Archiv der Kategorie: Musik

Boltendahl, Chris – Koch, Holger mit Schöwe, Andreas – Grave Digger – Die definitive Biografie

Macht eine Autobiographie im Falle einer Band wie GRAVE DIGGER wirklich Sinn, bzw. gibt es überhaupt einen Absatzmarkt hierfür? Eine Frage, die ich mir vor dem Lesen dieses Buches noch nicht eindeutig beantworten konnte. Doch allerspätestens zum Ende dieser ungewohnten Veröffentlichung wurde mir klar, dass die Geschichte von GRAVE DIGGER, so wie sie hier dargestellt wird, mit Sicherheit einige Käufer verdient hat, die nicht zum treuen Anhängerstamm der Band gehört.

Doch beginnen wir von vorne:
Die Erzählung beginnt kurz vor der Bandgründung 1980 und beschreibt die Einflüsse, die Mastermind Chris Boltendahl dazu bewegt haben, selber aktiv Musik zu machen. Ein wenig selbstironisch werden die ersten Gehversuche dargestellt, um anschließend über diversen Proberaumkrach in der Heimatstadt Gladbeck zu ersten Achtungserfolgen in Form der Teilnahme am „Rock For Hell“-Sampler zu führen.
Chris erzählt immer wieder von seinem Traum, ein Metal-Gott zu werden, nur wird dieses Wort im weiteren Verlauf der Geschichte stark überstrapaziert und ist der einzige harsche (weil nervige) Kritikpunkt. Dieser Traum scheint sich dann mit dem ersten Plattenvertrag bei Noise Records zu erfüllen, wo man dann 1984 das heute als Kultalbum geltende „Heavy Metal Breakdown“ veröffentlicht. Gerade der Aufnahmeprozess wird ausführlich belichtet und ein besonderes Augenmerk wurde den zahlreichen Alkoholexzessen gewidmet, die der Band und vor allem Chris selber so einige Probleme einhandelten.
GRAVE DIGGER steigern sich Mitte der Achtziger trotz stetiger Besetzungswechsel immer weiter zu einem der bekanntesten deutschen Szenevertreter, woran die Tourneen mit HELLOWEEN (damals noch als Vorband!) auch einen maßgeblichen Anteil hatten. Der anschließende Abstieg im Zuge des etwas kommerzieller ausgefallenen „War Games“ bis hin zum totalen Exitus bei der Namensänderung und dem damit verbundenenen „Stronger Than Ever“ wird ebenfalls angeschnitten und auch aus heutiger distanzierter Sicht als absoluten Fehler eingestanden. Besonders gut gefällt die Tatsache, dass Herr Boltendahl in den stets eingeworfenen Zitaten im Haupttext auch mit sich selbst des öfteren hart ins Gericht geht und sich nicht in pure Selbstdarstellung ergibt.

Im zweiten Teil beschreiben die Autoren dann das Comeback zu Beginn der Neunziger, welches der Band wesentlich größeren Erfolg einbringen konnte, aber auch weitere Probleme nicht außenvor ließ. Boltendahl geht dabei gerade bei den Querelen mit Tomi Göttlich und Uwe Lulis, die nach internen Meinungsverschiedenheiten die Band verlassen mussten, nicht zu sehr ins Detail und betont, er möchte „keine schmutzige Wäsche waschen“.
Für Fans viel wichtiger ist jedoch der langsam voranschreitende Aufstieg zurück an die Spitze, der über die Comeback-Platte „The Reaper“ sowie „Heart Of Darkness“ und die Mittelalter-Trilogie dahinführte, wo GRAVE DIGGER heute, meiner Meinung nach verdientermaßen, stehen.
Wichtig dafür war die professionelle Einstellung der Musiker, die im Falle Boltendahl sogar zur totalen Entsagung jeglicher bewusstseinsstimulierender Mittelchen führte, die zwar in der Vergangenheit den Party-Drang steigerten aber andererseits auch viel kaputt gemacht hatten.

