Schlagwort-Archive: Rowohlt Polaris

Anja Reschke (HG.) – Und das ist erst der Anfang

Und das ist erst der Anfang: Deutschland und die Flüchtlinge

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ein kleiner Prozentsatz davon macht sich auf den gefährlichen Weg nach Europa. Einige werden mit Applaus am Bahnhof begrüßt, andere mit fremdenfeindlichen Parolen. Die aktuellen Ereignisse sind der Beginn einer nachhaltigen Veränderung unserer Gesellschaft, die aktiv und vorausschauend politisch und gesellschaftlich gestaltet werden muss.

Experten und Expertinnen informieren in diesem Buch über Fluchtursachen, die Wege der Flüchtlinge, die Situation in Deutschland und diskutieren die dringlichen Fragen: Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge? Verändert sich dieses Land? Wie muss Europa auf die Herausforderung reagieren? Der Band gibt Orientierung und Hintergrundwissen zu einer Entwicklung, die wie keine andere die Politik und das Leben im 21. Jahrhundert prägen wird. (Verlagsinfo)

Inhalt und Eindrücke

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Hjorth & Rosenfeldt – Die Toten, die niemand vermisst

Worum gehts?

Jämtland, Schweden. In einem abgelegenen Wanderviertel werden die Leichen von sechs Personen geborgen. Das Mysteriöse an diesem Fund ist, dass es keinerlei Vermisstenanzeigen gibt, zu denen dieser Fund passen würde. Feststeht, dass unter den sechs Toten zwei Kinder sind. Allesamt wurden per Kopfschuss getötet. Handelt es sich bei den Opfern um eine Familie?

Um das Team in Jämtland zu unterstützen, rückt Torkel Höglund mit seinem Team, unter ihnen auch Sebastian Bergmann, an und nimmt die Ermittlungen auf. Doch die Aufklärung des Falles erweist sich schon nach kurzer Zeit als äußerst schwierig, nicht zuletzt aufgrund von Spannungen innerhalb des Teams sowie persönlicher Probleme der einzelnen Polizisten … Hjorth & Rosenfeldt – Die Toten, die niemand vermisst weiterlesen

Nuyen, Jenny-May – Noir

Schon seit seinem achten Lebensjahr weiß Nino, dass er nicht älter werden wird als vierundzwanzig. Aber obwohl er bereits seit siebzehn Jahren mit dieser Erkenntnis lebt, packt ihn jetzt, wo sein vierundzwanzigster Geburtstag naht, allmählich die Panik! Auf der Suche nach einem Ausweg trifft er den mysteriösen Monsieur Samedi, der tatsächlich verspricht, ihm helfen zu können. Aber zur selben Zeit ist Nino auch der geheimnisvollen Noir begegnet …

Jenny-May Nuyens Bücher zeichneten sich von Anfang an dadurch aus, dass das Ende nie ein echtes Happy End war, immer blieb zumindest der Hauch eines Schattens. Aber keines von ihnen war so düster wie ihr neuestes Werk.

Allein schon das Setting strahlt Kälte und Anonymität aus. Keine Fantasywelt, sondern eine Großstadt: graue Häuser, teilweise verfallen und mit Graffitti besprüht. Immer wieder U-Bahnen voller Leute, die einander ignorieren. Zigaretten, Alkohol, harte Drogen. Diskotheken mit ohrenbetäubendem Lärm, grellem Licht, und voller haltloser Menschen auf der Suche, ohne zu wissen, wonach sie überhaupt suchen. Eine Szenerie fast schon wie in einem Film Noir. Der einzige Ort, der Ruhe und Wärme ausstrahlt, ist die Wohnung, die Nino sich mit seiner Schwester teilt. Und auch hier wird mit fortschreitender Handlung die Distanz, die Fremdheit immer größer, bis die letzte Zuflucht endgültig verloren geht.

Ninos Person verstärkt diesen Eindruck von Isoliertheit noch. Denn seine unheimliche Gabe, den Todeszeitpunkt eines Menschen zu erkennen, trennt ihn zusätzlich von allen anderen. Gerade über diese eine Sache, die ihn am meisten beschäftigt, kann er mit niemandem reden, weil er sonst für einen Psychopathen gehalten wird. Und er kann mit niemandem seine wachsende Angst und Verzweiflung teilen, als er schließlich vierundzwanzig wird.

