Froideval, François Marcela / Ledroit, Olivier – Zeichen der Dämonen, Das (Die Chroniken des schwarzen Mondes, Band 3)

Die Geschichte des jungen Wismerhill geht im dritten Band der „Chroniken des schwarzen Mondes“ weiter und nach dem sehr guten [Vorgänger,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1638 in dem schon viele mögliche Intrigen angedeutet wurden und Folgen erahnt werden konnten, kommt bei „Das Zeichen der Dämonen“ schon einiges mehr an Klarheit in die Sache herein, besonders was die bislang noch nicht ganz so offensichtlichen Bündnisse verschiedener Gruppen und Personen anbelangt.

Nach längerer Suche trifft Wismerhill schließlich auf das Orakel, findet dabei aber nicht nur Antworten auf seine zahlreichen Fragen. Gleichsam stellt ihn das Orakel vor neue Aufgaben und deutet sein erhabenes Schicksal an. Anschließend begibt sich Wismerhill auf die Suche nach seinem tot geglaubten Vater, dem Prinz der Schattenelfen.
Auf seinem Weg trifft der junge Ritter einen alten Weggefährten, seinen ehemaligen Anführer Ghor-Ghor Bey, der wie durch ein Wunder die Schlacht gegen die weißen Ritter (siehe [Band 1)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1625 überlebt hat. Wiederum verbünden sich die beiden, nur dass Bey schnell deutlich gemacht wird, dass es er sich dieses Mal unterzuordnen hat, denn Wismerhills Macht und Stärke ist nach dem langen Training enorm gewachsen.

Währenddessen schmiedet Haazel Thorn sehr zum Unmut der kaiserlichen Leibwache (mit ihrem Anführer Frater Sinister) ein unglaubliches Komplott. Mit seiner gesamten Armee zieht er in Richtung der kaiserlichen Feste, um dem Herrscher seine Aufrichtigkeit zu beweisen. Doch hinterrücks verfolgt er ganz andere Pläne …

Wismerhill und seine Gefährten entdecken auf dem Weg die große Armee Thorns und schöpfen Verdacht, weil sie, ohne angegriffen zu werden, durch sie hindurch maschieren können. In der Zwergenstadt Ghrunkedash besorgen sie sich weitere Waffen – die sie kurze Zeit später auch dringend brauchen werden, denn ein kleines gemütliches Dorf, in dem sie sich für eine Nacht niederlassen, entpuppt sich als die Hölle auf Erden, und Wismerhill muss sich im Kampf erneut dem Sukkubus stellen …

Wie auch schon der zweite Teil dieser Comic-Reihe, so ist auch „Das Zeichen der Dämonen“ richtig klasse geworden. Dieses Mal sind die Zeichnungen entsprechend der Stimmung und den finsteren Plänen sogar noch um einiges düsterer ausgefallen, was dem Zeichner-und-Autoren-Team jedoch an anderer Stelle wieder die Gelegenheit bietet, mit Hilfe der bestialischen Austrahlung des Sukkubus krasse Kontraste zu erzeugen. Speziell die Darstellung dieses Monsters sowie der sich über mehrere Seiten erstreckende Kampf zwischen Wismerhill und dem Sukkubus sind ein echter Augenschmaus und machen dieses Buch schon für sich genommen zu einer echt lohnenswerten Angelegenheit.

Im Hinblick auf die Story ist der dritte Teil sicherlich der bislang interessanteste, weil die Erzählung jetzt so richtig in Fahrt gekommen ist und ein deutlicheres Licht auf die angedeuteten Intrigen der ‚bösen‘ Charaktere geworfen wird. Der Leser sieht hier schon stellenweise klarer, auch wenn man ihn bei den detaillierten Planungen noch im Dunkeln tappen lässt – aber das erhöht wiederum die Spannung, wobei gerade das Ende fast schon eine Tortur ist, wenn man den nachfolgenden Band nicht zur Hand hat. Hier stehen sich nämlich zum ersten Mal die beiden wichtigsten Parteien gegenüber …

Mein Statement zur gesamten Serie ist daher auch gleichbleibend: „Die Chroniken des schwarzen Mondes“ sind eine ungeheuer gut gemachte, farbenfrohe, actionreiche und mit Wortwitz gesegnete Comic-Reihe, die einen ziemlich schnell fesseln kann. Ich persönlich habe die Intensität jetzt selbst zu spüren bekommen, denn gerade da, wo die Spannung am Höhepunkt ist, sprich auf der letzten Seite, fehlt mir die Möglichkeit bzw. der nächste Band „Die Stunde der Schlange“ zum Weiterlesen. Ich denke, das sagt dann auch genug über die Qualität dieses mehrteiligen Projektes aus …

Magnusson, Kristof – Zuhause

|“Alles war in bester Ordnung. Warum auch nicht? Ich hatte nichts gegen Weihnachten. Das Problem war, dass Weihnachten oft etwas gegen mich hatte.“|

Kristof Magnusson hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Vor fast genau einem Jahr habe ich ihn durch Zufall auf einer Lesung erleben dürfen, bei der er aus seinem damals noch unvollendeten Erstlingsroman „Zuhause“ vorgelesen hat. Der sympathische junge Autor und seine eindrucksvolle Lesung sorgten dabei für zahlreiche Lacher im Publikum und für eine ausgelassene Stimmung, sodass ich sicherlich nicht die Einzige bin, die seitdem erwartungsvoll auf die Veröffentlichung von Magnussons Debütwerk gewartet hat (und nun auch sehnsüchtig auf eine Fortsetzung hofft).

_Merry Christmas_

Lárus Lúðvígsson dreht Dokumentarfilme über Vögel in seiner zweiten Heimat Hamburg und möchte nun Weihnachten zusammen mit seiner Jugendfreundin Matilda und ihrem Freund Svend in Island feiern. Was er aber nicht weiß, ist, dass sich Matilda von Svend getrennt hat, weil er und ihre ganze Beziehung ihr zu perfekt vorgekommen sind. Nur nach und nach eröffnet Matilda Lárus, dass sie nun in eine schmuddelige Wohngemeinschaft gezogen ist, obwohl sie doch so stolz auf ihre eigene Wohnung war. Außerdem möchte sie nicht mehr als wandelnder „Expo-Pavillon“ (also als Reiseleiterin) arbeiten, sondern lieber Suppenköchin werden. Doch auch Lárus verschweigt seiner langjährigen Freundin einiges, denn er traut sich nicht zu sagen, dass sein Freund Milan ihn vor kurzem verlassen hat. Dennoch ist Lárus enttäuscht und versteht nicht, warum Matilda ihm nicht gleich alles anvertraut hat. Gleichzeitig bringt er es nicht übers Herz, Matilda von seiner Trennung zu erzählen. So brechen die beiden zusammen zum Flughafen auf, um Milan abzuholen, obwohl Lárus sehr genau weiß, dass dieses Vorhaben völlig vergeblich sein wird. Erstmals muss ihre Freundschaft größere Krisen überstehen …

Doch so kurz vor Weihnachten passiert noch mehr in Island: Matilda und Lárus werden Zeugen, wie die Wohnung von Lárus‘ ehemaligem Schulkameraden Dagur abbrennt. Da dieser ganz in der Nähe ist, kann er noch zur Rettung einiger ihm lieb gewonnener Dinge eilen. Todesmutig (oder auch lebensmüde) stürzt Dagur sich in die Flammen und wirft Teile seiner CD-Sammlung und einige Kleidungsstücke aus dem Fenster. Anschließend zieht Dagur ebenfalls in Matildas Wohngemeinschaft ein. Lárus und Dagur, die sich zu Schulzeiten nicht ausstehen konnten, freunden sich zaghaft an. Doch Lárus wird nicht schlau aus Dagur, der immer wieder auf seine Familie schimpft, aber nicht verraten möchte, was zwischen ihnen vorgefallen ist. Als Dagur sich in Lárus verliebt, sein merkwürdiges Verhalten aber nicht erklären möchte, rasen die beiden auf eine Katastrophe zu …

Gleichzeitig versucht Lárus, seine Erinnerungen an Milan und ihre gescheiterte Beziehung in Worte zu fassen. Diese Briefe möchte er an ein Institut für Liebeskranke in Zürich schicken, das anonym diese Erinnerungen aufbewahrt, damit ihre Besitzer sich nicht mehr mit ihnen herumquälen müssen. Durch diese Briefe gelangt Lárus zu ganz neuen Einsichten, die er langsam verarbeiten muss.

_Lebenskrisen_

Kristof Magnusson erzählt einen Roman über eine Gruppe von Menschen um die 30, die ihre ganz eigene Lebenskrise überstehen müssen und dabei einige Hindernisse zu überwinden haben. Zunächst beginnt „Zuhause“ als „Feel-good“-Roman, der mit viel Wortwitz geschrieben ist und zu Beginn trotz der beiden Trennungen sehr heiter klingt. Es hat den Anschein, als würden sich Lárus und Matilda über ihr Wiedersehen und auf das bevorstehende Weihnachtsfest freuen. Erst nach und nach bröckeln die Fassaden und beide müssen sich eingestehen, dass viel geschehen ist und nicht nur ihre Freundschaft sich verändert hat, sondern auch Lárus und Matilda selbst. Auf ihre jeweils eigene Art versuchen die beiden nun, mit diesen Veränderungen und ihrem Leben klarzukommen. Während Lárus, der komischerweise in Island für tot erklärt wurde, seine Hoffnungen in die aufgeschriebenen Erinnerungen setzt und gar nicht bemerkt, in welches Unglück sich Dagur stürzt, flüchtet sich Matilda in ihre Wohngemeinschaft und lässt sich mit einem fragwürdigen DJ ein, der es auf Lárus abgesehen hat.

Auf nur knapp mehr als 300 Seiten erkennt vor allem Lárus, dass er in der Vergangenheit einige Fehler gemacht hat und die Trennung von Milan eigentlich nicht ganz plötzlich kam, sondern ziemlich vorhersehbar war. Dennoch fällt Lárus diese Einsicht sehr schwer, da er in seinen aufgeschriebenen Erinnerungen zum ersten Mal sein eigenes Verhalten reflektiert und zu seinen Fehlern stehen muss. Erst im Laufe der Zeit bemerkt Lárus, dass er selbst sich ändern und sein eigenes Zuhause finden muss. Dabei kommt er ganz unbeabsichtigt hinter ein altes Familiengeheimnis.

Zusammen mit seinen Protagonisten macht der Roman eine spürbare Veränderung durch. Während die Erzählung anfangs vor Wortwitz sprühte und es keine Seite gab, auf der man nicht zumindest zum Schmunzeln verleitet wurde, wird die Wortwahl mit der Zeit ernster und melancholischer. Der feine Humor ist zwar durchweg spürbar, doch werden die erheiternden Episoden seltener und Magnusson präsentiert uns nicht mehr allzu abstruse Geschichten, von denen er zu Beginn zahlreiche einstreute. So merkt man auch der Erzählweise an, dass Lárus durch ein ziemlich tiefes Tal wandern muss, welches sowohl seine Gedanken betrifft als auch seine körperliche Gesundheit, die unter einigen Unfällen schwer zu leiden hat.

_Achtung: Wortwitz_

„Zuhause“ weiß auf seine eigene Art zu begeistern, das Buch ist sehr liebevoll geschrieben und genau beobachtet. Mit seiner treffenden Wortwahl und seinen teilweise mehr als passenden Metaphern verleiht Kristof Magnusson seinem Debütroman das gewisse Etwas und beweist, dass er mit Worten spielen kann und dies offenbar auch gerne tut. Es sind die kleinen Geschichten am Rande und die eingestreuten Episoden, manchmal aber auch nur einzelne Füllwörter, die mich mitgerissen und begeistert haben. Besonders auf der ersten Hälfte unterhält „Zuhause“ auf grandiose aber feinsinnige Weise. Kein Witz kommt aufdringlich daher oder wirkt peinlich, jede Zeile macht einen sympathischen Eindruck, sodass man sich einfach nur wohlfühlt in diesem Buch und in diesen Worten.

Magnusson beschreibt teils urkomische und herzerfrischende Episoden, deren Lektüre einfach Freude bereitet; er beobachtet selbst feine Nuancen wie beispielsweise den Unterschied zwischen „sich gegenseitig anschweigen“ und „jeder für sich schweigen“ und hebt sich damit positiv von der Masse ab.

S. 30: |“Das hatte sie von ihrem Vater. Der war beim Straßenbauamt von Reykjavík für die Geschwindigkeitsbegrenzungen zuständig, setzte Eisenrohre in den Asphalt und ließ Betonschwellen vor Kindergärten sowie Blindenheimen gießen. Er war auf einem Bauernhof am Ende einer langen holprigen Schotterpiste im Südland groß geworden, und problemlos befahrbare Straßen schienen ihm noch immer suspekt zu sein.“|

S. 32: |“Es war einer von diesen stillen, triumphalen Momenten, in denen ich gern die Fähigkeit besessen hätte, nur die linke Augenbraue heben zu können.“|

„Zuhause“ steckt voller Musik; in der Art eines Nick Hornby streut Kristof Magnusson zu vielen Situationen die passenden Musikzitate ein, die allerdings größtenteils eher unbekannt sind und daher eher weniger zu Ohrwürmern beim Leser führen. Dennoch könnte ich mir gut einen Soundtrack zu diesem Buch vorstellen, der die beschriebenen Situationen unterstreicht.

_Iceland meets Germany_

Obwohl die Romanhandlung komplett in Island spielt, gibt es immer wieder Rückbezüge auf Deutschland, da Lárus an Ereignisse aus Hamburg zurückdenkt oder seine Beziehung zu Milan reflektiert, die sich in Deutschland abgespielt hat. Lárus ist 30 Jahre alt und hat in beiden Ländern eine Wohnung, obwohl er schon als Kind mit seinem Vater nach Hamburg umgezogen ist. Dennoch zieht es Lárus immer wieder in seine Heimat, da er sich ihr weiterhin verbunden fühlt. Auch gibt es dort Matilda, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verbindet. Es wird deutlich, dass Lárus sich noch nicht für sein Zuhause entschieden hat und erst noch herausfinden muss, ob er es in Island oder Deutschland finden wird.

Für Lárus stehen seine zwei Zuhause für völlig unterschiedliche Kulturen und für zwei voneinander getrennte Leben. Mit Deutschland verbinden ihn die Erinnerungen an Milan und die Angst, in einige Städte zu reisen, in denen die beiden gemeinsam gewesen sind. Zu Weihnachten verlässt Lárus daher seine deutsche Heimat, um sich in seine isländische Vergangenheit zu flüchten, nur um allerdings festzustellen, dass die Zeit dort auch nicht stehen geblieben ist und Matilda nicht mehr sein Fels in der Brandung ist, sondern ihr Leben in eine andere Bahn gelenkt hat. So begleiten wir Lárus auf einer ganz persönlichen Reise, auf der er mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und sich darum bemühen muss, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

_Home Sweet Home_

Am Ende bleibt eigentlich nur noch festzustellen, dass „Zuhause“ einfach Freude bereitet; Kristof Magnusson schreibt sympathisch, liebevoll und mit viel Wortwitz. Dabei zeichnet er Figuren, die zwar eine chaotische Phase durchmachen, aber gerade dadurch menschlich wirken, sodass wir beim Lesen mit ihnen fiebern und uns stellenweise durchaus mit ihnen identifizieren können. Inhaltlich geht es um Lárus‘ Identitätsfindung und um eine geheimnisvolle Familiengeschichte, die im Grunde genommen nicht wirklich spannend ist. Wen interessiert bei dieser wunderbaren Schreibweise noch, was mit Lárus‘ Mutter wirklich passiert ist? Wir registrieren diese Informationen ganz am Rande, konzentrieren unsere Aufmerksamkeit aber weiterhin auf die persönlichen Schicksale und Lárus‘ Weiterentwicklung und natürlich auf die amüsanten Episoden, die uns zum Lachen bringen.

„Zuhause“ beginnt sehr vielversprechend und überzeugt durch seinen Wortwitz, zum Ende hin lässt dies etwas nach, dennoch macht Magnussons Erstlingswerk Lust auf mehr, sodass ich schon jetzt auf eine Fortsetzung hoffe.

Schwindt, Peter – Justin Time – Zeitsprung

_Mit der Zeitmaschine in Dickens‘ London_

Justin ist vorwitziger Junge, den es nicht ruhig in seinem englischen Internat hält, seit seine Eltern bei einem Experiment mit einer Zeitmaschine verschwunden sind. Er reist ihrer Spur nach und stößt auf einen Krieg der Zeitagenten, in dem um die Vorherrschaft über die neue Technik gerungen wird: Denn wer die Macht hat, die Vergangenheit zu ändern, beherrscht automatisch die Gegenwart.

Doch auf welcher Seite stehen seine Eltern? Justin muss es herausfinden, bevor es – buchstäblich – zu spät ist. Er ahnt nicht, dass er selbst der Schlüssel zum Rätsel ist.

_Der Autor_

Peter Schwindt ist der deutsche Autor der „Justin Time“-Trilogie, in der auch die Bände [„Der Fall Montauk“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=820 „Das Portal“ sowie „Verrat in Florenz“ erschienen sind. Die Abenteuer des Helden Justin Time, der seine Eltern in den Zeiten sucht, sind für junge Leser ab zwölf Jahren geeignet.

Schwindt wurde 1964 in Bonn geboren. Nachdem er als Volontär und Redakteur für verschiedene Verlage gearbeitet hatte, betreute er zahlreiche Erwachsenen-Comics und arbeitete in der PC-Spielebranche. Seit 1997 ist Schwindt freiberuflich tätig und schreibt unter anderem als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen. Witzig: Er gründete eine Bauchtanz-Agentur. Er lebt mit Frau (eine Bauchtänzerin?) und Tochter im Siegerland.

Die „Justin Time“-Romane sind seine ersten. Sie beruhen auf den drei Hörspielen, die Schwindt 2000 für den WDR schrieb. (Ich habe zum Teil auf Verlagsinfos zurückgegriffen.)

_Handlung_

Man schreibt zwar das Jahr 2384, aber in England, das noch nicht in der Nordseee versunken ist, gibt es immer noch die guten alten Internate. Und wieder einmal langweilt sich der aufgeweckte Justin in den Sommerferien fast zu Tode. Und da er es nicht geschafft hat, seine verschwundenen Eltern wiederzufinden, macht er sich immer noch Sorgen um sie.

Da bekommt er eine Mail geschickt von seinem Onkel Chester, der auch gleich das Schulgeld für die nächsten fünf Jahre zahlt. Wie nett von ihm! Da die Rektorin, Frau Zimmerli, Justin keinen Urlaub gibt, macht er sich heimlich selbst auf die Socken, reist über Bristol nach London und von dort zu Onkel Chester. Er platzt mitten in eine Pressekonferenz: Sein Onkel gibt gerade bekannt, dass seine Zeitreiseagentur Chrono Travel Incorporated vor zehn Minuten ihren ersten Kunden in die Vergangenheit geschickt hat (Reisen in die Zukunft sind unmöglich). Dass in diesem Moment die berühmte Zeitwaise auftaucht, hat natürlich einen verheerenden Effekt auf Chester Times Propaganda. Prompt wird Justin eingesperrt.

