Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Robert Langdon is back – drei Jahre lang hat Autor Dan Brown nach seinem Bestseller „Illuminati“ nun herumgeeiert, um der mit den Füßen scharrenden Leserschaft so etwas wie einen zweiten Teil aufs Auge zu schrauben und zu schreiben. Die deutsche Leserschar musste sogar bis zum 19. Februar 2004 warten, bis die Übersetzung erschien – womit wir wieder einmal bei einem leidigen Thema wären: Warum werden für die deutschen Ausgaben immer solch vollkommen birnige Titel verhunzt, anstatt den aussagekräftigen Originaltitel korrekt mit „Der Da-Vinci-Code“ zu übersetzen? Aber nööö, offenbar haben nichts sagende Buchtitel, die mit dem Inhalt nicht im Zusammenhang stehen, grade Hochkonjunktur. Der 600 Seiten starke Hardcover-Wälzer ist also recht druckfrisch auf dem Markt und sucht seine Käufer, die bereit sind 19,90 Euronen dafür hinzublättern und ich bin sicher, die wird er auch ganz bestimmt finden, denn die Fangemeinde Browns ist nicht gerade klein – zu Recht. Doch schauen wir mal, was der Nachleger zu bieten hat, die stehen ja meist im Schatten ihres Prequels.

_Auf der Flucht – Zur Story_
Nach dem Showdown im Vatikan (siehe „Illuminati“) ist nun ein knappes Jahr vergangen und Harvard-Symbolologe Robert Langdon ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Derzeit gibt er in Paris einige Vorlesungen über religiöse Symbolik, wobei er auf einem Weg auch gleich mit einer Koryphäe zum Essen verabredet ist, mit dem er über das Manuskript seines geplanten Buches schwatzen will. Das neue Buch enthält einige Thesen, die kirchlichen Zündstoff bedeuten, daher möchte er die Meinung von Jacques Saunière – seines Zeichens Leiter der berühmten Pariser Kunstgalerie im Louvre und Experte auf diesem Gebiet – auf dessen Einladung hin einholen. Doch Saunière erscheint nicht – kann er auch nicht, denn er liegt (bereits im Prolog) erschossen im besagten Louvre. Dafür klingelt die französische Mordkommission ihn unsanft aus seinem Hotelbett. Diese hält ihm ein Polaroid der gefundenen Leiche vor die Augen und bittet ihn, sich den Tatort anzuschauen, denn die Verrenkungen, sprich: die Auffindesituation des Körpers ist nicht nur seltsam, sondern wurde vom Opfer auch offensichtlich selbst herbeigeführt und ist nicht dem Täter zuzuschreiben. Die Spuren und Hinweise, die der Sterbende mit letzter Kraft geliefert hat, sind überaus rätselhaft…

…was Langdon jedoch nicht ahnt, ist, dass er insgeheim beim leitenden Beamten als Haupttatverdächtiger gilt, denn der ermordete, umtriebige Kustus des Louvre war nicht nur ein Experte auf dem Gebiet der freimaurerischen Symbolik, sondern auch der Großmeister einer freimaurerischen Loge: Der berühmten „Prieuré de Sion“. Die Hüter des Geheimnisses über die wahre Natur und das derzeitige Versteck des heiligen Grals. Dumm für Langdon, dass der Sterbende, bevor er das Zeitliche segnete, eine ausgeklügelte Spur in die Vergangenheit gelegt hat, die nur Langdon in Zusammenarbeit mit der Enkelin (Sophie – ihres Zeichens ebenfalls Polizistin und zudem passionierte Kryptologin/Codeknackerin) des Opfers lösen kann, der Saunière auf perfide Weise auch eine verschlüsselte Botschaft hat zukommen lassen. Leider missinterpretiert die Pariser Polizei die Fingerzeige, da sie von der verwendeten und stark verschachtelten Symbolik nicht den blassesten Schimmer hat. So kommt es denn, dass die beiden – nach überhasteter Flucht vom Tatort – auf der Schnitzeljagd nach dem heiligen Gral nicht nur den wahren Killer, sondern auch die französische Polizei im Genick sitzen haben…

_Verschwörungstheorie – Kritik_
Das überaus bewährte Strickmuster Browns geht in die Zweite (wenn man „Meteor“ hinzurechnet, sogar in die dritte) Runde. Jedoch ist dies der zweite Roman mit Robert Langdon als Protagonisten, daher muss er sich als Nachleger direkt mit dem ersten Werk messen lassen… und die Messlatte liegt hoch. Wieder ist es das „alte Europa“, wieder ist es ein alter Geheimbund, um den sich alles dreht. Für Browns Geschichten halten stets reale Orte und ebenso reale Begleitumstände her, allerdings liegt es in der dichterischen Freiheit eines Belletristikers, Realität und Fiktion miteinander zu vermengen, im Idealfall springt dabei ein spannender Plot heraus. Das ist ihm hier auch ganz gut gelungen, obschon dem gut informierten Verschwörungstheoretiker vieles sehr bekannt, anderes allerdings hanebüchen und etwas verfälscht vorkommt.

Wie schon bei Illuminati, stehen die Kontrahenten bereits auf den ersten Seiten augenscheinlich fest, da hätten wir in der roten Ecke die Loge der „Prieuré de Sion“, die sich als Hüter und rechtmäßige Erben des heiligen Grals und Nachkommen des biblischen Stammes David sehen. In der blauen Ecke hockt – ob dieser Gotteslästerung hoch motiviert – der Hardliner-Flügel des Katholizismus, „Opus Dei“, die den klerikalen Status Quo liebend gern mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen. Doch kann man bei Brown darauf vertrauen, dass die Loyalitäten und Absichten seiner Figuren im Laufe der Handlung nicht in Stein gemeißelt sind.

Wie gewohnt verquickt er Mystizismus und Symbolik in einem Kriminalroman, der wieder einmal in einem wilden Wettlauf gegen die Mächte der (weltlichen und kirchlichen) Finsternis gipfeln, diesmal jedoch ist sein Protagonist der Gejagte, dabei ist es nicht nur die französische Polizei, vor der sich Langdon in Acht nehmen muss, da er unter akutem Mordverdacht steht. Ein ganzer Tross mehr oder weniger zwielichtiger Gestalten mischt auch noch mit, und deren Motivationen sind bis zuletzt nicht ganz klar. Die intelligent – und in Teilen real nachvollziehbare – gemachte Schnitzeljagd erhält durch den Ständig-auf-der-Flucht-Faktor eine etwas andere Komponente, erscheint jedoch an mancher Stelle etwas durchschaubar, was den groben Handlungsverlauf angeht – richtig interessant sind aber die Lösungswege, die Brown wieder mal gekonnt inszeniert und herleitet.

Doch auch da waren mir einige Sachen ZU offensichtlich, als Beispiel sei hier die ominöse Fibonacci-Folge als Code für ein Bankschließfach genannt, da möchte man den Figuren eine schallende Ohrfeige verpassen, weil sie scheinbar zu blöd sind, solche Zusammenhänge zu erkennen und sich unnötigerweise Seiten schindend die Köpfe heiß rätseln, während der Leser von einem akuten Gähnanfall in den anderen fällt. Glücklicherweise sind solche Hänger in der Geschichte die Ausnahme und auch den Vorwurf des Eigenplagiats wegen einiger Parallelen zu „Illuminati“ muss sich Brown nicht vorwerfen lassen – Die Geschichte ist trotz mancher Ähnlichkeit eigenständig genug, um sich vom Erstlingswerk abzusetzen.

Die Thematik des heiligen Grals und die Zusammenhänge mit der Hochgradfreimaurerei sind alles andere als unumstritten und gerade die Prieuré de Sion ist für manchen Sachbuchautor heutiger Tage alles andere als ein harmloser, sektiererischer Haufen idealistischer Gutmenschen (allenfalls etwas spleenig, was ihre Rituale angeht), sondern immer noch einer der mächtigsten, freimaurerischen – und mithin gefährlichsten, sofern man daran glaubt – existenten Geheimbünde unserer Zeit. Ein verklärt-romantischer Eindruck entsteht jedoch beim Lesen von „Sakrileg“, und das fügt der Mythen- und Legendenbildung ein weiteres (fragwürdiges) Steinchen hinzu.

Dennoch steckt in dem verarbeiteten Material so manches Korn mehr Wahrheit und (anti-)klerikale Weltanschauung der Loge bzw. der erzkatholischen Falken-Sekte von Opus Dei, als dem unbelasteten Leser, der meint ’nur‘ einen Thriller zu konsumieren, bewusst sein dürfte. Auch Opus Dei ist als real existierende Vatikan-Splittergruppe kein unbeschriebenes Ruhmesblatt der Kirchengeschichte und einen aufmerksamen Blick in diverse Publikationen wert. Es lohnt sich also auf jeden Fall, vor oder nach der Lektüre Sekundärliteratur zum Thema Geheimbünde und Vatikan griffbereit zu haben, ohne Vorwissen macht der Roman nämlich nur halb so viel Spaß. Browns unfreiwillige (ist sie das wirklich?) Interpretation des Stoffes ist bärig interessant und nett verpackt.

Dem Kenner der Materie huscht des Öfteren ein wissendes Grinsen übers Gesicht, wenn beispielsweise vom „göttlichen Weiblichen“, sexual-okkulten Riten oder den „Merowingern“ die Rede ist, die Anspielungen selbst bis ins kleinste Detail (auch der Name des Mordopfers Saunière ist tatsächlich historisch und freimaurerisch vorbelastet) sind für gestandene Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen. Bleibt die Frage, ob Brown solch freimaurerisches Gedankengut absichtlich – hübsch verpackt – über das Transportmedium Thriller unters Volk bringen will, weil er der Bruderschaft bzw. ihrer Ideologie nahe steht (Ohne ihm hier etwas unterstellen zu wollen, aber das wäre eine Erklärung, warum die Prieuré de Sion hier relativ gut wegkommt, während die klerikale Seite – schon wieder mal – regelrecht abgewatscht wird) oder ob Sakrileg einfach nur das ist, was es vorgibt zu sein: Ein flotter Roman, der Fakten und Fiktion spannend miteinander verknüpft. Das ist bei Brown ja stets der Clou: Man kann auch vor Ort in der Realität tatsächlich vieles nachprüfen.

_Dr. Kimball-Langdon und der heilige Gral – Fazit_
Das Warten hat sich durchaus gelohnt, mit „Sakrileg“ hält man ein Buch in den Händen, das man so schnell nicht beiseite legt; wenn die rasante Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, möchte man trotz kleiner Unpässlichkeiten in der Originalität dann doch wissen, wie es weitergeht und in Erfahrung bringen, welcher Natur der heilige Gral denn nun eigentlich ist und wo er versteckt wird. Gerade Liebhaber von grenzwissenschaftlicher Enthüllungsliteratur finden im Plot eine Menge interessanter freimaurerischer und sakraler Symbolik wieder.

