Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendliteratur

Pratchett, Terry – Maurice, der Kater

Der Rattenfänger von Hameln einmal ganz anders: Diese Show leitet ein intelligenter Kater namens Wunder-Maurice. Und die Ratten tanzen auf den Tischen: intelligente Ratten, philosophische Ratten, militärisch organisierte Ratten. Wehe Bad Blintz, dem auserkorenen letzten Auftrittsort!

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei Dutzend Bücher erschienen.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

„Maurice“ ist jedoch bemerkenswert, weil dies der erste Scheibenwelt-Roman ist, der extra für Kinder ab sechs oder acht Jahren geschrieben wurde. Aufgrund des besonderen Wortwitzes – nicht nur hier, sondern in allen Pratchett-Büchern – ist es interessant zu sehen, was der Übersetzer daraus gemacht hat.

_Handlung_

Jeder kennt die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln. Aber hier wird endlich die Wahrheit verraten.

In Wahrheit ist es so, dass der schlaue Kater Maurice einen Jungen überredet hat, als Rattenfänger aufzutreten und eine Stadt, die von einer Rattenplage heimgesucht wird, gegen Geld davon zu befreien. Das hat bislang auch immer geklappt, denn für die Rattenplage sorgte Maurice selbst. Schließlich ist er ja nicht blöd.

Das Problem sind die Ratten. Bislang haben sie immer gespurt, denn sie wissen ja, dass sie Geld verdienen, das schließlich zu gleichen Teilen zwischen ihnen, Maurice und dem Flöterich Keith aufgeteilt werden wird. Damit wollen sie auswandern und eine utopische Kolonie in der Südsee gründen.

Das ist aber nicht das Problem, denn Maurice wäre immer noch schlauer als sie, schließlich weiß er ja, was sie wollen und kann sie kontrollieren. Das Problem besteht vielmehr darin, dass einige von ihnen INTELLIGENT geworden sind – seit jener Zeit, als die Abfälle der Zauberer-Universität, in denen sie seit Rattengedenken gelebt haben, toxisch-magisch geworden sind. Seitdem ist eine neue Generation schlauer Ratten herangewachsen, die nicht nur Maurice Kopfzerbrechen bereitet, sondern auch dem alten Anführer Gekochter Schinken (engl.: Hamnpork), der sich nun nicht mehr auf seine ERFAHRUNG verlassen kann, um den Führungsanspruch durchzusetzen.

Die neuen Ideen, die besonders der fast blinde, aber enorm philosophische Gefährliche Bohnen alias Dangerous Beans (die Namen stammen von den Etiketten der Lebensmittelpackungen) ausbrütet, führen nicht nur dazu, dass die Ratten Fallen entschärfen und sich neue, unrättische Gesetze ausdenken können, sondern auch Bilder verstehen und schreiben können. Auf diese Rattenschriftsprache brachte sie DAS BUCH:

Das BUCH heißt „Mr. Bunnsy has an Adventure / Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“, ein sehr einfaches Kindermärchen über ein Kaninchen, das entdeckt, dass die Welt ungerecht ist: Warum ist der Garten des Nachbars voll leckeren Salats, aber nicht Herrn Schlappohrs Magen? Die einzelnen Abschnitte des BUCHES sind den Kapiteln des Romans vorangestellt, mit einer winzigen Illustration. Was die Ratten so verblüfft hat: Es gibt in Herrn Schlappohrs Welt zwar viele Tiere, aber sie alle bringen einander nicht um, wie es normal wäre, sondern sprechen miteinander und helfen einander. Und sie sind angezogen. Dangerous Beans träumt von einer gerechten, rattengerechteren Welt, in der alle freundlich zueinander sind.

Maurice führt seine intelligenten Ratten zu einem letzten Coup. Im idyllischen Tal liegt mitten im idyllischen Überwald nichts ahnend das Städtchen Bad Blintz, seine Häuser sind schön – es gibt sogar ein „Rat-haus“, seine Felder sind groß… Klarer Fall: Die Stadt ist reif für die Invasion. Maurice verspricht seinen „Mitarbeitern“ reiche Beute.

