Elizabeth Hand – Die Mondgöttin erwacht

Wenn die Göttin herniedersteigt

Washington DC, die Universität der Erzengel und des Heiligen Johannes des Göttlichen. Für die junge Anthropologiestudentin Katherine Sweeney Cassidy der Eintritt in ein verheißungsvolles neues Leben. Bis sie der uralten Bruderschaft der Benandanti auf die Spur kommt – einem Geheimbund gelehrter Magier, die die Geschicke der patriarchalischen westlichen Kultur seit Jahrtausenden beherrschen – und in einen Strudel aus Grauen und Lust gerät. Denn die Ära der Benandanti ist vorüber, und die Wiederkunft der göttlichen Mondmutter Othiym steht unmittelbar bevor.

Doch Othiym ist alles andere als eine gütig Nährende, und je mehr rituelle Morde in ihrem Namen geschehen, umso stärker wird die Macht ihres grausamen Matriarchats, das die Welt wieder in Besitz nehmen will… (Verlagsinfo)

„Waking the Moon“ wurde mit dem Otherwise Award (vormals Tiptree Award) und dem Mythopoeic Award ausgezeichnet.

Die Autorin

Elizabeth Hand, geboren am 29. März 1957, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin. Aufgewachsen im Staat New York, studierte sie Theaterwissenschaft und Anthropologie an der Catholic University of America. Seit 1988 lebt sie in Maine an der Küste, wo viele ihrer Erzählungen spielen. Zeitweise lebt sie auch in Camden Town, einem recht bunten und für seinen Flohmarkt bekannten Stadtteil von London. Diese Stadt ist der Schauplatz von „Mortal Love“ (2004) und der Kurzgeschichte “ Cleopatra Brimstone“ (2001).

Ihre erste Story wurde 1988 veröffentlicht, ihr erster Roman „Winterlong“im Jahr 1990. Ab 1990 schuf und schrieb sie zusammen mit Paul Whitcover die DC-Comics-Serie „Anima“. Danach veröffentlichte sie die Romane „Aestival Tide“ (1992); „Icarus Descending“ (1993); „Waking the Moon“ (1994), den postapokalyptischen Zukunftsroman „Glimmering“ (1997); die zeitgenössische Fantasy „Black Light“ (1999); die historische Fantasy „Mortal Love“ (2004); den psychologischen Thriller „Generation Loss“ (2007) sowie die Fantasy „The Maiden Flight of McCauley’s Bellerophon“.

Ihre Storysammlungen sind „Last Summer at Mars Hill“ (1998), „Bibliomancy“ (2002) und „Saffron and Brimstone“ (2006).

Romane

Winterlong. 1988.
Aestival Tide. 1992.
Icarus Descending. 1993.
Die Mondgöttin erwacht. 1996, ISBN 3-453-11930-4. (Waking the Moon. 1994)
Glimmering. 1997.
Black Light. 1999.
Chip Crockett’s Christmas Carol. 2000.
Cleopatra Brimstone. 2002.
The Least Trumps. 2003.
Mortal Love. 2004.[5]
Chip Crockett’s Christmas Carol. 2006.
Illyria. 2006, ISBN 1-905834-63-2. (Illyria. 2006)
Dem Tod so nah. 2015, ISBN 978-3-404-17246-7. (Generation Loss. 2007)
The Bride of Frankenstein. 2007.
Was im Dunkeln lauert. 2016, ISBN 978-3-7325-2327-6. (Available Dark. 2012)
Radiant Days. 2012.
Wylding Hall. 2015.
Hard Light. 2016.

Storysammlungen

Last Summer at Mars Hill. 1998.
Bibliomancy. 2003.
Saffron and Brimstone: Strange Stories. 2006.
Errantry. 2012.

Handlung

Ende August 1975 trifft die Landpomeranze Katherine „Sweeney“ Cassidy in der Region von Washington, D.C. an der Universität der Erzengel und des Hl. Johannes des Göttlichen ein, um hier Anthropologie zu studieren. Sie ist das sechste und jüngste Kind einer irischstämmigen Mutter und eines sehr hochgewachsenen IBM-Managers. Von ihrem Zimmerfenster im Wohnheim Rossetti Hall kann Sweeney, genannt „Katie“, auf den prächtigen Schrein blicken, der den Mittelpunkt des Uni-Campus bildet. Die byzantinische Konstruktion beherbergt in sich nicht weniger als 57 Kapellen. Und in einer davon ereignet sich gerade ein Wunder.