So taumelt er zunehmend orientierungslos durch seine letzten Tage und Nächte, bis er Monsieur Samedi und gleichzeitig Noir trifft. Während er dem sanftmütig wirkenden, stets lächelnden Monsieur Samedi nicht so recht traut, berührt Noir ihn an einem Punkt, den bisher kein anderer Mensch erreichen konnte, nicht einmal seine Schwester Katja. Und im Gegensatz zu allem, was mit dem Sterben zusammenhängt, hinterfragt er seine Gefühle zu Noir nicht. Statt dessen akzeptiert er sie so bedingungslos, dass selbst sein eigener Tod, den er so angestrengt abzuwenden versuchte, ihn nicht mehr schreckt.
Allerdings bringt er sich damit in größte Schwierigkeiten. Denn ein anderer erhebt bereits Ansprüche auf Noir, und er ist nicht bereit, diese fallenzulassen. Im Gegenteil hat er vor, auch Ansprüche auf Nino und seine ungewöhnlichen Fähigkeiten zu erheben. Und damit ist er nicht der Einzige. Nino bleibt nichts übrig, als um Noirs Willen mit ihr zu fliehen. Aber wie flieht man vor dem Tod?

Jenny-May Nuyen erzählt ihre Geschichte in zwei Strängen: Der Hauptstrang erzählt Ninos Geschichte. Die kurzen, mit JETZT überschriebenen Sequenzen ebenfalls. Wobei nicht so einfach zu definieren ist, worin sich das JETZT vom restlichen Geschehen unterscheidet. Einerseits ist es natürlich die Zeit. Das JETZT spielt jetzt, während der Rest erzählt, wie es dazu kam. Nur erreicht die Erzählung, wie es dazu kam, irgendwann das JETZT … und ist doch nicht dasselbe.
Das JETZT ist stark verfremdet, von Träumen durchzogen und aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, die dennoch irgendwie zur selben Identität gehören. Die Erzählung verschmilzt irgendwann mit dem JETZT, wird von ihr überlagert, und spätestens an diesem Punkt geht dem Leser die Realität verloren. Zugegeben, der Begriff Realität ist hier von Anfang an relativ angesichts Ninos Gabe, erfolgreichen Gläserrückens und angewandter Telepathie. Auf jeden Fall ist es nicht leicht zu lesen. Denn das meiste im JETZT ergibt erst gegen Ende, als die Zusammenhänge klar werden, einen Sinn.

_Auf jeden Fall_ ist dieses Buch das bisher anspruchsvollste der Autorin. Die Thematik des Plots war einfallsreich und ungewöhnlich, der Aufbau der Geschichte ein wenig anstrengend, aber interessant, und das Setting ausgesprochen stimmungsvoll. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass es mich „Noir“ genauso gefangen genommen hätte wie ihre anderen Werke.

Was mir diesmal vor allem fehlte, war ein Sympathieträger. Allein schon vom Umfang der Rolle her war Nino der Einzige, der dafür in Frage kam, doch ich konnte mit ihm nicht so recht warm werden. Nicht, dass er kein netter Kerl wäre. Aber sein Verhalten angesichts seines nahen Todes, so nachvollziehbar es auch dargestellt war, war mir einfach zu fremd. Auch die übrigen Figuren – Julia, Philip, selbst Katja – waren in ihrem Wesen derart weit von mir entfernt, dass es kaum noch weiter geht. Damit ist etwas wirkungslos an mir verpufft, was zu den größten Stärken Jenny-May Nuyens gehört, nämlich die Charakterzeichnung.

Das hatte außerdem zur Folge, dass ich auch ein wenig brauchte, um mit der Handlung warm zu werden, denn sie entwickelt sich nur langsam. Ninos Denken und Fühlen nimmt doch einiges an Raum ein – was kein Problem gewesen wäre, hätte ich einen besseren Zugang zu ihm gehabt – , und bis das Erzähltempo und damit die Spannung allmählich anziehen, sind fast drei Viertel der Geschichte vorbei.

So bleibt „Noir“ für mich persönlich unterm Strich ein Buch, das vor allem den Kopf ausgelastet hat, der Rest von mir blieb eher unbeteiligt.

Jenny-Mai Nuyen stammt aus München und schrieb ihre erste Geschichte mit fünf Jahren. Mit dreizehn wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden wollte. „Nijura“, ihr Debüt, begann sie im Alter von sechzehn Jahren. Inzwischen ist eine ganze Reihe von Büchern aus ihrer Feder erschienen. Nach einem abgebrochenen Filmstudium lebt sie heute in Berlin, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Taschenbuch 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-862-52028-2

www.jenny-mai-nuyen.de/
http://www.rowohlt.de/verlag/rowohlt-polaris

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende

Das Handbuch für Zeitreisende ist ein Buch von Charles Yu an sich selbst, das er immer wieder liest und verfasst, während er es liest, doch das erfährt er erst recht spät in der Geschichte, als er sich in eine Zeitschleife manövriert. Er ist Zeitmaschinen- und Zeitreiseingenieur einer Firma, die die Geräte verleiht. Yu erhält jeweils den Auftrag, Kunden zu betreuen oder aus Situationen zu befreien, in die sie sich mit ihren Zeitmaschinen begeben, denn eines ist ein unumstößliches Gesetz der Zeitreise: Man sucht immer den schlimmsten Zeitpunkt der eigenen Vergangenheit auf und hat doch keine Chance, ihn zu beeinflussen.