So an den Haaren herbeigezogen ist die Sache nämlich nicht, wie Otto-Normal-Leser vielleicht annehmen mag, der sich mit solchen oft in der Öffentlichkeit als Spinnerei geschmähten Theorien zur alternativen Menschheits- und Kirchengeschichte noch nie beschäftigt hat. Im Roman ist jedenfalls viel mehr zu finden als das profane Auge („Profane“ nennt man in Freimaurerkreisen uns nicht-eingeweihte Normalsterbliche) des unbedarften Lesers sieht. Zumindest beweist die mehr oder weniger versteckte Präsentation von in den Öffentlichkeit wenig bekannten (oder ignorierten) Informationen über die Geheimbündelei und die Gralslegende, dass Brown seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hat. Ganz kommt „Sakrileg“ nach meinem Dafürhalten nicht an „Illuminati“ ran, aber ein guter Thriller ist es allemal.

Fleischhauer, Wolfram – Buch, in dem die Welt verschwand, Das

Eines Wintertages im Jahre 1780 wird der junge Arzt Nicolai Röschlaub aus Nürnberg vom Kammerherrn Selling in das Schloss des Grafen Alldorf gerufen, der seit längerer Zeit unpässlich ist. Röschlaub findet den Adligen tot, vergiftet – ein Selbstmord, nachdem Alldorf die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen konnte. Vor ihm waren ihr schon sein beiden Kinder und die Gattin zum Opfer gefallen.

Aus einer Tragödie wird ein Skandal, als sich herausstellt, dass Alldorf im großen Stil Immobilienschwindel und Kreditbetrug betrieben und eine ungeheuerliche Geldsumme zusammengetragen hat, die nach seinem Tod verschwunden ist. Offenbar gehörte der Graf einer obskuren Geheimorganisation an, die Übles gegen den Kaiser plante.

Bald ist Röschlaub wieder im Schloss. Der gefürchtete Giancarlo Di Tassi, Justizrat des Reichskammergerichts zu Wetzlar, hat sich des Falls angenommen. Gerade hat man den inzwischen verschwundenen Selling aufgefunden: grausam ermordet und verstümmelt, zu Füßen der Leiche eine bewusstlose Frau, die alles mit ansehen musste. Magdalena Lahner ist für den notorisch misstrauischen Di Tassi sehr verdächtig. Um sie, in die er sich umgehend verliebt, zu schützen, aber auch um seine Karriere in Gang zu bringen, lässt sich Röschlaub als Berater des Justizrates anwerben. Freilich hat er keine Ahnung, dass dieser auch ihn für einen Komplizen des Grafen hält.

Gemeinsam untersuchen Di Tassi und Röschlaub eine Serie seltsamer Postkutschen-Überfälle: Nichts wird geraubt, nur die Kutschen samt Ladung in Brand gesteckt. Es ergibt sich ein Muster: ein gigantisches, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das ganz Deutschland erfasst! Aber das ist nur eines der unzähligen Rätsel, vor das sich die Ermittler gestellt sehen. Hinter jedem Mysterium tut sich ein neues Geheimnis auf. Für Röschlaub wird aus Spiel Ernst, als er erkennt, dass auch Di Tassi keineswegs der ist, für den er sich ausgibt. Gemeinsam mit Magdalena flieht er vor dem übermächtigen Feind, um nun selbst der Sache auf den Grund zu gehen – doch wer ist eigentlich Magdalena, die so viel mehr weiß als sie bisher zugab …?

Die gerade skizzierte Handlung gibt nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens wieder. „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ weist einen komplexen (und komplizierten) Plot auf, der manchmal hinter diversen Erzählsträngen schwer zu erkennen bleibt. So ist es freilich vom Verfasser geplant: Seine Geschichte dreht sich weniger um die Macht obskurer Geheimbünde, sondern mehr um die Kraft oder die Ohnmacht von Ideen.

Als reine Kriminalstory mit Mystery-Touch funktioniert „Das Buch …“ über drei Viertel seines Umfangs fabelhaft. Selten liest man – zumal in Deutschland – ein Werk, das so geschickt konstruiert und elegant geschrieben wurde. Der Fan des Genres wird nicht vermissen, was er (oder sie) so liebt: Illuminaten, Rosenkreuzler & andere kapuzinierte Munkelmänner, Meuchelmörder, Räuber, Verschwörer, Geheimagenten, Intriganten, eine Maschine zum Sternenstaubsammeln, das alles dargeboten in der Welt des Jahres 1780. Jede Person spielt ein doppeltes, dreifaches Spiel, niemandem kann getraut werden, eine Hitchcocksche Atmosphäre des Misstrauens ist allgegenwärtig.

Es macht Freude diesen Thriller zu lesen, der sich so geschickt einer vergangenen Zeit zu bedienen weiß. Das alte Deutsche Reich in seinen letzten Zügen, ein seltsames Konglomerat aus unzähligen mittelgroßen, kleinen und kleinsten Fürstentümer und Kirchenstaaten, freien Städten und Abteien, in ihrer Gesamtheit notdürftig als „Deutschland“ unter einen Hut gebracht, tatsächlich aber hoffnungslos untereinander konkurrierend, sich verbündend, streitend … Das Leben muss vor allem für den, der viel reiste, ein Albtraum gewesen sein. Fleischhauer lässt seinen Nicolai Röschlaub diese Erfahrung mehr als einmal machen.

Viele Ereignisse knüpfen an diesen seltsamen territorialen Flickenteppich an, können sich nur hier so abspielen. Die oft bizarren Auswirkungen wirken in diesem Umfeld ganz natürlich, zumal Fleischhauer sein Wissen um die Vergangenheit nie aufdringlich doziert, sondern unauffällig in die Geschichte einfließen lässt. Das gilt ebenso für die politischen, religiösen oder wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Epoche. Wir erkennen rasch, wieso der Autor sein Garn gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen lässt.

Dies ist die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Absolutismus und Aufklärung. Auf der einen Seite symbolisiert das Deutsche Reich noch das Mittelalter mit seiner Adels- und Kirchenherrschaft, seinen Glauben an Geister und Hexen, an die Unwandelbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite steht die neue Zeit, deren Repräsentanten sich nicht mehr mit der alten Ordnung abfinden wollen. Die Wissenschaft schreitet voran, politisch weht in Preußen und besonders in Frankreich ein frischer Wind. Die Kirche kann ihre Vormacht nicht mehr halten, die Protestanten sind eine Macht geworden, die sich gegen Rom zur Wehr setzen kann.

Alle Fixpunkte der (deutschen) Existenz sind ins Rollen und Rutschen geraten. Um die Konsequenzen geht es in diesem Roman. Die Vertreter der alten Ordnung kämpfen gegen ihre Angst, dass deren Untergang das Ende der Welt einläuten wird, und natürlich für ihre Privilegien. Dagegen verlangen die Repräsentanten der Moderne den rigorosen Schnitt mit der Vergangenheit, der ihrer Meinung nach der Menschheit den Start in eine glanzvolle Zukunft ermöglichen wird.

„Das Buch, in dem die Welt verschwand“, verfasst vom Philosophen Immanuel Kant, ist Fleischhauers Symbol für den daraus erwachsenen Konflikt. Die Auflösung der unzähligen Geheimnisse wird viele Leser verwirren. Ihre Irritation entsteht aus Unwissen. Kann denn eine Idee eine ganze Welt aus den Angeln heben? Die Angst davor Menschen umbringen? Es fällt schwer nachzuvollziehen, dass dies wirklich geschehen ist. Zwar überspitzt Fleischhauer aus Gründen der Dramatik die reale Historie, doch es ist eine Tatsache, dass schon das Deutschland von 1835 – dem Datum der Rahmenhandlung – keine Ähnlichkeit mehr mit dem Deutschland von 1780 aufweist. Letzteres ist nach Fleischhauer in der Tat in einem Buch verschwunden – eine interessante, ungewöhnliche Interpretation, die nachhaltiger wirkt als das übliche Schlussgemetzel zwischen „Gut“ und „Böse“.

Nicolai Röschlaub, unser „Held“, ist in vielerlei Hinsicht ein reiner Tor. Er ist keineswegs dumm, aber sehr naiv. Mit anderthalb Beinen steht er bereits in der neuen Zeit. Die Ränken in Politik und Gesellschaft sind ihm fremd, für ihn steht die unverfälschte Wahrheit im Vordergrund. Deshalb hat er mit seinen eigenen medizinischen Forschungen kläglich Schiffbruch erlitten – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er nicht über das diplomatische Geschick verfügt, diese Wahrheit über die richtigen Kanäle zu verbreiten.

Aber echter Forschergeist lässt sich nie wirklich unterdrücken. Bald spürt Röschlaub neuen Krankheitserregern nach. Dieses Mal bleibt er bis zum bitteren Ende dabei. Das widerstrebt seinem eigentlichen Wesen, aber es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig. Siehe da, in der Krise entwickelt Röschlaub Überlebensqualitäten. Und zuletzt ist er es, der das Geheimnis des Buches nicht nur entdeckt, sondern überlebt und sogar profitiert.

Magdalena scheint zunächst die übliche weibliche Hauptrolle an der Seite von Röschlaub zu spielen. Auch hier durchbricht Fleischhauer das Klischee: Das angebliche Opfer entpuppt sich als religiöse Fanatikerin und gehört auf ihre Art in dasselbe Lager des Feindes wie Di Tassi. Beide wollen sie die alte Ordnung – ihre alte Ordnung – retten, fürchten sich vor einer Zukunft, die sie nicht mehr lenken, in der sie nicht mehr bestimmen können.

Wobei Di Tassi die politische Reaktion repräsentiert. Er spielt viele Rollen, dient aber letztlich dem Kaiser, das heißt dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen pompöser Titel mit der traurigen Realität kaum noch etwas gemein hat. Fortschritt ist für Di Tassi per se gefährlich und muss aufgehalten werden. Als ihm das nicht mehr gelingt, verschwindet er spurlos aus unserer Geschichte.

Wolfgang Fleischhauer wird am 9.Juni 1961 in Karlsruhe geboren, wo er bis zu seinem Abitur 1974 lebte. Anschließend studierte er Literatur in Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA. Dort schrieb er sich in diverse Kurse für kreatives Schreiben ein. Nach langjährigen Recherchen entstand 1996 „Die Purpurlinie“, ein historischer Thriller, der Kritiker und Leser sind gleichermaßen begeisterte.

Mit „Die Frau mit den Regenhänden“ blieb Fleischhauer dem Genre 1999 treu. Er wurde für sein Werk mit dem dritten Platz des Deutschen Krimipreises 2000 (Sparte „National“) ausgezeichnet. Im Sommer 2001 erschien „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“, ein in Südamerika spielende Geschichte um Liebe und Verrat, Macht und Politik.

Fleischhauer lebt in Brüssel und arbeitet als Konferenzdolmetscher bei der EU-Kommission.