Ein ebenfalls eingesperrter Journalist lässt aber Justin wieder frei, so dass er gerade rechtzeitig kommt, um einer Katastrophe beizuwohnen: Die Agentur hat ihren Kunden verloren, irgendwo im Jahr 1831: auf der „HMS Beagle“, auf der sich kein Geringerer als Charles Darwin befindet. Chesters Assistent gelingt es, die Kontrollen zu reparieren, und so erklärt sich Justin bereit, den Zeitreisenden zurückzuholen. Dazu braucht er bloß zwei Transponder mitzunehmen, mit deren Hilfe er im Zeitraum-Kontinuum geortet werden kann. Den anderen legt er Herbert Hanfstäckl an, sobald er ihn gefunden hat. Los geht’s, ab durch das Wurmloch …

_Mein Eindruck_

Eine zweite Zeitreise führt Justin ins London des Jahres 1862, wo gerade die Weltausstellung stattfindet. Jemand ist offenbar dabei, diese Zeitlinie zu ändern, indem er Charles Babbages Urvater aller Computer, die „Differenzmaschine“, vervollständigt.

Gegen das, was Justin in London erlebt, ist seine Aktion auf der „HMS Beagle“ der reinste Kindergeburtstag. Von den Sklaventreibern, denen er in die Hände fällt, wird er fast totgeprügelt und fängt sich eine ausgewachsene Erkältung ein, die leicht zu einer tödlichen Lungenentzündung werden könnte. Zum Glück hat er ein paar Freunde, darunter ein ungleiches Geschwisterpaar. Davy ist jedoch ein Vatermörder, und nur Fanny wird mit Justin in die Zukunft reisen, um an seinen Abenteuern in „Der Fall Montauk“ teilzunehmen, weiterhin auf der Suche nach seinen Eltern.

Es gibt wohl nur wenige Kinderbücher, in denen dem jugendlichen Helden derart übel mitgespielt wird. Dafür ist das Buch aber auch superspannend bis zum Schluss und voller Überraschungen. Der kundige Leser fühlt sich in London sofort in die schummrige Welt von Dickens‘ „Oliver Twist“ versetzt. Das geht Justin nicht anders, obwohl er einen Zeitweg von 500 Jahren hinter sich hat. Prompt nennt er sich gegenüber der Polizei „David Copperfield“, was nicht sonderlich schlau ist, denn diesen Namen kennt um diese Zeit jedes Kind: eine Romanfigur von Dickens. (Weil Dickens auch in Zeitungen gedruckt wurde, wurden seine Storys nicht nur von den gebildeten Ständen gelesen, die sich teure Bücher leisten konnten.)

|Hommage an William Gibson|

Es gibt einen bekannten Science-Fiction-Roman von den Herren William Gibson und Bruce Sterling, die man mit Fug und Recht als Begründer (Gibson als Aktivist und Sterling als Ideologe der Bewegung) des Cyberpunks der achtziger Jahre bezeichnen darf. Sie schrieben mit [„Die Differenzmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339 einen Thriller, in dem Charles Babbages Computervorläufer eine bedeutende Rolle spielt. Und natürlich zanken sich etliche Machtkreise um diese vielversprechende Technik.

Natürlich kennt auch der Autor Schwindt diesen Roman und das titelgebende Gerät. Um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, er schriebe von Gibson & Sterling ab, hat er sich dadurch aus der Affäre gezogen, dass er eine Figur namens Willi(am) Gibson auftreten lässt (S. 157ff). Willi ist ein Stadtstreicher auf der Suche nach einer sicheren Bleibe. Leider verirrt er sich dabei in eine sehr obskure Ecke der neuen U-Bahn-Tunnel an der Euston Road. Was er dort unten sieht, versetzt ihm ein schweres Trauma. Er landet als Verrückter in der Irrenanstalt Bedlam. Und wer weiß, vielleicht würde auch Justin dort enden, wenn ihn nicht diverse Freunde retten würden.

|Zweifelsfall|

Auf Seite 43 ist die Rede von einem „Ostindien“, das sich auf die Inseln östlich von Mittelamerika, also auf die Karibik, erstreckt. Würde diesen Ausdruck Kolumbus um 1500 gebrauchen, wäre das kein Problem, aber diese geografische Angabe wird in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebraucht. Der Sprecher sollte es eigentlich inzwischen besser wissen – und der Autor wohl auch.

_Unterm Strich_

Mir hat „Zeitsprung“ gut gefallen: Es ist spannend, abwechslungsreich, überrascht immer wieder mit neuen Wendungen, hat ziemlich üble Schurken, einige geheimnisvolle Figuren (der berühmte Mister X), zwei berühmte Gelehrte (Darwin und Babbage), die nicht als Selbszweck auftauchen, sondern eine tragende Rolle für Justin spielen. Zu guter Letzt sind die zwei Episoden in einigermaßen realistisch anmutende Schauplätze eingebettet, wobei mich das Londoner Eastend mit seinen schrecklichen Arbeits-, Lebens- und Hygienezuständen (man denke an die Gefängnisepisode in „Der große Eisenbanhraub“ oder an Jack the Rippers bevorzugtes Jagdrevier Whitechapel) mehr überzeugt hat als alle anderen Schauplätze.

Mit dem „Amt für Zeitkontrolle“ und seinen Agenten konnte ich allerdings herzlich wenig anfangen. Miss Portitia Abaddon – welch ein behämmerter Name: direkt aus einem Groschenroman! Schwindt sollte die Finger von solchen Karikaturen lassen, denn er ist in der Lage, ernst zu nehmende historische Romane zu schreiben.

Wer die „Justin Time“-Bände komplett lesen will, sollte mit diesem Band „Zeitsprung“ anfangen. Denn in der Fortsetzung „Der Fall Montauk“ wird ständig darauf verwiesen und nur so ist erklärlich, wo Fanny, Justins Gefährtin, herkommt.

John Barnes – Der Himmel, so weit und schwarz

Willkomen in der Zeit nach den Mem-Kriegen

Es startet gemächlich: Ein altgedienter Alkoholiker-Cop und Psycho-Doctor setzt sich vor die imaginäre Kamera, schnappt sich einen Becher Whiskey und starrt auf seinen Bildschirm. Er erwartet eine Nachricht von einem seiner „Fälle“, von Terpsichore Melpomene Murray, die sich aus unerfindlichen Gründen nicht mehr melden mag.

Weil diese erhoffte Meldung ausbleibt, beginnt er dem Leser das Universum zu vermitteln, in dem dieser Roman spielt. Der Leser erfährt, dass eine künstliche Intelligenz jeden Menschen auf der Erde kontrolliert, dass deswegen ganze Generationen flüchten, um ein karges Leben auf dem Mars zu beginnen. Aber auch die Mars-Bewohner sind vor einer Übernahme nicht sicher: Die Künstliche Intelligenz entwickelt sich. |OneTrue| versucht, den Mars mit dem „Resuna-Mem“ zu infizieren, einem Gedankenvirus, der über eine codierte Kommunikationssequenz in die Hirne seiner Wirte gelangt, um sie unter die Kontrolle der KI zu stellen. Jegliche Information, die von der Erde auf den Mars gelangt, könnte ein Resuna-Träger sein.

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Eichacker, Reinhold – Panik

_Astronomen zwischen Satan und Armageddon_

In der Michigan-Sternwarte bei New York City bricht Hektik aus, als ein gigantisches Objekt aus dem Weltraum sich in beängstigender Weise der Erde nähert. Ist das Weltende nahe? Als die Nachricht durchsickert, bricht in New York City Panik aus, die Börse wird manipuliert. Können Wissenschaftler die dunklen Machenschaften finsterer Hintermänner durchkreuzen? Wird der geniale Plan des Chemikers Werner Werndt die Welt retten können? Die Spannung steigt ins Unermessliche.

_Der Autor_

Reinhold Eichacker scheint ein technisch interessierter Schriftsteller gewesen zu sein, dem mit seiner Werner-Werndt-Trilogie ein bescheidener Erfolg beschieden war. Dieser begann mit dem für Science-Fiction-Leser uninteressanten (und zudem chauvinistischen) Roman „Kampf ums Gold“. „Panik“ folgte 1922 und wurde sogar ins Spanische übersetzt. Die Fortsetzung „Die Fahrt ins Nichts“ schloss die Trilogie 1923 (ebenfalls bei Celero neu aufgelegt) ab. Die Besonderheit der beiden Romane betrachte ich im Abschnitt „Mein Eindruck“.

_Handlung_

Im Jahre 1920: Professor Earthcliffe, ein genialischer Astronom von der Michigan-Sternwarte bei New York City, ist überrascht, als er selbst und eine Hand voll Astronomen einen kleinen schwarzen Punkt vor der Sonne vorbeihuschen sehen. Das war’s dann aber auch schon, trotz all seiner Nachforschungen. Hat man es mit einem Mond oder Planeten zu tun? Sein Assistent Dr. Wepp kann ihm nicht helfen und seine bildhübsche Tochter Mabel, die über überhaupt keine Ausbildung zu verfügen scheint, schon gleich gar nicht.

Da schneit einige Tage später ein gewisser Dr. Nagel mit seinem spanischen Assistenten Don Ebro ins Haus. Auch er hat den Punkt beobachtet, von Valparaiso/Chile aus. Er verspricht dem Professor, ihm sein Können zur Verfügung zu stellen. Was für ein lächerliches Angebot, denkt der Prof, nur um dann doch eines Besseren belehrt zu werden. Der fesche Deutsche hat bei Mabel natürlich gleich einen Stein im Brett und darf bleiben. Zum Glück! Denn zusammen beobachten die beiden den kleinen schwarzen Punkt, wie er mit einem Affenzahn vor der Riesenscheibe des Jupiters durchsaust.

Nun ist ziemlich klar, dass bei den Berechnungen Fehler unterlaufen sind und sich der unbekannte Himmelskörper bereits auf einer Umlaufbahn um die Erde befindet! Wenn ihn der Mond nicht als Sekundärmond einfängt, dann wird der Meteor, angezogen von der Erdschwerkraft, eines Tages auf die Erdoberfläche donnern. Bitte keine PANIK!, bittet der Professor, und natürlich völliges Stillschweigen. Nagel schwört, Wepp schweigt.

Denn Wepp hat eigene Pläne. Mit Panik, so wird er aller Welt demonstrieren, lassen sich ausgezeichnete Geschäfte machen. Klammheimlich kauft er Aktien von Versicherungsgesellschaften sowie von Zeitungsverlagen auf. Als die damit erzeugte Panik vor dem Weltuntergang so richtig am Kochen ist, verkauft Wepp für einen Milliardenbetrag. Aber das ist erst der Anfang: Er will die Welt beherrschen.

Inzwischen hat Nagel einen Chemiker namens Walter Werndt herbeigerufen, der sich den Meteor einmal ansehen soll. Werndt ist ein genialer Erfinder, und er findet das Ei des Kolumbus nach nur kurzem Nachdenken.

Doch der Tag des Meteorabsturzes rückt unausweichlich näher. Und wer ist laut Wepp schuld daran? Natürlich die Astronomen selbst – mit ihren teuflischen Fernrohren und Maschinen haben sie den Meteor erst zur Erde gelenkt. In einer Nacht des Grauens werden alle Observatorien von der aufgehetzten Menge blindwütig gestürmt, angegriffen und zerstört. Ob Professor Earthcliffe das wohl überleben wird?

_Mein Eindruck_

Die Weltsicht des Autors ist relativ einfach: Das Kapital beherrscht die Weltwirtschaft ebenso wie die volksverdummenden Massenmedien. Diese Masse ist deshalb so lenkbar, weil sie über keine Bildung verfügt und somit auch nicht beurteilen kann, wem sie was glauben soll. Dabei spielt noch nicht einmal wie im Dritten Reich der Rundfunk – Stichwort „Volksempfänger“ (schon das Wort ist der blanke Hohn) – die Hauptrolle, sondern noch die Zeitungen. Und wenn das nicht reicht, so stellen sich die Wortführer auf den Hauptplatz, wie in den schlechten alten Zeiten, als man die Republik noch vom Balkon ausrief.

Doch wo das Volk Verfügungsmasse ist, müssen die Wortführer ihre Botschaften auf den Punkt bringen. Jetzt erweist sich, was in Wepp und seinem Gegenspieler Nagel wirklich steckt: Wepp ist der Satan des Kapitals, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Hieße dieses Buch „Metropolis“, so verbände er die Rollen des Wirtschaftsbosses Fredersen mit dem seines Wissenschaftsknechtes Rotwang (der dann den Roboter erschafft). Doch „Metropolis“ wurde erst 1926 veröffentlicht, vier Jahre nach „Panik“.

Doch Nagel, der noch zu Liebe fähig ist, steht für Wissenschaft und die Stimme der Vernunft. Dumm nur, dass er überhaupt nicht gehört wird: Seine Argumente sind zu kompliziert. Und so obsiegt Wepp – zunächst jedenfalls: Er befiehlt den Sturm auf die verteufelten Sternwarten. Das vom Demagogen verhetzte Dummvolk folgt dem Aufruf, offensichtlich auch in der Hoffnung auf zu plündernde Beute. Bilder von der Russischen Revolution werden wach.

Der Retter in der Not ist nun dringend gefragt. Es ist offenbar Werner Werndt. Der deutsche Chemiker stellt sich gleich einmal als Erfinder und zertifiziertes Genie vor. Er steht zwar ebenfalls auf der Seite der Wissenschaft, ist aber in der Lage, seine Erkenntnisse in handfeste Aktion umzusetzen: fortschrittliche Maschinen, wie etwa ein fast unsichtbares Flugzeug, das obendrein auf der Stelle verharren kann wie ein Helikopter. Am besten ist aber, dass es schneller als ein heutiger Passagierjet fliegt. Es saust dem einschlagenden Meteor einfach davon. In Sicherheit?

|Pulp Fiction|

„Panik“ ist ja nicht der erste Zukunftsroman, der eine einfach gestrickte Gesellschaftssicht kolportiert. Gerade in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, als die Nationalstaaten sich vor Verdun in den Untergang kloppten und die Revolutionen die morschen anciens régimes hinwegfegten, wurden Zukunftsvisionen zum Groschenpreis unters Volk gebracht. Und was Eichacker in Leipzig unters Volk brachte, ist zwar weit einfallsreicher und sprachlich fortgeschrittener als die übliche Pulp Fiction, aber doch nicht sonderlich erhellend, was eine Lösung angeht.

|Pappkameraden|

Eichacker hantiert auch mit Pappfiguren, die kein eigenes Leben besitzen und einfach die Erwartungen des Publikums erfüllen sollen. So ist etwa der alte Professor Earthcliffe vor allem ein wunderlicher Kauz, der zwar mit Mathe umgehen kann, aber doch alle naslang einen stereotypen Mathefluch auf den Lippen führt: „Potz Wurzel aus dreizehn“ ist noch das komplizierteste Exemplar dieser Verwünschungen. Der alte Zausel ist ein Fossil aus den Karl-May-Romanen, in denen Sam Hawkins, Tante Droll und Hobble-Frank ihr sächsisches Unwesen am Rio Pecos treiben.

|Der Satan|

Der für uns interessanteste Protagonist ist vielleicht der zwielichtige Wepp. Der Wissenschaftler hat die Prinzipien des Kapitalismus kapiert und versucht nun, mit seiner Meteor-Geheiminformation die Weltwirtschaft aus den Angeln zu heben. Es klappt zunächst auch ganz hervorragend, denn auf einen wie ihn hat die Wall Street gerade gewartet. Doch dann geschieht etwas Seltsames: Der plötzliche Machtzuwachs scheint dem frischgebackenen Milliardär zu Kopf gestiegen zu sein: Er behandelt seine Handlanger wie Untermenschen und die kopflos gemachte Volksmasse als Machtinstrument, um seine Widersacher, die Astronomen, auszuschalten. Vergleiche mit Mussolini, Hitler und Stalin fallen leicht. Und was die Knete angeht: Die raubten diese drei Herrschaften einfach dem „Klassenfeind“.

|Warum also Science-Fiction?|

Was hat dies alles mit Science-Fiction zu tun? Handelt es nicht einfach um den 1001sten Katastrophenroman? Leider ist der Übergang zwischen diesem Genre und dem „Zukunftsroman“ absolut fließend und eine Abgrenzung eher von akademischem Interesse. Neben Werndts Wunderflugzeug gibt es noch hie und da ein paar nette Apparate wie etwa eine Handkamera, die einen wunderbar altertümlichen Namen hat, und gewisse astronomische Phänomene. Zu diesen zählt selbstredend der Meteor.

Es gibt auch einen mysteriösen „Welteiskörper“, über den ich mir den Kopf zerbrochen habe. Mit diesem Teil kollidiert der Meteor und ändert seine Bahn derart, dass er „senkrecht“ (!) zur Erde plumpst (das allein erscheint bereits absurd, dreht sich doch die Erdkugel mit affenartiger Geschwindigkeit). Da wir inzwischen wissen, wo sich Eis in herumsausenden Himmelskörpern befindet, dürfte es sich wohl um bei dem „Welteiskörper“ um einen schlichten Kometen handeln. Wie der Film „Armageddon“ eindrucksvoll belegt, können diese Brummer auch eine Menge Flurschaden anrichten.

|Mein Leseerlebnis|

Nach der ersten Hälfte habe ich eine längere Pause eingelegt, denn der fehlende Tiefgang verlockt nicht gerade zur faszinierten Lektüre. Da aber die zweite Hälfte nur so vor Action strotzt, ließ sich der Rest in Nullkommanix erledigen. Der Schreibstil Eichackers ist dabei ein großer Pluspunkt: Er schreibt sehr kurze Sätze und beschreibt seine Szenen sehr anschaulich. Die Lektüre kommt dadurch fast dem Anschauen eines Films gleich – und das ist nicht mal ein Stummfilm. Außerdem verzichtet Eichacker auf lange Tiraden, die damals durchaus üblich waren, sondern lässt vielmehr seine Figuren die Argumente und Erkenntnisse vortragen. Eine gute Methode, die auch heute Schule machen sollte.

_Unterm Strich_

Im Zuge der Literaturarchäologie und Traditionspflege ist auch dieser interessante Zukunftsroman ans Tageslicht gefördert worden: Er fand sich in der (in jeder Hinsicht) „Phantastischen Bibliothek Wetzlar“ und wurde, nach der sprachlichen Überarbeitung, von einem rührigen Verlag in Weilersbach veröffentlicht. Dort ist auch die Fortsetzung „Die Reise ins Nichts“ (siehe oben unter „Autor“) zu bekommen.

Im Unterschied zu so manchem gemütlichen Weltenreiseabenteuer aus Kaisers Zeiten (z. B. F. W. Maders Roman „Wunderwelten“ von 1911) befasst sich „Panik“ mit seiner eigenen turbulenten Zeit und den massiven gesellschaftlichen Umbrüchen, die damit einhergingen. Deutschland eine kommunistische Räterepublik? Warum nicht: Der Versuch wurde unternommen. Deutschland eine Fascho-Diktatur? Warum nicht gar: Auch dieser Versuch schlug fehl (1923) – und wurde zehn Jahre später erfolgreich wiederholt (1933).

Neben diesen Aspekten bietet „Panik“ aber auch eine packende Handlung, die in der zweiten Hälfte zu fesseln weiß. Da können selbst Katastrophenschmöker wie Niven/Pournelles „Luzifers Hammer“ mit ihren durchschnittlich rund 800 Seiten einpacken.

