Archiv der Kategorie: Musik

Canter, Marc / Porath, Jason – Guns N\‘ Roses – It\’s (Not) So Easy. Der steinige Weg zum Erfolg

Was passiert, wenn du in jungen Jahren siehst, wie jemand dein Fahrrad klauen will? Entweder du verprügelst ihn oder der Dieb lässt es sein und entschuldigt sich bei dir – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Das hört sich abenteuerlich an, doch in diesem Fall war es Saul Hudson, besser bekannt als „Slash“, der Marc Canter das Bike streitig machen wollte. Irgendwie schaffte es dieser „Slash“, die Kurve zu kriegen, und die beiden wurden beste Freunde, schließlich teilten sie die Leidenschaft für Fahrrad-Motocross. Schon damals bemerkte Marc, dessen Familie übrigens das bekannte [„Canter’s Deli“]http://www.cantersdeli.com gehört, dass sein Kumpel eine „Rampensau“ ist, doch sollte sich diese Tatsache erst viele Jahre später so richtig auszahlen.

Genauso kurios wie diese Geschichte, ist die Entwicklung von GUNS N‘ ROSES. Dieses Buch liefert dafür viele interessante Fakten und erzählt allerlei lustige Begebenheiten bis zur Veröffentlichung des Debüts „Appetite For Destruction“. Dabei ist es weniger eine trockene Biografie, die von einem außenstehenden Dritten geschrieben wurde, sondern eine sehr direkte und teilweise schockierende. Weil Marc auch als sechster Mann der Band bezeichnet werden kann, weiß er natürlich auch Details zu berichten, die ein anderer gar nicht wissen kann. Von Anfang an, als „Slash“ auftrat, machte er Fotos, sammelte Zeitungsartikel, Konzerttickets und hob dessen Gekritzel auf. Die Tracklisten und Ansagen sind ebenfalls enthalten. Letztere werden zwar mit der Zeit ein wenig langweilig, da sie fast immer dieselben Worte enthalten, doch sie sind der rote Faden, der sich durch das Buch zieht.

Das Werk schafft es wunderbar, das Lebensgefühl der Band dem Leser näher zu bringen. Schließlich lebten die Mitglieder ständig von der Hand in den Mund, auch als der Erfolg schon da war. Die Alkohol- und Drogenprobleme und ihre Auswirkungen kommen unverschönt ans Tageslicht. Die Aussage „Überleben bedeutete, es bis zum nächsten Auftritt zu schaffen.“ zeigt deutlich, wie die Jungs lebten, und war so etwas wie die Bandphilosophie. Oft war kein Geld für Lebensmittel da und an Quartieren mangelte es ebenfalls. Die Zeiten, als sie regelrecht in der Gosse lebten, werden nicht einfach weggelassen, sondern authentisch erzählt. Das macht das Buch gegenüber anderen Biografien zu etwas Besonderem. Es lässt sich insgesamt recht gut lesen, da es wenig lange Textabschnitte beinhaltet. Zu einem bestimmten Thema oder einer Begebenheit kommen die Beteiligten zu Wort und schildern ihre Sicht. Damit gibt es keine einseitige Berichterstattung, die auf den Autor fokussiert ist.

Besonders gut wird gezeigt, dass sich die Band nie von anderen reinreden ließ und immer das machte, was sie wollte – nämlich ein Leben führen, das aus Musik, Drogen und Girls besteht, ohne an morgen denken zu müssen. Die Frauen spielten für die Jungs eine große Rolle, denn sie engagierten nicht nur Stripperinnen, damit mehr Besucher kamen, nein, sie waren oft ihre einzige Hoffnung, wenn es darum ging, einen Schlafplatz oder etwas zu essen zu bekommen. Natürlich schildern einige von ihnen, wie sie diese Zeit erlebt haben.

Ein großer Teil beschäftigt sich mit der Entstehung des Debütwerkes. Gut wird dargestellt, welch großen Anteil Tom Zutaut daran hatte, der damals auf sie aufmerksam wurde und ihnen den Plattendeal bei Geffen Records verschaffte. Auch er hatte ein unerschütterliches Vertrauen in die Jungs, obwohl die Produzentensuche beinahe in einem Fiasko endete und das Album zu scheitern drohte. Er war es auch, der die Plattenfirma überzeugte, an die Band zu glauben, und der seinen Chef dazu überreden konnte, dass das Video zu ‚Welcome To The Jungle‘ bei MTV gezeigt wurde – zu jener Zeit gar nicht so einfach, galten die Jungs doch als drogenabhängig und kriminell. Das Video schlug wie eine Bombe ein und alle, die zuvor das Album absetzen wollten oder es schlecht fanden, wollten nun beste Freunde sein, waren begeistert und wussten von Anfang an, dass die Jungs eine große Nummer werden. Und besser als mit Tom Zutauts Zitat kann man die Story nicht beschreiben: „Wenn man etwas von GUNS N‘ ROSES und ‚Appetite For Destruction‘ lernen kann, dann ist es, dass es sich lohnt, sich selbst treu zu bleiben.“

An diesem Punkt, als der große Erfolg einsetzte und viele erst später begriffen, dass mit diesem Album Musikgeschichte geschrieben wurde, endet das Buch. Dessen Titel „Der steinige Weg zum Erfolg“ wird von Marc Canter unterhaltsam beschrieben. Wie könnte es besser enden als mit Fotos zum Konzert mit DEEP PURPLE und AEROSMITH. Damit ging nicht nur für die Band ein Traum in Erfüllung, sondern auch für Canter selbst, der von AEROSMITH ein großer Fan ist und dort fotografieren konnte.

Das Beschriebene passt absolut zum Titel, dennoch wirkt das Ende ein wenig abrupt, da über den weiteren Werdegang der Band gar nichts zu lesen ist. Selbst wenn das nicht Inhalt des Buches ist, wäre es zum Abschluss interessant gewesen, zu erfahren, was die Hauptpersonen aktuell machen. Im Laufe der Erfolgsgeschichte kommen viele Beteiligte zu Wort. Auffällig ist jedoch, dass Sänger Axl verhältnismäßig wenige Anteile daran hat. Doch diese Dinge sollten den Fan nicht davon abhalten, dieses Werk zu kaufen. Schließlich wurden mit sehr viel Liebe zum Detail Erlebnisse in Wort und Bild zusammengetragen, die in dieser Form ihresgleichen suchen.

|348 Seiten, kartoniert
mit zahlreichen, meist farbigen Fotos
ISBN-13: 978-3-86543-361-9|
http://www.bosworth.de

Burnett, David / Salewicz, Chris / Murray, Chris – Bob Marley – Soul Rebel

_Guru oder Protestsänger? Marley ohne Nimbus_

Am 6. Februar 2009 wäre Bob Marley 64 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass erscheint der vorliegende prachtvolle Bildband, der ausgezeichnete und zum Teil unveröffentlichte Fotos vom Karrierestart eines der einflussreichsten Musiker des vorigen Jahrhunderts zeigt, darunter viele Fotos von der ersten Exodus-Tour 1977 durch Europa. Die Aufnahmen stammen vom |TIME|-Fotografen David Burnett, der den Musiker vor Ort in Kingston besuchte und ihn auf seiner Tournee begleitete.

_Die Autoren_

1) Der Fotograf: David Burnett

Burnett, geboren 1962 in Salt Lake City, begann seine Karriere 1967 als Praktikant beim |TIME Magazine|. Von 1970 bis 1972 berichtete er für die Zeitschrift |Life| über den Vietnamkrieg. 1975 war er Mitbegründer der Agentur |Contact Press Images| in New York City. Burnett reiste in über 75 Länder und veröffentlichte Fotoreportagen in |Time|, |Life|, |Fortune|, |The New Yorker| und |The New York Times Sunday Magazine|. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

2) Autor des Vorworts: Chris Salewicz

Der Journalist Chris Salewicz schreibt seit mehr als 20 Jahren über Popkultur, besonders über Reggae, Er war für den |New Musical Express| (NME) tätig, arbeitete für die |Sunday Times|, |The Face| sowie die Zeitschrift |Q| und schrieb die autorisierte Biographie „Bob Marley: Songs of Freedom“. Mit „Rude Boy“ veröffentlichte er seine Erinnerungen an die Insel Jamaika. Er war verantwortlich für das Booklet der preisgekrönten Vier-CD-Box „Tougher than Tough: The Story of Jamaican Music“ und schrieb mit am Drehbuch zu dem jamaikanischen Actionfilm „Third World Cop“.

|3) Autor der Einleitung: Chris Murray|

Chris Murray ist Gründer und Leiter der |Govinda Gallery| in Washington, D.C. In mehr als 30 Jahren hat er über 200 Ausstellungen organisiert, oft mit den führenden amerikanischen Künstlern. Murray zeigte in den 1970er Jahren Andy Warhol und veranstaltete 1983 die erste Ausstellung der Starfotografin Annie Leibovitz. Seit damals hat sich die |Govinda| zu einer der innovativsten Galerien der Vereinigten Staaten entwickelt.

_Inhalte_

|a) Texte|

Wie nähert man sich einem Idol? Sehr vorsichtig und schrittweise. Deshalb gibt es a) ein Vorwort, b) eine Einleitung und c) die eigentlichen Begleittexte zu den vier Kapiteln.

|Das Vorwort|

Salewicz holt in seinem Vorwort gleich das Weihrauchgefäß raus und beginn es über dem „klassischen mythologischen Helden“ Bob Marley zu schwenken. Das ist leider wenig hilfreich, denn Weihrauchwolken tendieren dazu, die Sicht auf die wirklichen Dinge zu vernebeln. Eine Aufzählung von Stilisierungen taugt nicht, um diese Wolken zu vertreiben. Zur Sache kommt der offenbar ergriffene Journalist erst in der dritten Spalte, als er endlich die Biografie des derart auf den Sockel gehobenen Stars erzählt.

Robert Nesta Marley wurde am 6. Februar 1945 in Nine Miles in der Gemeinde Saint Ann auf Jamaika geboren. Sein Vater, ein britischer Offizier, verließ ihn zweimal, einmal nach der Geburt in Nine Miles und etwa neun Jahre später erneut in der rauen städtischen Umgebung von Kingstons Slumviertel Trenchtown. (Marley singt über Trenchtown in einem seiner bekanntesten Songs, „No Woman No Cry“.) 1964 begann er seine Musikkarriere mit den |Wailers|, ergatterte in London bei |Island Records| einen Plattenvertrag und verkaufte von seinem 1982 posthum veröffentlichten Album „Legend“ 15 Millionen Kopien – was für ein Aufstieg.

Marley starb am 11. Mai 1981 an Krebs. Dazwischen lag eine mühevolle und einzigartige Karriere, die der Autor detailliert beschreibt, in der neuen Musikrichtung des Reggae. (Um was es dabei geht, muss hier aus Platzgründen vorausgesetzt werden, außerdem will ich keine Eulen nach Athen tragen.) Heute sei Marley einer der wichtigsten Musiker der Dritten Welt, praktisch auf einer Stufe mit John Lennon, und zwar vor allem wegen seiner Botschaft aus Liebe und Freiheit.

|Die Einleitung|

… wird wesentlich konkreter, indem Murray, der Galeriebetreiber aus der US-Hauptstadt, erst den Fotografen Burnett beschreibt und dann dessen Aufenthalt auf Jamaika, bei dem es zu den Aufnahmen mit Marley kam. Burnett und seine journalistischen Gefährten sollten 1976 das neue Phänomen des „Reggae“, einen Nachfolger des Rocksteady (1966 ff) kennenlernen. Sie stießen an der Nordküste auf eine rebellische Subkultur, komplett mit Religion, chiliastischem Heilsversprechen und weltlichem Gott, dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie – wow! Und dann rauchten diese Musiker auch noch Ganja – Marihuana – am laufenden Band – cool!

Gar nicht so cool war die Szene, auf die sie in der Hauptstadt Kingston trafen. Zwei Parteien standen einander bis an die Zähne bewaffnet gegenüber, und wer in die Zone der anderen geriet, war des Todes. In diese Auseinandersetzungen, die das Land zerrissen und die Bevölkerung dezimierten, geriet auch der aufstrebende Musiker und Freiheitspoet Robert Marley. Er wurde mitsamt seiner Frau und seinem Manager niedergeschossen. Glücklicherweise wurde bei diesem Attentat niemand getötet, aber Verletzungen hinterlassen nicht nur äußerlich ihre Spuren.

Es sind solche umwerfenden Informationen, die auch Salewicz hätte bringen können. Doch stets ist es die Frage für einen Autor, ob er sich mehr auf die Musik bzw. das Werk eines Künstlers konzentrieren soll oder auf dessen Biografie. Salewicz kümmert sich um beides und weiß doch nicht recht zu befriedigen. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich wüsste, was Marley antrieb. Aber die genannten erschreckenden Fakten über Kingstons Beinahe-Bürgerkrieg vermitteln doch eine Ahnung dessen, worum es bei Marley gegangen sein muss: Freiheit, Versöhnung, Liebe, kurzum: Erlösung.

|Die Kapiteltexte|

Endlich kommt der Fotograf selbst zu Wort. Burnett bemüht sich um Fassung und Selbstkontrolle, doch vielfach kann er nicht umhin, das Objekt seiner Aufnahmen zu loben: die Geduld, die Freundlichkeit, die hochintelligente und doch innovative Redeweise des bekannten Jamaikaners. Man kann also nicht sagen, dass er, wie manche von Marleys Fans, den Musiker für den wiedergekehrten Jesus hielt. Das ist wahrlich eine Erleichterung.

Ein Fotograf war damals noch in der heute völlig undenkbaren Lage, einen Star direkt und ohne PR-Geschwader aufzunehmen und ihm sogar Regieanweisungen zu geben, selbiger Star möge doch kurz mal fünf Meter rennen, damit er mit seiner Spezialkamera ein Bild anfertigen könne. Auch die Close-up-Bühnenfotos von den Konzerten in Europa wären heute so nicht mehr zu machen. Burnett gehörte damals praktisch zur Familie, kickte Fußball, begleitete den Soundcheck, fuhr im Tourbus mit. Hoffentlich kochte er auch mal Kaffee.

|b) Fotos|

Der Bildteil des Bandes ist gewissermaßen viergeteilt. Nach einem einleitenden Teil mit allgemeinen Fotos von Marley folgt ein Backgrounder. Der Fototrip der Amis begann 1976 ja in Ocho Rios an der Nordküste. Dort spielten Vorläufer Marleys wie die Band |Burning Spear| und natürlich Peter Tosh. Dieser Hintergrund, der das Phänomen Marley erst möglich machte, ist wichtig, um die Entstehung Marleys und des Reggae verstehen zu können.

Der zweite und wesentlich umfangreichere Teil stellt uns den Meister himself vor. Die Aufnahmen erfolgten vor und in seinem Haus in Kingston. Er trägt die Dreadlocks, den Negus-Bart, ein weißes Hemd, eine Westerngitarre mit dem Foto des Negus darauf (Negus: Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, der „Löwe von Juda“). Und fast immer befindet sich in seinen Fingern ein Joint von Ganja. (Marley starb unter anderem an Lungenkrebs.)

Doppelseitige, ausklappbare Schwarzweißfotos machen das Idol tauglich zum Poster fürs Teenie-Zimmer – und vielleicht auch für die eine oder andere Galerie. Hier sieht man „das Weiße im Auge“ des „monstre sacré“, wie die Franzosen sagen.

Den letzten und farbigsten, geradezu farbenfrohe Teil bestreiten die Fotos, die 1977 auf der „Exodus“-Tour aufgenommen wurden. Aufnahmen auf, vor und hinter der Bühne vermitteln fast schon das Gefühl, live dabei zu sein. Im Mittelpunkt steht häufig Marley solo, aber er hatte auch eine Menge Mitstreiter, darunter die Begleitmusiker und Choristinnen. Die Credits und Danksagungen schließen diesen Teil ab.

Ich will nicht verschweigen, dass ich zwischen Seite 109 und 112 auf beschädigte Seiten stieß. Das Papier war am unteren Seitenrand, nahe beim Bund, eingerissen. Hier ging offenbar beim Druck etwas schief. Um diesen Fehler zu vermeiden, sollte der Käufer darauf achten. Das ist allerdings schwierig, wenn das Buch, wie meines, in eine Plastikfolie eingeschweißt angeboten oder geliefert wird.

_Mein Eindruck_

Es ist heutzutage schwer geworden, sich einem Künstler so stark zu nähern, wie es David Burnett 1976/77 konnte. Da ist man heute auf die Gunst der PR-Maschinerie angewiesen. Burnett stellt in seinem Text selbst einige Vergleiche an, die nicht gerade schmeichelhaft für den heutigen Medienbetrieb ausfallen. Deshalb wirken seine Aufnahmen von einem Bob Marley ohne jedes Brimborium authentisch, sympathisch und glaubwürdig. Hier wurde nicht retuschiert, und von einer digitalen Bearbeitung konnte man 1976 nur träumen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Fotos nun grobkörnig wie in einer Schnupftabakdose daherkämen. Ganz im Gegenteil. Die Bilder sind besonders bei den Bühnenaufnahmen derart hochauflösend, dass keinerlei Korn festzustellen ist. Die einzigen Aufnahmen, die Werkstattcharakter aufweisen, sind die Kontaktabzüge auf Seite 66/67. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie ein Fotoreporter mit seinem Ergebnis arbeitet: streichen, akzeptieren, vergrößern, einen Ausschnitt nehmen usw. Das ist Fotografie alter Schule, die möglicherweise gar nicht mehr gelehrt bzw. gelernt wird.

