob es der fundamentalistische TV-Demagoge Jonas Tieg ist, der Furcht und Schrecken säen lässt, um die USA innenpolitisch zu destabilisieren und so die Herrschaft an sich zu reißen. Jonathan Rabb – Die Eisenreich-Verschwörung weiterlesen

Jochen Malmsheimer – Halt mal, Schatz. Alles über Planung, Kiellegung, Stapellauf und Betrieb eines Babys

Grade beim oft zu Unrecht als „Hechel-Seminar“ geschmähten Geburtsvorbereitungskurs wird werdenden Eltern gern die ein oder andere sinnvolle Literatur ans nervös pochende Herz gelegt. Dass die Damen von der hebenden Zunft allerdings doch mehr Humor und Selbstironie besitzen, als man ihnen gemeinhin zugesteht, bewies der dort in Form eines thematisch zum Kurs passenden, von CD vorgespielten Ausschnittes eines Comedy-Bühnenprogramms, zu welchem auch eine entsprechende Print-Version existiert. Mit dem vielsagenden Titel: „Halt mal, Schatz – Alles über Planung, Kiellegung, Stapellauf und Betrieb eines Babys“ präsentierte der (leider!) fast ausschließlich im Ruhrpott bekannte Kabarettist Jochen Malmsheimer 2002 im |Knaur|-Verlag sein erstes und bislang einziges Buch über die Freuden und Leiden des Kinderkriegens und -habens.

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Matthew Pearl – Die Stunde des Raben

Das geschieht:

Entsetzt muss Quentin Clark feststellen, dass in dem ärmlichen Sarg, der vor seinen Augen in ein Armengrab gesenkt wird, sein Idol ruht: Wir schreiben das Jahr 1849, und im ereignislosen Leben des jungen Anwalts aus Baltimore war seine Korrespondenz mit dem Schriftsteller und Dichter Edgar Allan Poe der Höhepunkt. Deshalb gibt sich Clark nicht mit den dürftigen Informationen über Poes elendes Ende zufrieden, die ihn misstrauisch werden und ein Verbrechen vermuten lassen. Wurde der lästige Künstler, der das behäbige Establishment durch seine düstere Lyrik und Poesie zu beunruhigen und zu ärgern pflegte, etwa durch Mord zum Schweigen gebracht?

Clarks Nachforschungen verlaufen im Sande. Ihm wird deutlich, dass er sich der Hilfe eines Fachmanns versichern muss. Wer wäre dazu besser geeignet als C. Auguste Dupin, der französische Meisterdetektiv, dem Poe ein literarisches Denkmal setzte und der sich zu Clarks Erstaunen als reale Person entpuppt? Der Amerikaner reist nach Paris, wo er Dupin alias Auguste Duponte tatsächlich aufspüren kann: einen teilnahmslosen, ausgebrannten Mann, der nichts als seine Ruhe wünscht.

Intensiv kümmert sich Clark um Duponte, und tatsächlich glimmt noch Feuer unter der depressiven Asche, das aufzuflackern beginnt, als sich ein zweiter Dupin in die Nachforschungen einschaltet: ‚Baron‘ Claude Dupin ist ein Glücksritter, der den potenziellen Mord an Poe zur medientauglichen Affäre aufbauscht, um mit der Aufklärung viel Geld zu verdienen. Den echten Dupin/Duponte versucht er durch Drohungen einzuschüchtern, doch dieser beginnt zur alten Form zurückzufinden, reist mit Clark nach Baltimore und beginnt dort mit eigenen Ermittlungen.

Auch der Baron wird in Baltimore tätig und scheut keinen bösen Trick, um Clark und Duponte auszuschalten. Schlimmer noch: Anonyme Männer mit großer Macht werden unruhig. Sie ziehen im Hintergrund Fäden, die sich in Stolperdrähte verwandeln. Clark wird bedroht, verfolgt, ruiniert. Er weigert sich trotzdem nachzugeben und gerät endgültig in den Sog einer fernen Verschwörung, die ihn unbarmherzig in den Abgrund zu reißen droht …

Ein Leben wie ein Roman?

