Archiv der Kategorie: Musik

Grünwald, Jan G. – Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal

Vor ein paar Monaten habe ich im Fernsehen eine Reportage über Männer auf der Suche nach ihrer Männlichkeit gesehen: Nachdem die Frauen heute alle Männerdomänen erobert haben – sei es nun in Sport, Beruf oder Politik -, treffen sich die suchenden Männer der Gegenwart beim Männerseminar im Indianercamp, springen nackt ums Feuer und spüren ihren verborgenen archaischen Anteilen nach.

Bands wie IMMORTAL, EMPEROR und DIMMU BORGIR haben es da einfacher. Sie dürfen sich unsanktioniert als archaische Kerle präsentieren, die den Frauen überlegen sind und die raue Natur beherrschen. Um all das auszuleben, erweist sich der Black Metal als ungemein praktisch. Mithilfe des Musikvideos steht den Künstlern eine geeignete Bühne zur Verfügung, auf der sie sich abseits des Zeitgeistes archaisch selbst inszenieren können.

Wen interessiert das? Die Rezipienten des Black Metal – vermutlich doch zu einem höheren Anteil Männer – werden kaum einräumen, dass Black Metal eine wunderbare Projektionsfläche für ihre archaischen Träume ist.

Bleibt also wieder mal nur die Wissenschaft, die den Metal und seine Spielarten als Forschungsfeld für sich entdeckt hat. Diesmal ist es der Fachbereich Neue Medien am Institut für Kunstpädagogik in Frankfurt am Main. Hier forscht Jan G. Grünwald, seines Zeichens Dr. phil. und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dunstkreis von Prof. Birgid Richard, die dem forschungsinteressierten Metalfan bereits von der Braunschweiger Tagung „Metal Matters“ aus dem Jahre 2010 bekannt ist, bei der Richard und Grünwald sich mit einem Vortrag bereits des Themas „Mediale Bilder archaischer Männlichkeit im Black Metal“ annahmen.

Nun liegen unter dem Titel „Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal“ Grünwalds komplette Forschungsergebnisse vor. Und man muss es noch einmal deutlich sagen: Das ist eine wissenschaftliche Arbeit. Staubtrocken, mit vielen Fußnoten sowie der Anforderung an den Leser, Hintergrundwissen aus dem Bereich der Medienanalyse mitzubringen. Wer das nicht hat, für den wird die Lektüre des Buches zu einem harten Nüsschen.

Und so geht es auch inhaltlich überwiegend darum, darzulegen, mit welchen Methoden Filme gemacht und analysiert werden. Man lernt dabei, dass in einem Musikvideo unterschiedliche Räume inszeniert werden, die die Medienwissenschaftler als ‚Naturraum‘, ‚Filmraum‘, ‚Andere Orte‘ oder als ‚Heterotopie‘ kategorisieren. Wer Lust hat, sich mit derartig intellektueller Akrobatik zu befassen, der ist bei Jan G. Grünwald richtig.

Der Erkenntnisgewinn speziell zum Black Metal ist für mich hingegen nicht besonders groß. Die Hauptbotschaft legt ja bereits der Buchtitel offen, nämlich, dass Black Metal sich archaischer Männlichkeitsbilder bedient. Beim Durchkämpfen des Buches habe ich festgestellt, dass mich weniger die Frage interessiert, mit welchen Mitteln die dunklen Helden sich filmisch inszenieren als vielmehr a) warum sie das tun und vor allem b) warum archaische Männlichkeitsinszenierungen im 21. Jahrhundert, das den emanzipierten Mann kennt, so erfolgreich sind.

Aber das ist wohl eine andere Forschungsarbeit, die eher am Fachbereich Soziologie denn bei den Neuen Medien geleistet werden müsste.

Wer sich trotzdem an die Bildanalyse heranwagen will, der findet „Male Spaces“ für 34,90 € im Frankfurter |Campus|-Verlag.

|229 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3-593-39645-3|
http://www.campus.de

_Erika Becker_

Cash, Johnny / Carr, Patrick – CASH. Die Autobiografie von Johnny Cash

Am 26. Februar 2012 hätte Johnny Cash seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass wurde die Autobiografie „Cash“ neu aufgelegt, die bereits 2004 erstmals erschien. Sieht man sich dazu einmal die Vielfalt der Bücher an, so ist das nicht die einzige Biografie über den „Man In Black“. Allerdings hat Mr. Cash selbst an diesem Buch mitgeschrieben. Er selbst sagte dazu: „Dieses Buch ist meine eigene Geschichte – was ich fühle, was ich liebe, was geschah, so wie ich es erinnere …“

Das klingt auf den ersten Blick ja alles sehr vielversprechend. Mit dem Journalisten Patrick Carr sollte es also ein passables Werk werden. Doch das ist es nur in der Theorie. In der Praxis wirkt das Buch wie eine lieblose Aneinanderreihung von Fakten und Geschichten des Sängers. Das alles ist zudem sehr unstrukturiert und hinterlässt auf den außenstehenden Dritten einen ziemlich verwirrenden Eindruck. Wer sich das Buch als Einstiegslektüre zulegen will, sollte es lieber lassen. Ohne ein wenig Wissen über den Künstler oder den Film [„Walk The Line“]http://powermetal.de/video/review-1456.html ist man regelrecht aufgeschmissen.

Natürlich ist der große Pluspunkt des Buches, dass es Johnny Cash selber ist, der die Geschichten erzählt, und nicht ein anderer. Somit bleibt alles sehr persönlich und authentisch. Gerade das Kapitel mit dem Überfall auf sein Haus auf Jamaika zeigt gut den Grundtenor des Buches. Er erzählt alles sehr detailliert, kommt jedoch immer wieder vom Thema ab, und so dauert es einige Seiten, bis es zur eigentlichen Geschichte geht. Ob diese Nebeninformationen für den Leser immer so ausführlich sein müssen, ist fraglich. Positiv ist auf jeden Fall hervorzuheben, dass er nichts beschönigt, was in seinem Leben passiert ist, und er auch seine Fehler eingesteht. Die Erzählungen werden durch zahlreiche Fotos aufgelockert, was den Leser noch ein Stück weiter an das Leben von Cash heranrücken lässt.

Alles in allem kann man sagen: „Schuster bleib bei deinen Leisten!“ Cash hat ohne Zweifel geniale Songs geschrieben. Aber das Schreiben über sein Leben lag ihm nicht. Von Kris Kristofferson wird er im Vorwort als Rebell bezeichnet, der gegen öffentliches Unrecht und private Dämonen ankämpfte. Aber wenn man mit dem Buch durch ist, sieht es so aus, als ob er auch gegen einen strukturieren Aufbau in diesem Werk ankämpfte. Des Öfteren kehrt er in seinen Erzählungen zu einer anderen Begebenheit zurück, wenn ihm später noch etwas dazu eingefallen ist. Da fragt man sich ernsthaft, was da die Aufgabe von Patrick Carr war. Hier hätte er zwingend die Nachträge zu den entsprechenden Geschichten ergänzen müssen.

|350 Seiten, gebunden
Übersetzung: Sylke Wintzer, Peter Dürr
ISBN-13: 978-3-8419-0143-9|
http://www.edel.com

Mühlmann, Wolf-Rüdiger / In Extremo – Wir werden niemals knien – Die Geschichte einer unnormalen Band

Das Phänomen |In Extremo| war gerade in der ersten Phase des Banderfolgs nicht für jedermann nachzuvollziehen. Zwar schufen Michael Rhein und seine Spielleute von Beginn an etwas Einzigartiges, das auch weit über das hinausging, was ähnlich ausgerichtete Bands wie |Subway To Sally| in ihrer Musik vereinten, doch irgendwie blieb der Mittelalter-Posse gegenüber immer eine gewisse Skepsis bestehen, womöglich auch aus der Angst heraus, dass die gelegentlich etwas engstirnige Szene mit völlig neuen Tönen aus ihren Grundfesten herausgerissen würde. 15 Jahre später weiß man jedoch, dass auch |In Extremo| ’nur‘ eine Rockband sind, die sich dem Zeitgeist nicht ganz verschlossen hat, aber dennoch ihren persönlichen Wurzeln treu geblieben ist. Zwei Nummer-1-Alben, ein Abo auf den großen Festivalbühnen und unzählige ausverkaufte Gigs sprechen jedenfalls eine Sprache, die aussagekräftiger nicht sein könnte.

Nach anderthalb Dekaden hat sich das Mittelalter-Septett schließlich dazu entschlossen, die relativ wilde Geschichte von den frühen Anfängen in unterschiedlichen Punk- und Rock-Kapellen in der einstigen DDR bis zu den hohen Chartplatzierungen der Jetztzeit Revue passieren lassen. Gemeinsam mit |Rock Hard|-Redakteur Wolf-Rüdiger Mühlmann blickt man in „Wir werden niemals knien – Die Geschichte einer unnormalen Band“ auf die gemeinsame Zeit, persönliche Schicksale, unendliche Partys, Gastspielreisen der ganz außergewöhnlichen Art und auch Exzesse zurück, die vor allem eines konstatieren lassen: Bei |In Extremo| regiert das Chaos – und jenes beherrschen diese Spielleute wohl wie kaum eine andere Rock-’n‘-Roll-Band der heutigen Zeit.

So schaut man in den ersten Kapiteln dieser Biografie vor allem auf die vielen Rückschläge, die die einzelnen Musiker erfahren mussten, als sie mit ihren teils revolutionär ausgerichteten Bands ins Visier der Staatssicherheit gerieten. Auftrittsverbote, Inhaftierungen und eine stille Rebellion gegen den ‚demokratischen‘ Staatsapparat waren seinerzeit an der Tagesordnung, und dies lange Zeit vor der Entdeckung der mittelalterlichen Klänge. Immer wieder kreuzten sich dabei die Wege der Musiker, jedoch sollte es eine ganze Weile dauern, bis sie ihre gemeinsamen Passionen auch zusammen ausleben konnten. Und auch diese Zusammenkunft, von der man selber anfangs noch nicht abschätzen konnte, in welche Richtung sie führen wird, ist mit vielen scharfen Anekdoten beschrieben, die bereits früh das Feuer in den sehr extrovertierten Musikern entfachten.

Doch was danach folgen solle, ist – da übertreiben Mühlmann und die Beteiligten sicher nicht – eine ganz besondere Erfolgsstory, in den Augen vieler auch ein Phänomen. Denn |In Extremo| stürmten die Szene zunächst mit traditionellem Liedgut, hatten eine Vision, die sie auch in den moderneren Songs der letzten Alben nie aus den Augen verloren haben, und die Beharrlichkeit, mit der man jener Vision folgte, hat sich am Ende auf die Art und Weise ausgezahlt, die hinlänglich bekannt ist. Jedenfalls sollte es wohl kaum einen interessierten Rockmusik-Liebhaber geben, der von dieser Band noch nichts gehört hat.

In „Wir werden niemals knien“ sind es aber vor allem die zahlreichen Geschichten aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz der Musiker, die aus einer schlichten Biografie mehr als nur das machen. Natürlich hatten auch |In Extremo| mit schmierigen Managern, unzuverlässigen Business-Leuten und supportarmen Labels zu kämpfen. Und natürlich haben sie den harten Touralltag mit all seinen unschönen Nebenschauplätzen kennengelernt. Was die Band jedoch von den herkömmlichen Emporkömmlingen unterscheidet, sind der ungebrochene Optimismus und die Willensstärke, mit denen man all jenen Querelen begegnet ist. Vor allem die beiden Bandleader Pymonte und Rhein haben sich mit Leibeskräften gewehrt, ihre rebellische Grundhaltung nie aufgegeben und sich am Ende auch gegen die oberflächliche Vernunft durchgesetzt, die ihnen von außen auferlegt wurde. Und diese imposante Motivation, dieser ständige Glaube an sich selbst, auch in Zeiten, als die Zukunft arg auf der Kippe stand, genau dieser Aspekt hat |In Extremo| an die Spitze getrieben, von der die Musikanten nicht mehr wegzudenken sind.

Doch in erster Linie ist dieses Buch pures Entertainment, sehr locker geschrieben, mit sehr vielen Zitaten der Herren Musiker gefüllt, aber auch mit großem Humor dargestellt. Man erfährt von Michaels Raubzügen im Backstage-Bereich, von so mancher bewusstseinsrweiternder Hilfe (wobei die „Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll“-Attitüde teilweise schon sehr krass betont wird), aber auch von den unglaublichen Erfahrungen mit dem südamerikanischen Publikum und den Umständen, unter denen die Band dort umhergezogen ist. Oder man erlebt Herrn Rhein beim Stress mit einer spanischen Airline, die ihm dort ein lebenslanges Flugverbot beschert hat, von den teils sehr traurigen Entscheidungen, Bandmitglieder zu entlassen, umgekehrt aber auch von dem Gefühl, trotz MTV-Boykott die Mainstage von Festivals wie |Rock am Ring| oder |Wacken| zu verbrennen.

Angereichert wird die stellenweise bewegende, meist aber eher witzige Geschichte mit vielen Original-Songtexten, die nicht selten auch die Stimmung innerhalb der Band zur jeweiligen Entstehungszeit umschreiben. Und diese Mischung aus bissigen Worten, interessanten Anekdoten und sehr sympathischem Schreibstil verwandelt diese Biografie schließlich in ein Werk, das auch für diejenigen lesenswert erscheint, die nicht zwingend Interesse am musikalischen Output von |In Extremo| haben. Fans der Band sollten indes sofort zugreifen und ihre Lieblinge auf ihrem Lebens- und Leidensweg begleiten.

|270 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3868832112|
http://www.m-vg.de/riva/

Uschmann, Oliver – Überleben auf Festivals

Jeden Sommer kommt es in ganz Europa zu einer wohl einzigartigen Rudelbildung. Tausende Fans der härteren musikalischen Gangart treffen sich bei einer Vielzahl stilistisch genau definierter Festivals zum Party-Wochenende und genießen zu leider immer weiter steigenden Preisen Musik, Drinks und das alljährlich-einzigartige Treiben. Doch was genau veranlasst den Liebhaber über seine musikalischen Interessen hinaus, Teil eines solchen Events zu sein? Warum treibt er sich über drei und mehrere Tage dazu, auf verdreckten Campingplätzen, in beengten Zelten und bei bedenklicher Nahrung seinem Dasein zu fristen, wo der Solo-Gig des Lieblingskünstlers doch weitaus entspannter zu genießen ist? Gründe für den Festivalbesuch gibt es schließlich zahlreiche. Doch wer sind diese Personen, die man auf einem Festival antrifft? Und welche eigenwilligen Rituale bestimmen ihr Leben während der heimischen Abstinenz?

Diesen Fragen ist Oliver Uschmann in seinem neuen Buch „Überleben auf Festivals“ recht intensiv nachgegangen. Und selbst wenn seine skurrile Darstellung über Typen, Personen, Persönlichkeiten und Gegebenheiten satirischer Natur ist, so wird man sich doch vor allem als Verfechter des sommerlichen Treibens sehr schnell in irgendeiner Form wiederfinden – oder gleich in vielfältiger Ausprägung.

Uschmann unterteilt sein Buch in mehrere Kapitel, deren einzelne Episoden nicht nur allzu typische Charakteristika jener Events beschreiben, sondern auch weit hergeholte Thesen über das Seelenleben der jeweiligen Besucherspezies aufstellen. Besonders experimentierfreudig gibt sich der Autor bei der Darstellung der Gattung der Besucher, die vom Barbaren über den Kümmerer bis hin zum modernen Twitterer reicht. Beschrieben werden typische Verhaltensmuster, die musikalisch-äquivalenten Vorlieben, prägende Erlebnisse aus der Vergangenheit und ihre ganzheitliche Konsequenz für den Aufenthalt.

Uschmann beweist dabei Fachkenntnis und Mut, lehnt sich manchmal bewusst sehr weit aus dem Fenster, übertreibt gerade bei der Verhaltensanalyse maßlos, verschafft sich und seinen Umschreibungen dabei aber wachsende Sympathiewerte, weil hier gelegentlich auch Schmerzgrenzen und Tabus überschritten werden, ohne den unteren Sektor der Gürtellinie zu streifen. Wenn hier beispielsweise eigenwillige, aber völlig normale Beziehungsgeflechte zwischen den einzelnen Besuchertypen analysiert werden, ist man erstaunt, dass selbst die völlig überspitzten Ausführungen einen gewissen Wahrheitswert haben, die „Überleben auf Festivals“ nicht bloß als Comedy-Werk wichtig machen. Fakten und Phantasie vermischen sich zu einer urkomischen Einheit, die gerade in den Zusammenfassungen über Menschen wie den Retro-Rocker und den Fachmann einen richtig tollen Unterhaltungswert aufbieten. Und dabei ist hier erst der Anfang gemacht …

In den weiteren Kapiteln werden einem die unterschiedlichen Musikergattungen nahegebracht, man erfährt von Riten und Bräuchen am Zeltplatz und bekommt auch einen ziemlich analytischen Einblick in die Wahl der Bauten und Siedlungen, in denen sich der Festivalbesucher während seines Wochenendausflugs einquartiert. Darüber hinaus widmet sich ein sehr spezieller Teilabschnitt den teils ekelerregenden kulinarischen Genüssen(?), denen man auf dem Gelände begegnet und die zum größten Teil wohl jedweder Hygieneprüfung zum Opfer fallen würden.