Yu sieht sich selbst als gescheiterte Existenz, die sich in das Betriebssystem der Zeitmaschine verliebt hat, und seine eigene enttäuschende Vergangenheit ist es, die er in der Zeitschleife immer wieder erlebt. Das Handbuch zeigt ihm dabei die Lösung auf, doch scheint es bisher keine seiner älteren Existenzen geschafft zu haben, den entscheidenden Moment zu packen und aus der Schleife zu entkommen. Ihr Ende/Anfang ist nämlich ebenso erschreckend wie unausweichlich: Yu erschießt sein älteres Ich …

Die Implikationen sind interessant, doch bis es soweit ist, vergeht die Hälfte des Romans mit der Entwicklung des Universums, das von Science-Fiction-Figuren bevölkert wird. So hat zum Beispiel Anakin Skywalker seine Zeitmaschine beschädigt und ruft Yu zur Hilfe. Aber bis zur Zeitschleife fehlt der gewisse Anreiz, der den Leser dringend zum Weiterlesen animiert. Es ist recht zäh und fühlt sich zwanghaft humorvoll an, wobei der Humor nur aus der Wortwahl und den Anspielungen besteht und beim Leser nicht zündet. Die verlorene Existenz des Alter-Ego von Charles Yu berührt uns nicht und ruft auch kein Interesse hervor, erst mit Einsetzen der Zeitschleife gewinnt die Geschichte, nämlich die Frage, ob und wie die Schleife durchbrochen werden kann. Und erst jetzt entwickelt sich auch das Interesse an Yus Vergangenheit, an seinem Vater, mit dessen verzweifelter Verbissenheit die Entwicklung der Zeitreise möglich wurde, der aber die Familie vernachlässigte auf der tragischen Suche nach einer Möglichkeit, die verlorenen Stunden zurück zu bringen. Und der persönlich schließlich doch scheiterte.

Für Yu ist also die Zeitschleife auch und vor allem eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und eine Selbstfindung, was dem Roman neben der nun natürlicher werdenden Komik den menschlichen Aspekt verleiht und die eigentliche Leseempfehlung ausmacht.

Enttäuschend ist dagegen die Hoffnung, die irgendwelche Zitate auf dem Buchrücken hervorrufen und die nicht erfüllt wird. Der Vergleich mit Douglas Adams und damit die freudige Erwartung sind unverständlich, wahrscheinlich Marketing und völlig ungerechtfertigt.

Über den Autor schreibt Rowohlt:

Charles Yu, geboren 1976 in Los Angeles, wurde für seine Erzählsammlung «Third Class Superhero» (2006) mit dem National Book Foundation’s 5 Under 35 Award und dem Sherwood Anderson Fiction Award ausgezeichnet.

„Handbuch für Zeitreisende“ ist Yus erster Roman, mit dem er unter den Time’s Top 10 Fiction Books 2010 sowie New York Times‘ 100 Notable Books of 2010 gelistet wurde. Eine Verfilmung ist in Arbeit. Der Autor lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Los Angeles.

Bezieht man diese Aussage in die Überlegungen mit ein, kann man sich gut vorstellen, dass aus diesem Buch ein interessanter Film gedreht werden könnte, der möglicherweise die Schwächen des Romans sogar ausgliche. Jedenfalls scheint Yu in seiner Heimat einigen aufstrebenden Erfolg zu haben, was sich leider anhand des vorliegenden Buches nicht so deutlich begreifen lässt.

Der Roman bietet ab der Hälfte gute, interessante Unterhaltung und stößt vor allem bei Lesern, die schon des Öfteren mit der Zeitreiseproblematik konfrontiert wurden und auch Interesse daran haben, auf schmunzelnden Genuss. Ihm fehlt zur uneingeschränkten Empfehlung aber eine tragfähige erste Hälfte, und der Vergleich mit Adams lässt ihn eher schal wirken als zu punkten.

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Broschiert, 267 Seiten
Originaltitel:
How to Live Safely in a Science Fictional Universe
ISBN 978-3-86252-022-0
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Peter Robert

http://www.rowohlt.de