Das Ende Edgar Allan Poes (1809-1849) beschäftigt (Literatur-) Historiker und Leser seit mehr als anderthalb Jahrhunderten. Zu mysteriös und gleichzeitig ‚romantisch‘ ist der Tod eines Mannes, der nicht nur zu den bedeutendsten Schriftstellers des 19. Jahrhunderts zählt, sondern auch Interesse und Mitgefühl durch sein tragisches Privatleben erweckt.

Poe gesellte sich zu jenen Genies, die angeblich von den Göttern so sehr geliebt werden, dass diese sie möglichst rasch zu sich holen. Dies ist ein unglaublich dämliches Sprichwort, das nur Zeitgenossen prägen konnten, die das Glück hatten, von einem Leben verschont zu bleiben, wie Poe es führte oder führen musste. Er gehörte zu den Unglücklichen, die über künstlerisches Talent verfügen, ohne gleichzeitig mit der Gabe der Selbstvermarktung oder – noch besser – mit den finanziellen Mitteln gesegnet zu sein, die es ihm gestatteten, seiner Kunst zu frönen. Stattdessen war Poe zu einem Leben in Armut und Unverständnis verdammt, während er gleichzeitig um sein Leben schrieb: Die Werke, für die er heute verehrt wird, wurden zu seinen Lebzeiten abgelehnt oder – für ihn ebenso bitter – miserabel honoriert.

So reihte sich Poe in die Reihen derjenigen Pechvögel ein, die in einer materialistisch ausgerichteten Welt ein Hofnarrendasein fristen – geduldet, wenn sich die Reichen & Mächtigen amüsieren wollen, aber ignoriert bzw. davongejagt, sobald sich diese den wirklich wichtigen Dingen des Lebens – Geldscheffeln, Kampf um Macht & Stellung – widmen möchten. Privates Unglück addierte sich zu den daraus resultierenden Enttäuschungen, was Poes Depressionen und seinen Hang zu diversen Drogen und zum Alkohol erklärt.

Spannender Start, dann Bruchlandung

Poes Leben, Wirken & Tod bieten reichlichen Stoff und gleichzeitig Lücken, was Matthew Pearl die Gelegenheit schafft, seine eigene Sicht der Vergangenheit zu entwickeln. Hier beginnt der Bereich, in dem wir die historische Realität verlassen und das Reich der (literarischen) Fiktion einsetzt. Pearl will die Wahrheit aufdecken. Da diese bekanntlich sehr banal sein kann, gibt er der Fantasie den Vorzug und denkt sich eine zweite, den Konventionen der Krimis folgende Handlungsebene aus, was sein Recht und seine Pflicht als Romanschriftsteller ist: Dies ist der Humus, auf dem ein fabelhafter Historienthriller keimen könnte. Dem ist leider nicht so. „Die Stunde des Raben“ ist stattdessen ein unfreiwilliges Paradebeispiel dafür, wie ein ehrgeiziges Projekt scheitern kann.

Unbestritten ist Pearls Fähigkeit, das Baltimore des Jahres 1850 zum Leben zu erwecken. Quentin Clark ist Bürger einer Stadt, die sich der Industriellen Revolution verschrieben hat und prächtig gedeiht. Die daraus resultierende Mischung aus Geschäftstüchtigkeit, Korruption und Fixierung auf den schnellen Dollar weiß Pearl deprimierend gut darzustellen. Bedrückend sind jene Szenen, die deutlich machen, dass in dieser ‚modernen‘ Metropole Sklavenhandel legitim und an der Tagesordnung ist. Die Polizei verfügt kaum über das Wissen oder das Instrumentarium zur Auswertung von Indizien. Armut und Einflusslosigkeit machen für die schlecht ausgebildeten, unterbezahlten und korrupten Beamten aus einem Verdächtigen rasch einen Schuldigen. Umgekehrt nutzen die Reichen und Mächtigen ihre angemaßten Vorrechte ohne Scham – sie betrachten diese als ihnen zustehend.