Doch wider Erwarten erweist sich Bad Blintz als der reinste Alptraum. Noch nie war es so schwer zu überleben. Denn es gibt eine mächtige Konkurrenz. Die macht mit Eindringlingen kurzen Prozess. Und sie läuft nicht nur auf zwei Beinen…

_Mein Eindruck_

Dies ist kein Märchen, auch keine Zirkus-Show-Komödie, sondern etwas ganz anderes. Aber was?

Um seine verschiedenen Botschaften, die in der vielschichtigen Story versteckt sind, unters nichts ahnende Leservolk zu bringen, hat Pratchett mehrere Genres verknüpft und sogar eine Ebene darüber geschichtet. Was also zunächst wie ein recht komische Invasion von der tierische Art aussieht, entpuppt sich alsbald als eine spannende und mitunter witzige Kriegs- und Horrorgeschichte, die – darf ich es verraten? – gut ausgeht. Einerseits.

Andererseits demonstriert der zweite Erzählstrang, wie groß die Macht von Geschichten ist. Von Geschichten wie dem Märchenbuch „Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“ und von Fantasyromanen. Maurice stößt in Bad Blintz nämlich bei seiner Erkundung der Lage auf die frühreife Tochter des Bürgermeisters. Die etwa Zwölfjährige trägt den unheilvollen Namen Malicia (von englisch ‚malicious‘: „boshaft“). Das heißt, eigentlich hat sie ihn sich nur zugelegt, weil ihre Großtanten die grimmigen Schwestern Grimm waren und entsprechend grimmige Namen trugen. Denen will sie nacheifern. Sie ist nicht die Intelligenteste. Aber meistens harmlos.

Als sei dies nicht genug, glaubt Malicia an die Fantasyromane, die sie zeit ihres kurzen Lebens gelesen hat, die aber leider nicht das geringste mit dem echten Leben zu tun haben. Maurice hat seine liebe Not, ihr diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied beizubringen. Wenigstens hat Malicia in ihre Handtasche alles hineingepackt, was sich in irgendeiner Weise als nützlich erweisen könnte. Sie und Maurice werden es brauchen.

Denn es gibt in der Unterwelt von Bad Blintz ein Monster, das sich anhand seiner eigenen Geschichte von der künftigen Herrschaft ein Reich geschaffen hat, das schon bald die Stadt zu übernehmen droht. Und die Stadt liegt darnieder: Die Bevölkerung hungert, Lebensmittel sind rationiert. Aber warum nur, fragt Maurice Malicia. Weil die professionellen Rattenfänger allen erzählt haben, die Ratten hätten die Lebensmittel weggefressen. Schon wieder eine Geschichte! Ob die wohl wahr ist? Wir dürfen es bezweifeln.

Die schwerstwiegenden Folgen hat ausgerechnet das Märchenbuch auf die intelligenten Ratten, wie bereits erwähnt. Besonders den blinden Philosophen und seine wehrhafte Assistentin hat die Vision einer friedlichen Tiervölkergemeinschaft, sozusagen die Vereinten Nationen der Tiere, tief beeindruckt. Sie haben Schreiben gelernt und Regeln erlassen: das Gegenstück zu den Zehn Geboten und den Menschenrechten. (Mehr Geschichten!) Diese Regeln gelten vor allem für den CLAN, die Gemeinschaft der intelligenten und „human“ gesinnten Ratten. Der Versuch, die neuen Regeln zu befolgen, führt zu wahnwitzigen Diskussionen, so etwa jene, ob eine Ratte eine unsichtbare Seele haben könne. Eines aber sei sicher: Es gibt einen Rattentod! (Pratchettkenner wissen, wer oder was damit gemeint ist.)