Sehr willkommen ist die Abwesenheit jeder Art von Spezialeffekten, wie etwa Strahler, Speziallinsen, Filter oder gar Überblendungen. Das Ergebnis ist pure Fotografie im Sinne eines Capra oder Bresson, den großen Vorbildern Burnetts: verité. Man kann sich sehr gut Burnetts Bilder vom Vietnamkrieg vorstellen (sein Kollege nahm das bekannteste Foto dieses Kriegs auf: das schreiende nackte Mädchen, das vor einem Napalmangriff flieht). Wenn Marley jemals ein Heiliger war, dann holen ihn diese Fotos wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Auch Jesus war zuerst und vor allem ein Mensch.

|Die Übersetzung|

Bis auf ein oder zwei vergessene Buchstaben („senen“ statt „seinen“) konnte ich keine Fehler finden. Die Übersetzung hält sich, dem Sprachstil nach zu urteilen, häufig eng an das Original. Das ist zum einen gut, wegen der Worttreue, zum anderen wirkt aber der Stil im Deutschen dann nicht mehr so flüssig. Ich lege mehr Wert auf die Worttreue.

_Unterm Strich_

Das Titelbild zeigt einen Mann mit einer Klampfe – einer ganz speziellen: sie trägt (verdeckt) das Foto des Kaisers Haile Selassie, was den Mann als einen Rastafarian ausweist. Dieser „Soul Rebel“ hat also nicht nur Musik zu geben, sondern ist erfüllt von einer Religion und einer Botschaft, ein Mann auf einer Mission. Die Botschaft lautet Freiheit, Liebe, Versöhnung, kurzum: Erlösung. Songs wie „I shot the sheriff“, „Get up stand up“ und „Redemption Song“ (eben der „Erlösungs-Song“) lösten die Mission ein und trugen sie rund um die Welt. Marley hat in manchen Kreisen, wen wundert’s, den Status eines Gurus und Heiligen.

Daher war ein Bildband wie der vorliegende, der ihn vom Sockel holt, durchaus notwendig. Auch wenn Marleys Familienleben komplett ausgeblendet ist (es sei denn, man rechnet die Tourneebus-Crew dazu), erscheint er nun nur wie der logische Exponent einer Bewegung, die schon in Burning Spear, Peter Tosh, Jimmy Cliff und Johnny Nash wichtige Vertreter hervorgebracht hatte, bevor er in den Vordergrund trat. In diesem Band ist er wieder der Mann mit der Klampfe, teils Protestler in Bob-Dylan-Manier, teils Prediger einer besseren Welt.

Als Bilddokumentation erfüllt dieser Band seine Aufgabe ausgezeichnet und kann sogar als Posterfundus dienen. Die Begleittexte machen neugierig auf den Menschen Marley und auf die Insel, auf der der Reggae erfunden wurde. Burnett nimmt uns quasi mit auf eine Expedition in den unbekannten Kontinent des Reggae, wo die Dreadlocks-tragenden Rastafari in letzten Exemplaren vorkommen sollen, die sicherlich kurz vor dem Aussterben stehen. Zum Glück stießen Burnett und seine schreibenden Kollegen nicht auf das „Herz der Finsternis“ (außer in Kingston), sondern auf ein neues Licht, das von einer befreienden Botschaft und einer wichtigen neuen Stimme verbreitet wurde: Bob Marley. So, jetzt hab ich mein Scherflein zur Heiligenlegende beigetragen.

Dass der Erwerb eines solchen Bildbandes nicht ganz billig ist, dürfte wohl einleuchten, aber gebrauchte Exemplare wird es nicht so schnell geben: Es ist einfach ein Sammlerstück. Und wenn die Papierqualität stimmt (siehe oben), will es wohl kein Sammler so schnell wieder hergeben.

|Originalausgabe 2009 bei Insight Editions, San Rafael, CA, USA
Aus dem US-Englischen von Madeleine Lampe
Vorwort von Chris Salewicz
Einleitung von Chris Murra
144 Seiten Großformat, mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißfotos und 4 Ausklapptafeln
ISBN-13: 978-3-89602-873-0|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Davis, Stephen – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Ihre himmlische Hymne ‚Stairway To Heaven‘ ist seit ihrer Veröffentlichung der meistgewünschte Titel im amerikanischen Radio, sie waren zu Lebzeiten erfolgreicher und populärer als die |BEATLES| und die |STONES|, ihre Platten retteten manchen Plattenladen vor dem Konkurs, und selbst die 77er-Punk-Revolution und die maskierten Effekte von Gruppen wie |KISS| konnten |LED ZEPPELIN| wenig entgegensetzen. Als Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und der Sohn des verstorbenen Schlagzeugers John ‚Bonzo‘ Bonham, Jason, im vorletzten Jahr in London ein gefeiertes, anscheinend aber nur einmaliges Konzert gaben, stand zudem fest, dass es wohl nach wie vor keine Band gibt, die ein so treues Following hat und gleichermaßen nach wie vor ein solch großes Ansehen unter Künstlern, Fans und einfachen Musikliebhabern genießt wie die musikalisch schier unantastbare Ikone. Dennoch: Wer glaubt, die vier Musiker seien ein Paradebeispiel für eine Supergroup, die sich durch nichts und niemanden hat aus der Bahn werfen lassen – den Tod von Bonham mal außen vor gelassen -, der sieht sich mächtig getäuscht. Stephen Davis, der bereits 1985 das erste Exemplar der ZEPPELIN-Biografie „Hammer of the Gods“ herausbrachte, offenbart schonungslos das Skandalleben der vielleicht wichtigsten Rock-’n‘-Roll-Band aller Zeiten und ihres gesamten anrüchigen Anhangs – und schlägt dabei gerne auch selbst über die Stränge …

Dabei will man gar nicht vermuten, dass der bodenständige, von Musik und Gitarren infizierte junge Jimmy Page überhaupt das Potenzial zum völlig unkontrollierten Junkie in sich trägt, als er in den späten Sechzigern gemeinsam mit Jeff Beck bei den |YARDBIRDS| spielt. Seine Passion für den Blues steht über allem anderen, seine Leidenschaft für Robert Johnson und die ersten Musiker dieser Spezies bringt ihn in seinen Ambitionen ständig voran, bis zu jenem magischen Moment, als er mit dem als untalentiert verschrienen Robert Plant, dem begabten Arrangeur John Paul Jones sowie dem als bestialisch bekannten Schlagzeuger John Bonham ein erstes Mal den Proberaum betritt – pathetisch beschreibt Davis, welche Magie in jenem Moment in der Luft lag. Aber man mag ihm trotz der klischeehaften Darstellung sofort glauben …

Der Autor geht nach der kurzen Introduktion der Musiker vor allem auf den Entstehungsprozess der einzelnen Alben ein, spart sich im Laufe seines Berichts aber auch wirklich keine Klischees. Da wird der zwielichtige Manager Peter Grant, ein ehemaliger Wrestler und dementsprechend auch jederzeit gewaltbereit, teilweise als Mitinitiator des steilen Aufstiegs vorgestellt, darüber hinaus der ständige Tourbegleiter Richard Cole, der gemeinsam mit Bonzo Bonham manchen Laden aufgemischt hat und auch ständig für Nachschub in Sachen Drogen und Groupies sorgen durfte, und dazu selbst einige Mädels, die den vier Musikern das Tourleben etwas schmackhafter gemacht haben, während ihre Familien in England darauf warteten, dass ihre erfolgsverwöhnten Gatten endlich wieder von einer ihrer unzähligen US-Tourneen zurückkehrten. Es ist ein absoluter Rundumschlag, der eine Dekade voller Exzesse und Unberechenbarkeiten analysiert, die Diskrepanzen zwischen künstlerischer Genialität und Menschlichkeit aufrollt, dabei die vier Hauptcharaktere und ihr Umfeld in recht diffuses Licht rückt, letztendlich aber auch nur eines zeigt: So viel Rock ’n‘ Roll und Revolution im Blut hatte nach dem Tod von John Bonham keine andere Band in diesem Business.

Die Neufassung des Buches befasst sich in ihrem wesentlichen Inhalt natürlich mit der Karriere des Zeppelins und deren Vorgeschichte, berichtet hautnah von Skandalen und Erfolgen und beschreibt darüber hinaus den persönlichen Wandel der Musiker. Die Alben und Shows werden vertieft, aber ebenso die zahlreichen Nebenschauplätze, bis hin zu jenem tragischen Tag, als der Drummer nach einer erneuten Zechtour an seinem Erbrochenen erstickt und damit den Stempel auf ein Leben setzt, das früher oder später mit einem solch bitteren Finale enden musste. Schade ist allerdings, dass die darauf folgenden Ereignisse nicht mehr mit derselben Intensität geschildert werden. Das letzte Viertel des Buchs, also quasi die Ergänzung, beschreibt zwar die sich stetig entwickelnde Hassliebe zwischen Page und Plant, gibt auch weitere Einblicke in die weitere Biografie, vertieft aber nicht mehr den weiteren Lebensweg der beiden Hauptakteure. Nun gut, nach dem Absturz des Mutterschiffs gab es auch nicht mehr so viele aufregende Dinge zu erzählen, doch insgesamt hätte der Autor hier doch noch ein bisschen mehr Leidenschaft hineinpumpen können, um sein begeistertes, mitreißendes Werk auch bis zum Ende auf einem ähnlich hohen Level zu halten wie die pure Bandbiografie.

Nichtsdestotrotz: Dieses Buch ist auch mit den etwas oberflächlichen Ergänzungen eine der besten, vor allem auch lebendigsten Musiker-Biografien des aktuellen Jahrzehnts und nebenbei mit so vielen humorvollen Anekdoten gefüllt wie wohl kaum ein anderes Exemplar in diesem Genre. Man muss daher nicht dringend Fan dieser Band sein, um „Hammer of the Gods“ genießen zu können. Schließlich wird hier nicht nur eine Karriere, sondern ein elementarer Anteil des damaligen Zeitgeistes offenbart – und das, es sei noch mal betont, auf beeindruckende Art und Weise!

|ISBN-13: 978-3-927638-43-3
409 Seiten, 16 Fotografien|
http://www.led-zeppelin.com
http://www.rockbuch.de
http://www.edel.de

_Mehr |LED ZEPPELIN| auf |Buchwurm.info|:_

[„Led Zeppelin – Talking“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=434
[„Whole lotta Led – Unsere Reise mit Led Zeppelin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2855
[„A Tribute to Led Zeppelin – Fotografien“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4929

Stephen Davis – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Angeblich gibt es bei der Bundeswehr die inoffizielle Aufgabe des Zahlmeisters. Das ist ein Feldwebel, der in einem gepanzerten Geldwagen hinter Manövern herfährt und dabei verursachte Schäden an Vieh, Saaten oder Zäunen mit den betroffenen Bauern sofort per Handschlag und Bargeld regelt. Auch skandalträchtige Rockbands sollen gerüchteweise über diskrete Schnellregulierer verfügen, die mit der dicken Brieftasche anrücken, nachdem vor „zufällig“ anwesenden Fotoreportern Hotelzimmer zerlegt oder Fernseher aus dem Fenster geworfen worden sind. In Stephen Davis‘ Bandbiographie „Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga“ kann man an einigen Stellen zwischen den Zeilen lesen, dass es auch bei dieser Gruppe wohlkalkulierte Spontanausbrüche gegeben haben mag.

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Belisle, David – R.E.M. – Hello. Fotografien von David Belisle

_Visuelles Andocken am Planeten R.E.M._

Auf knapp 200 Seiten präsentiert dieser Bildband die Rockband |R.E.M.| auf Hochglanzfotos, die der Fotograf David Belisle in den Jahren zwischen 2003 und 2007 geschossen hat. Alles Weitere und Nähere lest ihr im Folgenden. Der aktuelle Anlass: das Erscheinen des Albums „Accelerate“ (Beschleunige).

_Die Band_

Von der kleinen unbekannten Band „Twisted Kites“ aus Athens, Georgia, bis zu |R.E.M.|, die weltweit die Konzerthallen füllen, war es ein weiter Weg, den Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills gegangen sind. Der Name |R.E.M.| steht für Rapid Eye Movement, also schnelle Augenbewegung. Dies bezeichnet diejenige Schlafphase, in der, so die Annahme oder Diagnose, der Schläfer träumt.

Obwohl in den Achtzigerjahren noch relativ unbekannt, galten |R.E.M.|, inspiriert von Patti Smith, bald als Vorreiter des College- und Alternative Rock. Sie waren Vorbild für Musiker wie Kurt Cobain von |Nirvana|. Im Jahr 1991 gelang ihnen mit dem Album „Out of time“ und der Single „Losing my religion“ der internationale Durchbruch. Auch die LP „Automatic for the people“ wurde ein Riesenerfolg.

Es folgten Hits wie „Man on the moon“, „Everybody hurts“ oder „It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)“. Dazu kommen die große Bühnenpräsenz und die clever inszenierten Live-Shows der Band. |R.E.M.| wird heute als eine Art Gesamtkunstwerk betrachtet, mit dem androgynen Michael Stipe als Frontman. Im März 2008 veröffentlichten sie ihr vierzehntes Studioalbum. Mit „Accelerate“ wollen sie nun die Bühnen der Welt erobern.

_Der Fotograf_

Der Fotograf David Belisle, der mit der Band eng befreundet ist, hat sie in den letzten sechs Jahren auf ihren Tourneen begleitet sowie auf und hinter der Bühne fotografiert. Mit seiner Kamera hat er seltene Momente und intime Einblicke festgehalten – für jeden Fan ist ein Augenöffner dabei. Wie den Bildunterschriften (s. u.) zu entnehmen ist, wurden viele Aufnahmen in den Jahren 2003 und 2004 gemacht, auf ihrer Welttournee.

_Die Fotos und Bildunterschriften_

Die über 150 Fotografien dieses Bildbandes umfassen farbige und schwarzweiße Fotografien der drei Bandmitglieder Stipe, Buck und Mills nicht nur bei Live-Auftritten, bei Dreharbeiten zu Videoclips oder mit Musikerkollegen wie Bruce Springsteen, Patti Smith, Neil Young und Thom Yorke von |Radiohead|, sondern auch jenseits des Rampenlichts, wie sie nur ihre engsten Freunde kennen. Auch Michael Moore und Woody Harrelson tauchen auf.

Belisle schreckte nicht einmal davor zurück, Stipe auf der Toilette oder unter der Dusche zu fotografieren. Kein Wunder, denn, wie Stipe im Vorwort schreibt, ist „das Klicken von Belisles Leica oftmals so leise, dass er wahrscheinlich schon Fotos gemacht hat, bevor irgendjemandem aufgefallen ist, dass er die Kamera in der Hand hält“. Dabei beweist Belisle nicht nur Vorwitz, sondern auch Humor. Einmal machte Stipe ein Video für die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam. Man sieht, wie er mit einer weißen Flüssigkeit übergossen wird. „Ich stank eine Woche lang nach Babybrei“, kommentiert Stipe. Das Stipe sich für solche Inititativen engagiert, zeigen auch das „Vote for Change“-Konzert und sein Bild der burmesischen Dissidentin Aung San Suu Kyi.

Viele Aufnahmen zeigen den Charakterkopf Stipes mit einer dunkelblauen Färbung um die Ohren-, Stirn- und Augenpartie. Es handelt sich allerdings nicht um ein „Veilchen“ aus einer Schlägerei, sondern um bodypaint, das mit seinem Tourdesign zu tun hat. Stipe macht einen auf wildes Tier oder Kannibale. Ob dies etwas mit dem Video „Animal“ zu tun hat, kann ich nicht sagen, denn ich habe es nie gesehen.

Bei Fotos zählt nicht nur das Motiv, sondern auch Auswahl und Kombination. Vielfach werden Bühnenaufnahmen mit Hochglanzmotiven den schwarzweiß gehaltenen Backstage-Motiven gegenübergestellt, um zu sagen: Leute, das Leben auf der Tour hält nicht nur schöne Momente bereit, sondern kann auch ganz schon banal und trist sein. Stipe regt mit einer seiner Bildunterschriften an, dies mal zur Diskussion zu stellen. Danach sehen glamouröse Events wie die Aufnahme in die |Rock ’n‘ Roll Hall of Fame| anno 2007 etwas weniger schillernd aus (S. 168/169).

