Alle Beiträge von Volker Helten

Isau, Ralf – Dunklen, Die

Sarah d’Albis ist die Hauptfigur in Ralf Isaus letztem Phantastik-Roman „Die Dunklen“. Da sie über die Gabe der Synästhesie verfügt, ist sie in der Lage, Töne als Farben oder Formen wahrzunehmen. Bei der Premiere eines wiederentdeckten Stücks des Komponisten Franz Liszt in Weimar sieht Sarah eine versteckte Botschaft in der Komposition, welche sie auf die „Spur der Windrosen“ führt.

Als sie jedoch versucht, diese Botschaft zu entschlüsseln, bemerkt sie schnell, dass noch andere Menschen auf der Suche nach dem Geheimnis sind, welches nicht nur mit Franz Liszts Leben, sondern auch mit ihrem eigenen eng verwoben ist. Sie nennen sich selbst „Die Dunklen“, und ihr Ziel ist es, eine Partitur von Franz Liszt zu finden, die dem Besitzer unendliche Macht verleihen soll. Sarahs Gabe, ihre Suche nach den Botschaften in Liszts Kompositionen und die Erforschung seines Lebens stellen jedoch eine Gefahr für die Ziele der Dunklen dar.

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren und hat mittlerweile 23 Romane veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Phantastik-Romanen zählen die „Neschan“-Trilogie und die vier Bände aus dem „Kreis der Dämmerung“. Im Genre des phantastischen Thrillers sind vor allem seine Bestseller „Der silberne Sinn“ und „Die Galerie der Lügen“ bekannt geworden.

Ralf Isaus Roman „Die Dunklen“ besteht, wie schon viele seiner Werke zuvor, aus einer Mischung aus Fakten zu aktuellen weltpolitischen Ereignissen, biographischen Daten aus Franz Liszts und Sarah d’Albis Leben und phantastischen Elementen, die das Ganze zu einem sehr spannenden und unterhaltsamen Roman verbinden. Isau nimmt bei seinen Figuren jedoch nicht nur in der Geschichte Anleihen, dem Leser begegnet auch der eine oder andere alte Bekannte aus einem anderen Roman, wie etwa Karl Konrad Koreander aus Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“.

Die Hauptfigur Sarah d’Albis ist wie üblich bei Ralf Isau keine typische übermenschliche Heldenfigur, sondern eine Frau auf der Suche nach der Geschichte ihrer Vorfahren, mit der sich der Leser leicht identifizieren kann. Sarah begeht im Kampf gegen die Dunklen viele Fehler und vertraut nicht nur einmal den falschen Menschen, doch sie bekommt auch Unterstützung von der guten Seite, den „Weißen“ Farbenlauschern, sie verliebt sich und schafft es schließlich mit Hilfe ihrer Freunde, die Machtergreifung durch die Dunklen zu verhindern.

Die Überlegungen der Hauptfigur führen an der einen oder anderen Stelle sehr schnell zur richtigen Lösung, doch überraschende Wendungen sorgen für einen spannenden Handlungsverlauf. Auch wenn der Kampf von Gut gegen Böse das altbekannte, grundlegende Motiv darstellt und auch die Gilde der Freimaurer und der Vatikan wie in so vielen Verschwörungsthrillern eine Rolle spielen, erschafft Ralf Isau durch das relativ unbekannte Phänomen der Synästhesie und das Medium der Partituren für die versteckten Botschaften einen neuen und spannenden Hintergrund für seinen Roman.

„Die Dunklen“ ist für alle Fans von phantastischen Thrillern sehr empfehlenswert und ein Muss für alle Fans von Ralf Isau.

|592 Seiten, gebunden|
http://www.isau.de
http://www.piper-verlag.de

_Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_

[„Das gespiegelte Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1095 (Die Legenden von Phantásien)
[„Die Galerie der Lügen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4208

Pyta, Wolfram – Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler

Die vorliegende Monographie von Wolfram Pyta über das Leben und Wirken Paul von Hindenburgs (genauer: Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg, 1847-1934) wartet – wie schon die Seitenzahl, welche deutlich die 1000er Marke überschreitet, erahnen lässt – mit einem ausgesprochenem Detailreichtum auf. Das Bild des Mannes, der gleich mehrere bedeutende Zeitabschnitte der deutschen Geschichte miterlebte und teilweise mitgestaltete, erlangt durch die vorliegende präzise und pointierte Biographie eine besondere Schärfe. Hindenburg, der nur ein Jahr vor den europäischen Revolutionen von 1848 geboren wurde, wuchs in einer preußischen Gutsbesitzer- und Offiziersfamilie auf, begann schließlich im preußischen Militär seine erste Karriere, welche ihm später zur Eintrittskarte für die politische Bühne der Weimarer Republik gereichen sollte. Bemerkenswert ist, dass Pytas Buch mit dem Beginn eben dieser militärischen Karriere, welche Hindenburg schließlich zum Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes machen sollte, seine Betrachtung beginnt. Im Folgenden schildert Pyta nicht nur den Aufstieg Hindenburgs innerhalb der Militärhierarchie, sondern zugleich seine Entwicklung zu einem „politischen Herrscher“ und Machtmenschen.

Während sich die erste Hälfte des Buches vor allem auf Hindenburgs Zeit beim Militär konzentriert, steht die zweite Hälfte unter dem Stern der Reichspräsidentschaft. Dies umfasst einerseits natürlich den Weg Hindenburgs zum Reichspräsidenten, der durch die Unterstützung des bürgerlich-rechten Lagers in sein Amt kommt und während seiner Regierungszeit zum Ersatzmonarchen avanciert. Diese oft gewählte Formulierung charakterisiert natürlich den hohen Gehalt an politischer und werterepräsentativer Strahlkraft, welche Hindenburg schon früh aufzubauen und zu pflegen verstand. Eben diese Strahlkraft setzte er in seiner langen politischen Karriere gleich mehrfach ein, um einerseits seinen egomanischen Geltungsdrang zu befriedigen und andererseits alte Weggefährten oder Personen, die schlichtweg seinen persönlichen Zielen im Weg standen, aus dem Weg zu räumen. Dies gilt ebenso für Ludendorff wie auch für Groener, Brüning, Papen und Schleicher.

Man kann es Prestige, Nimbus oder schlichtweg Charisma nennen, wie es auch Pyta vorzieht, man kommt jedoch in keiner Sichtweise umhin, dieser historischen Figur ein Attribut zuzuordnen, das eine gewisse Größe zum Ausdruck bringt, auch wenn es vor allem Hindenburg selbst war, der dieses Image seiner selbst aufbaute und verteidigte. Pytas Buch zeichnet ein deutliches Bild Hindenburgs als zielbewussten und hintertriebenen Utilitaristen mit eiskaltem politischem Kalkül. In diesem Buch werden Hindenburgs Taten nicht durch den vermeintlichen Einfluss von Beraterkreisen, Interessenverbänden oder Demenzkrankheiten entschärft oder gar entschuldigt, sondern vielmehr versucht Pyta deutlich, die aktive Verantwortlichkeit Hindenburgs zu betonen.

In der Gesamtschau handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um eine faszinierende und detailreiche Auseinandersetzung mit dem Charakter, der Herrschaftsausübung und dem Mythos Hindenburgs. Das Buch richtet sich dabei vor allem an ein Fachpublikum und dürfte daher für einen Laien ohne tiefer reichende Vorkenntnisse des Themenbereichs nur bedingt gewinnbringend sein. Um Hindenburg und seine Biografie vollständig verstehen zu können, muss man eben auch die deutsche und europäische Geschichte zwischen den 1860ern und 1945 kennen und hinreichend verstehen.

|Gebundenes Buch, 1120 Seiten
100 Schwarzweiß-Abbildungen|
http://www.siedler-verlag.de

Spitra, Helfried / Kersken, Uwe (Hrsg.) – Germanen, Die

Die Geschichte der sogenannten „Germanen“ ist ein in der Geschichtsschreibung oftmals missbrauchtes Gebiet. In den vielen Jahrhunderten der Rezeption germanischer Geschichte gab es wohl keine Beurteilung, die man diesem riesigen Konglomerat von ursprünglich kultur- und glaubensverwandten Stämmen noch nicht hat angedeihen lassen. Von der Verklärung der Germanen im Nationalsozialismus und auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bis hin zur weitgehenden Verachtung durch die griechische und römische Geschichtsschreibung der Antike haben die Germanen schon so manchen Ruf genossen oder erleiden müssen. In unserer Zeit ist man erfreulicherweise dazu übergegangen, die „germanische“ Geschichte nüchterner und differenzierter zu betrachten. Ein Beispiel hierfür liefert auch das Buch „Die Germanen“ (hrsg. v. Helfried Spitra und Uwe Kersken).

Bei dem vorliegenden Titel handelt es sich um das Begleitbuch zur vierteiligen |ARD/Arte|-Dokumentation „Die Germanen“. Wie es bei Begleitbüchern zu TV-Dokumentationen so oft der Fall ist, verfügt auch dieses Buch über eine Bebilderung, die sich oftmals aus dem Fundus der Fernsehvorlage bedient. Im Falle dieses Buches bedeutet das, dass verschiedene hochwertige und abwechslungsreiche Szenenbilder aus der TV-Dokumentation in das Buch integriert wurden. Man kann durchaus sagen, dass das Buch dadurch optisch sehr stark aufgewertet wird. Die gesamte Bebilderung und optische Aufmachung des Buches ist äußerst ansprechend gestaltet worden. Büsten, archäologische Fundstücke, Karten, Münzen und Filmszenen sind allesamt unter den Abbildungen vertreten und lassen diesbezüglich keine Wünsche offen. So weit zu den Vorteilen.

Ein etwas schwerer zu bewertender Aspekt ist die Frage nach dem Inhalt des Buches. Man kann zweifellos attestieren, dass die Themenauswahl für das gegebene Thema durchaus angemessen ist. Die Themen erstrecken sich von den ersten Kontakten der Germanen mit den Römern bis hin zur Völkerwanderung und frühen Christianisierung der Franken, bei zeitgleichem schrittweisem Rückgang der römischen Herrschaft über Europa. Zwischen Anfang und Endpunkt wird die Lebensweise der Germanen betrachtet, ebenso wie einzelne Etappen des vielgesichtigen Verhältnisses zwischen Germanen und Römern. Die Tatsache, dass dieser große Zeitraum auf etwa 200 reich bebilderten Seiten behandelt wird, weist jedoch schon auf die Beschaffenheit der enthaltenen Texte hin. Natürlich handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um eine einfache Präsentation germanischer Geschichte. Die Artikel sind zwar leicht verständlich und gut geschrieben, jedoch gehen sie zu keinem Zeitpunkt wirklich in die Tiefe der zu behandelnden Materie.

