Verdier, Zoe le – Mein Leben in Purpur

_Romantische Erotik: Crescendo des Begehrens_

Die purpurfarbene Bluse ist für ihre Trägerin auf wundersame Weise der Schlüssel zu tiefer Leidenschaft und verbotener Erotik. Wird diese magische Anziehungskraft aber auch stark genug sein, die wahre Liebe zu finden? (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Zoe le Verdier veröffentlichte 1999 die Erzählsammung „Insomnia“, die von Annalisa Boari aus dem Englischen übersetzt wurde. Die Sammlung trägt den deutschen Titel „Schlaflos“ und erschien im Jahr 2000 bei |Bastei-Lübbe|. Die Audiofassung wurde 2001 von Zentaur-Film in Berlin erstellt und im August 2005 bei |Lübbe Audio| veröffentlicht. Von Zoe le Verdier erschien zeitgleich auch das Hörbuch [„Vertrauen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1715

|Der Sprecher und Produzent|

Matthias Paul, geboren 1964, hat an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studiert und einen Actors-Workshop in Los Angeles besucht. Er ist aus TV-Produktionen wie „Motorrad-Cops“ und „Sabine!“ bekannt, hat sich aber auch auf den verschiedensten Theaterbühnen, wie etwa der Schaubühne Berlin, einen guten Namen gemacht. (Verlagsinfo)

Paul und der Aufnahmeleiter Ingo Ludwig Frenzel führten zusammen Regie. Der Text ist offenbar ungekürzt.

_Handlung_

Die Ich-Erzählerin Zoe erinnert sich an die zurückliegenden fünfzig Jahre ihres Lebens und bedauert, dass die meisten davon vergeudet waren. Aber es gibt eine Sache, für die sie dankbar ist und die den Verlust wieder aufwiegt: ihre purpurfarbene Bluse und was sie ihr eingebracht hat.

Es begann, als Zoe noch eine kleine Schaufensterdekorateurin in einem Damenmodegeschäft in der Londoner Kensington High Street war. Sie hatte gekündigt, um ins Modedesign zu wechseln, da leistete sie sich an ihrem letzten Arbeitstag eine purpurfarbene Bluse mit Perlmuttknöpfen daran. Jedenfalls wurde Zoe dennoch dazu verdonnert, das Schaufenster zu putzen, als ein Mann auf der anderen Straßenseite auf sie aufmerksam wurde und sie anstarrte. Er kommt in den Laden, spricht Zoe an und will sie vom Fleck weg engagieren, um in seinen Läden zu dekorieren. Sie hat nichts dagegen, überrumpelt, wie sie ist. Außerdem ist sie schon ein halbes Jahr auf Entzug. Sexentzug.

Nach Geschäftsschluss gehen sie einen trinken, doch schon nach kurzer Zeit, in der Azif, ein Asiate, auf ihre Bluse gestarrt hat, sagt er ihr, dass er mit ihr schlafen will. Sie kommen nicht weit und treiben es wild im nahen Park unter einer Laterne. Hinterher fragt Azif Zoe, warum sie beim Orgasmus den Namen Jack gerufen habe. (Könnte als nicht besonders schmeichelhaft aufgefasst werden.)

Nun, Jack ist der Mann ihrer besten Freundin Rachel, die sie schon seit der Schule kennt. Jack nennt sich Künstler, doch wegen seiner unverschämten Art hasst Zoe ihn. Er steht voll auf ihre neue Bluse und wettet, dass darunter wunderschöne Brüste verpackt seien. Als Zoe diesmal eintrudelt, um Rachel zu besuchen, merkt Jack sofort an Zoes blühendem Aussehen, dass sie Sex hatte. Er wird anzüglich, doch obwohl sie von Sex mit ihm fantasiert, weist sie ihn zurück und verletzt ihn seelisch. Doch bevor er ihr etwas erklären kann, platzt Rachel etwas verspätet zur Haustür herein.

Erst drei Jahre später sieht Zoe Jack wieder. Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und ist voll auf dem Depri-Trip, so dass sie bei Rachel unterschlüpfen will. Jack ist inzwischen ein erfolgreicher und anerkannter Künstler, Rachel im zweiten Monat schwanger. Sie schmeißen eine Party. Wieder zieht Jack Zoe auf, denn sie hat ihn angemacht. Als die anderen spazieren gehen, kehrt Jack unter einem Vorwand zurück. Er kann ihrer Anziehungskraft nicht widerstehen und so kommt eines zum anderen – bis die anderen frühzeitig zurückkehren …

Zwanzig Jahre vergehen, in denen Zoe ziellos herumreist, dann nach London zurückkehrt, das Rachel und Jack inzwischen gegen Amerika eingetauscht haben. Eines Abends streift Zoe wieder ziellos in die Innenstadt und setzt sich in ein Restaurant. Na, und wer steht da plötzlich vor ihr? Er hat sie an ihrer Bluse wiedererkannt …

_Mein Eindruck_

„Mein Leben in Purpur“ – das ist wörtlich zu nehmen – ist eine schöne Erzählung, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Es ist schon erstaunlich, was diese eine Bluse, das Dingsymbol, in den Männern hervorruft, die Zoe darin sehen. Purpur ist offensichtlich eine sehr sinnliche Farbe: ein rötliches, „malvenfarbenes“ Blau. Jeder Mann, der Zoe darin sieht, begehrt sie – und was könnte einer attraktiven jungen Frau Besseres passieren?