Das Omen

Nach dem Anruf hat sich Professor Balthazar Warnick auf den schnellsten Weg gemacht, um seinen Schützling Francis Xavier Connelly zu treffen, der das „Zeichen“ entdeckt hat. Der „schnellste Weg“ – das bedeutet, dass Balthazar durch den alten, kostbaren Schrank in seinem Arbeitszimmer in den Blue Ridge Mountains tritt, die eisige Kälte des Dazwischen durchquert und an der Endstation wieder hervortritt – nur um sofort in Washingtons schwüler Hitze einen Schweißausbruch zu erleiden. Aber das „Zeichen“, sofern es eines ist, muss es wert sein.

Balthazar ist der Ordensmeister der Benandanti, die Guten Wanderer, die seit Jahrtausenden über die Entwicklung der Menschheit wachen und sie lenken. Für diesen Orden ist es ein leichtes, kostbare alte Kunstwerke aufzubewahren und zu bewachen, sei es im Vatikan, in der Gegend von Stonehenge oder im hintersten Sibirien. Eines dieser Objekte wird von Balthazar und Francis die „Schwarze Madonna“ von Tahor genannt, einem Ort in Anatolien. Was die Besucher allerdings nicht zu sehen bekommen, ist das rund 20.000 Jahre alte Figürchen einer Venus, die sich hinter der Madonna verbirgt.

Francis schiebt die Madonna beiseite – und Balthazar schnappt nach Luft: Die kleine Venus treibt Sprösslinge aus ihren Brüsten und ihrer Vulva, die in violetten Blüten enden. Ein feiner Moschusduft ist wahrzunehmen. Ein Zeichen? Na, und ob! Der Ordensmeister merkt, wie ihn eine schwere Migräne attackieren will. Diese Sache will gut bedacht sein. Francis versteckt das Wunder wieder, als eine Besucherin in Nonnentracht der Madonna huldigen will. Auf dem Campus geben sich Nonnen, Mönche, Buddhisten, und Sektenmitglieder sozusagen die Klinke in die Hand. Was mag das Zeichen zu bedeuten haben, fragt Francis. Balthazar ahnt, dass auf den Orden unruhige Zeiten zukommen…

Tödliche Expedition

Magda Kurtz ist eine Verräterin, und zwar insofern, als sie Balthazar Warnicks Vorschlag für eine anthropologische Expedition ausgeschlagen und sich lieber einen reichen Sponsor geangelt hat. Diesem Antiquitätensammler will sie in dem osteuropäischen Land Evarsien etwas ganz Besonderes besorgen. Nach einer Nacht Sex mit dem Sponsor hat sie vier junge Mitarbeiter erhalten, mit denen sie in einem Gebirgstal zu graben beginnt. Es ist ein tiefer Schacht, den sie abstützen und erweitern müssen. Hier gruben vor Jahrzehnten mal Amerikaner.

In einer unruhigen Nacht steigt Magda selbst in den Schacht hinunter. Unabsichtlich legt sie eine Grabhöhlung frei: ein männliches Skelett. Aber der Mann wurde einer ganz bestimmten Göttin geopfert, den auf seiner Stirn ist ein Halbmond aus Silber eingelassen. Aus seinem Brustkorb fischt die ekstatische Forscherin einen Anhänger: eine Lunula. Sie umfasst mehrere Silberstücke in Mond- und Sichelmondform. Als ihr Mitarbeiter George nach ihr ruft, lockt sie ihn in die Tiefe des Schachts – und zerfetzt ihm mit der Lunula Kehle und Schlagader. Beim Einsturz des Schachts kommt Magda gerade noch mit heiler Haut davon. Erst später wird ihr bewusst, dass sie der Mondgöttin Othiym ein männliches Blutopfer dargebracht hat.

Katie und die Engel

Katie „Sweeney“ Cassidy hat sich zwei Bier besorgt und ist auf ihr Zimmer gegangen. Wie immer ist die Sommernacht in Washington, D.C. schwül, und der Alkohol macht sie müde. Sie schläft ein, kaum dass sie ihren Kopf aufs Kissen gelegt hat. Sie erwacht von einem kühlen Nachthauch, der durchs offene Fenster weht, und von einem Wispern. Das Geflüster kommt nicht von draußen, sondern aus ihrem eigenen Zimmer.