Dunne, Patrick – Keltennadel, Die

Kilbrick, eine kleine Gemeinde westlich von Dublin auf der Insel Irland, kurz nach der Jahrtausendwende: In seiner Kirche macht Pfarrer Liam Lavelle eine grausige Entdeckung – auf dem Altar liegt wie aufgebahrt die nackte Leiche einer jungen Frau, grausam gefoltert, verstümmelt, ausgeblutet; in einer Wange steckt die Nachbildung einer keltischen Gewandnadel.

Lavelle vermutet sogleich einen rituellen Opfermord in der Tat. Er hat in den Vereinigten Staaten lange für „Cultwatch“ gearbeitet, eine Organisation, die sich ausgiebig mit dem modernen Sektenwesen beschäftigt. Der Pfarrer ist sofort bereit, sein Wissen mit der Polizei zu teilen. Er hat herausgefunden, dass die Frau am Tag der hl. Brigitta (1. Februar) ermordet wurde – und dass dieser kirchliche Feiertag einst einem viel älteren, „heidnischen“ Fest „übergestülpt“ wurde, das die keltischen Ureinwohner Irlands zu Ehren der Feuergöttin Brigida feierten.

Detective Inspector Kevin Dempsey von der Mordkommission ist durchaus geneigt, Lavelles Theorien zu folgen, doch der mit auf den Fall angesetzte Detective Sergeant Jack Taaffe hält wenig von allzu komplizierten Erklärungen. In guter, alter Polizeimanier ist in seinen Augen immer noch derjenige der Hauptverdächtige, der eine Leiche entdeckt. Zunächst hält Dempsey jedoch seine schützende Hand über Lavelle, der nun unerwartet Hilfe erhält.

Die junge Kunstkritikerin Jane Wade, die in der Redaktion der TV-Sendung „Artspeak“ arbeitet, macht sich Sorgen um ihre Schwester Hazel. Sie hat sich offenbar einer obskuren Glaubensgemeinschaft angeschlossen und ist nun spurlos verschwunden. Jane macht sich große Sorgen und fragt Pater Lavelle um Rat, von dessen Tätigkeit als „Sektenbeobachter“ sie erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit erfährt sie von dem bizarren Mord in der Kilbricker Pfarrkirche und beschliesst, Lavelle sowie die Polizei – die darüber wenig erbaut ist – zu unterstützen. Rasch kristallisiert sich heraus, dass es ungeahnte Verbindungen zwischen den unbekannten Mördern, dem Verschwinden von Hazel sowie einer Reihe ungeklärter Gewalttaten und Morden gibt, die seit einigen Monaten nicht nur die irischen Ermittlungsbeamten vor Rätsel stellen. Lavelle kommt einer mysteriösen Sekte namens „Zehnter Kreuzzug“ auf die Spur, einer militanten, auch in den USA aktiven Organisation, die sich an den asketischen Werten der frühen irischen Kirche sowie an der Religion der Kelten orientiert. Damit einher geht ein ausgeprägter Hass auf die weibliche Sexualität, die eine Verbindung zum Ritualmord in Kilbrick (dem bald ein zweiter folgt) herstellt. Lavelle wird alarmiert, als seine ehemaligen „Cultwatch“-Kollegen ihn darüber informieren, dass der Kopf des „Zehnten Kreuzzugs“ vermutlich Michael Roberts ist. Er kennt Roberts aus seiner Zeit auf dem Priesterseminar. Der charismatische, aber psychisch gestörte Mann fiel dort durch bizarre religiöse Praktiken auf und musste das Seminar verlassen. In den folgenden Jahren hat er offenbar seinen seltsamen Weg weiterverfolgt und ist dabei in seinen Ansichten immer radikaler geworden. Nun schreckt er in seinem selbst ausgerufenen Kampf gegen die „Ungläubigen“ dieser Welt auch vor extremer Gewalt nicht mehr zurück.

Dempsey und Taaffe verwickeln sich in ihrem Bemühen, die immer größere Zahl brutaler Ritual- und Rachemorde aufzuklären, ebenso wie Lavelle und Jane Wade in dem Dickicht seltsamer und zwielichtiger sektiererischer Gruppen, die zu ihrer Überraschung im modernen Irland erschreckend viele Anhänger um sich scharen. Deshalb erkennen sie zu spät, dass Roberts Untaten in Irland nur Teil eines wahnwitzigen Plans sind: Der Herr des „Zehnten Kreuzzuges“ plant nichts Geringeres als die buchstäbliche Sprengung einer Friedenskonferenz, die von den großen Kirchen dieser Welt auf historischem Boden abgehalten werden soll: in Bethlehem …

An dieser Stelle soll es genug sein mit der Inhaltsangabe, um jenen Lesern, die neugierig geworden sind, die Freude an der Lektüre dieses spannenden Romans nicht durch die Vorwegnahme der Auflösung zu verraten. Nur soviel sei verraten: Autor Patrick Dunne bleibt konsequent in seinem Bemühen, durch das Legen falscher Fährten und das Schlagen manchen Hakens seine Geschichte so überraschend wie möglich zu gestalten.

„Die Keltennadel“ ist das literarische Debüt des irischen Schriftstellers Patrick Dunne. In Dublin geboren, studierte er später Literatur und Philosophie, wurde dann Musiker und schrieb schließlich ein Musical, das sich auf die keltischen Wurzeln seiner Inselheimat stützte. Zur Ruhe kam er als Regisseur und Produzent beim irischen Rundfunk, wo er zwanzig Jahre später sein Fachwissen und seine Lebenserfahrung in seinen ersten Roman einfließen ließ.

Ein Debütroman weist in der Regel ganz spezifische Eigenschaften auf – im Guten wie im Bösen. „Die Keltennadel“ macht da keine Ausnahme. Positiv anzumerken ist die Sorgfalt, mit der Dunne seine nicht unkomplizierte Geschichte entwickelt. Die verwickelte religiöse und kulturelle Vergangenheit Irlands weiß er gut herauszustellen. Sie ist beileibe nicht abgeschlossen. Gerade im religiösen Bereich gilt Irland als „Wahlheimat“ zahlreicher moderner Kulte und Sekten, die ihre angebliche Weisheit hauptsächlich aus zwei Quellen speisen:

Wer weiß heute schon, dass gerade in Irland eine der Wiegen des frühen (oder besser frühmittelalterlichen) Christentums stand? Anders als auf dem europäischen Kontinent verkündeten asketisch lebende Mönche das Wort Christi. Ihre in der Regel karge, in ihrer Strenge aus heutiger Sicht geradezu menschenunwürdige Lebensweise ist es, die sie zu allen Zeiten für „Glaubenserneuerer“ vorbildlich erscheinen ließ: Nicht nur aus christlicher Sicht „taugt“ eine Religion für viele Gläubige nur dann etwas, wenn sie ihren Anhängern möglichst große Entbehrungen abfordert.

Die eher „heidnisch“ ausgerichtete Fraktion moderner Heilssucher zieht die „ursprünglichere“ Religionswelt der Kelten magisch an. Allerlei mystische Rätsel werden dieser untergegangenen bzw. vom sowieso ignoranten Christentum vom Erdboden getilgten und damit automatisch zu höchsten Weihen gelangten Kultur unterstellt. Dass die historische Realität freilich recht prosaisch aussah – auch Druiden waren letztlich nur Menschen -, ignorieren die Heiden von heute ebenso geflissentlich wie die Einsprüche lästiger Wissenschaftler, die bis auf den heutigen Tag eifrig Steinchen für Steinchen zusammentrugen und auf diese Weise die keltische Kultur durchaus erfolgreich aus der munkelhaften Nacht der Geschichte befreien konnten.

Das dumpfe Gebräu nur halb verstandener oder gleich ganz erfundener, immer wieder „ergänzter“ und vermischter Glaubensvorstellungen weiß Dunne gut in seine Geschichte zu integrieren. Gerade vor dem Hintergrund realer Wahnsinnstaten fanatisierter Fundamentalisten und Sektierer gewinnt „Die Keltennadel“ traurige Überzeugungskraft.

Dunne wählt für seinen Roman Irland als Ort der Handlung. Das macht bei der Lektüre zunächst nervös, weil man immer damit rechnet, dass der Autor fröhliche, rothaarige Trunkenbolde, Kobolde oder zumindest wild um sich schießende IRA-Terroristen auftreten läsät – dafür steht Irland nämlich in Wort, Bild und Film seit langer Zeit, und diese Klischees nerven. Aber Dunne wagt das politisch Unkorrekte und stellt Irland als Ort da, an dem ganz normale Menschen ein meist ganz normales Leben führen.

Einige weniger erfreuliche Aspekte der „Keltennadel“ dürfen an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben. Sie resultieren hauptsächlich aus dem Übereifer eines frischgebackenen Autors, der natürlich das Rad neu erfinden möchte. So weist der Handlungsfaden an vielen Stellen einige Knoten zuviel auf; Dunne gelingt es nicht, die aufwändig vorbereitete Auflösung durch einen entsprechenden Höhepunkt zu krönen. Sobald die Geschichte Irland verlässt, wird sie leicht lächerlich. Das trifft besonders auf das dramatische Schlusskapitel in Bethlehem zu – Weltgeschichte, wie der kleine Max sie sich vorstellt.

Auch die Demaskierung der so sorgfältig aufgebauten Bösewichter des „Zehnten Kreuzzugs“ enttäuscht. Diesen geistig minderbemittelten, dummes Zeug faselnden Gestalten soll es gelungen sein, die Polizei auf zwei Kontinenten und die Welt in Atem zu halten? So ist es wohl kaum eine Überraschung, dass Dunne auf den letzten Seiten in bewährter „Akte X“-Manier die „wahren“ Verschwörer aus dem Hut zaubert, die den gerade malerisch in Jenseits beförderten Schurken als Strohmann vorgeschoben haben und nun ihre düsteren Pläne ungestört weiterverfolgen können – ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung?

Zu erwähnen sind noch gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung, die allzu sehr nur zu bekannten Klischees folgt: die unermüdliche, unerschrockene Journalistin und der attraktive, mit seinem Glauben ringende Priester (die hier sogar zueinander finden dürfen – ho-ho, welch‘ revolutionärer Einfall! Da werden die Papisten aber aufheulen!), der „gute“ Bulle und sein treuer, aber ständig auf dem Holzweg befindliche und dem echten Täter dadurch in die Hand spielende Gefährte (der Konvention folgend, hätte er eigentlich im Verlauf der Handlung umkommen müssen), der genial-satanische Bösewicht, der souverän an den Fäden seines weltumspannenden Imperiums des Abscheulichen zieht (in denen er sich freilich – wenig überzeugend – sofort verheddert, sobald der „gute Held“ ihm auf die Schliche kommt) und natürlich seine treu ergebenen, zu jeder Schandtat bereiten Helfershelfer, die durch ausgeprägte Schusseligkeit ihren Teil dazu beitragen müssen, Held und Schurke zueinander finden zu lassen.