Interessant wird es schließlich, wenn sich die einzelnen Inhalte vermischen und beispielsweise bestimmte Rituale mit den dazugehörigen Charakteren in Verbindung gebracht werden. Oder wenn sich offenbart, warum diverse Speisen lediglich von einer bestimmten Gattung des Festivalgastes konsumiert werden. Hier greift Uschmann dann zum äußersten Extrem, würzt seine Darstellungen mit sehr pikantem, trockenem Humor und erreicht am Ende noch weitaus mehr Lacher als der umschriebene Menschentyp im Bierrausch vor der Hauptbühne – und das will ja schon mal einiges bedeuten!

Insofern wäre es eigentlich schon fatal, dieses Buch abzulehnen, weil Festivals und die Menschen, die sich dort Sommer für Sommer aufhalten, ordentlich durch den Kakao gezogen werden. Denn gerade diejenigen, die hier am ehesten betroffen sind, werden staunen, wie perfekt sie in manchen Abschnitten satirisch getroffen werden, welche Eigenbrödlereien sie selber ausleben, ohne sie als solche zu erkennen, und wie – plump gesagt – bescheuert man sich doch gerne schon einmal verhält, wenn man sein Haus für ein Wochenende verlässt und sein Leben in dieser Zeit in die Dienste des Rock ’n‘ Roll stellt. Von daher gehen für diesen ironischen, humorvollen und absolut gelungenen Beitrag zu einem Teil der zeitgemäßen Kultur beide Daumen absolut senkrecht nach oben!

|Paperback, Flexobroschur, 368 Seiten
ISBN: 978-3-453-26808-1|
http://heyne-hardcore.de
http://www.heyne.de

Daniels, Neil – Robert Plant – Led Zeppelin, Jimmy Page & die Solo-Jahre

Wenn man sich bereits mit [„Hammer Of The Gods“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5421, der Mutter aller Led -Zeppelin-Biografien auseinandergesetzt hat, darf man ruhigen Gewissens der Ansicht sein, dass man die wichtigsten Details über die Karriere der Band sowie den individuellen Werdegang ihrer Mitglieder bereits aufgesogen hat. Die skandalträchtige Ansammlung der wichtigsten Stationen einer wohlverdienten Legende mag sich zwar vorrangig von ihren düsteren Episoden nähren, gehört aber als nahezu lückenlose Zusammenstellung einer klischeehaften, daher vielleicht auch typischen Band-Laufbahn zu den essenziellen Werken des gesamten Musikbusiness‘.

Sucht man also noch nach fehlenden Informationen und gezielt recherchierten Einzelheiten, empfehlen sich Abhandlungen zu bestimmten Songs, Alben oder Schicksalen, von denen die Band in ihrer an sich gar nicht mal so langen Karriere einige hat ertragen müssen – und auch hier ist der Fan des bleiernen Luftschiffes ziemlich verwöhnt, da ich viele Experten und Kritiker in den letzten Jahrzehnten umfassend mit dem Lebenswerk des Quartetts auseinandergesetzt haben. Diesen Anspruch hatte Neil Daniels indes nicht; stattdessen ging es ihm in erster Linie darum, den Menschen Robert Plant zu charakterisieren und damit in erster Linie auch den privaten Typen bzw. den Musiker, der auch vor und nach Led Zeppelin sehr aktiv war, und der sich am Ende nicht einzig und alleine darauf einschränken lassen möchte, Sänger und Frontmann der britischen Kult-Truppe gewesen zu sein.

Dieses schwierige Unterfangen – schließlich wird man das Bild des gelockten Vokalisten an Jimmy Pages Seite immer als Erstes im Auge haben – galt natürlich auch als Risiko, da es einen unabhängigen Plant in gewisser Weise nie geben wird. Ähnlich wie ein Paul McCartney immer ein Beatle sein wird, Ritchie Blackmore ohne Deep Purple wahrscheinlich nicht weiter beachtenswert wäre und man auch einen Ace Frehley immer auf seine Jahre bei Kiss reduzieren wird, so wird auch Plant aus dem Fokus eines Aushängeschilds einer Band niemals verschwinden können, nicht zuletzt, weil seine Solojahre nie von vergleichbarem Erfolg gekrönt waren wie jene an der Seite von Page, John-Paul Jones und John Bonham. Doch sind sie deswegen weniger erwähnenswert? Mitnichten …

Allerdings ist der Grenzgang zwischen Legende und Musiker schließlich eine Nummer zu groß für den Plant-Biografen, denn letzten Endes fußen seine Erzählungen und Berichte größtenteils auf den Stationen, die der Sänger in den 70ern durchlaufen hat – und hier war er nun einmal der Frontmann der größten und womöglich wichtigsten Rockband auf dem gesamten Planeten. Doch auch die Herangehensweise, die Daniels wählt, scheint nicht sonderlich vorteilhaft. Der Autor zitiert nicht selten aus anderen Werken, die sich mit der Zeppelin-Karriere beschäftigen und beschränkt viele Episoden der Statements, die einstigen Weggefährten wie Ex-Judas Priest-Sänger Al Atkins, Michael Davis (MC5) oder Don Powell (Slade) auf ihre persönliche Erfahrungen mit dem Zeppelin – und so bleibt ihm die ersuchte Unabhängigkeit über weite Strecken von „Led Zeppelin, Jimmy Page & Die Solo-Jahre“ verwehrt.

Natürlich steuert auch Daniels Input bei, der in dieser Form noch nicht veröffentlicht wurde, darunter eben jene Interview-Schnipsel, die er aus persönlichen Gesprächen mit damaligen Zeitgenossen entnehmen durfte. Doch zu oft wird nur zitiert, Sequenzen aus Zeitschriften und Fachliteratur als Basis verwendet und die eigene Note, die diesem Buch so gut getan hätte, schmerzlich vernachlässigt. Ferner scheint der Autor überhaupt nicht kritisch mit seinem Titelhelden umzugehen; das Gros des Buches beschreibt Plants wundersame Aura, seine Bühnenpräsenz und seine Bescheidenheit, während die Fehltritte, die beispielsweise in „Hammer Of The Gods“ schonungslos offenbart werden, kaum Platz einnehmen. Man erkennt, dass Daniels in Robert Plant einen Helden sieht, ein Idol als Mensch und Musiker, und dass ihm daher auch hier eine gewisse Ehrerbietung entgegengebracht wird, die oftmals den objektiven Rahmen eines biografischen Werkes verliert – und das wirkt sich schließlich entscheidenden auf das Lesevergnügen aus, das im Vergleich zum genannten Referenzwerk deutlich gemindert ist.

„Led Zeppelin, Jimmy Page & die Solo-Jahre“ ist daher auch nur denjenigen zu empfehlen, die noch ein paar Randdaten sammeln und ein paar Bonus-Infos erhaschen wollen, die an anderer Stelle nicht näher beleuchtet oder sogar komplett ausgespart wurden. Doch als Musiker-Biografie, die zudem noch konsequent den wichtigsten Teil der Karriere klein halten möchte, ohne dass dies auch wirklich gelingt, taugt Daniels‘ Werk nur sehr bedingt, da es einerseits sehr gedrungen, andererseits aber auch nur selten unterhaltsam gestaltet wird. Es ist eine Ansammlung von Fakten und kurzen, persönlichen Statements – nicht mehr, aber, da muss man fair bleiben, auch nicht weniger. Ein erster Griff für Zepellin-Neulinge ist dieses Buch daher sicher nicht!

|Broschiert: 345 Seiten
Originaltitel: Robert Plant
ISBN-13: 978-3854453000|
[www.hannibal-verlag.de]http://www.hannibal-verlag.de

Bender, Hilmar – Violent Evolution: Die Geschichte von KREATOR

Es ist nicht der erste Frühling, den die Ruhrpott-Jungs von KREATOR dieser Tage erleben. Nach der Rückbesinnung zu ihren evidenten Wurzeln und der Neustrukturierung innerhalb der Band gelang Mille Petrozza und seinen Jungs mit dem Release von „Violent Revolution“ ein erneuter Durchbruch, den man zumindest nach der experimentellen Phase zu „Outcast“-Zeiten und dem sehr ruhigen „Endorama“-Album nicht mehr erwartet hätte. Es waren schließlich Scheiben wie „Enemy Of God“ und „Hordes Of Chaos“, die den wiederholten Aufwärtstrend des Altenessener Quartetts nicht nur bestätigten, sondern die Band als Nummer 1 in der europäischen Szene endgültig und bis zum heutigen Tag festigen sollten.

Gerade aufgrund der bewegten Ereignisse und der vielen prägnanten Karriere-Stationen, aber auch aus Anlass zum nunmehr fast 30-jährigen Bestehen der Band ist es daher sicher einmal Zeit, die Geschichte der einst noch stark im Punk verwurzelten Truppe aufzurollen und vor allem das in den Fokus zu nehmen, was die vielen Episoden in der KREATOR-Historie geprägt haben. Mit Hilmar Bender haben sich Petrozza und Co. nun einen externen Biografen ins Haus geholt, der zwar nicht als unmittelbares Bindeglied zur Band fungiert, deren Laufbahn aber intensiver verfolgt hat als manch eingeschworener Kuttenträger. Bender, ebenfalls ein Kind aus dem Pott, rollt in „Violent Evolution“ nicht nur Geschichtsträchtiges auf, sondern ist auch sehr bemüht, genau das darzustellen, was die einzelnen Köpfe und Charaktere innerhalb der Band und ihres direkten Umfeldes ausmacht. Doch mit einer Schwierigkeit musste sich der Autor hierbei ganz besonders auseinandersetzen: Wie kann man den Lebensweg einer Musikgruppe beschreiben, die in ihrem aktiven Handeln diverse, nur schwer nachvollziehbare Schritte unternommen hat, ohne dabei die Sicht des Fans zu verlieren? Denn genau in diesem Punkt gerät „Violent Evolution“ nicht nur einmal an seine neutralen Grenzen.

Der Fokus des Buches liegt dabei ganz klar auf der Entwicklung der Erstbesetzung bzw. der Truppe, die seinerzeit Alben wie „Pleasure To Kill“ und „Endless Pain“ mit einer Spontaneität eingespielt hat, die es im heutigen Thrash Metal nicht mehr geben kann. KREATOR bzw. die darin involvierten Personen sind Launenmenschen, deren vorrangige Ambition vor allem in den mittleren 80ern darin bestand, ihre Energien in Musik umzuwälzen. Gerade die Verwurzlung in der Ruhrpott-Szene ist dabei von entscheidender Bedeutung und wird detailreich mit einer Menge Augenmerk versehen. Lobenswert ist hierbei, dass sich Bender von Saufeskapaden und Vergleichbarem stark distanziert (man denke nur mal an die Gewichtung dieser Themen in der GRAVE DIGGER-Biografie), die Band zwar auch als partielle Party-Truppe charakterisiert, aber eben den Schwerpunkt ausschließlich auf die persönliche Entwicklung der Protagonisten sowie die einzelnen Kapitel in deren Leben als Band setzt.

Dennoch kann man das Geschriebene nicht ganz unkritisch sehen, da die Verteilung jener Prioritäten nicht wirklich gleichmäßig erfolgt. Man erfährt eine Menge über die Einstellung der Band zur Szene und deren Auf- und Niedergang, wird aber nur am Rande mit den eigenwilligen Entscheidungen konfrontiert, die zum zeitweiligen Untergang des Bandkonstrukts führten. „Renewal“ als zwiespältiges Album bekommt zwar noch etwas Aufmerksamkeit, die musikalischen Tiefschläge, die das Old-School-Publikum jedoch mit „Endorama“ verkraften musste, bekommen aber keinen großen Raum und werden quasi ausgeblendet.

An sich wird zwar nicht wirklich alles schön geredet, aber es fehlt nicht bloß einmal die offensive Auseinandersetzung mit den kritischen Entscheidungsschritten dieser Band, vielleicht auch vor dem Hintergrund, dass die Herrschaften aus Essen eines Tages doch wieder die Kurve bekommen haben. Aber schließlich sind es vielleicht gerade diese Inhalte, eben die weniger logischen Konsequenzen, über die man gerne lesen möchte. Die Chronologie der Dinge nachzuvollziehen, und das auch vergleichsweise ausführlich und faktisch, hat sicher auch einen Reiz. Aber was „Violent Evolution“ abseits der Fakten des Öfteren verloren geht, ist ein gewisser Tiefgang und ein Blick hinaus über den Tellerrand der Dinge, die im Zusammenhang mit KREATOR gerade für Fans eh schon wie in Stein gemeißelt sind.

Letztgenannter Umstand sollte aber keinesfalls ein Hindernis sein, „Violent Evolution“ im Händlerregal verstauben zu lassen. Nur, und das darf man eben nicht verschweigen, hat die Biografie der vielleicht wichtigsten Thrash-Band der Jetztzeit einige kleine Lücken, die man als beinharter Fan der Petrozza-Gang gerne gefüllt sehen würde. Und das ist schade, da eine solche Chance vielleicht nur einmal kommt – sofern es bei dieser Erstauflage bleibt!

|Hardcover: 221 Seiten
ISBN-13: 978-3866081444|
[www.ubooks.de]http://www.ubooks.de

Hudson, Saul / Bozza, Anthony – Slash – Die Autobiografie

Wäre mein Name Saul Hudson, würde ich jetzt einen Zylinder tragen. ich wäre ein hemmungsloser Rockstar, lebte in der ‚Paradise City‘ und wüsste nicht, wie ich meinen vernichtenden Hunger jemals stillen sollte. Vielleicht mit ein bisschen Koks? Oder am Ende doch mit einer gesunden Portion Rock ’n Roll? Womöglich darf es ja am Ende auch eine verbale Auseinandersetzung mit einem exentrischen Gegenspieler sein? Axl Rose eventuell?

Nun, der Lebenswandel des Herrn, der im Business eher unter dem Pseudonym Slash bekannt ist, hat viele exzessive Seiten. Der einstige Skateboard-Rabauke, der mehr oder weniger zufällig an die Gitarre geriet und hier auch anfangs kaum Talent zeigte, hat nicht nur in jungen Jahren, jede Line und jeden Whiskey mitgenommen, der ihm in die Hände fiel. Dem Alkohol verfallen, von den Drogen teilweise zerfressen, vom plötzlichen Reichtum übermannt und schließlich immer wieder vom Business und der Musik gerettet: Der Lebenslauf des Schlangenliebhabers liest sich wie die klischeehafte Abwandlung der Spinal-Tap-Story, ergänzt durch die symbolische Adaption der Eskapaden von Bands wie Led Zeppelin und Aerosmith und scheint in seiner Ausprägung noch maßloser übertrieben als Mötley Crües Schmierenschrift „The Dirt“. Doch man muss nicht weit vordringen, um in der nun veröffentlichten Biografie nachzuvollziehen, dass jedes Erlebnis, das hier in seiner teilweise beängstigenden Breite aufgegriffen wird, auch tatsächlich ein Teil des Lebens von Mr. Hudson ist – und genau dies macht dieses Buch von der ersten Seite an zu einem bemerkenswerten Schriftstück.

Dabei mag es in vielen Passagen des relativ dicken Schmökers unrealistisch erscheinen, dass der Namensgeber sich gerade an die kleineren Fehlgriffe noch bis ins kleinste Detail erinnert, schließlich hat der Kerl seinem Körper so viele bewusstseinserweiternde Mittelchen zugefügt, dass man meinen müsste, dass ganze Episoden aus seiner Jugend und den ersten Jahren bei Guns ’n Roses völlig aus seiner Erinnerung verschwunden sein müssten. Doch Slash nimmt den Faden in der Kindheit auf, spinnt ihn über eine schwierige Jugend, ergänzt die herben Rückschläge mit seinen ersten Bands, kommt schließlich mit ähnlich wuchtigem Tempo zum Durchbruch wie seine einstige Combo und verwandelt seine Autobiografie dann zwischenzeitlich in einen unvermeidlichen Abriss der Guns-’n-Roses-Story – allerdings aus einer sehr objektiven, nur selten kritischen Perspektive. Zwar räumt der Mann mit dem legendären Hut ständig Fehler wie der verschwenderische Umgang mit den enormen finanziellen Mitteln ein, begibt sich aber nicht in die Schlammschlacht, die man sicher zu befürchten gehabt hätte, würde sein Evil Twin Axl die Dinge aus seiner Sicht beschreiben. Stattdessen bleibt Slash seinem Naturell treu, gibt sich als der coole, lässige Typ von nebenan und macht nicht mal den Ansatz von nachtragenden Statements oder Negativ-Statements über die schleichende Auflösung seiner Truppe. Zumindest tritt er nicht nach, auch wenn ihm die Art und Weise – das liest man zwischen den Zeilen – absolut missfällt!