Mehr Infos: http://www.celero-verlag.com

Flynn, Vince – Kommando, Das

Leinwand, Pinsel, Tusche. Farben: Schwarz und weiß – das reicht vollkommen. Und los geht’s! Eine Gruppe US-amerikanischer Cowboys gerät im Land der korrupten Bösartigkeit in einen Hinterhalt. Ergebnis Nummer Eins: Zwei tote Cowboys. Ergebnis Nummer Zwei: Ein aufgebrachter Obercowboy, für den Politik mit einer durchgeladenen Beretta gleichzusetzen ist – das Universalheilmittel schlechthin für alle Probleme menschlicher Provenienz. Folge: Einigen impertinenten Schwarzen Männern, welche die 9mm-Regeln partout nicht verstehen wollen, gehören ordentlich die Leviten gelesen. Denn: Im Land der himmelschreienden korrupten Bösartigkeit befindet sich noch immer eine Familie des Auserwählten Volkes in Geiselhaft der Finsternis. Zur gleichen Zeit in und am Rande des alten Europas: Ein böser Indianer mit königlichem Namen und über alle Maßen degenerierten Freunden plant, das eigentliche auserwählte Volk in einen Krieg zu zwingen, um so seinen beschränkten Indianerfreunden die Freiheit zu bringen. Zum Glück wandelt der böse Indianer in Gefilden, die von noch böseren Indianern auf Kriegspfad nur so wimmeln – ist ja auch kein Wunder, in Indianerland muss man schließlich notgedrungen böse, böse, böse werden –, weswegen unser königlicher Indianer am Ende nicht ganz so schlecht wegkommt. Ja, ein wenig grau, das schafft sogar ein ehemaliger Kraft-Mann – und das ganz ohne die locker-würzige Salatcreme aus dem Jahre 1933.

In „Das Kommando“ erzählt Vince Flynn, wenn man Dan Brown – Autor von Bestsellern wie „Illuminati“ und „Sakrileg“ – glauben will, die Geschichte einer groß angelegten politischen Verschwörung: Seit geraumer Zeit halten Terroristen der Abu Sayyaf auf den Philippinen eine amerikanische Familie gefangen. Als schließlich eine Spezialeinheit der SEALs bei einem Befreiungsversuch in einen Hinterhalt gerät, zwei Männer sterben und die Familie immer noch nicht freikommt, beginnt man in Washington zu rotieren. Irgendwo an hoher Stelle muss es ein Informationsleck geben und obendrein scheint es, als würde die philippinische Armee mit den Terroristen kooperieren. Mitch Rapp, Special Agent der CIA, bekommt den Auftrag, sich der Lage anzunehmen und im Land von Charlies Neffen für Recht und Ordnung zu sorgen. Währenddessen plant der palästinensische Attentäter David ohne Nachnamen einen Anschlag mit der Größenordnung, den gesamten Friedensprozess im Nahen Osten aus dem Gleichgewicht zu bringen, um so am Ende die USA ins Schach zu setzen. Es gibt also allerhand zu tun für unseren weiß gepinselten Protagonisten Rapp. Ein Mann wie ein Faustschlag: direkt, impulsiv, offen, pragmatisch, gleichzeitig liebevoll (zumindest was das Verhältnis zu seiner frisch Anvertrauten Anna betrifft) und natürlich absolut freiheitsliebend™. Ein richtiger Held eben. Da macht es auch nichts, dass die „groß angelegte politische Verschwörung“ auch jenseits der Mitte des Buches noch nicht ihre grauslige Fratze emporgereckt hat. Mehr noch, der Leser wird ja ausreichend damit belohnt, dass er im Detail das streng dualistische Cowboy&Indianer-Weltbild eines ehemaligen Buchführungsspezialisten und Grundstücksmaklers kennen lernt. Und wer freut sich nicht über Rambo-Gehabe im Oval Office, durch und durch bösartige irakische Geheimdienstchefs, sinnentleerte Gespräche auf Abendveranstaltungen im Weißen Haus, masochistische Palästinenser und gestählte Marines, die sich durch den tropischen Urwald wühlen, während sie hie und da einem Schurken den Kopf wegpusten? Zwar ist die Geschichte überaus langatmig geschrieben, und über hunderte von Seiten schieben sich die beiden Handlungsstränge scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander her, doch wer die Welt gerne in Schubladen – und zwei genügen da voll und ganz – verpackt präsentiert bekommt und militärischem Tam-Tam den Vorzug gibt, der ist bei „Das Kommando“ garantiert an der richtigen Adresse.

Inzwischen gehen die Geschichten über Superagent Mitch Rapp in den Staaten in die fünfte Runde: „Memorial Day“ widmet sich dem aktuellen Angstthema eines über schlecht gesicherte Hafenanlagen durchgeführten Terroranschlags. Selbstverständlich muss auch hier hart durchgegriffen werden, um Herr der Situation zu werden: Please call 911-Rapp-blow-’em-up! Obgleich „Memorial Day“ es nur auf Platz 7 der Bestsellerliste der New York Times schaffte, ließe sich der große Erfolg der Rapp-Serie doch als rote Karte in Richtung einer US-amerikanischen Laissez-faire-Politik verstehen. Eine Absage an ein als durch und durch verfilzt wahrgenommenes Staatswesen, kombiniert mit dem Aufruf: Schützt uns, koste es was es wolle und lasst politisches Brimborium wie Diplomatie und Internationale Beziehungen links liegen! Nicht umsonst räumt Vince Flynn dem „Enthüllungsbericht“ von Martin L. Gross, „The Government Racket: Washington Waste from A to Z“, besondere Bedeutung für sein eigenes Weltverständnis ein – „without a doubt the most disheartening and enlightening book about politics that I’ve ever read.“ Doch sollte inzwischen klar sein, dass, wer stur (und meist fälschlich) auf 2 Mose 21,24 pocht, am Ende mit leeren Händen dastehen wird – so er überhaupt noch etwas hat, um zu greifen. Vielleicht hätte man Flynn doch besser zum US Marine Corps Aviation Program zulassen sollen, dann hätte er zumindest nicht mit dem Schreiben begonnen.

_Michel Bernhardt_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Herbert, Brian / Anderson, Kevin J. – Haus Harkonnen, Das (Der Wüstenplanet: Die frühen Chroniken 2)

Die Vorgeschichte eines zweimal verfilmten Bestsellers der Science-Fiction – lohnt sich das überhaupt zu lesen? Es lohnt sich durchaus, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Man sollte auf jeden Fall die Verfilmung „Der Wüstenplanet“ von 1984 gesehen haben (und wer hat das nicht?).

Nicht schlecht wäre es, wenn man auch die [literarische Vorlage]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1662 dazu kennen und womöglich sogar verstehen würde (das sind immerhin ein paar Millionen Leser weltweit).

Und der Gipfel der guten Voraussetzungen wäre es, wenn man schon den ersten Band der „frühen Chroniken“ gelesen hätte: [„Das Haus Atreides“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1621 Aber man muss nicht alles wissen. Jeder Band der „frühen Chroniken“ bringt so viele Erklärungen und Rückverweise, dass man rasch den Anschluss findet. Es gibt allerdings keine Zusammenfassungen wie zu Tad Williams‘ Otherland-Romanen.

_Handlung_

|Die Vorgeschichte: „Haus Atreides“|

In „Haus Atreides“, dem ersten Band der „frühen Chroniken“ vom Wüstenplaneten, standen drei Männer im Mittelpunkt des Interesses: Der neue Imperator Shaddam IV. kam durch Vatermord an die Macht über das Universum und setzte das Projekt in Gang, das Gewürz dereinst synthetisch herzustellen; Baron Harkonnen baute seine korrupte Macht auf Kosten des Hauses Atreides aus und saugte Arrakis bis aufs Blut aus, wobei er den Imperator betrog; und Leto Atreides musste schließlich den Mord an seinem Vater miterleben und weiteren Intrigen der Harkonnens begegnen.

Der imperiale Planetologe aus Arrakis, Pardot Kynes, stieg zum Propheten der Fremen auf und setzte mit ihrer Hilfe den Plan in die Tat um, den Wüstenplanet in ein grünes Paradies zu verwandeln. Sein Sohn Liet-Kynes soll ihm nachfolgen. Liet und Stilgar führen weiterhin einen Untergrundkrieg gegen die verhassten Harkonnens. Die späteren Atreides-Getreuen Duncan Idaho und Gurney Halleck erleben auf Giedi Primus, der Harkonenn-Hauptwelt, eine schreckliche Jugend, doch vorerst schafft es nur Duncan, in Letos Dienste zu treten.

Ein wirklich neuer Erzählstrang schildert jedoch das Schicksal des Hauses Vernius, das den Industrieplaneten Ix beherrscht. Doch Familienoberhaupt Dominic Vernius, ein verdienter Kämpfer, hat den Fehler begangen, von Shaddam IV. dessen schönste Konkubine als Belohnung zu fordern. Shaddam schlägt unsichtbar zurück, indem er die Bene Tleilax Ix erobern lässt, um dort ein supergeheimes Labor für die Entwicklung des künstlichen Gewürzes einzurichten.

Bei dem Überfall verliert das Haus Vernius alles: Der für tot gehaltene Dominic muss in den Untergrund, seine Frau wird ermordet, und seine beiden Kinder Kailea und Rhombur finden bei Leto Atreides Asyl.

|“Das Haus Harkonnen“|

Baron Wladimir Harkonnen siecht dahin, und nicht einmal superteure Suk-Ärzte wie Wellington Yueh können den kinderlosen Herrscher heilen. Als Rache für ihre Vergwaltigung hat nämlich die Bene-Gesserit-Mutter Helen Gaius Mohiam (wir kennen sie aus DUNE 1) den Baron mit einer heimtückischen Krankheit infiziert. Obwohl dieser droht, den Schwesterorden der biologischen Kriegsführung anzuklagen, bieten ihm die „Hexen“ Paroli: Sein Neffe Glossu Rabban („die Bestie“) hat versucht, mit einem unsichtbaren Raumschiff den Orden anzugreifen, war aber dabei abgestürzt. Dumm gelaufen: Sollen die „Hexen“ das Geheimnis des Nicht-Schiffs für sich behalten, muss der Baron die Klappe halten.

Der hält sich dadurch schadlos, dass er in den Haushalt der Atreides eine Agentin einschleust. Sie indoktriniert Kailea Vernius, die Konkubine Letos und die Mutter seines Sohnes Victor. Schon bald wird die tüchtige Kailea immer unzufriedener und schließlich sogar eifersüchtig, als die Bene Gesserit eine weitere Konkubine anbieten und überstellen: Schwester Jessica (die später Pauls Mutter wird). Dieser Erzählstrang führt zu einem traurigen Ende, als Kailea Leto töten lassen will. Dabei kommt jedoch keineswegs der Herzog, sondern ihr Sohn Viktor ums Leben. Die untröstliche Kailea tötet erst die Harkonnen-Agentin und stürzt sich dann in den Freitod.

Ein relativ unbedeutender, aber doch interessanter Erzählstrang schildert das Schicksal von Baron Harkonnens sanftem und integrem Halbbruder Abulurd. Lankiveil ist das glatte Gegenteil zu Arrakis: eine polare Welt, die Walpelze exportiert und arktische Klöster beherbergt. Doch Glossu Rabban, Abulurds Sohn, vernichtet zuerst die Lebensgrundlage der Walfänger und Fischer, um dann auch einen Bürgermeister umzubringen und das wichtigste der Klöster zu zerstören. Als sich Abulurd und seine Frau Emmi wieder von der Katastrophe erholt und sie einen weiteren Sohn haben, nehmen der Baron und Glossu ihnen auch dieses Kind weg: Feyd Rautha soll als echter Harkonnen aufwachsen.

Während Duncan Idaho als Eliteschwertmeister auf Ginaz ausgebildet und in die Kämpfe zwischen den Häusern verwickelt wird, will sich Gurney Halleck an den Harkonnen für das rächen, was sie seiner Schwester Bheth angetan haben. Doch nach Jahren in den Straflagern gelingt ihm die Flucht: zuerst zu Dominic Vernius‘ Schmugglern und Rebellen, später zu den Atreides. Denn Dominic Vernius erfährt vom Schicksal seines Planeten: Die systematische Ausbeutung und Vernichtung seines Volkes durch die Tleilaxu und die imperialen Truppen. Dominic beschließt, eine Atombombe über dem imperialen Palast auf Kaitain zu zünden.

|Ausblick: „Das Haus Corrino“|

Nach dem Tod seines Vaters übernimmt Liet-Kynes auf Arrakis die Rolle des imperialen Planetologen, kämpft aber nun verstärkt gegen die Harkonnens. Bei einer Audienz bei Shaddam IV. verursacht er einen Eklat: Entweder der Imperator schützt die Fremen vor den Harkonnens oder er hat die Konsequenzen zu tragen. Shaddam denkt gar nicht daran: Der synthetische Ersatz für das Gewürz wird Arrakis und dessen Gewürzmonopol in Vergessenheit geraten lassen. Was er nicht ahnt: Sein Spice-Ersatz ist bei weitem nicht so gut wie erhofft. Es kommt zum Großen Gewürzkrieg.

_Mein Eindruck_

Die Trilogie der Vorgeschichte zu DUNE hat zwei Aufgaben zu erfüllen: Erstens muss sie alle Vorgaben aus Frank Herberts Bestsellerroman strikt befolgen, und das ist natürlich ein Handicap, denn da der Kenner bereits weiß, was folgen muss, ist aus der Spannung die Luft raus. Zu diesen Handlungssträngen gehören Duncan Idaho, Gurney Halleck, Liet-Kynes, Wellington Yueh, die Liebesgeschichte zwischen Leto und Jessica sowie die Machenschaften der Harkonnens und Bene Gesserit (das Projekt „Kwisatz Haderach“).

Zweitens muss die Trilogie auch Neues anbieten und dies in das Bekannte geschickt so einflechten, dass das Neue wieder verschwindet, wenn und bevor es mit der späteren DUNE-Geschichte kollidiert. Die zwei neuen Faktoren sind erstens das imperiale Geheimprojekt um die synthetische Gewürzmelange und zweitens, ebenfalls mit Ix verbunden, das Schicksal des Hauses Vernius.

Nun sollte man erwarten, dass man aus den Kapiteln, die zu Aufgabe Nr. 1 gehören, nichts mehr Aufregendes erfährt. Die Figuren und ihr Schicksal sind ja dem DUNE-Kenner bekannt. Doch zum Glück stellt sich heraus, dass gerade beim Werdegang Duncan Idahos zum Schwertmeister unvorhergesehene Faktoren ins Spiel kommen, die zu einem actionreichen Höhepunkt auf Ginaz führen. Wir erfahren, wie verhängnisvoll für Gurney Halleck seine Vorliebe für das Baliset und den Gesang ist. Liet-Kynes Schicksalsweg kreuzt sich zunächst mit den Schmugglern um Dominic Vernius und dann mit Gurney, den er auf dem atomar verwüsteten Planeten Salusa Secundus kennen lernt (Liets einziger Ausflug von Arrakis in diesem Band).

Zum Aufgabenbereich Nr. 2 gehören ebenfalls dramatische Entwicklungen. Während sich die Situation auf Caladan im Hause Atreides bis zu Kaileas Verrat zuspitzt, verschlechtern sich die Überlebenschancen der Rebellen, die noch in den Arbeitslagern der Tleilaxu auf Ix ausharren. Doch auf einen großartigen Erfolg mit einem Bombenanschlag folgen noch bedrückendere Verhältnisse. Und eines Tages kommt der Rebell C’tair Pilru dem Geheimnis dessen auf die Spur, was die verhassten Tleilaxu wirklich auf Ix treiben – jetzt weiß er auch, wohin seine Geliebte verschwunden ist, und es dreht ihm Herz und Magen um.

Wie man sieht, gibt es einiges, worauf man sich noch freuen darf, so etwa die Rückeroberung von Ix durch Rhombur Vernius; die Befreiung Dunes von den Harkonnens; und natürlich Kindheit und Erziehung von Paul Atreides, dem späteren Muad’dib der Fremen.

|Lässt sich flüssig lesen|

Der schiere Umfang des Buches schreckt erst einmal ab, aber da die Kapitel kurz sind und am Anfang vieles erklärt wird, kommt man schnell voran. Hauptsache, man schafft es, über den toten Punkt in der Mitte des Schmökers hinauszukommen. Denn auf den letzten gut 200 Seiten überwiegen dann die Action und das Drama. Und es ist überhaupt nicht sicher, ob sich Herzog Leto nach dem Attentat und dem Tod seines Erben noch einmal aufraffen wird.

Ich habe entgegen meinen Erwartungen diesen Band ebenso genossen wie den ersten. Und der dritte fängt ja auch schon gut an (siehe „Ausblick“). Natürlich stelle ich kaum literarische Ansprüche an ein derart kommerziell aufgezogenes Werk wie diese Trilogie, die quasi zum Bestseller verpflichtet ist. (Man kauft keinen Starautor wie Anderson ein, um dann sein Millionenhonorar in den Arrakis-Sand zu setzen!)

Aber gegenüber dem ersten Band konnte ich feststellen, dass sich „Haus Harkonnen“ flüssiger und verständlicher liest. Liegen am Anfang diese Handlungsstränge noch weit auseinander, so folgen sie gegen Schluss praktisch in geschlossener Reihenfolge aufeinander. Damit sich das große Bild im Geiste bildet, darf man einfach nicht aufhören weiterzulesen. Gut fand ich auch, dass die Motti, die jedem Kapitel vorangestellt sind, inzwischen sehr kurz geworden sind, oft nur ein Satz. Bei DUNE 1 waren es noch ganze Philosophien, die darin steckten – sie waren dementsprechend umfangreich.

_Unterm Strich_

Im Mittelstück des gewaltigen Gemäldes dieser fernen Zukunft schreitet das breite Gewebe der Handlungsstränge rasch voran. Action, Dramatik und – an einer einzigen Stelle – sympathischer Humor fehlen keineswegs. Die Kapitel lassen sich flüssig und verständlich (sie sind zudem in großer Schrift gedruckt) lesen. Doch wie immer bei so dicken Büchern winkt nur dem Geduldigen der Lohn der Mühe.

Aber wer David Lynchs Verfilmung mehrmals gesehen hat und wie ich stets von Neuem begeistert ist, der wird sich sehr motiviert sehen, auch diesen Schmöker zu bewältigen.

|Originaltitel: DUNE: House Harkonnen, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Bernhard Kempen|

Jones, Stan – Weißer Himmel – Schwarzes Eis. Ein Fall für Nathan Active

_Der Sherlock der Eskimos: als Polizist in Alaska_

Nathan Active ist ein Staatspolizist in Alaska. Der Trooper findet sich langsam am Polarkreis zurecht und kommt einem Umweltverbrechen auf die Spur – mit unorthodoxen Methoden.

_Der Autor_

Stan Jones stammt aus und lebt in Anchorage, der größten Stadt in Alaska. Als Spezialist für Umweltfragen, Zeitungs- und Radio-Journalist sowie leidenschaftlicher Buschpilot hat er die Erfahrungen gesammelt, die man nun in seinen Romanen wiederfindet. Er arbeitet an weiteren Büchern über den eigenwilligen Inupiat-Cop Nathan Active und dessen Abenteuer am Polarkreis.

Man hat Jones als „Tony Hillerman in Schneeschuhen“ bezeichnet. Richtig daran ist wohl, dass Jones uns aus erster Hand Einblicke in die Kultur der Inupiat (der Alaska-„Eskimos“) gewährt. Aber gemessen an Hillerman, der über die Indianer des amerikanischen Südwestens schreibt, erzählt Jones weitaus lakonischer, trockener und mit geradezu eisgekühltem Witz. Man muss ein feines Gespür für Ironie mitbringen, um diesen Humor zu spüren und zu genießen.

_Handlung_

Alaska State Troopers sollten sich nicht in die Angelegenheiten der lokalen Stadtpolizei einmischen. Auch wenn in dieser Geschichte die Stadt den Inupiat-Namen Chukchi trägt und nur 2500 Einwohner hat, die wenigsten davon Weiße. Doch Trooper Nathan Active bleibt angesichts zweier mysteriöser Selbstmorde gar nichts anderes übrig, als sich einzumischen.