Die Print-Form der GRAVE-DIGGER-Biographie ist ein absolut lesenswertes Buch, das durch einen recht simpel gehaltenen, leicht verständlichen Schreibstil einen direkten Einstieg erleichtert und so die wahre Geschichte einer Kapelle offenbart, die über den exzessiven Rock`n`Roll-Lifestyle mitsamt allen Fehlern zu einer Gruppe aus professionell agierenden Musikern herangereift ist. Der Wechsel zwischen erzählter Form und eingeworfenen Direktberichten von Sänger Chris Boltendahl stellt viele Situationen sehr klar dar. Der Humor bleibt auch nicht auf der Strecke, wovon zahlreiche Anekdoten (man stelle sich nur mal den Frontmann beim Betteln auf einem japanischen Flughafen vor) zeugen, die immer wieder den rein faktischen Teil auflockern, so dass es gar nicht erst zu langweiligen Passagen kommt. Ergänzt wird der Text zudem noch von CD-Kritiken aus dem Rock Hard zu der jeweiligen Zeit (und das, obwohl Andreas Schöwe vom Metal Hammer, der vermeintlichen Konkurrenz, dieses Buch lektoriert hat) und teilweise lustig dahergekommenen Photos aus älteren Dekaden.

Wer sich jetzt noch immer nix darunter vorstellen kann, dem möchte ich zum Schluss noch den Beipacktext auf dem Buchrücken nahebringen, in dem der „Reaper“ sehr gut erläutert, wovon diese Biographie handelt:
„Dieses Buch soll unseren Fans zeigen, was wir waren, woher wir gekommen sind, welchen Weg wir gegangen sind, wie wir auf- und abgestiegen, auf die Schnauze gefallen sind, verarscht und bejubelt, beschissen und hochgelobt wurden und wie wir dabei immer versucht haben, wie Metal-Götter zu leben, aber Menschen zu bleiben. Das Buch enthält lustige und traurige, träumerische und wirkliche Geschichten über die Band und mein Leben mit ihr.“
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Michels, Ulrich – dtv-Atlas Musik Band 1

_Band 1: Systematischer Teil / Musikgeschichte von den Anfängen bis zur Renaissance_

Aus der Reihe der beliebten dtv-Atlanten zählt das zweibändige Werk „Musik“ nun bereits seit 25 Jahren zu den festen Größen der musiktheoretischen Veröffentlichungen (Band 1 seit 1977, Band 2 seit 1985; in 14 Sprachen erschienen). Auf insgesamt 600 klein gedruckten Seiten in vom dtv gewohnter ausgezeichneter Papier- und Druckqualität wird ein zwar komprimierter und knapp gefasster, aber gerade dadurch sehr umfassender Rundumschlag mit Überblicken zum systematischen / musiktheoretischen und musikgeschichtlichen Wissen geboten. Jede Themenseite gliedert sich in den eigentlichen, stets gut lesbar strukturierten Sachtext zur rechten und durchgehend mehrfarbige begleitende und gut veranschaulichende Grafiken – mit viel Sorgfalt erstellt und von hohem didaktischen Nutzwert – zur linken Buchseite.

Zwar können die beiden Bände dank eines sehr detaillierten Personen- und Sachregisters als Nachschlagewerk verwendet werden, lassen sich vom eigentlichen Aufbau her aber besonders gut durchgehend lesen, da sie nicht lexikalisch, sondern thematisch aufbauend gegliedert und nicht in Stichpunkten, sondern als zusammenhängende Texte abgefasst wurden. Der systematische Teil im ersten Band umfasst dabei alles Grundsätzliche zur Musik, angefangen bei Akustik, Gehör- und Stimmphysiologie, Hörpsychologie (also physikalischen, biologischen und psychologischen Voraussetzungen) über Instrumentenkunde (die von simplen Schlaginstrumenten alter Zeit bis hin zu elektronischen Klangerzeugern der Neuzeit reicht) und die besonders wesentliche Musiklehre bis hin zu einer Darstellung klassischer Gattungen und Formen der Musik. Aufgrund der Komprimierung ist dieser nicht immer einfache Teil natürlich vor allem für einen Überblick oder zur Auffrischung und Vertiefung durch den musikalisch bereits Vorgebildeten geeignet und kann den interessierten Laien nicht so gut in die Thematik einführen wie ein ausführlicherer Text zur Sache.
Der musikhistorische Teil beginnt in Band 1 bereits mit der Altsteinzeit, geht dann über die antiken Hochkulturen und das Mittelalter zur Renaissance. In Band 2 wird dies dann von Barock bis zur heutigen Zeit noch ausführlicher dargelegt, da natürlich mehr Informationen zur Verfügung stehen. Dabei wird die Musik immer im gesellschaftlichen Kontext analysiert und Einflüsse von Weltanschauung, Spiritualität, Riten, Kultur übergreifender gegenseitiger ‚Befruchtung’ betrachtet. Man beschränkt sich hierbei allerdings nicht auf eine rein geschichtliche Darstellung, sondern bleibt parallel dazu in einem systematischen Kontext, der die besonderen Strukturen, Instrumente, Gattungen der Musik innerhalb der jeweiligen Entwicklungsepoche beachtet. Durch diese dialektische Herangehensweise, zusammen mit der Möglichkeit, Details im vorhergehenden systematischen Teil nachzuschlagen, lässt sich der musikhistorische Part sehr gut lesen und hat einiges Interessantes zu bieten.