Auch die Töchter von Peter Buck, Zoe und Zelda sind zu sehen (z. B. Seite 50), aber sie starren direkt in die Kamera und sind sich des Geknipstwerdens voll bewusst. Am Schluss stößt der Betrachter auf eine doppelseitige Collage aller Motive, die nicht auf eine Einzelseite passten: Ausschnitte aus rund 500 Schnappschüssen wurden von Kim Buchanan zusammengefügt und collagiert. Wer sich Zeit nimmt und länger auf die Details Acht gibt, wird noch sehr viel mehr Beachtenswertes über die Band und ihre Satelliten erfahren. Es lohnt sich.

Die Bandmitglieder haben vielen, aber beileibe nicht allen Fotos einen handgeschriebenen Kommentar als Bildunterschrift beigefügt. Leider sind diese Zeilen nicht ohne weiteres zu entziffern, aber nach einer Weile des Überlegens ist es mir immer gelungen, die schiefen Buchstaben zu sinnvollen Wörtern zusammenzusetzen. Die Zeile der zwei Mädchen auf S. 51 über ihren Vater Peter Buck ist am besten zu entziffern.

|Nachwort von Belisle|

In seinem Nachwort „Der Westen von Seattle“ schildert Belisle, wie er es schaffte, Tourfotograf einer so berühmten Band wie |R.E.M.| zu werden. Der erste Schritt war sicherlich das Aha-Erlebnis 1982 beim letzten Konzert von |The Who|, der zweite war der Kontakt zum späteren |R.E.M.|-Tourmanager Bob Whittaker (alle Crewmitglieder werden in separaten Fotos vorgestellt). 2001 wurde Belisle dann offizieller Hausfotograf der Band und begleitete sie überallhin. Der vorliegende Band ist ein Destillat aus seinen professionellen Arbeiten.

_Unterm Strich_

Der Bildband bietet einen interessanten und optisch reizvollen Querschnitt nicht nur aus dem Schaffen des Fotografen, sondern auch aus den Aktivitäten der Band. Dazu gehören nicht nur Live-Auftritte, sondern auch Foto- und Video-Shootings, die Teilnahme an Multistar-Konzerten und der Auftritt bei der Aufnahme in die Ruhmeshalle der Rockmusik.

Hinter diesem öffentlichen Erscheinungsbild gibt es aber auch die privaten Bandmitglieder zu entdecken. Während sich Peter Buck und Mike Mills meist hinter ihren Gitarren verschanzen, zeigt sich Frontmann und Sänger Michael Stipe in allen möglichen Variationen, so dass ich wirklich neugierig auf diesen ungewöhnlichen Menschen wurde. Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigt er sich sogar in seinen Privaträumen, so etwa im kleinen Gästehaus beim Schlafen.

Was fehlt, ist eine Monografie über die Band und ihr Umfeld, ja sogar über ihr politisches und ästhetisches Programm. All dies kann der ahnungslose Laie nur über die hier vorgestellten Freunde wie Neil Young, Patti Smith und Bruce Springsteen erschließen – oder über Auftritte für den US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry, für Aung San Suu Kyi und für die Welthungerhilfe Oxfam (Oxford Famine Relief). Das ist nur ein kümmerlicher Anfang und sollte den Betrachter dieses fantastisch gut aussehenden Bildbandes motivieren, sich näher mit der Geschichte und dem Werk dieses bemerkenswerten Band zu beschäftigen. (Am 12./13.4.2008 erschien beispielsweise in der SZ-Wochenendbeilage ein Artikel über Stipe und seine geistige Mutter Patti Smith, die bei |Cartier| in Paris auftraten.)

Es gibt viele Wege, sich dem |R.E.M.|-Planeten anzunähern und dort anzudocken, und dieser Bildband ist nicht der schlechteste Zugang. Auf jeden Fall einer der optisch reizvollsten und makellos produzierten.

|Originaltitel: R.E.M. – Hello
Aus dem US-Englischen von Thorsten Wortmann
192 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-89602-841-9|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Heumann, Hans-Günter – Meine ersten Piano-Stücke

Hans-Günter Heumann hat in den vergangenen Jahren einen enormen Beitrag zur Verbreitung von Partitionen der Populärmusik geleistet und gilt mittlerweile sogar als einer der Publisher, die man zum Start am modernen Piano gerne als erste Anlaufstelle wählt. Seine Werke auf dem Gebiet der Klavier-Unterrichtsliteratur sind geschätzt und beliebt, was Heumann letztendlich zum Tasten-Äquivalent des angesehenen Peter Bursch hat aufsteigen lassen.

Seine neueste Publikation richtet sich erneut an das Anfängerpublikum und enthält sage und schreibe 50 Notationen aus ganz unterschiedlichen Gebieten. Den größten Anteil nehmen nach wie vor Stücke der Klassik ein, aus der Heumann Ausschnitte aus den Werken von Bach, Mozart, Strauß und Brahms entnommen hat. Sowohl populäre Stücke wie der ‚Radetzky-Marsch‘ und Brahms‘ ‚Wiegenlied‘ als auch Ausschnitte aus Händels Suiten, Haydns Sätzen und Bartholdys ‚Lieder ohne Worte‘ werden in einfachen Arrangements aufgefahren. Dazu gibt es Teile aus Verdis Opernwerk sowie einen Abschnitt aus Mozarts Klassiker ‚Die Hochzeit des Figaro‘ und zuletzt sogar ein komplettes Thema aus einer seiner Klaviersonaten.

Abseits dessen ist das Programm überraschend vielfältig: Party-Kracher wie ‚I will Survive‘ von Gloria Gaynor und Kaomas Sommerhit ‚Lambada‘ sind ebenso vertreten wie das stille ‚Imagine‘ von John Lennon und der Simon-&-Garfunkel-Klassiker ‚Scarborough Fair‘. Dazu gibt es dann Gassenhauer wie ‚Mourning has broken‘ (Cat Stevens) und ‚When the Saints go marching in‘ sowie im erweiterten Programm sogar Nummern von Fats Domino und The Animals.

Oberste Prämisse bei dieser (auf den ersten Blick) ungewöhnlichen Zusammenstellung war ganz klar die Simplizität der Piano-Arrangements, auf Basis derer sowohl ein kurzer Einblick in die Welt der Klassik als auch in den Sektor der populären, weltlichen Musik gewährleistet wird. Zwar fehlen besonders bei den klassischen Stücken noch die detaillierten Feinheiten, aber gerade für den Anfang, also in der Zeit, in der man eh noch sehr ergebnisorientiert musiziert, sind die hier gebotenen Arrangements völlig ausreichend und ein wirklich guter, vor allem aber abwechslungsreicher Lernstoff für den angehenden Pianisten. Und wie es sich für ein Werk des Autors mittlerweile schon fast gehört, darf man „Meine ersten Piano-Stücke“ daher auch jedem Einsteiger in den Tastenstoff empfehlen. Vielseitigere Werke – man blicke nur mal in die nachfolgende Übersicht – wird man nämlich gerade in diesem hart umkämpften Terrain schwerlich finden!

_Inhalt_

1. Barkarole (J. Offenbach)
2. Andante Grazioso (W. A. Mozart)
3. Prélude (M. A. Charpentier)
4. When the Saints go marching in (Traditional)
5. Musette (J.S. Bach)
6. Radetzky-Marsch (J. Strauß, Vater)
7. Zither-Ballade (A. Karas)
8. Morning has broken (Cat Stevens)
9. Wiegenlied (J. Brahms)
10. Am Brunnen vor dem Tore (F. Schubert)
11. What shall we do with the drunken Sailor (Traditional)
12. Melodie in F (A. Rubinstein)
13. Nun vergiss leises Flehn, süßes Kosen
14. Scarborough Fair (Simon & Garfunkel)
15. Santa Lucia (Traditional)
16. Down by the Riverside (Traditional)
17. Stars and Stripes forever (J. P. Sousa)
18. Frühlingslied (F. M. Bartholdy)
19. Rondo (W. A. Mozart)
20. Walzer Op.39 Nr.15 (J. Brahms)
21. All my Loving (The Beatles)
22. Menuett (W. A. Mozart)
23. Rondo (D. G. Türk)
24. Blueberry Hill (Fats Domino)
25. Wiener Blut (J. Strauß, Sohn)
26. Schwanen-Thema (P. I. Tschaikowsky)
27. Amboss-Polka (A. Parlow)
28. Sinfonie mit dem Paukenschlag (J. Haydn)
29. Wilhelm Tell (G. Rossini)
30. Aloha Oe (Q. Liliuokalani)
31. Militär-Marsch (F. Schubert)
32. Chim Chim Cher-Ee (R. M. Sherman, R. B. Sherman)
33. House of the Rising Sun (The Animals)
34. Michelle (The Beatles)
35. Air (J. S. Bach)
36. Chor der Zigeunerinnen (G. Verdi)
37. Baby Elephant Walk (H. Mancini)
38. Der Schwan (C. Saint-Saens)
39. Die Schlittschuhläufer (E. Waldteufel)
40. Der harmonische Grobschmied (G. F. Händel)
41. Siciliano (J. S. Bach)
42. San Francisco (Scott McKenzie)
43. Italienisches Konzert (J. S. Bach)
44. Gefangenenchor (G. Verdi)
45. Stenka Rasin (Traditional)
46. Imagine (John Lennon)
47. Menuett (L. Boccherini)
48. Zillertaler Hochzeitsmarsch (Traditional)
49. Llorando Se Fue – Lambada (Kaoma)
50. I will survive (Gloria Gaynor)

|95 Seiten
ISBN-13: 978-3-86543-337-4|
http://www.bosworth.de

Kugelberg, Johan / Beste, Peter – True Norwegian Black Metal

Das Feuer der norwegischen Black-Metal-Szene scheint in den vergangenen Jahren ein wenig erloschen. Die Protagonisten haben sich partiell zurückgezogen oder aber in den Sumpf der fragwürdigen Comebacks begeben, die wenigen verbliebenen Originale wiederum nutzen ihren Explorationswillen, um ihren Sound in die Moderne zu rücken; und auch wenn noch eine gute Handvoll Individualisten die Flamme der zweiten Generation am Lodern hält, so ist das, was vor gut anderthalb Dekaden noch als faszinierende Subkultur gestartet war, heute eher ein Teil des nordischen Mainstreams und größtenteils sogar salonfähig geworden.

Dennoch, der Mythos bleibt unvergessen, die Ereignisse um die Mordserien, Kirchenverbrennungen und die Hatz gegen das Christentum haben nicht nur die dortige Kultur und das soziale Wesen, sondern auch die internationale Metal-Szene nachhaltig geprägt – sei es nun in visueller Form durch das Corpsepaint, im rohen Ausdruck der rauen, hasserfüllten Musik oder eben auch in der inhaltlichen Grundaussage der schwarzmetallischen Lyrik, die auch heute noch häufig aufgegriffen wird, aber eben nicht mehr derart provokant und außergewöhnlich daherkommt wie dies eben zu Beginn des letzten Jahrzehnts der Fall war.

Peter Beste, seines Zeichens passionierter und studierter Fotograf, hat sich im Laufe seiner Ausbildung und Studienzeit ebenfalls von diesem Phänomen beeindrucken und prägen lassen und vor allem die ungewöhnliche Optik der Musiker zur Faszination schlechthin erklärt. Gleichzeitig hat er gedanklich bereits ein Projekt ins Leben gerufen, das in dieser Form längst überfällig war und die eigenwillige Ästhetik der Szene wiedergeben sollte – nämlich einen Bildband aus der direkten Umgebung, der nicht nur die Darsteller selbst, sondern auch ihre direkte Umwelt, die inspirative Natur und auch die Klischees, die auch im Back Metal eine große Rolle spielen, einfängt. Unter dem Titel „True Norwegian Black Metal“ erscheint nun ein monströses Bildwerk, für das Beste einen großen Teil der letzten sechs Jahre aufbrachte und gleich dreizehnmal nach Norwegen reiste, Freundschaften knüpfte und schließlich in das Mysterium der Musik eintauchte.

Und in eben diesem Werk beschäftigt sich der Fotograf vorwiegend mit den noch verbliebenen Helden der Szene, wobei er es besonders auf Bands wie |Gorgoroth| abgesehen hat, deren Frontmann Gaahl er hier gleich in mehreren Posen zeigt. Dazu gibt es haufenweise Material von Bands wie |Carpathian Forest|, |Darkthrone|, |Mayhem|, |Enslaved| und |1349| nebst einigen Dokumentationen der Szenerie zu Beginn der Neunziger, als die ersten Kirchen brannten und Protagonisten wie Euronymus der Unmenschlichkeit mancher Mitglieder zum Opfer fielen.

Hier gibt es abseits der vielen gelungenen Ablichtungen der Musiker in ihrer privaten und beruflichen Umgebung (also der Bühne) reproduzierte Zeitungsausschnitte, die sich vor allem mit der brisanten Blütezeit des Genres beschäftigen. Die |Mayhem|-Morde werden nachgezeichnet, das Schicksal des zwielichtigen Varg Vikernes noch einmal aufgenommen, aber auch einige Original-Briefe eingeflochten, um noch näher in das Mysterium jener Zeit abzutauchen. Ergänzend gibt es schließlich noch Fotos, die jedoch anderen Quellwerken entnommen sind, aber eben einige der Leute zeigen, zu denen Beste nicht mehr vordringen konnte. Um die Sache rund zu machen, kommt auch ein langjähriger Wegbegleiter von Bands und Szene zum Wort, nämlich Metalion vom norwegischen |Slayer|-Mag, der von Anfang an dabei war und gerade die Krise aus nächster Nähe miterlebte. Auch wenn ihm gerade einmal eine Doppelseite geschenkt wird, so ist der Informationsgehalt doch immens – zumal sein Bericht tatsächlich aus erster Hand stammt.

Das Problem an diesem Werk besteht lediglich in seiner mangelnden Vollständigkeit. Beste hat relativ spät mit den Aufnahmen begonnen und ist zu einer Zeit gestartet, als die große Welle bereits vorüber war. Daher muss er gerade im Hinblick auf die eigentlichen Vorreiter der Szene Einbußen hinnehmen und auf Archivaufnahmen zurückgreifen, was natürlich insofern nicht so glücklich ist, als von ihnen erst diese ganz spezielle Faszination ausging, von der die nun porträtierten Musiker erst im Nachhinein zehren konnten. Gerade diesbezüglich kann der Mann hinter diesem Bildband den hohen Ansprüchen an ein solches Projekt nicht ganz gerecht werden.

Andererseits sind manche Bilder, die Beste hier veröffentlicht gibt, wirklich genial getroffen und strahlen genau jenen Mythos aus, von dem die meist maskierten Musiker profitieren und der letztendlich auch die Szene ausmacht. Es sind ebensolche Momentaufnahmen wie das definitive Chaos im letzten Jahrzehnt, vielleicht diesmal aus einem anderen Blickwinkel, aber dennoch nicht weniger majestätisch und elegant als die rauen Visualisierungen der ersten Stunde. Damit ist dem Autor und Fotografen trotz des inhaltlichen Einschnitts ein wahrhaft grandioses Porträt einiger Menschen gelungen, deren Äußeres bereits faszinierend ist und deren unnachahmlichem Ausdruck man sich auch in Zeiten, in denen der Black Metal nur noch eine Nebenrolle in der Szene spielt, kaum entziehen kann. Der Preis für das Werk mag zwar ein wenig abschreckend sein, aber der Gegenwert dieser teils einmaligen Aufnahmen rechtfertigt die Investition in jedem Falle und macht „True Norwegian Black Metal“ zu einer ganz besonderen Veröffentlichung, die man sich als passende Ergänzung zur „Lords of Chaos“-Chronik nicht entgehen lassen sollte.

|ISBN-13: 978-0-95580-151-8|

Shooman, Joe – Bruce Dickinson – Eine Biografie

Was wäre Bruce Dickinson wohl geworden, hätten die Mannen von |IRON MAIDEN| ihn in den frühen Achtzigern nicht darum gebeten, den vakanten Sängerposten zu füllen? Und umgekehrt: Wo würde der Metal-Dinosaurier heute wohl stehen, wäre der vielleicht begabteste Classic-Metal-Frontmann und -Entertainer damals nicht auf das Angebot eingegangen und lieber seiner alten Kapelle |SAMSON| treu geblieben? Vielleicht hätte ihn seine Passion für den Fechtsport bis an die Weltspitze gebracht. Möglicherweise hätte er sich auch damit zufriedengegeben, als Pilot um die Welt zu reisen. Oder aber er hätte vielleicht sein Studium zu Ende gebracht und sich als Lehrer für Geschichte engagiert.

Spekulationen gibt es hierzu viele, doch laufen sie alle auf ein Ergebnis heraus: Dieser Mann ist ein absolutes Multitalent, sowohl als Showmensch als auch in seinem steten Explorationsdurst, der ihn unter anderem auch lange Jahre durch seine musikalische Karriere gebracht hat. Deshalb ist seine Biografie definitiv nicht gleichzeitig diejenige von |IRON MAIDEN|, auch wenn vor allem die Erfolgsstory des Sängers unmittelbar mit der seiner langjährigen Wegbegleiter verknüpft ist. Aber es steht weiterhin außer Frage, dass Dickinson auch ohne die Band einen konsequenten, erfolgreichen Weg eingeschlagen hätte. Dafür ist seine Willensstärke nämlich einfach zu immens, als dass man hieran Zweifel anbringen müsste.

