Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Das Rätsel von Boscombe Valley (Folge 15)

Der Hinkebein-Mord am Teich: Holmes ermittelt in der Provinz

Im westenglischen Boscombe Valley wird der Pächter der Hatherley-Farm, Charles McCarthy, an einem kleinen Waldsee erschlagen. Er hatte dort angeblich einen wichtigen Termin mit einem Unbekannten. Zeugenaussagen zufolge soll ihm sein 19-jähriger Sohn James mit einer Waffe gefolgt sein… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 12 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.

Der Autor

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen ca. 60 Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als Im Giftstrom, 1924) folgen.

Hinweis: Jede einzelne SHERLOCK-HOLMES-Erzählung ist auf der englischen Wikipedia gewürdigt worden. Ein Blick lohnt sich.

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird.

Folge 1: Im Schatten des Rippers
2: Spuk im Pfarrhaus
3: Das entwendete Fallbeil
4: Der Engel von Hampstead
5: Die Affenfrau
6: Spurlos verschwunden
7: Der Smaragd des Todes
8: Walpurgisnacht
9: Die Elfen von Cottingley
10: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band / Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Neuausgabe)
11: Das Zeichen der Vier (4/2014, Neuausgabe)
12: Ein Skandal in Böhmen (4/2014)
13: Der Bund der Rotschöpfe (5/14)
14: Eine Frage der Identität (9/14)
15: Das Rätsel von Boscombe Valley (10/14)
16: Der blaue Karfunkel

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen

Joachim Tennstedt: Sherlock Holmes
Detlef Bierstedt: Dr. John Watson
Janina Sachau: Mary Watson
Luisa Wietzorek: Lucy
Lutz Reichert: Inspektor Lestrade
Peter Weis: Leichenbeschauer
Frank-Otto Schenk: Charles McCarthy
Julian Tennstedt: James McCarthy
Helmut Winkelmann: John Turner
Maximiliane Häcke: Alice Turner
Louis Friedemann Thiele: Officer
Hasso Zorn: Kutscher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trugen Ertugrul Edirne und Firuz Askin bei.

Handlung

Holmes lädt Watson auf einer Zugfahrt ins idyllische Herefordshire ein. Dort habe sich ein interessanter Mord ereignet, um dessen Aufklärung er von einer sehr charmanten jungen Dame er gebeten worden sei. Watson erklärt sich bereit, Holmes zu begleiten. Seine Frau, die bezaubernde Mary Morstan, ermutigt ihn sogar dazu. In der Tat wird sein medizinisches Fachwissen gefragt sein. Aufgrund seiner militärischen Ausbildung in Afghanistan ist er sofort reisefertig, und in Paddington Station wird er von einem ungeduldigen Holmes in einen Waggon des wartenden Zuges expediert.

In Boscombe leben der Gutsherr John Turner mit seiner Tochter Alice – der Auftraggeberin. Turners Land grenzt an das Pachtgut von Charles McCarthy, in dessen Sohn James die gute Alice verliebt ist. Denn sie kennen sich schon seit Jahren, als McCarthy hier auftauchte. Am 3. Juni ging McCarthy zum Boscombe-Teich, der von Wald umgeben ist. Zeugen sahen auch James, seinen Sohn, dorthin gehen, allerdings bewaffnet mit einer Flinte. Wenig später rannte James zum Haus des Verwalters und meldete den Tod seines Vaters. Man habe ihm den Schädel eingeschlagen.

Leider sprechen alle Indizien gegen den jungen Mann, wenn auch Alice ihn für unschuldig hält. Sofort wird er verhaftet und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Aus Holmes’ Akten geht hervor, erkennt Watson, dass James’ Weigerung, über den Anlass des Streits mit seinem Vater Auskunft zu geben, gegen ihn ausgelegt wird. Es wird zu einem Prozess kommen. Das möchte Holmes verhindern, denn er hält zu Watsons Erstaunen James McCarthy ebenfalls für unschuldig.

Der Londoner Detektiv Lestrade empfängt sie am Bahnhof von Boscombe. Er ist ebenfalls skeptisch, was Holmes’ Erfolgsaussichten, James vor dem Galgen zu bewahren, angeht. Durch Alice Turner ist zu erfahren, dass ihr Vater strikt gegen ihre Heirat mit James ist, dass aber McCarthy diese Heirat befürwortete. Die beiden Väter hätten sich in Australien kennengelernt, wo Turner eine Goldmine hatte. Merkwürdig, dass McCarthy keinen Penny Pacht zahlen muss, findet Watson. Und noch merkwürdiger kommt es ihm vor, als Lestrade ihnen – natürlich nicht im Beisein von Alice – verrät, dass James McCarthy bereits mit einem Barmädchen aus Bristol verheiratet sei!