Immer wieder gelingen Pearl Szenen, die deutlich machen, wieso Außenseiter wie Poe und Clark in dieser Welt nicht gelitten sind und quasi scheitern müssen. Lokalkolorit ersetzt indes keine spannende Handlung; die vermisst der Leser schmerzlich. Auch ‚literarische‘ Qualitäten, die der kundige Kritiker in „Die Stunde des Raben“ entdecken mag, entschädigen nicht. Der Plot um Poes Ende überzeugt, während das Konspirationsgarn aufgesetzt wirkt.

Die Story, von Pearl sorgfältig entwickelt, ist vor allem im Mittelteil abschweifend, schrecklich lahm und öde. Hinzu kommen Fehler, die den Krimifreund aufstöhnen lassen. Wie wahrscheinlich ist es beispielsweise, dass Clark ständig gerade dort hinter einer Mauer oder unter einem Fenster steht, wo just Verschwörer oder Verfolger diverse Geheimnisse ausplaudern?

Das große Finale teilt Pearl: in Clarks Aufdeckung der Verschwörung und Dupontes Darstellung der letzten Tag des Edgar Allan Poe. Leider haben beide Handlungsstränge nichts miteinander zu tun. Die Auflösung verleiht dem Roman ein ‚gespaltenes‘ Ende. Zwar mag dies der Realität eher entsprechen, es lässt aber den Leser frustriert zurück, der sich von Pearl getäuscht fühlt: Poes Tod und Clarks Odyssee haben im Grunde nichts miteinander zu tun. Die Auflösung der Konspiration ist mau, die Rekonstruktion von Poes Schicksal wird dem eigentlichen Geschehen angeklebt. Am Ende sind alle ein wenig schlauer aber nicht wirklich zufrieden: die Protagonisten des Romans und dessen Leser.

Lebensplanung oder Zwangsjacke?

Pearl investiert viel Mühe in die Zeichnung seiner Figuren, die untereinander in einer komplizierten Dreiecksbeziehung stehen. Die Spitze nimmt Quentin Clark ein, der natürlich – „Die Stunde des Raben“ soll schließlich ein Historienkrimi der A-Kategorie sein – weit mehr ist (oder sein soll) als der Protagonist in einem rätselhaften Geschehen. Der in Ich-Form präsentierter Bericht ist gleichzeitig Beleg für einen entscheidenden Wendepunkt in Clarks Leben. Angesichts seines Alters – Clark ist 27 – möchte man eigentlich nicht von einer „Coming-of-Age“-Handlung sprechen, doch im Grunde erleben wir durchaus, wie sich ein Mann aus den Fesseln löst, die ihm die Gesellschaft anlegt, um ihn in ein geordnetes Leben zu zwingen.

Clark soll gefälligst ein guter Geschäftsmann, ein gesetzter Bürger und ein vorbildlicher Ehemann werden, so fordert es die High Society Baltimores, der er durch Geburt angehört. Das will er nicht, was wir gut verstehen; er will Freiheit und ein wenig Abenteuer. Dies zu verwirklichen bedeutet 1850 einen gewagten Schritt, möchte uns Pearl verdeutlichen, indem er Clark in immer neue Konflikte verwickelt.

Freilich macht ihn uns das keineswegs sympathisch. Der Prozess, der aus Clark einen ‚freien‘ Menschen werden lässt, langweilt, weil diese Figur als hoffnungsloser Naivling dargestellt wird. Clark verliert seine Anstellung? Pearl hat uns die Kanzlei, in welcher sein Held tätig war, als Hort der puren Langeweile geschildert. Clark geht seiner Braut verlustig? Er sollte froh sein, dieses Gänslein und ihre schreckliche Familie los zu sein! Welche ernsthaften gesellschaftlichen Konsequenzen diese Ereignisse haben, wird dem modernen Leser vermutlich unklar bleiben. Als Clark endlich ‚erwachsen‘ wird, erfolgt diese Reifung viel zu abrupt und unbegründet, um überzeugen zu können.