Ein kritischer Punkt sei jedoch bei aller Güte der Arbeit erwähnt: Inzwischen wäre es an der Zeit, die Reihe um einen dritten Band zu erweitern, der sich eingehender mit der Moderne befasst, zumindest mit Jazz, Blues und Rock und ihren Variationen und Entwicklungen. Zwar werden beispielsweise dem Jazz und der elektronischen Musik Raum zugestanden, aber die Ausführlichkeit lässt trotz des knappen Grundaufbaus noch zu wünschen übrig, und modernere Entwicklungen (es sei hier nur der neoklassische und progressive Rockbereich erwähnt) fehlen gänzlich, obwohl das 20. Jahrhundert sicherlich ausreichend Ansatzpunkte für theoretische und historische Betrachtungen bietet und das Interesse seitens der Leserschaft an einer solchen Erweiterung gegeben sein dürfte.

Ob man nun gezielt bestimmte Themen nachlesen möchte, die Bände als Nachschlagewerk Verwendung finden oder man sich die Muße nimmt, das gesamte Buch aus Interessenneigung und Gründen der Weiterbildung in Gänze zu lesen – die beiden dtv-Atlanten zur Musik kann ich jedem fachlich musikalisch Interessierten nur zur Aufnahme in die eigenen Buchbestände empfehlen.

Ulrich Michels – dtv-Atlas Musik (Band 2)

Band 2: Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart

Aus Gründen der Zweckmäßigkeit ist nachfolgend die gleiche Textbeschreibung zu finden wie bereits zu Band 1.

Aus der Reihe der beliebten dtv-Atlanten zählt das zweibändige Werk „Musik“ nun bereits seit 25 Jahren zu den festen Größen der musiktheoretischen Veröffentlichungen (Band 1 seit 1977, Band 2 seit 1985; in 14 Sprachen erschienen). Auf insgesamt 600 klein gedruckten Seiten in vom dtv gewohnter ausgezeichneter Papier- und Druckqualität wird ein zwar komprimierter und knapp gefasster, aber gerade dadurch sehr umfassender Rundumschlag mit Überblicken zum systematischen / musiktheoretischen und musikgeschichtlichen Wissen geboten. Jede Themenseite gliedert sich in den eigentlichen, stets gut lesbar strukturierten Sachtext zur rechten und durchgehend mehrfarbige begleitende und gut veranschaulichende Grafiken – mit viel Sorgfalt erstellt und von hohem didaktischen Nutzwert – zur linken Buchseite.

Ulrich Michels – dtv-Atlas Musik (Band 2) weiterlesen

Burgwächter, Till – JGTHM – Juhr Gait Tu Hewi Mettäl

„Juhr Gait Tu Hewi Mettäl“ – Der Buchtitel macht bereits deutlich, dass dieser Metalführer es offensichtlich nicht so ganz bierernst nimmt mit seinem Thema – eigentlich nimmt er überhaupt nichts ernst, nicht einmal sich selbst. Musikjournalist Till Burgwächter wagt sich auf gut 200 Taschenbuchseiten an die zumeist bissige Satire eines Genres, das er zwar zu lieben weiß, das aber aufgrund seines Klischeepotentials jede Menge Angriffspunkte für bitterböse Kommentare präsentiert. Dabei sind die gelieferten Spitzen gegen die hassgeliebte Musikform nicht immer „politisch korrekt“ und das ist auch gut so. Natürlich ist bei dieser Fülle an bösen Texten nicht jeder Satz und jede Anspielung ein Volltreffer auf die Lachmuskeln und so manche Zeile bleibt mir bis heute eher rätselhaft, aber Hjalana und ich haben beim Schmökern in diesem kurzweiligen Büchlein so manche Salve aufs Zwerchfell abgefeuert.