Insofern wartet auf den Leser ganz gewiss nicht „ein neuer Super-Schocker des neuen ‘King of Crime‘ aus Irland“, wie ein (klugerweise ungenannt bleibender) Fürsprecher auf der Rückseite des Covers mächtig dröhnt, sondern „nur“ ein solider und unterhaltsamer Thriller, der auf der allerdings auch schon wieder abflauenden Welle der „Massenmord-nach-der-Bibel“-Romane und -Filme reitet und trotz einiger Längen gute Unterhaltung bietet.

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin

Das geschieht:

Jacob „Jake“ Geismar hat als US Auslandskorrespondent ab 1936 erfolgreiche Jahre in Deutschland verbracht, bis Propagandaminister Josef Goebbels ihm wegen offen nazifeindlicher Äußerungen die Abreise dringend nahelegte. Zurück ließ Geismar Lena, die Liebe seines Lebens, deren Gatte, der Mathematiker Emil Brandt, ein guter Freund des Amerikaners war, ohne vom Ehebruch zu wissen. Lenas wegen kehrt Geismar im Juli 1945 zurück. Außerdem soll er über den Alltag in der von den vier Siegermächten besetzten Hauptstadt berichten.

Berlin ist eine gigantische Geister und Totenstadt. In der endlosen Ruinenwüste fristen die Überlebenden ein von Not geprägtes Leben. Die Amerikaner sehen die Besatzung pragmatisch. Geismar erlebt, wie hier Kriegsverbrecher gestellt und verurteilt werden, während dort andere heimlich aus dem Land geschmuggelt werden, weil sie über wissenschaftliches oder technisches Wissen verfügen, das den Siegern wichtiger ist als Gerechtigkeit. Zudem beteiligen sich Besatzungssoldaten an Schwarzmarktgeschäften, verschieben gestohlene Kunstschätze, handeln mit Entnazifizierungs Papieren eine Unterwelt, in die es Geismar durch den Mordfall Patrick Tully verschlägt. Der US- Lieutenant hatte Emil Brandt zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen. Brandt wird es zu Lena ziehen, die Geismar inzwischen ausfindig machen konnte. Sie haben ihr Verhältnis wieder aufgenommen. Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin weiterlesen

Ellery Queen – Chinesische Mandarinen

Queen Mandarinen Cover kleinEin eigentlich unmöglicher Mord ruft Meisterdetektiv Ellery Queen auf den Plan. Wie hat es der Täter geschafft – und wieso hat er sich solche Mühe gegeben, dem Opfer die Kleidung verkehrt herum anzuziehen und im Mordzimmer alle Einrichtungsgegenstände gegen die Wände zu drehen …? – „Whodunit“-Krimi aus der „Goldenen Ära“ dieses Genres, komplex und liebevoll abgedreht, in Handlung und Personal Krimi-Klassik pur, dazu spannend und witzig. Ellery Queen – Chinesische Mandarinen weiterlesen

Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann?

Das geschieht:

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ein großer Meteorit am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater in die Erde geschlagen. Die Wissenschaft hat ihm den Namen „Wolf-Creek“ verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn „Lucifer’s Couch“.

In diesem Krater liegt die Leiche eines Mannes. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. „Bony“, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus. Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann? weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Warnung: Keinesfalls vor einer Prüfung oder ähnlich wichtigen Ereignissen anfangen – man kann das Buch kaum aus der Hand legen!

_Der Autor_

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Co-AUTORIN!

Jeder darf nun online ein Sakrileg begehen: Mehr Infos sowie ein „Sakrileg“-Online-Spiel gibt’s auf der deutschen Homepage http://www.dan-brown.de

_Handlung_

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University, weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnische Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunière liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis. Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei, am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Sie kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei, schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb mussten der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunière hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer nun wem welches Geheimnis wo, wann und wie abjagt, darum drehen sich die restlichen 450 Seiten. Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen spannenden und sehr leicht zu lesenden Roman in nur wenigen Tagen ausgelesen. Sehr einfach zu lesen ist das Buch deshalb, weil die doch recht vielschichtige geschichtliche Materie, um die es geht, stets fein säuberlich erklärt wird. Was der Symbolologe Langdon nicht versteht, erklärt ihm die Codespezialistin Sophie Neveu. Und umgekehrt.

Als beide zu einem Spezialisten fahren, den Langdon kennt, kommen noch tiefe historische Dimensionen hinzu. Wenn alle drei nicht mehr mit ihren Entschlüsselungsversuchen weiterkommen, gibt es ja immer noch Spezialbibliotheken, auch solche auf dem modernsten technischen Stand.

Und wenn selbst das nicht mehr hilft, um die Rätselsprüche, die Jacques Saunière hinterlassen hat, aufzuklären, muss die gute alte Eingebung und Intuition herhalten. Denn nicht jeder Freund, der sich als solcher ausgibt, stellt sich am Ende auch als solcher heraus. Und wenn man in die Mündung einer Pistole schaut, bringt das die kleinen grauen Zellen ungemein auf Trab.

_Die Akteure_

Auch die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Sophie lernen wir am besten kennen, denn ihre Familiengeschichte und ihre Ausbildung stellen sie an eine ganz besondere Position innerhalb des Themas, das ich bislang noch nicht verraten habe und auch nicht werde.

Schließlich sind da noch die Schurken: Der körperlich außergewöhnliche Mörder des Museumsdirektors, ein Albino, ist ein williges Werkzeug zweier Meister. Der eine davon ist der Opus-Dei-Bischof, doch der andere ist lediglich als „der Lehrer“ bekannt. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bleibt dessen wahre Identität lange Zeit im Dunkeln, nur um dann umso stärker zu schockieren. Das ist sauber ausgetüftelt.

_Good old Europe_

Ohne nun das zentrale Thema zu verraten, kann man doch sagen, dass einem amerikanischen Leser der alte Kontinent Europa wie das reinste Kuriositätenkabinett dargeboten wird. Dies erfolgt in Form einer Schnitzeljagd: ein gelöstes Rätsel führt zum nächsten und so weiter, immer tiefer in die Vergangenheit: von der Kreuzigung über die Kreuzzüge und Tempelritter bin hin zu modernen Geheimbünden.

Der Autor macht den Leser selbst zum Codeknacker, Symbolkundler, Rätsellöser – kurzum: zum Geheimdienstler à la NSA oder CIA. Wir sind dann alle kleine oder große Spykids, genauso wie es die Großmeister der Bruderschaft stets waren. Leonardo da Vinci, auch ein Spykid, verschlüsselte seine Botschaften, wie es schon die alten Juden zu Jesu Zeiten taten. Und der Museumsdirektor des Louvre, in da Vincis Nachfolge, baute die codegeschützten Nachrichtenbehälter da Vincis nach.

Donald Rumsfelds spitzes Wort gegen „das alte Europa“, auf das die europäische Intelligentsia so hochmütig selbstbewusst reagierte – hier, in Dan Browns Roman, nimmt es für jeden Amerikaner Gestalt an. Und wenn wundert’s da noch, dass es am Schluss der Ami Langdon ist, dem doch noch die Lösung des Rätsels in den Schoß fällt. Wenigstens erweist er der Offenbarung seine Reverenz. Na, das ist doch schon mal was.

_Unterm Strich_

Als hätte ihm seine werte Gattin, die Kunsthistorikerin, die geistige Feder geführt, liefert Dan Brown zwar wieder mal einen routinierten Mystery-Thriller ab. Doch dieser spielt mit so vielen geschickt verpackten Hinweisen aus der Kunstgeschichte, dass sich der Leser nicht wie in einem Seminar vorkommt, so wie bei einer sehr anschaulichen Führung durch die Museen und Bibliotheken Europas. Dass dabei noch Mörder, Geheimbünde und die Polizei sowieso hinter den Helden herjagen, tut der Spannung gut, die bis fast zum Schluss aufrechterhalten bleibt. Übrigens finde ich die Übersetzung mit den zahllosen Übersetzungen aus Latein, Englisch, Französisch, Hebräisch usw. sehr gelungen.

In jedem Fall lautet das Motto dieser literarischen Schnitzeljagd „Einer wird Millionär“. Und dreimal dürfen wir raten, wer das wohl sein wird.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.
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Greg Iles – Infernal

Das geschieht:

Ihre Fotografien von den Schlachtfeldern dieser Welt haben sie berühmt gemacht. Doch nun ist Jordan Glass ausgebrannt. Sie begibt sich auf eine Reise nach Asien – und gerät in Hongkong vom Regen in die Traufe: In einem Kunstmuseum findet sie eine unheimliche Ausstellung. Der anonyme, hoch talentierte Maler bildet Frauen ab: nackt, schlafend – oder sogar tot? Jordans faszinierte Abscheu verwandelt sich in Schrecken, als sie in einem der ‚Modelle‘ ihre Zwillingsschwester Jane erkennt. Die ist vor einem Jahr in New Orleans während eines Jogginglaufes spurlos verschwunden. Das FBI kennt noch mehr dieser Fälle, denen eines gemeinsam ist: Eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt, eine Leiche nie gefunden.

Können nun die Ermittlungen wieder aufgenommen werden? Die Behörden sind willig aber auch ratlos. Kein Mensch hat den Künstler bisher gesehen. Auf eigene Faust beginnt Jordan nach ihm zu fahnden. In New York kann sie seinen Galeristen ausfindig machen. Auch dieser Christopher Wingate behauptet jedoch, seinen Auftraggeber nicht zu kennen, und bedroht die lästige Jordan, die ihm ein lukratives Geschäft zerstören kann. Doch plötzlich geht die Galerie in Flammen auf, denen nur Jordan entkommt. Der unheimliche Maler ist wohl näher als gedacht und schützt sich rigoros davor, enthüllt zu werden. Greg Iles – Infernal weiterlesen

Eco, Umberto – Foucaultsche Pendel, Das

Umberto Eco (*05.01.1932), piemontesischer Professor der Semiotik, dürfte den meisten Lesern durch „Baudolino“ und „Der Name der Rose“ bekannt sein. Letzteres wurde bereits mit Sir Sean Connery, F. Murray Abraham und Christian Slater verfilmt, mit etwas anders gesetzten Schwerpunkten.

„Das Foucaultsche Pendel“ hat ebenfalls einen Bezug zum Mittelalter, allerdings ist es anders aufgebaut: Ein vermeintlicher Geheimplan zur Weltbeherrschung der Tempelritter wird hier von drei Mailänder Verlagslektoren in den Siebzigerjahren aufgedeckt – und nahezu alle bekannten Verschwörungstheorien in diesen ominösen, großen Geheimplan eingewoben.