Ein Papier-Detektiv bleibt flach

Clark gibt außerdem den Dr. Watson für den Sherlock Holmes dieser Geschichte. C. Auguste Dupin oder Duponte gilt in der Tat als eines der Vorbilder für Arthur Conan Doyles berühmten Meisterdetektiv. Um der Dramatik willen charakterisiert Pearl Duponte zunächst als Mann mit einem düsteren Geheimnis, das ihn in Lethargie verfallen ließ. Die Rückkehr ins Leben und in seinen ‚Job‘ ergibt eine zweite Handlungsschiene, die keineswegs stärker interessiert als Quentin Clarks Ringen um Selbstständigkeit, da Duponte sich anders als Holmes (oder Poes Dupin) als Mensch niemals öffnet. Zwar meint Pearl dafür gute Gründe anführen zu können, doch da irrt er. Dupontes Schicksal interessiert uns bis zum Schluss herzlich wenig. Deshalb verpuffen auch die von Pearl eingeflochtenen deduktiven Zauberkunststücke, die stets nach Schema F ablaufen: Clark zerbricht sich den Kopf über einen ihm unklaren Sachverhalt, Duponte scheint seine Gedanken zu lesen und klärt ihn auf. Anschließend erzählt er dem aufgeregten Clark (und dem Leser) haarklein, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kam.

Wenig aufregend verläuft der Kampf der beiden Dupins. Wer ist der ‚echte‘, d. h. Poes Dupin – Duponte oder der zwielichtige Baron? Dass der notorisch im Dunkeln tappende Clark in dieser Frage ständig schwankt, dürfte wenig verwundern. Auch die Bürgerschaft Baltimores scheint mit Blind- oder Blödheit geschlagen zu sein, will uns Pearl doch weismachen, der Baron könne sich so erfolgreich als Duponte maskieren, dass niemand dies erkennt. Immerhin ist der Baron noch die einzige halbwegs interessante Figur in dieser Geschichte – ein Marktschreier und Manipulator, der längst jene Freiheit erlangt hat, nach der Clark sich sehnt, und der die Konsequenzen eines freien Lebens kennt.

Fast 600 (allerdings großzügig bedruckte) Seiten schleppen sich die Ereignisse dahin. Im Vergleich mit Pears raffinierten Erstling „Der Dante-Club“ kann „Die Stunde des Raben“ nicht mithalten, sondern wirkt wie eine blasse Kopie, die nicht nur den mit hohen Erwartungen und Vorfreude zur Lektüre schreitenden, sondern auch den Pearl-unkundigen Leser bitter enttäuscht.

Autor

Matthew Pearl (geb. 1977) studierte an der Harvard University (1997) bzw. an der Yale Law School (2000) Englische und Amerikanische Literatur. Anschließend lehrte er diese Fächer und gab Kurse für Kreatives Schreiben in Harvard sowie am Emerson College. Seit 2007 arbeitet er als Gastdozent für die Harvard Law School. Pearl lebt in Cambridge, Massachusetts, Über sein Werk informiert er auf dieser Website.

Taschenbuch: 575 Seiten
Originaltitel: The Poe Shadow (New York : Random House 2006)
Übersetzung: Karl-Heinz Ebnet
http://www.droemer-knaur.de

Der Autor vergibt: (1.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Sebastian Fitzek – Amokspiel

Der Meister des Spannungsbogens ist zurück: Sebastian Fitzek beglückt seine Fans mit einem neuen packenden Thriller, den man schon von der ersten Seite an kaum aus der Hand legen kann. Denn wenn Fitzek eins beherrscht, dann das Stricken einer mysteriösen Geschichte, die den Leser von Anfang an in Bann schlägt. Schon wie bei der „Therapie“, so musste ich auch Fitzeks „Amokspiel“ praktisch an einem Stück lesen, um endlich hinter die Fassade blicken und die Zusammenhänge verstehen zu können …

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Sabine Dardenne – Ihm in die Augen sehen

Sie, Sabine Dardenne, ist vermutlich die im Jahr 2004 bekannteste junge Europäerin, ohne ein Schlagerstar zu sein, weil sie ihrem Peiniger und Vergewaltiger beim Prozess im Frühjahr 2004 hoch erhobenen Hauptes ins Gesicht schaute.

Die junge Belgierin, deren Bilder bei ihrer Befreiung im Jahr 1996 um die Welt gingen, jene junge Belgierin, die acht Jahre später ihrem Peiniger im Gerichtssaal aufrecht ins Gesicht schaute und mit „crapule“ das Wort der Verachtung sagte, dass jeder Belgier aus ihrem Munde erhoffte. Und sie sagte es ohne zitternde Stimme … „Crapule“ – „Schurke“!