Letzten Endes ist es aber nicht in erster Linie das Leben mit jener Band, welches den Löwenanteil dieses Werkes ausmacht. Natürlich stehen die Ereignisse im Bandkontext über vielen elementaren Inhalten, doch in letzter Instanz ist es der Mensch und Musiker, der sich hier mit einer bemerkenswerten Selbstdarstellung Tribut zollt, und nicht sein Umfeld und all die Störenfriede, von denen dieses Buch erzählt. Und hier steht zwischen den Linien die ganze Spanne von Verzweiflung bis Euphorie, von selbstironischer Selbstzerstörung bis hin zum blindwütigen Eskapadismus und von Leidenschaft bis hin zur Totalaufgabe. Es sind so viele Episoden, die Erwähnung verdienen, vor allem aber die steten Unbekannten, über die man sich hier am meisten freut. Slash versteht sich nämlich blendend darauf, die Szenen herauszufischen, die jenseits von Ruhm und Ehre stehen, jene Seiten, die das humane Wesen hinter dem Rockstar analysieren, dabei aber nicht werten, sondern schlichtweg zu unterhalten wissen. Unterhaltung ist letztendlich auch das, was sich die Schöpfer dieser fantastischen Biografie auf die Fahne geschrieben haben. Lockeres Geschreibsel und reichlich Spontaneität bei der Auswahl der Kapitel stehen dem voraus und werden schlussendlich von einem Themenkreis ergänzt, der prinzipiell jede derbe Rockstar-Biografie in den Schatten stellt – einfach weil die Klischees hier glaubhaft an den Mann gebracht werden. Und auch wenn man am Ende nicht über jede Line und jeden Tupfer Crack informiert werden möchte: Es hat doch immer wieder was, wenn Slash in den Tiefen seiner Persönlichkeitsentwicklung gräbt und beschreibt, wie er sein Leben an den Grenzen jeglicher exzessiven Toleranz wieder in den Griff bekommen hat. Und dass zum Schluss hin eigentlich niemand weiter nach Guns ’n Roses bzw. dem Split fragt, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Autor hier einen mehr als gesunden Mittelweg eingeschlagen hat – und eine Richtung, die man als Leser nicht nur begrüßen darf, sondern deren zahlreiche Anteile man mit einer unglaublichen Wolllust verschlingen wird!

|Hardcover: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3927638457|
[www.edel.com/de/buch/edelbooks]http://www.edel.com/de/buch/edelbooks

Johnson, Brian – Rock auf der Überholspur

_Ein Mann und sein Auto …_ Der Leitspruch von Hasselhoffs alter Zauberkiste könnte auf kaum eine Person so genau abgestimmt sein wie auf AC/DC-Frontröhre Brian Johnson. Der Mann mit der Batschkapp, der seinerzeit das schier immens große Erbe der nach bester Rock & Roll-Manier verschiedenen Skandalnudel Bon Scott antreten durfte, stand lange Jahre im Schatten seines Vorgängers und er beiden Young-Brüder, die ihn anno 1980 zu jenen geschichtsträchtigen Auditions einluden, die wiederum langfristig zu den Aufnahmen des Klassikers „Back In Black“ führten. Und dabei war Johnson von Beginn an ein nahezu vergleichbar signifikantes Aushängeschild wie der viel zitierte Angus, nur eben dass er sich bei der Pressearbeit weitestgehend zurückhielt und lieber seinen Kollegen die großen Worte überließ. Mit der Zeit hat sich dieser Status jedoch zunehmend zugunsten des einstigen Geordie-Sängers geändert – bis dieser schließlich selber die Muße fand, seine ganz persönliche Biografie zu verfassen.

„Rock auf der Überholspur“ ist in diesem Sinne aber alles andere als eine typische Retrospektive eines namhaften Musikers. Johnson lässt zwar in den unzähligen Kapiteln seines ersten Buches viele knappe Zitate zu den Ereignissen rund um die Starkstrom-Rocker los, beschreibt im Kern jedoch nicht seine persönliche Entwicklung bzw. die Chronologie der Dinge, die den Monster-Act in die heutzutage vielleicht erfolgreichste Live-Band überhaupt verwandelt hat. Stattdessen beschränkt sich der charmante Sympathieträger auf seine Vorliebe für fahrbare Untersätze jeglicher Art und verknüpft die wichtigsten Episoden seines Lebens mit bestimmten Pkws, kultigen Oldtimern, flotten Flitzern und seinen Erlebnissen im Rennsport-Metier, die gerade in den vergangenen beiden Dekaden zum zweiten zeitraubenden Hobby des Sängers geworden sind.

Und dieser Schritt macht gleich aus mehreren Gründen Sinn, denn a) ist die Geschichte von AC/DC in zahlreichen inoffiziellen Biografie-Werken schon bis zum Abwinken durchgekaut worden, b) ist die Reportage des Arbeiterklassekinds, welches plötzlich seine große Chance bekam, auch nichts mehr, was noch irgendeinen Fan des Quintetts aus der Reserve locken könnte, und c) weiß man über Johnson und seinen medienscheuen Charakter einfach unheimlich wenig, weil er sich nie wirklich um sein Außenbild gekümmert hat – wenigstens nicht bewusst. Was liegt da also näher, als von Eskapaden auf der Rückbank zu berichten, unflätige Banausen abzustrafen, die den wahren Schatz ihrer Feuerstühle nicht richtig einzuordnen wissen, und dabei genau das nach außen zu kehren, was Johnson von jeher am meisten beschäftigt: Pferdestärken, Gleichgesinnte und darüber hinaus auch ein wenig der Rock & Roll!

_Die Art und Weise_, wie sich der Mann dabei in Szene setzt, mag natürlich hin und wieder ein wenig abgedroschen sein, was womöglich aber auch an der sehr umgangssprachlichen Übersetzung liegt. Dass hier beispielsweise manche deutschen Sprichworte verwendet werden, erscheint komisch, sichert aber den lockeren Sprachgebrauch, der auf den gut 220 Seiten garantiert ist. Lesenswert ist in diesem Sinne allerdings, dass der Autor ständig irgendwelche ziemlich abstrakten Vergleiche herzieht, um Ungeschicke oder Peinliches sinnbildlich zu beschreiben. Es ist einerseits der raue Ton der Straße, der sich hier Schritt für Schritt manifestiert, andererseits aber auch ein Gespür für humorvolle Redewendungen, deren wahrer Sinngehalt definitiv für Johnsons kreative Phantasien spricht. Kreativ kann man ja schließlich auch sein, wenn man bestimmte Begebenheiten mit den eingequetschten Genitalien eines Affen vergleicht.

Zum Beispiel … Der hohe Unterhaltungswert resultiert aber dennoch aus den kurzweiligen Texten, die immer wieder kleine Episoden aus Johnsons Leben ans Tageslicht bringen, ohne dabei den Tiefgang zu suchen oder zwanghaft das Leben mit der Band vorne an zu stellen. Lediglich Basser Cliff bekommt mehrfach sein Fett weg, da er bei der Wahl seiner Karossen stets in die Tonne greift. Ach ja, und dass Angus keinen Führerschein besitzt, möchte der Sänger natürlich auch noch einmal betonen, da diese Vorstellung für ihn einfach so absurd scheint, dass ihm für eine derartige Verschwendung eigener Ressourcen jegliches Verständnis fehlt.

Und die Autos? Oh ja, sie stellen den Löwenanteil. Aston, Bentley, Rolls Royce, zwischendurch mal ein pannenbehafteter Lotus: Brian weiß nicht nur, wovon er spricht, er hat auch schon mit allerlei Motoren Freundschaft geschlossen und Hasslieben entwickelt, ohne dabei irgendwie wählerisch zu sein. Er ist schlichtweg fasziniert vom Rennsport und der Power, die sich hinter den einzelnen Kraftfahrzeugen verbirgt und lässt dieser Leidenschaft in jedem Kapitel von „Rock auf der Überholspur“ freien Lauf. Und mehr als dies gibt er dabei so viel über sich und seinen Charakter preis, dass man spätestens mit dem unsicheren Schlusswort weiß, dass man den Menschen Brian Johnson nie besser hätte kennen lernen können, als über diesen begeisterungstüchtigen Report auf vier Rädern bzw. zwanzig Dutzend Seiten. Und da die Anekdoten nicht zwangsweise AC/DC-Stoff sind und sich nicht bloß an deren Publikum richten, muss man auch dem Universaltalent hinter diesem Buch applaudieren. Wobei: Gerade Fans der australisch-schottischen Combo sollten hier zugreifen, weil zwischen den Zeilen weitaus mehr Persönliches steht als in allen zweitklassigen Lizenzwerken um Young, Young, Williams, Rudd und Johnson! Sowohl vom Entertainment-Gehalt als auch hinsichtlich des feinen Humors ist diese „automobile Biografie“ wärmstens zu empfehlen!

|Gebunden: 220 Seiten
Mit 31 Fotos und Illustrationen
Originaltitel: Rockers and Rollers (2009)
ISBN-13: 978-3931624644|
[www.ip-verlag.de]http://www.ip-verlag.de

Canter, Marc / Porath, Jason – It\’s (not) so easy – Guns N\‘ Roses: Der steinige Weg zum Erfolg

_Die finale Doku für Fans: ein Fest fürs Auge, ein Füllhorn an Infos_

Marc Canter begleitete seinen Freund Saul Hudson, später bekannt als Gitarrist Slash, von der Highschool bis zum Olymp der Erfolgs. Er wurde Zeuge der Anfänge des Erfolgs von Guns N‘ Roses und der Entstehung ihres legendären Albums „Appetite for Destruction“. Canters Fotos und Tonaufnahmen fingen private Momente der Band ein und hielten fest, wie sich GNR in ihren Anfängen auf der Bühne durchkämpfte. Erinnerungsstücke wie Flyer, Kartenabrisse, Setlists, Presseberichte und handgeschriebene Songtexte runden die Texte, Fotos und Grafiken ab. In Interviews kommen die Bandmitglieder und Personen, die ihnen damals nahestanden, zu Wort.

_Die Mitwirkenden_

Marc Canter begleitete seinen Jugendfreund Saul Huson alias Slash sowie die Band von Anfang an, indem er sie dokumentierte: Ton, Video, Fotos von jedem Gig zwischen 1982 und 1987, Flyer zu Konzerten und vieles mehr – der Grundstock für diesen Fotoband. Canter ist im Hauptberuf Besitzer und Betreiber des in der Rock-’n‘-Roll-Welt berühmten Restaurants „Canter’s Deli“ in L.A. Er begleitete GNR vor allem bis zum Bestseller-Album „Appetite for Destruction“.

Jack Lues trug zusätzliches Fotomaterial bei,
Jason Porath die Interviews und Zwischentexte. Er ist Autor des Buches „Mugshots“ (wörtlich: Verbrecherfotos), einer fotojournalistischen Dokumentation über ehemals drogenabhängige Hollywood-Künstler. Als Drebuchautor und Regisseur arbeitete er für Non-Profit-Organisationen, Wirtschaftsunternehmen und TV-Sender, darunter Discovery Channel, Learning Channel, National Geographic Television, BBC, Ford, Volunteers of America und die Special Olympics.

_Die Band_

Saul Hudson / Slash: Gitarre
Bill Bailey / Axl Rose: Gesang
Izzy Stradlin: Gitarrist, gehörte bis 1991 zu Guns N‘ Roses
Duff MacKagan: Bass, gehörte bis 1998 zur Band
Steven Adler: Drums, bis er bei den Aufnahmen zu „Use your Illusion“ durch Matt Sorum ersetzt wurde

|Die Genesis von Guns N‘ Roses:|

– Slash gründete die Bands Tidus Sloan und Roadcrew, spielte bei London, Klass und Black Sheep, bevor er GNR beitrat.

– Axl Rose gründete die Bands Rapidfire und Rose, die dann zu Hollywood Rose, New Hollywood Rose, LA Guns und schließlich am 6.6.1985 GNR wurde, als Slash und Duff seiner Band beitraten.

– Izzy Stradlin spielte ab 1983 bei Naughty Women, The Atoms und Shire, bevor er Hollywood Rose beitrat. Spielte Oktober 1984 kurzzeitig bei London.

– Duff MacKagan spielte 1980-84 in Seattle bei The Vains, The Fastbacks, The Fartz und 10 Minute Warning, bevor er nach L.A. zog und Slashs Band Roadcrew beitrat.

– Steven Adler spielte kurz bei Roadcrew, bevor er Axl Roses Band Hollywood Rose beitrat.

_Inhalte_

Nach der Vorstellung dieser und anderer „Hauptdarsteller“ folgt das umfangreiche Inhaltsverzeichnis. Dem Fan bietet es durch ROTEN FETTDRUCK bereits den ersten Wegweiser auf die Tracks, die ihn am meisten interessieren, nämlich die auf „Appetite for Destruction“, der angeblich besten LP von GNR. Im Grunde ist das gesamte Buch ein umfangreiches Making-of dieser einen Platte, die nicht nur für GNR eine neue Ära einläutete.

|Der 1. Teil: Genesis (1981 bis 6.6.1985)|

Begleitet von umfangreichem Bildmaterial (mehr dazu unter „Mein Eindruck“), schildert der erste der drei Buchteile mit dem Titel „Anything Goes“ die Entstehungsgeschichte der Besetzung für die LP-Aufnahme. Wie sich schon oben aus den Hauptdarstellern und ihren diversen Bands ablesen lässt, ist diese Genesis verschlungen, verwickelt, von Rückschlägen und zahlreichen Wechseln gekennzeichnet. Man könnte, etwas unfair, sagen, dass GNR entstand, als sich Axl Rose und Slash zusammentaten.

|Der 2. Teil: Rise to Fame (28.6.-5.4.1986)|

Wie in allen drei Teilen, verzeichnet das extrem hilfreiche Inhaltsverzeichnis sämtliche wichtigen Auftritte der Band auf ihrem Weg zu Ruhm & Reichtum. Der zweite Teil sieht die Band endlich auf dem aufsteigenden Ast. Zwischen Juni 85 und dem November schaffen sie es das erste Mal, das Haus auszuverkaufen, ja, es kam sogar zu einer Schließung des ROXY wg. Überfüllung. Der stets streitbare Frontman Axl Rose legt sich mehrfach mit der Lokalpresse an, die heiß umkämpft ist, weil eine gute Konzertkritik über Aufstieg und Untergang einer Band entscheiden kann.

Neben der andauernden engen Beziehung zu den Stripperinnen der Stadt taucht erstmals eine ungewohnte Hörergruppe auf: Anzugträger. Es sind Scouts der Plattenfirmen. Erstmals wird auch Tom Zutaut, A&R-Manager der Plattenfirma Geffen Records, Zeuge eines ausverkauften Konzerts. Allerdings nicht, wie vom Inhaltsverzeichnis behauptet auf Seite 208, sondern erst auf Seite 215. So viel also zur Genauigkeit des Inhaltsverzeichnis.

|Der 3. Teil: Fame (26.4.1986-16.8.1988)|

Wir kommen auf die Zielgerade. Aber es wird eine immens schwere Geburt, das erste von sechs geplanten Alben, die Tom Zutaut mit den Jungs produzieren will. Und weil sich so viele Schwierigkeiten ergeben, kriegt Geffen Records langsam kalte Füße. Nur ein allerletzter Ruf von Zutaut an den Chef David Geffen höchstselbst rettet die Platte, die kurz vorm Scheitern steht (S. 330). Die Spannung steigt ins Unermessliche.

Der Grund für die Verzögerung ist das Insistieren der Band, allen voran Axl Rose, auf einen ganz bestimmten Sound, der auf der LP umgesetzt werden soll. Dieser Wunsch lässt zahlreiche Musikproduzenten, also bessere Aufnahmeleiter, schon in der Testphase ausscheiden. Und selbst wenn einer mal was aufnimmt, fliegt er wieder raus, wenn das Ergebnis nicht den Vorstellungen der Band entspricht. Erst als diese sich auf den Sound der britischen Rockgruppe UFO aus den Siebzigern und auf einem ganz bestimmten Konzert festlegt, kommt Bewegung in die Aufnahmen. Es gibt in den USA und Großbritannien tatsächlich noch einen einzigen Menschen, der diesen Sound reproduzieren kann! Der Mann hieß Mike Clink. Abgemischt wurde die Platte von Steve Thompson und Mark Barbiero – ohne die Hilfe eines einzigen Computers!

Ein Leckerbissen für Fans ist die Episode mit Adriana Smith. Die süße Freundin von Axl Rose, die im Buch x-fach abgelichtet auftaucht, wurde dafür gebraucht, einen ganz bestimmten Klang auf „Rocket Queen“ beizutragen: Stöhnen beim Orgasmus. Die Geschichte auf Seite 325 über diese eine Aufnahmesession dürfte zu den Episoden gehören, die jedem Leser (egal ob weiblich oder männlich) in Erinnerung bleiben werden.

Der Rest ist Geschichte. Mike Clink rechnete von Anfang an mit zwei Millionen verkauften Alben. Zutaut war optimistischer. Er tippte auf immerhin fünf Millionen. Aber es gab einen großen Haken: MTV wollte das Video zu „Welcome to the Jungle“ ums Verrecken nicht spielen! Erst durch Geffens Intervention (s.o., S.330 und 333) spielte MTV das Video nachts um zwei. Es wurde ein Hit (S. 335), die erste Million LPs ging praktisch über Nacht weg, und die LP hat sich bis heute mehrere zehn Millionen Mal verkauft.

|BONUSMATERIAL|

Das letzte Bild des Buches auf Seite 348 zeigt eine Eintrittskarte von GNR für ihre Tournee zu „Use Your Illusion“ aus dem Jahr 1991. Der Disclaimer mit seinen vielfältigen Verboten ist ein Zeichen dafür, dass die Band nun im Big Business angekommen war.