_Die Handlung_

Casaubon, Belbo und Diotallevi haben eines gemeinsam: Sie sind Lektoren für den Verlag Garamond, und dürfen sich stets die abstrusesten Hirngespinste ihrer Autoren antun. So lästern und spötteln sie über deren Gedankengänge, bis eines schicksalhaften Tages der ehemalige Oberst Ardenti ihnen ein besonders interessantes Buch vorlegt: Von einer geheimen Verschwörung der Tempelritter, Verschwörers liebstem Kind, ist da die Rede, einem Geheimplan, der sich über Jahrhunderte erstecken soll… die Neugier ist geweckt, und dann geschieht das Unfassbare: Ardenti wird einen Tag, bevor er seine Erkenntnisse nochmals umfassend vorstellen darf, umgebracht!

Die Polizei untersucht den Fall, findet aber keine Spuren – die drei sind besorgt, gehen jedoch vorerst getrennte Wege: Casaubon z.B. vorerst nach Brasilien, Belbo bleibt in Italien. Alle drei machen weiter Erfahrungen mit Verschwörungen und okkulten Dingen, die sie bei ihrem Wiedersehen kombinieren.

Sie entdecken immer mehr Details, erschließen sich immer mehr Zusammenhänge: Alle 120 Jahre treffen sich die auf mehrere Gruppierungen verteilten Templer. Diese haben Rosenkreuzer, Freimaurer und andere Gruppierungen unterwandert. Es treffen sich stets nur die zwei Großmeister der jeweiligen Gruppe. Das Geheimnis der Templer basiert wahrscheinlich auf ihrer Beherrschung der tellurischen Ströme, ohne euch zuviel zu verraten, aber ihr Plan fußt darauf, dass sie erst in mehreren hundert Jahren die nötige Technologie zur Ausbeutung dieses Wissens besitzen werden. Doch leider gingen in Kalenderreformen und Kriegswirren einige Treffen ins Leere – und da der Plan so unsagbar geheim gehalten wurde, fehlen nun Bruchstücke, die wohl nicht mehr zu ersetzen sind. Und so trachten nun viele Organisationen danach, sich das Wissen der jeweils anderen Gruppen anzueignen.

Es wird auch für die drei Lektoren gefährlich: Ähnlich Ardenti sind auch sie ihres Lebens nicht mehr sicher… sie wissen oder vermuten zu viel.

_Story hui, Umsetzung pfui_

Zuerst das Positive: Die Story hat etwas für sich, wenn man sie so liest: Man weiß oft nicht: Ist das nun Realität, was sie sich dort zusammenschustern, oder sind sie auf dem Holzweg? Nebenher präsentiert Eco ein umfassendes Sammelsurium aller möglichen Sekten, Logen und Geheimbünde der letzten Jahrhunderte – und bringt sie in Zusammenhang. Teilweise genial!

Das ist auch die große Stärke des Buchs. Leider machen Ecos Schreibstil und seine übertriebene und langatmige Verzettelung in oft zuerst nur vermeintlich nebensächlichen Theorien das Ganze zu einem enormen Geduldsspiel.

Die ersten 110 Seiten sind eine pure Qual. Satzkonstruktionen, die sich über ein Dreiviertel der Seite erstrecken, sind keine Seltenheit. Vor allem, da hier noch kein Bezug zu der Geschichte hergestellt wird. So sind oft philosophische oder intellektuelle Betrachtungen zum Foucaultschen Pendel, alten Automobilen und Ähnlichem vorerst in den luftleeren Raum gestellt – mehrere hundert Seiten später greift Eco sie jedoch wieder auf.

Die drei Hauptfiguren stellen eigentlich nur die Verkörperung Ecos dar, sie legen uns in ihrer Dreieinigkeit seine Gedankenspielchen dar, einer der Lektoren stammt wie er aus dem Piemont, aus dem Dorf *** nahe San Davide – diese Information zur Lage des Ortes, den ich mühsam herausgeknobelt habe, der auch im Buch nur mit *** benannt wird, wird dem Leser kurz vor Ende gegeben.

Das führt aber auch dazu, dass ihr Leben und Charakter bis auf diverse Rückblenden in ihre Jugend, meistens nach ***, sich ihrer Darbringung von Verschwörungstheorien unterordnet.

Sobald Eco in Fahrt kommt, und erste Zusammenhänge ersichtlich werden, macht das Buch langsam Spaß. Doch die langatmige Verkuppelung aller möglichen Dinge zu einem dann doch eher simplen Grundgerüst ist verdammt zäh. Besonders wenn Eco zum gelegentlichen Rundumschlag ausholt und eine genau EINE GANZE Seite lange Auflistung aller bekannten Orden, Logen, okkulter Gruppierungen der letzten Jahrhunderte liefert. Warum eigentlich? Zuviel des Guten!

So muss man schon sehr konzentriert lesen, damit man den roten Faden und vor allem die Geduld nicht verliert. Meine Lieblingsbonmots, die etwas auflockern konnten, waren der Vergleich der Zahlenmystik einer Kiosk-Säule mit der großen Cheops-Pyramide und der Abstammung der SS von den Zwergen, sowie einiger piemontischer Lebensweisheiten Belbos.

Am Ende verwischt Fiktion mit Wirklichkeit, keiner weiß mehr, was ist wahr, was nimmt man nur als wahr an. Casaubon taucht unter, um sein Leben zu retten.

_Klingt besser, als es ist_

Rein von den schieren Details her müsste man von dem Buch begeistert sein, es klingt vielversprechend. Ich war es jedoch nicht, und kann es euch definitiv nicht empfehlen. Nach den ersten hundert Seiten war ich völlig gelangweilt und entsetzt über diesen furchtbaren Schreibstil, der einem in einer Tour lamentierenden Italiener zur Ehre gereichen würde, aber ohne Punkt, nur mit Komma. Durch die zahllosen Stränge der Handlung, deren Bedeutung sich oft erst in der Nachsicht offenbart, ist man oft erst viele hundert Seiten später in der Lage, Sinn und Zweck zu erkennen. Bis dahin ärgert man sich mit dem Buch ziemlich, es ist einfach viel zu weitschweifig und vernachlässigt die Story zugunsten zahlloser Litaneien ohne echten Bezug zu derselben. Das Ende erschien mir persönlich auch etwas unbefriedigend.

Es bleibt ein schwer zu lesendes und sehr anspruchsvolles Buch, da es auch vorteilhaft ist, neben Englisch auch Französisch, etwas Italienisch und Küchenlatein zu können. Hebräische und griechische Textpassagen sind zum Glück nur an den Kapitelanfängen zu finden. Desweiteren sollte man über viel Geduld verfügen.

Warum ich aber dieses Buch absolut nicht empfehle… mir gefällt Ecos Schreibstil, oder sagen wir mal die Übersetzung, absolut nicht. Ein spannender Thriller, der zugänglicher ist und die Phantasie mehr anregt als ein Eco’sches Pendel, dessen Schwingungen wir geradezu aufgezwungen bekommen, macht mehr Spaß, ein Thriller, bei dem man selbst etwas mitkombinieren und staunen kann. Und der Aha-Effekt geht beim Pendel leider ziemlich unter.

Da mir der große Genuss, der mir von vielen Rezensionen versprochen wurde, versagt blieb, habe ich Fakten und Aussagen auf historische und mathematische Korrektheit geprüft, zum Teil mit meiner Formelsammlung – das solltet ihr euch sparen, es fehlt bei Eco’s Aussagen oft an exakten Werten, aus denen man seine Ergebnisse berechnen könnte, aber das war wohl auch nicht der Sinn. Vielmehr eine Verirrung meinerseits in meiner Verzweiflung, die oft, manchmal auch nur scheinbar, zusammenhanglosen Gedankenspiele miteinander zu kombinieren.

Den Unterhaltungswert sehe ich zwiespältig, leichte Lektüre ist das nicht – aber wenn man sich die Mühe macht, bin ich mir sicher, dass nicht jeder die „Belohnung“ genießen kann. Ich war nicht allzu begeistert. Allzu oft habe ich mich in Ecos Gedankenlabyrinthen verirrt, genauso wie er bei der Story zugunsten von Nebenhandlungen den roten Faden verloren hat. Ein Künstler ist der, der es sich nicht beweisen muss. Eco hat seinem Buch dadurch eher geschadet.

Ich empfehle euch stattdessen etwas leichtere, aber schriftstellerisch bekömmlichere Verschwörungskost:

[„Illuminati“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=110 oder
[„Sakrileg“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=184 von Dan Brown.

Homepage von Umberto Eco:
http://www.themodernword.com/eco/

Hill, Reginald – dunkle Lady meint es ernst, Die

Nicht von ungefähr kam Eileen Chung, die exzentrische Regisseurin am Kemble-Theater zu Mid-Yorkshire im Norden Englands, auf die Idee, in dem von ihr geplanten mittelalterlichen Mysterienspiel die Rolle Gottes mit Detective Superintendent Andrew Dalziel zu besetzen. Als solcher sieht sich der eigenwillige Chef der Kriminalpolizei selbst nicht ungern. Sein gewaltiges Ego, übertroffen nur vom Leibesumfang, und seine kaum vorhandenen Manieren werden vom Mid-Yorker Stadtklüngel und den eigenen Kollegen geduldet bzw. ertragen, weil Dalziel ein fabelhafter Polizist mit erstaunlicher Aufklärungsquote ist.

Dieses Mal hat er den Vogel abgeschossen. In schlafloser Nacht schaut Dalziel hinaus in die Nacht – und erkennt, dass sich im Nachbarhaus ein Drama abspielt. Unerschrocken eilt er hinüber und stellt den Bauunternehmer Philip Swain, der mit rauchendem Revolver über der Leiche seiner Gattin Gail steht. Ebenfalls anwesend: Hausherr Gregory Waterson, der sich als Liebhaber der Verstorbenen entpuppt.

Noch am Ort des Geschehens nimmt Dalziel Swain fest. Der Fall scheint klar, obwohl der Unternehmer leugnet. Seine Frau sei depressiv gewesen und habe Selbstmord begangen, so seine Aussage. Dumm für Dalziel, dass Waterson dies bestätigt. Der Superintendent rückt nicht von seiner Mordtheorie ab, nach der beide Männer sich abgesprochen haben. Aussage steht gegen Aussage. Selbst in Inspector Peter Pascoe, Dalziels rechte Hand und Freund, und dem treuen Sergeanten Wield steigen leise Zweifel auf. Steigert sich ihr Chef dieses Mal in eine fixe Idee hinein, die sogar ihn zu Fall bringen könnte?