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David Morrell – Creepers

Das geschieht:

Sie nennen sich „Creepers“: Männer und Frauen, die es lieben, sich in möglichst alte, lange verlassene Tunnel, Gebäude und andere Großbauwerke einzuschleichen, wo sie zwischen bröckelnden Mauern nach Relikten vergangener Zeiten suchen. Robert Conklin, unorthodoxer Professor für Geschichte, ist der Anführer dieser Gruppe, die aus seinen Studenten Vincent Vanelli, Cora und Rick Magill besteht.

Zu ihrer aktuellen Tour hat Conklin den Reporter Frank Balenger eingeladen, denn sie gilt einem ganz besonderen Ziel: Ashbury Park, einst eine blühende Kleinstadt im US-Staat New Jersey, ist schon lange eine Ruinenstätte, über der sich wie eine antike Maya-Pyramide das Paragon-Hotel erhebt. 1901 hat es der exzentrische Millionär Morgan Carlisle entworfen und errichten lassen. Siebzig Jahre hat er das Penthouse des Hotels nicht verlassen, bis er in der letzten Nacht seines 92-jährigen Lebens daraus geflohen ist und sich umgebracht hat. David Morrell – Creepers weiterlesen

Reginald Hill – Welch langen Weg die Toten gehen

Das geschieht:

Im leer stehenden „Moscow House“, dem alten Stammsitz der Macivers, schießt sich Palinurus, das Oberhaupt der Familie, mit einer Ladung Schrot den Schädel weg. Er will damit ein Signal setzen und seine verhasste Stiefmutter Kay Kafka in Verruf bringen, die er für den Tod seines Vaters und das Ende der einst selbstständigen Maschinenfabrik Maciver verantwortlich macht. Vor zehn Jahren hatte Palinurus senior seinem Leben auf dieselbe Weise ein Ende gesetzt wie jetzt der Sohn, nachdem ihn Kay als Ehefrau betrogen und ein US-Konzern mit ihrer Unterstützung seine Firma übernommen hatte.

Damals war Palinurus junior bei der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire vorstellig geworden. Der unorthodoxe Detective Superintendent Andrew Dalziel hatte seine Aussage damals aufgenommen, sie jedoch nicht für relevant gehalten, sodass zur Verbitterung des Juniors keine weiteren Schritte erfolgt waren. Auch dieses Mal will Dalziel die Sache offensichtlich unter den Teppich kehren. Detective Chief Inspector Peter Pascoe würde freilich gern weitere Ermittlungen anstellen. Die Macivers sind definitiv keine Musterfamilie. Ist womöglich etwas dran an Kay Kafkas üblem Ruf? Palinurus‘ Schwester Cressida und seine Witwe Sue-Lynn hassen die Stief- bzw. Schwiegermutter ebenso inbrünstig wie der Verstorbene. Helen, die deutlich jüngere Schwestern, liebt sie dagegen wie eine echte Mutter. Wie passt das zusammen? Reginald Hill – Welch langen Weg die Toten gehen weiterlesen

Fleischhauer, Wolfram – Verschwörung der Engel, Die (Die Legenden von Phantásien)

Nadil ist ein junger Schmetterlinger. Schmetterlinger sind eng mit den Riesenschmetterlingen befreundet, sie bemalen deren Flügel mit Sternenstaub und dürfen auf ihnen reiten. Den Sternenstaub erhalten die Schmetterlinger von den Sternenputzern, und dorthin sind Nadil, seine Freunde Piri, Beliar und Masía mit Meister Toralon unterwegs. Als sie aber in Mangarath ankommen, der riesigen Stadt des Klangs, die in den letzten Jahren um das Sternentor herum gewachsen ist, wird ihnen von den Stierwächtern der Stadt vorboten, das Sternenputzerviertel zu betreten! Und überhaupt ist noch einiges andere äußerst merkwürdig!