Damit wären wir auch schon beim Fazit, das allerdings stark von der Erwartung des Lesers abhängt. Wer sich für einen kurzen, ansprechenden und leicht verständlichen Gesamtüberblick zur germanischen Geschichte interessiert, der kann beim Kauf dieses Buches absolut nichts falsch machen. Wer sich jedoch vertiefend und ernsthaft mit der Geschichte und Kultur der Germanen befassen will, der sollte lieber zu anderen und „biedereren“ Büchern greifen.

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Horn, Dennis / Fiene, Daniel – Podcast-Buch, Das: Das Radio des Web 2.0

„Was sind eigentlich Podcasts?“ Diese Frage bildet den Auftakt des vorliegenden Buches. So simpel und einfach diese Frage für den Fachkundigen auch klingen mag, so ist sie doch zugleich ein Indiz dafür, dass das Buch von Horn und Fiene den Leser tatsächlich „bei Null abzuholen“ vermag. Man muss keine besonderen Vorkenntnisse mitbringen, um sich anhand des Leitfadens dieses Buches tiefer in die Materie des Podcastens einzuarbeiten. Ebenso wie das Buch möchte ich zunächst noch mal kurz darauf verweisen, was ein Podcast denn nun überhaupt ist. Es handelt sich hierbei vereinfacht formuliert um abonnierbares „Internet Radio“. Die Qualität von gegenwärtig im Internet kursierenden Podcasts reicht dabei von „vertonten Weblogs“ über Comedy, Feuilleton und Ratgeber bis hin zu Nachrichtensendungen. So breit das Themenspektrum ist, so differenziert ist auch die Qualitätsskala der zurzeit im Internet verbreiteten Podcasts zu betrachten. Das Buch von Horn und Fiene führt den Leser jedoch schrittweise dazu, ein eigenes und hochwertiges Podcast zu entwickeln.

Ausgehend von der Einführung darüber, was Podcasts sind und welche Unterschiede zu beachten sind, wird das weite Feld des Podcastens sorgfältig und sukzessiv abgesteckt. Dies beginnt beim schlichten Hören von Podcasts, wobei das Autorenduo auch gleich einige der bekannteren Podcasts der Gegenwart vorstellt. Dies ist insofern sinnvoll, als man natürlich selbst kein gutes Produkt erstellen kann, wenn man die Konkurrenz nicht kennt. Durch Verweise auf bestehende Podcasts werden natürlich auch die Inspiration und Kreativität gefördert. Denn es ist eine Sache, über Podcasts zu lesen, aber eine andere, auch wirklich die Materie einmal mit eigenen Ohren erforscht zu haben.

Der nächste logische Schritt besteht natürlich dann im Ausprobieren. Zu diesem Zweck stellt das Buch zunächst die erforderliche Grundausstattung, die man für das Erstellen von Podcasts braucht, kurz und prägnant vor. Die nächsten Stufen bestehen nach der Aufnahme aus dem Schneiden des Materials, der Veröffentlichung und natürlich der Information über die rechtlichen Grundlagen beim Podcasten. Alles sind grundlegend wichtige Aspekte der Arbeit mit Podcasts und wurden nicht nur sinnvoll und übersichtlich gegliedert, sondern zudem auch in klarer und gut verständlicher Sprache dargestellt, die durchaus pointiert und auch angemessen humorig ist.

Das achte Kapitel dieses Buches ist besonders hervorzuheben, da es sich gewissermaßen mit dem Feinschliff eines Podcasts beschäftigt. Die Autoren, die natürlich beide vom Fach sind und sowohl über große Erfahrung mit den Medien Radio und Podcast verfügen, stellen in diesem Kapitel dem Leser ihren Erfahrungsschatz sehr anschaulich zur Verfügung. Der Leser wird mit den Grundregeln der Moderation und der Arbeit mit seiner eigenen Stimme sowie den Voraussetzungen für das Finden eines eigenen individuellen Stils vertraut gemacht. In den beiden letzten Kapiteln des Buches wird noch auf die Zweckmäßigkeit von Homepages zur Unterstützung des eigenen Podcasts und die Verdienstmöglichkeiten eines Podcasters hingewiesen.

Alles in allem handelt es sich bei dem „Podcast-Buch“ um einen klar gegliederten Ratgeber für angehende Podcaster. Die Bebilderung ist abwechslungsreich und unterstützt das Leseverständnis an vielen Stellen ungemein. Das Buch vermag es, Lust auf mehr zu machen, und außerdem überfordert es den Leser zu keiner Zeit. Selbst mit nur minimalen Vorkenntnissen kann der Leser maximalen Nutzen aus dem Buch gewinnen.

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Eberle, Henrik / Uhl, Matthias (Hgg.) – Buch Hitler, Das

„Das Buch Hitler“! Der Titel des Buches ist schlicht und reißerisch, sein Erscheinungsjahr aufschlussreich. Ein Jahr nachdem der deutsche Film „Der Untergang“ in den Kinos erfolgreich war, erschien das vorliegende Buch auf dem Markt. Die zeitliche Nähe kann man gewiss auch für Zufall halten, jedoch erscheint dies wenig naheliegend, wenn man sich die Hintergründe des Buches vor Augen führt. Bei dem „Buch Hitler“ handelt es sich um eine editierte Version eines Geheimdossiers des sowjetischen Nachrichtendienstes NKWD aus dem Jahre 1948/49. Das Dossier wurde ursprünglich für den russischen Diktator Stalin verfasst, der sich von dem Bericht Aufschluss über seinen nationalsozialistischen Widersacher und die Umstände seines Todes erhoffte.

Über das 672 Seiten umfassende Buch lassen sich positive und negative Gesichtspunkte anführen. Zunächst einmal sollte grundlegend erwähnt werden, dass es sich bei dem Buch weitestgehend um eine Quellenedition handelt, was bedeutet, dass der Originaltext zwar ins Deutsche übersetzt wurde, allerdings noch immer den Charakter eines Berichtes hat. Es handelt sich hierbei also keineswegs um Lesestoff, der stilistisch interessant formuliert wurde. Dies ist ein Charakteristikum der Quelle und kann daher nicht negativ bewertet werden, jedoch muss dies dem interessierten Leser vor dem Kauf des Buches klar sein. Ein in diesem Zusammenhang positiver Gesichtspunkt ist das umfangreiche Vorwort von Horst Müller, der dem Leser gleich zu Beginn einen sehr informativen und fundierten Einblick in das Gesamtthema des Buches vermittelt. Ebenfalls positiv fällt der Anhang des Buches auf, der mit einem kommentierenden Nachwort der Herausgeber, einer extrem umfangreichen Zusammenstellung von Kurzbiographien von vielen der im Buch erwähnten Personen und einem brauchbaren Literatur- und Quellenverzeichnis aufwarten kann. Die Bebilderung des Buches ist zudem angemessen, sowohl in Umfang als auch in Bildauswahl. Es wurde weitestgehend auf die altbekannten und sich stetig wiederholenden Abbildungen verzichtet, die sich in so vielen Büchern über Hitler und das Dritte Reich finden. Den großen Kritikpunkt, um den man bei der Bewertung dieses Buches auch nicht herumkommt, formulieren die Herausgeber in ihrem Nachwort gewissermaßen selbst:

|“Die Offiziere des NKWD waren ideologisch geschulte Marxisten-Leninisten und hatten daher fest gefügte Ansichten, wie Geschichte zu interpretieren sei. Bei der Abfassung des Buches Hitler stützten sie sich auf Aussagen von Personen, die ihre Ideologie nicht teilten. Außerdem waren sie gezwungen, den Voyeurismus des Auftraggebers Stalin zu bedienen.“|

Hinzu kommt noch der Umstand, dass sich der Bericht vor allem auf zwei gefangen genommene SS-Offiziere, die aus dem näheren Umfeld Hitlers stammten, beruft. Aus dieser Gesamtkonstellation ergeben sich gleich mehrere Probleme. Zum einen sind Zeitzeugenberichte |per se| schon als extrem problematisch anzusehen, da sie nicht nur von einer übermäßigen Subjektivität durchzogen sein können, sondern zudem auch oftmals einfach historisch falsche oder verfälschende Angaben beinhalten. Der Wert von Zeitzeugenaussagen wird vor allem durch die grenzenlose Überbewertung in der Populärwissenschaft landläufig überschätzt. Zu diesem grundsätzlichen Problem mit Zeitzeugen gesellt sich noch die Tatsache, dass es sich bei den beiden Hauptquellen um SS-Offiziere in sowjetischer Gefangenschaft handelte. Die Zuverlässigkeit der Quellen wird in dieser Konstellation vor allem durch den Umstand der sowjetischen Gefangenschaft tendenziell untergraben. Darüber hinaus zeigte bereits das angeführte Zitat auf, dass auch die Offiziere des NKWD mit dem Bericht eine bestimmte Erwartungshaltung ihres Diktators befriedigen mussten. Die ebenfalls bereits erwähnte „ideologische Vorfärbung“ der verfassenden russischen Offiziere und die spätestens mit dem Untergang der Sowjetunion zu Recht ebenfalls untergegangene marxistisch-leninistischen Geschichtssicht vervollständigen das breite Spektrum an Zweifeln, die man an dem Quellenwert des „Buches Hitler“ hegen darf.

Mit einem Rückgriff auf meine einleitenden Sätze möchte ich nun die Besprechung dieses Buches beschließen. Ähnlich wie das zugrunde liegende Dossier den „Voyeurismus“ Stalins befriedigen sollte, scheint „Das Buch Hitler“ den Voyeurismus vieler Deutscher befriedigen zu wollen. Wenn in der Werbung die Devise „Sex sells!“ gilt, muss in der populärwissenschaftlichen „Geschichtsforschung“ wohl gelten: „Hitler sells!“

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Hohlbein, Wolfgang – Von Hexen und Drachen. Das große Wolfgang-Hohlbein-Buch

Bei dem Buch „Von Hexen und Drachen“ von Wolfgang Hohlbein handelt es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in den meisten Fällen nicht sehr kurz sind und nur sehr selten von Hexen oder Drachen handeln. Abgesehen davon, dass man bei einem solchen Titel tendenziell eher Fantasygeschichten erwarten würde, ist „Von Hexen und Drachen“ eine bunte Sammlung von überwiegend gelungenen Science-Fiction-Erzählungen. Die persönlichen Kommentare des Autors zu einzelnen Geschichten bilden eine gute Ergänzung und der Bericht seines Verlegers und Freundes Michael Schönenbröcher gibt einen interessanten Einblick in den privaten Alltag von Wolfgang Hohlbein.