_Mein Eindruck_

|Die Texte|

Ein Phänomen wie GNR aus nur einer Perspektive darzustellen, wäre ziemlich vermessen – in jedem Fall aber stark verkürzend und somit entstellend. Daher hat Jason Porath, der Texter, die multiperspektivische Darstellung gewählt, die dazu führt, dass eine unglaubliche Fülle von Personen zu Wort kommt. Das spiegelt aber lediglich die Situation im richtigen Leben wider.

Jedes Zitat wird mit dem Namen des Zitatgebers versehen, der fett gedruckt vorangestellt wird. Alle diese Leute selbst zu identifizieren, gehört mit zu den Aufgaben des Lesers. Zum Glück sind die meisten in einem gesonderten Porträt vorgestellt, was dazu führt, dass es eine große Anzahl von Textkästen gibt. Diese sind manchmal interessanter als die Hauptstrecke, welche meist in einer Aneinanderreihung von Zitaten besteht.

Zu den Standardtexten bei den über 50 dokumentierten Konzerten gehören Zitate aus den Stage Announcements und Axl Roses fiesen Kommentaren auf die Lokalpresse, aber auch Bitten um Nachsicht, dass wieder mal ein Verstärker ausgefallen sei usw. Diese Texte bilden eine Einheit mit den dazugehörigen Konzertfotos und den Dokumenten wie etwa Plakaten, Eintrittskarten, Presseberichte und handgeschriebene Songtexte. Auf diese Weise lässt sich das Buch als Sequenz von Live-Auftritten lesen bzw. erleben, wenn die entsprechende Musik dazu läuft.

|Die Fotos|

Am 16. August 1988 spielten GNR im Giants Stadium zusammen mit Bands, da ganz oben angekommen waren: mit Aerosmith, ihrem vielfach gecoverten Vorbild, aber auch mit Deep Purple, den Rock-Dinosauriern, die den Boden für laute Gruppen wie GNR bereitet hatten. Dies war das Zeichen, dass GNR im Olymp angekommen waren.

Dieses Ereignis wurde wie so viele weitere von Marc Canter, dem Amateurfotografen, Restaurantbesitzer und ständigen Bandbegleiter, in Fotos festgehalten. Auch die frühesten Bilder von Anfang der achtziger Jahre stammen von ihm. Die Qualität ist durchweg sehr genießbar, denn schließlich will niemand etwas für verwaschene oder unscharfe Bilder zahlen.

|Das Artwork (Grafiken etc.)|

Das dritte Element sind Grafiken, wie man sie in einer Musikdoku weniger erwarten würde. Die Zeichnungen stammen in der Regel von Saul Hudson alias Slash, der sie entweder für seine Roadcrew, für ein Plakat oder für Freunde wie Canter anfertigte. Sie sind meist ziemlich frech, entsprechen aber genau dem Stil von GNR.

Wertvoll sind auch die Grafiken mit Übersichten, sowohl von den Klubs in L.A. als auch die Entstehungsgeschichte von GNR, die den Werdegang und das Zusammenkommen der verschiedenen Vorläuferbands optisch sinnfällig aufbereitet.

_Unterm Strich_

Bis heute ist „Appetite for Destruction“ eines der meistverkauften und –gespielten Rock-Alben aller Zeiten. Es wurde 30 Millionen Mal über die Ladentheke geschoben. Dabei ist sein Sound für die Zeit des Stadionsrocks ziemlich ungewöhnlich. Es klingt (mit voller Absicht), als würde die Band lediglich einen Klub von, sagen wir mal, 500 Sitzen beschallen wollen. Das rührt daher, dass es keinen oder kaum Hall gibt, wie er damals bei Plattenaufnahmen üblich bzw. |de rigeur| war.

Ein Song wie „Paradise City“ mit seinem volksliedhaften Refrain lässt sich eben am besten in einem Klub mitsingen. Dennoch klingen die Instrumente und der Gesang deutlich voneinander unterscheidbar, was beispielsweise Slashs Gitarre eine starke Präsenz verleiht. Dieser Sound hat zahlreichen Band als Vorbild gedient. Heute, da der Sound von Stadionrock mega-out ist (außer bei Classic-Rock-Sendern), klingt dieser Sound, der eigentlich aus den Siebzigern stammt, wieder modern bzw. zeitlos. Dabei war „Appetite“ eines der letzten Rock-Alben, das ohne Hilfe eines Rechenknechts abgemischt wurden. Alle diese Details findet der Fan im Buch erwähnt.

Jawoll, dieses Buch ist eindeutig nix für Einsteiger, sondern für bereits bekehrte Anhänger der Band. Das sichtbarste Anzeichen dafür ist, dass es an keiner einzigen Stelle im Buch die Tracklist dieser LP gibt. Es wird einfach als bekannt vorausgesetzt, dass beispielsweise „Sweet Child O’Mine“ das letzte Stück der zweiten Seite ist – gut versteckt vom A&R-Man Tom Zutaut himself. (Er erklärt auch genau die Gründe dafür.)

„Mit diesem Buch möchte ich erreichen, dass jeder, der die Band mag – und sogar die, die die Band nicht mögen – sehen kann, wie eine der größten Platten, die je gemacht worden sind, entstanden ist. Ich möchte, dass jeder, der das Buch gelesen hat, das Gefühl hat, dass er selbst dabei gewesen ist und direkt neben mir stand“, schreibt Marc Canter im Vorwort zu „It’s (Not) So Easy“. Das ist ihm gelungen. Wer also den steinigen Weg der Band zur ersten LP und der Ankunft im Rock-Olymp hautnah nachvollziehen möchte, dürfte an diesem Buch kaum vorbeikommen. Und dabei hat er auch noch jede Menge Spaß.

|Originaltitel: Reckless Road – Guns N‘ Roses and the Making of Appetite for Destruction, 2007
348 Seiten
Aus dem US-Englischen von Simone Blass
ISBN-13: 978-3-86543-361-9|
http://www.bosworth.de

|Siehe ergänzend dazu auch Swen Reuters [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5838 zum Buch.|

Grönemeyer, Herbert – Alles – Herbert Grönemeyer (Songbook)

Die Zweifel daran, ob Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer inzwischen der größte und wichtigste deutschsprachige Musiker bzw. das Aushängeschild der hiesigen Pop-Szene ist, dürften in den vergangenen Jahren endgültig verraucht sein. Mit der Veröffentlichung seines sehr emotionalen „Mensch“-Albums gelang dem sympathischen Ruhpottler der erfolgstechnische Bombeneinschlag, dokumentiert in den Charts und auch durch mehrfache Platinauszeichnungen. Seither ist Grönemeyer auch wieder ein Garant für volle Stadien, monströs lange Konzerte und eigenwillige Konzepte – so wie einst, als er mit seinem Dauerbrenner „Bochum“ eine ganze Region ins Boot holte.

Seit seinem ersten musikalischen Lebenszeichen aus dem Jahr 1979 gilt Grönemeyer zwar als kompositorischer Eigenbrödler, aber auch als Visionär, dessen oft als Ungesang bezeichnetes Organ zu einem Trademark avanciert ist, das aus der heutigen Medienlandschaft überhaupt nicht mehr wegzudenken ist. Grönemeyer fühlt und lebt seine Songs, packt sein Inneres hinein und macht sein Seelenleben transparent, ohne dabei auf Metaphern oder Floskeln zurückgreifen zu müssen. Diese Ehrlichkeit, das Authentische und diese Form der Transparenz waren schließlich die Erfolgsgaranten für mittlerweile unendlich viele Hits und eine darauf aufbauende Karriere am permanenten Leistungshoch.

Diese Visionen, publiziert in seiner Musik, kann man nun auch am heimischen Flügel nachempfinden. Aus der Reihe |Die Kleinen| wurde letztes Jahr auch eine Edition zu Grönemeyers bisherigem Vermächtnis veröffentlicht, die alle Songs bis zu seinem letzten Studio-Output „12“ beinhaltet. Die wilde Phase der Achtziger ist ebenso eingeschlossen wie die Zurückgezogenheit des vergangenen Jahrzehnts, die schließlich nahtlos in die vielleicht emotionalste Phase zu Beginn der aktuellen Dekade übergeht.

Wie gehabt sind die Songs in Text- und Akkordform dargeboten, dies aber leider auch nur im Kleinformat, so dass die praktische Umsetzung nicht immer ganz einfach bzw. übersichtlich ist. Der strapazierfähige PVC-Einband schützt zwar vor allzu schneller Abnutzung, doch da das Notenwerk im herausgegebenen Format nur schwer in einer Halterung anzubringen ist, muss man die Songs bereits vorab verinnerlicht haben, bevor man sie dann auch dementsprechend spielt.

Daher sei auch darauf verwiesen, dass das „Alles“-Songbook in erster Linie die Funktion eines Nachschlagewerks einnimmt, welches in lyrischer Form die komplette Grönemeyer-Historie abdeckt. Der Anspruch auf Vollständigkeit wird befriedigt, und als Generalübersicht über das Schaffen des Bochumer Künstlers taugt die Mini-Ausgabe des Songbooks ebenfalls. Wer jedoch Noten und Arrangements für den praktischen Bereich sucht, ist mit den einzeln veröffentlichten, dann aber natürlich auch wesentlich kostspieligeren Einzelausgaben besser bedient. Nichtsdestotrotz: Für Grönemeyer-Fans ist „Alles“ definitiv eine wertvolle Sache!

Zum Ende noch ein Überblick über die Songs, die dieses kleine Büchlein enthält:

Alkohol
All die Jahre
Amerika
Angst
Anna
Besser du gehst jetzt
Bist du taub
Bleibt alles anders
Blick zurück
Bochum
Bruno
Chaos
Commander
Currywurst
Darf ich mal?
Deine Liebe klebt
Demo (Letzter Tag)
Der Weg
Diamant
Die Härte
Die Welle
Dort und hier
Du bist die
Einmal
Energie
Erwischt
Etwas Warmes
Fanatisch
Fangfragen
Fisch im Netz
Flugzeuge im Bauch
Flüsternde Zeit
Frag mich nicht
Fragwürdig
Freunde
Für dich da
Grönland
Guten Morgen
Haarscharf
Halt mich
Hartgeld
Helga
Herbsterwachen
Ich bin ein Spieler
Ich bin wieder soweit
Ich dreh mich um dich
Ich geb nichts mehr
Ich hab dich bloß geliebt
Ich hab dich lieb
Ich versteh
Ich will mehr
Ich will’s nicht
Jetzt oder nie
Kadett
Kairo
Kaufen
Kein Pokal
Kein Verlust
Keine Garantie
Keine Heimat
Kinder an die Macht
Kino
Komet
Komm zurück
Kopf hoch, tanzen
Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht
Lächeln
Land unter
Leb in meiner Welt
Letzte Version
Liebe liegt nicht
Luxus
Mambo
Männer
Marie
Marlene
Maß aller Dinge
Mehr geht leider nicht
Mein Konzert
Mensch
Mit Gott
Moccaaugen
Morgenrot
Musik nur, wenn sie laut ist
Muskeln
’n Bombenlied
Nach mir
Neue Welt
Neuland
Nur noch so
Ohne dich
Onur
Reines Herz
Schmetterlinge im Eis
Selbstmitleid
Sie
So gut
Spur
Stand der Dinge
Stau
Stück von Himmel
Tanzen
Total egal
Unbewohnt
Unterwegs
Verflucht – es tut weh
Vergiss es, lass es
Video
Viel zu viel
Viertel vor
Vollmond
Was soll das?
Zieh deinen Weg
Zum Meer
Zur Nacht

|A6-Format im PVC-Cover
ISBN-13: 978-3865433350|
http://www.bosworth.de

Autorenteam – 25 Alben, die die Welt veränderten

Fachsimpeleien sind das täglich Brot eines jeden Musikjournalisten: Woher beziehen bestimmte Acts ihre Einflüsse, welche Inspirationsquellen prägten neu entwachsene Subgenres, warum sind gewisse Sparten angesagter als andere, und aus welchen Gründen sind alteingesessene Rockdinosaurier immer noch tauglich, die großen Stadien und Arenen zu füllen? Die üblichen Fragen zu den üblichen Verdächtigen kehren immer wieder zurück. Viel geschäftiger und hitziger wird aber oftmals noch diskutiert, welche nun die Alben sind, die das Business am deutlichsten veränderten, die Szenen formten, gesellschaftliche Bewegungen initiierten und letzten Endes das begründeten, was auch heute noch Bestand hat.

Dieser Aufgabe stellten sich jüngst auch einige britische Musikjournalisten, denen die Herausforderung gerade recht kam, die 25 wichtigsten Platten herauszufiltern und ihren Einfluss auf den Markt kenntlich zu machen. Es ging um kulturelle Wahrzeichen, Meilensteine, schließlich aber auch wiederum nur um eines: handgemachte Rockmusik von zeitloser Wirkung.

Inwiefern die Herrschaften hier den Geschmack alle objektiven Betrachter treffen, sei natürlich dahingestellt. Allerdings kann man schon sagen, dass illustre Gestalten wie Geoff Brown, Patrick Humphries oder David Buckley, allesamt renommierte Vertreter der britischen Journaille, sich bei der Auswahl gefühlsmäßig ausschließlich auf Klassiker berufen haben, und das in allen Sparten der Rock- und Popmusik. Alles beginnt mit Elvis Presleys legendärem Einstieg mit „The Sun Years“, dem hier eine der längsten Hommagen gewidmet ist. Peter Doggett philosophiert leidenschaftlich über die Aufnahmen aus den Jahren 1954/55 und setzt zu Beginn der Veröffentlichung schon einmal einen klaren Standpunkt, was genau in „25 Alben, die die Welt veränderten“ das Programm füllt.

Chronologisch geht es weiter über die Frühwerke der Beach Boys und von Bob Dylan hin zum Beatles-Monument „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, ebenfalls von Doggett zusammengefasst. Es folgen Exkurse über Hendrix, Cash und Clapton, bevor dann mit The Who und Led Zeppelin die ersten Rock-’n‘-Roll-Geniestreiche ans Tageslicht drängen. Pink Floyds Meisterwerk „Dark Side Of The Moon“ und Bruce Springsteens „Born To Run“ markieren offenkundige Standards, „Ziggy Stardust“ von Bowie ebenfalls. Überraschender sind indes die Wahl des „Catch A Fire“-Werkes von Bob Marley & The Wailers sowie von „Rumours“ von Fleetwood Mac, mit denen die 70er-Periode dieses Buches langsam aufs Ende zusteuert. Mit den Sex Pistols und The Clash bleiben, aus britischer Sicht, noch zwei unverzichtbare Bands in Reserve, die unbestritten eine Welle losgetreten haben, wenngleich der musikalische Wert ihrer Scheiben bis heute diskussionswürdig ist. Aber ihre Bedeutung ist eben auch nicht anzuzweifeln.

Mit dem Schwenk ins nächste Jahrzehnt offenbart sich schließlich auch, dass de Kritiker bis heute der Meinung sind, die einflussreichsten Alben seien zu jener Zeit bereits geschrieben worden. Jacksons „Thriller“ und „The Joshua Tree“ von U2 bleiben aber unumgänglich, Nirvanas „Nevermind“ genauso. Warum „Abba Gold“ jedoch Erwähnung findet, obschon es sich hierbei um einen Best-of-Release handelt, erschließt sich nicht. Auch R.E.M. und „Automatic For The People“ kommen überraschend, wobei der Fakt, dass Stipe und Co. aus dem Vereinigten Königreich stammen, wohl entscheidend war. Letzteres kann man von „OK Computer“, dem Radiohead-Meilenstein, jedoch nicht behaupten, weshalb Thom Yorke und sein bisher bedeutsamstes Vermächtnis die Auflistung auch würdig und zu Recht beschließen.

Auffällig bleibt jedoch, dass die 25 erwähnten Alben fast ausnahmslos von britischen Künstlern stammen und die dortige Fachpresse in der heimatlichen Szene wohl nach wie vor den Ursprung der modernen Popmusik sieht. Dem ist gewissermaßen zuzustimmen, denn wie bereits erwähnt, ist die Auswahl sehr erlesen und nachvollziehbar. Dass Gruppen wie unter anderem AC/DC, Metallica, Queen oder auch Tori Amos keine Beachtung finden, ist aber dennoch eine suspekte Tatsache, die wohl am Geschmack der beteiligten Schreiberlinge festzumachen ist. Doch das ist vielleicht auch nur zweitrangig.