Doch es kommt noch schlimmer, als Holmes und Watson endlich den Tatort persönlich in Augenschein nehmen können und sie auf zahlreiche verräterische Indizien stoßen. Leider seien die Polizisten „wie eine Büffelherde“ über die meisten Spuren getrampelt, klagt Holmes, sehr zur Empörung Lestrades…

Mein Eindruck

Denn offensichtlich ist es mit Beobachtung und Schlussfolgerung nicht getan. Der Ermittler in der Position des Detektivs muss auch eine moralische Entscheidung fällen. Denn ein rigoroses Vorgehen nach dem Buchstaben des Gesetzes würde lediglich den Fluch der Vergangenheit, der auf Turner und McCarthy liegt, auf die nächste Generation, auf Alice und James, übertragen.

Wie schon in „Die fünf Orangenkerne“ und anderen Erzählungen sind die Hauptfiguren aus den Kolonien – diesmal Australien – nach Merry Old England geflohen, um sich in Sicherheit zu bringen und zur Ruhe zu setzen, während die junge Generation aufwächst. Doch in der Regel holt sie der lange Arm der Vergangenheit wieder wie ein Fluch ein und zieht sie zur Rechenschaft.

Dies ist auch in dem Boscombe-Fall so. Und die Geschichte, die John Turner schließlich Holmes und Watson unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu erzählen hat, ist dazu angetan, tiefes Mitleid zu wecken. Hinzukommt, dass Turner von der Zuckerkrankheit schwer gezeichnet ist und nicht mehr lange zu leben hat. Holmes’ Reaktion ist wohlüberlegt und voll Respekt für seine Auftraggeberin und ihren Vater. Sein Ziel ist eine Art Gerechtigkeit, die nicht pedantisch, buchstabengetreu und blind ist, sondern die Zukunft zu bewahren wünscht. Es ist die Frage, ob heute noch jemand so handeln könnte – oder es sich auch nur traut.


Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Watson nimmt die Stelle des zweifelnden gesunden Menschenverstandes gegenüber Holmes ein, welcher ein getriebener Junkie der Vernunftarbeit zu sein scheint. Watson ist der Gemütsmensch, ein Jedermann mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

Es gibt mehrere Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir J. Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Leider lässt er sich sehr zu Watsons Leidwesen des Langen und Breiten über den Boscombe-Fall aus, dass bald klar wird, das Weatson schier vor Ungeduld platzt. So viele Namen – und kein Täter!

Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität. Lang lebe der reine Geist.

Watson

Dr. John Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, höflich, frauenfreundlich und durchweg emotional, außerdem glücklich verheiratet. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten. Seine wachsende Liebe gilt seiner Frau Mary Morstan, die selbst ein patentes Frauenzimmer zu sein scheint. Wie schön, dass sie in dieser Episode auftritt.

Watson kabbelt sich ständig mit Inspektor Lestrade, dessen Indolenz, Skeptizismus und Mangel an Empathie – sehr anschaulich von Lutz Reichert gesprochen – ihn abstoßen. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit, denn der Beamte hält Watson für einen aufdringlichen Amateur. Den Zuhörer freuts, denn er hat sein Vergnügen an diesen Kabbeleien.

James McCarthy

In einer Rückblende, die stattfindet, als Holmes und Watson noch im Zug sitzen, sagt der junge James McCarthy vor dem Untersuchungsrichter aus. Julian Tennstedt weiß durch die Emotionalität seiner Aussage zu überzeugen. Stockend berichtet sein James von seiner Entdeckung der Bluttat an seinem Vater, weigert sich aber mit fester Stimme, worüber er sich mit seinem Vater Charles stritt (es war die geplante Heirat mit Alice).

John Turner

Helmut Winkelmann spricht den alten, sterbenskranken John Turner mit gebrochener, stockender Stimme, doch wenn es um den fiesen Charles mcCarthy, seinen Erpresser geht, wird seine Stimme hart und hasserfüllt. Deshalb nimmt man ihm die Mordtat am Boscombe-Teich auch ab. John Turner berichtet auch, wie es überhaupt zu der verhängnisvollen Bekanntschaft mit Charles McCarthy kam: Dort betätigte sich Turner als Wegelagerer und Goldräuber.

Charles McCarthy

In mehreren Rückblenden lernen wir den Schurken in diesem Stück kennen. Turner hatte McCarthy bei seinem Raubzug das Leben geschenkt, doch der dankt es ihm schlecht. Als sie sich Jahre später in London auf der Straße wiederbegegnen, packt Charles seine gelegenheit sofort beim Schopf und beginnt, Turner auf der Stelle zu erpressen. Er würde ihn bloßstellen und die Zukunft der kleinen Alice ruinieren, falls nicht usw.

Für meinen Geschmack lacht Frank-Otto Schenk ein paarmal zu oft hämisch, gehässig oder was auch immer. Er hätte Charles als kalt berechnenden Erpresser zeichnen sollen, so aber wirkt McCarthy wie ein durchgeknallter Irrer, der in eine Zwangsjacke gehört. Dem gönnen wir sein vorzeitiges Ableben. Aus dem Verbrechen wird so eine gerechte Strafe. Ob das wohl im Sinne des Erfinders war?