Nebenbei beunruhigen auch die Briefe der „dunklen Lady“, einer Bürgerin von Mid- Yorkshire, die Dalziel anonyme Briefe schickt, in denen sie ihren baldigen Selbstmord ankündigt. Das Mysterienspiel wird alle Beteiligten zusammenführen. Neben Dalziel als Gott soll Waterson als Luzifer auf die Bühne treten – ein Streich des Schicksals, der den Superintendent erst recht erbost und anstachelt, worunter seine Leute und der brandneue Parkplatz der Polizeiwache heftig zu leiden haben …

Gute Zeiten für die Freunde ebensolcher Kriminalromane: Der längeren Pause bis zum neuen Dalziel/Pascoe-Fall einerseits und dem offensichtlichen Erfolg des Duos beim deutschen Leser verdanken wir diesen schon älteren Band der Serie, der aus Gründen der Kontinuität – Buchkäufer sind scheue Gewohnheitstiere – eingeschoben wurde, bis neues Lesefutter erscheint. Das Alter ist bei einem Roman von Reginald Hill seit jeher kein qualitätsminderndes Handicap. Statt dessen darf man sich auf das Übliche, d. h. fein gesponnene Vergnügen eines kniffligen Plots mit zahllosen Haken und Ösen freuen, das vom Verfasser mit dem nötigen Ernst und trockenem Witz – Könner schaffen es, beides zu verknüpfen – dargeboten wird. (Die Übersetzung lässt es am Leben.)

Mid-Yorkshire ist auf den ersten und auch auf den zweiten Blick die typische Provinzstadt des englischen Landhaus-Krimis. Wir befinden uns in einer beschaulichen und überschaubaren kleinen Welt, bevölkert mit skurrilen oder exzentrischen Gestalten, die sich auch durch Mord & Totschlag nur marginal aus dem üblichen Trott werfen lassen. Doch so einfach strickt Hill seine Krimis nicht: Mid-Yorkshire ist eine moderne Schlangengrube, bevölkert von ehrgeizigen Politikern, skrupellosen Geschäftsmachern, korrupten Künstlern, die untereinander kräftig mauscheln und schieben.

Die Filzokratie wird von Hill mit viel Sarkasmus bloßgestellt. Dieses Mal werden die üblichen gesellschaftlichen Grenzen im großen Mysterienspiel aufgehoben. Hinter diversen Masken kommt allerlei Unerwartetes zum Vorschein: ein großartiges Vexierspiel doppelter und dreifacher Täuschungen, das Hill hier entwirft, ein würdiger Höhepunkt für einen wunderbaren Thriller, der mit einer unerwarteten, die eigentliche Aufklärung des Falles tragisch überschattenden Tragödie endet – kein angeklebter Buh!-Bätsch!-Der-war’s-doch- nicht-Schluss à la Jeffery Deaver, sondern die traurige Quintessenz einer bemerkenswerten Nebenhandlung.

„Chef der Kripo von Mid-Yorkshire; der Dicke, das Ekelpaket, das Genie vom CID“ – so stellt uns Reginald Hill Andrew Dalziel vor – sein aktueller Kriminalroman wird stilvoll von einer Liste der auftretenden Figuren eingeleitet: einer der vielen eleganten Scherze des belesenen Verfassers, der uns seine Geschichte als Freiluft-Schauspiel präsentiert, wie Eileen Chung es zu inszenieren gedenkt. Hill doppelt gern seine Handlung bzw. spiegelt sie spielerisch in diversen literarischen Formen und Vorbildern. So haben wir Dalziel bereits in einem früheren Leben als den sagenhaften Odysseus erlebt („Das Haus auf der Klippe“), während ein anderer Fall („Die rätselhaften Worte“) damit endet, dass ihn die Mordopfer im Jenseits klären. Der gegenwärtige Dalziel lehnt sich in Gestalt und Lebensart zudem eng an Shakespeares tragikomischen Falstaff an.

Dalziel balanciert haarscharf auf dem schmalen Grad zur Karikatur. Da ist es gut, dass uns Hill immer wieder daran erinnert: Der Dicke kultiviert sein Image als grobinanischer Bürgerschreck. Dahinter verbirgt sich ein hochintelligenter Skeptiker, der eingleisiges Denken sowie verkrustete Strukturen hasst, und ein komplexer, durchaus menschenfreundlicher, lebenslustiger Charakter. Um Dalziel wenigstens zeitweise aufs Glatteis zu führen, bedarf es schon eines besonderen Gegners. Hill findet ihn in Gestalt eines jämmerlichen Feiglings und Blenders, der indes kein Dummkopf ist und seinen unerbittlichen Verfolger immer wieder mit Finten und Hakenschlägen übertölpeln kann.

Für alle Fälle gibt es Peter Pascoe, den Hill deutlich „realistischer“ zeichnet. Er leistet die Fußarbeit, während Dalziel sich klugerweise auf gelegentliche Auftritte beschränkt, so dass sich seine Figur nicht abnutzen kann. Wenn wir hier lesen, dass Pascoe nach einer Zwangspause von drei Monaten zum Dienst zurückkehrt, so bezieht sich das auf frühere Ereignisse, die hierzulande bereits 1989 (!) in „Unter Tage“ geschildert wurden und sicherlich auch dem Hill-Fan nicht unbedingt präsent sind.

Sergeant Wield kämpft weiterhin mit den Konsequenzen seines „Outings“. Ein homosexueller Polizist in der englischen Provinz darf sich keinen Beförderungswünschen hingeben, um es vorsichtig auszudrücken. Die daraus entstehenden Konflikte sorgen in diesem und vielen weiteren Bänden der Dalziel/Pascoe-Serie für den Seifenoper-Anteil, der mindest ebenso wichtig wie die eigentliche Kriminalhandlung ist.

Die „dunkle Lady“, welche hier natürlich nicht enttarnt werden soll, ist in das eigentliche Geschehen nicht verwickelt, aber stets präsent, bis sie zu schlechter Letzt ihren dramatischen Auftritt hat. Sie lässt den Triumph der Gerechtigkeit schal werden, ohne dass dies einen Missklang in das ausgeklügelte Geschehen bringt – die Lady bringt es selbst auf den Punkt: „I think also that our bodies are in truth naked. We are only lightly covered with buttoned cloth; and beneath these pavements are shells, bones and silence“, zitiert sie aus „The Waves“ der ebenfalls unglücklich geendeten Dichterin Virginia Woolf (1882- 1941) – die letzten drei Wörter bilden übrigens den englischen Originaltitel von „Die dunkle Lady …“.

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im nordöstlichen England geboren, doch die Familie zog bald nach Cumbria um. Als Student ging Hill nach Oxford und wurde später Lehrer in Yorkshire. Hier arbeitete er an seinen schriftstellerischen Ambitionen und debütierte 1970 mit „A Clubbable Woman“ (dt. „Eine Gasse für den Tod“), gleichzeiitg der erste Auftritt von Andrew Dalziel und Peter Pascoe.

Diese Serie umfasst inzwischen zwanzig Episoden und wird weiterhin mit großem Erfolg fortgesetzt. Die BBC hat sich ihrer inzwischen angenommen; Warren Clarke and Colin Buchanan spielen unsere Helden im Fernsehen.

Die Abenteuer von Dalziel und Pascoe stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller ist fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst – längst nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science-Fiction.
Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell. („The Long Kill“ veröffentlichte der Bastei-Lübbe-Verlag als „Der lange Mord“ 1988 unter der Taschenbuch-Nr. 13152.)

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau der Hill-Geschichten. Das schlägt sich unter anderem in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte der „Diamond Dagger“ für seine Verdienste um das Genre.

Autorenhomepage: http://www.randomhouse.com/features/reghill/

Brown, Dan – Sakrileg

Sakrileg (US-Titel: „The Da Vinci Code“) ist der neueste Thriller des durch [„Illuminati“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=110 bekannt gewordenen Autors Dan Brown. Wie bereits in seinem Bestseller spielt der Symbologie-Professor Robert Langdon die Hauptrolle. Er wird nichts ahnend von der französischen Polizei in den Louvre zitiert, der Museumsdirektor Jacques Saunière wurde dort ermordet aufgefunden.

Bevor dieser an einem Bauchschuss verstarb, konnte er einige merkwürdige Hinweise geben: So liegt er in seltsamer Pose nackt in einem aus Blut gezeichneten Kreis, ein Pentagramm ist auch vorhanden und folgendes seltsame Gedicht:

13-3-2-21-1-1-8-5
O, Draconian devil!
Oh, lame saint!

Langdon ist nicht so ganz klar, was das alles bedeuten soll. Erst als Sophie Neveu, die Enkeltochter des Ermordeten und Codeknackerin bei der französischen Polizei, beim Tatort eintrifft, wird ihm klar, was gespielt wird. Sie zeigt ihm eine fehlende Zeile, die Komissar Fache weggewischt hat:

P.S. Robert Langdon suchen!

– Langdon ist in den Augen der Polizei der Hauptverdächtige! Die beiden müssen fliehen, denn Fache ist zwar kein dummer Beamter, aber mit extrem langen und dennoch perfekten Anagrammen, der Fibonacci-Reihe, den Werken Leonardo Da Vincis und der Proportionsstudie nach Vitruv sowie einem Hinweis in genanntem Anagramm der 2. und 3. Zeile auf ein Bild Leonardos dürfte er wohl ziemlich überfordert sein. Die 4. Zeile is offensichtlicher, und die Flucht Sophies und Roberts ist in den Augen des Gesetzes ein Schuldeingeständnis…

Doch nicht nur die Polizei ist hinter den beiden her. Der Albino Silas von der ultrakonservativen katholischen Sekte Opus Dei und die sagenumwobene Prieuré de Sion sind auch mit von der Partie. Manch einer mag jetzt schon erahnen, um was es geht – die Jagd nach diesem „Schatz“ wird Robert und Sophie von Paris bis nach London führen. Die Rätsel, Symbole, geschichtlichen Geheimnisse versteckt in Kunst und Kultur bis hin zu Bezügen zu „Arielle, der kleinen Meerjungfrau“ werden, so unglaublich es klingt, verblüffend stimmig und unterhaltsam präsentiert und nacheinander aufgelöst.

Wie schon bei „Illuminati“ muss man kein Kunstprofessor sein, um das Buch genießen zu können; ich kann mich rühmen, fast die Lösung des ersten Kryptex von Leonardo gefunden zu haben. Brown gelingt es, sowohl in Verschwörungen Bewanderte als auch den unerfahrenen Leser zu unterhalten und auf angenehme Weise weiterzubilden. Wie schon in „Illuminati“ gibt es am Ende wieder eine absolut unerwartete Wende… Lasst euch überraschen.

Eine Frage möchte ich gleich beantworten: Kann „Sakrileg“ „Illuminati“ toppen? Geschmackssache, würde ich sagen – der Titel könnte auch gut und gerne „Illuminati 2“ lauten, denn gewisse Stilmittel und Storyelemente sowie einige Figuren wurden nahezu eins-zu-eins übernommen. Allerdings fand ich die Rätseldichte und Qualität dieses Mal etwas höher. Das Einzige, was mich gestört hat, waren die zu große Ähnlichkeit mit „Illuminati“ und ein Schnitzer im Vorwort: Dan Brown beginnt anscheinend grundsätzlich jeden Roman mit der Beteuerung, dass alle seine Fakten und Aussagen in dem Buch auf wahren Begebenheiten basieren. So bringt er informierte Leser mit dem Ausdruck „Prieuré de Sion“ und dem Hinweis auf die erzkatholische Gruppierung „Opus Dei“ gleich auf eine heiße Spur, um was es in der anfangs undurchsichtigen Geschichte gehen könnte… Zum Glück führt er damit gleichzeitig auch ein wenig auf einen Holzweg.