Fakt ist, dass die Alben sehr gut reflektiert werden, der Leser individuell sehr viele Background-Infos abgreifen kann und man zum Ende des Sammelwerkes durchaus den Eindruck hat, eine Menge Wissen hinzugewonnen zu haben – womit der eigentliche Zweck dieser Ausgabe auch erfüllt wäre. Allen Musikinteressenten sei „25 Alben, die die Welt veränderten“ daher auch ans Herz gelegt. Anders als gewohnt ist das Informationsmaterial nämlich alles andere als banal dargestellt, sondern fachkritisch unter die Lupe genommen worden!

|348 Seiten
ISBN-13: 978-3-86543-416-6|
http://www.bosworth.de

Schöwe, Andreas – Wacken Roll

Die 20-jährige Jubiläum des mittlerweile renommiertesten Heavy-Metal-Events weltweit wurde gerade erst ansprechend gefeiert, da gibt es auch schon die erste Nachlese zum |Wacken Open Air|. Niemand Geringerer als Edelstahl-Verfechter Andreas Schöwe, der fast parallel zur Etablierung des Festivals seine Tätigkeit beim deutschen |Metal Hammer| begonnen hat, lässt in seiner neuen Publikation „Wacken Roll“ zwei Dekaden auf den heiligen Äckern in der norddeutschen Gemeinde Revue passieren – und schafft damit einen weiteren groben Abriss über das, was dieses Fest auszeichnet, und was die Faszination |Wacken| für die gesamte Szene bedeutet.

Die knapp 300-seitige Analyse verschwendet zu Beginn keine Zeit an heroischen Einleitungen oder großen Lobeshymnen. Nach einer kurzen Dokumentation über die historische Entwicklung der Gemeinde Wacken gibt es kompakte Kurzreviews über die einzelnen Festivaljahre und all die Problematiken, die sich den beiden Organisatoren Holger Hübner und Thomas Jensen entgegenstellten. Da erfährt man von finanziellen Desastersituationen, mit letzter Kraft verhinderten Festivalabbrüchen, ungünstigen Kooperationen und einer Menge Ärger und somit von Seiten, die man heute kaum noch mit dem Trademark W:O:A in Verbindung bringen würde. Gerade die ersten Jahren waren für die beiden Köpfe des Wacken-Teams eine lehrreiche Zeit, die mit dem hartnäckigen Durchhaltevermögen der Herrschaften Jensen und Hübner nie überstanden worden wäre.

Dass Schöwe in seinem geschichtlichen Querschnitt also auch genau das betont, was man nicht eh schon in hundert anderen, vergleichbaren Publikationen gelesen hat, macht die Sache interessant. Dennoch schleicht sich in diesem ersten, ziemlich ausführlichen Kapitel schon das Manko ein, das sich auch im weiteren Verlauf durch das Buch ziehen soll: Das Gros der Artikel ist kurz und bündig gehalten, beinahe gänzlich ohne Tiefgang und als Aufbereitung einer zwei Dekaden andauernden Story ein wenig dürftig – weil oberflächlich. Die Aufzählung der Bands mancher Editionen ist nämlich letzten Endes ebenso wenig spannend wie das faktische Resümee, dass die Zuschauerzahlen von Jahr zu Jahr zugelegt haben.

Die inhaltliche Oberflächlichkeit kratzt aber löblicherweise nur bedingt am Unterhaltungswert von „Wacken Roll“, was daran liegt, dass Schöwe allerhand mehr oder minder betroffene Persönlichkeiten vors Mikro zehrt und ihnen Meinungen und Anekdoten zum Geschehen in der so genannten Kuhle entlockt. Götz Kühnemund als Chefredakteur des |Rock Hard| kommt ebenso zu Wort wie des Autors Kollege Thorsten Zahn vom |Metal Hammer|. Aber auch zahlreiche Musiker dürfen sich zu ihrem Verhältnis zum |Wacken Open Air| outen, darunter Namen wie Bobby Ellsworth, Jörg Michael, Kai Hansen, Silenoz, Jon Oliva und Gary Holt.

Zuletzt gibt es auch noch einen Abschnitt, der ausschließlich den Fans gewidmet ist und ihre ganz besondere Verbundenheit mit dem Event selber, also nicht zwingend mit dem jeweiligen Billing, zum Ausdruck bringt. Das W:O:A und seine ganz unterschiedlichen Supporter bekommen ein recht großes Forum, das auch genutzt wird, um den vielleicht interessantesten Teil des Buches zu füllen. Und das ist auch gut so, denn wie Jensen und Hübner wohlweislich betonen, wäre das Open Air nichts ohne seine Fans – und die werden auch im kommenden Jahr wieder in Herrschaften im höheren fünfstelligen Bereich zu den Weiden im hohen Norden pendeln!

Summa summarum ist „Wacken Roll“ zwar sicherlich kein besonderer Buch-Release, da viele Inhalte nur das zusammenfassen, was man in groben Zügen eh schon über das Festival weiß. Doch Schöwe hat einen sehr unterhaltsamen, sympathischen Stil und schafft es auch ohne den entscheidenden Tiefgang, seine Leser bei der Stange zu halten, was man bei all den verschiedenen Abrissen zu diesem Spektakel bereits als Auszeichnung verstehen sollte.

|271 Seiten
ISBN-13: 978-3854453048|
http://www.hannibal-verlag.de

Canter, Marc / Porath, Jason – Guns N\‘ Roses – It\’s (Not) So Easy. Der steinige Weg zum Erfolg

Was passiert, wenn du in jungen Jahren siehst, wie jemand dein Fahrrad klauen will? Entweder du verprügelst ihn oder der Dieb lässt es sein und entschuldigt sich bei dir – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Das hört sich abenteuerlich an, doch in diesem Fall war es Saul Hudson, besser bekannt als „Slash“, der Marc Canter das Bike streitig machen wollte. Irgendwie schaffte es dieser „Slash“, die Kurve zu kriegen, und die beiden wurden beste Freunde, schließlich teilten sie die Leidenschaft für Fahrrad-Motocross. Schon damals bemerkte Marc, dessen Familie übrigens das bekannte [„Canter’s Deli“]http://www.cantersdeli.com gehört, dass sein Kumpel eine „Rampensau“ ist, doch sollte sich diese Tatsache erst viele Jahre später so richtig auszahlen.

Genauso kurios wie diese Geschichte, ist die Entwicklung von GUNS N‘ ROSES. Dieses Buch liefert dafür viele interessante Fakten und erzählt allerlei lustige Begebenheiten bis zur Veröffentlichung des Debüts „Appetite For Destruction“. Dabei ist es weniger eine trockene Biografie, die von einem außenstehenden Dritten geschrieben wurde, sondern eine sehr direkte und teilweise schockierende. Weil Marc auch als sechster Mann der Band bezeichnet werden kann, weiß er natürlich auch Details zu berichten, die ein anderer gar nicht wissen kann. Von Anfang an, als „Slash“ auftrat, machte er Fotos, sammelte Zeitungsartikel, Konzerttickets und hob dessen Gekritzel auf. Die Tracklisten und Ansagen sind ebenfalls enthalten. Letztere werden zwar mit der Zeit ein wenig langweilig, da sie fast immer dieselben Worte enthalten, doch sie sind der rote Faden, der sich durch das Buch zieht.

Das Werk schafft es wunderbar, das Lebensgefühl der Band dem Leser näher zu bringen. Schließlich lebten die Mitglieder ständig von der Hand in den Mund, auch als der Erfolg schon da war. Die Alkohol- und Drogenprobleme und ihre Auswirkungen kommen unverschönt ans Tageslicht. Die Aussage „Überleben bedeutete, es bis zum nächsten Auftritt zu schaffen.“ zeigt deutlich, wie die Jungs lebten, und war so etwas wie die Bandphilosophie. Oft war kein Geld für Lebensmittel da und an Quartieren mangelte es ebenfalls. Die Zeiten, als sie regelrecht in der Gosse lebten, werden nicht einfach weggelassen, sondern authentisch erzählt. Das macht das Buch gegenüber anderen Biografien zu etwas Besonderem. Es lässt sich insgesamt recht gut lesen, da es wenig lange Textabschnitte beinhaltet. Zu einem bestimmten Thema oder einer Begebenheit kommen die Beteiligten zu Wort und schildern ihre Sicht. Damit gibt es keine einseitige Berichterstattung, die auf den Autor fokussiert ist.

Besonders gut wird gezeigt, dass sich die Band nie von anderen reinreden ließ und immer das machte, was sie wollte – nämlich ein Leben führen, das aus Musik, Drogen und Girls besteht, ohne an morgen denken zu müssen. Die Frauen spielten für die Jungs eine große Rolle, denn sie engagierten nicht nur Stripperinnen, damit mehr Besucher kamen, nein, sie waren oft ihre einzige Hoffnung, wenn es darum ging, einen Schlafplatz oder etwas zu essen zu bekommen. Natürlich schildern einige von ihnen, wie sie diese Zeit erlebt haben.

Ein großer Teil beschäftigt sich mit der Entstehung des Debütwerkes. Gut wird dargestellt, welch großen Anteil Tom Zutaut daran hatte, der damals auf sie aufmerksam wurde und ihnen den Plattendeal bei Geffen Records verschaffte. Auch er hatte ein unerschütterliches Vertrauen in die Jungs, obwohl die Produzentensuche beinahe in einem Fiasko endete und das Album zu scheitern drohte. Er war es auch, der die Plattenfirma überzeugte, an die Band zu glauben, und der seinen Chef dazu überreden konnte, dass das Video zu ‚Welcome To The Jungle‘ bei MTV gezeigt wurde – zu jener Zeit gar nicht so einfach, galten die Jungs doch als drogenabhängig und kriminell. Das Video schlug wie eine Bombe ein und alle, die zuvor das Album absetzen wollten oder es schlecht fanden, wollten nun beste Freunde sein, waren begeistert und wussten von Anfang an, dass die Jungs eine große Nummer werden. Und besser als mit Tom Zutauts Zitat kann man die Story nicht beschreiben: „Wenn man etwas von GUNS N‘ ROSES und ‚Appetite For Destruction‘ lernen kann, dann ist es, dass es sich lohnt, sich selbst treu zu bleiben.“

An diesem Punkt, als der große Erfolg einsetzte und viele erst später begriffen, dass mit diesem Album Musikgeschichte geschrieben wurde, endet das Buch. Dessen Titel „Der steinige Weg zum Erfolg“ wird von Marc Canter unterhaltsam beschrieben. Wie könnte es besser enden als mit Fotos zum Konzert mit DEEP PURPLE und AEROSMITH. Damit ging nicht nur für die Band ein Traum in Erfüllung, sondern auch für Canter selbst, der von AEROSMITH ein großer Fan ist und dort fotografieren konnte.

Das Beschriebene passt absolut zum Titel, dennoch wirkt das Ende ein wenig abrupt, da über den weiteren Werdegang der Band gar nichts zu lesen ist. Selbst wenn das nicht Inhalt des Buches ist, wäre es zum Abschluss interessant gewesen, zu erfahren, was die Hauptpersonen aktuell machen. Im Laufe der Erfolgsgeschichte kommen viele Beteiligte zu Wort. Auffällig ist jedoch, dass Sänger Axl verhältnismäßig wenige Anteile daran hat. Doch diese Dinge sollten den Fan nicht davon abhalten, dieses Werk zu kaufen. Schließlich wurden mit sehr viel Liebe zum Detail Erlebnisse in Wort und Bild zusammengetragen, die in dieser Form ihresgleichen suchen.

|348 Seiten, kartoniert
mit zahlreichen, meist farbigen Fotos
ISBN-13: 978-3-86543-361-9|
http://www.bosworth.de

Burnett, David / Salewicz, Chris / Murray, Chris – Bob Marley – Soul Rebel

_Guru oder Protestsänger? Marley ohne Nimbus_

Am 6. Februar 2009 wäre Bob Marley 64 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint der vorliegende prachtvolle Bildband, der ausgezeichnete und zum Teil unveröffentlichte Fotos vom Karrierestart eines der einflussreichsten Musiker des vorigen Jahrhunderts zeigt, darunter viele Fotos von der ersten Exodus-Tour 1977 durch Europa. Die Aufnahmen stammen vom |TIME|-Fotografen David Burnett, der den Musiker vor Ort in Kingston besuchte und ihn auf seiner Tournee begleitete.

_Die Autoren_

1) Der Fotograf: David Burnett

Burnett, geboren 1962 in Salt Lake City, begann seine Karriere 1967 als Praktikant beim |TIME Magazine|. Von 1970 bis 1972 berichtete er für die Zeitschrift |Life| über den Vietnamkrieg. 1975 war er Mitbegründer der Agentur |Contact Press Images| in New York City. Burnett reiste in über 75 Länder und veröffentlichte Fotoreportagen in |Time|, |Life|, |Fortune|, |The New Yorker| und |The New York Times Sunday Magazine|. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

2) Autor des Vorworts: Chris Salewicz

Der Journalist Chris Salewicz schreibt seit mehr als 20 Jahren über Popkultur, besonders über Reggae, Er war für den |New Musical Express| (NME) tätig, arbeitete für die |Sunday Times|, |The Face| sowie die Zeitschrift |Q| und schrieb die autorisierte Biographie „Bob Marley: Songs of Freedom“. Mit „Rude Boy“ veröffentlichte er seine Erinnerungen an die Insel Jamaika. Er war verantwortlich für das Booklet der preisgekrönten Vier-CD-Box „Tougher than Tough: The Story of Jamaican Music“ und schrieb mit am Drehbuch zu dem jamaikanischen Actionfilm „Third World Cop“.

|3) Autor der Einleitung: Chris Murray|

Chris Murray ist Gründer und Leiter der |Govinda Gallery| in Washington, D.C. In mehr als 30 Jahren hat er über 200 Ausstellungen organisiert, oft mit den führenden amerikanischen Künstlern. Murray zeigte in den 1970er Jahren Andy Warhol und veranstaltete 1983 die erste Ausstellung der Starfotografin Annie Leibovitz. Seit damals hat sich die |Govinda| zu einer der innovativsten Galerien der Vereinigten Staaten entwickelt.

_Inhalte_

|a) Texte|

Wie nähert man sich einem Idol? Sehr vorsichtig und schrittweise. Deshalb gibt es a) ein Vorwort, b) eine Einleitung und c) die eigentlichen Begleittexte zu den vier Kapiteln.

|Das Vorwort|

Salewicz holt in seinem Vorwort gleich das Weihrauchgefäß raus und beginn es über dem „klassischen mythologischen Helden“ Bob Marley zu schwenken. Das ist leider wenig hilfreich, denn Weihrauchwolken tendieren dazu, die Sicht auf die wirklichen Dinge zu vernebeln. Eine Aufzählung von Stilisierungen taugt nicht, um diese Wolken zu vertreiben. Zur Sache kommt der offenbar ergriffene Journalist erst in der dritten Spalte, als er endlich die Biografie des derart auf den Sockel gehobenen Stars erzählt.

Robert Nesta Marley wurde am 6. Februar 1945 in Nine Miles in der Gemeinde Saint Ann auf Jamaika geboren. Sein Vater, ein britischer Offizier, verließ ihn zweimal, einmal nach der Geburt in Nine Miles und etwa neun Jahre später erneut in der rauen städtischen Umgebung von Kingstons Slumviertel Trenchtown. (Marley singt über Trenchtown in einem seiner bekanntesten Songs, „No Woman No Cry“.) 1964 begann er seine Musikkarriere mit den |Wailers|, ergatterte in London bei |Island Records| einen Plattenvertrag und verkaufte von seinem 1982 posthum veröffentlichten Album „Legend“ 15 Millionen Kopien – was für ein Aufstieg.

Marley starb am 11. Mai 1981 an Krebs. Dazwischen lag eine mühevolle und einzigartige Karriere, die der Autor detailliert beschreibt, in der neuen Musikrichtung des Reggae. (Um was es dabei geht, muss hier aus Platzgründen vorausgesetzt werden, außerdem will ich keine Eulen nach Athen tragen.) Heute sei Marley einer der wichtigsten Musiker der Dritten Welt, praktisch auf einer Stufe mit John Lennon, und zwar vor allem wegen seiner Botschaft aus Liebe und Freiheit.

|Die Einleitung|

… wird wesentlich konkreter, indem Murray, der Galeriebetreiber aus der US-Hauptstadt, erst den Fotografen Burnett beschreibt und dann dessen Aufenthalt auf Jamaika, bei dem es zu den Aufnahmen mit Marley kam. Burnett und seine journalistischen Gefährten sollten 1976 das neue Phänomen des „Reggae“, einen Nachfolger des Rocksteady (1966 ff) kennenlernen. Sie stießen an der Nordküste auf eine rebellische Subkultur, komplett mit Religion, chiliastischem Heilsversprechen und weltlichem Gott, dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie – wow! Und dann rauchten diese Musiker auch noch Ganja – Marihuana – am laufenden Band – cool!

Gar nicht so cool war die Szene, auf die sie in der Hauptstadt Kingston trafen. Zwei Parteien standen einander bis an die Zähne bewaffnet gegenüber, und wer in die Zone der anderen geriet, war des Todes. In diese Auseinandersetzungen, die das Land zerrissen und die Bevölkerung dezimierten, geriet auch der aufstrebende Musiker und Freiheitspoet Robert Marley. Er wurde mitsamt seiner Frau und seinem Manager niedergeschossen. Glücklicherweise wurde bei diesem Attentat niemand getötet, aber Verletzungen hinterlassen nicht nur äußerlich ihre Spuren.