Zwei Gestalten, die dunkel und schlank aufragen, stehen in einer Ecke ihres düsteren Zimmers. Sie halten die Arme verschränkt und scheinen sich über sie zu unterhalten. Katie hält den Atem an – und schläft wieder ein. Am nächsten Morgen weiß sie ganz genau, dass es nur ein dummer, sinnloser Traum gewesen ist. Aber dann entdeckt sie die Feder auf dem Boden ihres Zimmers. Die Feder ist riesig: so lang wie ihr Unterarm. Und sie ist nicht etwa schwarz oder weiß, sondern rot wie Blut. Als sie hinschaut, weht ein Luftzug die Feder bis zu ihrem Fuß, wo sie ihre Haut piekst, als handle es sich in Wahrheit um eine Klinge…

Angelica di Rienzi

Zunächst ist es der schöne Mitstudent Oliver, der Katies Phantasie und Hormone anregt. Er ist selbstbewusst, der sechste Spross und letzte Erbe einer Familie aus Neuengland und supergescheit. Katie ist hin und weg. Doch da ist auch Angelica, die junge, aber erstaunlich dominante Studentin, die Katie unbedingt unter ihre Fittiche nehmen will. Welch hohe Stellung sie an der Uni hat, wird Katie klar, als Angelica sie auf einen Empfang der Benandanti mitschleift. Der erlauchte Klub der Magier, von dem Oliver geraunt hat – es gibt ihn wirklich! Und sie, Landei Katie, latscht hier mit Turnschuhen, Jeans und T-Shirt rein!

Verschleppt

Auf dem Empfang lernt Katie nicht nur die verborgene, magische Seite Angelicas kennen, sondern auch Prof. Magda Kurtz, die von der Westküste hergeflogen ist. Sie trägt die Lunula an einer Halskette. Dieses Schmuckstück wird von mehreren Gästen bemerkt, nicht zuletzt von Prof. Balthazar Warnick und Francis Xavier Connelly, den führenden Benandanti. Die beiden Magier starten einen Angriff auf die Verräterin. Magda gerät in Panik und hängt rasend schnell ihre Lunula der verdutzten Angelica um. Die Männer nehmen sie in die Zange und führen die Widerstrebende in die oberen Räumlichkeiten. Um was mit ihr zu tun?

Horror

Angelica und Katie verspüren ein dringendes natürliches Bedürfnis. Weil alle Toiletten im Erdgeschoss belegt und/oder belagert sind, suchen sie in den labyrinthischen Gängen des Obergeschosses von Garvey Hall nach dem stillen Örtchen. Als sie aufgeregte Stimmen hören, verstecken sie sich zunächst, denn mit Warnick und Connelly ist nicht zu spaßen, insbesondere bei dem, was sie mit offenbar Magda Kurtz vorhaben. Hier ist eindeutig Gewalt im Spiel.

Mit einem magischen Bannspruch öffnet Warnick eine der vielen Türen, dahinter wird eine andere Welt sichtbar: eine Wüstenei, über der riesige geflügelte Insekten schweben, die wie Gottesanbeterinnen aussehen. Als Magda dies sieht, schreit sie auf. Doch ihre Kidnapper kennen keine Gnade und stoßen sie hindurch. Katie kann gar nicht hinsehen, was dann mit der armen Magda passiert. Sie merkt nicht, dass sich ihre Freundin unter dem Einfluss der Lunula erheblich verändert, sondern beginnt, lauthals zu schreien…

20 Jahre später

Bei einem Fest in Orphic Lodge am Agastronga River findet ein Student, der Sweeney – und Angelica – sehr nahesteht, einen frühzeitigen Tod. Zumindest erscheint es Katie so. Und deshalb nimmt sie Reißaus von dieser schrägen Uni und arbeitet sich durch die Instanzen hoch, bis sie fest beamtete Kuratorin am Naturgeschichtlichen Museum in Washington, D.C. geworden ist. Ihr direkter Chef ist Dr. David Dworkin, und er ist so freundlich, ihr bei sich im Gartenhäuschen wohnen zu lassen. Wenn auch ohne Hintergedanken. Das findet Sweeney schade, denn sie ist mit ihren 38 Lenzen immer noch unbemannt und kinderlos.