Die Musik

Zu hören ist Musik, die einem kleinen Spielfilm angemessen ist: niemals aufdringlich, sondern meist unterstützend. Das Intro, eine Art flott-dezente Teemusik, bildet den heiter-beschwingten Auftakt zum Frühstück, das Watson mit seiner Mary einnimmt. In der Szene im Gerichtssaal, in der James McCarthy aussagt, herrschen trommeln, Glocken und Bässe vor, die allesamt Gefahr und Schicksal signalisieren.

Die Ankunft im Hereford Arms Hotel wird von idyllischer Musik untermalt, die direkt aus einem heimatverbundenen Western zu stammen scheint. Beim Abendessen mit Watson herrscht dann schon wieder düstere Stimmung: Was nur meinte Charles McCarthy mit seinem letzten Wort „rat“? Wohl kaum eine Ratte.

John Turners Wiedersehen mit Charles 15 Jahre zuvor wird von mystischen Kadenzen begleitet, die der Szene eine entrückte Qualität verleihen. Das Outro bestreiten ein dramatisch aufspielendes Orchester und ein ausklingendes Piano, das wie ein Uhrwerk staccato spielt, bis es schlussendlich zum Stillstand kommt.

Die Geräusche

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Vogelgezwitscher erklingt besonders in der Szene am Teich, wo auch das Schild glaubhaft raschelt. Kutschen, Papier, Tassen, Kaminfeuer, Uhrenticken, Zuggerumpel – all diese Samples setzt die Tonregie sattsam ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln. Sogar „Holmes“ rasselt vernehmlich mit seiner uhrkette. Mit einem Wort: Der Holmes-Fan kann sich in dieser gemütlichen Tonkulisse bequem niederlassen. Der Rest ergibt sich von selbst.

Das Booklet

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS verzeichnet sowie Werbung für den verstorbenen Illustrator Firuz Askin zu finden. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Nr. 92: M.R. James: Zimmer 13
Nr. 93: N. Hawthorne: Das Haus der sieben Giebel
Nr. 94: Charles Rabou: Tobias Guarnerius
Nr. 95: Henry S. Whitehead: Die Falle
Nr. 100: Lovecraft: Träume im Hexenhaus

Auf dem Titelbild ist eine geradezu ikonisch gewordene Szene abgebildet: Holmes prüft die Schuhabdrücke der McCarthy auf Heatherly Farm. Leider kommt diese Szene im Hörspiel gar nicht vor. Sie wurde wohl gekürzt. Denn trotzdem ist Holmes in der Lage, sämtliche Schuhabdrücke am Tatort eindeutig zuzuordnen.

Die Vorlage für diese Illustration findet sich im Internet hier: http://www.artintheblood.com/bosc/bosc7.htm. Hier ist der gesamte Text der Episode von Sidney Paget illustriert worden (http://www.artintheblood.com/bosc/boscintro.htm) ebenso wie viele weitere Holmes-Erzählungen.

Unterm Strich

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass Marc Gruppe die HOLMES-Fälle, die sich Doyle ausdachte – es gibt ja noch viele weitere Autoren – in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht. Der vorliegende Fall wurde ursprünglich 1891 in der gleichen Sammlung wie „Der Bund der Rothaarigen“, „Das Zeichen der Vier“ und „Ein Skandal in Böhmen“ veröffentlicht „The Adventures of Sherlock Holmes“. Die Verfilmung von 1991 mit Jeremy Brett in der Titelrolle (s. u.) ist mir noch in bester Erinnerung.

Der vorliegende Fall gehört allerdings zur oberen Mittelklasse. Der Autor, vertreten durch Holmes, präsentiert erst eine Unmenge von Details, die Watson, der uns vertritt, nur verwirrren. Holmes verkennt mal wieder aufs Ignoranteste und Arroganteste die unwillige Disposition seines Freundes und verfügt quasi selbstherrlich über ihn. Dass sich Watson auch noch mit Inspektor Lestrade kabbelt, steigert nur unser Vergnügen.

Erst als klar wird, dass das Lebensglück eines jungen Paares von Erben auf dem Spiel steht, ist unser Interesse geweckt. Ganz allmählich wendet sich unser Blickwinkel auf die Bluttat. Was zunächst wie ruchloser Mord aussieht, wird schließlich zu einem Befreiungsschlag und einer gerechten Strafe. Aber das hat Holmes ja gleich von vornherein, ähem, vorhersagt. Nichts weiter darf natürlich verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Das Hörbuch

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich (Tennstedt) und George Clooney (Bierstedt).

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Clooney und Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Hinweis

Mehr zum Boscombe-Fall und der Story findet sich unter http://en.wikipedia.org/wiki/The_Boscombe_Valley_Mystery . Dort ist zu erfahren, dass Boscombe Valley ein fiktiver Ort ist. In der Verfilmung mit jeremy Brett als Holmes wird Boscombe von Herefordshire nach Cheshire verlegt und Lestrade tritt gar nicht auf. Immerhin ist hier schon der junge James Purefoy zu bewundern.

Spieldauer: 72 Minuten
Originaltitel: Boscombe Valley, 1891

www.titania-medien.de

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