Es sind solche umwerfenden Informationen, die auch Salewicz hätte bringen können. Doch stets ist es die Frage für einen Autor, ob er sich mehr auf die Musik bzw. das Werk eines Künstlers konzentrieren soll oder auf dessen Biografie. Salewicz kümmert sich um beides und weiß doch nicht recht zu befriedigen. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich wüsste, was Marley antrieb. Aber die genannten erschreckenden Fakten über Kingstons Beinahe-Bürgerkrieg vermitteln doch eine Ahnung dessen, worum es bei Marley gegangen sein muss: Freiheit, Versöhnung, Liebe, kurzum: Erlösung.

|Die Kapiteltexte|

Endlich kommt der Fotograf selbst zu Wort. Burnett bemüht sich um Fassung und Selbstkontrolle, doch vielfach kann er nicht umhin, das Objekt seiner Aufnahmen zu loben: die Geduld, die Freundlichkeit, die hochintelligente und doch innovative Redeweise des bekannten Jamaikaners. Man kann also nicht sagen, dass er, wie manche von Marleys Fans, den Musiker für den wiedergekehrten Jesus hielt. Das ist wahrlich eine Erleichterung.

Ein Fotograf war damals noch in der heute völlig undenkbaren Lage, einen Star direkt und ohne PR-Geschwader aufzunehmen und ihm sogar Regieanweisungen zu geben, selbiger Star möge doch kurz mal fünf Meter rennen, damit er mit seiner Spezialkamera ein Bild anfertigen könne. Auch die Close-up-Bühnenfotos von den Konzerten in Europa wären heute so nicht mehr zu machen. Burnett gehörte damals praktisch zur Familie, kickte Fußball, begleitete den Soundcheck, fuhr im Tourbus mit. Hoffentlich kochte er auch mal Kaffee.

|b) Fotos|

Der Bildteil des Bandes ist gewissermaßen viergeteilt. Nach einem einleitenden Teil mit allgemeinen Fotos von Marley folgt ein Backgrounder. Der Fototrip der Amis begann 1976 ja in Ocho Rios an der Nordküste. Dort spielten Vorläufer Marleys wie die Band |Burning Spear| und natürlich Peter Tosh. Dieser Hintergrund, der das Phänomen Marley erst möglich machte, ist wichtig, um die Entstehung Marleys und des Reggae verstehen zu können.

Der zweite und wesentlich umfangreichere Teil stellt uns den Meister himself vor. Die Aufnahmen erfolgten vor und in seinem Haus in Kingston. Er trägt die Dreadlocks, den Negus-Bart, ein weißes Hemd, eine Westerngitarre mit dem Foto des Negus darauf (Negus: Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, der „Löwe von Juda“). Und fast immer befindet sich in seinen Fingern ein Joint von Ganja. (Marley starb unter anderem an Lungenkrebs.)

Doppelseitige, ausklappbare Schwarzweißfotos machen das Idol tauglich zum Poster fürs Teenie-Zimmer – und vielleicht auch für die eine oder andere Galerie. Hier sieht man „das Weiße im Auge“ des „monstre sacré“, wie die Franzosen sagen.

Den letzten und farbigsten, geradezu farbenfrohe Teil bestreiten die Fotos, die 1977 auf der „Exodus“-Tour aufgenommen wurden. Aufnahmen auf, vor und hinter der Bühne vermitteln fast schon das Gefühl, live dabei zu sein. Im Mittelpunkt steht häufig Marley solo, aber er hatte auch eine Menge Mitstreiter, darunter die Begleitmusiker und Choristinnen. Die Credits und Danksagungen schließen diesen Teil ab.

Ich will nicht verschweigen, dass ich zwischen Seite 109 und 112 auf beschädigte Seiten stieß. Das Papier war am unteren Seitenrand, nahe beim Bund, eingerissen. Hier ging offenbar beim Druck etwas schief. Um diesen Fehler zu vermeiden, sollte der Käufer darauf achten. Das ist allerdings schwierig, wenn das Buch, wie meines, in eine Plastikfolie eingeschweißt angeboten oder geliefert wird.

_Mein Eindruck_

Es ist heutzutage schwer geworden, sich einem Künstler so stark zu nähern, wie es David Burnett 1976/77 konnte. Da ist man heute auf die Gunst der PR-Maschinerie angewiesen. Burnett stellt in seinem Text selbst einige Vergleiche an, die nicht gerade schmeichelhaft für den heutigen Medienbetrieb ausfallen. Deshalb wirken seine Aufnahmen von einem Bob Marley ohne jedes Brimborium authentisch, sympathisch und glaubwürdig. Hier wurde nicht retuschiert, und von einer digitalen Bearbeitung konnte man 1976 nur träumen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Fotos nun grobkörnig wie in einer Schnupftabakdose daherkämen. Ganz im Gegenteil. Die Bilder sind besonders bei den Bühnenaufnahmen derart hochauflösend, dass keinerlei Korn festzustellen ist. Die einzigen Aufnahmen, die Werkstattcharakter aufweisen, sind die Kontaktabzüge auf Seite 66/67. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie ein Fotoreporter mit seinem Ergebnis arbeitet: streichen, akzeptieren, vergrößern, einen Ausschnitt nehmen usw. Das ist Fotografie alter Schule, die möglicherweise gar nicht mehr gelehrt bzw. gelernt wird.

Sehr willkommen ist die Abwesenheit jeder Art von Spezialeffekten, wie etwa Strahler, Speziallinsen, Filter oder gar Überblendungen. Das Ergebnis ist pure Fotografie im Sinne eines Capra oder Bresson, den großen Vorbildern Burnetts: verité. Man kann sich sehr gut Burnetts Bilder vom Vietnamkrieg vorstellen (sein Kollege nahm das bekannteste Foto dieses Kriegs auf: das schreiende nackte Mädchen, das vor einem Napalmangriff flieht). Wenn Marley jemals ein Heiliger war, dann holen ihn diese Fotos wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Auch Jesus war zuerst und vor allem ein Mensch.

|Die Übersetzung|

Bis auf ein oder zwei vergessene Buchstaben („senen“ statt „seinen“) konnte ich keine Fehler finden. Die Übersetzung hält sich, dem Sprachstil nach zu urteilen, häufig eng an das Original. Das ist zum einen gut, wegen der Worttreue, zum anderen wirkt aber der Stil im Deutschen dann nicht mehr so flüssig. Ich lege mehr Wert auf die Worttreue.

_Unterm Strich_

Das Titelbild zeigt einen Mann mit einer Klampfe – einer ganz speziellen: sie trägt (verdeckt) das Foto des Kaisers Haile Selassie, was den Mann als einen Rastafarian ausweist. Dieser „Soul Rebel“ hat also nicht nur Musik zu geben, sondern ist erfüllt von einer Religion und einer Botschaft, ein Mann auf einer Mission. Die Botschaft lautet Freiheit, Liebe, Versöhnung, kurzum: Erlösung. Songs wie „I shot the sheriff“, „Get up stand up“ und „Redemption Song“ (eben der „Erlösungs-Song“) lösten die Mission ein und trugen sie rund um die Welt. Marley hat in manchen Kreisen, wen wundert’s, den Status eines Gurus und Heiligen.

Daher war ein Bildband wie der vorliegende, der ihn vom Sockel holt, durchaus notwendig. Auch wenn Marleys Familienleben komplett ausgeblendet ist (es sei denn, man rechnet die Tourneebus-Crew dazu), erscheint er nun nur wie der logische Exponent einer Bewegung, die schon in Burning Spear, Peter Tosh, Jimmy Cliff und Johnny Nash wichtige Vertreter hervorgebracht hatte, bevor er in den Vordergrund trat. In diesem Band ist er wieder der Mann mit der Klampfe, teils Protestler in Bob-Dylan-Manier, teils Prediger einer besseren Welt.

Als Bilddokumentation erfüllt dieser Band seine Aufgabe ausgezeichnet und kann sogar als Posterfundus dienen. Die Begleittexte machen neugierig auf den Menschen Marley und auf die Insel, auf der der Reggae erfunden wurde. Burnett nimmt uns quasi mit auf eine Expedition in den unbekannten Kontinent des Reggae, wo die Dreadlocks-tragenden Rastafari in letzten Exemplaren vorkommen sollen, die sicherlich kurz vor dem Aussterben stehen. Zum Glück stießen Burnett und seine schreibenden Kollegen nicht auf das „Herz der Finsternis“ (außer in Kingston), sondern auf ein neues Licht, das von einer befreienden Botschaft und einer wichtigen neuen Stimme verbreitet wurde: Bob Marley. So, jetzt hab ich mein Scherflein zur Heiligenlegende beigetragen.

Dass der Erwerb eines solchen Bildbandes nicht ganz billig ist, dürfte wohl einleuchten, aber gebrauchte Exemplare wird es nicht so schnell geben: Es ist einfach ein Sammlerstück. Und wenn die Papierqualität stimmt (siehe oben), will es wohl kein Sammler so schnell wieder hergeben.

|Originalausgabe 2009 bei Insight Editions, San Rafael, CA, USA
Aus dem US-Englischen von Madeleine Lampe
Vorwort von Chris Salewicz
Einleitung von Chris Murra
144 Seiten Großformat, mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißfotos und 4 Ausklapptafeln
ISBN-13: 978-3-89602-873-0|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Davis, Stephen – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Ihre himmlische Hymne ‚Stairway To Heaven‘ ist seit ihrer Veröffentlichung der meistgewünschte Titel im amerikanischen Radio, sie waren zu Lebzeiten erfolgreicher und populärer als die |BEATLES| und die |STONES|, ihre Platten retteten manchen Plattenladen vor dem Konkurs, und selbst die 77er-Punk-Revolution und die maskierten Effekte von Gruppen wie |KISS| konnten |LED ZEPPELIN| wenig entgegensetzen. Als Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und der Sohn des verstorbenen Schlagzeugers John ‚Bonzo‘ Bonham, Jason, im vorletzten Jahr in London ein gefeiertes, anscheinend aber nur einmaliges Konzert gaben, stand zudem fest, dass es wohl nach wie vor keine Band gibt, die ein so treues Following hat und gleichermaßen nach wie vor ein solch großes Ansehen unter Künstlern, Fans und einfachen Musikliebhabern genießt wie die musikalisch schier unantastbare Ikone. Dennoch: Wer glaubt, die vier Musiker seien ein Paradebeispiel für eine Supergroup, die sich durch nichts und niemanden hat aus der Bahn werfen lassen – den Tod von Bonham mal außen vor gelassen -, der sieht sich mächtig getäuscht. Stephen Davis, der bereits 1985 das erste Exemplar der ZEPPELIN-Biografie „Hammer of the Gods“ herausbrachte, offenbart schonungslos das Skandalleben der vielleicht wichtigsten Rock-’n‘-Roll-Band aller Zeiten und ihres gesamten anrüchigen Anhangs – und schlägt dabei gerne auch selbst über die Stränge …

Dabei will man gar nicht vermuten, dass der bodenständige, von Musik und Gitarren infizierte junge Jimmy Page überhaupt das Potenzial zum völlig unkontrollierten Junkie in sich trägt, als er in den späten Sechzigern gemeinsam mit Jeff Beck bei den |YARDBIRDS| spielt. Seine Passion für den Blues steht über allem anderen, seine Leidenschaft für Robert Johnson und die ersten Musiker dieser Spezies bringt ihn in seinen Ambitionen ständig voran, bis zu jenem magischen Moment, als er mit dem als untalentiert verschrienen Robert Plant, dem begabten Arrangeur John Paul Jones sowie dem als bestialisch bekannten Schlagzeuger John Bonham ein erstes Mal den Proberaum betritt – pathetisch beschreibt Davis, welche Magie in jenem Moment in der Luft lag. Aber man mag ihm trotz der klischeehaften Darstellung sofort glauben …

Der Autor geht nach der kurzen Introduktion der Musiker vor allem auf den Entstehungsprozess der einzelnen Alben ein, spart sich im Laufe seines Berichts aber auch wirklich keine Klischees. Da wird der zwielichtige Manager Peter Grant, ein ehemaliger Wrestler und dementsprechend auch jederzeit gewaltbereit, teilweise als Mitinitiator des steilen Aufstiegs vorgestellt, darüber hinaus der ständige Tourbegleiter Richard Cole, der gemeinsam mit Bonzo Bonham manchen Laden aufgemischt hat und auch ständig für Nachschub in Sachen Drogen und Groupies sorgen durfte, und dazu selbst einige Mädels, die den vier Musikern das Tourleben etwas schmackhafter gemacht haben, während ihre Familien in England darauf warteten, dass ihre erfolgsverwöhnten Gatten endlich wieder von einer ihrer unzähligen US-Tourneen zurückkehrten. Es ist ein absoluter Rundumschlag, der eine Dekade voller Exzesse und Unberechenbarkeiten analysiert, die Diskrepanzen zwischen künstlerischer Genialität und Menschlichkeit aufrollt, dabei die vier Hauptcharaktere und ihr Umfeld in recht diffuses Licht rückt, letztendlich aber auch nur eines zeigt: So viel Rock ’n‘ Roll und Revolution im Blut hatte nach dem Tod von John Bonham keine andere Band in diesem Business.

Die Neufassung des Buches befasst sich in ihrem wesentlichen Inhalt natürlich mit der Karriere des Zeppelins und deren Vorgeschichte, berichtet hautnah von Skandalen und Erfolgen und beschreibt darüber hinaus den persönlichen Wandel der Musiker. Die Alben und Shows werden vertieft, aber ebenso die zahlreichen Nebenschauplätze, bis hin zu jenem tragischen Tag, als der Drummer nach einer erneuten Zechtour an seinem Erbrochenen erstickt und damit den Stempel auf ein Leben setzt, das früher oder später mit einem solch bitteren Finale enden musste. Schade ist allerdings, dass die darauf folgenden Ereignisse nicht mehr mit derselben Intensität geschildert werden. Das letzte Viertel des Buchs, also quasi die Ergänzung, beschreibt zwar die sich stetig entwickelnde Hassliebe zwischen Page und Plant, gibt auch weitere Einblicke in die weitere Biografie, vertieft aber nicht mehr den weiteren Lebensweg der beiden Hauptakteure. Nun gut, nach dem Absturz des Mutterschiffs gab es auch nicht mehr so viele aufregende Dinge zu erzählen, doch insgesamt hätte der Autor hier doch noch ein bisschen mehr Leidenschaft hineinpumpen können, um sein begeistertes, mitreißendes Werk auch bis zum Ende auf einem ähnlich hohen Level zu halten wie die pure Bandbiografie.

Nichtsdestotrotz: Dieses Buch ist auch mit den etwas oberflächlichen Ergänzungen eine der besten, vor allem auch lebendigsten Musiker-Biografien des aktuellen Jahrzehnts und nebenbei mit so vielen humorvollen Anekdoten gefüllt wie wohl kaum ein anderes Exemplar in diesem Genre. Man muss daher nicht dringend Fan dieser Band sein, um „Hammer of the Gods“ genießen zu können. Schließlich wird hier nicht nur eine Karriere, sondern ein elementarer Anteil des damaligen Zeitgeistes offenbart – und das, es sei noch mal betont, auf beeindruckende Art und Weise!

|ISBN-13: 978-3-927638-43-3
409 Seiten, 16 Fotografien|
http://www.led-zeppelin.com
http://www.rockbuch.de
http://www.edel.de

_Mehr |LED ZEPPELIN| auf |Buchwurm.info|:_

[„Led Zeppelin – Talking“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=434
[„Whole lotta Led – Unsere Reise mit Led Zeppelin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2855
[„A Tribute to Led Zeppelin – Fotografien“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4929

Davis, Stephen – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Angeblich gibt es bei der Bundeswehr die inoffizielle Aufgabe des Zahlmeisters. Das ist ein Feldwebel, der in einem gepanzerten Geldwagen hinter Manövern herfährt und dabei verursachte Schäden an Vieh, Saaten oder Zäunen mit den betroffenen Bauern sofort per Handschlag und Bargeld regelt. Auch skandalträchtige Rockbands sollen gerüchteweise über diskrete Schnellregulierer verfügen, die mit der dicken Brieftasche anrücken, nachdem vor „zufällig“ anwesenden Fotoreportern Hotelzimmer zerlegt oder Fernseher aus dem Fenster geworfen worden sind. In Stephen Davis‘ Bandbiographie „Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga“ kann man an einigen Stellen zwischen den Zeilen lesen, dass es auch bei dieser Gruppe wohlkalkulierte Spontanausbrüche gegeben haben mag.

Im Großen und Ganzen aber ist „Hammer of the Gods“ als |Chronique scandaleuse| angelegt, die ausgiebig über Drogen- und Sexanekdoten verschwörerisch raunt und dabei ebenso die Jungen erfreut, die hier lesen können, was Mutti gar nicht schätzt, ganz wie die Altgewordenen, deren Jugend desto schöner wird, je weiter sie zurückliegt. Das Buch ist selbst schon ein kleines Stück |LED ZEP|-Geschichte geworden. 1985 erschien es zum ersten Mal und wurde seitdem mehrfach fortgeschrieben und um spätere Projekte wie |PAGE/PLANT| oder nachträgliche Veröffentlichungen ergänzt. Die letzte Überarbeitung, welche die Live-CD „How The West Was Won“ und die DVD „Led Zeppelin“ (beide 2003) erwähnt, den umjubelten Auftritt in London am 10.12.2007 aber nicht mehr, liegt seit November dieses Jahres in deutscher Übersetzung vor.