Thematisch drehen sich viele der Geschichten um Zeitreisen, Dinosaurier oder Weltraumabenteuer. Die Geschichte „Im Namen der Menschlichkeit“ zum Beispiel ist eine Mischung aus Science-Fiction und Fantasy. Sie handelt von einer Gruppe Zeitreisender, die mit Hilfe einer Zeitreisemaschine aus einer uns unbekannten Zukunft unabsichtlich in die Zeit versetzt werden, in der Pontius Pilatus der Präfekt von Jerusalem war. Es dauert nicht lange, bis die Fremden auf eine weitere sehr bekannte Person treffen und die einmalige Gelegenheit erhalten, die Entwicklung des „Christlich-Römischen Imperiums“ und damit den Lauf der ganzen Weltgeschichte zu verändern. Nicht nur in dieser Geschichte bleibt für den Leser am Ende die Frage, was passieren würde, wenn es den Menschen tatsächlich einmal gelänge, in die Vergangenheit zu reisen, und ob eine Einmischung in der Vergangenheit die Zukunft tatsächlich zu verändern imstande wäre. Diese Fragestellung taucht als Motiv gleich in mehreren der hier gesammelten Kurzgeschichten auf.

Die Erzählungen in diesem Buch wurden alle schon einmal veröffentlicht, einige sind Teile einer Serie, wie zum Beispiel „Zombiefieber“ aus der Reihe „Professor Zamorra“ oder „Zeitbeben“ aus der Reihe „Dinoland“, andere wurden in Science-Fiction-Magazinen veröffentlicht, wie zum Beispiel „Hamlet 2007“ oder „Frankenstein & Co“. Auch wenn sich die Kurzgeschichten in diesem Buch nicht mit anderen Werken wie zum Beispiel den Romanen „Märchenmond“, „Spiegelzeit“ oder „Elfentanz“ von Wolfgang Hohlbein vergleichen lassen, haben diese Geschichten eine ganz eigene Qualität. In den wenigsten Fällen erfüllen sie die klassischen Kriterien einer Kurzgeschichte, was vor allem daran liegt, dass es Hohlbein, wie er selbst zugibt, schwerfällt, sich kurz zu fassen. Doch gerade durch die detaillierten Beschreibungen, die trotzdem niemals langweilig werden, und die umfassende Charakterisierung der einzelnen Personen zeichnen sich meiner Meinung nach die Werke von Hohlbein aus. Dem Leser gelingt es schnell, in die Handlung der Geschichte einzutauchen und sich mit den Charakteren zu identifizieren. Hinzu kommt, dass es dem Autor gelingt, bei diesen kürzeren Geschichten noch viel nachdrücklicher als bei seinen Romanen dem Leser eine klare Botschaft zu senden, die zum Nachdenken anregt.

Insgesamt ist „Von Hexen und Drachen“ ein sehr lesenswertes Buch, und wer Wolfgang Hohlbein und seine Werke kennt, wird vieles davon hier wiederfinden. Bei einigen Werken fragt man sich, warum aus diesen Ideen und Geschichtsanfängen kein ganzer Roman entstanden ist.

|930 Seiten|
http://www.hohlbein.net/
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Hohlbein, Wolfgang – Blut der Templer, Das

In dem Roman „Das Blut der Templer“ von Wolfgang Hohlbein geht es um den Jahrtausende alten Kampf zweier Orden um den Heiligen Gral. Auf der einen Seite stehen die Prieuré de Sion und auf der anderen Seite ihnen gegenüber die Tempelritter. Während der Orden der Tempelritter es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Gral und sein Versteck zu beschützen, damit kein Mensch seine Macht missbrauchen kann, lässt die Hohepriesterin der Prieuré de Sion nichts unversucht, um den Gral ausfindig zu machen, der sich im Grab von Jesus Christus befinden soll. Der Legende nach erlangt derjenige, der den Gral gewinnt, Unsterblichkeit und dadurch unbeschreibliche Macht.

Die Geschichte von Wolfgang Hohlbein spielt in der Gegenwart und beginnt, als der 19-jährige David, der in einer Klosterschule aufwuchs und von dem Mönch Quentin aufgezogen wurde, in den Kampf zwischen den beiden Orden hineingezogen wird. Erst nach und nach erfährt David von seinem Ziehvater, welche Rolle er in diesem uralten Konflikt spielt. Denn David ist der Sohn von Lucrzia Saintclaire, der Hohepriesterin der Prieuré de Sion, und Robert von Metz, dem Großmeister der Tempelritter. Und wie es in solchen Fällen nun einmal üblich ist, ist dieser weltfremde und sympathische, aber in manchen Dingen etwas unbeholfene Junge der Einzige, der in der Lage ist, das Grab Jesu Christi zu finden, denn in seinen Adern fließt „Sangreal“, das heilige Blut. Während seine leiblichen Eltern sehr damit beschäftigt sind, David durch Versprechungen, Drohungen oder rohe Gewalt auf ihre Seite zu ziehen oder ihn einfach umbringen zu lassen, macht sich David mit Hilfe seiner Klassenkameradin und ersten großen Liebe Stella und dem Mönch Quentin auf den Weg, um eine eigene Lösung für das Ende dieses Streits zu finden.

Auch wenn es Wolfgang Hohlbein in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, einzigartige Fantasyromane zu schreiben und er nach wie vor zu den besten Fantasyautoren in Deutschland gehört, ist dieses Buch weder einzigartig noch besonders gut. Es ist eine nette Geschichte. Das ist alles. Entweder hätte man aus diesem Thema sehr viel mehr herausholen müssen oder es besser noch gänzlich meiden sollen, da es mittlerweile zu einem höchst langweiligen Modethema geworden ist. Die typische Geschichte von einem armen Waisenjungen, der das Schicksal der Welt in der Hand hält, ist inzwischen einfach alles andere als originell.

Sprachlich ist das Buch insofern interessant, als dass man zu Beginn nicht nur durch den Widerspruch von Männern mit Anzügen und Schwertern, die Limousine fahren, sondern auch durch den detaillierten szenischen Bericht aufmerksam wird. Dass das Ganze fast wie die Beschreibung eines Theaterstückes wirkt, erklärt sich, wenn man weiß, dass sich das Buch auf den gleichnamigen Film bezieht. Der filmische Charakter tritt in den späteren Kapiteln jedoch nur noch selten auf. Sehr positiv fällt in diesem Buch die Gestaltung der Charaktere auf. Bei Robert von Metz beispielsweise wird sein innerer Kampf sehr nachhaltig und geschickt dargestellt. So muss er sich entscheiden, ob er seinen Sohn David beschützt oder ob er den einzigen gemeinsamen Nachfahren der Prieuré de Sion und der Tempelritter tötet, um das Geheimnis des Grals zu bewahren. Davids Mutter schwankt ebenfalls stark zwischen ihren mütterlichen Gefühlen und ihrer unbegrenzten Gier nach der Macht des Grals, welche ihr letztendlich zum Verhängnis wird. David und auch Stella wirken insofern sehr überzeugend, als sie während der ganzen Geschichte ihre Identität als Teenager behalten und sich nicht von ihrer Rolle als Held und Retter der Geschichte vereinnahmen lassen. Die weiteren Figuren in der Geschichte bergen keine besonderen Überraschungen, sondern verhalten sich entsprechend ihren Rollen typisch und vorhersehbar.

Insgesamt ist „Das Blut der Templer“ eine lebendige Geschichte mit überzeugenden Charakteren, die der Größe und Bekanntheit des Themas jedoch nicht gerecht wird.

http://www.hohlbein.net/
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteintb/

Armstrong, Karen – Achsenzeit, Die : Vom Ursprung der Weltreligionen

Die englische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong befasst sich in diesem Buch mit der kulturhistorischen Epoche der sogenannten „Achsenzeit“, in deren Verlauf sich die Wurzeln der heutigen Weltreligionen herausbildeten. Für Armstrong markiert die „Achsenzeit“ in den jeweils betreffenden Nationen den Höhepunkt der Rationalität, dessen man sich auch in der komplizierten Gegenwart des 21. Jahrhunderts erinnern sollte, wenn es darum geht, die gravierenden tagesaktuellen Probleme und Konflikte zu lösen. Die „Achsenzeit“ lässt sich grob auf die Jahre zwischen 900 und 200 v. Chr. datieren, wobei die Epoche natürlich nicht in jedem Teil der Welt zeitgleich eintrat. Als „Achsenzeit“ bezeichnet Armstrong die Zeit der Entstehung des Konfuzianismus und Daoismus in China, des Hinduismus und Buddhismus in Indien, des Monotheismus in Israel und des Rationalismus in Griechenland.

Armstrongs zentrale Intention bei diesem Buch ist es, die „Achsenzeit“ für die Gegenwart nutzbar zu machen und gleichzeitig aufzuzeigen, worin die Charakteristika jener Epoche lagen, die sie so bedeutsam machen. Es ist natürlich unstrittig, dass die besagten Epochen in ihren jeweiligen Kulturen einen bedeutenden geistesgeschichtlichen Durchbruch brachten und gewissermaßen die heutigen Weltreligionen begründeten. Die zentrale Schwäche in Armstrongs Argumentation scheint allerdings darin zu bestehen, dass sie davon ausgeht, seit der „Achsenzeit“ habe es keine wirklich neuen Ideen gegeben, die sich nicht an der „Achsenzeit“ orientierten. Gewiss ist eine neue Erkenntnis oder Theorie stets in gewisser Weise mit älteren Ideen verwoben und daher lässt sich auch theoretisch eine sehr lange chronologisch rückwärtsgerichtete Verwandtschaftskette zwischen verschiedenen Philosophien erzeugen. Dabei lässt Armstrong allerdings auf sträfliche Weise diverse geistesgeschichtliche Neuschöpfungen, wie u. a. die Ideen von Kant, Descartes, Nietzsche und Marx außer Acht, die nun wirklich nicht nur als „verwässerte“ Nachahmung der Philosophen der Achsenzeit gewertet werden können. Alles in allem wirkt Armstrongs Ansatz daher ein wenig konstruiert. Es hat den Anschein, als wolle die Autorin unbedingt ihre These belegen, wodurch sie offensichtlich die gebotene Objektivität vernachlässigt.