Noch sechs Wochen bis Lammas (1. August)

Als sie vom Tod eines ihrer Freunde aus der Studentenzeit erfährt, ist sie erschüttert, unternimmt aber nichts. Sie war schon immer passiv. Auch die sporadischen Nachrichten, dass ein neuer feministischer Kult um Angelica di Rienzi, die „Bestsellerautorin“, entstanden sei, tangiert sie wenig. Ihre emotionale Trägheit endet jedoch schlagartig, als ein junger Mann sich bei ihr vorstellt, um seine Praktikantenstelle im Museum anzutreten.

Sein Aussehen trifft Sweeney wie ein Hammerschlag: Er ist Oliver, ihrem Jugendschwarm, wie aus dem Gesicht geschnitten. Zu allem Überfluss ist dieser „Dylan“ (gälisch für „Sohn der Welle“) auch noch das einzige Kind von Angelica die Rienzi, die sich jetzt Angelica Furiano nennt. Es ist um Sweeney geschehen: Sie verliebt sich rettungslos in Dylan und nimmt ihn bei sich. Sie ahnt nicht, dass er in einem geheimen Auftrag seiner Mutter zu ihr gekommen ist.

Doch Dylan ist sein Schicksal nicht bekannt. Seine Mutter hat für das Lammasfest am 1. August einen ganz besonderen Verwendungszweck für ihn geplant. Dann nämlich will sie mithilfe der wiederhergestellten Lunula aus Evarsien die Mondgöttin beschwören. Mithilfe eines Ritual mit einem männlichen Opfer soll Othiym ihre Herrschaft auf Erden antreten. Der Himmel über Washington verdüstert sich zusehends, und es wird schwüler als schwül. Die Anzahl mysteriöser Todesopfer steigt unaufhaltsam…

Mein Eindruck

Es ist klar, dass das Erscheinen der Mondgöttin Othiym selbst den Höhepunkt der Handlung bildet. Das macht den Roman zu einer religiösen Fantasy. Aber er ist noch weit mehr. Die gelungene Beschwörung der Mondgöttin gelingt nur anhand des uralten Wissens, das Angelica aus den Zeugnissen der minoischen Hochkultur gezogen hat. Insofern wiederholt sie erfolgreich eines der ältesten Rituale der Menschheit überhaupt. Und es ist ein weibliches.

Das weibliche Antlitz der Mondgöttin zeigt zu allen Zeit und auch in ihrer finalen Epiphanie, dem „Second Coming“, zwei Gesichter. Luna/Selene verkörpert sowohl den fruchtbringenden Menstruationszyklus einer Frau, aber als Hekate/Astarte auch die todbringende Herrschaft über das männliche Geschlecht. Diese Herrschaft wird immer wieder manifestiert und untermauert, wenn ihr ein volljährig gewordener junger Mann geopfert wird.

Es ist also dem in Mythen beschlagenen Leser schon ziemlich frühzeitig klar, dass Dylan dazu ausersehen ist, der Mondgöttin geopfert zu werden. Die brave Sweeney kann sich derlei nicht einmal vorstellen und bekommt auch sonst nicht allzu viel mit. Sie stolpert wie weiland Candide durch die Handlung, und doch wird sie am Schluss eine Seite wählen müssen. Ihre Wahl für oder gegen die Mondgöttin wird den Ausschlag darüber geben, ob das Zeitalter der Mondherrschaft anbricht oder nicht. Und deren Hohepriesterinnen sind natürlich Angelica Furiano und ihre Hexenzirkel auf der ganzen Welt. Dass es das männliche Geschlecht nicht besonders gemütlich haben wird, geht aus den bis dahin geschilderten Männertoden hervor.

Die Benandanti

Die einzigen, die sich dieser unheilvollen Entwicklung entgegenstellen können, sind die Benandanti. Obwohl es sie tatsächlich gibt (wie das Nachwort verrät), sind sie hier im Roman doch sehr viel mächtiger: Sie verfügen über Magie, verhängen Todesurteile und können Tore in andere, tödliche Welten öffnen. So ist es der verräterischen Magda Kurtz widerfahren. Magda ist quasi das Modell für Angelica Furiano. Angelica führt einen Feldzug, um den Benandanti alle magische Artefakte abzunehmen. Interessanterweise wählen die Benandanti keinen der Ihren aus, um sich der Mondgöttin entgegenzustellen, sondern Sweeney. Der Leser fragt sich sofort nach dem Grund.