Bemerkenswert ist auch, wie sehr Brown stets seiner Linie treu bleibt: In „Illuminati“ waren Robert Langdon und die Tochter des ermordeten Wissenschaftlers, Vittoria, die Hauptpersonen. In [„Meteor“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=155 Rachel Sexton und der Meeresbiologie Michael… In „Sakrileg“ wieder Robert Langdon und die Enkelin des ermordeten Museumsdirektors Saunière.

Um die Analogien weiterzuführen: Der Albino-Attentäter Silas ist das Pendant zu dem durchtrainierten arabischen Assassinen aus „Illuminati“. Ebenso gleichen sich die Romane im Aufbau: Alle drei haben kurz vor Schluss noch eine überraschende Wende, wobei allerdings die von „Sakrileg“ mir noch am besten gefallen hat, sie ist nachvollziehbarer und nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen wie der Schluss von „Illuminati“. Browns Erzählkunst unterhält, man liest seine Romane wie hypnotisiert zuende, so dass einem kaum auffallen dürfte, dass die Personen nur sehr grob charakterisiert werden und sich deutlich der rätsellastigen Geschichte unterordnen – dafür werden Spannung und Geheimnisse pur geboten.

Die Übersetzung (diesmal von Piet van Poll) ist tadellos, die Umschlaggestaltung des nun mittlerweile von Lübbe geadelten Brown – „Sakrileg“ erscheint zuerst als Hardcover – ist eng an den gefälligen Stil von „Illuminati“ und „Meteor“ mit dem leicht erhabenen Titelschriftzug angelehnt. Leider erwischte ich ein Exemplar, bei dem die Seiten 16-32 fehlten und dafür das Kapitel Vier zweimal abgedruckt war, in solchen Fällen („versteckter Fehler“) kann man jedoch sein Buch bei jedem beliebigen Buchhändler umtauschen lassen. Es scheint sich um keinen Einzelfall zu handeln, mehrere der ersten Drucke scheinen genau denselben Mangel aufzuweisen. Davon abgesehen: Auch wenn Brown gewissermaßen immer dasselbe Grundgerüst für seine Storys verwendet, die Charaktere eigentlich nebensächlich und eher flach sind, seine Rätsel, Erzählkunst und der hohe Unterhaltungswert seiner Romane können mich immer wieder begeistern. Ich kann „Sakrileg“ allen Fans von „Illuminati“ nur empfehlen. Ich würde „Sakrileg“ wegen der komplexeren Zusammenhänge und dem überzeugenderen Ende einen knappen Punktsieg zugestehen.

Homepage des Autors: http://www.danbrown.com/
Dan-Brown-Homepage bei Lübbe: http://www.dan-brown.de/

Follett, Ken – Schlüssel zu Rebecca, Der

Afrikafeldzug, 1942:
Nicht nur an der Wüstenfront wird gekämpft, auch hinter den Linien geht der Kampf der Spione weiter. Kaum in Kairo angekommen, begeht der deutsche Spion Alex Wolff einen Fehler und muss einen britischen Soldaten töten. Major William Vandam vom britischen Geheimdienst nimmt zuerst erfolglos seine Spur auf. Wolff dagegen ist sehr erfolgreich: Dank seiner verführerischen Komplizin, der populären Tänzerin Sonja el-Aram, kann er von einem Adjutanten des britischen Oberbefehlshabers Auchinleck regelmäßig geheimste Informationen ausspionieren. Als halber Araber kennt Wolff zudem Bräuche und Sitten der Ägypter und hat hervorragende Kontakte zur Unterwelt Kairos.

Vandam hat mittlerweile allerdings auch schon vieles über Wolff in Erfahrung gebracht und setzt eine frisch rekrutierte Agentin auf ihn an. Die erotische Elene Fontana ist Halbjüdin und möchte nach Israel auswandern – durch ihre Arbeit für den Geheimdienst möchte sie die begehrte Ausreisegenehmigung erhalten. Bald taucht Wolff wieder bei dem Kaufmann Aristopoulos auf – und beißt an. Da er noch eine Gespielin für seine exquisiten Liebespiele mit Sonja sucht, ist die schöne Elene für ihn unwiderstehlich.

Aber nicht nur für ihn. Auch der eher brave Major Vandam hat sich in sie verliebt. Es wird für ihn immer unerträglicher, Elene in der Nähe dieses gefährlichen Mannes zu wissen. Nicht nur um ihr Leben fürchtet er, der Gedanke, dass Wolff Sex mit ihr haben könnte, bereitet ihm schlaflose Nächte.

Die Zeit drängt: Rommel steht nur noch 25 km vor Kairo, bereits einmal haben Wolff’s Informationen die Schlacht zu seinen Gunsten entschieden. Vandam muss handeln. Leider schlägt die Verhaftung Wolffs wiederholt fehl, Elene und Vandam’s Sohn Billy geraten in Lebensgefahr, als Wolff mit ihnen als Geiseln aus Kairo flieht…

Ein sehr spannender Mix aus Agenten- und Detektivgeschichte mit einem ordentlichen Schuss Erotik! In der Tat ist der ausführlich beschriebene Dreier in diesem Buch die wildeste Sexszene, die ich bisher von Follett gelesen habe.

Gewohnt fundierte Sachkenntnis des Spionagegeschäfts beweist Follett bei dem namensgebenden Codebuch: Der Roman „Rebecca“ dient zusammen mit einem Codeschlüssel Wolff zur sicheren Nachrichtenübermittlung. Desweiteren wurde das Verhältnis der ägyptischen Bevölkerung zu Deutschen und Briten differenziert geschildert. Besonders gelungen sind die Charakterisierungen der Hauptpersonen, Vandam und Wolff. Letzterer ist halb Deutscher, halb Araber, taucht gerne mal in einer Moslemverkleidung unter und wird oft von dem schlitzohrigen Abdullah bei seinen schmutzigen Geschäften unterstützt. Ich fand sowohl den intelligenten Wolff als auch seinen smarten Gegner Vandam ausgesprochen sympathisch. Die Frauenfiguren sind ein bisschen nuttig geraten, wobei Sonja eindeutig ein Äquivalent der berüchtigten Mata Hari ist. In Elene erkennt man Charakterzüge späterer weiblicher Hauptfiguren Follett’s, wie auch der Duellcharakter zwischen den beiden Agenten starke Ähnlichkeiten zu Follet’s „Leopardin“ aufweist.

Die Szenerie ist perfekt recherchiert und in Szene gesetzt, sogar historische Persönlichkeiten wie Rommel und Kesselring wurden in die Handlung integriert. Wolff spielt Rommel Informationen zu, dieser siegt. Bei der Entscheidungsschlacht bei El Alamein kann er leider nicht mehr auf dessen Dienste zurückgreifen…

Weniger gelungen ist der „Auftritt“ von Anwar El-Sadat, dem späteren Staatsoberhaupt Ägyptens: Geradezu zwanghaft scheint Follett in seine Romane solche nur kurz und ohne näheren Zusammenhang zur Handlung stehenden Figuren einbauen zu müssen. Wie in „Mitternachtsfalken“ der König von Dänemark, ist auch Sadat für den Handlungsverlauf absolut verzichtbar!

Ein schlimmer Bruch folgt im letzten Drittel des Buches: Ein sehr gut recherchiertes und stimmiges Szenario mit interessanten Charakteren und viel Erotik wird nun mit dem Vorschlaghammer zerstört!

Ich konnte es kaum glauben, auf einmal mutiert Wolff zum perversen Lüstling, der mit Elene einiges anstellt, damit nicht genug, er entführt auch noch Vandam’s Sohn, um mit ihm und Elene als Geiseln seine Flucht abzusichern. Nicht nur bei gegebener Lage zu diesem Zeitpunkt idiotisch, müssen zahlreiche Charaktere sich nun wegen der Notwendigkeit, die Handlung nicht zu gefährden, dämlich anstellen, damit Wolff fliehen und die Geschichte sich weiter entwickeln kann.

Das Happy End macht aus der sich ehemals von ihren Liebhabern haushaltenden Elene eine respektable Mrs. Vandam, die sowohl Sohn Billy als auch Mr. Vandam ausgesprochen glücklich macht. Sehr schön, aber auch sehr schnulzig. Nach erwähntem Bruch lebt das Buch von der Spannung, die durch die tödliche Gefahr, in der Elene und Billy schweben, entsteht. Leider wird das Buch hier auch trivialer als mancher Groschenroman, Follett konnte es wie so oft in seinen Büchern nicht lassen, maßlos zu übertreiben und indirekt Vandam alleine den Sieg bei El Alamein zuzuschreiben. Besonders verärgert war ich über die bestürzende Verwandlung des sehr interessanten Charakters Wolff hin zu einem hirnlosen Nazi mit perversen Gelüsten, war er doch vorher sehr differenziert geschildert worden.

Wer einen Spionagethriller light vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs mit einer wahrlich heißen und erotischen Dreiecksgeschichte sucht, wird „Rebecca“ trotz des verkorksten letzten Drittels lieben. Schade, ohne diese Mängel hätte es auf einer Stufe mit den vergleichbaren Romanen „Die Nadel“, „Die Leopardin“ und „Mitternachtsfalken“ gestanden.

Homepage des Autors: http://www.ken-follett.com

Suzuki, Kôji – Ring

Dies ist die Romanvorlage für die japanische und die US-amerikanische Verfilmung „The Ring“: ein Gruselschocker, der in Japan eine Renaissance des Psychohorrors auslöste und acht Millionen Exemplare von der Ring-Saga verkaufte. Die Unterschiede zur US-Verfilmung, die ich kürzlich gesehen habe, sind erheblich. Ich gehe in meinem Bericht darauf ein. Wer den US-Film kennt, wird die Unterschiede interessant finden.

Kôji Suzuki wurde 1957 in Japan geboren und studierte an der Keio University. Er gewann 1990 mit dem Roman „Rakuen“ den japanischen Fantasy Novel Award, bevor ihm ein Jahr später mit „Ring“ der Durchbruch gelang. Drei weitere Romane aus der Mystery-Saga – ein Prequel und zwei Sequels – um das verhängnisvolle Videoband machten ihn in Japan zum Erneuerer des Psychohorrors. Auf dieser Saga basieren bislang drei japanische Kinofilme, doch erst die Dreamworks-Verfilmung von Gore Verbinski im Jahr 2002 brachte den ersten Teil der Saga auf den Radarschirm des internationalen Publikums. Man muss selbst entscheiden, welche Version besser gelungen ist. Eingefleischte Horrorfans meinen, es sei die japanische.