Active wurde als Inupiat geboren, doch dann von einer weißen Familie adoptiert, die ihn in der „Großstadt“ Anchorage aufzog und ihm eine gute Ausbildung spendierte. Nun hat es seine Behörde für weise befunden, ihn in die Wildnis zu schicken, nach Chukchi, seinen alten Heimatort.

Nicht genug damit, dass Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol den Menschen hier das Leben schwer machen. Sie nehmen auch Active, den Halbweißen, nicht für voll. Dem Dorfklatsch über einen alten Bannfluch, der auf den Selbstmördern gelegen haben soll (und der noch weitere Opfer fordern könnte), nimmt Active natürlich kein bisschen ernst.

Doch es gibt vereinzelte Hinweise – und einen weiteren Toten. Active fängt an zu schnüffeln und steht bald GeoNord, einem norwegischen Minenkonzern, der bei Chukchi eine giftige Kupfermine betreibt (dabei wird u. a. Arsen freigesetzt), auf den Zehen. Bis zur Schmerzgrenze.

Als GeoNords Anwalt anrückt und bald darauf Actives Vorgesetzte nervös werden, weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist. Bis er dem wahren Schurken in diesem Stück gegenübersteht und dieser eine Flinte auf ihn richtet.

_Mein Eindruck_

Ich muss zugeben, dass ich zunächst mit der trockenen und Matter-of-fact-Art nicht zurechtgekommen bin, in der Stan Jones seine Geschichte erzählt. Moderner Krimistil wie der von Walters, Cornwell oder Deavers ist Jones fremd. Er erzählt schnurstracks geradeaus, und man muss ihm folgen oder es bleiben lassen.

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, merkte ich auch, wohin der Hase lief. Active ist eine Art Terrier: Einmal auf einer Spur, bleibt er auch drauf. Und so kommt er auch dem Umweltverbrechen auf die Spur, wobei er alle möglichen Experten befragt und schließlich mit dem gewieften Anwalt GeoNords in „Verhandlungen“ eintritt. Schließlich spitzen sich die Verhandlungen zu, und Active kann GeoNord Paroli bieten. Wie das Verhandlungsergebnis in Wahrheit aussieht, müssen seine Vorgesetzten ja nicht im Einzelnen erfahren. Hauptsache, der Bericht entspricht den sichtbaren Tatsachen.

Dies dürfte der erste Roman sein, der den Alltag in Alaska authentisch schildert (siehe oben). Hinsichtlich der Kultur der Inupiat ist die Bedeutung der Frauen erstaunlich: Sie sind die wahren Bewahrer der Kultur. Und ständig versucht eine der Omas und der Mütter, Nathan mit ihren Töchtern oder Enkelinnen zu verkuppeln. Das hat seinen guten Grund: Alleinstehende Männer werden im eisigen, einsamen Norden schlicht verrückt und rasten aus. Gar nicht gesund: nicht für ihn und nicht für die Gemeinschaft der Inupiat. Also muss eine Frau her. Schließlich sieht das sogar Active ein.

_Unterm Strich_

Sherlock unter den Eskimos? Ja, und gar nicht mal schlecht erzählt. Allemal einen Blick wert, sofern man die nötige Geduld mitbringt.

|Der Buchtitel|

Schwarzes Eis ist die gefährlichste Sorte von Eis, die es gibt. Es sieht stabil aus, wird aber den Vorwitzigen oder Unvorsichtigen sofort verschlingen. Weißer Himmel steht für den fortwährend wehenden Westwind, der Schnee und Nebel mitbringt: Blauer Himmel ist eine Seltenheit in Alaska. Zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Handlung des Buches ab.

|Originaltitel: White Sky, Black Ice, 1999
250 Seiten mit einem Autorenporträt und Glossar
Aus dem US-Englischen übertragen von Dirk Löwenberg|

Morgan, Richard K. – Profit

Aufgemerkt! Jetzt habe ich hier das Sagen. Und alles läuft so, wie ich das will. Ich bin aus guter Familie, zwischenzeitlich leider in den Slums aufgewachsen. Doch das habe ich gerächt. Mehrfach. Denn ich bin schlauer als die anderen. Und schneller. Härter. Ich habe jeden Gegner totgefahren. Jeden. Deswegen verdiene ich das hier. |“Männer wie ich, die sind nicht mehr aufzuhalten, da kannst du machen, was du willst. Verstehst du?“|

_London in 50 Jahren_

Die ganze Welt wird vermeintlich von den Kräften des Marktes regiert (im Original heißt das Buch „Market Forces“). Doch eigentlich regiert eine hoch mobile und rücksichtslose Oligarchie. Die Gesellschaften der früheren Industrieländer haben sich ausdifferenziert: Über den breiten Massen ungesund dahinkrauchender Slumbewohner braust eine schmale Kaste von Investmentbankern daher, in großem Reichtum und großer Unsicherheit. Erreichen sie doch ihren beruflichen Aufstieg nicht allein durch harte Arbeit, sondern noch vielmehr durch ihre Fertigkeiten bei tödlich endenden Crash-Duellen auf den für sie reservierten Autobahnen. Und der Held, der da oben spricht, der ist einer von ihnen.

_Wer schreibt denn so was?_

Richard K. Morgan ist gerade 40 geworden, kommt aus der Nähe von Norwich in England, lebt in Glasgow und noch nicht allzu lange von der Schriftstellerei. Sein Debütroman „Altered Carbon“ erschien 2002 beim britischen SF-Spezialisten |Gollancz| (deutsch im September 2004 als [„Das Unsterblichkeitsprogramm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=464 bei |Heyne|). Der Roman spielt einige Jahrhunderte in der Zukunft und bietet einen gut balancierten Mix aus traditionellem Hard-Boiled-Thriller und Hard-Science-Fiction – gar nicht soo ungewöhnlich, aber halbwegs glaubwürdig. Doch nicht die schön männliche Mischung machte das Buch zu einem gewaltigen Erfolg. Wohl eher war es die sehr sehr drastisch konsequente Schilderung von hemmungsloser Gewalt um den einsamen Helden Takeshi Kovacs – ein unmenschlich kalter, ultrabrutaler Schlächter und doch irgendwie auch mitfühlender Gelegenheitsdetektiv, Frauenversteher und Sinnsucher: Ein nach Heilung und Gerechtigkeit strebender Großserienkiller von nebenan, in wechselnden Körpern. Bei aller extrem blutigen Härte bot „Altered Carbon“ offenbar genug Einfühlmöglichkeiten und kreativ-plastisches Storytelling, um Hollywood aufmerksam und interessiert zu machen.

Morgan verhandelte gut beim Verkauf der Filmrechte. Sicher half auch der zwischenzeitlich verliehene |Philip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres. So konnte er sich allein mit dem Geld für die Film-Option auf „Altered Carbon“ endlich ganz dem Leben als Berufsautor zuwenden (vorher war er Englischlehrer für Nicht-Muttersprachler, immerhin 14 Jahre lang, mehrere Jahre davon jeweils in Istanbul und Madrid). Einst ein nach eigener Aussage nicht wirklich bemerkenswerter Student der philosophischen Fakultät (etwas Sprache, Abschluss in Geschichte) strebt er mittlerweile als zusätzlichen Zeitvertreib einen Master in „Development Economics“ an – doch scheint die Schriftstellerei ordentlich Geld abzuwerfen.

In schneller Folge erschienen bei |Gollancz| bis heute zwei weitere Romane um Takeshi Kovacs: 2003 „Broken Angels“ (deutsch im Juni 2005 als [„Gefallene Engel“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1509 und Anfang 2005 „Woken Furies“ (wird zum Jahreswechsel als „Heiliger Zorn“ auch auf Deutsch erscheinen). Zudem schreibt er bei |Marvel| die Texte für die Comicbuchreihe „Black Widow“ – die muss aber in Deutschland noch herauskommen.

Genau zwischen die beiden jüngeren Kovacs-Romane fällt indes die Veröffentlichung von „Market Forces“ 2004. Und das Buch hat auch etwas mit „Development Economics“ zu tun. In der deutschen Übersetzung von Karsten Singelmann ist es als „Profit“ im April bei |Heyne| erschienen. Ach ja, die Filmrechte sind auch schon wieder für schönes Geld verkauft und der |John W. Campbell Memorial Award| 2005 für den besten Roman eingesackt …

_Der Plot_

Chris Faulkner ist um die 30 und hat gerade den Job gewechselt. Er steigt neu in die Abteilung „Conflict Investment“ der Firma |Shorn Associates| ein, ein als besonders aggressiv und erfolgreich geltendes Investmenthaus – und „Conflict Investment“ ist deren erfolgreichstes Geschäftsfeld. Es geht im Wesentlichen um die Steuerung ausgewählter Entwicklungsländer zur größtmöglichen Gewinnschöpfung. Gleich zu Beginn erhält Chris seine Firmenpistole überreicht, auf dass er möglicherweise nicht ganz sauber entschiedene Duelle auf der Autobahn sicher zum Ende bringen möge.

Etwas mulmig ist ihm hier schon, erst einmal. Das ebenfalls angebotene Firmenauto (BMW) lehnt er sogar ab, fährt er doch seit Jahren einen ganz speziell verstärkten Saab, umgebaut und gewartet von seiner schwedischen Frau Carla. Die arbeitet ganz offiziell als Mechanikerin, und ihr Vater lebt freiwillig in den Slums – eine stete Quelle für Streit in der jungen Ehe.

Bei |Shorn| findet er schnell einen Verbündeten: Mike Bryant, ein paar Jahre älter, etwas höher in der Hierarchie. Zusammen werden sie bald nach einem extralangen Arbeitstag das Nachtleben in den „Zonen“ erkunden, mit Checkpoints ausgestattete verlotterte Gegenden, in denen die Mehrheit der Bevölkerung verarmt vor sich hin vegetiert. Verständlich, dass Mikes aufgerüsteter BMW hier das Interesse einer Bande von jugendlichen Autodieben hervorruft. Relativ überraschend für Chris ist allerdings die Kaltblütigkeit, mit der Mike die mit einer Eisenstange bewaffneten Diebe mit der Firmenpistole hinrichtet. Selbstverteidigung, klar.

Die Freundschaft wird anschließend durch gegenseitige Familienbesuche in den idyllisch weit vor der Stadt liegenden Häusern gepflegt und muss sich durch allerlei gemeinsame Projekte beweisen. In mehreren Duellen auf der Straße bleibt das |Shorn|-Team siegreich, und Chris trägt entscheidende Teile dazu bei. Klar, dass möglicherweise überlebende Crash-Gegner in ihren Wracks noch schnell der Kreditkarten entledigt und erschossen werden, bevor die Polizei zum Aufräumen randarf.

Chris zerreißt sich immer mehr zwischen harten langen und langen harten Arbeitstagen und den Resten eines Familienlebens. Ja, die Brutalität zerrt an ihm, und gelegentliche Zweifel im Diktatoren-Schach des Arbeitsalltags verdichten sich immer mehr. Er überlegt sogar den Ausstieg, trifft sich mit einem UN-Bürokraten. Der garantiert Immunität gegen Kronzeugendienste über das verbrecherische Treiben von |Shorn|. Ob Chris die Option wahrnehmen wird?

Die berufliche Zerrissenheit zeigt sich schließlich am deutlichsten im Fall einer kleinen unbedeutenden Diktatur in Südamerika (Kolumbien). |Shorn| finanziert seit langem den Diktator, doch der zeigt langsam Alterserscheinungen und sein Sohn ist ein großmäuliger Psychopath. Chris freundet sich sogar mit dem wesentlichen Rebellenführer und dessen Kampf für „Gerechtigkeit“ an – eine bessere Geldanlage, und dazu noch moralisch besser?

Nicht wirklich produktiv ist in der Zwischenzeit, dass Chris nach weiteren spektakulären Straßensiegen auch noch eine Affäre mit einer sehr attraktiven Fernsehmoderatorin beginnt. Die war mal Porno-Aktrice, präsentiert aber mittlerweile eine eigene Show, in der es hauptsächlich um die fahrenden Investment-Ritter geht (die sind auch noch die Popstars der 2050er). Nebenbei hatte die Dame vorher auch noch Affäre mit Mike, und der findet die neue Entwicklung gar nicht so toll, hat er doch geglaubt, mit dem Mädel echte Liebe zu erleben. So wie sich Mike allmählich zum Rivalen und Gegner entwickelt, war es Chris’ formale Chefin schon von Beginn an. Sie fühlte sich schon bei der Einstellung von Chris übergangen, setzte ihn immer wieder auf die haarsträubendsten Duelle an. Doch zu ihrem großen Ärger hat er alle Herausforderungen gemeistert und wurde immer schwerer beherrschbar.

Zeit zur Eskalation.

Bei Investmentgesprächen in London begegnen sich Altdiktator und Rebellenführer in den Räumlichkeiten von |Shorn|. Ziemlicher Mist für Chris, haben ihn seine Gegner in der Firma mit diesem Zusammentreffen doch ernsthaft bloßgestellt. Da hilft nur noch beherztes Handeln: Im Büro, vor den Augen der Kollegen und des Rebellenführers prügelt er den Altdiktator mit einem Baseballschläger zu Tode. Das ist doch mal Einsatz für einen Kunden!

Wie das so kommen muss, hat Chris nun noch eine Menge Ärger durchzustehen, bis zum finalen Showdown: Straßenduell um eine offene Partnerstelle gegen Mike Bryant. Na, wer gewinnt das wohl? Ach ja, das Zitat zum Beginn dieser kleinen Besprechung, das stammt vom Ende des Buchs …

_Gibt es was zu mäkeln?_

So richtig viele Einwände müssen gar nicht sein. Handwerklich ist Morgans drittem Roman wenig vorzuwerfen, die Sprache ist schnörkellos direkt, einfach und mitreißend. Das großzügig mit „fuck“s angereicherte Englisch des Originals hat Singelmann eher milde übertragen, das stört aber keineswegs. Etwas seltsam mutet indes die Ausstattung des mit 13 Euro recht teuren aber zumindest großformatigen |Heyne|-Taschenbuchs an: Was soll das seltsame Bergsteiger-Porträt auf dem Titel?

Die Story ist dafür in sich weitgehend stimmig und relativ sauber ausgearbeitet. Mir scheinen ein paar Details nicht allzu plausibel. Natürlich bin auch ich nicht mit der fehlerfreien Kristallkugel ausgestattet, aber ist es wahrscheinlich, dass ein Yuppie der 2050er noch mit einem Handy telefoniert und einen Saab fährt? Wenn seine härtesten Gegner BMW und Audi fahren? Nur zur Erinnerung: Zu Beginn der 1950er-Jahre hießen die prestigeträchtigsten Automarken in den USA Cadillac oder Packard, in Deutschland waren es Mercedes oder Borgward, in Großbritannien Bentley, Rolls Royce und Daimler – von anderen Ländern ganz zu schweigen. Warum sollten sich die gerade gut laufenden Marken und Produkte noch weitere 50 Jahre halten können, vor allem wenn sich doch scheinbar die böse Ökonomie zum Schaden der Menschheit verändert?

Da sitzt auch mein wesentlicher Kritikpunkt: Die von Morgan postulierte Verelendung der Massen, die scheint mir doch ein wenig altbacken klischeehaft und äußerst unwahrscheinlich. Warum sollten sich veritable Massenproduzenten der Automobilindustrie auf einmal mit der Herstellung von ein paar Hundert Sonderanfertigungen für Investment-Eliten begnügen? Wo kommen die teuren Klamotten, die Telefone, die Neubauten, wo kommt der reichlich verzehrte Malt Whisky her, wenn doch angeblich der ganze arbeitende Mittelstand in die Slums abgesunken ist? Aber egal, ein bisschen negative Utopie darf ruhig sein, auch wenn das Teil mich nicht wirklich zum „Nachdenken“ über ach so gefährliche Globalisierungstendenzen anregt. Die Stärken von „Profit“ jedenfalls liegen woanders.

_Viel Lob_

Es gibt mindestens zwei Gründe, diesen wüst brutalen Roman zu mögen, sehr sogar.
Da ist zunächst die Charakterisierung der Figuren. Chris ist zigfacher Mörder, Ehebrecher, und in seinem Handeln eigentlich auch sonst ein ziemliches Arschloch. Und doch werden sich viele Leser mit ihm identifizieren und ihn leicht schaudernd, ja, doch, sympathisch finden. Denn eigentlich, so suggeriert Morgan geschickt, eigentlich ist er auch ein ganz normaler, patenter Bursche. Er hat immer mal wieder Skrupel, und zumindest zu Beginn seiner beruflichen Karriere auch eine gerechte Motivation (sein erstes Duell-Opfer hatte einst die Familie in Armut gestürzt). Außerdem liebt er seine Carla, doch es sind halt die Lebensentwürfe, die nicht mehr zueinander passen.

Auch heute gibt es eine Reihe Leute, die sich in hoch bezahlten Dienstleistungsberufen (größere Rechtsanwaltsfirmen, Consulting, Investmentbanking) mit überlangen Arbeitstagen und heftigster Konkurrenz herumschlagen. Und auch sie verlieren oft genug die Bodenhaftung, trennen sich von Herkunft und Familie, leben in einer teuren Parallelwelt mit merkwürdig exzessiven Ritualen (habe in der Richtung selbst schon einiges erlebt). Morgan dreht die Schraube hier nur ein ganz klein wenig weiter – und Chris bleibt äußerst glaubwürdig.

Das gilt auch für seine langsam verzweifelnde Frau Clara, den ach so skrupellosen und doch verunsicherten und heillos verliebten Mike, die eiskalten und doch sentimentalen Chefs, und und. Durchgängig sauber gezeichnetes Personal bevölkert „Profit“.

Doch es gibt noch mehr zu loben. Kommen wir endlich zur wesentlichen Stärke des Buchs, und zur größten Stärke des Richard K. Morgan: Hier gibt es ACTION Writing! In den reichlich vorhandenen schnellen Gewaltszenen, besonders bei der Schilderung der Duelle, ist es absolut unmöglich, das Buch auch nur einen Moment zur Seite zu legen. Ich ertappe mich dabei, die Zähne zusammenzubeißen, die Luft anzuhalten. Beobachte, wie Muskelanspannung und Blutdruck steigen. Wahnsinn. Morgan bekommt beinharte und absolut umwerfende Actionszenen hin, die sich auch noch bis zu ihren jeweiligen Höhepunkten permanent steigern. Großer Applaus dafür, „Profit“ schlägt so ziemlich jeden Actionfilm in der schieren Präsenz und Kraft der Gewaltszenen. Kein Wunder, dass Hollywood da Interesse zeigt.

Schnell, hart, direkt, mitreißend, toll. Natürlich sollte schon eine gewisse Bereitschaft vorhanden sein, sich auf so etwas einzulassen, doch Morgan kann hier auf ganzer Linie überzeugen. Die Gewalt ist nicht ganz so überblutig wie bei den SF-Reißern um Takeshi Kovacs, doch sie unterhält wie eine gute Achterbahnfahrt.