Aber außer Nadil scheint das keiner zu bemerken. Allerdings haben die anderen auch keinen Großvater, der in Mangarath verschwunden ist. Obwohl seine Freunde ihn für ein wenig verrückt halten, lässt Nadil sich in seinem Misstrauen nicht beirren, und schon bald stellt sich heraus, dass Phantásien von einer gigantischen Verschwörung bedroht wird. Nadil erkennt, dass er das Rätsel nur lösen kann, wenn er seinem Großvater folgt. Zusammen mit seinem Freund Piri macht er sich auf nach Silandor, dem Ort, durch den, wie alle glauben, das Nichts nach Phantásien kam …

Nadil ist im Grunde ein eher biederes Bürschchen. Sein großer Schwarm Beliar hält ihn für altmodisch und langweilig. Und dass Nadil sich für die vielen Attraktionen Mangaraths nicht begeistern kann, scheint ihr Urteil nur zu bestätigen. Andererseits ist es gerade der biedere Nadil, der durch die vielen Geschichten, die sein reisender Großvater ihm über Phantásien erzählt hat, empfänglich ist für all die seltsamen Ereignisse, die die Stierwächter so mühsam zu vertuschen versuchen. Er als Einziger empfindet die zauberhaften Klänge Mangaraths nicht als Musik, sondern als Lärm. Seinem hartnäckigen Bemühen, den Verbleib seines Großvaters aufzuklären, ist es zu verdanken, dass er der Verschwörung auf die Schliche kommt; seinem Mut und seiner Bereitschaft, den eingeschlagen Weg bis zu letzten Konsequenz zu Ende zu gehen, verdankt Phantásien seine Rettung.

Nadils Großvater Saru, der die ganze Sache überhaupt aufgebracht hat, ist daran natürlich nicht ganz unbeteiligt. Zum einen wurde er als Phantásienreisender überhaupt als Erster darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmen konnte, zum anderen ist er derjenige, der im unbekannten Grenzgebiet Phantásiens immer einen Trick in der Tasche hat, um sie durch die Gefahren auf ihrem Weg wohlbehalten hindurchzulotsen. Saru hat etwas Schlitzohriges an sich und gleichzeitig etwas sehr Ernsthaftes. Er ist einer der wenigen Phantásier, die sich Gedanken darüber machen, was Phantásien eigentlich ist, wie es entstand und woraus es besteht. Fleischhauer prägte dafür den Begriff Phantasophie.

|Phantásien und die Engel|

Saru und Nadil haben allerdings mächtige Gegner. Forcas und Janael sind Engel! Und sie wollen Phantásien vernichten!

Die Vorstellung von bösen oder dunklen Engeln ist uns halb vertraut, halb fremd. Natürlich gibt es in der christlichen Lehre den gefallenen Engel Luzifer. Die Bezeichnung Satan oder Teufel hat ihn jedoch von den Engeln abgegrenzt, ihn zum Gegenteil eines Engels gemacht, weshalb der Begriff Engel im Grunde noch immer rein positiv besetzt ist. Von Engeln zu lesen, die Phantásien vernichten wollen, ist deshalb ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und überhaupt … was haben Engel mit Phantásien zu tun?

Damit kommen wir bereits zum Knackpunkt der ganzen Geschichte. Fleischhauer hat seiner Geschichte ein Gerüst gegeben, das sich mit Michael Endes Entwurf nicht so ganz in Einklang bringen lässt! Nach Fleischhauer sind die Engel Diener der Leere, aus der alles kam. Eigentlich sind sie gestaltlos, weil ihr Wesen jenseits des Vorstellbaren liegt. Um die Menschen an diese unvorstellbaren Wahrheiten zu erinnern, haben die Engel die Gestalt angenommen, die der eines Engels in der menschlichen Vorstellung entspricht. – Und da stellt sich schon die erste Frage: Warum nimmt jemand, der einen Menschen an das Unvorstellbare erinnern will, ausgerechnet eine Gestalt an, die durch die Vorstellungen dieses Menschen begrenzt sind? Warum nicht eine andere, unerwartete Gestalt, um zu zeigen, dass er mehr ist, als der Mensch sich vorstellen kann?