Bereits die Aufmachung des in Hochglanz verpackten Buches zeigt liebevolle Detailarbeit; die Albernheiten gehen bereits im Impressum los und werden bis zur letzten Seite durchgezogen; ein nettes Extra ist das Daumenkino „Little Mosher“ am Rand jeder Seite, so dass auch Leute, die das Buch nur mal schnell durchblättern wollen, etwas davon haben. Jedes Basisklischee und die wichtigsten Stilrichtungen bekommen gleich vorab ihr Fett weg (nachdem im Vorwort ein paar Lesergruppierungen der Mittelfinger gezeigt wurde), bevor sich der Schreiberling im Hauptteil den wesentlichen Bands widmet, an denen er nur selten ein gutes Haar belässt. Manche Sprüche gehen zwar nach hinten los, aber im Wesentlichen werden die Möglichkeiten für herbe Kommentare zu Bands und ihren Mitgliedern gut ausgereizt und bereiten eine Menge Lesefreude. Der holden Weiblichkeit in diesem Metier wird ein eigenes Kapitel gewidmet, Metalmagazine werden – zutreffend – auf ihre Unzulänglichkeiten reduziert, die Spezies der Metalfans wird „sozialkritisch“ unter die Lupe genommen, einige Randthemen folgen, bevor das Quiz „Sind Sie Metal?“ den Leser schmunzelnd entlässt.

Man darf nun nicht den Eindruck gewinnen, es handle sich hier um eine blanke Hasstirade gegen unser geliebtes Musikgenre und sein Umfeld, denn wie bereits erwähnt ist auch der Autor ein Fan, aber in diesem Buch soll es darum gehen, der Szene in Eulenspiegelmanier einen Spiegel vorzuhalten – und wer nicht über sich selbst und seine Idole lachen kann und so „true“ ist, dass er Nägel zum Frühstück frisst, sich mit einem Bastardschwert rasiert und auch bei Neumond mit Sonnenbrille über den Friedhof stolziert, sollte dieses Buch ohnehin sofort verbrennen. Es wird auch nicht nur dumm gefaselt; der Autor ist nicht grundlos Musikjournalist und hat unter aller Blödelei so manche Insiderinfo zu bieten sowie Aufklärung über grundsätzlich Wissenswertes, nur eben etwas nonkonform verpackt.

Ich möchte allerdings davon abraten, den Schmöker am Stück zu verdauen, da der zumeist gar köstliche Humorstil nach einiger Zeit erst einmal sein Pulver verbraucht hat – auch Mittermaier, Kalkofe oder Ingo Appelt sind nicht endlos zu ertragen und genießen. Das Buch eignet sich gut, um immer mal wieder für etwas Kurzweil herausgekramt zu werden; so richtig Freude kommt auf, wenn man besonders gelungene Passagen in geselliger Runde vorträgt.

Etwas bitter stieß mir beim Lesegenuss das mangelhafte Lektorat des Buches auf – für jeden Setzungs- und Rechtschreibfehler einen Cent und man hat die Anschaffungskosten wieder heraus. Bei sonst so liebevoller Gestaltung wäre etwas mehr Aufmerksamkeit auf diesen so vielen vermutlich nebensächlich erscheinenden Aspekt sicherlich auch noch drin gewesen. In der Summe soll dieses Schandwerk aber jedem lesefreudigen Metaller empfohlen sein und der Büchersammlung hinzugefügt werden; das Leben ist zu kurz, um es stets ernst zu nehmen.

Inhaltsübersicht:

• Einleitung
• Definitionen und anderes Basiswissen
• Die verschiedenen Stile
• Die wichtigsten Bands
• Bands, die nicht ganz so wichtig sind
• Frauen im Rock
• Lesbarer Krach
• Fans und die Lüge von der Familie
• Live is Life
• Zitate und ihre Bedeutung
• Wir gründen eine Band oder „Am Anfang war …“
• Abschließende Klugscheißerei
• Irgendwas is’ immer …
• Sind Sie Metal?

Andreas Speit (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien

Neben der klaren rassistischen und faschistischen Musikkultur – wie dem Neo-Nazi-Skinhead-Rock – hat sich in den letzten Jahren etwas etabliert, das nicht einzuordnen zu sein scheint. Die Gothics (vormals Gruftibewegung genannt) gerieten sehr schnell aus dem Fahrwasser der Satanistenvorwürfe in den Bereich der rechtsradikalen Mythen. Vor allem der Neofolk-Bereich ist davon betroffen, denn gerade die romantischen Lagerfeuerklänge und ihre Bezüge zur Naturreligion und Mystik geben Anlass, darüber Vermutungen anzustellen und zu recherchieren. Innerhalb der Gothic-Szene entstand schon vor Jahren die Gruftie-gegen-Rechts-Bewegung, die das alles sehr genau im Auge behält. Nun hat sich eine Reihe von Autoren aus dem Antifa-Bereich die Mühe gemacht und zeigt diese ganzen Verstrickungen schonungslos auf.

Andreas Speit (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien weiterlesen