Als Joe Shooman nun vor Jahren die ersten Ideen zu dieser Biografie entwarf, musste er sich genau diesen Umstand erst noch einmal bewusst machen. Und er ging sein Projekt auch sehr geschickt an, indem er die |MAIDEN|-Jahre vergleichsweise grob anriss und die präziseren Inhalte der Bandgeschichte seinem Kollegen Mick Wall überließ, der die Historie der Briten seinerzeit in [„Run to the Hills“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1708 abarbeitete.

Also konzentriert er sich vor allem auf die Person Paul Bruce Dickinson und deren zahlreiche Talente, die natürlich in erster Linie mit dem Leben als Musiker zusammenhängen. So erfährt man von seinen ersten Engagements in Bands wie |STYX| und |SHOTS|, von den Diskrepanzen, die der Job bei |SAMSON| mit sich brachte, da sein hoher Gesang bisweilen gar nicht zum klassischen Hardrock seiner neuen Weggefährten passen wollte, und begleitet natürlich den Werdegang von |IRON MAIDEN|, der vorläufig nur bis zum „Fear of the Dark“-Album reichen sollte. Dazu erfährt man reihenweise Persönliches über den rauen Bruce und seinen kreativen Dickkopf, lernt seine kontinuierliche Selbstdisziplin schätzen, realisiert aber im Grunde genommen, dass er trotz der großen Erfolge stets ein Mensch mit Bodenhaftung geblieben ist, der seine Herkunft nie vergessen hat.

Bodenhaftung war schließlich auch nötig, als der Sänger sich von seiner Band loseiste, um seine eigenen Projekte zu starten, die anfangs noch recht erfolgreich und eigenwillig waren, später aber zwangsläufig in eine Sackgasse führten, da Dickinson einfach ein Metal-Sänger war und ist und die Arbeiten bei |SKUNKWORKS| lediglich seine Experimentierfreude befriedigten, nicht aber seine Zielgerichtetheit als Künstler. Sein erneuter Wechsel zu |IRON MAIDEN| kam 1999 dennoch überraschend, war jedoch der einzig logische Schritt für die beiden sinkenden Schiffe und wurde letzten Endes zu einem noch größeren Triumphzug als die erhabenen Momente des vorherigen Jahrzehnts – vor allem dank der Schlüsselfigur Dickinson.

Shooman bleibt in seinen Ausführungen allerdings jederzeit objektiv und feiert seinen Helden nicht ständig als solchen ab. Eher aus der Draufsicht schildert er vor allem das Leben des jungen Bruce in einer Detailfreude, die bislang beispiellos ist. Gerade die zwischenmenschlichen Geschichten haben es ihm angetan, was er in zahlreichen Interviews mit frühen Helden der NWoBHM und Gefährten Dickinsons immer wieder belegt. Doch auch der Informationsgehalt seiner Biografie ist enorm und bringt gerade auf musikalischer Ebene zahlreiche Insider-Facts zutage, die man an dieser Stelle auch gerne lesen möchte. Zu kurz kommt lediglich der Wiedereinstieg bei |IRON MAIDEN|, der eigentlich einer der wesentlichen Knackpunkte in der Karriere des Sängers ist. Hier hätten ein paar Details mehr sicherlich gut getan, um die Sache komplett rund zu bekommen. Ansonsten gibt es an Shoomans Werk absolut nichts auszusetzen; wer einen Ausnahmekünstler wie Bruce Dickinson so bodenständig und gleichsam anerkennend vorstellt und das Ganze mit einem solch reichen Informationsschatz füllt, der verdient nicht nur Respekt, sondern auch zahlreiche Abnehmer. Wirklich gelungen, was hier auf gut 250 Seiten als offizielle Biografie angeboten wird!

|ISBN-13: 978-3-931624-53-8|
http://www.iron-pages.de

Oidium, Jan – Metal Dream Girls / Metal Dream Boys 2009

Für Metalheads läuft die Zeit anders. Dies zumindest hat sich Comic-Zeichner, Medienmacher und Autor Jan Oidium gedacht. Die „Metal Dream Girls/Boys“-Kalender sind der terminliche Countdownkalender zum Wacken 2009 und beginnen beide im September 2008. Jüngst ist nun der vierte „Metal Dream Girls“-Kalender auf den Markt gekommen, ihn gibt es im Buchhandel und auf der Website http://www.jan-oidium.com.

Und ein Schmuck sind die Kalender fürwahr, die in circa 30 cm Höhe daherkommen. Denn nicht etwa die privaten Vorlieben von Jan Oidium posieren vor der Kamera. Nein, der Berliner hat sich ein demokratisches Kalendermodell überlegt. Über Monate konnten Mädchen und Jungen auf der Internetseite http://www.metaldreamgirls.com ein möglichst vorteilhaftes Bild von sich einstellen und die weltweite Netz-Gemeinde auf einer Punkteskala von eins bis zehn über ihre Attraktivität entscheiden lassen. Tausende Frauen und Männer aus der Metal-Szene machten mit. Und noch mehr Klicks später standen die jeweils zwölf Gewinner fest, die dann professionell abgelichtet wurden.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In schicken, manchmal auch schrägen Posen präsentieren sich die „Traumfrauen“ und „Dream Men“ der Metal-Gemeinde. Dazu ist der Kalender so gestaltet, dass sich zu jedem Tag zumindest ein, zwei kleine Einträge machen lassen, er also nicht nur ein reiner Hingucker ist, sondern eben auch einen gewissen praktischen Nutzwert besitzt. Und schön sind die Frauen sowieso. Aus männlicher Perspektive hat sogar auch der „Boys“-Kalender seine Berechtigung: Etwa als Geschenk für die gute Metal-Freundin, die vielleicht zurzeit solo ist und auch mal wieder schwärmen soll.

Dabei soll es nicht bleiben: Für den September hat Jan Oidium einen dritten Kalender für dieses Jahr angekündigt: „Warrior Dream Girls“ soll „erotische und ästhetische Fotoaufnahmen von Kriegerinnen des Fantasy Genres“ bieten, erste Aufnahmen versprechen viel. Und dieser Monatsplaner hat dann auch den Januar als Anfangsmonat – für konservative Kalender-Freaks …

|ISBN-13: 978-3-939106-12-8 / 978-3-939106-13-5|

Hearn, Marcus (Hrsg.) – A Tribute to Pink Floyd – Fotografien

_Zeitgeschichte: Von Psychedelia bis Stadionrock_

„A Tribute to Pink Floyd“ illustriert die Geschichte der Band anhand der gelungensten und aussagekräftigsten Fotos aus dem Archiv der Fotoagentur Rex Collection. Der Bildband enthält Aufnahmen von ihrem ersten Pressetermin bis zum letzten Bild des Bandes, auf dem man die Trauerkarte eines Fans vor dem Haus von Syd Barrett sieht, kurz nach dessen Tod im Juli 2006.

_Der Herausgeber_

Marcus Hearn ist der Herausgeber dieses Bildbandes. Das bedeutet, dass er nicht für sich in Anspruch nimmt, hochgeistige Beiträge abzuliefern und tiefschürfende Untersuchungsergebnisse zum Besten zu geben. Obwohl er es nicht sagt, bestand seine Aufgabe darin, einfach nur die Begleittexte zu den Fotos schreiben.

Hauptsache also, die Fotos sind gut. Diese stammen von Rex Features, einer „unabhängigen britischen Presseagentur für Fotografie“ (www.rexfeatures.com). Sie beliefert seit 1954 über 30 Ländern mit Fotomaterial zu Medienereignissen. Ihr Bildarchiv ist dementsprechend umfassend, insbesondere zu allen Exponenten der Rockmusik.

Der Zeitraum, der von den in diesem Band präsentierten Fotos abgedeckt wird, reicht von 1966 bis November 2006, also 40 Jahre.

Die Band |Pink Floyd| (offiziell Feb. 1967 bis heute):

Roger Keith „Syd“ Barrett: Gitarre (bis Ende 1967)
David Gilmour: Gitarre, Gesang (ab 1968)
Nick Mason: Drums, Percussions
Richard Wright: Keyboards
Roger Waters: Bass, Gitarre, Gesang
Und diverse andere Mitwirkende, insbesondere Terrence „Snowy“ White (Gitarre).

_Inhalte_

_Der Text_

Eine kurze Biografie jedes Musikers eröffnet den Band, gefolgt von einer Fotostrecke zu ihrer ersten Pressevorstellung im Februar 1967. Die Einleitung, die davor platziert ist, umreißt das ganze Themenfeld, das sich mit |Pink Floyd| verbinden lässt. Der Herausgeber versucht das Geheimnis, die Besonderheit dieser Band einzufangen. Gut finde ich in dieser Hinsicht besonders die Statements der Musiker selbst.

Die Entwicklung der Band soll sich nach dem Willen des Herausgebers in den Fotos widerspiegeln – sonst wäre ja der Sinn eines solchen Bildbandes verfehlt. Die Fotos sind Zeitdokumente, aber auch Geschenke an die Millionen Fans der Band. Seltene Fotos wie etwa von der Reunion 2005 werden deshalb wie Juwelen in einem Collier besonders hervorgehoben.

Die meisten der kurzen Kapitel tragen den Titel eines der Alben, die die offizielle Band |Pink Floyd| veröffentlichte. Das bedeutet, dass Roger Waters‘ Alben nicht berücksichtigt werden. „Radio KAOS“ wird nur am Rande erwähnt, ebenso Gilmours „On An Island“ (2006). Dem Leser springen also Überschriften wie „The Piper at the Gates of Dawn“ entgegen, und das mag für Fans, die |Pink Floyd| erst seit „Dark Side of the Moon“ kennen, ein paar Überraschungen bereithalten.

Die |Floyd| waren am Anfang eine Undergroundband, die sich für die Gegenkultur engagierte. Als sie im Februar 1967 einen Plattenvertrag von EMI bekamen, trug ihnen dies zwar nicht überall Begeisterung ein, aber sie blieben weiterhin aufmüpfig. Als „Arnold Layne“, eine ihrer ersten Singles, von einem Londoner Radiosender boykottiert wurde, verteidigte Syd Barrett, der musikalische Kopf der Band, diesen Song über einen Transvestiten, der Dessous von Wäscheleinen klaut. Er forderte den Sender auf, sich mal in der Realität umzuschauen.

Solche und viele weitere Anekdoten rücken die |Floyd| in ein interessanteres Licht, als es die üblichen Pophistorien tun, die kaum über Lobhudeleien hinauskommen. Ganz im Gegenteil: Vielfach wird die Kritik der damaligen Journalisten und Marktbeobachter aufgegriffen und den Aussagen der Bandmitglieder gegenübergestellt. So erlangt das folgende Statement von Roger Waters einen hohen Stellenwert, denn es begründet, warum die |Floyd| durch Grenzüberschreitung immer wieder die Kritiker vor den Kopf stoßen mussten, um schließlich 1973 dort anzukommen, wo sie Ruhm und Reichtum einheimsten:

|“Wir könnten immer so weitermachen und dieselben beliebten alten Nummern spielen, und es würde uns sicher Spaß machen, aber darum geht es bei Pink Floyd nicht. Es geht darum, Risiken einzugehen und neue Wege einzuschlagen.“| (1969)

Auf die experimentelle psychedelische Phase und diverse Filmmusiken folgten die Konzeptalben der Siebziger „Dark Side of the Moon“ sowie „Wish you were here“ und schließlich die gigantischen Stadionkonzerte und jahrelangen Welttourneen in den achtziger und neunziger Jahren.

Der Herausgeber beschäftigt sich erstaunlich intensiv mit dem Bruch zwischen Roger Waters und dem Rest der Band anno 1983, dem 1981 der Ausstieg Rick Wrights vorausgegangen war. Waters dachte, sie würden es nicht wagen, ohne ihn weiterzumachen und sogar den Bandnamen zu benutzen. Nun, sie wagten es und wurden eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten, auch ohne ihn. Aber sie spielten kaum jemals wieder von den beiden Alben, die Waters fast im Alleingang hervorgebracht hatte: „Animals“ von 1977 und „The Final Cut“ von 1983. Dazwischen erschien 1979 ihr epochales Album „The Wall“. Es war eine Reaktion auf die Entfremdung der Musiker von ihrem Publikum.

2005 kam es auf dem Live-8-Konzert Bob Geldofs zu einer kurzfristigen Reunion der legendären Band, und es sah so aus, als hätten Gilmour und Waters nach einem Vierteljahrhundert das Kriegsbeil begraben. Seither scheint Waffenstillstand zu herrschen.

(Am Schluss des Bandes findet der Fan eine Liste der Artikel und Bücher, die der Herausgeber als Quellen nutzte. Sie können als weiterführende Lektüre dienen.)

_Die Fotos_

Der Bildband enthält 152 farbige und Schwarzweiß-Abbildungen. Das ist weitaus mehr als der entsprechende Led-Zeppelin-Bildband vorweisen kann. Der Fan bekommt mithin einen reellen Gegenwert für seinen knapp 30 Euronen. Aber das ist noch längst nicht alles.

Ich habe schon etliche Fotos der |Floyd| gesehen und eine „Biografie“ der Band gelesen, die selbstredend ebenfalls einen Fototeil enthielt. Auch das Bonusmaterial zur Live-DVD „P.U.L.S.E.“ ist gut gefüllt mit Fotos. Aber solche Fotostrecken wie in diesem Band habe ich noch nie gesehen.

|Presseauftritt 1967|

Nach den Porträtfotos, die den Biografien von Barrett, Waters, Wright und Mason (nicht Gilmour, der folgt später) beigefügt sind, folgt die Bildstrecke, mit der Dezo Hoffman den Presseauftritt der vier Urmitglieder dokumentiert hat. Es wurde Playback eingesetzt, was zu einigem Unmut geführt haben soll. Aber es war wohl nicht nur die Musik megapeinlich, sondern auch die ganze Atmosphäre – kein bisschen von einem Live-Auftritt. Im Anschluss entblöden sich die Musiker nicht, vor dem EMI-Haus eine Chorus Line vorzuführen. Fehlt nur noch der Cancan mit Rüschenrock.

|Psychedelia und was daraus wurde|

Das folgende Kapitel „Psychedelia“ sieht schon mehr nach den |Floyd| aus: Farbeffekte und Unschärfe sowie Reflexe entrücken die vier Männer der Realität. Etwas störend wirken jedoch Waters‘ und Masons Brillen. Sie fehlen beim nächsten Shooting, als das Quartett in bunten Hemden der Sechziger sich Hoffmans Kamera stellt. Auch dies wirkt so künstlich wie der Presseauftritt und steht in hartem Kontrast zum Fotos von Syd Barretts letztem größeren Gig am 22.12.1967. Er sieht unrasiert und zerzaust aus, ein Opfer der Drogenexzesse des vergangenen Jahres. Man trennte sich von ihm, denn er konnte nicht einmal mehr die Gitarre richtig spielen. Sein Nachfolger wurde David Gilmour, den eine Doppelseite vorstellt.

|Pushing the envelope: Auftrittsorte|

In den Sechzigern und Siebzigern scheint |Pink Floyd| à la Waters die Grenzen dessen, was als Live-Auftritt bekannt ist, ausgelotet und erweitert zu haben. Fans und Helfer fertigten spezielle Dias an – das war alles unvorstellbar primitiv, wurde aber schnell ausgefeilter, wie man auf „P.U.L.S.E.“ sehen kann. Die Auftrittsorte waren ebenso ausgefallen. Zunächst im Hyde Park, dann in Pompeji (1971), wo der bekannte Musikfilm entstand, und sogar in einem französischen Kloster. Dort trafen die |Floyd| die Filmschauspielerin Jeanne Moreau [(„Jules und Jim“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1065 Die Fotos dieses Innenraumes gehören zu den seltsamsten, aber auch eindrucksvollsten Motiven in diesem Band.