Na gut. Da dieser Versuch scheiterte, haben die Engel Phantásien erschaffen, einen Ort, an dem auch die Vorstellungen wahr werden konnten, für welche die Menschenwelt aufgrund schwindender Vorstellungskraft sozusagen zu „eng“ geworden war. Mit anderen Worten, alle Ideen und Träume der Menschen, die jetzt in Phantásien vorkommen, existierten zu Anfang in der Menschenwelt, und zwar allein deshalb, weil sie vorstellbar waren? Wenn damit gemeint ist, dass der Mensch früher zwischen Phantasiewelt und Realität nicht so deutlich unterschied wie heute, und wenn mit der Entstehung Phantásiens gemeint ist, dass die Menschen heutzutage viele Wesen, die sie früher für wirklich hielten, nur noch als Fabelwesen sehen, dann kann ich dem zustimmen. – Aber warum sollte man dafür Engel brauchen?

Die Engel erschufen also Phantásien. Und sie bauten es ständig weiter aus, indem sie an den Grenzen die entsetzlichsten Ungeheuer „aus dem absoluten Dunkel der Zeit“ immer weiter zurücktrieben. Wie jetzt, Phantásien hat auf einmal Grenzen? Na gut, im Hinblick darauf, dass Fleischhauer ja die schwindende Vorstellungskraft der Menschen beklagt, sie also für zu begrenzt hält, da ist es vielleicht nur logisch, daß sein Phantásien Grenzen hat. Michael Endes Phantásien hatte allerdings keine! Und wenn ich mich recht entsinne, dann war eine der Vorgaben für diese Reihe, dass Endes Entwurf von Phantásien nicht verändert werden durfte!

Abgesehen davon: Wenn das, was in Phantásien wahr wird, die Vorstellungen und Träume der Menschen sind, dann müssten auch diese Ungeheuer welche sein. Und wieso sollte man die einen Träume gegen die anderen verteidigen? Vor allen Dingen aber: Wo bleibt in einem Phantásien, das von Dienern der Leere geschaffen, bearbeitet und in Schach gehalten wird, eigentlich die Funktion der Kindlichen Kaiserin?

Dazu kommt, dass Fleischhauer sich stellenweise selbst widerspricht: Wenn die Engel, wie Tavtavel Nadil erklärt, tatsächlich nur einer inneren Stimme folgen, die ihnen sagt, was sie tun sollen, wie können dann Forcas und Janael überhaupt revoltieren? Und wenn Phantásien durch das Verdrängen der Stille und die dadurch schwindende Vorstellungskraft der Menschen für einen Engel, der mehr ist als eine hohle Nuss mit einer Latte von Titeln, auch schon zu eng geworden ist, wie kommt es dann, dass Forcas und Janael trotzdem noch als mächtige Engel dort präsent sind?

Es scheint, als ließe sich Fleischhauers Idee trotz aller Mühe einfach nicht in die Vorlage integrieren.

|Sprachliche Stolpersteine|

Schwierig ist auch die sprachliche Gestaltung. Worte wie „Nichtnichts“ und „Sichtbarlosigkeit“ bezeichnen so geringfügige Unterschiede zu „Etwas“ und „Unsichtbarkeit“, dass selbst Erwachsene konzentriert lesen müssen, zumal diese Begriffe hauptsächlich die Verwirrung der Phantásier angesichts der Ereignisse widerspiegeln, ihre vergeblichen Versuche, etwas zu benennen, das sie nicht wirklich verstehen. Für den um Verständnis bemühten Leser nicht unbedingt hilfreich …
Und ich bin mir nicht sicher, wie viele Leser in dem Namen Bir-Ariman den Begriff Ahriman erkennen, der im Parsismus das Böse bezeichnet.

Abgesehen von all dem ist der Autor ziemlich an der eigentlichen Zielsetzung vorbeigeschossen. Die Absicht hinter der Reihe der |Legenden von Phantásien| war, Phantásien mit jedem Band ein wenig bunter und lebendiger zu machen. Und die Schmetterlinger und Sternenputzer, das Tal der Tränen und die Ruhewinzer sind auch durchaus nette Ideen. Die Intensität der Ausarbeitung lässt jedoch zu wünschen übrig. Von jemandem, der sich über das mangelnde Vorstellungsvermögen der Menschen beklagt, hätte ich mehr Einfallsreichtum erwartet. Die Handlung selbst ist zwar vom Technischen her ordentlich aufgebaut, weist jedoch ebenfalls inhaltliche Schwächen auf. Alle Flügelphantásier sollen vernichtet werden? Also auch die Quäldrohnen? Wenn ja, von wem?