Pratchett geht nun ohne Erbarmen für seine Figuren vor und konfrontiert sie mit der bitteren Wahrheit und Wirklichkeit, die im Untergrund von Bad Blintz auf sie lauert. Utopien zerbrechen, Geschichten werden als Lügen entlarvt, Tyrannen stürzen, Helden krepieren, der für dumm gehaltene Flöterich entpuppt sich als Genie der Diplomatie – man kommt sich vor wie im Zweiten Weltkrieg und wundert sich, dass diese Geschichte überhaupt gut ausgeht. Und doch klappt es. Aber das darf ich auf keinen Fall verraten, denn dieses Wunder muss man selbst erfahren.

Und Maurice? Maurice muss sehr, sehr demütig werden, will er nicht die Freundschaft seiner Ratten verlieren. Er muss ihnen seine eigene Geschichte erzählen, die sein größtes – und zugleich peinlichstes – Geheimnis ist: die Geschichte, wie er selbst INTELLIGENT wurde….

_Unterm Strich_

Jede Wette, dass dieses wundervolle Buch für fast alle Leser vordergründig eine spannende Actionkomödie sein wird. Das ist auch keinesfalls ein Irrtum oder gar Fehler. Aber es ist eben nur die Hälfte der Wahrheit.

Denn „Maurice“ ist auch eine Kritik an der Macht der Geschichten. Nicht nur jener erfundenen Storys, die wir in Fantasyromanen, Märchenbüchern und Kinofilmen von Kindesbeinen an vorgesetzt bekommen und verschlingen – insbesondere Kids, die es nicht besser wissen. Sondern es geht auch um jene Geschichten, die man uns in den Medien präsentiert. Wie war das noch mit „Saddams Massenvernichtungswaffen“? Während die eine Hälfte der Welt diese Geschichte der Regierung Bush nicht abkaufte, stieg die andere Hälfte voll drauf ein – Blair & Konsorten.

Nun stellt sich heraus, dass diese Saddam-Geschichte von Anfang bis Ende erlogen war, dass sogar die UNO getäuscht wurde. Und dass die Anhänger Bushs leider Gottes den Preis bezahlen: Bombenanschläge in Istanbul, v.a. auf Briten; Bombenanschläge in Madrid. Ground Zero ist inzwischen überall. Ob uns Geschichten davor bewahren können? Oder doch besser die Wahrheit? Doch die auch die Wahrheit hat einen Preis…

Dies ist nur eine der zahllosen Fragen, die Pratchett mit „Maurice“ anschneidet. Ich habe oben weitere Themen angedeutet, so etwa das Schicksal von Utopien. Je älter und gereifter Pratchett wird, desto tiefschürfender und ernsthafter sind seine Themen – so etwa in „Zeitdieb“, „Die volle Wahrheit“ und „Monstrous Regiment“, welches noch nicht übersetzt wurde. Das Wunder an „Amazing Maurice and his educated rodents“ ist, dass er uns dabei vordergründig bestens zu unterhalten weiß. Selbst Zehnjährige dürften dieses Buch verstehen. Sie werden es lieben.

Der Übersetzer hat die Vorlage kompetent ins Deutsche übertragen, aber bekanntlich erlaubt sich Pratchett den einen oder anderen sprachlichen Spaß. So ist der Witz an dem deutschen Wort „Rathaus“ für Engländer ja der, dass es fast wie „rat house“ ausgesprochen wird. Doch wie will man das angemessen zurück ins Deutsche bringen? Das ist nur ein kleines Beispiel, welche Schwierigkeiten beim Übersetzen von Pratchett zu bewältigen sind. Wer kann, sollte in jedem Fall das Original vorziehen.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Buchholz, Tonny Vos-Dahmen von – Vom Rentierjäger zum Raubritter

„Vom Rentierjäger zum Raubritter“ beschäftigt sich mit dem Teil der menschlichen Geschichte, die sich von 9000 vor bis 1600 nach Christus abgespielt hat. Also, wie der Titel schon sagt, von der Zeit der Rentierjäger bis zu der der Raubritter. Dabei handelt es sich aber keineswegs um ein trockenes Geschichtsbuch, in dem man keine zwei Seiten am Stück lesen kann, sondern um 15 spannende Geschichten.