Trotz dieses Kritikpunktes handelt es sich bei ihrer „Achsenzeit“ um eine spannenden und kurzweilige Lektüre, die dem philosophisch und theologisch interessierten Leser sehr zu empfehlen ist. Man sollte allerdings gewahr sein, dass Armstrong in diesem Buch vor allem ihre eigene gewachsene Theorie präsentiert, ohne dabei auf etwaig anderslautende Interpretationen einzugehen. Dennoch ist dieses stilistisch ansprechend geschriebene Buch aufgrund der überaus interessanten Ausführungen der fachkundigen Autorin absolut lesenwert.

|624 Seiten, 21 Karten, 3 Stammbäume
22,7 × 15 cm|
http://www.randomhouse.de/siedler/

Wickenhäuser, Ruben (Hg.) / Müller, Titus (Hg.) / Gablé, R. / Wassermann, S. / Hyde, M. / Dieckmann, – zwölfte Tag, Der

Der Roman „Der zwölfte Tag“ basiert auf den historischen Begebenheiten, die sich in der Zeit vom 1. bis 12. August 1100 in England ereigneten. Die Erzählung wurde von zwölf Autoren gemeinsam verfasst, von denen jeder die Geschehnisse eines Tages in Form von zwei Kapitel beschrieb. Doch treffen in diesem Buch nicht nur die zwölf unterschiedlicher Erzählstile der einzelnen Autoren aufeinander, sondern auch eine Vielzahl an Persönlichkeiten, deren Charaktere sich weitaus häufiger widersprechen, als sie einander ergänzen.

Im ersten Kapitel begegnet dem Leser der weltfremde Mönch Oswin, der sich selbst zum Propheten erklärt und aufgrund einer Vision zum Hofe des Königs begibt, um diesen vor seinem bevorstehenden Tod zu warnen. Als nächstes trifft der Leser auf den Adeligen Walter Tirel of Poix, der gemeinsam mit dem König auf Hirschjagd geht. Als der König während der Jagd von einem Pfeil getroffen wird, verdächtigt man Walter des Königsmordes. Auf seiner Flucht begegnet Walter Achae, die mit einer Gruppe angelsächsischer Gesetzloser im Wald lebt. Und während am Hofe des Königs die Intrigen um die Thronfolge und die Neuverteilung der Machtpositionen ihren Gang nehmen, versuchen Walter, Achae und Oswin auf ganz unterschiedlichen Wegen, den wahren Mörder des Königs zu finden.

Liebe, Lügen, Verrat, Mord, Eifersucht, Täuschung, Machthunger … alles in allem ein Stoff, der viele Möglichkeiten bietet und viele Motive vereint. Leider schaffen es die zwölf Autoren nicht, all diese Möglichkeiten auszunutzen. Die einzelnen Motive werden nicht zu einem stimmigen Ganzen verarbeitet, sondern stehen scheinbar zusammenhanglos zwischen den Ereignissen. Jede der Figuren geht einen eigenen, ausschließlich egoistisch motivierten Weg, auch wenn einige von ihnen dasselbe Ziel verfolgen. Der Handlungsverlauf wirkt holprig und ist gespickt mit unglaublichen Zufällen, wie z. B. Toten, die mehrmals wieder auferstehen, neugierigen Lauschern, die sich ganz zufällig immer im rechten Moment am rechten Ort aufhalten und dadurch den Verlauf der Handlung plötzlich um 180 Grad drehen, und fragwürdigen „göttlichen“ Offenbarungen.

Während die Handlung zu Beginn der Geschichte eher träge verläuft und durchaus vorhersehbar ist, steigert sich die Spannung im zweiten Teil des Buches merklich und es entsteht eine größere Handlungsdichte. Der ständige Wechsel zwischen den einzelnen Erzählperspektiven wirkt jedoch zunehmend verwirrender, da immer mehr Personen auftauchen, die allesamt aus der Ich-Perspektive erzählen.

Sprachlich bietet sich dem Leser hingegen ein ganz anderes Bild. Obwohl das Buch von zwölf Autoren geschrieben wurde und somit zwölf unterschiedliche Erzählstile enthalten sollte, wirkt die Erzählung recht harmonisch. Eine Zuordnung der Kapitel zu den einzelnen Autoren lässt sich ohne die Übersicht im Anhang kaum bewerkstelligen, dafür erkennt man deutliche Qualitätsunterschiede im Vergleich zu anderen Einzelwerken der Autoren. Dies bezieht sich sowohl auf die sprachliche Qualität als auch auf die inhaltliche Gestaltung der Geschichte. Ein jeder dieser Autoren hätte aus dem Stoff vermutlich einen wesentlich unterhaltsameren Roman fertigen können.

Da „Der zwölfte Tag“ sowohl sprachlich als auch im Bezug auf das geschichtliche Vorwissen wenig anspruchsvoll ist, erscheint das Buch für Jugendliche ab 12 Jahren bestens geeignet. Erwachsenen würde ich jedoch empfehlen, bei der Suche nach historischen Romanen auf die Einzelwerke der jeweiligen Autoren zurückzugreifen.

http://www.aufbauverlag.de

Hillen, Hans Jürgen / Fink, Gerhard – Geschichte Roms, Die: Römische und griechische Historiker berichten

Wer kennt sie nicht, die Geschichte jenes Dorfes in Mittelitalien, welches zum Machtzentrum der westlichen antiken Welt aufstieg. Die Geschichte Roms wurde sehr oft erzählt, in all ihren Epochen und Facetten. Das vorliegende Buch ist allerdings im Rahmen dessen etwas Besonderes. Anhand von ausgewählten Quellentexten der Antike wird hier die wechselvolle Historie für den geneigten Leser lebendig aufbereitet. Die äußerst gelungene Quellenauswahl wurde von Hans Jürgen Hillen vorgenommen, während die einleitenden Texte von Gerhard Fink verfasst wurden.

Das Buch beginnt mit den Gründungsmythen um Aeneas und Romulus, die auf das Jahr 753 v. Chr. zurückdatiert werden, und endet mit dem Niedergang Roms unter Kaiser Romulus Augustulus. Dazwischen werden die berauschenden Siege und die erschütternden Niederlagen des Imperium Romanum nacherzählt. Wir begegnen den schon nahezu klassisch gewordenen Gestalten des Caesar, Hannibal, Nero und vielen andern. Zahlreiche Auszüge aus den Werken griechischer und römischer Historiker, wie z. B. Diodor, Plutarch, Sueton und Cicero, eröffnen dem Leser einen interessanten und originellen Blick auf gut 1200 Jahre römischer Geschichte.

Die Gesamtidee hinter diesem Buch ist absolut lobenswert, allerdings darf man auch einige Schönheitsfehler bei der Umsetzung nicht außer Acht lassen. Die Einführungstexte zu den einzelnen Kapiteln sind durchaus informativ und verständlich geschrieben, jedoch handelt es sich dabei um Texte mit extrem narrativem Charakter. Die wissenschaftlichen Kontroversen und etwaige Gegenthesen zu den einzelnen Themenbereichen werden nicht erwähnt. Es handelt sich bei diesem Buch eben um eine Lektüre, die offensichtlich ausschließlich für geschichtsinteressierte Laien konzipiert wurde. Dieser Eindruck erhärtet sich anhand diverser Beobachtungen. Zum einen sind die Quellen nur in der deutschen unkommentierten Übersetzung abgedruckt, was natürlich verhindert, dass sich der Leser gegebenenfalls eine eigene Meinungen zu kritischen Textpassagen des Originals bilden kann. Zum andern gibt es nur einen sehr spärlichen Anmerkungsapparat, der zudem noch an den Gesamttext angehängt wurde, was ein Nachschlagen unnötig kompliziert macht. Der damit einhergehende Verzicht auf Fußnoten mag das Buch zwar optisch schöner machen, aber er erschwert eine intensivere eigene Auseinandersetzung mit den Quellen. Darüber hinaus sind die Kapitelübersichten, die jeweils vor dem betreffenden Kapitel abgedruckt sind, äußerst lieblos gestaltet und zudem unübersichtlich, was ihren eigentlichen Sinn und Zweck ins Gegenteil umkehrt.

Alles in allem überwiegen bei diesem Buch jedoch die positiven Eindrücke. Die insgesamt knapp 500 Seiten sind sehr angemessen bebildert und die Begriffserklärungen im Anhang helfen dem Laien beim Verständnis der Texte. Zudem finden sich im Anhang noch recht umfangreiche und qualitativ hochwertige Literaturhinweise, die eine weiterführende und tiefergehende Beschäftigung mit den einzelnen Themenbereichen des Buches erleichtern. Dieses Buch ist also speziell für geschichtsinteressierte Laien und „Einsteiger“ äußerst geeignet. Die Idee, anhand einer Auswahl antiker Quellen die Geschichte Roms nachzuerzählen, ist sehr erfrischend und wurde in diesem Buch gut umgesetzt.

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Robson, Justina – Transformation

Bei „Transformation“ von Justina Robson handelt es sich um einen aus der Ich-Perspektive erzählten Science-Fiction-Roman, der im England einer nicht allzu fernen Zukunft spielt und in dessen Zentrum die Hauptfigur Anjuli O’Connell steht. Die Erzählung setzt in Anjulis schwieriger Kindheit ein und von da an begleitet der Leser sie durch ihr weiteres Leben, welches von der Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz dominiert wird. Anjuli hat ein „absolutes“ Gedächtnis, was ihr bei ihrem Beruf als KI-Psychologin durchaus zugute kommt.

Die Handlung des Romans wird von drei Motiven beherrscht. Das Hauptmotiv bildet Anjulis Verbindung zu ihrem auf mysteriöse Weise verstorbenen Jugendfreund Roy Croft, der nicht nur ein Genie auf dem Gebiet der KI-Technologie war, sondern zudem eine aufsehenerregende Klage eingereicht hat, die entgegen der Interessen des Großkonzerns Optinet die Menschenrechte für die neu geschaffene KI 901 einzufordern suchte. Hier findet sich auch die Überleitung zu dem zweiten Hauptmotiv des Romans, welches durch den Gerichtsprozess, der in Folge von Roys Klage entsteht, repräsentiert wird. Anjuli befindet sich hierbei in einem tiefen Interessenkonflikt, da sie als Sachverständige zu dem Prozess geladen wird. Es gilt für sie, den eigenen Weg zwischen den beiden Extremposition von Roy Croft dem Maschinenrevoluzzer, der ihr zudem noch Nachrichten aus dem „Jenseits“ schickt, und ihrem Arbeitgeber Optinet zu finden, der natürlich strikt gegen die Emanzipation von 901 ist. Das dritte Hauptmotiv bildet das Privat- und Gefühlsleben der Protagonistin. Speziell dieser Handlungsstrang ist jedoch der große Schwachpunkt des Romans. Robson gelingt es in diesem Buch nicht, die Hauptfigur, die naturgemäß bei einem Roman aus der Ich-Perspektive von exponentieller Wichtigkeit ist, interessant zu gestalten.