Wer ernsthaft an Rockgeschichte interessiert ist, findet in „Hammer of the Gods“ jede Menge Informationen und gewinnt dennoch kaum Erkenntnis. Über weite Strecken schreibt Davis als unkritischer Fan, und vor allem bemüht er das Klischee vom wilden Rock-&-Roll-Leben. Ein Füllhorn an Groupies, Rauschmitteln und schwarzer Magie wird über dem Leser ausgeschüttet. Dabei lässt sich Davis immer ein Hintertürchen offen, indem er nur selten klipp und klar sagt, wer denn was angestellt hat. Gerade bei Eskapaden, die strafrechtlich relevant sein dürften, hüllt sich alles in Nebel. Waren nun Bandmitglieder beteiligt? Oder doch nur die Roadies? Oder ist das Ganze nur ein Gerücht? (Oder hat unser geheimnisvoller Zahlmeister verkaufsfördernde Skandalgeschichten in die Welt gesetzt?)

Hinter dem Erfolg von |LED ZEPPELIN| standen vor allem zwei Männer: Zunächst war da der Bandgründer und Gitarrist Jimmy Page, ein guter Schüler und Student, der bereits in sehr jungen Jahren ein gut bezahlter Studiomusiker war. Er war das letzte Mitglied, das bei den |YARDBIRDS| aufgenommen wurde. Doch als diese sich auflösten, gehörten ihm die Namensrechte! Der zweite war Manager Peter Grant, der vermutlich Geld riechen konnte und immer neue Einnahmequellen entdeckte. Nach Amerika, wo es echtes Rockradio gibt und seinerzeit britische Bluesrockgruppen sehr gefragt waren, schickt er die Band regelmäßig auf Tour. Auf unfreundliche Presseberichte hin lädt man Journalisten zu Tourreportagen ein und engagiert sogar einen eigenen Pressesprecher. Als sich der Erfolg eingestellt hat, schlagen sie bei ihrem Verlag |Atlantic| ein eigenes Label, |Swan Song|, heraus, das erfolgreiche Bands wie |BAD COMPANY| und die |PRETTY THINGS| unter Vertrag nimmt und das |Atlantic| noch als Distributor unterstützen darf.

Da Davis alle tatsächlichen und angeblichen Eskapaden exhibitionistisch ausbreitet und als lustigen Dauerkarneval präsentiert und dann aber nur selten wirklich konkret wird, verliert er selber die Maßstäbe. So heißt es von Jimmy Page, dass er sich bei den ersten Amerikatourneen, als es besonders hoch hergegangen sein soll, von harten Drogen fernhielt. Später erwähnt der Autor ganz beiläufig, dass Page und Grant Mitte der Siebziger sogar vor Zeugen Kokain schnupften, und geht gedankenlos zur nächsten Episode über, ohne zu würdigen, dass sich hier offenkundig das Ende schon ankündigte. Gab es in der Anfangszeit von |LED ZEPPELIN| fast jedes Jahr ein Album und zwei Tourneen, bricht ab 1975/76 langsam alles zusammen. Die äußerst wichtige Frage, ob John Bonhams Tod 1980 die Ursache oder nur noch der Anlass für die Bandauflösung war, bleibt unbeantwortet. Gleichzeitig siecht auch das von schnellem Erfolg begünstigte Label |Swan Song| dahin, weil in dieser Firma allmählich niemand mehr arbeitet.

Richtig ärgerlich wird es, wenn es um das Thema Okkultismus geht. Etliche Artikel über die Band hantieren seit Jahren etwas hilflos mit der Frage herum, inwieweit Aleister Crowley Jimmy Page und |LED ZEPPELIN| beeinflusst haben mag. Aber dieses ominöse, affektgeladene Thema lässt sich Stephen Davis natürlich nicht entgehen, um noch mehr effektheischende Nebelschwaden zu entfachen. Gleich zu Beginn tischt er eine mittelalterlich anmutende Räuberpistole vom Pakt mit dem Teufel auf, und Begriffe wie „Magie“, „Ritual“ usw. gibt es gleich im Dutzend billiger. Zu Crowley selber gibt es nur ein paar dürre biographische Daten, aber keine kritische Würdigung. Die entscheidende Frage, ob er denn wirklich ein dämonischer Teufelsbeschwörer oder vielleicht doch nur ein geltungsbedürftiges Großmaul war, wird gar nicht erst gestellt. Ebenso wenig, ob Pages Sammlung an Crowley-Devotionalien eine ernsthafte, womöglich verehrende Beschäftigung mit diesem Phänomen war oder nur ein Spleen oder ein medienwirksamer Trick.

Sehr stark ist das Buch dann, wenn es um das eigentliche Thema geht, die Musik. Jedes Studioalbum bespricht Davis Stück für Stück, er gibt die Konzertprogramme mit den verschiedensten Coverversionen und Medleys wieder, er nennt die Entstehung derjenigen Aufnahmen, die erst posthum auf der „Coda“ (1982) veröffentlicht wurden, und erwähnt auch sämtliche Soloalben, die nach der Bandauflösung entstanden sind. Insbesondere die ausführliche Würdigung der einzelnen Stücke und Konzertfavoriten macht einem wieder die Klasse und Bedeutung dieser kaum zu überschätzenden Gruppe bewusst. Ihre Beschäftigung mit Rock ’n‘ Roll, Blues, keltischer Folklore und auch exotischer Musik wird vorgestellt. Obwohl Fan, behandelt der Autor auch ausführlich die Tatsache, dass sich die Band gerade in ihrer Frühzeit gerne bei Fremdkompositionen bediente. Dass |LED ZEPPELIN| einige ihrer Stücke auf Grundlage fremder Ideen ausarbeiteten, mindert überhaupt nicht ihre künstlerische Bedeutung, zeigt aber, dass ihr Geschäftsgebaren manchmal die guten Sitten missachtete. Wenn es schließlich um die Wirkung ihrer Musik geht, tappt Davis in die eigene Falle. Er schildert ein wild begeistertes Konzertpublikum, Jugendliche außer Rand und Band, auf die ‚Whole Lotta Love‘ eine aufreizende und ‚Dazed And Confused‘ eine gespenstische Wirkung ausübte. Aber nachdem er so viele Skandalgerüchte aufgerührt hat, weiß man nicht mehr, ob man das glauben kann oder nicht. Und wenn ja, woran lag diese Entfesselung? War es die zeitbedingte Gier nach Neuem, oder sind wir heute – etwa vierzig Jahre und hundert Trends später – einfach zu abgestumpft, um eine derart tiefgehende Wirkung nachzuempfinden?

Natürlich sind Themen wie Geld und Organisation nicht annähernd so spannend wie halbdunkle Skandalgeschichten. Aber dennoch wäre es für Fans und Nachwuchsmusiker sicher interessant zu lesen, warum einige Bands wirtschaftlich überleben konnten und andere nicht. Und insbesondere in einer Zeit, in der etliche Musiker von Managern und Verlagen über den Tisch gezogen wurden, macht ein gesunder Geschäftssinn eine Rockband keineswegs unsympathisch. Inwieweit der Erfolg von |LED ZEPPELIN| von der Musik, der Geschäftstüchtigkeit und geschickter Öffentlichkeitsarbeit beeinflusst wurde, wird bei Davis nicht geklärt. Dass die Musik aber, die in ihren besten Momenten wirklich faszinierend war, die entscheidende Voraussetzung war, steht ganz außer Zweifel.

|ISBN-13: 978-3-927638-43-3
409 Seiten, 16 Fotografien|
http://www.led-zeppelin.com
http://www.rockbuch.de
http://www.edel.de

_Mehr |LED ZEPPELIN| auf |Buchwurm.info|:_

[„Led Zeppelin – Talking“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=434
[„Whole lotta Led – Unsere Reise mit Led Zeppelin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2855
[„A Tribute to Led Zeppelin – Fotografien“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4929

Belisle, David – R.E.M. – Hello. Fotografien von David Belisle

_Visuelles Andocken am Planeten R.E.M._

Auf knapp 200 Seiten präsentiert dieser Bildband die Rockband |R.E.M.| auf Hochglanzfotos, die der Fotograf David Belisle in den Jahren zwischen 2003 und 2007 geschossen hat. Alles Weitere und Nähere lest ihr im Folgenden. Der aktuelle Anlass: das Erscheinen des Albums „Accelerate“ (Beschleunige).

_Die Band_

Von der kleinen unbekannten Band „Twisted Kites“ aus Athens, Georgia, bis zu |R.E.M.|, die weltweit die Konzerthallen füllen, war es ein weiter Weg, den Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills gegangen sind. Der Name |R.E.M.| steht für Rapid Eye Movement, also schnelle Augenbewegung. Dies bezeichnet diejenige Schlafphase, in der, so die Annahme oder Diagnose, der Schläfer träumt.

Obwohl in den Achtzigerjahren noch relativ unbekannt, galten |R.E.M.|, inspiriert von Patti Smith, bald als Vorreiter des College- und Alternative Rock. Sie waren Vorbild für Musiker wie Kurt Cobain von |Nirvana|. Im Jahr 1991 gelang ihnen mit dem Album „Out of time“ und der Single „Losing my religion“ der internationale Durchbruch. Auch die LP „Automatic for the people“ wurde ein Riesenerfolg.

Es folgten Hits wie „Man on the moon“, „Everybody hurts“ oder „It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)“. Dazu kommen die große Bühnenpräsenz und die clever inszenierten Live-Shows der Band. |R.E.M.| wird heute als eine Art Gesamtkunstwerk betrachtet, mit dem androgynen Michael Stipe als Frontman. Im März 2008 veröffentlichten sie ihr vierzehntes Studioalbum. Mit „Accelerate“ wollen sie nun die Bühnen der Welt erobern.

_Der Fotograf_

Der Fotograf David Belisle, der mit der Band eng befreundet ist, hat sie in den letzten sechs Jahren auf ihren Tourneen begleitet sowie auf und hinter der Bühne fotografiert. Mit seiner Kamera hat er seltene Momente und intime Einblicke festgehalten – für jeden Fan ist ein Augenöffner dabei. Wie den Bildunterschriften (s. u.) zu entnehmen ist, wurden viele Aufnahmen in den Jahren 2003 und 2004 gemacht, auf ihrer Welttournee.

_Die Fotos und Bildunterschriften_

Die über 150 Fotografien dieses Bildbandes umfassen farbige und schwarzweiße Fotografien der drei Bandmitglieder Stipe, Buck und Mills nicht nur bei Live-Auftritten, bei Dreharbeiten zu Videoclips oder mit Musikerkollegen wie Bruce Springsteen, Patti Smith, Neil Young und Thom Yorke von |Radiohead|, sondern auch jenseits des Rampenlichts, wie sie nur ihre engsten Freunde kennen. Auch Michael Moore und Woody Harrelson tauchen auf.

Belisle schreckte nicht einmal davor zurück, Stipe auf der Toilette oder unter der Dusche zu fotografieren. Kein Wunder, denn, wie Stipe im Vorwort schreibt, ist „das Klicken von Belisles Leica oftmals so leise, dass er wahrscheinlich schon Fotos gemacht hat, bevor irgendjemandem aufgefallen ist, dass er die Kamera in der Hand hält“. Dabei beweist Belisle nicht nur Vorwitz, sondern auch Humor. Einmal machte Stipe ein Video für die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam. Man sieht, wie er mit einer weißen Flüssigkeit übergossen wird. „Ich stank eine Woche lang nach Babybrei“, kommentiert Stipe. Das Stipe sich für solche Inititativen engagiert, zeigen auch das „Vote for Change“-Konzert und sein Bild der burmesischen Dissidentin Aung San Suu Kyi.

Viele Aufnahmen zeigen den Charakterkopf Stipes mit einer dunkelblauen Färbung um die Ohren-, Stirn- und Augenpartie. Es handelt sich allerdings nicht um ein „Veilchen“ aus einer Schlägerei, sondern um bodypaint, das mit seinem Tourdesign zu tun hat. Stipe macht einen auf wildes Tier oder Kannibale. Ob dies etwas mit dem Video „Animal“ zu tun hat, kann ich nicht sagen, denn ich habe es nie gesehen.

Bei Fotos zählt nicht nur das Motiv, sondern auch Auswahl und Kombination. Vielfach werden Bühnenaufnahmen mit Hochglanzmotiven den schwarzweiß gehaltenen Backstage-Motiven gegenübergestellt, um zu sagen: Leute, das Leben auf der Tour hält nicht nur schöne Momente bereit, sondern kann auch ganz schon banal und trist sein. Stipe regt mit einer seiner Bildunterschriften an, dies mal zur Diskussion zu stellen. Danach sehen glamouröse Events wie die Aufnahme in die |Rock ’n‘ Roll Hall of Fame| anno 2007 etwas weniger schillernd aus (S. 168/169).

Auch die Töchter von Peter Buck, Zoe und Zelda sind zu sehen (z. B. Seite 50), aber sie starren direkt in die Kamera und sind sich des Geknipstwerdens voll bewusst. Am Schluss stößt der Betrachter auf eine doppelseitige Collage aller Motive, die nicht auf eine Einzelseite passten: Ausschnitte aus rund 500 Schnappschüssen wurden von Kim Buchanan zusammengefügt und collagiert. Wer sich Zeit nimmt und länger auf die Details Acht gibt, wird noch sehr viel mehr Beachtenswertes über die Band und ihre Satelliten erfahren. Es lohnt sich.

Die Bandmitglieder haben vielen, aber beileibe nicht allen Fotos einen handgeschriebenen Kommentar als Bildunterschrift beigefügt. Leider sind diese Zeilen nicht ohne weiteres zu entziffern, aber nach einer Weile des Überlegens ist es mir immer gelungen, die schiefen Buchstaben zu sinnvollen Wörtern zusammenzusetzen. Die Zeile der zwei Mädchen auf S. 51 über ihren Vater Peter Buck ist am besten zu entziffern.

|Nachwort von Belisle|

In seinem Nachwort „Der Westen von Seattle“ schildert Belisle, wie er es schaffte, Tourfotograf einer so berühmten Band wie |R.E.M.| zu werden. Der erste Schritt war sicherlich das Aha-Erlebnis 1982 beim letzten Konzert von |The Who|, der zweite war der Kontakt zum späteren |R.E.M.|-Tourmanager Bob Whittaker (alle Crewmitglieder werden in separaten Fotos vorgestellt). 2001 wurde Belisle dann offizieller Hausfotograf der Band und begleitete sie überallhin. Der vorliegende Band ist ein Destillat aus seinen professionellen Arbeiten.

_Unterm Strich_

Der Bildband bietet einen interessanten und optisch reizvollen Querschnitt nicht nur aus dem Schaffen des Fotografen, sondern auch aus den Aktivitäten der Band. Dazu gehören nicht nur Live-Auftritte, sondern auch Foto- und Video-Shootings, die Teilnahme an Multistar-Konzerten und der Auftritt bei der Aufnahme in die Ruhmeshalle der Rockmusik.

Hinter diesem öffentlichen Erscheinungsbild gibt es aber auch die privaten Bandmitglieder zu entdecken. Während sich Peter Buck und Mike Mills meist hinter ihren Gitarren verschanzen, zeigt sich Frontmann und Sänger Michael Stipe in allen möglichen Variationen, so dass ich wirklich neugierig auf diesen ungewöhnlichen Menschen wurde. Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigt er sich sogar in seinen Privaträumen, so etwa im kleinen Gästehaus beim Schlafen.

Was fehlt, ist eine Monografie über die Band und ihr Umfeld, ja sogar über ihr politisches und ästhetisches Programm. All dies kann der ahnungslose Laie nur über die hier vorgestellten Freunde wie Neil Young, Patti Smith und Bruce Springsteen erschließen – oder über Auftritte für den US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry, für Aung San Suu Kyi und für die Welthungerhilfe Oxfam (Oxford Famine Relief). Das ist nur ein kümmerlicher Anfang und sollte den Betrachter dieses fantastisch gut aussehenden Bildbandes motivieren, sich näher mit der Geschichte und dem Werk dieses bemerkenswerten Band zu beschäftigen. (Am 12./13.4.2008 erschien beispielsweise in der SZ-Wochenendbeilage ein Artikel über Stipe und seine geistige Mutter Patti Smith, die bei |Cartier| in Paris auftraten.)