Diese Erzählungen orientieren sich meistens an Funden aus der jeweiligen Epoche. So lässt die Autorin Tonny Vos-Dahmen von Buchholz die mögliche Vergangenheit eines Steins, in den ein tanzendes Mädchen eingraviert wurde, wieder lebendig werden, indem sie eine Menge Fantasie und Spannung hinzugibt: Vor den Augen des Lesers lässt sie die vergangene Landschaft wieder auferstehen, in der einst die Rentierjäger lebten und arbeiteten. Sie berichtet von einem Jäger namens Orf, der in ein Mädchen von einer anderen Horde verliebt ist. Aber leider ist es für die beiden nicht so einfach, ein Paar zu werden, denn der Vater von Ena möchte aber lieber Rangi, das erfolgreiche Oberhaupt des Nachbarstammes, als seinen Schwiegersohn sehen. Eines Abends treffen sich Orf und Ena heimlich im Wald, wo sie einander die Treue versprechen und Orf als Zeichen dafür ein Bildnis von Ena in seinen Druckstein ritzt. Als Ena erfährt, dass sie von ihrem Vater an Rangi versprochen worden ist, beschließt sie, sich zu verstecken und zu warten, bis ihre Horde nach der Rentierjagd, die fast ein halbes Jahr dauert, wieder zurückkehren würde. Sie muss nun alleine versuchen zu überleben, damit sie ihr Versprechen an Orf halten kann. Denn Rangi würde bestimmt nicht so lange warten, wenn er nicht einmal wüsste, ob sie noch am Leben ist, sondern sich eine andere zur Frau nehmen. Ena schaffte es auch tatsächlich, den Winter zu überstehen und kann endlich mit ihrem geliebten Orf zusammen sein.

Doch hier liegt auch leider schon der Haken, der ansonsten gelungenen Geschichte: Wenn man am Ende angelangt ist verspürt man immer noch diesen innerlicher Drang weiterzulesen, was aber nicht möglich ist, weil da nichts weiter über Orf, Ena und die anderen Mitglieder der Rentierjägerhorden steht.
Dieses Problem zieht sich durch das ganze Buch, da eigentlich jede der Geschichten zu schnell aufhört. Sei es die Geschichte vom Eichengott, von den heiligen Beilen oder dem Altar für die Göttin Nehalennia – jede einzelne hätte locker ein ganzes Buch füllen können und wäre immer noch spannend gewesen. Als nützlich, aber leider noch weiter spannungshemmend, erweisen sich die historischen Quellenangaben und Museumsempfehlungen, die nach jeder einzelnen Geschichte folgen. Hier wird immer darauf verwiesen, welcher historische Fund der jeweiligen Erzählung zu Grunde liegt und wo man diesen oder ähnliche Dinge finden kann. Dennoch eignet sich dieses Buch eher zur Unterhaltung als zur historischen Bildung, da ja nur wenige Ausschnitte aus der Geschichte angesprochen werden. Außerdem geht es in den Erzählungen mehr um die Lebensweisen des ‚kleinen Mannes‘ und der ‚kleinen Frau‘, weshalb die sonst in der Geschichte relevanten Könige und Jahreszahlen – glücklicherweise – ausgespart werden.

Zu erwähnen ist noch, dass „Vom Rentierjäger zum Raubritter“ den niederländischen Jugendliteraturpreis „Silberner Griffel“ erhalten hat, was aber nicht bedeutet, dass das Buch nur von Jugendlichen gelesen werden kann. Die Sprache ist zwar so gewählt, dass sie auch für die Jüngeren verständlich ist, artet aber noch lange nicht in naives Kindergeplapper aus, weshalb das Buch auch noch für ‚große‘ Abenteurer geeignet ist.

Fazit also: Ein gutes, spannendes und einfach geschriebenes Buch, aus dem aber noch viel mehr hätte werden können.