Den ultimativen Durchbruch in Sachen Bühnengestaltung zauberten die |Floyd| dann wohl mit der 50 Meter langen und 10 Meter hohen Mauer aus Pappmachéblöcken hin, die sie als „Dekoration“ einsetzten, um „The Wall“ aufzuführen. Es gelang ihnen 1979/80 immerhin 29-mal, dann wurde der Aufwand einfach zu groß, teuer und beschwerlich. So legt es jedenfalls der Begleittext nahe.

|Letzter Auftritt|

Auch die Stadionkonzerte müssen gigantische logistische Unternehmungen gewesen sein. Nicht nur „P.U.L.S.E.“ belegt dies, sondern auch die zahlreichen Fotos dieses Bildbandes. Auf die Reunion von 2005 weist der Herausgeber mit Recht als besonders bemerkenswert hin. Diese Fotos sind nicht nur ein bedeutsames Zeitdokument (s. o.), sondern auch erstklassige Arbeiten (von Brian Rasic und Richard Young). Fast jedem Musiker ist eine ganze bzw. Doppelseite gewidmet. Besonders beeindruckt hat mich Roger Waters. Dessen Gesicht erzählt eine lange Geschichte.

|Humor|

Dass der Herausgeber auch den typisch britischen Humor besitzt, belegt sein Kapitel „A momentary lapse of reason“ – wörtlich: „ein kurzer, vorübergehender Verlust der Vernunft“. Als Fotomaterial hat er das fliegende und aufblasbare Bett ausgewählt, mit dem die Band 1987 ihr neuestes Album vor den Londoner Houses of Parliament bewarb. Das fliegende Bett erinnert an das aufblasbare Schwein, mit dem „Animals“ 1977 beworben wurde. Dass die Band auch 1987 ein wenig den Verstand verloren haben könnte, ist eine Assoziation, die von den Fotos nahegelegt wird, ohne dies explizit sagen zu müssen. Das folgende Kapitel hat frecherweise die Überschrift: „Another lapse“. Es handelt sich diesmal um den Titel der Europatournee.

_Unterm Strich_

Die Fotos sind meist von bester Qualität und sollten dem Fan ihr Geld wert sein. Aber was sie wirklich zu bemerkenswerten Zeitdokumenten macht, sind die Motive und die Auswahl. Das beginnt mit dem megapeinlichen Playback-Gig vor der Londoner Presse im Februar 1967 und endet mit dem Reunion-Auftritt auf dem Live-8-Konzert, das Bob Geldof organisiert hatte. Dazwischen liegt knapp 40 Jahre Musikgeschichte voller Wandlungen und Metamorphosen. Von denen einige heutzutage recht skurril anmuten.

Die Texte sind in kleine Häppchen aufgeteilt, wesentlich leichter verdaulich als die ambitionierten Kapitel Tedmans im Bildband [„A Tribute to Led Zeppelin“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4929 Dennoch bleiben die Informationen, Meinungen und Kritiken keineswegs auf der Strecke, sondern formen vielmehr ein anregenderes Gesamtbild dessen, was die |Floyd| auslösten: eine Ausweitung – nicht der Kampfzone, sondern dessen, was als moderne Rockmusik in Erscheinung treten sollte, sowohl in musikalischer Hinsicht als auch, was die Auftrittsorte, Bühnendekoration und PR-Aktionen anging: Pompeji oder Kloster, The Wall an der Berliner Mauer, aber auch fliegende Schweine und Betten. Es hätte durchaus noch etwas mehr britischer Humor sein dürfen.

Insgesamt bekommt der Sammler und Fan einen ziemlichen einmaligen Fotoband in die Hand, der durch seine inhaltliche Gestaltung selbst als Zeitdokument bezeichnet werden kann. Mögen auch die ersten Seiten megapeinlich erscheinen, na und: Dies waren eben die Auswüchse jener Zeit, als die Rockmusik sich schrittweise zum Big Business mauserte, als das wir sie heute kennen. So kann der Band auch zum Verständnis der musikalischen Entwicklung beitragen, welche die Rockmusik durchlaufen hat.

Noch besser wäre beim Betrachten der Fotos der entsprechende Soundtrack. Dazu eignet sich die Best-of-Doppel-CD „Echoes“. Diese beginnt und endet mit Syd Barretts genialen Kompositionen „Astronomy Dominée“ und „Bike“. Da passt es hervorragend, wenn der vorliegende Bildband ebenso mit Barrett beginnt und endet. R.I.P., Syd.

|Originaltitel: A tribute to Pink Floyd, 2008
160 Seiten
Aus dem Englischen von Thorsten Wortmann|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Reynolds, Simon – Rip It Up and Start Again: Postpunk 1978-1984

Mit „Rip It Up And Start Again“ hat der ehemalige |Monitor|- & |Melody Maker|-Redakteur, freischaffende Musikjournalist (|The New York Times|, |Village Voice|, |The Guardian|, |Rolling Stone|, |The Observer|, |Artforum|, |The Wire|, |Uncut|, |Blissout|, |Blissblog|) und Pop-Chronist („The Sex Revolts: Gender, Rebellion & Rock’n’Roll“, 1995; „Energy Flash: A Journey Through Rave Music and Dance Culture“, 1998) Simon Reynolds eine umfassende Sammlung von Portraits innovativer, zukunftsorientierter Bands und ihres jeweiligen Umfelds zur Zeit der ausgehenden Siebzigerjahre bis in die erste Hälfte der 1980er herausgegeben. Eingebettet sind seine biographischen Skizzen (Reynolds fokussiert dabei auf Kunstverständnis, Intentionen und Manifeste der jeweiligen Akteure sowie auf einzelne Werke) in eine übergreifende Narration, welche die jeweiligen lokalen/regionalen bzw. nationalen Kunst- und Musik-Szenen miteinander in Beziehung setzt, vergleicht und gegeneinander abgrenzt. Auch die Aspekte Markt und Marketing bleiben dabei nicht außen vor.

Der rote Faden dieser Erzählung ist das facettenreiche Kontinuum einer Reihe von Künstlern, Musikern, Managern und Musikjournalisten, die – beflügelt von der durch die Punkbewegung ausgelösten Aufbruchstimmung des Do-it-yourself-Spirits und des Ausbruchs aus formalisiserten musikalischen Traditionen – begannen, unter bewusster Vermeidung überkommener Rockstrukturen mit neuen technischen Möglichkeiten sowie mit neuartigen bzw. gänzlich ohne (formelle) Spieltechniken herumzuexperimentieren. Da die Protagonisten dieser heterogenen Szene(n) eine Vielzahl von musikalischen bzw. künstlerischen Ansätzen aufweisen, deren einziger gemeinsamer Nenner der bewusste Bruch mit der bisherigen Musikgeschichte inklusive des sich zunehmend formalisierenden Punkgenres war (welches in seiner Rolle als zum Rock ’n‘ Roll zurückkehrende Strömung bzw. als Fortsetzung des R ’n‘ R mit anderen Mitteln zum Teil bewusst abgelehnt wurde), ist der Untertitel des Buches „Postpunk 1978-1984“ eine durchaus treffende Bezeichnung. In der zweiten Hälfte der Achtziger wurde die anfangs noch konsequente Absetzung von den Traditionen des Rock und Pop dagegen kontinuierlich schwammiger bzw. unwichtiger. Doch bereits in den Anfängen der Postpunk-Szene(n) lassen sich erste Wurzeln solch unterschiedlicher Genres wie Synthpop, Industrial, Gothic, EBM und Alternative Rock ausmachen.

Innerhalb dieser breitgefächerten Gemengelage an eher vorwärts als rückwärts orientierten Bands beschreibt Reynolds zwei Strömungen, die sich jeweils weniger durch einen gemeinsamen Sound der ihnen zugeordneten Künstler auszeichnen als vielmehr durch ihre unterschiedliche Haltung gegenüber dem zeitgenössischen Musikmarkt und seinen Geschäftsstrukturen bzw. den Mustern des Konsums seitens der Kunden.

Der erste Teil des Buches widmet sich unter der Überschrift „Postpunk“ Bands, die sich bewusst gegen das herkömmliche (populäre) Musikverständnis – in radikalster Ausprägung teils sogar gegen das Konzept von (populärer) Musik überhaupt – stellten und/oder in bewusster Abgrenzung gegenüber dem konventionellen Musikmarkt alternative Vertriebs- und Kommunikationsformen aufzubauen versuchten. Mit den Protagonisten der Punkbewegung gemein – oftmals sogar in noch ausgeprägterer Form – hatten viele von ihnen einen (wie auch immer gearteten) revolutionären Anspruch des Selbermachens bei größtmöglicher Unabhängigkeit von bestehenden Marktstrukturen und schließlich auch die bewusste Abgrenzung gegenüber der Mainstreamkultur. Zugleich stammten mehrere dieser Bands bzw. Kollektive aus einem ursprünglich eher musikfernen künstlerischen Umfeld, das oftmals über einen kunsttheoretischen, theatralischen oder durch |performance art| geprägten Hintergrund verfügte. Vor der (neo-)konservativen Wende unter den Regierungen Reagan/Thatcher profitierten einige dieser (britischen) Gruppen von staatlicher Kunstförderung, sei es im akademischen Umfeld oder in sozialen Projekten. Für manche dieser Bands spielte sogar der |Happening|-Charakter ihrer Auftritte eine ebenso große Rolle wie die Musik selbst, bei anderen kam eine ähnliche Bedeutung ihrer künstlerischen Gesamtkonzeption oder ihren (gegen-)gesellschaftlichen Manifesten zu. Wieder anderen war besonders an der Umsetzung eines innovativen, möglichst unabhängigen Geschäfts- und Vertriebssystems oder an der Etablierung eines ureigenen Stils im Sinne einer |corporate identity| gelegen. Im Gegensatz dazu gab es freilich auch Gruppen, die sich ganz dem freien, experimentellen Spiel mit neuen oder neu verknüpften Formen hingaben oder gar der reinen Provokation ihres Publikums frönten.

Der zweiten von Reynolds beschriebenen Strömung ist dagegen gemein, dass sie sich, wenn schon nicht richtungsweisend vom Mainstream beeinflussen ließ, so doch zumindest bewusst in diesen hineindrängte. Die am Pop bzw. schließlich doch auch wieder am Rock orientierte Ausrichtung der ihr zugeordneten Bands konnte sowohl in subversiver als auch in provokativer, kommerzieller oder missionarischer Absicht erfolgen. Programmatik, thematische Geschlossenheit, das Stilmittel der Übertreibung, gewollte Exotik oder auch modisches |styling| konnten dadurch an Bedeutung gewinnen. Einerseits konnten diese Aspekte den jeweiligen Bands eine besonders faszinierende (je nach Ausprägung abgründige, glamouröse oder auch ambivalente) Aura verleihen, sich anderseits aber auch in Oberflächlichkeiten erschöpfen bzw. ähnlich aufgeblasene Stilblüten treiben wie jener bombastische Artrock, den abzulösen die Punkbewegung einstmals angetreten war. Mit dem ursprünglichen Postpunk gemein hatten diese jüngeren (oder teils auch sich weiter fortentwickelnden älteren) Bands indes noch immer einen – wenn auch im Umgang mit Versatzstücken traditionellerer Musik bisweilen formalisierteren – innovativen, spielerischen, teils auch ironisierenden oder ins Groteske kippenden oder überspitzenden Ansatz. Auch zeigten sich gerade im Postpunk-Umfeld erste Ansätze zu damals neu heraufdämmernden Musikgenres, von denen einige – wenn auch in anderer Ausprägung – mittlerweile fest etabliert sind. Obschon Reynolds in der zweiten Welle der Gothicbands während der 1980er Jahre bereits eine erste Retro-Orientierung erkennt, sieht er in ihren Anfängen wie auch im „New Pop and New Rock“ (so der Titel des zweiten Buchabschnitts) allgemein bis etwa ins Jahr 1984 noch eine Fortsetzung der Grundhaltung vieler Postpunkbands bzw. ein Aufbauen auf sowie eine Weiterentwicklung der Formensprache ihrer (modernistischen) Musik.

Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte sei diese dann zunehmend im Zitatewust der Postmoderne auf- bzw. untergegangen, wohingegen die ursprüngliche Rolle des (Post-)Punks als musikalische Revolutionsbewegung (nach Malcolm McLaren, den der Autor durchaus als ambivalente Figur beschreibt) um die Mitte der Achtziger herum schließlich vom Hip Hop übernommen worden sei. Den heute vom Postpunk beeinflussten oder inspirierten Bands attestiert Reynolds im Nachwort eine oftmals großartige, aufregende und erfreulich verstörende Art, die Klänge seiner Jugend wiederaufleben zu lassen. Auch sprängen sie auf die Aura der Dringlichkeit und des missionarischen Eifers an, von der die Musik dieser Ära durchdrungen gewesen sei, und das, ohne notwendigerweise viel über den damaligen Kontext solcher Bands zu wissen. Doch obwohl der weitere Kontext damals wie heute von geopolitischem Tohuwabohu und einem reaktionären |backlash| mitbestimmt sei, zweifelt Reynolds am Feuer der Neopostpunkbands und ihrem augenscheinlich fehlenden Willen zum Widerstand. Mögliche Ursachen dafür, dass die meisten jüngeren Bands sich der grundsätzlichen Schwierigkeit, Politik im Pop zu verhandeln – ohne zu den bereits Überzeugten zu predigen, politisch korrekt oder übermäßig ernst zu erscheinen –, überhaupt nicht mehr stellten, sieht er in der Empfänglichkeit der 1990er Jahre für Ironie und Disengagement, welche die Popkultur noch immer im Griff halte.

Als wichtigstes Vermächtnis des Postpunk nennt der Autor dessen Eingeschworensein auf die Veränderung, welches sich zum einen in der Überzeugung geäußert habe, dass sich die Musik stets weiterentwickeln müsse, zum anderen aber auch im Vertrauen darauf, dass sie die Welt verändern könne – und sei es auch nur, indem sie die Wahrnehmung Einzelner verändere oder ihr Gespür für das Mögliche erweitere. Bei aller Bewunderung für die Zukunftsorientierung des Postpunk äußert Reynolds jedoch auch leise Zweifel und fragt sich, ob all die Energie, die in diesen Glauben geflossen ist, nicht vielleicht verschwendet und von etwas weggelenkt wurde, das die Beschäftigung damit eher wert gewesen wäre. Dennoch zeigt er sich dankbar für die durch diese Ära in ihm geweckten Erwartungen an die Musik.

Über den Index kann man das Buch durchaus auch als Nachschlagewerk für die in ihm vorgestellten Bands verwenden. Ein großes Plus ist, dass diese nicht im luftleeren Raum stehenbleiben, sondern in ihr jeweiliges Umfeld und die damaligen Trends eingebettet werden. Reynolds schreibt – ohne die eigene Subjektivität ganz außen vor zu lassen – überwiegend sachlich, jedoch in einem umgangssprachlichen Ton, sodass die Lektüre zwar informativ ist, aber niemals trocken wird. Auch auf Mainstreamgrößen wird hin und wieder Bezug genommen, hier sei auf DONNA SUMMER’s ‚I Feel Love‘ und MICHAEL JACKSON’s „Off The Wall“ verwiesen. Allerdings kann es nichts schaden, wenn man zumindest schon ein wenig Vorwissen bezüglich der (Musik-)Historie und einzelner Bands mitbringt, da man als Leser sonst hin und wieder doch etwas überwältigt werden kann. Was die Fülle des Stoffes anbelangt sowieso, denn alleine 119 vom Autor eigens geführte Interviews flossen in das Werk ein.

Auf knapp 400 Seiten lässt sich natürlich keine umfassende Geschichte sämtlicher Bands schreiben, und so wurde zu Gunsten des Gesamtüberblicks auf persönliche Anekdoten und Ähnliches weitgehend verzichtet. Stattdessen hält man mit „Rip It Up and Start Again. Postpunk 1978-1984“ eine vorbildliche Einführung für musikhistorisch Interessierte in der Hand. Wer Kultband-Klatsch und sensationelle Szenegängerberichte erwartet, der ist mit diesem Buch dagegen denkbar schlecht bedient. Doch wahre Fans der Ära werden an diesem Werk kaum vorbeikommen. Denn nicht zuletzt fordern die zahlreichen Nennungen diverser Singles dazu auf, sich selbst einmal näher mit der ein oder anderen Band zu beschäftigen, die man noch nicht kannte.

Zusätzlich zum Buch hat Reynolds von seiner [Homepage]http://www.simonreynolds.net/ aus über achtzig Seiten kommentierte Postpunk-Diskographie verlinkt, was das Stöbern nach Neu- und Wiederentdeckungen erleichtert. Schön ist auch, dass hier etablierte Genregrenzen nicht einfach zementiert werden, sondern auch Kontinuitäten, Vorläufer (wie die |Freak Culture| der Sechziger), Impulsgeber und benachbarte Strömungen (wie Electro-Funk) zumindest einmal angerissen werden, anstatt grob vereinfachende Dichotomien wie etwa ‚Punk vs. Rock‘ oder ‚Post-Punk vs. Punk‘ zu behaupten.

Nach Judith Ammanns Interview-Collage „Who’s Been Sleeping In My Brain“ und dem deutschlandlastigen Pendant „Verschwende deine Jugend“ von Jürgen Teipel ist Simon Reynolds mit „Rip It Up and Start Again. Postpunk 1978-1984“ nun ein wirklich unverzichtbares, weil umfassendes Werk zum Thema gelungen.

Wer das Buch im englischen Original lesen möchte, sollte allerdings entweder in dieser Sprache sehr bewandert sein oder aber zumindest ein Wörterbuch ständig greifbar halten, um nicht um die Feinheiten des Ausdrucks verlegen zu sein. Wenn man denn über den entsprechenden Wortschatz verfügt, liest sich „Rip It Up and Start Again“ jedoch recht flüssig. Eine deutsche Ausgabe des Buches erschien im [Hannibal Verlag]http://www.hannibal-verlag.de unter dem Titel „Schmeiß alles hin und fang neu an“, übersetzt von Conny Lösch, die bisher eher durch Bücher im Bereich ‚Sex & Porno als Pop‘ aufgefallen ist. Allerdings enthält diese Ausgabe, im Gegensatz zum Original, leider keinen Index.