Schlüsselrolle

Sweeney ist schon von Anfang an eine der Hauptfiguren. Sie ist die einzige, die in der Ich-Form erzählen darf. Alle ihre Mitstudenten verlassen ihren Lebenspfad eine/r nach dem anderen, und zwar nicht immer auf friedvolle Weise. Insbesondere im letzten Dritten, als Angelica ihren Feldzug beginnt, fallen Katies Freunde rechts und links. Sie bekommt nur wenig davon mit, weil sie bis über beide Ohren in den wunderschönen Sohn Angelicas verliebt ist.

Auf ihrer mentalen Insel ist sie indes vollkommen glücklich, denn Dylan steht ganz zu ihr statt zu seiner eigenen, ziemlich herrischen Mutter. Die die Liebe wird Washington, D.C. zu einem magischen Ort. Erst als ich die Wiederkunft der Göttin anbahnt, nimmt die Hauptstadt unheimliche danteske Züge an, so etwa den düsteren Himmel, die zunehmende schwüle Hitze und das Auftreten seltsamer Gestalten. Erst als Annie Harmon, ihre alte Freundin von vor 20 Jahren, Katie eindringlich aufklärt, was vor sich geht, begibt sich Sweeney auf Wissenssuche – und erfährt alles über Othiym und ihren Kult. Aber da ist es für Dylan bereits zu spät, wie es scheint…

In der Epiphanie kommt Sweeney, dem Landei, eine Schlüsselrolle zu, weil sie das Zünglein an der Waage spielen soll. bekanntlich umgeben sich Götter mit allerlei Trugbildern und ablenkenden Erscheinungen. Das ist auch hier der Fall. Doch Sweeney sieht mit dem Auge der Liebe und ahnt Gefahr, nicht nur für die Welt, sondern für ihren Liebsten. Sie erhält Schützenhilfe von unerwarteter Seite: Oliver sollte eigentlich tot sein, doch nun tritt auch er in weiblicher Gestalt auf, um Katie gegen Angelica und Othiym beizustehen.

Viele Frauen, wenige Männer

Dies ist moderne Urban Fantasy, die sich mit dem Herrschaftsanspruch und den Prämissen des Feminismus auseinandersetzt. Die Autorin stellt eine simple Frage: Was wäre, wenn eine Göttin auf Erden herrschen würde, die alle ihre Priesterinnen und Jüngerinnen mit der Magie ausstatten würde, über das Leben von Männern – und abtrünnigen Frauen! – zu entscheiden? Man würde erwarten, dass die Frauenherrschaft für mehr Gerechtigkeit sorgen würde, doch das Gegenteil ist der Fall. Die patriarchalische wird nur durch die – nach knapp 3500 Jahren zurückgeholte – matriarchalische Herrschaft abgelöst. Nichts ist gewonnen worden. Aber beim Leser dämmert die unbequeme Erkenntnis, wie es den heutigen Frauen unter dem Patriarchat ergehen muss.

Die weiblichen Figuren sind fast alle recht glaubwürdig charakterisiert, mit einer Ausnahme: Angelica ist zwar die unentbehrliche Schurkin in diesem Stück, aber ihre Motivation – Vergeltung, Machtanspruch, Machtgier? – erschloss sich mir nur begrenzt. Das ist die Schwäche des ganzen Romans: Es gibt zwar viele weibliche Opfer und Zeuginnen, aber die Schurkin muss all die männlichen Opfer, die es gibt, plausibel rechtfertigen. Das gelingt nur begrenzt. Infolgedessen tritt Othiym in ihrem „Second Coming“ wie ein wiederauferstandener Luzifer auf, der die restlichen Götter der Männer beiseitefegen wird. In diesem Effekt ähnelt die Handlung verblüffend genau dem Roman „The Sum of All Shadows“ (Testament-Zyklus Band 4) von Eric Van Lustbader, den ich kurz zuvor beendet habe.