Es gibt viele Wege, sich dem |R.E.M.|-Planeten anzunähern und dort anzudocken, und dieser Bildband ist nicht der schlechteste Zugang. Auf jeden Fall einer der optisch reizvollsten und makellos produzierten.

|Originaltitel: R.E.M. – Hello
Aus dem US-Englischen von Thorsten Wortmann
192 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89602-841-9|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Heumann, Hans-Günter – Meine ersten Piano-Stücke

Hans-Günter Heumann hat in den vergangenen Jahren einen enormen Beitrag zur Verbreitung von Partitionen der Populärmusik geleistet und gilt mittlerweile sogar als einer der Publisher, die man zum Start am modernen Piano gerne als erste Anlaufstelle wählt. Seine Werke auf dem Gebiet der Klavier-Unterrichtsliteratur sind geschätzt und beliebt, was Heumann letztendlich zum Tasten-Äquivalent des angesehenen Peter Bursch hat aufsteigen lassen.

Seine neueste Publikation richtet sich erneut an das Anfängerpublikum und enthält sage und schreibe 50 Notationen aus ganz unterschiedlichen Gebieten. Den größten Anteil nehmen nach wie vor Stücke der Klassik ein, aus der Heumann Ausschnitte aus den Werken von Bach, Mozart, Strauß und Brahms entnommen hat. Sowohl populäre Stücke wie der ‚Radetzky-Marsch‘ und Brahms‘ ‚Wiegenlied‘ als auch Ausschnitte aus Händels Suiten, Haydns Sätzen und Bartholdys ‚Lieder ohne Worte‘ werden in einfachen Arrangements aufgefahren. Dazu gibt es Teile aus Verdis Opernwerk sowie einen Abschnitt aus Mozarts Klassiker ‚Die Hochzeit des Figaro‘ und zuletzt sogar ein komplettes Thema aus einer seiner Klaviersonaten.

Abseits dessen ist das Programm überraschend vielfältig: Party-Kracher wie ‚I will Survive‘ von Gloria Gaynor und Kaomas Sommerhit ‚Lambada‘ sind ebenso vertreten wie das stille ‚Imagine‘ von John Lennon und der Simon-&-Garfunkel-Klassiker ‚Scarborough Fair‘. Dazu gibt es dann Gassenhauer wie ‚Mourning has broken‘ (Cat Stevens) und ‚When the Saints go marching in‘ sowie im erweiterten Programm sogar Nummern von Fats Domino und The Animals.

Oberste Prämisse bei dieser (auf den ersten Blick) ungewöhnlichen Zusammenstellung war ganz klar die Simplizität der Piano-Arrangements, auf Basis derer sowohl ein kurzer Einblick in die Welt der Klassik als auch in den Sektor der populären, weltlichen Musik gewährleistet wird. Zwar fehlen besonders bei den klassischen Stücken noch die detaillierten Feinheiten, aber gerade für den Anfang, also in der Zeit, in der man eh noch sehr ergebnisorientiert musiziert, sind die hier gebotenen Arrangements völlig ausreichend und ein wirklich guter, vor allem aber abwechslungsreicher Lernstoff für den angehenden Pianisten. Und wie es sich für ein Werk des Autors mittlerweile schon fast gehört, darf man „Meine ersten Piano-Stücke“ daher auch jedem Einsteiger in den Tastenstoff empfehlen. Vielseitigere Werke – man blicke nur mal in die nachfolgende Übersicht – wird man nämlich gerade in diesem hart umkämpften Terrain schwerlich finden!

_Inhalt_

1. Barkarole (J. Offenbach)
2. Andante Grazioso (W. A. Mozart)
3. Prélude (M. A. Charpentier)
4. When the Saints go marching in (Traditional)
5. Musette (J.S. Bach)
6. Radetzky-Marsch (J. Strauß, Vater)
7. Zither-Ballade (A. Karas)
8. Morning has broken (Cat Stevens)
9. Wiegenlied (J. Brahms)
10. Am Brunnen vor dem Tore (F. Schubert)
11. What shall we do with the drunken Sailor (Traditional)
12. Melodie in F (A. Rubinstein)
13. Nun vergiss leises Flehn, süßes Kosen
14. Scarborough Fair (Simon & Garfunkel)
15. Santa Lucia (Traditional)
16. Down by the Riverside (Traditional)
17. Stars and Stripes forever (J. P. Sousa)
18. Frühlingslied (F. M. Bartholdy)
19. Rondo (W. A. Mozart)
20. Walzer Op.39 Nr.15 (J. Brahms)
21. All my Loving (The Beatles)
22. Menuett (W. A. Mozart)
23. Rondo (D. G. Türk)
24. Blueberry Hill (Fats Domino)
25. Wiener Blut (J. Strauß, Sohn)
26. Schwanen-Thema (P. I. Tschaikowsky)
27. Amboss-Polka (A. Parlow)
28. Sinfonie mit dem Paukenschlag (J. Haydn)
29. Wilhelm Tell (G. Rossini)
30. Aloha Oe (Q. Liliuokalani)
31. Militär-Marsch (F. Schubert)
32. Chim Chim Cher-Ee (R. M. Sherman, R. B. Sherman)
33. House of the Rising Sun (The Animals)
34. Michelle (The Beatles)
35. Air (J. S. Bach)
36. Chor der Zigeunerinnen (G. Verdi)
37. Baby Elephant Walk (H. Mancini)
38. Der Schwan (C. Saint-Saens)
39. Die Schlittschuhläufer (E. Waldteufel)
40. Der harmonische Grobschmied (G. F. Händel)
41. Siciliano (J. S. Bach)
42. San Francisco (Scott McKenzie)
43. Italienisches Konzert (J. S. Bach)
44. Gefangenenchor (G. Verdi)
45. Stenka Rasin (Traditional)
46. Imagine (John Lennon)
47. Menuett (L. Boccherini)
48. Zillertaler Hochzeitsmarsch (Traditional)
49. Llorando Se Fue – Lambada (Kaoma)
50. I will survive (Gloria Gaynor)

|95 Seiten
ISBN-13: 978-3-86543-337-4|
http://www.bosworth.de

Kugelberg, Johan / Beste, Peter – True Norwegian Black Metal

Das Feuer der norwegischen Black-Metal-Szene scheint in den vergangenen Jahren ein wenig erloschen. Die Protagonisten haben sich partiell zurückgezogen oder aber in den Sumpf der fragwürdigen Comebacks begeben, die wenigen verbliebenen Originale wiederum nutzen ihren Explorationswillen, um ihren Sound in die Moderne zu rücken; und auch wenn noch eine gute Handvoll Individualisten die Flamme der zweiten Generation am Lodern hält, so ist das, was vor gut anderthalb Dekaden noch als faszinierende Subkultur gestartet war, heute eher ein Teil des nordischen Mainstreams und größtenteils sogar salonfähig geworden.

Dennoch, der Mythos bleibt unvergessen, die Ereignisse um die Mordserien, Kirchenverbrennungen und die Hatz gegen das Christentum haben nicht nur die dortige Kultur und das soziale Wesen, sondern auch die internationale Metal-Szene nachhaltig geprägt – sei es nun in visueller Form durch das Corpsepaint, im rohen Ausdruck der rauen, hasserfüllten Musik oder eben auch in der inhaltlichen Grundaussage der schwarzmetallischen Lyrik, die auch heute noch häufig aufgegriffen wird, aber eben nicht mehr derart provokant und außergewöhnlich daherkommt wie dies eben zu Beginn des letzten Jahrzehnts der Fall war.

Peter Beste, seines Zeichens passionierter und studierter Fotograf, hat sich im Laufe seiner Ausbildung und Studienzeit ebenfalls von diesem Phänomen beeindrucken und prägen lassen und vor allem die ungewöhnliche Optik der Musiker zur Faszination schlechthin erklärt. Gleichzeitig hat er gedanklich bereits ein Projekt ins Leben gerufen, das in dieser Form längst überfällig war und die eigenwillige Ästhetik der Szene wiedergeben sollte – nämlich einen Bildband aus der direkten Umgebung, der nicht nur die Darsteller selbst, sondern auch ihre direkte Umwelt, die inspirative Natur und auch die Klischees, die auch im Back Metal eine große Rolle spielen, einfängt. Unter dem Titel „True Norwegian Black Metal“ erscheint nun ein monströses Bildwerk, für das Beste einen großen Teil der letzten sechs Jahre aufbrachte und gleich dreizehnmal nach Norwegen reiste, Freundschaften knüpfte und schließlich in das Mysterium der Musik eintauchte.

Und in eben diesem Werk beschäftigt sich der Fotograf vorwiegend mit den noch verbliebenen Helden der Szene, wobei er es besonders auf Bands wie |Gorgoroth| abgesehen hat, deren Frontmann Gaahl er hier gleich in mehreren Posen zeigt. Dazu gibt es haufenweise Material von Bands wie |Carpathian Forest|, |Darkthrone|, |Mayhem|, |Enslaved| und |1349| nebst einigen Dokumentationen der Szenerie zu Beginn der Neunziger, als die ersten Kirchen brannten und Protagonisten wie Euronymus der Unmenschlichkeit mancher Mitglieder zum Opfer fielen.

Hier gibt es abseits der vielen gelungenen Ablichtungen der Musiker in ihrer privaten und beruflichen Umgebung (also der Bühne) reproduzierte Zeitungsausschnitte, die sich vor allem mit der brisanten Blütezeit des Genres beschäftigen. Die |Mayhem|-Morde werden nachgezeichnet, das Schicksal des zwielichtigen Varg Vikernes noch einmal aufgenommen, aber auch einige Original-Briefe eingeflochten, um noch näher in das Mysterium jener Zeit abzutauchen. Ergänzend gibt es schließlich noch Fotos, die jedoch anderen Quellwerken entnommen sind, aber eben einige der Leute zeigen, zu denen Beste nicht mehr vordringen konnte. Um die Sache rund zu machen, kommt auch ein langjähriger Wegbegleiter von Bands und Szene zum Wort, nämlich Metalion vom norwegischen |Slayer|-Mag, der von Anfang an dabei war und gerade die Krise aus nächster Nähe miterlebte. Auch wenn ihm gerade einmal eine Doppelseite geschenkt wird, so ist der Informationsgehalt doch immens – zumal sein Bericht tatsächlich aus erster Hand stammt.

Das Problem an diesem Werk besteht lediglich in seiner mangelnden Vollständigkeit. Beste hat relativ spät mit den Aufnahmen begonnen und ist zu einer Zeit gestartet, als die große Welle bereits vorüber war. Daher muss er gerade im Hinblick auf die eigentlichen Vorreiter der Szene Einbußen hinnehmen und auf Archivaufnahmen zurückgreifen, was natürlich insofern nicht so glücklich ist, als von ihnen erst diese ganz spezielle Faszination ausging, von der die nun porträtierten Musiker erst im Nachhinein zehren konnten. Gerade diesbezüglich kann der Mann hinter diesem Bildband den hohen Ansprüchen an ein solches Projekt nicht ganz gerecht werden.

Andererseits sind manche Bilder, die Beste hier veröffentlicht gibt, wirklich genial getroffen und strahlen genau jenen Mythos aus, von dem die meist maskierten Musiker profitieren und der letztendlich auch die Szene ausmacht. Es sind ebensolche Momentaufnahmen wie das definitive Chaos im letzten Jahrzehnt, vielleicht diesmal aus einem anderen Blickwinkel, aber dennoch nicht weniger majestätisch und elegant als die rauen Visualisierungen der ersten Stunde. Damit ist dem Autor und Fotografen trotz des inhaltlichen Einschnitts ein wahrhaft grandioses Porträt einiger Menschen gelungen, deren Äußeres bereits faszinierend ist und deren unnachahmlichem Ausdruck man sich auch in Zeiten, in denen der Black Metal nur noch eine Nebenrolle in der Szene spielt, kaum entziehen kann. Der Preis für das Werk mag zwar ein wenig abschreckend sein, aber der Gegenwert dieser teils einmaligen Aufnahmen rechtfertigt die Investition in jedem Falle und macht „True Norwegian Black Metal“ zu einer ganz besonderen Veröffentlichung, die man sich als passende Ergänzung zur „Lords of Chaos“-Chronik nicht entgehen lassen sollte.

|ISBN-13: 978-0-95580-151-8|

Shooman, Joe – Bruce Dickinson – Eine Biografie

Was wäre Bruce Dickinson wohl geworden, hätten die Mannen von |IRON MAIDEN| ihn in den frühen Achtzigern nicht darum gebeten, den vakanten Sängerposten zu füllen? Und umgekehrt: Wo würde der Metal-Dinosaurier heute wohl stehen, wäre der vielleicht begabteste Classic-Metal-Frontmann und -Entertainer damals nicht auf das Angebot eingegangen und lieber seiner alten Kapelle |SAMSON| treu geblieben? Vielleicht hätte ihn seine Passion für den Fechtsport bis an die Weltspitze gebracht. Möglicherweise hätte er sich auch damit zufriedengegeben, als Pilot um die Welt zu reisen. Oder aber er hätte vielleicht sein Studium zu Ende gebracht und sich als Lehrer für Geschichte engagiert.

Spekulationen gibt es hierzu viele, doch laufen sie alle auf ein Ergebnis heraus: Dieser Mann ist ein absolutes Multitalent, sowohl als Showmensch als auch in seinem steten Explorationsdurst, der ihn unter anderem auch lange Jahre durch seine musikalische Karriere gebracht hat. Deshalb ist seine Biografie definitiv nicht gleichzeitig diejenige von |IRON MAIDEN|, auch wenn vor allem die Erfolgsstory des Sängers unmittelbar mit der seiner langjährigen Wegbegleiter verknüpft ist. Aber es steht weiterhin außer Frage, dass Dickinson auch ohne die Band einen konsequenten, erfolgreichen Weg eingeschlagen hätte. Dafür ist seine Willensstärke nämlich einfach zu immens, als dass man hieran Zweifel anbringen müsste.

Als Joe Shooman nun vor Jahren die ersten Ideen zu dieser Biografie entwarf, musste er sich genau diesen Umstand erst noch einmal bewusst machen. Und er ging sein Projekt auch sehr geschickt an, indem er die |MAIDEN|-Jahre vergleichsweise grob anriss und die präziseren Inhalte der Bandgeschichte seinem Kollegen Mick Wall überließ, der die Historie der Briten seinerzeit in [„Run to the Hills“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1708 abarbeitete.

Also konzentriert er sich vor allem auf die Person Paul Bruce Dickinson und deren zahlreiche Talente, die natürlich in erster Linie mit dem Leben als Musiker zusammenhängen. So erfährt man von seinen ersten Engagements in Bands wie |STYX| und |SHOTS|, von den Diskrepanzen, die der Job bei |SAMSON| mit sich brachte, da sein hoher Gesang bisweilen gar nicht zum klassischen Hardrock seiner neuen Weggefährten passen wollte, und begleitet natürlich den Werdegang von |IRON MAIDEN|, der vorläufig nur bis zum „Fear of the Dark“-Album reichen sollte. Dazu erfährt man reihenweise Persönliches über den rauen Bruce und seinen kreativen Dickkopf, lernt seine kontinuierliche Selbstdisziplin schätzen, realisiert aber im Grunde genommen, dass er trotz der großen Erfolge stets ein Mensch mit Bodenhaftung geblieben ist, der seine Herkunft nie vergessen hat.

Bodenhaftung war schließlich auch nötig, als der Sänger sich von seiner Band loseiste, um seine eigenen Projekte zu starten, die anfangs noch recht erfolgreich und eigenwillig waren, später aber zwangsläufig in eine Sackgasse führten, da Dickinson einfach ein Metal-Sänger war und ist und die Arbeiten bei |SKUNKWORKS| lediglich seine Experimentierfreude befriedigten, nicht aber seine Zielgerichtetheit als Künstler. Sein erneuter Wechsel zu |IRON MAIDEN| kam 1999 dennoch überraschend, war jedoch der einzig logische Schritt für die beiden sinkenden Schiffe und wurde letzten Endes zu einem noch größeren Triumphzug als die erhabenen Momente des vorherigen Jahrzehnts – vor allem dank der Schlüsselfigur Dickinson.

Shooman bleibt in seinen Ausführungen allerdings jederzeit objektiv und feiert seinen Helden nicht ständig als solchen ab. Eher aus der Draufsicht schildert er vor allem das Leben des jungen Bruce in einer Detailfreude, die bislang beispiellos ist. Gerade die zwischenmenschlichen Geschichten haben es ihm angetan, was er in zahlreichen Interviews mit frühen Helden der NWoBHM und Gefährten Dickinsons immer wieder belegt. Doch auch der Informationsgehalt seiner Biografie ist enorm und bringt gerade auf musikalischer Ebene zahlreiche Insider-Facts zutage, die man an dieser Stelle auch gerne lesen möchte. Zu kurz kommt lediglich der Wiedereinstieg bei |IRON MAIDEN|, der eigentlich einer der wesentlichen Knackpunkte in der Karriere des Sängers ist. Hier hätten ein paar Details mehr sicherlich gut getan, um die Sache komplett rund zu bekommen. Ansonsten gibt es an Shoomans Werk absolut nichts auszusetzen; wer einen Ausnahmekünstler wie Bruce Dickinson so bodenständig und gleichsam anerkennend vorstellt und das Ganze mit einem solch reichen Informationsschatz füllt, der verdient nicht nur Respekt, sondern auch zahlreiche Abnehmer. Wirklich gelungen, was hier auf gut 250 Seiten als offizielle Biografie angeboten wird!

|ISBN-13: 978-3-931624-53-8|
http://www.iron-pages.de