Tedman, Ray (Hg.) – A Tribute to Led Zeppelin – Fotografien

_Neuer Led-Zep-Fotoband: Geldmacherei oder Perle?_

Nach dem Mega-Erfolg der fabelhaft gelungenen Live-DVD aus dem Jahr 2003 hat sich um die Hard-Rock- und Heavy-Metal-Band |Led Zeppelin| geradezu eine Medien-Industrie entwickelt, und das zusätzlich zu der bereits vorhandenen Literatur von Fans, Journalisten, „Managern“ und Musikologen. Angesichts der Flut von Veröffentlichungen muss der Musikinteressierte die Rip-offs von den Perlen unterscheiden lernen. Ob „A Tribute to Led Zeppelin“ die Geschichte der Band in Fotos von 1968 bis heute, eine Perle ist, die man sich für knapp 30 Euronen zulegen sollte, muss sich erst noch zeigen.

Hinweis: Diese Rezension liefert nicht die Geschichte dieser Band, sondern setzt sie als bekannt voraus. Wer alles über |Led Zeppelin| sucht, stößt im Internet auf reiche Jagdgründe. Es gibt kaum noch etwas, was über LZ nicht bekannt wäre. Auf |Buchwurm.info| erfährt man mehr über die Band in den folgenden Rezensionen:

[„Led Zeppelin – Talking“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=434
[„Whole lotta Led – Unsere Reise mit Led Zeppelin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2855

_Der Herausgeber_

Ray Tedman ist der Herausgeber dieses Bildbandes. Das bedeutet, dass er nicht für sich in Anspruch nimmt, hochgeistige Beiträge abzuliefern und tiefschürfende Untersuchungsergebnisse zum Besten zu geben. Obwohl er es nicht sagt, bestand seine Aufgabe darin, einfach nur die Begleittexte zu den Fotos schreiben.

Die Begleittexte immerhin basieren auf gesicherten Informationen vom zuverlässigsten Bandbegleiter namens Dave Lewis. Was Tedman also über die Laufbahn der Band und ihrer Mitglieder schreibt, ist also nah an der Wahrheit, wenn auch bei weitem nicht die ganze Wahrheit. Für den Rest gibt es andere Bücher.

Hauptsache also, die Fotos sind gut. Diese stammen von Rex Features, einer „unabhängigen britischen Presseagentur für Fotografie“ (www.rexfeatures.com). Sie beliefert seit 1954 über 30 Ländern mit Fotomaterial zu Medienereignissen. Ihr Bildarchiv ist dementsprechend umfassend, insbesondere zu allen Exponenten der Rockmusik.

Der Zeitraum, der von den in diesem Band präsentierten Fotos abgedeckt wird, reicht von 1964 bis November 2006, also 42 Jahre.

Die BAND |Led Zeppelin| (1968-1980):

Jimmy Page: Gitarren
Robert Plant: Gesang, Mundharmonika
John Bonham: Drums, Percussion
John Paul Jones: Keyboards, Bass

Im Dezember 2007 traten |Led Zeppelin| mit Jason Bonham, John Bonhams Sohn, als Drummer in London auf. Die Tickets kosteten hunderte von britischen Pfund, und nur 20.000 Glückliche konnten bei diesem Wohltätigkeitskonzert live dabei sein. Das spricht Bände für die anhaltende Attraktivität dieser Gruppe.

_Inhalte_

|A) Der Text|

Ray Tedmans Begleittexte zeichnen in zwölf Kapiteln die gesamte Geschichte |Led Zeppelins| nach, von der kuriosen Entstehung als |The New Yardbirds| (Herbst 1968) bis zu ihrem jähen Ende 1980, das durch den Tod des Drummers John Bonham herbeigeführt wurde. In einem Zusatzkapitel erfahren dann noch mehr über die Wege, welche die übrigen Mitglieder der Band gingen.

|B) Die Fotografien|

Die ca. 130 Farb- und Schwarzweißaufnahmen zeigen die „beste Rock-and-Roll-Band der Welt“, so das Fan-Credo, bevorzugt bei ihren Live-Auftritten, aber auch im Studio und backstage. Die meisten Fotos widmen sich den zahllosen Live-Auftritten, allerdings ohne dass jedes Fotos datiert wäre (immer eine Fitzelarbeit). Eine fast ebenso große Zahl von Aufnahmen zeigt die einzelnen Bandmitglieder bei ihren Offstage-Auftritten, so etwa im Los-Angeles-Hotel Chateau Marmont (wo sie kein Hausverbot bekamen) oder in ihren diversen Büros und Wohnungen.

Recht interessant ist die letzte Sektion der Aufnahmen im Kapitel „Nachwehen“. Hier finden sich die Aufnahmen neuesten Datums, die bis in den November 2006 reichen. Am 14. 12. 2005 erhielt Jimmy Page von der Queen einen MBE-Orden für seine Arbeit mit brasilianischen Straßenkindern, und 2006 wurde er in die |UK Hall of Fame| aufgenommen. Die Band selbst ist schon längst in die |US Rock ’n‘ Roll Hall of Fame| aufgenommen worden, aber so wie die britische Presse die Band in den 70ern ignorierte oder niedermachte, wundert es nicht, dass Page diese Ehrung erst so spät zuteil wurde.

Die Qualität der Fotos ist nicht durchweg optimal. Das ist angesichts der Entstehungsumstände durchaus verständlich. Eine Konzertbühne ist schließlich kein Studio. Da können die Aufnahmen schon mal grobkörnig sein. Mitunter werden sogar Abzüge einfach nebeneinander geklebt – wohl um die filmreife Dynamik eines Robert-Plant-Auftrittes zu simulieren.

_Mein Eindruck_

Der Herausgeber Ray Tedman bemüht sich um einen sachlichen Tonfall, der auf nachweisbaren Fakten basiert. Doch um unterhaltsam zu sein, muss er auch ein wenig Lobhudelei betreiben. Schließlich soll sein Buch die Fans ansprechen. Und wenn er über den Tod von John Henry Bonham schreibt, weiß er den Fan durchaus zu Tränen zu rühren. Tragische Vorfälle gibt es bei LZ genügend, so etwa den Tod von Robert Plants Sohn Carac und den Beinahetod Plants und seiner Frau auf einer griechischen Insel.

Aber es gibt auch eine humorvolle Seite, die leicht ins Bizarre umzuschlagen droht. Immer wieder muten dem heutigen Leser die Exzesse der Bandmitglieder wie Märchen aus einer anderen Welt an. Und das kann nicht bloß daran liegen, dass die Rocker in den Spätsechzigern und Siebziger ständig zugedröhnt gewesen sein müssen. Wenn also Humor auftaucht, so oft in Verbindung mit Bizarrerie, Groteske, ja, sogar brachialer Gewalt. Humor war schon damals eine Geschmacksfrage. Und was die Kolportageberichte der Herren Cole und Davis („Hammer of the Gods“) daraus machten, kann man sich leicht ausmalen.

Dankenswerterweise enthält sich der Herausgeber aller Kolportage, auch wenn er im Anhang ausdrücklich „Hammer of the Gods“ als Quelle erwähnt – nicht gerade ein Pluspunkt. Meist stützt sich Tedman auf die von Dave Lewis gesicherten Fakten. Darauf weisen zumindest die Danksagungen im Anhang hin. Die Begleittexte bestätigen diesen positiven Eindruck.

Tedman beschreitet einen schmalen Grat zwischen Begeisterung für das musikalische Phänomen der Band und der Kritik an dem soziokulturellen Phänomen des Kultes und des Big Business. Die Sachlichkeit kann aber auch stellenweise in Faktenhuberei umschlagen. Dann wird aus der Geschichte der Band lediglich eine Chronologie der Auftritte. Diese Entwicklung ist wohl angesichts des knapp bemessenen Platzes – nur je eine Seite pro Kapitel – verständlich.

|Die Fotografien|

Wenn 130 von 160 Seiten eines Buches auf Fotografien entfallen, dann ist klar, dass es sich um einen Bildband handelt. Diese Fotografien wussten mich wirklich zu begeistern. Bemerkenswert ist, dass es sich dabei zum größten Teil um Aufnahmen der Live-Auftritte aus LZs bester Zeit zwischen 1970 und 1975 handelt.

Immer wieder ist Jimmy Page als Gitarrengott zu sehen und Sänger Plant als narzisstischer Frontman (der überhaupt kein Narziss war – es ist alles nur Show). Angesichts dieses dynamischen Duos rücken der Keyboarder/Bassist Jones und der Drummer Bonham etwas in den Hintergrund. Das haben sie nicht verdient.

Immerhin lässt sich anhand der Bilder eine organische Entwicklung der Band und ihrer Mitglieder ablesen. Dadurch wird der Bildband zu einem Dokument jener Zeit, die uns heute schon wieder fremd – oder doch zumindest heroisch verklärt – anmutet. Der Dokumentationscharakter zeigt sich am stärksten im letzten Kapitel, in dem der weitere Werdegang der Bandmitglieder gezeigt wird.

Hier sehen Plant & Page auf der Bühne ebenfalls gut aus. Und sie sind es auch, die backstage am meisten auftauchen (was Mister Bonham, zugegeben, ziemlich schwerfallen würde). Wer’s noch nicht wusste: Herr Plant verfolgt seit fast 30 Jahren eine ziemlich erfolgreiche Solokarriere, und bezüglich seiner jüngsten Kooperation mit der Country-&-Western-Sängerin Alison Krauss überschlagen sich auch die Kritiker wieder vor Lob.

Wenn man sich die frühen Fotos der Band mal genauer anschaut, dann fällt schnell auf, dass es Plant ist, der quasi eine Aversion gegen die Kamera an den Tag legt. |Led Zep| wurden so oft von der Presse geschmäht und verleumdet (oder einfach nur naiv mit den |Beatles| verglichen, siehe oben erwähnte DVD), dass sich die Mitglieder fast nie gegenüber Journalisten äußerten, dafür aber umso bereitwilliger gegenüber ihren Fans. (Weshalb ihre Live-Aufnahmen wesentlich schöner sind als alle Studioaufnahmen.)

Wenn also Plant misstrauisch in die Kameralinse schaut oder sie gleich gänzlich ignoriert (im Chateau Marmont), so belegt dies nur seinen Widerwillen gegenüber einer Presse, die ihn und seine Mitstreiter überwiegend schlecht behandelte. Die Band schlug zum Beispiel mit unbetitelten Alben wie Nr. 4 zurück. Das belegte in den Augen der brüskierten Presse nur die arrogante Herablassung von sogenannten „Rockgiganten“ usw. usf. ad infinitum. Dass Nr. 4 das Rock-Album mit der vierthöchsten Auflage aller Zeiten ist (laut Nigel Williamson), dürfte die Presse nicht versöhnlicher gestimmt haben.

_Unterm Strich_

Es gibt einen Maßstab für Bildbände über |Led Zeppelin|. Das ist immer noch „Led Zeppelin: Heaven and Hell. An illustrated history by Charles Cross, Erik Flanagan with photographs by Neal Preston“. Hinsichtlich der Auswahl der Fotografien, deren Bandbreite und Qualität braucht sich Tedman/RexFeatures‘ Bildband keineswegs dahinter zu verstecken. Natürlich ist das Fotomaterial ein völlig anderes. Wo Neal Preston die US-Auftritte der Band in überreichem Maße ablichtete, spielen die USA bei Tedman nur eine Nebenrolle, und Auftritte in England stehen verhältnismäßig im Mittelpunkt.

Textmäßig könnte der Unterschied nicht größer sein. Cross & Flanagan erzählen sämtliche notorischen Anekdoten und decken zahllose Mythen, Lügen und Legenden auf, die sich um die Band ranken. Dabei liefern sie im Anhang aber auch detaillierte Konzert- und Tourinfos. Dazu gibt kaum etwas Besseres, höchstens von Dave Lewis. Einziges Manko: So etwas wie kritische Distanz zur Band fällt den Autoren etwas schwer.

Im Hinblick auf kritische Distanz hebt sich Tedman von seinen amerikanischen Vorgängern wohltuend ab. Er stützt sich auf gesicherte Fakten und Zitate, die er mit Dave Lewis auf Glaubwürdigkeit abklopfte. Natürlich fehlen dann so saftige Anekdoten wie die Hai-Episode vom Mai 1969 in Seattle (nach anderen Versionen handelte es sich um einen Tintenfisch). Stellenweise verliert er sich in Tourdaten, aber die meiste Zeit konzentriert er sich auf den verhängnisvollen Werdegang der Götter des Rockpantheons, die 1980 eine historische Bruchlandung hinlegten. Nur um dann 25 Jahre später größer als je zuvor wieder in den Medien herumzugeistern.

Rip-off oder Perle – das ist hier die Frage. Wer einen Bildband mit dokumentarischem Charakter sucht, wird mit diesem qualitätsvoll gestalteten und fehlerlos übersetzten Buch optimal bedient – eine Perle also. Wer mehr über die Band an sich erfahren möchte, findet sicherlich andere Werke, die seine Wünsche besser und umfangreicher befriedigen können. Ganz sicher aber ist dieses Buch keine Geldmacherei, sondern bietet reellen Gegenwert.

|Originaltitel: A Tribute to Led Zeppelin, 2008
160 Seiten
Aus dem US-Englischen von Madeleine Lampe
ISBN 978-3-89602-822-8|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

Alexander F. Spreng (ASP) – Horror Vacui

Mit dem Album „Requiembryo“ schloss die Gothic-Band |ASP| im Jahr 2007 ihren Zyklus um den Schwarzen Schmetterling ab: eine auf fünf CDs angelegte Konzeptgeschichte, welche die Auseinandersetzung zwischen der hellen und dunklen Seite der menschlichen Persönlichkeit thematisiert, sich dabei aber vor allem auf die Facetten der düsteren Aspekte konzentriert. „Horror Vacui“, ein teilweise neu eingespieltes Best-of-Album, stellte Anfang 2008 den Zyklus noch einmal aus einer von der Band als solche betitelten Retrospektive dar.

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Popoff, Martin – Rainbow. Zwischen Genie und Wahnsinn

|“… einmal habe ich dabei zugehört, wie jemand Roger Glover interviewte, und ich saß dabei. Und er erzählte eine Geschichte darüber, was passiert ist, und ich saß dabei und rief: ‚Das ist nie geschehen und das auch nicht, und das war ganz anders!‘ Dann dachte ich mir, dass es schon seltsam ist, wie wir alle unsere Geschichten abändern, ohne es zu wollen. (…) Ich habe wahrscheinlich selbst Anekdoten erzählt und jemand anderer hat dazu gesagt: ‚Moment mal, so ist das aber nicht geschehen.‘ Es ist schon erstaunlich, wie man eine Geschichte verdreht, wenn man über etwas spricht, das 20 Jahre zurückliegt, und wie man sich an die Dinge erinnert.“|

Mit diesen Worten zitiert der Musikjournalist Martin Popoff in seiner neuesten Bandbiographie „Rainbow. Zwischen Genie und Wahnsinn“ (S. 169/171) Ritchie Blackmore, den Gründer und Kopf von RAINBOW. Dieses Zitat hätte er seinem Buch als Motto voranstellen können.

In seiner langjährigen Tätigkeit hat Popoff etliche Interviews mit Bandmitgliedern aus den verschiedenen Phasen der Gruppe geführt und damit eine breite und wertvolle Datenquelle geschaffen, aber sein Buch besteht in weiten Teilen nur aus einer unkritischen Zusammenstellung von Interviewzitaten. Weitere Quellen waren für den Autor offenkundig nur einige Fremdinterviews und die Covertexte der veröffentlichten Tonträger. Sein Buch hätte den Untertitel „RAINBOW in Selbstzeugnissen“ bekommen sollen. Was man als Leser aus dieser weitgehend unreflektierten und unkommentierten Aussagensammlung gewinnen kann, ist vor allem die Erkenntnis, wie sehr die Erinnerungen der Menschen von Eitelkeit, Kameradschaft, Interessantmacherei oder einfach einem schlechten Gedächtnis getrübt werden und das eingangs wiedergegebene Zitat Blackmores bestätigt wird. Wenn der Autor von verschiedenen Beteiligten allerdings gleichlautende Aussagen bekommt, dann gelingen ihm wichtige Erkenntnisse aus erster Hand. Insbesondere einige der vielen Umbesetzungen des autokratischen Bandleaders Blackmore (bei RAINBOW erschienen nie zwei Studioalben in der gleichen Besetzung) dürften hier endgültig geklärt sein und das Buch zur unverzichtbaren Quelle für alle weiteren Arbeiten über diese Band machen.