Die Übersetzung

S. 132: „Hackeysack“: Gartensportart der Amerikaner, siehe „Hacky Sack„.

S. 233: „einen kahlköpfigen Adler“: engl. „bald eagle“, besser als Weißkopfseeadler bekannt.

S. 239: „prostete Hasel Angelica mit eine[r] Flasche Jack Daniels zu“. Das R fehlt.

S. 252/53: „Die Masons“: Gemeint sind offenbar die „freemasons“, also Freimaurer.

S. 256: „die dark Ages“: Nicht übersetzter Ausdruck für das „finstere Mittelalter“.

S. 392: „Backsteintürmchen des Castle gegenüber der Mall“: gemeint ist offenbar das burgartige Gebäude des Smithsonian Instituts gegen der NATIONAL MALL. Letztere reicht vom Capitolsgebäude über das „Tidebecken“ und das Lincoln Memorial bis zum Obelisken des Washington Monuments. Man muss sich in Washington, D.C. ein wenig auskennen, um alle diese Wahrzeichen einordnen zu können.

S. 393: „The Three Sto[o]ges“: Weltbekannte Filmkomödianten. Das zweite O fehlt.

S. 403: „Tochter des Demeter“. Demeter, die griechische Göttin der Fruchtbarkeit, war jedoch weiblich.

S. 484: XTC: Besser als Ecstasy bekannt (Partydroge).
„Hey[n], Liebste, entspann dich doch ein bisschen!“ Das N ist überflüssig.

S. 538: „Im nächsten Moment kniete Helen vor ihr nieder und umklammerte Helens Knie.“ Hier fand offensichtlich eine Namensverwechslung statt. Gemeint ist wohl in dieser Szene: „Annie kniete sich vor Helen [ihrer lesbischen Geliebten] nieder…“ Annie Harmon war an der „Göttlichen“ eine Mitstudentin von Sweeney. Helen ist ihre Agentin im Musikgeschäft.

S. 692: „Di[n]e Beine zitterten mir so sehr, dass ich kaum laufen konnte.“ Das N ist überflüssig.

Illustrationen

Der schön gestaltete und gebundene Band enthält eine Reihe von Illustrationen. Die Strichzeichnungen erinnern im Stil an Picassos mythologische Skizzen (Stiere, Frauen, Instrumente), denn sie sind auf das Notwendigste reduziert und dennoch kunstvoll gestaltet.

Unterm Strich

Ich habe etwa sechs Jahre für diesen anspruchsvollen Roman gebraucht. Das liegt zum Teil an den drei Teilen, in die das Buch aufgeteilt ist. Wer meint, mit dem Ende des ersten Teils sei bereits der Höhepunkt erreicht, irrt gewaltig. Denn nach der Vereinigung Olivers mit Angelica und seinem Verschwinden folget eine kompliziertes Zwischenspiel, dessen Kapitel mit Tanzbezeichnungen wie „Pavane“, „Sarabande“ und mit dem Terminus „Threnodie“ betitelt sind. Eine „Threnodie“ ist eine Totenklage. Man sieht: Die Autorin setzt ein gewisses Bildungsniveau voraus. Das tut der Unterhaltungsseite keinen Abbruch.

Erst der dritte Teil, zu dem ich mich durchbeißen musste, belohnte meine Geduld: Die Handlung, die 20 Jahre nach Teil 1 einsetzt, strebt deutlich einem ziemlich gut erkennbaren Höhepunkt vor – siehe oben. Glücklicherweise ist die hier übersetzte US-Ausgabe gegenüber der ursprünglichen britischen Ausgabe gekürzt worden (vermutlich in den zahlreichen Sexszenen). Auf diese Weise muss der neugierige Leser nicht noch länger auf den Showdown warten, an dem zu ihrem eigenen Erstaunen Katie Sweeney teilnimmt. Wie die Sache ausgeht, darf hier nicht verraten werden.

Dieser literarische Beitrag zur Gender-Debatte über Feminismus ist also durchaus ernstzunehmen. Elizabeth Hand hat gesagt, dass sie zeigen wollte, dass antike Göttinnenkulturen nicht alle so idyllisch und friedfertig waren, wie wir gerne annehmen wollen. Das gleiche zeigte sie auch in der Kurzgeschichte „The Bacchae“. Diese ist in der Sammlung „Last Summer at Mars Hill“ (1998) enthalten.

Wie auch immer: Die sechs Lesejahre betrachte ich nicht als Zeitverschwendung.

Taschenbuch: 750 Seiten
Originaltitel: Waking the moon, 1995
Aus dem Englischen von Norbert Stöbe
ISBN-13: 9783453119307

www.heyne.de

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