„Transformation“ ist leichte Sci-Fi Kost, die gut verdaulich ist, wenn man von ihr keine innovativen Ideen erwartet. Wenngleich die Handlung des 479 Seiten langen Romans viele Wendungen aufweist, gelingt es der Autorin dennoch nicht, die wenig originelle Geschichte von „Transformation“ packend zu erzählen. Das mag einerseits an den äußerst konstruiert wirkenden Charakteren und andererseits an etlichen aufgewärmten Versatzstücken, die aus besseren Science-Fiction-Romanen entliehen wurden, liegen. Man hat das alles eben im Sci-Fi-Genre schon einmal gelesen oder gesehen.

Schami, Rafik – Märchen aus Malula

„Märchen aus Malula“ ist eine Auswahl von sechs Erzählungen, die seit vielen Generationen in Rafik Schamis Heimatdorf Malula in Syrien erzählt werden. Wenngleich sie auch inhaltlich sehr unterschiedlich sein mögen, verbindet alle sechs Märchen eine ähnliche moralische Botschaft. Auf verschiedenste Weise beschäftigen sich die Erzählungen mit den Vorstellungen von Gerechtigkeit und von Respekt und Dankbarkeit gegenüber Mitmenschen.

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und wanderte 1971nach Deutschland aus. Seit 1982 arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine zahlreichen Werke reichen von Kinder- und Jugendliteratur wie „Der Kameltreiber von Heidelberg“ bis hin zu Romanen wie [„Die dunkle Seite der Liebe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2102 und Kombinationen von Kochbüchern und Reiseführern wie „Damaskus“. Rafik Schamis Bücher wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt und er erhielt viele Literaturpreise und Auszeichnungen. Die Inspiration für „Märchen aus Malula“ bekam Rafik Schami 1984 durch einen Leser, den er während einer Buchvorstellung in Nürnberg kennen lernte. Die Einleitung sowie die Geschichte von Takla werden von Rafik Schami selbst gesprochen, die übrigen Geschichten erzählen Andrea Hörnke-Trieß und Markus Hoffmann abwechselnd.

Rafik Schami beginnt die zwölf Minuten lange Einleitung mit einer weitschweifigen Erzählung von seiner Großmutter und der Erläuterung, warum diese eigentlich hätte heilig gesprochen werden müssen und warum sie keine Geschichten erzählen konnte, wobei beide Fragen nicht in direktem Zusammenhang stehen und auch für die Begründung seiner Motivation für dieses Buch eher belanglos sind. Im zweiten Teil der Einleitung beschreibt er dann seine Begegnung mit einem Leser und wie dieses Treffen dazu führte, dass er die alten Geschichten aus seinem Heimatort wiederentdeckte. Auch wenn Rafik Schamis Sprechrhythmus und sein Erzählstil sehr gewöhnungsbedürftig sind, hat dieser jedoch möglicherweise den Vorteil, dass er den Hörer daran hindert einzuschlafen, bevor die eigentlichen Märchen überhaupt beginnen.

Hat man die Einleitung jedoch überstanden, folgen über zwei Stunden mit unterhaltsamen Märchen von Bauern, die ausgemachte Esel sind, und Eseln, die zu Richtern werden, von der Geschichte Malulas und wie der Ort zu einer Heimat von Flüchtlingen und Rebellen wurde, von Männern, die ihre Frauen hintergehen und sie verurteilen, wenn sie von ihnen hintergangen werden, davon, was es einem bringt, wenn man undankbar ist, von einem Korb der Wünsche und von einem Sieger, der zum Verlierer wird.

Manche Geschichten sind etwas langatmig und bei manchen fragt man sich, welche Lehre die Märchen aufzeigen sollen. Die Geschichten sind jedoch fast immer spannend, witzig oder zumindest interessant erzählt. Es handelt sich allerdings ausschließlich um Märchen für Jugendliche und Erwachsene, was sowohl an manchen Stellen durch die Wortwahl wie auch durch die behandelten Themen deutlich wird. Der Hörer kann sich schnell in die jeweiligen Rollen einfühlen. Wie es im Märchen üblich ist, handelt es sich um typische Charaktere wie den betrogenen Ehemann oder den ungerecht behandelten armen Bauern, trotzdem wirken die Figuren nicht berechenbar und die Handlung wird nicht langweilig. Zudem erfährt der Hörer einiges über die Bräuche und die Kultur der Malulanier.

Insgesamt handelt es sich hierbei um ein gelungenes Hörbuch mit kleinen Schönheitsfehlern und einer unnötig langen Einleitung.

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|150 Minuten auf 2 CDs|

Dahl, Arne – Misterioso

Der Roman „Misterioso“ bildet den Auftakt der Krimireihe von Arne Dahl, in deren Mittelpunkt der Inspektor Paul Hjelm steht. Der Roman spielt im Schweden der 90er Jahre und befasst sich einerseits mit dem Fall eines Serienmörders, der es auf schwedische Topmanager abgesehen hat, und andererseits mit der Entstehung der sogenannten „A-Gruppe“, deren Ermittlungen auch in Dahls folgenden Romanen beschrieben werden.

Für die Hauptfigur Paul Hjelm beginnt alles bei einer Geiselnahme in einer Ausländerbehörde. Als Hjelm den Geiselnehmer schwer verwundet, der durch das Verbrechen seine Familie vor der Abschiebung in den Kosovo retten wollte, wird er für die schwedische Presse zu einem Helden und für die Dienstaufsicht zu einem Problem. Da man Hjelm rassistische Motive für das Eingreifen in die Geiselnahme vorwirft und zudem an ihm ein Exempel statuieren möchte, steht er bereits vor seiner Suspendierung. Einem Freund und Vorgesetzten hat er es zu verdanken, dass er stattdessen zur Reichskriminalpolizei abberufen wird. Er wird zu einem Mitglied der frisch gegründeten sechsköpfigen A-Gruppe, die sich mit den so genannten „Machtmorden“ auseinander setzen muss. Da es sich bei den Opfern der „Machtmorde“ um hochkarätige Manager handelt, besteht von Seiten der Polizei ein gesteigertes Interesse an der Lösung des Falls. Die A-Gruppe steht unter dem Zwang, um jeden Preis Ergebnisse liefern zu müssen. Dementsprechend engagiert geht das Team an die Verfolgung des Serienmörders.

Das Hörbuch, das insgesamt gut siebeneinhalb Stunden lang ist und 6 CDs umfasst, ist äußerst spannend. Dies liegt zum einen an der guten Literaturvorlage mit ihren detaillierten Innenansichten der Charaktere und ihrer mitreißenden Erzählweise und zum anderen am Sprecher Till Hagen, den man vor allem als die Synchronstimme von Kevin Spacey kennen dürfte. Till Hagens Stil ist sehr lebendig und facettenreich. Seine hervorragende Leistung als Sprecher wertet das ohnehin schon gute Buch noch auf. Die langwierige und komplizierte Jagd nach dem Serienkiller wird durch die Textvorlage und den Sprecher zu einem packenden Hörbuch, das nicht nur durch den Handlungsstrang der Ermittlung zu überzeugen weiß, sondern sich zudem auch durch äußerst interessante Charakterstudien und einen ansprechenden Erzählstil hervortut.

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Xinran – Himmelsbegräbnis. Eine Geschichte für Shu Wen

In dem Roman „Himmelsbegräbnis. Eine Geschichte für Shu Wen“ erzählt die Radiojournalistin und Autorin Xinran die Geschichte der Chinesin Shu Wen, die dreißig Jahre ihres Lebens in Tibet verbrachte, auf der Suche nach ihrem Mann Kejun. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, aber auch die Geschichte eines entbehrungsreichen und schicksalsträchtigen Lebens in Tibet zur Zeit der Besetzung Tibets durch die Volksbefreiungsarmee Chinas.

Die junge Shu Wen ist noch keine zwei Monate mit ihrem geliebten Kejun verheiratet, als dieser sich entscheidet, seinem Volk als Militärarzt zu dienen, und mit einer Truppe der Volksbefreiungsarmee nach Tibet zieht. 100 Tage später erhält Shu Wen die Nachricht, dass Kejun im Krieg gestorben sei. Über die näheren Umstände seines Todes oder den Verbleib seiner Leiche erfährt sie nichts. Die wage Hoffnung, dass Kejun nicht tot sei, sondern möglicherweise von seiner Einheit getrennt wurde und nun allein in Tibet herumirrt, veranlasst Shu Wen zu der Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern soll. 1958 reist sie selbst als Ärztin mit einem Militärtrupp nach Tibet und beginnt die Suche nach ihrem Mann. Dreißig Jahre dauert es, bis Wen erfährt, was passiert ist, und sie nach China zurückkehrt. Dort trifft sie auf Xinran, die die Radiosendung „Words on the Night Breeze“ moderiert, in der chinesische Frauen von ihrem Schicksal erzählen. Shu Wen erzählt Xinran ihre Geschichte, die beschließt, diese zehn Jahre später als Buch zu veröffentlichen.

Die Autorin Xinran wurde 1958 in Peking geboren. Ab 1998 arbeitete sie als Radiojournalistin, unter anderem moderierte sie die in ganz China bekannte Sendung „Words on the Night Breeze“, auf deren Grundlage ihr erstes Buch entstand, welches erstmals 2002 unter dem Titel “ The good woman of China“ veröffentlicht wurde. In Deutschland erschien das Buch erstmals 2003 mit dem Titel „Verborgene Stimmen. Chinesische Frauen erzählen ihr Schicksal“. Seit 1997 ist Xinran Dozentin an der Universität in London und arbeitet zudem als freie Beraterin für chinesische Sprache, Kultur und neuere Geschichte.