Ansonsten muss man als Leser zwischen den Zeilen lesen, besonders wenn die Musiker übereinander reden. Die Floskel „Aber er war ein netter Kerl“ scheint die gleiche Qualität zu haben wie „Der Trainer hat unser Vertrauen“ in Fußballerkreisen. Häufig interviewte Bandmitglieder werden – unabhängig vom Aussagewert – hinter ihren Äußerungen ein wenig als Menschen greifbar. So erkennt man einen launischen Blackmore, der heute seinen Begleitern kreative Freiräume gewährt und junge Talente fördert und sie morgen ohne ehrliche Aussprache feuert oder plötzlich Zugaben verweigert, wenn das Konzertpublikum sie nicht „verdient“ habe. Und einen eitlen Joe Lynn Turner (Sänger 1980 bis 1984), der gleich mehrfach betont, wie gut er doch beim weiblichen Publikum ankam, und mitteilt, dass seine Fans einer Umfrage zufolge intelligenter und wohlhabender seien als diejenigen seines Vorgängers Ronnie James Dio (trotzdem ist Dio natürlich ein netter Kerl).

Als Rockfan wird man auch den traurigen Eindruck nie ganz los, dass RAINBOW ein ungeliebtes Kind war. 1975 verlässt Ritchie Blackmore DEEP PURPLE, weil er fürchtet, dass die Soul-, Funk- und Blueseinflüsse, welche die Neumitglieder David Coverdale und Glenn Hughes mitgebracht haben, den reinen Rock auf barocker und klassischer Grundlage verwässern. Menschliche und hierarchische Reibereien dürften ebenfalls eine große Rolle gespielt haben. So entbeint Blackmore kurzerhand die PURPLE-Vorband ELF um ihren Gitarristen und spielt mit dem Rest als RAINBOW noch im selben Jahr das Debütalbum „Ritchie Blackmore’s Rainbow“ ein. Der erste gemeinsam aufgenommene Titel, der schlagerhafte Oldie ‚Black Sheep Of The Family‘ aus den 60ern, den die DEEP-PURPLE-Mitglieder zurückgewiesen haben, wirkt wie ein Fremdkörper auf dem Album und hinterlässt den Eindruck, dass es hier nur jemand den alten Kollegen ganz schnell zeigen wollte. Kaum ist die Platte draußen, entlässt Blackmore die ELF-Leute außer dem Sänger Ronnie James Dio. Die personellen und musikalischen Änderungen halten an. Im Rückblick ist Blackmore mit keinem Album restlos zufrieden, und als sich 1984 die Gelegenheit zur einer lukrativen PURPLE-Reunion bietet, löst er die eigene Band, in der er doch der Chef ist, wieder auf.

Martin Popoff lässt die Originalzitate aus den Interviews unverändert. Wenn ein Musiker mitten im Satz den Faden verliert und eine neue Formulierung beginnt, ist das genau so abgedruckt. Das zeigt einerseits den Respekt des Autors vor den Quellen, erschwert allerdings den Lesefluss, ohne zu einem Erkenntnisgewinn zu führen. Dass er, wie erwähnt, diese Zitate häufig auch ohne Überleitung und Kommentierung stehen lässt, führt dazu, dass neben Banalitäten der Sorte „Ich mochte diese Unterkunft, nicht aber jenes Studio“ echte Knaller fast untergehen. Wenn hier immer die Wahrheit gesagt wird, dann sind auf dem Erfolgsalbum „Love At First Sting“ der SCORPIONS ehemalige RAINBOW-Mitglieder und nicht etwa (nur) die eigene Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug zu hören. Und dann wollte Ritchie Blackmore das 95er Album „Stranger In Us All“ gar nicht unter RAINBOW herausbringen, sondern wurde von den Kaufleuten beim Label zu diesem zugkräftigen Namen genötigt, was den Eindruck eines ungeliebten Kindes bestätigen würde.

Musik in Worten wiederzugeben, ist grundsätzlich schwierig. Aber der Autor geht in seiner nach Alben gegliederten Bandbiographie auf jeden veröffentlichten Titel ein, indem er O-Töne der Beteiligten zitiert oder eigene kurze Beschreibungen abgibt, wobei persönliche Meinungsäußerungen als solche kenntlich sind. Diese Konzentration auf die Musik als das Wesentliche ist eine Stärke des Buches. Aus den Aussagen mehrerer Bandmitglieder geht hervor, dass die Lieder in der Entwicklung der Gruppe von 1975 bis 1983/84 immer kommerzieller wurden und auch werden sollten. Nun bedeutet „kommerziell erfolgreich“ zunächst einmal nur, dass sich etwas besser verkauft, ein geringerer künstlerischer Wert ist damit nicht zwangsläufig gemeint. Ob RAINBOW vor oder nach Dios Weggang besser waren, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber hier wäre eine Analyse oder Kommentierung des Autors gefragt, festzustellen, dass RAINBOW nach 1979 nie mehr echte Markenzeichen wie ‚Catch The Rainbow‘, ‚Gates Of Babylon‘ und vor allem ‚Stargazer‘ hervorgebracht haben, die man sich so bei keiner anderen Gruppe vorstellen könnte. Vergleiche mit anderen Bands wie JOURNEY seit dem Einstieg Steve Perrys hätten auch etwas über die damalige Zeit aussagen können.

Der Anhang des Buches enthält eine ausführliche Liste der offiziellen und halboffiziellen Alben. Das Bildmaterial reicht von gelungen (Bandfotos, Tourplakate, Magazincover mit einem humorvollen und selbstironischen Ritchie Blackmore) bis überflüssig (ganze Porträtstrecken von Ronnie James Dio, Roger Glover, Candice Night), wobei die fehlenden Bildunterschriften den RAINBOW-Neuling eher hilflos zurücklassen dürften. Seine Leser wir das Buch vermutlich überwiegend unter den beinharten RAINBOW-Fans finden.

http://www.ritchieblackmore.com (offizielle Seite zu RAINBOW und BLACKMORE’S NIGHT)
http://www.martinpopoff.com
http://www.ip-verlag.de

Hensley, Ken – Blood On The Highway – The Ken Hensley Story

_Eine wahrhaftige Ikone spricht_

Ken Hensley gehört zu der Sparte Musiker, die während ihrer ewig währenden Karriere jeden Nebenzweig des Business kennengelernt, ihn gelebt, gepflegt und letztendlich doch verabscheut, allerdings erst viel zu spät gemerkt haben, dass ihr bisweilen luxuriöses Künstlerleben kein Freifahrtschein in die Zügellosigkeit sein kann. Hensley merkte dies jedoch wie so viele andere Kollegen deutlich zu spät, litt insgeheim unter den Folgen von Ruhm und Ehre und konnte auch mit den finanziellen Gegebenheiten des Starlebens nicht so recht umgehen, was er jedoch letztendlich weniger bereut als die einzelnen Versäumnisse, die aus der Zeit um Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll noch in die heutige Zeit hineinreichen.

All jene Erfahrungen aus den wilden Siebzigern offenbart der Gitarrist und Songwriter in seiner persönlichen Biografie „Blood On The Highway“, die hierzulande jüngst über den |Grosser & Stein|-Verlag veröffentlicht wurde. In diesem recht unterhaltsamen Werk berichtet Hensley über seine Zeit bei URIAH HEEP, so manche Eskapade, aber auch über die zweifelhaften Nebeneffekte des ruhmreichen Musikerlebens, ohne dabei rückblickend mit erhobenem Zeigefinger den Moralapostel zu spielen. Von seinen Anfängen in der Jugend, den ersten Kontakten mit der Musik bis hin zum steilen Aufstieg und anschließenden Absturz in die Kokainabhängigkeit resümiert Hensley hier vor allem die unliebsamen Erlebnisse, die sein Leben bis dato zeitigten, verleiht seiner Berichterstattung aber einen insgesamt überraschend lebendigen Rahmen, der die Story des Musikers zwischenzeitlich fast schon wie ein Akt der Selbstironie verkauft. Bei all der Tragik und Brisanz, die besonders den zweiten Teil seiner aktiven Karriere überschattete, gelingt es dem Autor dennoch, ein insgesamt positives Resümee zu ziehen und sein Leben nicht als die skandalöse Geschichte eines Business-Opfers darzustellen. Man bekommt stattdessen den Eindruck, Hensley verstehe seine gesamte Laufbahn als wechselseitigen Lernprozess, der bis zum heutigen Tage und trotz aller Schicksalsschläge nicht abgeschlossen ist.

Dementsprechend versteht sich der lockere Schreibstil des Altstars (Ken zählt mittlerweile auch schon stolze sechzig Lenze) fast wie von selbst und wirkt erfrischend jugendlich – so wie im Übrigen die kompakte Zusammenfassung seiner persönlichen Autobiografie. Dies hängt mitunter auch damit zusammen, dass der Mann nicht die Band als Leitfaden für die Story verwendet hat, sondern seine eigene Befindlichkeit während all der Jahre in den Mittelpunkt stellt. Natürlich spielt seine Partizipation bei URIAH HEEP für den wesentlichen Teil seiner charakterbezogenen Entwicklung eine immens wichtige Rolle, wird aber nicht als Aufhänger für eine etwaige Sensationspublikation genutzt. Anders als erwartet nutzt Hensley nämlich die sich bietende Gelegenheit ausschließlich, um von den verschiedensten Eindrücken zu erzählen, sowohl in Sachen Musik und Therapie, aber auch hinsichtlich seiner Familie und den gewöhnlichen Hoch- und Tiefpunkten des ganz gewöhnlichen Lebensalltags. Besonders dieser Umstand verabreicht dem Buch sowie auch der Person hinter „Blood On The Highway“ das Fünkchen Menschlichkeit, welches bereits ausreicht, um die erforderlichen Sympathien beim Publikum zu wecken. Ähnlich wie einst bei URIAH HEEP …

Auf den 160 bebilderten, englischsprachigen Seiten gibt’s dennoch eine Sache, die sich ein wenig als störend erweist. Der Autor verpasst der Biografie eine in etwa chronologische Struktur, hält sich in den einzelnen Kapiteln aber kaum an diese Vorgaben. Es wird ständig rezitiert, verglichen und auch vorausgeschaut, was der Entwicklung einer stringenten Historienaufarbeitung manchmal entscheidende Steine in den Weg legt und mitunter auch schon mal ein wenig Verwirrung stiftet. Etwas mehr Gradlinigkeit hätte so manchem Abschnitt gutgetan, gerade in der ersten Hälfte, in der man noch damit beschäftigt ist, den Menschen hinter diesem Buchprojekt genauer kennenzulernen.

Doch derartige Versäumnisse bzw. vergleichsweise geringfügige Unzulänglichkeiten verwässern den angenehmen Charakter des Buchs keinesfalls. Ken Hensley hat zweifelsohne ein bewegtes Leben hinter sich und kann mit mancherlei Anekdote aufwarten, deren Humorgehalt bereits ausreichen würde, um die Anschaffung dieser Biografie zu rechtfertigen. Darüber hinaus wird hier in einer teils recht bewegten Geschichte dargestellt, wie nahe Licht und Schatten im Musik-Business zusammenliegen bzw. wie schnell man als standhafter Mensch aufs moralische Abstellgleis gerät, sobald einem die Zügel entgleiten – und zumindest dies wurde in keinem mir bekannten Buch derart glaubhaft und nüchtern vorgetragen, dass man stellenweise wirklich ergriffen ist.

Insofern ist „Blood On The Highway“ auch samt seiner teils chaotischen Schlenker ein wirklich lesenswerter Titel und im Hardrock-Business ohne jeden Zweifel eine der gelungensten und persönlichsten Autobiografien auf dem Markt. Ganz egal, welche Verbindung man zu diesem Musiker und Menschen hat oder ob eine solche überhaupt besteht: Prinzipiell sollte sich hier jeder vom finsteren Untertitel „When too many Dreams come true“ inspiriert fühlen und Hensley in der Schilderung der Ereignisse seine Aufmerksamkeit schenken. Verdient hat „Blood On The Highway“ dies allemal.

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Bosworth (Herausgeber) – Nur für Anfänger – Klavier

Die Veröffentlichungsreihenfolge der unterschiedlichen Musik-Lehrbücher beim |Bosworth|-Verlag ist mitunter ein bisschen seltsam. Nachdem man schon die unterschiedlichsten Editionen für Geübte und weiter fortgeschrittene Pianisten auf den Markt gebracht hat, folgt nun, quasi ein Schritt zurück, eine neue, vornehmlich für Einsteiger und Anfänger konzipierte Ausgabe zum Thema Klavierspielen. Wie auch schon die Gitarrenbücher aus der Reihe „Nur für Anfänger“ bitet aber auch die Piano-Edition dieses neuen Werkes einen sehr guten, sinnvoll zusammengesetzten Aufbau und eine leicht verständliche Schritt-für-Schritt-Struktur, die nicht nur auf bloßer Theorie fußt. Ziel des immerhin 40 Seiten starken Bandes war definitiv Transparenz und leichte Nachvollziehbarkeit anhand praktischer bzw. zumindest praxisnaher Beispiele. Und was das betrifft, wurden die zugehörigen Vorgaben weitestgehend perfekt erfüllt!

„Nur für Anfänger – Klavier“ gefällt vor allen Dingen wegen der exzellenten Verquickung von theoretischem, fachbezogenem Lernstoff und anschaulich offengelegten Fingerübungen. Das Magazin ist reichlich bebildert, gibt anhand von fotografischen Abbildungen Aufschluss über die Überbrückung erster Schwierigkeiten und zeigt situationsabhängig die richtige Position von Körper und Fingern. Selbstverständlich werden auch Notation und Notenlehre kurz aufgegriffen, jedoch nicht mehr in aller Ausführlichkeit erklärt, sondern vermehrt im Zuge der einzelnen praktischen Übungen integrativ in den Lernprozess mit einbezogen. Und dennoch beginnt „Nur für Anfänger – Klavier“ im Grunde genommen von der Pieke an und führt die wesentlichen Elemente und Techniken in der kompakteren Variante mit auf. Man erfährt Wissenswertes zur Struktur von Akkorden, lernt, die beiden Hände auf den Tasten in Harmonie zu bringen, und letztendlich auch, die ersten Schritte gleich beidhändig sicher zu beherrschen.

Um das Ganze auch entsprechend abgleichen und überprüfen zu können, enthält das Buch außerdem eine Audio-CD mit diversen Playbacks und Demonstrationen des aufgebotenen Stoffes. Hilfreiche Instruktionen und ein trotzdem eingeführter, minimalistischer Crash-Kurs in der Musiktheorie runden dieses Werk schließlich ab, welches berechtigterweise den Untertitel „Alles, was du (zum Klavierspielen) brauchst“ trägt. Interessierte und baldige Einsteiger sind daher gut beraten, sich mit diesem leichten Anfangswerk mit der ersten Materie vertraut zu machen. Hinsichtlich der Anschaulichkeit und des liebevoll durchstrukturierten Theorie-Praxis-Bezuges wird man jedenfalls kaum einen anderen Titel finden, der in so kurzer Zeit für derart große Fortschritte bürgt. Dass man am Ende tatsächlich schon einige Passagen von Dvorak, Brahms und Beethoven spielen kann, spricht jedenfalls für sich!

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Stevens, Cat (Islam, Yusuf) – Cat Stevens / Yusuf Islam – Das kleine schwarze

Yusuf Islam – für viele nach wie vor ein Fremdling, dessen religiöser Wandel wohl nur den wenigsten richtig begreiflich scheint. Der Mann, der einst als Cat Stevens (bürgerlich: Steven Demetre Georgiou) zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Singer/Songwriter avancierte, wird bereits seit längerer Zeit von Medien und politischen Instanzen äußerst skeptisch betrachtet. Mehrere Skandale überschatteten seine jüngste Karriere, darunter auch der vorläufige Negativ-Höhepunkt im Jahre 2004, als ihm wegen vehementer Bedenken über eventuelle Verbindungen zum islamischen Terrornetzwerk die Einreise in die USA verweigert wurde. Aber auch eine angebliche frauenfeindliche Attitüde wird ihm wegen einiger markanter Aussagen und Vorfälle nachgesagt, so dass der Fokus im Laufe der vergangenen vier Dekaden immer weiter von der Musik wegrückte und der Mensch Yusuf Islam mit all seinen unkonventionellen Einstellungen in den Medien präsent war.

Dennoch bleibt unbestritten, dass der Mann unter seinem ersten Künstlernamen Cat Stevens einige der wichtigsten Beiträge zum politisch engagierten Rock der späten Sechziger und frühen Siebziger geleistet hat und somit maßgeblich daran beteiligt war, dass die internationale Friedensbewegung deutlichen Einzug ins Musik-Business hielt. Zwischen 1967 und 1977 verkaufte er in seiner Zeit als aktiver Musiker immerhin 41 Millionen Alben, bevor dann seine Hingabe zum Islam sein Leben völlig auf den Kopf stellte und den Rockmusiker Stevens auslöschte.