_Und damit zum Urteil:_

„Profit“ bietet eine trotz leichter Logikmängel ordentliche und halbwegs plausible Story, schön zur Katharsis strebend. Es gibt glaubwürdige und gut gezeichnete Charaktere. Dazu atemlos machende Actionszenen, reichlich davon. In der Summe ein höchst spannender und unterhaltsamer Roman zur nahen Zukunft, der sogar bei mehreren Szenen zum wiederholten Lesen animiert. Sicher ist er eher für eine männliche Kundschaft geschrieben, doch die sollen ja durchaus auch mal was lesen … Richard K. Morgan hat den Erfolg verdient, und auch diese Empfehlung. Wenn er so weitermacht, ist er nicht mehr aufzuhalten. Kaufen!!!

http://www.richardkmorgan.co.uk/

|Originaltitel: Market Forces
Aus dem Englischen von Karsten Singelmann
Taschenbuch, 576 Seiten
ISBN-10: 3-453-52202-8
Paperback, 576 Seiten (April 2005)
ISBN-10: 3-453-40051-8 |

Connolly, John – Insel, Die

Dutch Island ist eine gar nicht so kleine Insel vor der Pazifikküste des US-Staats Maine. Knapp tausend Menschen leben hier und bilden eine geschlossene Gemeinschaft; für „Fremde“ vom Festland ist es schwer, Fuß zu fassen. Marianne Elliot kämpft als allein erziehende Mutter mit vielen Vorurteilen. Dennoch arrangiert sie sich, denn sie ist auf der Flucht vor ihrem Ex-Mann: Edward Moloch ist ein Psychopath, der sie voll irren Zorns sucht, seit sie sich mit Sohn Danny und viel Geld abgesetzt hat. Nach drei Jahren Haft ist Moloch gerade ausgebrochen. Mit sechs vertierten Killern zieht er auf der Suche nach seiner Familie und dem Geld eine blutige Spur durchs Land, während er sich Dutch Island bedrohlich nähert.

Dort beginnt Marianne gerade eine Beziehung mit dem depressiven Inselpolizisten Joe Dupree, genannt „Melancholie-Joe“. Der 2,15 m große Mann gehört einer der ältesten Familien von Dutch Island an. Er kennt und hütet die Geheimnisse der Insel, die einst „Sanctuary“ – „Zuflucht“ – hieß; ein wahrer Hohn, denn im Jahre 1693 hatten sich Siedler vom Festland auf die Insel zurückgezogen. Ein Verbannter aus den eigenen Reihen war zum Verräter geworden, hatte mit feindseligen Indianern paktiert und diese heimlich zur Siedlung geführt, die mit Mann & Maus ausgelöscht wurde.

Seither geht es um auf Dutch Island. Die Einheimischen wissen nichts Genaues und hegen ihre Unkenntnis sorgfältig. Belegt ist allerdings, dass die Geister der Insel von Gewalt magisch angezogen werden. Wer auf Dutch Island in dieser Hinsicht über die Stränge schlägt, schwebt in Lebensgefahr. Immer wieder verschwinden Säufer, Schläger und andere unerfreuliche Zeitgenossen spurlos im dichten Inselwald. Leider unterscheiden besagte Geister nicht zwischen Tätern und Opfern; sie fallen über beide her. Deshalb führt die Ankunft Molochs und seiner Spießgesellen zum Umkippen des sorgfältig austarierten Gleichgewichts und schließlich zur Katastrophe. Die Killer terrorisieren das Inselvolk und die Geister werden stärker und dreister, während ein Unwetter Dutch Island vom Festland und von jeder Hilfe isoliert …

Hannibal Lector X 7 in der Nacht der lebenden Toten: Auf sehr ungewöhnlichen Pfaden wandelt Thriller-Schwergewicht John Connolly, bekannt geworden durch seine hochklassigen Krimis um den Cop Charlie „Bird“ Parker, indem er „sein“ Genre mit der Phantastik mischt. So ungewöhnlich wie zunächst angenommen, ist dies freilich nicht. Der Blick auf Connollys [Website]http://www.johnconnollybooks.com verrät, dass der Autor im angelsächsischen Leserraum auch Geistergeschichten veröffentlicht hat.

Nach eigener Aussage ist für ihn die „Reinheit“ des Genres ohnehin nebensächlich. Eine möglichst spannende Geschichte möchte Connolly erzählen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Hier kann man ihm nur zustimmen, doch das Ergebnis wirkt trotzdem leicht unausgegoren. „Die Insel“ ist zwar connollytypisch ein echter Pageturner, der indes einen ähnlichen Eindruck wie der Filmklassiker „From Dusk Till Dawn“ hinterlässt: Zu einer Einheit wollen sich Diesseitiges und Jenseitiges nicht wirklich verbinden.

Die Story ist actionorientiert. Hintergründigkeit wird vor allem in der Figurenzeichnung (s. u.) suggeriert, bleibt aber Behauptung. Der Plot ist denkbar schlicht. Dass dies in der Regel nicht unangenehm auffällt, verdanken wir Connollys schriftstellerischem Geschick. Er kennt die Tricks, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Erschreckende aber nie direkt geschilderte Gewaltszenen wechseln mit quasi dokumentarischen Einblicken in das Alltagsleben auf einer abgeschotteten Insel. Auch der Humor kommt nicht zu kurz; Connolly gelingen vor allem kurze, trockene Einzeiler („In der Küche entdeckte er einen Stapel mit Fast-Food-Verpackungen, voll mit abgenagten Knochen jener winzigen Hühnchen, die Imbissketten auf irgendeinem verstrahlten Pazifikatoll züchteten …“ – S. 96)

Während man sich an den Auftritt von Gespenstern erst allmählich gewöhnt, ist Connollys detailliert gestaltete Rekonstruktion der fiktiven Inselhistorie reizvoll. Nordamerika ist ein Land mit einer Geschichte, die mehr als genug gruselige Episoden für ebensolche Storys bietet. In Neuengland konnten die Ureinwohner den europäischen Einwanderern zumindest im 17. Jahrhundert durchaus Paroli bieten. Wilde, grausame, oft vergessene Dramen spielten sich in dem weiten Land ab, wobei beide Parteien sich an Grausamkeit nichts schuldig blieben. Diese Vergangenheit weiß Connolly als Kulisse zu nutzen. Echte Spukstimmung kommt auf, wenn die Verdammten von Dutch Island des Nachts ihr Unwesen treiben. Zusätzlich baut Connolly eine weitere Handlungsebene auf, wenn er die Ereignisse der Vergangenheit in denen der Gegenwart spiegelt: Ohne es zu wissen, sind sowohl die toten als auch die lebenden Bewohner die Insel in einer Schleife gefangen, die zu einer Neuauflage des Massakers von 1693 auszuarten droht. Einige Beteiligte von damals mischen wieder mit, denn ihre Seelen kehrten nicht als Geister wieder, sondern reinkarniert in den Körpern verschiedener Figuren.

Wobei die Figurenzeichnung ohnehin dem hybriden Charakter des Werkes ausgiebig Rechnung trägt. Da haben wir u. a. einen melancholischen Riesen, sieben wahrlich böse Männer (obwohl eine Frau zu ihnen zählt, die allerdings eher Mannweib ist), eine einsame Mutter mit Kuckuckskind und viele böse Geister. Diese Aufzählung unterstreicht, dass sich der Krimifreund bei der Lektüre gewissen Herausforderungen stellen muss. Schon der Amoklauf von Moloch – welcher Name! – und seiner Natural Born Killers ist pure Übertreibung. Sie morden, vergewaltigen und verstümmeln voll angestrengter Bosheit, ohne dass sich das Gesetz blicken lässt. Als es dann endlich in Erscheinung tritt, manifestiert es sich in grotesker Gestalt.

Joe Dupree ist womöglich als zwiespältiger Charakter angelegt. Solche Tiefe verträgt „Die Insel“ anders als Connollys Parker-Romane indes nicht. Duprees Riesengestalt und die ihm daraus erwachsenen Probleme wirken aufgesetzt. Der Riesenkörper verbirgt den üblichen Klischee-Cop mit goldenem Herzen und schwieriger Vergangenheit. Folgerichtig treffen wir auf Dutch Island auch sonst die üblichen kauzigen Verdächtigen, die gut aus einem der üblichen Stephen-King-TV-Filme – der Gruselkönig residiert bekanntlich in Maine – rekrutiert worden sein könnten.

Dazu gibt es nicht nur eine, sondern gleich zwei starke Frauengestalten. Auch hier gilt es zu relativieren. Sharon Macy gibt den weiblichen „Rookie“ im Polizeigeschäft und muss sich im Kampf gegen zudringliche Männer und Kriminelle gleichermaßen behaupten. Marianne Elliot ist eine dieser vom Leben gebeutelten aber ungebrochenen Supermütter, die sich den Schrecken einer sorgsam verdrängten Vergangenheit stellen und gleichzeitig ihr Kind verteidigen, ohne die Opferrolle wirklich zu verlassen.

Das gilt erfreulicherweise nicht für die Dutch-Island-Wiedergänger. Connolly geht von der Theorie aus, dass Geister verlorene Seelen sind, die ein gewaltsames Ende in ein Zwischenreich versetzte, wo sie ohne Gefühl für die verstrichene Zeit oder die Veränderung ihrer Umgebung dazu verdammt sind, automatengleich und sinnlos die Lebenden zu piesacken; ein seltsames, ungerechtes Schicksal, denn sie sind an ihrem Tod schließlich unschuldig. Aber unterlassen wir solche Fragen – sie sind in einem Roman wie diesem völlig unangebracht. Akzeptieren wir Connollys Geisterbild, so wirkt es überzeugend: Die Seelen der Siedler sind als unausgesprochene Bedrohung ständig präsent. Sie nähren sich von negativen Emotionen und treten ausgesprochen mitleidlos auf den Plan, wo diese freigesetzt werden: Connolly-Geister lassen sich nicht durch eine gute Tat erlösen. Sie sind und bleiben böse, wobei sie – ein gelungener Kunstgriff – aufgrund ihrer sonderbaren Natur für ihr Tun nicht verantwortlich gemacht werden können.

Was nicht für den |Ullstein|-Verlag gilt, der aus der deutschen „Insel“-Ausgabe eines dieser künstlich aufgeblasenen Paperbacks – Blindenschrift auf Serviettenpapier – gemacht hat, aus denen sich offenbar mehr Geld herausschlagen lässt als aus einem „normalen“ Taschenbuch, das es auch getan hätte.

John Connolly ist – verblüffend genug – ein waschechter Ire, der nicht nur in Dublin geboren wurde (1968), sondern dort auch aufwuchs, studierte und (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs, zu denen standesgemäß einer als Barmann gehörte) als Journalist (für „The Irish Times“) arbeitete; Letzteres macht er weiterhin, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-„Bird“-Parker-Thriller kennt Connolly indes durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute [Connolly-Website,]http://www.johnconnollybooks.com die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

Hayder, Mo – Vogelmann, Der

_Der sterbende Vogel in der Brust_

Mit diesem Thriller, ihrem ersten Buch, wurde die Britin Mo Hayder mit einem Schlag weltbekannt. Sie verbindet Spannung, Horror und Action miteinander, wenn es um die Aufklärung einer Mordserie an jungen Prostituierten in Ostlondon geht.

_Handlung_

Detective Inspector Jack Caffery ist ganz frisch bei der Londoner Mordkommission, als Ende Mai auf dem Gelände eines Betonwerks fünf Leichen aufgefunden werden, die aufeinandergestapelt schon seit Wochen dort lagern. Es handelt sich durchweg um junge Prostituierte aus Ostlondon, genauer: aus Greenwich. Alle bis auf eine waren drogenabhängig und bekamen in einem Greenwicher Pub ihren Stoff: im |Dog and Bell|.

Seltsam ist nur, dass alle mit chirurgischen Instrumenten aufgeschnitten wurden, dann pflanzte man ihnen einen lebendigen Singvogel in die Brust und vernähte diese wieder. Und wie es aussieht, wurden die Opfer nach ihrem Tod missbraucht: Nekrophilie. Was soll Jack davon nur halten?

Nun, erst einmal wird er gehörig abgelenkt. Zunächst will seine derzeitige Freundin Veronica sein Leben umkrempeln und ihn auf gut bürgerlich und vorzeigbar trimmen. Da beißt sie aber auf Granit. Zum anderen greift die Mordkommission etwas unüberlegt auf die Hilfe von Vorortpolizisten zurück, die sich durch Rassenvorurteile auszeichnen.

Prompt schießt sich einer dieser Neulinge auf den schwarzen Drogendealer Gemini ein und versucht, ihm den Zusammenhang mit der Mordserie nachzuweisen. Inzwischen stößt Jack mit seinem Kollegen Paul Essex auf zwei junge Frauen, die sich des Öfteren im Dog and Bell blicken lassen: Rebecca (Becky) ist Kunstmalerin, hat früher mal gestrippt; Joni hingegen ist dauernd bekifft oder besoffen und strippt professionell im Pub. Allmählich erhält Jack Hinweise auf einen reichen Industriellen, der Drogenpartys schmeißt. Dort war Rebecca auch mal, erteilte diesem Harteveld aber eine Abfuhr.

Abwechselnd zu Jacks Ermittlungen erfahren wir von Hartevelds psychologischem Werdegang. Subtil führt uns die Autorin auf den Holzweg. Selbst dann noch, als ein neues Opfer in die Fänge von Harteveld gerät und von ihm getötet und anschließend (!) missbraucht wird, glauben wir, es mit dem Vogelmann zu tun zu haben. Ein Irrtum, dem auch Jack unterliegt.

Und dieser Irrtum soll sich für Jack bitter rächen, als der eigentliche „Vogelmann“ zuerst Joni schnappt und vom Leben zum Tode befördert. Anschließend taucht bei ihm auch die nichts ahnende Rebecca auf, die inzwischen Jacks Geliebte ist und ihre verschwundene Freundin Joni sucht. Prompt wird auch sie das Opfer der sadistischen Praktiken des wahnsinnigen „Titelhelden“. Es folgt ein Showdown mit Fotofinish.

_Mein Eindruck_

„Die Behandlung“ ist eindeutig besser erzählt und konstruiert, finde ich. Denn zunächst konzentriert sich die Autorin ganz auf eine Figur und deren Erleben: Jack Caffery. Das ist nicht so wahnsinnig spannend, vor allem, als auch noch Veronica zu nerven anfängt. Diese Szenen einer Beziehungskiste sind beinahe schon komisch.

Doch sobald sich die Perspektive mit Hartevelds Werdegang und Aktionen abwechselt, kommt Schwung in die Handlung. Nun kommen von allen Seiten Informationen, so dass der Leser bald wesentlich mehr weiß als Jack – dies liefert Anlass zu ironischen Effekten, aber auch dazu, sich über die rassistisch-tumbe Haltung mancher Polizisten zu ärgern, die wichtige Informationen aus Standesdünkel und Eigennutz unterdrücken bzw. nicht weitergeben.

Was nun die Psychopathen im Stück angeht, so hat die Autorin ein heißes Eisen angefasst: einerseits Nekrophilie, die Schändung von Toten, und der verachtungsvolle Umgang mit Prostituierten andererseits. Gerade weil die jungen Nutten keinen Schutz haben und stets auf Drogen aus sind, werden sie für Harteveld, den reichen Nekrophilen, zur leichten Beute.

Doch was hat die Frauen in diese Lage gebracht? Die Autorin beleuchtet auch diesen Hintergrund, und man kann sagen, dass sie hier ganz leise den mahnend anklagenden Finger hebt. Es ist schon erschütternd, wie viel Ignoranz und Gefühlskälte auf Seiten der Familien der Opfer herrscht. Da gibt es nur wenige Ausnahmen.

Aber auch Jack wird Opfer seiner eigenen Blindheit (und natürlich von Polizeidilettanten). Als seine Rebecca in höchste Gefahr gerät, bemerkt er die Anzeichen beinahe zu spät, so dass es zu einer Aktion kommt, in der nur die letzte Sekunde die Rettung für Becky bringt.

Sehr schön hat Hayder das Vogel-Motiv eingesetzt. Vögel flattern so wie das angstvoll schlagende Herz in der Brust eines Opfers des Vogelmannes. Vögel sind aber auch Seelenbegleiter (siehe etwa auch Stephen Kings Roman „Stark – Die dunkle Hälfte“). Stirbt das Opfer oder schwebt ein potenzielles Opfer in Gefahr, sind oft in der Handlung irgendwelche Vögel zur Stelle. Noch in der letzten Szene des Showdowns spielt ein kleiner Vogel eine ausschlaggebende Rolle: Jack fragt sich: „Bring ich das Schwein um – oder nicht?“ – Es ist interessant, dieses wirkungsvoll eingesetzte Motiv zu verfolgen.

_Fazit_

Sicherlich ist dieser kenntnisreiche Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ nichts für Minderjährige und schon gar nichts für schwache Nerven oder Mägen. Aber als Vorstufe zu „Die Behandlung“ sollte man das Buch auf jeden Fall kennen, ja, es ist zum Teil sogar Voraussetzung zu dessen Verständnis.

|Originaltitel: Birdman, 2000
Aus dem Englischen übertragen von Angelika Felenda|

Koontz, Dean R. – Stimmen der Angst

_Tödliche Haikus_

Koontz erschafft diesmal einen furchterregenden Schurken: einen Psychotherapeuten, wie sie in Kalifornien so in Mode sind. Doch dieser stellt finstere Sachen mit den Seelen seiner Patientinnen – oder richtiger: Opfer – an.

_Handlung_

Zwei schreckliche Ereignisse zerstören das verhältnismäßig glückliche Leben von Martie und Dusty Rhodes. Martie ist eine Designerin von PC-Spielen, er der Leiter einer Anstreicherkolonne. Sie leben in Newport Beach südlich von Los Angeles, an der Küste, einem ansonsten friedlichen Örtchen.

Zur selben Zeit, als Dustys drogensüchtiger Bruder Skeet droht, sich von einem Hausdach in die Tiefe zu stürzen, weil er einem mysteriösen „Todesengel“ folgen will, hat Martie zu Hause ihren ersten Anfall einer unheimlichen Phobie vor sich selbst. Zunächst kann sie nicht glauben, dass sie ohne Grund entsetzliche Furcht vor ihrem eigenen Schatten, dann auch vor ihrem Spiegelbild hat. Und warum betrachtet sie plötzlich einen gezackten Autoschlüssel als potenzielle Mordwaffe?

Doch der charmante Psychiater Dr. Mark Ahriman kann ihr und Skeet vielleicht helfen. Schließlich behandelt er bereits Marties beste Freundin Susan wegen ihrer Agoraphobie, der Furcht vor offenen Plätzen. Leider zeigt sich schon bald, dass Dr. Ahrimans Hypnosesitzungen einem ganz anderen Zweck dienen als der Heilung von Kranken. Ahriman programmiert seine Patienten, ihm zu Willen zu sein und Aufträge auszuführen. Doch die Frage bleibt natürlich, warum er es ausgerechnet auf Dusty und Skeet abgesehen hat.

Da Dusty ein unglaublich cleverer Bursche ist und auch Martie bald ungeahnte Qualitäten an den Tag legt, gelingt es ihnen, Dr. Ahriman stets einen halben Schritt vorauszusein und ein altes Familiendrama der Rhodes‘ ans Licht zu bringen, in dessen Folgen alle umzukommen drohen. Doch das Attentat auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten können auch sie nicht mehr verhindern.

(Ich sollte hier wirklich nicht mehr verraten, denn sonst geht die Lust am Entdecken verloren; jedenfalls öffnet sich unter jedem gefundenen Stück Wahrheit stets noch eine weitere Falltür …)

_Eindrücke_

Was für ein Wälzer! Über 800 Seiten stark ist das Buch im Original – diesmal kann es Koontz locker mit Stephen Kings Ziegelsteinen à la „ES“ und „Sara“ aufnehmen. Aber die Geduld des Lesers lohnt sich: Koontz geht diesmal noch ein Stück weiter in seiner Erkundung der Phobien und Unzulänglichkeiten des Menschen.

Er führt den Leser noch ein Stück weiter auf die Nachtseite des real existierenden Lebens – und erschafft nicht nur ein einziges Ungeheuer, sondern mehrere. Das macht dieses Buch noch wesentlich beunruhigender und unheimlicher als die Romane, die er seit dem wunderbaren „Intensity“ vorgelegt hat.