Das Hörbuch „Himmelsbegräbnis“ umfasst 3 CDs mit insgesamt 246 Minuten Laufzeit. Bei längerem Zuhören fragt man sich jedoch, ob dieser Umfang gerechtfertigt ist und ob die Autorin das Gleiche nicht auch viel kürzer hätte erzählen können, ohne dass dadurch der Geschichte wesentliche Aspekte fehlen würden. Den Einstieg in die Erzählung gestaltet die Autorin recht interessant, indem sie zunächst einen Rückblick auf ein persönliches Erlebnis in ihrer Kindheit gibt, um dann auf ihre derzeitige Arbeit als Radiojournalistin und den Hintergrund für ihre Begegnung mit Shu Wen einzugehen. Dann beginnt die eigentliche Handlung, nämlich Shu Wens Reise nach Tibet, und damit auch der größtenteils recht langweilige Rest des Hörbuchs, welcher allerdings den Großteil der Gesamtspieldauer einnimmt. Dafür ist sowohl die monotone Vortragsweise der Sprecherin Ursula Illert verantwortlich als auch der träge Handlungsverlauf selbst. Zwar gewinnt der Zuhörer durch die detaillierten Beschreibungen einen guten Eindruck von der Landschaft, durch die Shu Wen reist, und von den Menschen, denen sie begegnet, doch verliert sich dadurch die Spannung, die zu Beginn durch die Nachricht von Kejuns Tod aufgebaut wird. Die Begegnung zwischen Shu Wen und der Tibeterin Zhuoma belebt den Fortgang der Geschichte kurzfristig, da Shu Wen in ihr nicht nur eine Freundin, sondern auch eine Leidensgenossin gefunden hat, wodurch nun zwei Frauen auf der Suche nach ihren Geliebten sind. Anschließend erzählt die Autorin jedoch ca. 30 Minuten lang von Zhuomas Vorgeschichte, inklusive vieler unbedeutender Details, die den Zuhörer von der eigentlichen Handlung ablenken, anstatt diese zu ergänzen oder zu bereichern.

Zu Beginn der zweiten CD erscheint es, als ob Shu Wen ihr Ziel, Kejun zu finden, vollständig aufgegeben hat. Während sie jahrelang bei einer tibetischen Familie lebt und mit dieser das Land bereist, kommt sie ihrem Ziel keinen Schritt näher. Erst gegen Mitte der dritten CD wird die Geschichte wieder etwas spannender, als sich langsam erste Hinweise auf Kejuns Schicksal finden. Das Ende der Geschichte inszeniert die Autorin meiner Meinung nach zu dramatisch und gleichzeitig viel zu unpersönlich. Im ganzen Verlauf der Geschichte erfährt man zu wenig über Shu Wens Gefühle und Gedanken, und es fällt dem Hörer sehr schwer, sich in die Figur hineinzuversetzen. Über Kejun erfährt man noch weniger, was im Bezug auf das Ende der Geschichte noch enttäuschender ist.

Insgesamt handelt es sich um eine eher langweilige Erzählung, die versucht, den Hörer mehr durch Traurigkeit und Monotonie zu betäuben anstatt durch eine spannende oder interessante Handlung zu überzeugen.

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Ratzinger, Joseph – Wer glaubt, ist nie allein. Worte der Ermutigung

Seit der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. im April 2005 fanden seine Bücher einen erheblich gesteigerten Absatz. So ist es auch zu erklären, dass es von Ratzingers Büchern nun auch Hörbücher gibt. Bei „Wer glaubt, ist nie allein“ handelt es sich um ein Buch, welches sich vor allem an gläubige Christen richtet. Jemand, der sich für den christlichen oder speziell den katholischen Glauben interessiert und ggf. seine eigenen religiösen Überzeugungen an den Ausführungen Ratzingers messen will, ist mit dem Kauf des Buches und vor allem auch des Hörbuches schlecht beraten. Das Buch will keine Meinungen verändern, sondern es will den bereits glaubenden Christen etwas erläutern. Der Untertitel des Buches lautete treffend „Worte der Ermutigung“. Dies ist insofern besonders pointiert ausgedrückt, da Ratzinger in der Tat viele aufmunternde und erbauliche Botschaften in dieses Buch einbaut. Ein überzeugter Christ, der eventuell seinen Glauben vertiefen und seine Vorstellungen von den Aspekten des christlichen Glaubens konkretisieren will, dürfte mit diesem Buch seine Freude haben. Der Nutzen, welchen der Leser von diesem Buch gewinnt, hängt also sehr stark von dem Leser selbst ab. Dies liegt natürlich in der Natur der Sache begründet. Ein begeisterter Krimileser beispielsweise hat ja schließlich auch potenziell mehr Nutzen von einem Krimi als ein Science-Fiction-Fan.

Nachdem sich die bisherigen Äußerungen vor allem auf den Inhalt der Buchvorlage bezogen haben, möchte ich mich nun den Spezifika des Hörbuchs zuwenden. Auch hier hängt die Beurteilung von den Voraussetzungen des Hörers ab. Der Sprecher des Hörbuchs Edgar M. Böhlke ist zweifellos ein sehr fähiger. Er ist zu keiner Zeit unklar in der Aussprache und behält in beachtenswerter Weise seinen Sprechrhythmus über die gesamte Spieldauer hinweg bei. In diesem Sprechrhythmus liegt allerdings auch ein gewisses Problem begründet. Die langsame und ruhige Leseart Böhlkes verleitet den Hörer allzu schnell dazu, die Aufmerksamkeit zu verlieren. Böhlke liest das Buch nach dem Stil einer Predigt, einer zweifellos guten Predigt, allerdings verspielt man dadurch eine große Chance des Buches. Ratzinger ist ein herausragender Theologe und ein allgemein brillanter Geist, und auch wenn „Wer glaubt, ist nie allein“ gewiss nicht sein bestes und schon gar nicht sein wissenschaftlichstes Buch ist, so hat es doch eine theologische Dimension. Diese Dimension verspielt man allerdings, wenn man das Buch wie eine Predigt liest. Ein Vortrag mit markanteren Betonungen und gelegentlichen Tempowechseln hätte dem Hörbuch gewiss gut getan. Dieser Kritikpunkt richtet sich jedoch weder an Ratzinger noch an Böhlke. Es ist vielmehr eine Kritik an der Entscheidung des Herausgebers, der offensichtlich nicht den inhaltlichen Tiefgang, sondern die dogmatischen und liturgischen Aspekte des Buches betonen wollte. Abgesehen davon, dass man dem Hörbuch auf diese Weise seine besondere Stärke genommen hat, wird es durch diese Akzentsetzung auch noch auf die Dauer einschläfernd. Dies dürfte jedenfalls für die Hörer gelten, die sich ernsthaft und kritisch mit dem Thema auseinander setzen wollen. Der Hörer, der sich einfach nur religiös berieseln lassen will, dürfte bei diesem zweistündigen Hörbuch auf seine Kosten kommen. Die behandelten Themen lauten in der Gesamtübersicht: Leben, Erlösung, Glaube, Bibel, Kirche, Liturgie, Freude, Liebe, Hoffnung.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das Vorwort des Herausgebers. Im Vorwort wird der Hörer bereits darauf vorbereitet, was er von dem Buch später halten soll. Das Vorwort präjudiziert, und das ist ebenfalls etwas, das dem Buch nicht gerecht wird. Ratzingers Bücher können für sich selbst sprechen, genauso wie es alle guten Bücher können. Ein Vorwort, das den Autor und seine Werke emporhebt, bevor man die Gelegenheit hatte, auch nur ein Wort des Buches selbst zu hören oder zu lesen, leistet dem Autoren und seinem Werk einen wahren Bärendienst. Ein gutes Buch hat falsche Vorschusslorbeeren und salbungsvolle Beweihräucherungen des Herausgebers nicht nötig. Und genau darum handelt es sich bei „Wer glaubt, ist nie allein“ – um ein gutes Buch. Vorausgesetzt, dass man als Hörer oder noch viel besser als Leser dazu bereit ist, sich mit einer grundlegenden Prämisse des Buches abzufinden: Der christliche Glaube ist der wahre Glaube. Dies soll allerdings nicht bedeuten, dass es sich hierbei um eine Kampfschrift handelt. Es ist, wie bereits erwähnt, eine Erläuterung des christlichen Glaubens an den Gläubigen und den, der es werden will. Im Gegensatz zu anderen Schriften Ratzingers ist dieses Buch relativ unkritisch, da es sich eben um „Worte der Ermutigung“ handelt.

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Müller, Titus – Todgeweihte, Die

Basel im Jahre 1348: Die Jüdin Saphira lebt mit ihrem Vater in Basel und arbeitet als Federhändlerin in einem eigenen Geschäft. Für ihre Liebe zu dem Christen Tam gibt sie all das auf und bricht mit ihrem Vater und ihrer Religion. Doch ihr und Tam stehen noch weit größere Gefahren bevor. Denn ihr Geliebter ist der Sohn Konrads von Bärenfels, dem wichtigsten Ritter des Psitticherbundes. Dieser trägt seit Jahren mit dem Ritterbund der Sterner seine Fehde um das Amt des Bürgermeisters von Basel aus. Doch diesmal will Konrad von Bärenfels sich seinen Platz als höchster Ritter der Stadt nicht mehr streitig machen lassen. Zudem müssen die leeren und hoch verschuldeten Stadtkassen dringend wieder aufgefüllt werden. Und so entwirft er einen teuflischen Plan.

Böse Gerüchte, Bestechungen, falsche Versprechen und die Angst vor der Pest verwandeln die Stadt innerhalb weniger Monate in einen Hexenkessel. Und wer kann schon beweisen, dass nicht die Juden schuld sind an der Pest und allen anderen Unheilen, die die Stadt bedrohen?!

Titus Müller wurde 1977 in Leipzig geboren und studierte Neuere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte und Publizistik in Berlin. Er ist Mitbegründer von „Quo Vadis, Arbeitskreis Historischer Roman“ und trat zuletzt als Herausgeber des vor kurzem erschienen Gemeinschaftsromans „Der zwölfte Tag“ auf. Einige seiner Werke sind „Der Kaligraph des Bischofs“(2002), „Die Priestertochter“(2003), und [„Die Brillenmacherin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1236 (2005). Sein Roman „Die Todgeweihte“ entstand auf der Grundlage des Musicals „Basileia“ von Bruno Waldvogel-Frei und Stefan Mens, welches anlässlich des 650. Gedenkjahres zum großen Erdbeben in Basel am 17. Oktober 2006 im Basler Volkshaus uraufgeführt wird.