Doch leider wird sie auch von einem so unangenehmen Zeitgenossen wie Jack begehrt – und getriezt. Aber das gehört ja zum Spiel der Liebe dazu, dass man einander neckt. Und wieder auseinandergehen muss. Dass Jack ihr „dream lover“ und „soulmate“ sein könnte, hätte sich jedenfalls Zoe nicht träumen lassen. Doch ihre Sehnsucht nach ihm bleibt jahrelang ungestillt. Drogenerfahrungen, ein Selbstmordversuch, Abenteuer – all das kommt dazwischen, ist aber offenbar nur am Rande von Bedeutung. Jack ist für sie bestimmt, doch Zoe hat jede Hoffnung aufgegeben, ihn je wiederzusehen. Bis zu jenem Tag in London, von dem sie als Höhepunkt ihrer Erzählung berichtet.

Hinterher wird die Erzählung leider etwas klischeehaft und schwülstig. Zoe träumt von ewigem Beisammensein. Und zwar nicht bloß in einem Satz, sondern mehrere Minuten lang. Romantik darf schon sein, aber muss es gleich so viel Schmalz auf einmal sein?

|Der Sprecher|

Matthias Pauls Vortrag grenzt schon fast an eine inszenierte Lesung. Er spricht quasi nur dann, wenn die Musik ihn lässt. Und dann kann er keineswegs eine Beschreibung herunterleiern, sondern muss im Gegenteil die Szene selbst mit allen Facetten seiner Sprachkunst aufbauen. Das ist einerseits ziemlich anspruchsvoll, kann aber andererseits auch schwer in die Hose gehen.

Der Knackpunkt sind nämlich die Emotionen. Bei einer erotisierenden Lesung wie dieser ist es dem Sprecher nicht gestattet, einen neutralen Standpunkt einzunehmen, sondern er muss vielmehr Emotionen transportieren und erzeugen. Seine Sätze wechseln daher unvermittelt vom Beschreiben zum Raunen, vom Schmeicheln zum Psychologisieren. Und zwar nicht nur von Satz zu Satz, sondern auch mitten im Satz selbst, denn es kommt darauf, bestimmte Reizwörter hervorzuheben, gewisse Aussagen der Figuren richtig zu betonen.

Kurzum: Es ist der reinste Eiertanz, und die Kunst besteht darin, keinen Fehler zu machen. Mehrere Male gerät der Sprecher schwer in Gefahr, es zu übertreiben: Raunt da ein Latin Lover schwülstige Adjektive? Das Chargieren ist einem Schauspieler wie Paul jedoch als Gefahr bewusst, und so gelingt es ihm meistens, sich rechtzeitig zurückzunehmen.

Diese Einschätzung ist völlig subjektiv, und so mag es manchem männlichen Hörer vorkommen, als übertreibe es Paul absichtlich. Diese Männer sollten dringend ihre Partnerin konsultieren. Sie wird ihn wahrscheinlich versichern, dass die Dosis „Schmalz“ genau richtig ist.

|Die Musik|

Wie schon angedeutet, spielt die Musik von Ingo Ludwig Frenzel eine ganze zentrale Rolle, denn sie ergänzt und verstärkt den Vortrag von Matthias Paul. Schon das Intro stimmt auf die prickelnde Atmosphäre ein – das ist nicht entspannt-schwülstig, sondern elegant und beschwingt, mit einem Akkordeon (à la Parisienne). Später, wenn die erotische Spannung auf dem Höhepunkt angekommen ist und erst recht, wenn sie vorüber ist, dominiert das sattsam bekannte romantische Piano. Auch das Extro beansprucht noch einmal eine ganze Menge Hörzeit: Der Zuhörer kauft ebenso viel Musik wie Text.

_Unterm Strich_

Die Erzählung hat mir sehr gut gefallen, denn sie steigert den erotischen Genuss der Hauptfigur, versinnbildlicht durch die Purpurbluse, in mehreren Stufen, bis die Erfüllung eintritt. Dass für die Erzählerin dabei 30 Jahren vergehen, tut nichts zur Sache. Auf die Wirkung der Dramaturgie kommt es an. Und die klappt vorzüglich, denn es werden nicht alle Klischees bedient. Dabei ist besonders die zunächst abstoßend-anziehende Figur Jacks wichtig. Nur der Schluss mit seinen romantischen Erfüllungsphantasien war mir denn doch um einiges zu viel des Guten. Weibliche Romantiker werden wohl voll drauf abfahren. Die Ausdrucksweise ist entsprechend zurückhaltend und geschmackvoll.

Der Sprecher bettet seinen Vortrag sehr gut in die zahlreichen musikalischen Zwischenspiele ein. Wieder wird eine lebendige, mitunter humorvolle Lesung daraus, der man gerne folgt. Zu einem vertretbaren Preis erhält die Käuferin über eine Stunde erotische Romantik pur. Das Titelbild passt ganz genau zu Stimmung und Farbe.

|Originaltitel: 67 Minuten auf 1 CD|