Es ist mir wirklich schwer gefallen, dieses Buch aus der Hand zu legen. Obwohl es deutliche Einschnitte und zahlreiche witzige Intermezzi gibt, die zur Pause einladen, drängen sich doch so viele Rätsel auf, dass ich unbedingt erfahren wollte, wie es weitergeht und ob Dusty, Martie und Skeet überleben. Es ist die reinste Achterbahnfahrt zwischen atemloser Spannung und irrwitzigem Humor der schwärzesten Art.

Am Ende war ich froh, dass alles vorbei war. Puh! Eine verdammt lange Fahrt – sie umfasst zwar nur knapp eine Woche, ist aber so mit Einzelheiten angefüllt, die weit in die Tiefe und die Vergangenheit reichen, dass der Eindruck eines vielen größeren Zeitraums entsteht, den der Leser durchmisst, wenn ihn Dean Koontz an der Hand nimmt.

Ahriman – das Wort kommt aus dem Altpersischen und ist der Name eines Gottes – ist ein Monster, kein Zweifel. Andere Menschen sind seine Spielzeuge, und er veranstaltet mit ihnen Spiele, als befänden sie sich auf einem Schachbrett, auf dem „der Doktor“ sie wie Zinnsoldaten von hier nach da verschiebt.

Dieses Monster ist zwar ein Psychiater wie Dr. Hannibal Lecter und auch Ahriman ergötzt sich an fleischlichen Genüssen. Doch verspeist er nicht die Leiber seine Opfer, sondern ihre Seelen: Nachdem er sie „programmiert“ hat, gehören sie ihm, auf ein Stichwort hin erfüllen sie seinen Willen, so dass er sie leiden lassen kann – an Phobien etwa. Sobald er sich an ihren Tränen buchstäblich delektiert hat, wirft er sie weg wie alte Puppen, so beispielsweise die unglückliche Susan, Martys Freundin.

Die Programmierung erfolgt mit Hilfe von Stichwörtern in Haikus, wunderschönen japanischen Naturgedichten. Nach der Lektüre von „Stimmen der Nacht“ ist die Freude an diesen Gedichten weiß Gott nicht mehr ungetrübt.

Koontz erschuf das Monster Ahriman nicht um dessen selbst willen oder um einen tollen Horroreffekt zu erzielen. Ahriman ist ein Symbol, ein Symbol für vieles, was Koontz an der amerikanischen bzw. westlichen Kultur und Gesellschaft nicht (mehr) zu stimmen scheint.

Dazu gehört nicht nur die Herrschaft der Medien, die zum fließenden Übergang zwischen Wahrheit/Realität und Fiktion/Fantasy führt. Dazu gehört auch die Herrschaft der Pseudo-Religion Psychologie. „Pop-psych gurus“ sind Koontz ein Greuel, und er führt sie allesamt ad absurdum. Er nimmt sie aber immerhin so ernst, dass er die Hintermänner Ahrimans als Drahtzieher auf den höchsten Ebenen der Politik aufscheinen lässt. Ahriman wird nämlich von ganz oben gedeckt, er kann darauf zählen, dass er ungestraft mit Menschen spielen darf. Als er tot ist, weiß natürlich niemand mehr von ihm, man wendet sich mit geheucheltem Grausen ab.

Dr. Ahriman ist kein Monster aus der Retorte, sondern ist in Kalifornien aufgewachsen, erzogen und ausgebildet worden. Seine Tochter war Dustys im Kindbett gestorbene Schwester Dominique. Und als Dusty hier tiefer gräbt, merkt er, dass es noch größere Ungeheuer als Dr. Ahriman geben kann.

_Fazit_

Ein sehr gelungener Koontz, der nicht nur eine sehr spannende Geschichte erzählt, sondern darüber hinaus zum Nachdenken über unsere moderne Kultur anregt. Die Geduld und Ausdauer für diesen umfangreichen Roman lohnen sich, und er wird an keiner Stelle langweilig.

|Originaltitel: False Memory, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Waltraud Götting|

Reisen und Touristik 2005

Womit beginnt man am besten einen Überblick über die aktuelle Reisebuch-Branche? Ich dachte mir, ich gehe ganz ungewohnt auf die speziellen Nischen-Verlage zuerst ein.

Da wäre z. B. der _Trescher Verlag_, der sich seinen Namen als Osteuropaspezialist errungen hat. Insgesamt ein sehr anschauliches Programm und dabei mit vielen Ländern und speziellen Regionen sogar die einzigen deutschsprachigen Titel.

Sehr speziell und aus der Reihe fallend ist der kleine Spezialverlag _Ilona Huper_, der sich ausschließlich auf Reiseführer für Afrika und Australien beschränkt. Innerhalb einer solchen Nische wird dadurch auch sehr erfolgreich ein ausgezeichnetes Image erzielt. Durch ständige Neuauflagen der Titel ist eine hohe Aktualität gewährleistet. Eine große Besonderheit stellt auch dar, dass alle afrikanischen Titel von den Verlagsinhabern selber geschrieben sind, die seit zwanzig Jahren stets selbstständig, unabhängig und intensiv den afrikanischen Kontinent bereisen. Mit ihren Titeln beschränken sie sich auch auf die Länder, die sie hervorragend kennen.

Einer der weiterhin unabhängigen Verlage ist die _Edition Temmen_ in Bremen, mit einigen sehr feinen Reiseprogrammreihen. Für das touristische Erschließen der deutschsprachigen Heimat und angrenzenden Ländern bietet die kompakte Reihe „Illustrierte Reisehandbücher“ ausführliche Geschichten über das touristische Ziel mit reicher Bebilderung bei kleinem Preis. Als in Bremen ansässiger Verlag, liegen die vorliegenden Titel beim Schwerpunkt Norddeutschland, der Küste und Polen. Etwas teurer sind dann die Bildbandreihen, die in zwei Editionen – eine eher nationale sowie eine internationale – erscheinen. Eine dritte Bildbandreihe „Städteführer“ dagegen ist sehr preisgünstig und damit ein gut kalkuliertes Serviceangebot. Zwei innovative Themenreihen sind im Programm: die Reise- und Lesebücher, die mit einer unvergleichlichen Mischung praktische Informationen mit anderem Lesestoff mischen, sowie die Reihe historischer Reiseberichte. Mit der „Edition Erde“, in welcher Reiseführer für ausgewählte internationale Länder erscheinen, hebt sich der Verlag qualitativ von entsprechender Konkurrenz durchweg um einiges ab. Für diejenigen, die mehr erfahren wollen über Land und Leute, Kunst und Kultur, Geschichte und Gegenwart der jeweiligen Länder, stellen sie die auf dem Markt besten Begleiter für Studienreisen dar. Diese internationale Reihe für Kulturreisende erhielt bei den ITB-Buch-Awards 2005 als einzige der Kategorie „Klassische Reiseführer“ Höchstnoten für die Hintergrundinformationen „Natur, Kultur und Gesellschaft“.

Seit langem hält eigentlich der _Peter Meyer Verlag_ diese ITB-Auszeichnungen, zuletzt 2005 in „Anerkennung hervorragender publizistischer Leistungen“ mit dem Award „Beste Reiseführer-Reihen“ in der Kategorie Individualreiseführer. Diese Preise gelten als Gütesiegel auf dem Reiseführermarkt. Peter Meyer ist ein unabhängiger Verlag, der vor 30 Jahren in der Alternativszene entstand.

Gleich in drei Kategorien erhielt der _Michael Müller Verlag_ die begehrten Awards: Individualreiseführer, City Guides und „Griechische Inseln“. Der Verlag startete in den 70er Jahren, als der Markt von Kunst- und Kulturführern beherrscht wurde, die allerdings die Reiseorganisation selbst nicht berücksichtigten. Mittlerweile gehört Michael Müller unter den vielfältigen Individualreise-Buch-Verlagen zum Marktführer. In allen Titeln werden auch kleinere Sehenswürdigkeiten abseits vom touristischen Hauptstrom beachtet. Anschaulich bieten Übersichtskarten, Stadtpläne und Wanderskizzen die schnelle Orientierung mit allen relevanten Eckpunkten: Anfahrtswege, Entfernungen, Standorte von Museen, Hotels, Restaurants usw. Natürlich fehlt auch nicht die Hintergrundinformation zu Politik, Kultur und landespolitischen Themen. Das Programm umfasst vier Reihen in unterschiedlichen Formaten: Stadt, Region, Land und Tour-Guide.

Ebenfalls ideal für individuelle Entdecker sind die Titel von _Iwanowski`s Reisebuchverlag_. In allen Titeln stehen die Bedürfnisse der Individualreisenden im Vordergrund und mittlerweile sind die Bücher mit detaillierten Reisekarten zum Herausnehmen ausgestattet. Es liegen drei Programmreihen vor: die Reisebücher als ausführlichstes Segment, die Reisegast-Reihe mit Tipps zum Verständnis der jeweiligen Kultur und die erwähnten Reisekarten. Innerhalb dieser Reihen liegen aber auch Stadtführer, Insel- und Wanderführer vor.

30 Jahre ist es her, als sich alternativ reisende Globetrotter zusammentaten, um ihre Erfahrungen in aller Welt anderen Globetrottern zugänglich zu machen. 1984 entstand daraus der _Reise Know-how Verlag_, der, was persönliche Erfahrungen angeht, unverändert der führende Alternativ-Reise-Verlag geblieben ist, und das in einer unüberschaubaren Vielfalt zu allen Regionen dieser Erde. Es gibt die Reisehandbücher, die City-Guides, die Urlaubshandbücher, die etwas dünneren Reisehandbücher „kompakt“, Wohnmobil-Tourguides und auch eine Sachbuchreihe rund ums Reisen allgemein. Dies sind aber nur die eigentlichen Hauptreihen. Das Programm bietet darüber hinaus ist noch viel mehr. Eine sehr wichtige Reihe nennt sich „KulturSchock“ und informiert über die vielleicht doch sehr ungewohnten Denk- und Lebensweisen von Menschen anderer Länder. Ähnlich geartet sind die Reihe „Praxis-Ratgeber für Reisen“ und noch einige mehr. Die auffälligste Unterscheidung zu all den anderen Reisebuchverlagen liegt aber dann noch mal im Zusatzangebot. Im „World Mapping Project“ erscheinen weltweite Landkarten, mittlerweile superreiß- und wasserfest. Um sich verständlich zu machen, bieten die „Kauderwelsch“-Sprachprogramme in den Segmenten „Wort für Wort“ für das wichtigste, „Slang“ für das authentische Vokabular jenseits der sonstigen Fremdsprachenlehrgänge, „Dialekt“ die Sprache der einzelnen Regionen, aber auch „Deutsch für Ausländer“ ist vorhanden. Zu all diesen Reihen gibt es entsprechende Begleit-CDs oder auf CD-ROM auch alles zum digitalen Lernen am PC.

Fehlen darf in dieser Bestandsaufnahme keinesfalls der DuMont Reise Verlag, den sicherlich jeder kennt. Durch den Zusammenschluss des DuMont Reise Verlags mit dem Mairs Geographischer Verlag heißt das Programm neuerdings _MairDumont_, wobei als Reihe der mehr als eingeführte Name wirtschaftlich gesehen konsequent erhalten bleibt. Es gibt eine große Vielfalt verschiedener Programmreihen und insgesamt wohl mit das größte Titelangebot – im Vergleich zu anderen Verlagen – überhaupt. DuMont zeichnet sich selbstverständlich durch seine hohe Seriosität und vor allem Qualität aus.

Ganz wichtig und ein richtiger Klassiker ist auch _Polyglott_ bei Langenscheidt. „Polyglott on tour“ beispielsweise setzt in diesem Jahr neue Maßstäbe mit einer Flipmap, die in einem Etui vorne auf dem Reiseführer aufsitzt. Diese Mini-Karte hat eine patentierte Zick-Zack-Faltung und ist sehr einfach und praktisch, da klein genug, um in jeder Hosentasche Platz zu finden. Eine ganz neue Reihe ist „Polyglott go!“ für Strand-, Aktiv- und Wellness-Urlauber. Auch hier gibt es einen extra Atlasteil. Der schon im letzten Jahr gestartete „Polyglott mobile guide“ wurde weiter ausgebaut; dies sind keine Bücher, sondern regelmäßig aktualisierte Downloads direkt aufs Handy. Der damit erzielte Erfolg in den ersten zwölf Monaten hatte alle Erwartungen weit übertroffen. Bei den Sprachführern gibt es eine neue Reihe „Unzensiertes“ für Jugendliche mit Vokabular aus der Umgangssprache, die man normalerweise nicht erlernt, sodass man sich künftig nicht mehr blamiert in fremden Betten – Szeniges, Ehrliches und Scharfes. Slang, Schimpfwörter und Szeneausdrücke und das für hetero, gay und auch bi. Ein Thermometer zeigt den Schärfegrad der Ausdrücke an, weil ja nicht alles für die Ohren einer Gastfamilie geeignet ist.

Im _Bruckmann Verlag_ erscheint ein vielerlei gewohntes Buchangebot, das sich nicht sonderlich absetzt. Die Reihen umfassen einige interessante Einzeltitel mit Länderportraits, sind ansonsten vollkommen auf Outdoor, Trecking und Tourenführer ausgerichtet (Radführer, Wanderführer, Genusstouren, Auto- und Motorradtouren). Ähnlich gelagert ist der _J. Berg Verlag_ mit seinen Wander- und Freizeitführern, die allerdings vollkommen regional begrenzt sind und die bayrische Heimat erleben lassen. Der ähnlich firmierende und dadurch verwechselbare _Berg Verlag Rother_ hat sich ebenso auf Wanderbücher und Wanderziele spezialisiert, allerdings nicht in solch regional begrenzter Weise. Diese über 170 Titel zu den beliebtesten Regionen sind mit ihren sehr zuverlässigen Tourenvorschlägen mit Schwierigkeitsbewertung und einem Farbfoto zu jeder Wanderung sowie farbigem Wanderkärtchen im Maßstab 1 : 50000 sehr zu empfehlen. Zusätzlich gibt es Bildbände und diverse Multimedia.

Und solcherart Nischen sind weiteren Verlagen nicht fremd. Der auf Sport spezialisierte _Delius Klasing Verlag_ führt in seinem Wassersportprogramm unter dem Label „Maritime Reiseführer“ eine ganze Reihe Törnführer für die Reise mit dem privaten Schiff. Diese Führer sind ideal für Planung und Reise selbst, und liefern exakte Pläne und Beschreibungen von Häfen und Ankerbuchten sowie jede Menge Information für die Reisevorbereitung, zu Liegeplätzen, Ansteuerung und Versorgungsmöglichkeiten vor Ort.

Unzählige andere Nicht-Reisebuch-Verlage, die dennoch Reisenden programmatisch etwas zu bieten haben, wären natürlich in großer Zahl ebenso aufzuführen. Dies würde den thematischen Rahmen allerdings sprengen. Deswegen nur als Beispiel vielleicht der _Picus Verlag_, welcher eine sehr anspruchsvolle belletristische Reihe „Lesereisen und Reportagen“ mit umfangreicher Backlist anbietet. Ähnliches bietet seit langem sehr spezialisiert auch _Frederking & Thaler_, der _Peter Hammer Verlag_ und auch der _Malik Verlag_ (Piper). Über Landeskundliches informiert auch _C.H. Beck_.

Die Branche hat trotz Terrorismus oder Naturkatastrophen einen weiterhin hohen Stellenwert. Es wird heutzutage immer noch viel gereist, wenn auch wieder öfter in die heimatlichen Regionen – wo der Markt mittlerweile aber auch entsprechend bedient wird. Die Konkurrenz untereinander ist selbstverständlich groß und alle überlegen, wie sie direkt am Kunden bleiben können, und das geschieht vor allem über Service-Leistung. Da bietet sich das Internet an. Deswegen folgen nun am Ende die jeweiligen Internet-Adressen der vorgestellten Verlage. Es lohnt sich, da ein wenig zu stöbern und diejenigen Anbieter, die Foren, News und Aktuelles bieten, selber herauszufinden.

http://www.meyer-reisefuehrer.de/
http://www.loose-verlag.de/
http://www.reise-know-how.de/
http://www.michael-mueller-verlag.de/
http://www.tondok-verlag.de/
http://www.edition-temmen.de/
http://www.hupeverlag.de/
http://www.trescherverlag.de/
http://www.rother.de/Rother.htm
http://www.bruckmann-verlag.de/
http://www.delius-klasing.de/
http://www.reisebuch.de/
http://www.iwanowski.de/
http://www.footprintbooks.com/
http://www.lonelyplanet.com/
http://www.ulysse.ca/
http://www.roughguides.com/
http://www.moon.com/
http://www.picus.at/
http://www.frederking-thaler.de/
http://www.piper.de/
http://www.thorbecke.de/
http://www.horlemann-verlag.de/
http://www.peter-hammer-verlag.de/
http://www.jonas-verlag.de/
http://rsw.beck.de/
http://www.dumontverlag.de/
http://www.schimper.de
http://www.polyglott.de/

Herbert, Frank – Wüstenplanet, Der (Dune 1)

Der Wüstenplanet, Dune, Arrakis … viele Namen trägt der Planet, der zum Synonym für einen mehrere Tausend Seiten umfassenden Zyklus und ein Universum, das unzählige Leser beflügelte, wurde. Mit „Dune“ gelangte Frank Herbert zu Weltruhm. Längst nicht so bekannt wie der namensgebende erste Teil des Zyklus sind die übrigen fünf Bände.

|Der junge Paul Atreides reist mit seiner Familie nach Arrakis, um dort das Lehen des Imperators in Besitz zu nehmen. Doch seine Familie wird Opfer einer Verschwörung und er muss in die Wüste fliehen. Dort trifft er auf die Fremen, die Ureinwohner von Dune. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, seine Familie zu rächen und die Kontrolle über Arrakis und damit über das bekannte Universum an sich zu reißen.|

Herbert lässt vor dem Auge des Lesers ein komplexe Gesellschaft erstehen, die unzählige Systeme umfasst. Ein vielschichtiges Geflecht herrschender Häuser, im ewigen Streit um die Macht untereinander und gegen die verschiedenen Geheimgesellschaften, Technokraten und die allgegenwärtige Gilde. Und inmitten dieser Gesellschaft befindet sich der Planet Arrakis. Der einzige Fundort der Wunderdroge, die einfach nur Gewürz genannt wird. Die lebensverlängernde Substanz, ohne die die Navigatoren der Gilde nicht durch den Warp navigieren können, machen Arrakis zum wichtigsten Planeten der Galaxis.

Obwohl „Dune“ natürlich zur klassischen SF-Literatur zählt, so zeigen sich bei genauerem Hinsehen doch viele Unterschiede. Auffällig für einen SF-Roman, aber eigentlich für den Zyklus nicht offensichtlich entscheidend, ist das Verbot aller sogenannter Denkmaschinen. Nachdem [Butlers Djihad]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=827 in fernster Vergangenheit durch die Galaxis fegte und alle Denkmaschinen vernichtet wurden, sind alle künstlichen Intelligenzen oder Forschungen in diese Richtung verboten. Die Antwort auf diesen Umstand besteht in der Ausbildung von Menschen mit besonderen psychischen Kräften. Ein Beispiel sind die Mentaten. Menschliche Computer, die mit Hilfe bestimmter Drogen komplexe Problemstellungen innerhalb kürzester Zeit zu lösen imstande sind.