„Die Todgeweihte“ ist ein spannender, 400 Seiten langer Roman, der auf einer wahren Begebenheit basiert. Er beschreibt die dunklen Jahre der Stadt Basel, die Zeit der Pest, der Judenverfolgung und der großen Erdbeben. Eingeflochten in diese historischen Hintergründe ist die bewegende Geschichte der verbotenen Liebe zwischen Saphira und Tam. Der Autor bedient sich eines klassischen Motivs, indem er mit Tam den Sohn und Erben einer hoch angesehenen Familie beschreibt, der sich in die jüdische Tochter eines Geldverleihers verliebt, die nicht nur unter seinem Rang steht, sondern auch einer religiösen Minderheit angehört, die allseits wenig geschätzt wird. Die Erzählung wirkt jedoch trotz dieses altbekannten Themas keinesfalls langweilig und verläuft auch nicht selten genau entgegen den Erwartungen des Lesers. Titus Müller schafft es, nicht zuletzt durch zahlreiche Nebenhandlungen, den Spannungsbogen über die gesamte Länge des Romans aufrecht zu erhalten.

Der Autor schafft mit seinen Worten eine dichte Atmosphäre, die es dem Leser ermöglicht, sich in die Gedanken und Emotionen der Figuren einzufühlen und deren Glück, Zorn, Verwirrung und Trauer mitzuerleben. Nicht nur die Hauptfiguren werden von ihm überzeugend und schlüssig charakterisiert, auch bei vielen Nebenfiguren zeichnet T. Müller Persönlichkeiten, mit denen der Leser sich identifizieren kann. Diese detaillierte Beschreibung von Einzelschicksalen, die früher oder später ihren Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nehmen, zeichnet ein vielschichtiges Bild vom Leben im damaligen Basel. Durch einen ständigen Wechsel der Schauplätze und Situationen bleibt die ganze Erzählung lebendig und man bekommt das Gefühl, überall zugleich dabei zu sein.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Beziehung zwischen Tam und seinem besten Freund Christian Münch, die trotz der Rivalitäten ihrer Väter und vieler harter Bewährungsproben einander treu bleiben. Die Rolle des Christian als Draufgänger und Frauenheld wird von Titus Müller überzeugend charakterisiert, wenngleich sein plötzlicher, durch den Tod des Vaters ausgelöster Sinneswandel vom Rebell zum Klosterbruder schwer nachvollziehbar ist. Allgemein würde ich bemängeln, dass der Autor zeitweise etwas zu sparsam mit den Informationen über die Gedanken und Empfindungen seiner Charaktere umgeht. An anderen Stellen werden die inneren Zustände der Figuren jedoch sehr detailliert beschrieben.

Titus Müller wählte für seinen Roman eine sehr einfache und klare Sprache, sodass die Geschichte zu Beginn ein Jugendbuch vermuten lässt. Dieser Eindruck wird jedoch durch die Thematik des Buches widerlegt. Der Autor verzichtet auf allzu lange Sätze, Fremdwörter oder komplizierte Formulierungen. Lediglich im Zusammenhang mit den Bräuchen des Judentums wählt er die entsprechenden Fachwörter, die dann im weiteren Verlauf der Erzählung oder des Dialogs erklärt werden. Dadurch lernt der Leser nebenbei auch einiges über die jüdische Kultur.

Insgesamt ist „Die Todgeweihte“ ein unterhaltsames, leicht verständliches und spannendes Buch, das allerdings eher als Liebesgeschichte denn als historischer Roman angesehen werden sollte.

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Dahl, Arne – Böses Blut

„Böses Blut kehrt wieder!“ So lautet das stetig wiederkehrende unheilvolle Credo dieses Krimis. Im Zentrum der Erzählung steht die sogenannte A-Gruppe, eine Spezialabteilung der schwedischen Polizei, welche sich auf „Verbrechen von internationalem Charakter“ spezialisiert hat. Allerdings liegt hier auch das anfängliche Hauptproblem der Gruppe, denn seit einiger Zeit mangelt es der Abteilung an Beschäftigung, weshalb bereits über eine bevorstehende Auflösung der A-Gruppe gemauschelt wird. Es ist schließlich der grausame Mord an einem bekannten schwedischen Literaturkritiker auf einem New Yorker Flughafen, welcher wieder Aktivität in die A-Gruppe bringt. So makaber es sein mag, ausgerechnet dieser Fall verspricht den Fortbestand der Abteilung sichern zu können. Es besteht nämlich der Verdacht, dass ein schon fast legendärer amerikanischer Serienkiller unterwegs nach Schweden ist.

Dies ist der Ausgangspunkt für „Böses Blut“. Es handelt sich hierbei um einen Kriminalroman mit sehr dichter Atmosphäre und der einen oder anderen überraschenden Wendung. Hierbei werden sowohl die Haupthandlung, die sich um die Jagd nach dem „Kentucky Killer“ dreht, als auch die Nebenhandlungen, die sich mit den jeweiligen Privatleben der Ermittler befassen, sehr spannend und faszinierend erzählt. Die Erzählweise ist besonders für einen Kriminalroman sehr niveauvoll. Lediglich gegen Ende der Haupthandlung wirkt diese ein wenig zu konstruiert. Allerdings ist dies die einzige Stelle des Romans, die, meiner Ansicht nach, zu bemängeln wäre.

Es gibt in diesem Roman letztlich keine Hauptfigur im eigentlichen Sinne, da mehrere Mitglieder des Teams genauer beleuchtet werden und dem Hörer einen kleinen Einblick in ihre Welt gewähren. Es ist allerdings unverkennbar, dass die Figur des Ermittlers Paul Hjelm sowohl am Anfang als auch am Ende der Handlung im Blickpunkt steht.

Das Hörbuch besteht aus insgesamt 6 CDs mit einer Gesamtspieldauer von 470 Minuten. Durch diese knapp acht Stunden wird der Hörer vom Sprecher Till Hagen begleitet, den man wohl am ehesten als Synchronstimme von Kevin Spacey kennen dürfte. Till Hagen trägt einen großen Teil zur hohen Qualität von „Böses Blut“ bei. Seine Sprechweise ist stets klar und gut verständlich, zudem gelingt es ihm, eine große Stimmvarianz einzubringen. Hagen gelingt es, die Stimmung über die gesamte Dauer des Hörbuchs aufrecht zu erhalten, indem er immer perfekt an die Erzählsituation angepasst bleibt.

Alles in allem ist „Böses Blut“ sehr empfehlenswert. Die Handlung ist für einen Kriminalroman zwar recht düster, aber keineswegs in übertriebenem Maße. Die gelungene Kombination aus einer ansprechenden Romanvorlage und einem hervorragenden Sprecher macht „Böses Blut“ zu einem sehr überzeugenden und eindrucksvollen Hörbuch, das lange im Gedächtnis bleibt.

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Frankfurt, Harry G. – Bullshit

In dem Buch mit dem sehr prägnanten Titel „Bullshit“ befasst sich der Autor Harry G. Frankfurt, seines Zeichens Professor für Philosophie an der Universität von Princeton, mit dem Phänomen des „Bullshits“. „Bullshit“ meint in diesem Kontext, vereinfacht formuliert, Gerede von äußerst fragwürdiger oder völlig fehlender inhaltlicher Substanz. Um sich dem Begriff des „Bullshits“ zu nähern, zitiert er im Laufe der insgesamt 65 Seiten dieses Büchleins diverse Auszüge aus dem Oxford English Dictionary sowie eine Anekdote über Wittgenstein und auch eine Passage aus dem Werk „Die Lüge“ von Augustinus, um nur die bekanntesten Namen zu nennen.

In zumindest augenscheinlich wissenschaftlicher Weise geht der Autor daran, den „Bullshit“ genauer zu bestimmen. Dies tut er vor allem anhand sprachwissenschaftlicher Überlegungen. Im Zuge dessen grenzt er beispielsweise den „Bullshit“ vom „Humbug“ und der ordinären Lüge ab. Wenngleich es nur etwa eine Stunde dauern dürfte, dieses Buch zu lesen, so erscheint es dennoch überwiegend langatmig. Die wenigen originellen Lichtblicke werden sogleich wieder von jenem Schwadronieren überdeckt, welches sich leider in vielen philosophischen Auseinandersetzungen finden lässt. Dieses Buch als Philosophie zu beschreiben, wäre jedoch wesentlich zu hoch gegriffen. Es erscheint vielmehr als ein Gedankenspiel über ein Thema, dessen Signifikanz für die Philosophie eindeutig in Frage gestellt werden muss. An der Qualifikation und Reputation des Autors ist indes keineswegs zu zweifeln, allerdings muss man sich vor Augen führen, was dieses Buch ist oder vielmehr sein soll. Es ist ein einzelner Gedanke, der sehr weitschweifig ausgeführt wird und dessen Bedeutsamkeit, wie erwähnt, höchst strittig ist. „Bullshit“ ist ein Essay, über das man sich zumindest an einigen wenigen Stellen amüsieren kann, insofern man diese Form des Humors teilt.

„Ist der Bullshitter seinem Wesen nach ein geistloser Banause? Ist sein Produkt in jedem Fall grob und unsauber gearbeitet? Das Wort |shit| verweist natürlich darauf. Exkremente sind niemals in besonderer Weise gestaltet und gearbeitet.“ „Während |heiße Luft| ein von jeglichem Informationsgehalt entleertes Reden darstellt, sind Exkremente Stoffe, denen jeglicher Nährstoffgehalt entzogen worden ist.“

Angesichts solcher Textstellen darf man sich doch fragen, ob es wirklich eines Professors für Philosophie bedarf, um solche Vergleiche anzustellen. Ebenso lässt sich hieran besonders deutlich veranschaulichen, wie gering der Grad an Wissenschaftlichkeit ist, der von Seiten des Autors an den Tag gelegt wird. Dies hat allerdings Methode, wie man annehmen kann. Zunächst möchte ich dem potenziellen Leser dieses Buches eine verschwendete Stunde und die Vergeudung von 8 € ersparen. Das Büchlein hat im Endeffekt nur zwei Kernaussagen, die ich aus besagten Gründen an dieser Stelle zitieren möchte:

1. „Bullshit ist immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.“
2. „In Wirklichkeit sind wir Menschen schwer zu packende Wesen. Unsere Natur ist notorisch instabiler und weniger eingewurzelt als die Natur anderer Dinge. Und angesichts dieser Tatsache ist Aufrichtigkeit selbst Bullshit.“

Das zweite Zitat stellt übrigens gleichzeitig den Abschluss von „Bullshit“ dar. 65 Seiten Wortklauberei kulminieren also in diesen drei Sätzen, die inhaltlich weder neu noch besonders originell sind. Für einen Leser, der sich noch nie mit Philosophie befasst hat, mag das eine bemerkenswerte Schlussfolgerung des Autors sein, allerdings kann ich nachdrücklich versichern, dass dem, objektiv betrachtet, nicht so ist. Jeder Philosophiestudent im Grundstudium wäre in der Lage, eine solche These aufzustellen. Zudem ist die Frage, ob ein Mensch überhaupt zu gesicherter Kenntnis über sich oder seine Umwelt gelangen kann, grundlegender Bestandteil jeglicher erkenntnistheoretischer Philosophie. Wer sich allerdings für das Thema der Erkenntnis und des Irrens interessiert, dem kann ich als Einstieg nur René Descartes’ „Meditationen“ wärmstens ans Herz legen. Allerdings ist dies nur eines der vielen Bücher zum Thema, die allesamt gehaltvoller und faszinierender sind als „Bullshit“.