Sein geistiges Fundament, darunter auch Material seiner zweiten Karriere als Yusuf Islam, wird nun in einem weiteren exklusiven Songbook im |Bosworth|-Verlag festgehalten. In „Das kleine schwarze“ ist das Gesamtwerk des bemerkenswerten Künstlers in Text und Notation aufgeführt, angefangen bei seinen stürmischen Anfangstagen über internationale Volltreffer wie ‚Wild World‘, ‚Morning Has Broken‘ und ‚Father And Son‘ bis hin zu aktuellen, weniger bekannten Stücken wie ‚The Beloved‘ und ‚Maybe There’s A World‘. Insgesamt sind es beinahe 150 Tracks, die in diesem schmucken Taschenbuch zusammengefasst sind und mit allen Akkorden für die Gitarrenbegleitung ausgestattet wurden. Außerdem werden im Anhang noch einige Kniffe zum Stimmen der typischen Stevens-Gitarre verraten, um einen möglichst authentischen Sound zu erzielen und die Begleitung der zahlreichen Originale so stimmig wie nur eben möglich zu gewährleisten.

Ähnlich wie schon bei den Büchern zu den |Ärzten| oder den |Toten Hosen| setzt der Verlag auf das bewährte Kompaktformat, welches sich einmal mehr als sehr praktisch erweist. Lediglich die Handhabung der Gitarrenbegleitung ist ein wenig umständlich, da die Seiten aufgrund des Kleinformats schnell umschlagen, was aber mit ein bisschen Feingefühl wieder umgangen werden kann. Viel wichtiger ist indes die Vollständigkeit dieses Werkes, welche von der ersten bis zur letzten Seite in alphabetischer Reihenfolge garantiert ist und „Das kleine schwarze“ zu einem unverzichtbaren Werk für jeden Fan des viel zitierten, wenn auch merkwürdigen Musikers macht. Man kann zum Menschen Yusuf Islam respektive Cat Stevens alias Steven Demetre Georgiou stehen, wie man mag – seine Musik allerdings ist ein unumstößliches, geschichtsträchtiges Monument, welches auch etliche Jahre nach seiner größten Zeit immer noch von immenser Bedeutung ist. In diesem schmucken Begleitheft zur Karriere des Künstlers wird dies sehr eindrucksvoll notiert und reflektiert.

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Mader, Matthias – Judas Priest, Der stählerne Weg von

JUDAS PRIEST ist die wahrscheinlich wegweisendste Gruppe im Heavy Metal. Ohne die Band aus Birmingham wäre diese Musik nicht so, wie sie sich seit fast 30 Jahren darstellt, wenn sie sich überhaupt jemals voll entfaltet hätte.

Seit über 20 Jahren gab es keine umfassende Biographie über JUDAS PRIEST mehr. Erst in diesem Jahr werden einige Werke aufgelegt oder vorbereitet. Eines davon ist „Der stählerne Weg von Judas Priest“ des langjährigen Musikjournalisten Matthias Mader. Mader ist seit den späten 70ern bekennender Anhänger von JUDAS PRIEST, was sich als Stärke und zugleich Schwäche seines Buches herausstellt. Eine Stärke ist es, weil der Autor aus einer jahrelangen Beobachtung der Band und vielen persönlichen Interviews schöpfen kann. Die Schwäche ist die mangelnde nüchterne Distanz zum Thema, die sich teils in einer unkritischen Verehrung, teils in der überkritischen Betrachtung des 110-prozentigen Fans äußert.

Mader stellt die Geschichte der Gruppe in chronologischer Ordnung dar, wobei fast jedes Kapitel ein neues Album zum Hauptthema hat. Wichtige Ereignisse wie der Prozess von Reno, bei dem der angebliche Einfluss der Band auf den Selbstmord zweier Jugendlicher verhandelt wurde, oder die lange und mühselige Suche nach einem neuen Sänger, als sich Rob Halford für etwa ein Jahrzehnt ausklinkte, werden gesondert abgehandelt. Auch die Neben- und Soloprojekte sowie die Veröffentlichungen des ursprünglichen PRIEST-Sängers Al Atkins werden vorgestellt. Dadurch wird auch deutlich, dass der Autor eine fast ausschließlich musikalische Biographie verfasst hat. Das Privatleben der Bandmitglieder bleibt beinahe völlig außen vor. Erst recht werden dem Leser nicht wie in vielen anderen Musikerbiographien sämtliche abgelegten Groupies und Schnapsflaschen vorgestellt.

Die problematische unentschiedene Stellung Maders zwischen Chronist und Fan zeigt sich schon in der Einleitung, wenn er JUDAS PRIEST als die „Erfinder des Heavy Metal“ vorstellt, die „einzig und allein“ die maßgeblichen Eigenschaften dieser Musik schufen (S. 4f), was er allerdings auch wieder, teilweise mit Zitaten Rob Halfords, relativiert, indem er an die älterem BLACK SABBATH erinnert, ebenso an DEEP PURPLE und LED ZEPPELIN; man hätte wohl auch noch die im Buch nicht genannten BLUE ÖYSTER CULT u. a. erwähnen können. JUDAS PRIEST haben die vorhandenen Ansätze aufgegriffen, umfassend weiterentwickelt und den Heavy Metal, wie wir ihn heute kennen, geprägt wie keine andere Gruppe sonst, aber sie waren nicht die Ersten und nicht die Einzigen. Die endgültige Definition der PRIEST’schen Bedeutung für den Metal liegt also auch mit Maders Buch noch nicht vor.

Auch die musikalische Entwicklung der Band zeichnet er als Fan, und zwar vor allem der ausgeprägten Metalalben „British Steel“ (1980), „Screaming For Vengeance“ (1982) und „Painkiller“ (1990). Seine Kritik an der teilweise poppigen und zeitgeschmäcklerischen „Turbo“ (1986) und der demonstrativ bis zur Selbstkarikatur vollzogenen Rückkehr zum Heavy Metal von „Ram It Down“ (1988) hat gute Gründe und ist berechtigt. Wenn auch andere Alben, etwa das Debüt „Rocka Rolla“ (1974), als „schlecht“ bezeichnet werden, übersieht Mader, dass immer (mindestens) zwei Herzen in der Brust von JUDAS PRIEST geschlagen haben. Außer Metallern waren sie als Kinder ihrer Zeit auch eine klassische spielfreudige und instrumental versierte Rockband, deren zweites Gesicht sich in düster-melancholischen Stücken und einer schwerblütigen Spielweise zeigte. Insofern führt eine klare Linie von ‚Run Of The Mill‘ über ‚Beyond The Realms Of Death‘ und ‚Out In The Cold‘ bis zu ‚Worth Fighting For‘ von der bislang letzten Studioscheibe „Angel Of Retribution“. Und ein Album wie „Stained Class“ ist ohne „Rocka Rolla“ gar nicht völlig erfassbar.

Bei der Vorstellung der einzelnen Etappen der Bandgeschichte kann Mader nun aus seinen über eine lange Zeit geführten Interviews schöpfen. Zu Alben, Tourneen und anderen Stationen ihrer Biographie, etwa zu den Vorwürfen über Nachbearbeitungen am ersten Livealbum „Unleashed In The East“, kann er exklusive Aussagen von aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern vorlegen. Diese gewinnen dabei auch allmählich für den Leser persönliche Gesichter. Man lernt Musiker aus armen Verhältnissen kennen, die ihre Bodenständigkeit und ihre Geschäftstüchtigkeit, sobald sich der Erfolg einstellte, prägten. Sie bemühten sich immer, faire Geschäftspartner – gerade auch den Fans gegenüber – zu sein, aber in ihren Äußerungen zeigen sich auch einige Eitelkeiten und gewollt-ungewollte Erinnerungslücken. Insbesondere die Wandlungen Rob Halfords in seinem Solojahrzehnt von der zunehmenden, teilweise provokanten Abwendung vom Metal bis zur Rückkehr des verlorenen Sohns in die Band zeichnet Matthias Mader gut nachvollziehbar nach.

Dann ist es auf der anderen Seite wieder ärgerlich, wie unreflektiert und genügsam der Autor gelegentlich mit seinem Quellenmaterial umgeht. Am Beispiel der Verkaufszahlen von „Screaming For Vengeance“: Erst wird diese Platte mehrfach als PRIESTs meistverkaufte herausgestellt, doch als es um konkrete Zahlen geht, wird ein zehn Jahre altes Interview angeführt, in dem Gitarrist K. K. Downing drei Millionen verkaufte Exemplare schätzt!

Illustriert ist „Der stählerne Weg von Judas Priest“ mit vielen, meist farbigen Fotos, die der Qualität des Textes entsprechen: Jede Menge sehenswerte Zeitdokumente wie Konzertfotos, Tourplakate und Eintrittskarten werden präsentiert, auf seltenen Plattenhüllen sind liebevoll Sonderpressungen etwa auf farbigem Vinyl drapiert. Aber leider fehlen immer Bildunterschriften; auch Fans dürften nicht unbedingt alle jemals veröffentlichten Singles und Bootlegs und alle ehemaligen Mitglieder der Vor- und Frühzeit kennen. Fast schon mustergültig ist aber der Anhang mit einer ausführlichen Diskographie, einer Bibliographie der Sekundärliteratur und einer Konzerthistorie, für die Matthias Mader alle nachweisbaren Liveauftritte von 1969 bis 2006 zusammengetragen hat.

„Der stählerne Weg von Judas Priest“ liefert dem Interessierten jede Menge Daten über eine bedeutende und bisher kaum untersuchte Band. Gerade für Fans dürfte es ein wichtiges Nachschlagewerk werden. Auf eine rundum befriedigende Biographie von JUDAS PRIEST muss man aber weiterhin warten.

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Heumann, Hans-Günter – The very Best of … New Jazz

Der Bereich der Jazzmusik wird derzeit zum Unmut vieler Genre-Verfechter gehäuft von Vertretern der Pop-Branche unterlaufen, die in etwas mehr beschwingten Arrangements sofort die direkten Parallelen zur weitläufigen, experimentierfreudigen Szene sehen wollen. Allerdings ist diesbezüglich auch keine festgesetzte Trennlinie möglich, da die Übergänge phasenweise fließend sind und man wahrscheinlich ewig darüber streiten und diskutieren kann, was nun auch wirklich dem Jazz angehört bzw. was sich doch eher nur mit dem wohlklingenden Namen dieses Musikstils schmückt.

Eine derartige Diskussion könnte nun auch Hans-Günter Heumanns neues Songbook „The very Best of … New Jazz“ auslösen, in dem zehn Künstler aus dem aktuellen Zeitgeschehen mit einem kurzen Beitrag geehrt werden. Während bereits die beiden Singer/Songwriter-Heroen Katie Melua und Norah Jones in ihrer Einordnung hier grenzwertig sind, scheint die Einbeziehung Roger Ciceros doch ein wenig fragwürdig, zumal der diesjährige Grand-Prix-Teilnehmer in den Verdacht gerät, zu einem gewissen Teil auch aufgrund des anhaltenden Medienrummels um seine Person als Zugpferd verwendet worden zu sein. Dies wäre ob der Klasse der übrigen Beiträge allerdings gänzlich unnötig gewesen, denn es sind speziell Ausnahmekompositionen wie ‚That ole Devil called Love‘ von Alison Moyet oder ‚You Don’t know me‘ aus der Feder von Harry Connick jr., die diese kleine Sammlung merklich aufwerten und zumindest im Bezug auf ihren musikalischen Gehalt einen entsprechenden Gegenwert für die Investition bieten.

Darüber hinaus bietet Heumann in seinem aktuellen Sammelwerk auch allerhand Aktuelles, angefangen bei ‚Spoiled‘, für das die junge Soul-Sängerin Joss Stone verantwortlich zeichnet, über Jamie Cullums ‚Twentysomething‘ bis hin zu Diana Kralls ‚The Girl in the other Room‘, die allesamt in vergleichsweise simple Klavierarrangements gepackt wurden und somit erneut eher den Einsteiger als den Profimusiker ansprechen sollten – doch diese Maxime verfolgt der Autor bzw. der Herausgeber schon von jeher.

Insofern kann „The very Best of … New Jazz“ auch jedem interessierten Musiker ans Herz gelegt werden, wobei noch einmal darauf verwiesen sei, dass die Begriffe ‚Best of‘ und ‚Jazz‘ ein wenig frei ausgelegt wurden. Im Großen und Ganzen umschreibt der Titel nämlich ein wenig mehr, als tatsächlich enthalten ist. Doch da die Songauswahl – mal ganz vom Schubladendenken losgelöst – wirklich ordentlich ist und sich dazu inhaltlich nicht mit den bisherigen Publikationen Heumanns deckt, liegt man mit der Anschaffung dieses zehnteiligen Werkes gar nicht mal so verkehrt.

_Inhalt_

1. JAMIE CULLUM – Twentysomething
2. NORAH JONES – The Nearness of you
3. DIANA KRALL – The Girl in the other Room
4. JOSS STONE – Spoiled
5. KATIE MELUA – My Aphrodisiac is you
6. PATRICIA KAAS – Mademoiselle Chante Le Blues
7. ROGER CICERO – Zieh die Schuh‘ aus
8. ALICIA KEYS – Fallin‘
9. HARRY CONNICK JR. – You don’t know me
10. ALISON MOYET – The ole Devil called Love

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Bananafishbones / Masannek, Joachim – DWK Songs. Die wilden Kerle – Songbook

Mit mittlerweile vier abgeschlossenen Kinoproduktionen, einem jugendlichen Millionenpublikum und schier unerschöpflichem Potenzial ist die cineastische Fußballserie zu einem echten Trademark auf den deutschen Kinoleinwänden geworden und erfreut sich auch fünf Jahre nach dem ersten Gehversuch einer kaum zu stoppenden Popularität. Erst in diesem Jahr legte Regisseur Joachim Masannek mit“Die wilden Kerle & der Angriff der Silberlichten“ erfolgreich nach, wohl wissend, dass sich das Produkt „Die wilden Kerle“ gewinnbringend mit immer neuen kommerziellen Ideen vermarkten lässt. Die Kehrseite der Medaille ist nämlich die totale Ausschlachtung des Themas in Sachen Merchandise, etc. Es gibt wohl derzeit keinen Fanartikel, den es noch nicht gibt, soll heißen dass einem an allen erdenklichen Ecken des häuslichen Discounters Dinge entgegenlächeln, die das Emblem der Jung-Fußballtruppe tragen – und das nervt zumindest den neutralen Betrachter ganz gewaltig.

Letzteres ist auch ein berechtigter Grund, einer Veröffentlichung wie dem ersten Songbook zu den Filmen um die beiden Ochsenknecht-Kids mit äußerster Skepsis entgegenzutreten, einfach in der Befürchtung, hier werde erneut nach neuen Möglichkeiten des kommerziellen Totalausverkaufs geschielt. Doch wider alle Bedenken hat sich der |Bosworth|-Verlag doch ganz ordentlich ins Zeug gelegt, um die Notensammlung von insgesamt fünfzehn Titeln aus dem musikalischen Fundus aller vier Streifen liebevoll aufzuarbeiten. Die Musik der |Bananafishbones|, die hier in Arrangements für Gesang, Gitarren und Keyboards aufgereiht wurde, wird von einer ganzen Reihe Fotos und Bilder zum Kino-Event begleitet und somit auch nahezu chronologisch in die brisanteren, hier visuell dargestellten Ereignisse der vier Filme eingeflochten. In diesem Sinne ist auch eine Einordnung in die jeweiligen Szene recht einfach zu vollziehen, wenngleich ein paar Hintergründe zu den Songs dem Unterfangen sicher nicht geschadet hätten. Allerdings muss man einfach davon ausgehen, dass die Zielgruppe umfassend mit der Materie vertraut ist und sofort Assoziationen vor Augen hat, sobald Text und Musik reflektiert werden.

Dies macht dieses Songbook jedoch auch zu einer arg limitierten Geschichte, da sich höchstwahrscheinlich auch nur Personen damit auseinandersetzen werden, die über die Filme auf die Songs aufmerksam geworden sind und sich mit Hilfe der kleinen Notensammlung gerne ein weiteres Mal inspirieren lassen. Daher mag man über Sinn und Unsinn dieser Veröffentlichung auch lange diskutieren und streiten können, ohne dabei klare Resultate zu erzielen. Letzten Endes wird die Pro-Seite immer darauf hinweisen, dass das Sammelwerk relativ vollständig ist und zudem optisch einiges hermacht, wohingegen die Kontra-Verfechter sich gerne an den Folgen des ungebremsten Kommerzes stören werden. Objektiv betrachtet, und damit auch nur auf das Produkt bezogen, ist „DWK Songs“ aber sicherlich eine feine Sache, unter anderem auch wegen der wirklich guten Liedkompositionen der |Bananafishbones|. Musikalisch begabte Liebhaber der Fußballabenteuer sollten sich also wirklich mal mit dem Gedanken herumschlagen, hier zu investieren, denn im Gegensatz zu den vielen anderen Artikeln, auf denen das Logo der wilden Kerle prangt, beherbergt dieser Titel noch ganz individuelle Inhalte.

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