Doch auch andere Dinge unterscheiden Herberts Werk von vielem, was andere SF-Autoren hervorgebracht haben. Herbert betreibt keine Extrapolation bestehender Trends oder Projektion irdischer Probleme in eine andere Welt. „Der Wüstenplanet“ ist vielleicht in dieser Hinsicht noch am ehesten verdaulich. Stellt er doch für den SF Fan noch am ehesten vertrautes Terrain dar. Ein Held in einer Extremsituation, der allen Widerständen zum Trotz das Unmögliche schafft. Manche haben Herbert die Fortsetzung seiner Geschichte übel genommen, doch dabei übersehen sie, dass Herbert den Wüstenplaneten nie als allein stehenden SF-Roman angelegt hatte.

In den folgenden Bänden führt Herbert mehr und mehr aus, was er (trotz des Umfangs) in „Dune“ nur andeuten konnte. Nach dem Tode des Propheten schwingt sein Sohn sich zum Gottkaiser auf. Längst nicht mehr in menschlicher Gestalt, regiert Leto II. für Jahrtausende sein Reich. Spätestens mit mit dem Tod des Gottkaisers wendet sich Herbert endgültig von zentralen Hauptpersonen ab. Zwar überleben frühe Hauptdarsteller als Klone und genetische Replikate über Jahrtausende, aber zunehmend werden sie zu Marionetten in einem Spiel der Mächte, in dem längst die Spieler die Kontrolle über ihr Spiel verloren haben.

Herbert fächert seine Geschichte in unzählige Facetten auf. Jahrtausende vergehen, ganze Planeten wandeln ihr Angesicht. Die Menschheit stürzt ins Chaos und erhebt sich wieder daraus. Manch einer verliert wohl irgendwo den Faden und wird von Herberts Vision erdrückt. So wird es für viele immer schwieriger, dem Autor zu folgen und die Ideen zu begreifen, die hier so umfangreich niedergelegt wurden. Anders als zum Beispiel bei der bekannten SF-Serie „Perry Rhodan“, ändern sich die Protagonisten dramatisch. Herbert beschreibt nicht die Abenteuer einer Person, Gruppe oder auch nur einer Gesellschaft. Nein, hier wird der totale Wandel gesellschaftlicher Strukturen über Jahrtausende und den bekannten Raum hinweg beschrieben. So ist Herberts eigentliche Hauptperson auch kein Mensch, sondern vielmehr die gesamte Menschheit in ihrer komplexen Struktur.

Sicher trifft dies nicht gerade den Geschmack der meisten SF-Fans. Wer in jungen Jahren zum ersten Mal den Wüstenplaneten liest, wird vermutlich irgendwo zwischen dem zweiten und dem fünften Band entnervt aufgeben. Wer dennoch bereit ist, sich darauf einzulassen, wird in dem gewaltigen Epos mehr finden als in jedem anderen SF-Roman. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der Wüstenplanet auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch immer solcher Beliebtheit erfreut. Die Tiefe, die Herbert in seinen Romanen erreicht, wurde auf dem Gebiet der Phantastik nur noch von sehr Wenigen, wie zum Beispiel Tolkien, erreicht. Wer aber bereit ist, sich gefangen nehmen zu lassen von den Visionen des Autors, kann sich wohl völlig in der Welt von Dune verlieren.

Für alle, die nicht ganz so weit gehen wollen, sich aber trotzdem gerne zwischen MAFEA, Tleilaxu, Mentaten und Bene Gesserit bewegen möchten, sei eine kleine Empfehlung ausgesprochen. Es erscheinen im gleichen Verlag weitere Bücher aus der Welt von Dune. Herberts Sohn Brian hat zusammen mit dem rennomierten SF-Autor Kevin J. Anderson drei weitere Bände geschrieben. Keine Fortsetzungen des Zyklus, sondern vielmehr seine Vorgeschichte. Hier dreht es sich wieder um Intrigen und Machtkämpfe zwischen Häusern und Personen. Der Leser bewegt sich also auf sicherem Boden, kann aber trotzdem versichert sein, in den vollen Genus des „Dune-Feelings“ zu kommen. Neben den „frühen Chroniken“ gibt es vom gleichen Autorenpaar auch die Vorgeschichte zur Vorgeschichte, „Die Legende“, in drei Bänden.

_Johannes Heck_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Clou, Dimitri – Im Zeichen des Ypsilon

Jugendbücher dürfen auch von Erwachsenen gelesen werden! Warum auch nicht, schließlich hat die ältere Generation ebenfalls einen Anspruch darauf, spannende Abenteuergeschichten goutieren zu dürfen, auch nach Verstreichen der eigenen Jugendzeit. Umso mehr, wenn es sich um ein Buch wie „Im Zeichen des Ypsilon“ handelt, in dem Dimitri Clou in einer wirklich bewegenden, wenngleich auch zunächst seltsam anmutenden Story verschiedene Einzelschicksale schildert, in die man sich auch als erwachsener Leser sehr gut hineinversetzen kann. Dabei verfolgt Clou bisweilen auch recht philosophische Ansätze und eröffnet unzählige Möglichkeiten, und das so lange, bis man sich schließlich selbst in der Gedankenwelt des Schriftstellers verloren hat und sich schließlich bei der so elementaren Frage nach dem Sinn des Lebens wiederfindet – und das auf eine Art und Weise, die wirklich jede Generation bewegt. Und damit habe ich einen Teil der Schlusszeilen bereits vorweggenommen …

_Der Autor:_

Dimitri Clou, 1959 in Aldenhoven geboren, studierte Philosophie, Germanistik und politische Wissenschaften und arbeitete nebenbei als Taxiunternehmer. Nach Abschluss seines Studiums führte er ein Globetrotterdasein in einem Rallyesport-Team, das den Weltmeistertitel erringen konnte. Seiner Familie zuliebe gab er sein Nomadenleben auf und gründete in Köln eine Kinderzeitschrift. 1992 wechselte er in die Fernsehbranche und arbeitete viele Jahre als Redakteur und Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Seit einigen Jahren ist er mit seiner eigenen Produktionsfirma selbstständig und wohnt mit seiner Familie in der Nähe von Köln. Zu seinen bisherigen Romanen gehört unter anderem „Das Quiz des Teufels“.

_Die Geschichte:_

Seit der Sache mit Coco hat sich der junge Finn Hasselblatt auf die Dächer und Dachböden der Stadt zurückgezogen, wo er seine Geheimnisse von der übrigen Welt am leichtesten fern halten kann. Damals gehörte er unter seinem Spitznamen „Silber“ einer Graffiti-Sprayer-Bande an und genoss unter den Freunden der Nacht einen fast schon legendären Ruf. Doch dann ist sein bester Freund auf tragische Weise ums Leben gekommen, woraufhin Finn sich vollkommen aus dem realen Leben entfernt hat und nun ein einsames aber auch sicheres Leben führt.

Eines Tages macht Finn jedoch eine seltsame Begegnung. Ein junges Mädchen wirft ihm eine versiegelte Flasche zu, erzählt ihm kurz von ihrem Schicksal und verschwindet alsbald wieder von der Bildfläche. Das Mädchen wurde von den geheimen Doktoren verfolgt, und als diese Wind davon bekommen, wo ihre Flasche hingekommen ist, ist Finn sie auch schon wieder los. Das Teil gerät schließlich in die Hände von Konstantin York, dem Leiter der nebulösen Kummerschule. Unerwartet geschehen weitere seltsame Dinge. Ein halb erfrorener Junge, der seinen Namen nicht mehr kennt, taucht aus dem Nichts auf, das Mädchem, das Finn auf dem Dach kennen gelernt hat, lässt sich mit York ein, und Finn besinnt sich irgendwann wieder seiner Vergangenheit und wird erneut unter dem Namen „Silber“ aktiv. Und über all dem thront ein rätselhaftes Amulett in der Form eines Ypsilon …

_Bewertung:_

Es dauert eine ganze Weile, bis man sich mit der Art und Weise, wie Clou die Charaktere vorstellt, vertraut gemacht hat. Mehr als die Hälfte der Zeit verwendet der Autor darauf, Rätsel aufzugeben, verschiedene Stränge miteinander zu verweben und noch mehr Rätsel aufzuwerfen. Damit einher geht allerdings auch die Gefahr, dass man irgendwann all die Details nicht mehr überblickt und anschließend beim Zusammensetzen des Puzzles so seine Probleme bekommt. Hinzu kommt der hohe philosophische Anteil, der hier die Basis für die eigentliche Handlung ist. In „Im Zeichen des Ypsilon“ geht es daher zum größten Teil darum, (lebens)wichtige Entscheidungen zu treffen, diese zu akzeptieren, ihre Folgen in Kauf zu nehmen und zugleich gar nicht weiter über eventuelle Alternativen nachzudenken. Dieses Leimotiv zieht sich quasi durch den gesamten Roman und ist eingepackt in eine abenteuerliche, spannende und teils sehr dramatische Geschichte, deren Charaktere keine echten Helden sondern sinnbildlich Menschen wie du und ich sind.

Schade ist eigentlich nur, dass es Clou zu Beginn ein wenig an Struktur fehlt, so stiftet er auf den ersten hundert Seiten einiges an Verwirrung. Welche Rolle spielt die Vergangenheit jetzt tatsächlich, wo es doch darum geht, zukunftsträchtige Entscheidungen zu treffen? Warum verfolgt Clou so manchen Ansatz nicht bis zum Ende, führt immer mehr Möglichkeiten kurz an, lässt sie aber im Endeffekt als sinnlos erscheinen? Und wieso verliert sich der Autor besonders am Ende in plakativen Metaphern und stellt so viele Dinge in Frage? Im Grunde genommen: Warum lässt er die Handlung nicht für sich sprechen und den philosophischen Teil in einem gesunden Maße daran teilhaben?

Das ist genau der Punkt, warum „Im Zeichen des Ypsilon“ ein wahrlich lesenswertes, aber in letzter Konsequenz nicht fabelhaftes Buch geworden ist. Clou stiftet manchmal einfach zu viel Chaos und misst gewissen Theorien und Metaphern zu viel Bedeutung bei – gerade für die junge Leserschaft. Dabei hat er doch wirklich sehr ausführlich die einzelnen Charaktere wunderbar eingeführt und der Geschichte Möglichkeiten gegeben, die man über mindestens die doppelte Seitenzahl sich hätte entwickeln lassen können. Hier verliert Dimitri Clou sich indes aber leider in seiner literarischen Genialität und behält am Ende nicht mehr den Blick fürs Wesentliche.

Der Autor beschreibt die verschiedenen Möglichkeiten seiner Charaktere und wirft immer wieder die Frage nach Entscheidungen auf – nur selber kommt er nicht immer auf den Punkt, drückt sich also quasi selbst um eine Entscheidung und widerlegt, wenn man so will, seine eigene These.

Dennoch, „Im Zeichen des Ypsilon“ ist ein verdammt interessantes und trotz der genannten Mängel richtig tolles Buch mit Tiefgang, dessen inhaltliche Ansätze Jung und Alt begeistern sollten. Bedingung dafür ist jedoch ein gewisses philosophisches Interesse, denn ohne dieses wird man schnell am erhöhten unterschwelligen Anspruch des Buches scheitern. Aber wenn man weiß, was man will, dann ist man hier definitiv an der richtigen Adresse!

Pelot, Pierre / Cabel, Stéphane – Pakt der Wölfe, Der

_Mensch oder Wolf – Was macht den Unterschied?­_

Was sich zunächst spannend als Monster-Thriller liest, entpuppt sich zunehmend als Agenten- und Verschwörungsroman.

Die vorliegende Textfassung stammt nicht von Pelot selbst, sondern von Drehbuchautor Stéphane Cabel. Er und Regisseur Christophe Gans haben Pelots Roman adaptiert.

Pierre Pelot ist einer bekanntesten französischen Unterhaltungsautoren. Von ihm stammt u. a. die literarische Vorlage für den satirischen SF-Sportthriller „Rollerball“, dessen Remake 2002 ins Kino kam.

_Handlung_

In einer der ärmsten und unwirtlichsten Gegenden des französischen Zentralmassivs, im Gévaudan, trieb zwischen 1764 und 1767 eine wilde Bestie ihr Unwesen (im Film schließt das Geschehen im Jahr 1788 ab, rund 20 Jahre nach den Hauptereignissen). Schon über zwei Dutzend Kinder sind ihr zum Opfer gefallen. Sie wurden meist grausam verstümmelt.

Doch Chevalier Grégoire de Fronsac, ein bekannter Naturforscher am Hofe König Ludwigs XV. und ausgebildeter Zeichner, findet vor Ort heraus, dass die Fährten der Bestie keineswegs von einem Wolf stammen, wie alle behaupten, sondern von einem unbekannten Tier – das sogar Zähne aus Eisen besitzt!

Dennoch wird eine Treibjagd auf Wölfe veranstaltet, an der er gezwungenermaßen teilnimmt, begleitet von seinem indianischen Blutsbruder Mani, dessen Name „Wolf“ bedeutet. Mani ist einer der letzten überlebenden Mohikaner und hat Gregoire mehrmals das Leben gerettet, daher kam er mit ihm nach Europa. Doch beide müssen sich vor den Menschen des Gévaudan in Acht nehmen, vor den Adeligen ebenso wie vor den Gemeinen. Mani muss sich gegen die Anfeindungen des Pöbels verteidigen, die den „Wilden“ demütigen wollen.

Gregoire hingegen ist von den Reizen der schönen Marianne de Morangias betört, doch deren einarmiger Bruder Jean-Francois wacht eifersüchtig über ihre Tugend (und dass sie sich weiterhin um ihn selbst kümmert). Jean-Francois täuscht gegenüber Gregoire Freundlichkeit und Kooperation vor, ist aber insgeheim sein größter Feind.

Von dieser Art Liebe frustriert, lässt sich Gregoire nach der halbwegs erfolgreichen Treibjagd – die Bestie wurde nicht erlegt, dafür ein Dutzend Wölfe – im örtlichen Bordell von Mende von der schönen Italienerin Sylvia verwöhnen. Merkwürdig nur, dass die ihren Liebesdienst mit einem gefährlich aussehenden Stilett versieht …

Sobald einer der größten Wölfe der Region erlegt ist, befiehlt ein weiterer königlicher Abgesandter, dass Grégoire die „Bestie“ ausstopfe und im Triumphzug nach Versailles transportiere. Der König muss einen innenpolitischen Erfolg vorweisen, denn sein Thron wackelt. Im vorrevolutionären Frankreich des Jahres 1766/67 findet ein rotes Büchlein reißenden Absatz, das die Bestie des Gévaudan als Gottestrafe darstellt, gegen die dem König kein Erfolg beschieden sei. Solche Feindpropaganda kann Köpfe kosten …

Der Triumph verpufft leider schon wenig später, als weitere Kinder gerissen werden. Doch die Presse und die Polizei vertuschen die neuen Opfer. Wieder im wilden Gévaudan eingetroffen (wohl auch in Hoffnung auf Mariannes Eroberung), will es Gregoire diesmal aber wissen. Es kommt zu einem langen Showdown, in dem sich vieles Seltsame endlich klärt, der aber Grégoire auch größte Opfer abverlangt. Und die schöne Sylvia aus dem Bordell rettet ihm unerwartet das Leben.

_Mein Eindruck_

Bereits in der ersten Szene hatte mich dieser Roman gefesselt, den ich in zwei Tagen verschlang. In ungewöhnlich poetischer und bilderreicher Sprache schildert hier der Autor das Eingreifen Manis und Gregoires, der zwei Fremden, in einen bizarren Kampf unter Einheimischen. Von diesen trägt die eine Hälfte Frauenkleider, um ihre Identität als Soldaten zu tarnen, und die andere Hälfte, bestehend aus Landstreichern, Vater und Tochter, werden von den Soldaten verprügelt.

Klar, dass sich die beiden Fremden auf die Seite der Schwächeren schlagen, aber sind es auch die richtigen? Das fragt man sich viel später, als die ganze Wahrheit sichtbar geworden ist. Exemplarisch kann man hier schon die Frontverläufe des gesamten Buches erkennen: die zwei Fremden aus Paris und der Neuen Welt (aus dem umkämpften Kanada, das 1763 an die Engländer abgetreten wurde), also offensichtlich Republikaner, treten gegen die zerstrittenen Einheimischen an, die dem alten Regime anhängen.

Schon am Anfang wird deutlich, dass Pelot ein Auge für Action hat (oder zumindest der Skriptautor). Aber auch für Stimmungen und Beobachtungen findet er stets die richtigen Worte. Allerdings habe ich den Verdacht, dass das Skript stark gestrafft wurde, um Längen zu vermeiden und die Handlung auf Action zu trimmen. Daher kommt die Beziehung zu Marianne zu kurz.

Pelots Figuren sind faszinierend. Mani etwa scheint den Wölfen der Region ein Bruder zu sein und macht häufig nächtliche Ausflüge, vielleicht versteht er sie sogar. Das führt dazu, dass er Grégoires Verhalten beeinflusst, so dass dieser, wenn Marianne auf einen Wolf anlegt, den Schuss ablenkt. Mag Grégoire sie auch lieben, so liebt er Mani doch weitaus mehr.

In allen dargestellten Umgebungen und Gesellschaftsschichten scheint sich Pelot gleichermaßen gut auszukennen. Sei es im Schloss derer von Morangias oder de Apcher, im Bordell, in elenden Bauernkaten oder der wilden Natur der Berge. Deren jeweiligen Bewohnern lässt er in gleichem Maße respektvolle Beschreibungen zu kommen. Lediglich im Schloss, wo die Adeligen schlemmen, gestattet er Grgoire, sich angewidert von der Ignoranz der so´genannten „guten Gesellschaft“ abzuwenden.

Man fragt sich bald, wer in dieser Geschichte eigentlich „die Wölfe“ des Titels sind: die Tiere oder doch die moralisch korrupten Adligen? Es verwundert denn auch wenig, dass Grégoire von solchen „Gesellschaftsspitzen“ verhaftet wird, um sodann unauffällig im Moor entsorgt zu werden. Zum Glück hat er unerwartete Helfer.

_Unterm Strich_

Teils Monsterthriller, teils Gesellschaftsstudie und Agentenroman, beeindruckt und fesselt „Pakt der Wölfe“: Actionfans und Freunde sinnlicher Bilder kommen gleichermaßen auf ihre Kosten.

|Die Übersetzung|

In der deutschen Übersetzung stören zahlreiche Einschübe zwischen Gedankenstrichen den Lesefluss. Das macht den Eindruck, als sei es den beiden Übersetzerinnen nicht gelungen, die spezielle französische Satzkonstruktion adäquat ins Deutsche zu übertragen. Viele Sätze zwingen dazu, sie mehrmals zu lesen, und nicht nur, weil sie so lang wären.

|Originaltitel: Le pacte des loups, 2000
Aus dem Französischen übertragen von Hagedorn/Runge|

Tim Binding – Inselwahn

Das geschieht:

Etwa auf halber Strecke zwischen der englischen Hauptinsel und dem kontinentalen Frankreich liegt dort, wo sich der Ärmelkanal zum Atlantik weitet, die Insel Guernsey. Zwar mit der britischen Krone verbunden aber politisch nicht Teil Großbritanniens, hat sich hier ein eigenwilliger Menschenschlag angesiedelt, der gern unter sich bleibt. Die Außenwelt erreichte Guernsey lange höchstens in Gestalt der Touristen, bis im Sommer 1940 nazideutsche Truppen die Insel stürmen.