Natürlich wird dem Leser des Buches nicht entgehen, dass der Autor sich ein offenkundig triviales Thema gesucht hat und dieses mit großem Aufwand bespricht. Der „Clou“ des Buches soll offensichtlich darin bestehen, dass gesicherte Aussagen durch die instabile Beschaffenheit des eigenen Ichs in äußerstem Maße schwierig erscheinen. Dies bedeutet, wenn man den Gedanken auf die Spitze treibt, dass der Autor seinen Leser am Ende des Buches mit dem Eindruck zurücklässt, die soeben gelesenen 65 Seiten seien in der schlussendlichen Konsequenz ebenfalls „Bullshit“. Und zumindest in diesem Punkt stimme ich eindeutig mit dem Autor überein. Somit scheint der alte Satz „Nomen est omen!“ für das Buch „Bullshit“ durchaus zutreffend zu sein.

Funke, Peter – Athen in klassischer Zeit

In dem vorliegenden Buch befasst sich Peter Funke, Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, mit Athen, einer der schillerndsten Städte des Altertums. Seine Betrachtung beginnt im 6. Jahrhundert v. Chr. mit den Reformen Solons und endet 322 v. Chr. mit der athenischen Kapitulation gegenüber dem Makedonenkönig Alexander dem Großen.

In einzelnen Episoden erläutert Funke, wie sich Athen in diesem Zeitraum zu einem der führenden Stadtstaaten der griechischen Welt entwickelte. Den Anfang macht die Zeit Solons, dessen Reformen 594 den Grundstein legten für die spätere folgenreiche Umwälzung der athenischen Gesellschaft. Bevor sich die Demokratie jedoch durch die Reformen des Kleisthenes ab 508 weiter entfalten konnte, verfiel Athen zwischenzeitlich wieder in eine Tyrannei. Den sich daraus ergebenden Kampf zwischen den beiden Staatsformen Tyrannis und Polis beschreibt Funke sehr anschaulich. Zugleich beschreibt er auch die Spannungen zwischen Athen und Sparta, die daraus resultierten, dass beide Städte die Vorherrschaft über Griechenland anstrebten. Eine weitere Macht im Streit um Griechenland stellte das Perserreich dar, welches auf Eroberung aus war und sich zunehmend in der Ägäis auszubreiten suchte. Einen ersten Höhepunkt erreichte der Konflikt mit Persien 490 in der berühmten Schlacht von Marathon. Dort blieben die Athener siegreich und begründeten mit diesem Sieg immer wieder ihren Vormachtanspruch. Der Sieg von Marathon sollte jedoch nur das Fanal einer sehr vorläufigen Hegemonie werden.

Die Rache Persiens ließ nicht lange auf sich warten und auch der Frieden unter den griechischen Städten war niemals von Dauer. Die griechische Geschichte jener Zeit ist von Konflikten geprägt. Dies sind sowohl Konflikte, die von außen nach Griechenland getragen werden, wie z. B. durch Persien, oder es handelt sich um Konflikte unter den Griechen, wobei zu beobachten ist, dass diese vornehmlich dann auftreten, wenn es gerade keine Bedrohung von außen gibt. Diesen Prozess des stetigen Auf und Ab, von Aufstieg und Niedergang, von Konflikten und Bündnissen beschreibt Funke in diesem Buch auf sehr strukturierte und gut nachvollziehbare Weise. Er beleuchtet sowohl die Zeit der Perserkriege als auch die Herrschaft des Perikles und den Peloponnesischen Krieg mit großer fachlicher Kompetenz.

Funkes Geschichte Athens, die sich von den Anfängen der athenischen Blütezeit bis hin zu deren Ende erstreckt, kann man als eine sehr gute Überblickslektüre zum Thema klassisches Athen bezeichnen. Für jeden geschichtsinteressierten Leser ist das Buch damit zwar zu empfehlen, jedoch sollten Leser, die sich bisher noch gar nicht mit der griechischen Geschichte befasst haben, ein Handbuch oder Lexikon des Altertums bereithalten, da so mancher Begriff wahrscheinlich nicht auf Anhieb bekannt oder verständlich sein dürfte. Dabei handelt es sich dann zumeist um Begriffe, die speziell in der griechischen Geschichte verwendet werden und in einem Überblickswerk natürlich nicht auch noch erläutert werden können.

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Heinen, Heinz – Geschichte des Hellenismus: Von Alexander bis Kleopatra

Bei der „Geschichte des Hellenismus“ handelt es sich um eine kleine und kompakte Einführung in den Themenbereich des Hellenismus. Als Epoche des Hellenismus bezeichnet man gemeinhin jenen Zeitraum der Geschichte, der sich vom Aufstieg Alexanders des Großen (etwa ab 336 v. Chr.) bis hin zum Fall der Stadt Alexandreia und des Todes von Marcus Antonius und Kleopatra (30 v. Chr.) erstreckt. Der Autor Heinz Heinen lehrt als Professor für Alte Geschichte an der Universität Trier und ist zudem Vorsitzender der Kommission für Geschichte des Altertums.

In seiner Einleitung grenzt Heinen das zu bearbeitende Thema zunächst räumlich und zeitlich ab, um gleich darauf die Voraussetzungen des Hellenismus aufzuzeigen. Hierbei werden vor allem die Verdienste Philipps II., Alexanders Vater und Vorgänger, in den Vordergrund gestellt. Denn ohne Philipps erfolgreiche Expansions- und Außenpolitik wäre es Alexander wohl nicht möglich gewesen, „die ganze damals bekannte Welt“ zu erobern. Somit wäre der Autor auch schon bei Alexanders Regentschaft selbst angelangt. Obwohl die Herrschaft Alexanders nur etwa 15 Seiten des Buches ausmacht, vermittelt Heinen auf diesen wenigen Seiten einen hervorragenden, wenngleich auch sehr gestauchten Überblick über die Lebensstationen und Erfolge des legendären makedonischen Herrschers. Dabei mutet die Geschichte Alexanders, der nicht einmal sein 33. Lebensjahr vollendete, nicht nur informativ, sondern zudem auch spannend an. Dies mag vor allem natürlich an der Geschichte Alexanders selbst liegen, jedoch gelingt es Heinen, im Gegensatz zu vielen seiner Historikerkollegen, diese Spannung nicht durch übertriebenen Einsatz wissenschaftlicher Termini und Formulierungen zu verringern.

Nicht weniger spannend erscheint der Kampf um das Erbe Alexanders des Großen. Mit Alexanders frühem und ungeklärtem Tod setzte 323 eine Zeit der Auseinandersetzungen ein. Alexanders Generäle stritten sich um das Erbe des Makedonen. Das riesige Reich, welches Alexander geschaffen hatte, spaltete sich auf und versank im Krieg. Zwischen den partikularen Interessen der einzelnen Diadochen, Bezeichnung für die selbsternannten „Nachfolger“, ging auch Alexanders Familie zugrunde. Einer nach dem anderen wurde umgebracht, seine Mutter Olympias, sein Halbbruder Arrhidaios, seine Frau Roxanne und auch sein Sohn Alexander IV.! Heinen beschreibt das Hin und Her der Kämpfe zwischen den Diadochen im Folgenden sehr anschaulich und übersichtlich. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Zeit der Diadochenkämpfe aufgrund ihrer Verwicklungen sehr schnell unübersichtlich werden kann. In der Zwischenzeit stieg andernorts jedoch der Stern einer anderen Macht unaufhaltsam empor. Die Zeit Roms brach an. Seit 215 v. Chr. griff Rom zunehmend in die Konflikte der hellenistischen Staaten ein und schaltete einen Gegner nach dem andern aus. Es gelang den Römern auf diese Weise, eine Vorherrschaft über die hellenistische Welt zu etablieren. Diese Vorherrschaft erreichte 30 v. Chr. ihren Höhepunkt, als Rom mit dem Sieg über das ptolemäische Ägypten auch den letzten hellenistischen Großstaat ausschaltete. Die Epoche des Hellenismus wurde somit durch den Aufstieg Roms beendet.

In einem weiteren Kapitel befasst sich Heinen mit den einzelnen Regionen der hellenistischen Welt, wobei er politische, soziale und ökonomische Aspekte in den Vordergrund stellt. Da das Phänomen des Hellenismus in den verschiedenen Regionen unterschiedlichste Ausprägungen haben konnte, erscheint diese Auseinandersetzung sehr wichtig. Zudem lernt man als Leser einzelne Großregionen, über die man bisher vielleicht nicht allzu viel wusste, besser kennen. Hierzu zählen vor allem das Seleukidenreich und der Schwarzmeerraum, die in der Beschäftigung mit dem Hellenismus oftmals ein wenig untergehen. Ebenfalls sehr informativ ist Heinens Auseinandersetzung mit der Kultur und Religion des Hellenismus, die sich dem Kapitel über die hellenistischen Regionen anschließt. Besonders mit diesen grundlegenden Ergänzungen wird das Buch von Heinen zu einer sehr informativen Rundumschau auf den Hellenismus. Das Buch eignet sich somit perfekt als Einstieg in das Thema, wenn man beabsichtigt, sich näher damit zu befassen, oder auch als Überblick, wenn man sich nur oberflächlich mit dem Hellenismus auseinandersetzen möchte.

Aber ganz gleich, warum man sich mit dem Hellenismus befassen möge, es bleibt dennoch die vermutlich packendste Epoche des Altertums. Ganz im Stile einer griechischen Tragödie wechseln sich Verrat, Treue, Intrige, Heldentum, Mord und Versöhnung stetig gegenseitig ab.

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