Offenbar hat Wolfram Fleischhauer sein gesamtes Herzblut in den philosophischen Aspekt gesteckt, sodass für Personen und Handlung nicht mehr viel übrig blieb. Der Eindruck, der am Ende des Buches bei mir zurückblieb, war der, dass da jemand ein Thema, das ihm unter den Nägeln brannte, unbedingt auf den Tisch bringen wollte. Das hat er mit vollem Einsatz getan. Nur hätte er es nicht in den Kontext Phantásiens stellen sollen.

Für sich genommen sind die Gedankengänge Fleischhauers nicht schlecht. Mit der These, dass die Stille die Quelle von Ideen und Vorstellungen ist, und dass die Menschen immer einfallsloser werden, weil sie sich ununterbrochen auf irgendeine Weise zudröhnen, hat er gar nicht so Unrecht. Aber wahrscheinlich wäre es besser gewesen, er hätte sie in eine unabhängige Geschichte verpackt. Stattdessen hat er den vorgegebenen Rahmen Michael Endes drastisch verbogen, ohne dass es ihm gelang, diesen seinen eigenen Vorstellungen ordentlich anzupassen. Das Ergebnis ist ein Buch, das weder in sich noch zur Vorlage ganz stimmig ist, dem Flair fehlt, und das für Kinder überhaupt nicht und für Jugendliche nur bedingt geeignet ist. Ein Buch, über das man nachdenken soll und muss. Aber in diesem Kontext eine verpasste Chance! Schade!

Wolfram Fleischhauer studierte Literatur in Deutschland, Frankreich, Spanien und den USA. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Konferenzdolmetscher wandte er sich dem Schreiben zu. Aus seiner Feder stammen unter anderem „Die Purpurlinie“, „Die Frau mit den Regenhänden“ und „Das Buch, in dem die Welt verschwand“.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19646-5

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Sabine Kornbichler – Annas Entscheidung

Anna, Anfang dreißig und geschieden, verliert ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz. Die junge Frau zieht sich fast völlig von ihrer Umwelt zurück. Bei der Wohnungsauflösung in Bayern lernt sie durch Zufall den Mediziner Steffen kennen. Steffen verarztet nicht nur ihren verstauchten Knöchel, sondern lädt sie auch zum Essen ein. Er macht keinen Hehl aus seinem deutlichen Interesse an Anna. Anna wiederum fühlt sich bei dem sensiblen Mann geborgen, möchte aber derzeit keine Beziehung eingehen. So kehrt jeder zurück in seine Heimat, Anna nach Hamburg, Steffen nach Düsseldorf. Die weiteren Monate bleiben die beiden in telefonischem Kontakt miteinander. Hartnäckig wirbt Steffen weiter um Anna, bis sie sich schließlich auf eine Beziehung mit ihm einlässt.

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Joann Crispi – Roxane und Alexander

Das Leben des großen Feldherren Alexander ist ja schon in vielen historischen Romanen aufgearbeitet worden, in denen der junge König meistens mehr schlecht als recht weggekommen ist. Vom ersten echten Pascha war da mal die Rede, an anderer Stelle aber auch vom klugen Kriegsstrategen. Es ist eben die Frage, aus welcher Sicht man Alexander betrachtet, als Menschen oder als Herrscher. Joann Crispi hat sich zum Beispiel in ihrem Roman „Roxane und Alexander“ vorwiegend auf den erstgenannten Teil konzentriert und diesbezüglich speziell die Beziehung zwischen Alexander und seiner Gattin Roxane analysiert – und dies aus Sicht der zunächst unfreiwillig Vermählten, die nach dem Tode ihres Mannes im Alter von gerade mal zweiunddreißig Jahren die Geschichte ihres gemeinsamen Lebensabschnitts niederschreibt.

Story

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