Seit drei Jahre halten die Deutschen Guernsey nunmehr besetzt. Weiter ist die Eroberung der britischen Inseln allerdings nicht gediehen, denn das Kriegsglück begann sich gegen die Deutschen zu wenden. Auf Guernsey ist davon jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Hitler ist mehr denn je vom „Inselwahn“ besessen und lässt die Insel zur Festung gegen die Alliierten und zum Brückenkopf für eine Invasion Englands ausbauen. Tim Binding – Inselwahn weiterlesen

Naipaul, Vidiadhar S. – Magische Saat

Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul – einer der bedeutsamsten Englisch schreibenden Romanciers der Gegenwart. Umstritten, geschätzt, verachtet. Nun treibt sein Werk langsam dem Ende entgegen. Er weiß das, erkennt die Begleiterscheinungen des Alterns und will doch nicht zur Ruhe kommen. Es wäre für ihn ein Akt der Schwäche, sich einzureden, er habe nichts mehr zu tun, nun wo er dreiundsiebzig Jahre alt sei und Bestätigung erfahren habe. Bestätigung – einhergehend mit der verschwundenen Angst des Versagens – damit ist der Literaturnobelpreis gemeint, der dem indischstämmigen Autor 2001 verliehen wurde: „Für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und unbestechliches Beobachten vereinen, und die uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichte zu sehen“, kommentierte die Königlich-Schwedische Akademie die Preisverleihung. In Naipauls nach seinen eigenen Worten letztem Roman „Magische Saat“ ist davon nur noch wenig zu spüren. Der Mensch hinter den Zeilen erinnert an einen alten, müden Wolf. Ein Zähnefletschen, immer noch in Auflehnung gegen die Zeit, ein Kratzen und Schnappen, gefangen gesetzt in einer ureigenen Misere, aus der es kein Entrinnen zu gibt – außer der eigenen Lebensmüdigkeit.

Es ist eine Begegnung mit einem alten Bekannten: Willie Chandran, die zerrissene Gestalt aus „Ein halbes Leben“. Nach seinem ruhelosen Aufbruch aus der beklemmenden Enge des indischen Subkontinents, seinen Irrwegen durch das befremdliche Nachkriegslondon und einem temporärem Verschnaufen von rund zwanzig Jahren in Afrika, flieht Chandran schließlich nach Westberlin. Seine Schwester Sarojini – ebenfalls vor den indischen Wurzeln geflohen – hat sich hier ein neues Leben aufgebaut, zusammengehalten von marxistischer Ideologie, Kulturkritik und Weltverbesserungsträumen. Während Willie immer wieder strauchelte, scheint sie in der Lage, frei zu stehen. Doch um ihre neue Identität zu wahren, muss die Schwester den Bruder in ihr eigenes Weltbild zwängen und drängt ihn schließlich in den Entschluss, Berlin, Europa, den Westen zu verlassen und nach Indien zurückzukehren, um sich dort einer Revolutionsbewegung der Untersten anzuschließen. Etwas für andere Menschen zu tun und sich wahren Idealen zu zuwenden. Gewappnet mit einem neuen Selbstwertgefühl und den Lehren Gandhis im Gepäck, kehrt Willie in seine einstige Heimat zurück – doch das Einzige, was ihm begegnet, ist abermals Fremdheit. Die Hoffnung, eigene Wurzeln und den richtigen Platz in der Welt zu finden, versinkt im Morast einer neuen Odyssee. Ziellos treibt der revolutionäre Widerstand durch den schwülen, indischen Dschungel, verfängt sich im Spannungsfeld zwischen indigener Tradition und postkolonialer Katerstimmung und geht schließlich in eigenen Trugbildern verloren zu Grunde.

Willie, selbst ohne Halt, begegnet in Form einzelner Rebellen diversen Facetten dieser hoffnungslosen, verlogenen Welt und wird in ihrem trüben Kielwasser fortgespült. Erst als er plötzlich zu einem Mord gedrängt wird, erkennt er, dass er dieser Welt entfliehen muss, will er nicht wie all die anderen Gescheiterten in ihr enden. Auf die Jahre im Dschungel folgen Jahre im Gefängnis. Denn als sich Willie der Polizei stellt, weiß er nicht, dass Kapitulation keinen Passierschein in die Freiheit garantiert. Doch mit dem Gefängnis kommt Zeit für Selbstreflexion, Willie findet Ruhe, ja, Normalität – und sogar Glück. Es ist ein alter Bekannter aus der Revolutionsbewegung, der Willies Leben schließlich wieder ins Trudeln bringt – es droht gar Hinrichtung – und erneut flieht Willie Chandran aus dem Land seiner Kindheit. Erneut wartet London und erneut gibt es nur Unruhe.

Als ein „Dahintreiben“ beschreibt Willie sein Leben. Gleiches gilt für das Buch selbst. „Magische Saat“ gleicht einer Irrfahrt und wirkt dabei nicht einmal trist, sondern eher ziellos, schleppend, fad: „It’s a calamity, it’s a great period of boredom and nothing happening and life being eaten away and mind being eaten away.“ Mit diesen Worten charakterisierte Naipaul das Dasein seines Protagonisten im September 2004 in einem BBC-Interview. Das ist Willie Chandran, das ist die „Magische Saat“ – ist das auch der Autor selbst? Streckenweise ist man stark versucht, „Magische Saat“ als ein letztes Durchdenken des eigenen Lebens, der eigenen Geschichte und der eigenen Umwelt zu lesen. Und als eine Art Abrechnung. Gerade wenn dieses letzte Buch den Schlussstrich unter Naipauls Werk ziehen soll. Im Zusammenspiel mit „Ein halbes Leben“ wäre es dann der Epilog einer ambivalenten, vielschichtigen Schriftstellerkarriere. Auch wenn diese zweite Hälfte, im Gegensatz zur ersten, einen staubigen und stumpfen Eindruck hinterlässt – kein „sauberes, kaltes Messer“ mehr, keine Perfektion.

Die Zähne des Wolfs sind längst nicht mehr schneidend scharf – auch wenn er immer noch versucht zu beißen –, dem Unvermeidlichen kann er nicht entgehen. Bei der Lektüre beschleicht einen dabei wiederholt das Gefühl, als schreibe hier die Erbitterung für sich selbst; der Leser wird stets auf Distanz gehalten, vermag die Botschaft nicht zu ergreifen, aber sehr wohl zu erahnen. Vielleicht ist Naipaul, der „Humanist der Moderne“, wirklich einmal politisch „inkorrekt“ gewesen, indem er gegen alles und jeden – Blumen, den Iran, Kinder, Multikulturalismus, Tony Blair – wetterte. Inzwischen wirkt er nur noch müde, aber zumindest immer noch ehrlich. Vielleicht ist mit der Angst vor dem Versagen auch das Verständnis für die Welt und das eigene Ich verschwunden. Was dann bleibt, sind Zweifel …

_Michel Bernhardt_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Sammons, Martha C. – Reiseführer durch Narnia, Der

_Hilfreicher Führer durchs Wunderland_

Die „Narnia-Chroniken“ von [Clive Staples Lewis,]http://de.wikipedia.org/wiki/Clive__Staples__Lewis einem zum Anglizismus konvertierten Oxford-Professor, haben weltweit Millionen Kinder bezaubert und ihnen etwas über die tieferen Gründe von Ethik, Moral und Religion beigebracht. Doch abgesehen von der vordergründigen, spannenden Handlung stecken doch etliche Geheimnisse in den Büchern.

Diese Geheimnisse versucht Martha C. Sammons aufzudecken – sie nennt zudem „Namen, Orte, Fakten“ und erklärt sie. Das ist besonders bei Personen- und Ortsnamen nützlich, die in einer übersichtlichen Liste erläutert werden. Dass dabei das Oxford Dictionary of English, eine Art Sprachenzyklopädie des Englischen, zu Ehren kommt, dürfte nicht weiter verwundern – schließlich kannte sich Lewis als Professor mit dieser Materie sehr gut aus. In seinem Diskussions- und Lesekreis, den Inklings, gab zum Beispiel auch ein Sprachtüftler namens Professor Tolkien seine Erfindungen zum Besten. Sie sind gemeinhin als „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ bekannt geworden.

Folgende Kapitel hat Sammons‘ Buch:

1. Der Schöpfer der Narnia-Chroniken
2. Wie die Narnia-Geschichten entstanden
3. Die Chroniken von Narnia (alle 7 Bände)
4. Das Land Narnia
5. Aslan – der Schöpfer Narnias
6. Narnias Figuren
7. Geschöpfe des Bösen
8. Christliche Gedanken in den Narnia-Erzählungen – Eine Zusammenfassung

Dass das letzte Kapitel aufgenommen wurde, liegt nahe, denn Lewis lag bis zu einem bestimmten Tag des Jahres 1929 im Widerstreit mit der christlichen Religion und ihren Inhalten. Nach diesem Tag konnte er diese Inhalte wie kein anderer in fiktionale Form gießen. Diese Bücher sind samt und sonders beim christlichen Verlag [Brendow]http://www.brendow-verlag.de in Moers (bei Köln und Aachen) erschienen. |Brendow| verlegte auch Stephen Lawheads Trilogie „Das Lied von Albion“, das bei |Bastei Lübbe| im Taschenbuch erschienen ist.

Man muss den Schlussfolgerungen und Interpretationen der Autorin nicht beipflichten, um Vergnügen und Nutzen aus dem schmalen Band zu ziehen. Aber jedem Anglisten liefert Sammons wertvolle Hinweise. Jedem Narnia-Leser liefert sie nicht nur das, sondern auch Überblick (mehrere Karten, Index, vergleichende Chronologie) und tiefere Bedeutung.

_Der Autor Clive Staples Lewis (1898-1963)_

Clive Staples Lewis, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J.R.R. Tolkiens. Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurden auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie „Perelandra“, ein ambitionierter Weltentwurf, ist dagegen zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack geraten.

|Originaltitel: A guide through Narnia, 1979
Aus dem US-Englischen übertragen von Christian Rendel|

Franz, Andreas – Teuflische Versprechen

_Auf der Flucht_

Bei einem Einkaufsausflug kann die junge Maria ihren beiden Bewachern entkommen. Völlig orientierungslos läuft sie durch die Straßen und flüchtet sich in die Praxis einer ihr unbekannten Psychologin. Dort erzählt Maria einen Teil ihrer Lebensgeschichte. Mit 17 wurde ihr in ihrer Heimat Moldawien versprochen, dass sie in Deutschland als Aupairmädchen arbeiten könne. Doch zunächst wird Maria nach Jugoslawien verschleppt, wo sie Deutsch lernen muss und gefügig gemacht wird. Mehrere Männer vergewaltigen sie abwechselnd. Auch in Frankfurt arbeitet sie nicht als Aupairmädchen, sondern als Edelhure in einem geheimen Bordell, in welchem nur berühmte Männer verkehren, die in den höchsten Kreisen sitzen und als Politiker oder auch Anwalt bekannt sind.

Die Psychologin Verena Michel weiß sich keinen Rat und ruft noch spätabends bei ihrer besten Freundin Rita Hendriks an, von der sie sich Hilfe erhofft. Auch Rita ist entsetzt von der Geschichte, die Maria zu erzählen hat. Am nächsten Tag trifft sich Rita mit einem befreundeten Journalisten, der zur Zeit an einem Buch über das organisierte Verbrechen in Deutschland arbeitet. Dietmar Zaubel kennt sich aus in diesen Kreisen und verweist Rita an Hauptkommissarin Julia Durant. Doch leider erreicht Rita Hendriks telefonisch nur Julia Durants Kollegen und kann Julia lediglich eine Nachricht zukommen lassen. Bevor Rita sich mit Durant treffen kann, erhält sie Besuch von einem angeblichen Blumenboten, der sie zu Tode foltert, weil er Marias Aufenthaltsort erfahren möchte.

Am gleichen Tag findet man auch den Journalisten Zaubel ermordet auf. Da Julia Durant von Hendriks und Zaubels Bekanntschaft weiß, ahnt sie sofort eine Verbindung zwischen beiden Morden. Ritas letztes Telefonat führt die Polizei schließlich zu Verena und zu der verängstigten Maria. Julia Durant kümmert sich um Maria und besorgt ihr eine sichere Wohnung. Anschließend stellt sie sich dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität, auch in dem Bewusstsein, dass sie diesen Kampf wohl nur verlieren kann, weil so hochrangige Persönlichkeiten darin verwickelt sind, dass keine Verfahren gegen sie eingeleitet werden können. Dennoch findet sich eine kleine Gruppe zusammen, die das geheime Bordell ausheben möchte. Um den Drahtziehern auf die Schliche zu kommen, macht Polizist Kullmer sich auf die Suche nach dem ominösen Marco Martini, von dem er angeblich 15 junge Frauen aus den Ostblockstaaten kaufen möchte. Das Spiel beginnt …

_Sodom und Gomorrha_

Andreas Franz fasst in seinem aktuellen Julia-Durant-Krimi ein heißes Eisen an, nämlich das organisierte Verbrechen, das sich hauptsächlich in den oberen Schichten der Gesellschaft abspielt und daher meist ungesühnt bleibt, weil immer jene Leute darin verwickelt sind, die alles vertuschen können. In seinem Roman zeichnet Franz ein düsteres Bild, das den Leser erschreckt und sicherlich auch erschrecken soll. Etwas paranoid beginnt man sich beim Lesen zu fragen, ob die Missstände in der heutigen Gesellschaft tatsächlich so groß sind und ob Macht und Ansehen wirklich reichen, um von Gefängnisstrafen verschont zu bleiben.

In der Person der Julia Durant bezieht Franz eindeutig Stellung zu diesem Thema und macht deutlich, dass es immer noch Menschen mit Idealen gibt, die nicht davor zurückschrecken, diesen aussichtslosen Kampf gegen die organisierte Kriminalität aufzunehmen. „Teuflische Versprechen“ zeigt, dass der Kampf zwar aussichtslos erscheint, aber die Mühen dennoch wert ist, auch wenn es vielleicht nur darum geht, ein Zeichen zu setzen. Inhaltlich gefällt „Teuflische Versprechen“ vom Grundkonzept daher sehr gut, an Düsternis und Hoffnungslosigkeit könnte der Krimi durchaus mit einem Mankellschen Roman konkurrieren, nicht jedoch, wenn es um die geschickte Inszenierung eines mitreißenden und ausgefeilten Plots geht. Hier offenbaren sich bei Andreas Franz einige Schwächen und Unstimmigkeiten.

So halte ich es für ziemlich unrealistisch, dass eine alleinstehende Frau sofort eine Wildfremde bei sich aufnimmt und gleich am ersten Abend sofort eine Vertrauensbasis zwischen den beiden Frauen zu spüren ist. Verena und Maria haben keine Scheu voreinander, entkleiden sich in Gegenwart der anderen Frau und bewundern gegenseitig ihre Figur, was ich doch etwas übertrieben finde. Auch dürfte so viel Hilfsbereitschaft, wie Verena Maria entgegenbringt, eher die ganz große Ausnahme sein. Aber hier setzt Franz dem Ganzen noch die Krone auf, als Rita Hendriks sich nämlich zu Tode foltern lässt, um nur nicht Marias Aufenthaltsort preiszugeben. Rita hat Maria nur ein einziges Mal getroffen und kennt sie kaum. Man kann wohl annehmen, kein normaler Mensch würde sich foltern lassen, um einen (fast) Unbekannten zu schützen.

Später inszenieren Julia Durant und ihre Kollegen schließlich eine Undercoveraktion, die mir wie eine ziemlich unüberlegte Hauruck-Aktion vorkommt; innerhalb weniger Tage wird ein Polizist in die Kreise des organisierten Verbrechens eingeschleust und hat sofort einen wasserdichten Lebenslauf parat, der jeglicher Überprüfung durch die Verbrecher standhält. Und obwohl bei dieser Aktion zahlreiche Menschen eingeweiht werden müssen, haben Durant und Co. so viel Glück, dass kein Verräter dabei ist (obwohl doch eigentlich überall die organisierten Kriminellen sitzen). Mir erscheint dies mehr als unwahrscheinlich, insbesondere vor dem Hintergrund der doch so ausweglos erscheinenden Situation. Auch das Buchende wirkt weichgespült, als hätte Andreas Franz den Mut verloren, seinem Kriminalfall ein angemessenes Ende zu verpassen.

Diese Unstimmigkeiten trüben den Gesamteindruck des Buches dann doch ein wenig, zumal gerade der Schluss nicht überzeugen kann.

_Krimihelden wie im Bilderbuch_

Auch die Figurenzeichnung macht einen schlichten Eindruck. Julia Durant erscheint zu perfekt, obwohl sie als alleinstehende und sich manchmal einsam fühlende Krimiheldin doch eigentlich recht realistisch wirken müsste. Aber auch hier relativiert Andreas Franz die negativen Seiten, fast als würde er seinen Lesern etwas anderes nicht zumuten wollen. So kommt Julia Durant mit einem pensionierten Pfarrer als Vater daher, der seine Tochter über alles liebt und der Meinung ist, dass Gott etwas ganz Besonderes mit seiner Tochter vorhat und sie daher aus gutem Grund Kriminalkommissarin geworden ist. Natürlich ist Julia Durant nicht einmal ansatzweise korrupt und umgibt sich auch nur mit vollkommen vertrauenswürdigen Kollegen, die sich ebenfalls ganz selbstlos in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen stürzen. Am Ende greift Andreas Franz dann noch tiefer in die triefende Kitschecke und zerstört dadurch eigenhändig das vorher so düster beschriebene Bild.

Neben Julia lernen wir nur wenige Kollegen näher kennen, aber auch hier treffen wir nicht auf normale Alltagshelden, sondern auf Menschen, die selbst in großer Angst nie den Mut verlieren und immer den kühlen Überblick behalten. Die Klischees und Absonderlichkeiten setzen sich auch bei den anderen auftauchenden Personen fort, wie eben bei der völlig selbstlosen Rita Hendriks.

Leider wirken diese eindimensionalen Charaktere kein bisschen authentisch oder realistisch, sodass eine Identifikation nicht möglich wird und man sich auch nicht so recht in die Situationen einfühlen kann. Alles erscheint zu abstrus, als dass wir in die Geschichte eintauchen könnten.

_Pageturner par excellence_

Dem gegenüber muss man Andreas Franz zugute halten, dass er seine Leser dennoch fesseln kann. Besonders während der Einleitung der Undercoveraktion kann man das Buch kaum aus der Hand legen, weil die Ereignisse sich überschlagen und an mehreren Fronten gleichzeitig entscheidende Dinge passieren. Hier werden dann auch zwei Handlungsstränge zusammengeführt, sodass der Leser sich langsam ein klares Bild davon machen kann, was denn nun eigentlich vorgefallen ist und welche Verbrechen aufzudecken sind.

Andreas Franz‘ Schreibweise ist kurz und prägnant und trägt dadurch ebenfalls zum flüssigen Lesevergnügen bei. Der Roman ist kurzweilig und unterhaltsam, auch wenn sich die Unstimmigkeiten später immer mehr häufen.

Insgesamt bleibt ein mittelmäßiger Eindruck zurück. In Ansätzen gefällt „Teuflische Versprechen“ dabei wirklich gut. Anfangs zeichnet Andreas Franz ein düsteres Bild des organisierten Verbrechens und fesselt seine Leser durch die schrecklichen Dinge, die Maria hat erleiden müssen. Eigentlich hätte Franz daraus eine packende Geschichte schreiben können (müssen!), wenn er den Mut bewiesen hätte, nicht jede negative Seite durch positive Ereignisse zu relativieren. Ein weichgespültes Buchende passt so rein gar nicht in das Gesamtkonzept und wirkt ziemlich lieblos. Wäre dies nicht bereits der achte Krimi um Julia Durant und ihre Kollegen, würde ich behaupten, in der Figurenzeichnung wäre noch viel Raum für Weiterentwicklung, so allerdings empfinde ich diese eindimensionalen Charaktere als enttäuschend. Positiv fällt dagegen die flüssige Schreibweise auf, die dazu beiträgt, das Buch zu einem Pageturner zu machen.