Der japanische Reporter Asakawa Kazuyuki erfährt zufällig von einem Tokioter Taxifahrer, dass an einer Ampel wenige Tage zuvor ein junger Mann einfach so von seinem Motorrad fiel – und natürlich das wertvolle Gefährt des Taxifahrers beschädigte. Etwas an diesem Vorfall macht Asakawa persönlich betroffen. Es ist die Uhrzeit: Zur gleichen Zeit, wohl auch am gleichen Tag, starb seine 17-jährige Nichte Tomoko Oishi. Noch eine weitere Übereinstimmung gibt es: Die beide jungen Menschen starben an Herzversagen.

Als noch zwei weitere Leichen mit den gleichen Übereinstimmungen gefunden werden, riecht Asakawa eindeutig eine Story. Aber da gibt es einen Haken. Zwei Jahre zuvor hat sich Asakawa bei einer Story über Okkultismus bis auf die Knochen blamiert. Daher verweigert sein Chef diesmal die Genehmigung für einen Artikel.
Seine persönliche Anteilnahme lässt Asakawa aber keine Ruhe. Er hat selbst Weib und Kind – was, wenn ein neuer Virus um sich greift? TBC und Pocken mögen ja schon 25 jahre lang ausgerottet sein, aber was ist mit AIDS oder einem neuen Virus des Militärs?

In Tomokos Kram findet er einen Mitgliedausweis für eine Ferienanlage in den Bergen. Er lautet nicht auf ihren Namen. Als Asakawa in der ordentlichen, absolut unverdächtigen Anlage eintrifft, mietet er die gleiche Blockhütte wie Tomoko und jene drei anderen „Opfer“. Opfer von was? Die Blockhütte ist absolut ohne Hinweise, und erst, als er überlegt, was sie wohl gemacht haben, um sich zu vergnügen, kommt er auf den Videorekorder. Aber normale Videos haben ja keine tödliche Wirkung. Daher sucht er beim Verwalter, und tatsächlich: ein absolutes No-name-Video steht im Regal.
Das Betrachten dieses Videos schockt und verwirrt den Reporter. Der Inhalt ist nur irritierend, doch die Warnung am Schluss beunruhigt ihn: Wer dieses Video sieht, muss binnen sieben Tagen sterben – nach einem Anruf. Und prompt klingelt auch das Telefon. (ring! ring!)

In Panik verlässt Asakawa die Ferienanlage und vertraut sich einem Jugendfreund an, Ryuji. Dies ist ein recht seltsamer Knabe: ein Philosophieprofessor, der allerdings Logik lehrt. Das ist schon ‚mal sehr förderlich für Asakawas Bemühungen, Licht in die rätselhafte Sache mit dem Todes-Video zu bringen. Allerdings hat Ryuji einen Haken: Er hat in der Oberschule gegenüber Asakawa zugegeben, eine Frau vergewaltigt zu haben. Vertraut man einem solchen Freund? Notgedrungen, ja.
Nachdem auch Ryuji eine Kopie des Videos bis ins Kleinste analysiert hat, stoßen sie auf merkwürdige Unstimmigkeiten: Es wurde nicht mit einer Kamera aufgenommen, sondern direkt in die Bildröhre des TV-Geräts gesendet, von dem der Videorekorder aufnahm. Nur ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten würde das fertigbringen, oder? Aber wozu? Und wer hat die Stelle auf dem Band gelöscht, die verrät, wie man den Fluch des Videos abwenden oder aufheben kann?

Die Antworten finden sich weit entfernt, sowohl geografisch als auch zeitlich. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt für die beiden Hobbydetektive. Und da inzwischen auch Asakawas Frau und Tochter das Video-Original gesehen haben, muss er auch um seine Familie bangen.

In der Romanvorlage ist die Hauptfigur also ein Mann, im US-Film eine Frau: Rachel (Naomi Watts). Sein Helfer ist ein merkwürdiger Freund namens Ryuji, im US-Film ist es der Ex-Mann Rachels (Martin Donaldson). Beide Hauptfiguren haben ein Kind, aber nur Rachels Sohn Aidan ist ein Medium. Die Lösung des Rätsels finden beide in einer abgelegenen Region, in der sich eine Familientragödie zugetragen hat. Und beide müssen unter der Blockhütte, wo das Todes-Video entstand und erstmals wirkte, nach einem Brunnen suchen und hineinsteigen.
Doch die Wege, wie sie zu der Hintergrundgeschichte und zu diesem Brunnen gelangen, sind völlig verschieden. Die japanische Story ist viel stärker sexuell aufgeladen, was in der US-Version völlig verwässert, ja geradezu ostentativ ignoriert wird.
In beiden Fassungen ist die Urheberin des Todes-Video ein rachsüchtiges Mädchen, das noch aus dem Grab heraus Vergeltung verlangt. Wer nicht gehorcht, stirbt. Doch wodurch dem Fluch gehorchen? Asakawa und Rachel finden es beinahe zu spät heraus.
Das Mädchen starb in der Originalfassung nach einer Vergewaltigung. Sie beging quasi Selbstmord. Dieser Aspekt fehlt in der US-Fassung völlig, denn dort wird sie ermordet. In beiden Fällen besteht Grund zur Vergeltung. Ungewöhnlich ist die Methode: nicht Gedankenfotografie – das kennt man schon länger -, sondern ein per Gedankenenergie belichteter Videofilm. Die Pointe will ich hier natürlich nicht verraten.

Suzuki erzählt seine Geschichte relativ schnörkellos und ohne sich allzusehr um das Innenleben seiner Figuren zu sorgen. Lediglich die beiden Hauptfiguren Asakawa und Ryuji erhalten etwas mehr Tiefe. Asakawa als erstes Opfer zeigt beunruhigende Symptome geistiger Beklemmung, fast schon Umnachtung. Bei Ryuji sind die Symptome eher körperlicher Natur.
Was mir überhaupt nicht gefallen hat, ist der autoritäre und ruppige Umgang Asakawas mit seiner Frau Shizu (die Stille). Er scheißt sie regelrecht zusammen, teils aus Angst um sie, teils aus Wut über ihre Unbotmäßigkeit. Dennoch zeigt er eine erstaunliche Zärtlichkeit für seine kleine Tochter Yoko. Die amerikanische Rachel ist hingegen ganz anders. Sie hat für ihren Ex-Mann wenig Liebe übrig, kooperiert aber laufend mit ihm. Und für ihren Sohn Aidan hat sie viel Neugier und Liebe übrig. Normalerweise haben Reporter weniger Zeit zur Verfügung.

„The Ring“ (wörtlich: der Kreis, aber auch das Klingeln) ist ebenso wie der beste Stephen King ein detailliert recherchierter, vielschichtiger und höchst realistisch geschilderter Thriller um ein übernatürliches Phänomen. Das erinnert an Filme à la „Akte X“, doch das Grauen reicht weiter und endet auch nicht mit dem Schluss des Buches.
Wer will, kann noch mehr in die Geschichte hineininterpretieren: Videos als moderne Viren, die sich rasant ausbreiten – das steht schon im Buch. Ist damit eine Medienkritik verbunden? Oder Gesellschaftskritik? Das muss jeder für sich herausfinden.
Jedenfalls lohnt sich die spannende Lektüre. Ich habe das Buch in drei Tagen verschlungen. Die Übersetzung ist einwandfrei und gibt auch japanische Eigentümlichkeiten angemessen wieder.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Brown, Dan – Meteor

Große Freude: Der „Meteor“ ist eingeschlagen!
Nach Dan Browns Bestseller „Illuminati“ wurde nun auch „Deception Point“ ins Deutsche übersetzt. Der Vorgänger konnte mit einem Mix aus Rätseln, uralten Mythen und Glauben sowie den Gegensätzen zu moderner Forschung und Technik begeistern.
Nun lässt es Brown in der Arktis krachen – wird der „Meteor“ in der Eiswüste erneut Begeisterungsstürme entfachen? Die Erwartungshaltung der Fans legt nach „Illuminati“ die Messlatte sehr hoch …

Die NASA ist wie alle Regierungsbehörden nicht gerade ein Muster an Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Senator Sedgewick Sexton, im Aufwind befindlicher Präsidentschaftskandidat, nutzt sie als Thema seiner Wahlkampfkampagne: Der amtierende Präsident Herney ist bekannt als starker Befürworter der Weltraumforschung. Leider hat die NASA in letzter Zeit eine Serie von katastrophalen Fehlschlägen aufs Parkett gelegt, welche die öffentliche Meinung zu Gunsten Sextons und der hinter ihm stehenden Space Frontier Foundation beeinflusst haben. Diese möchte die staatliche Erforschung hinter kommerzielle Aspekte der Nutzung des Weltraums stellen – die staatlichen Gelder sollen stattdessen in Bildung und Erziehung sowie andere chronisch untersubventionierte Gebiete fließen.

Dem Präsidenten kommt der Zufall zur Hilfe: Die NASA entdeckt im Milne-Schelf der Arktis einen Meteoriten. Nichts Besonderes, wären da nicht die zahlreichen enthaltenen Fossilien… der Beweis für außerirdisches Leben! Eine Entdeckung von unschätzbarer Bedeutung.

Herney nutzt die Gunst der Stunde: Er ordnet Geheimhaltung an und lässt eine Filmdokumentation erstellen, die nach seiner Ansprache ausgestrahlt werden und Sexton vernichtend aus dem Rennen schlagen soll. Als besonderen Clou darf dessen Tochter Rachel, die für das National Reconnaissance Office arbeitet, als „neutrale“ Beobachterin ihrem Vater das politische Grab schaufeln …

So weit der Plan. Die Realität sieht anders aus: Etwas stinkt nach Verrat im ewigen Eis …
Noch bevor Rachel zum Fundort des Meteors gebracht wird, werfen Elitesoldaten der Delta Force einen kanadischen Geologen mitsamt seinen Huskies aus ihrem Hubschrauber in eine Gletscherspalte …

Die Bühne ist bereitet, die Show kann beginnen. Warum musste der Forscher sterben? In wessen Auftrag handelten die Soldaten? Viele Spuren, denen der Leser nachgehen kann. Erst hatte ich Sexton im Verdacht, dann den Präsidenten, dann wieder andere… Brown legt hier meisterlich Köder für den Leser aus.

Leider blieb mir der Fisch im Hals stecken: Bald lässt Brown technisches Gerät auffahren, das wohl sogar Bond’s Cheftüftler Q eine Spur zu futuristisch wäre. An Ian Fleming’s klassische Bondromane erinnert auch die Anwendung desselben durch die bösen Jungs – bald jagen sie Rachel und ihren neuen Freund, einen gutaussehenden Meeresbiologen, bis ins Eismeer und schaffen es einfach nicht, sie umzubringen.

Rachel wird übrigens von einer F-14 in die Arktis geflogen und auf einer Eisscholle treibend von einem U-Boot gerettet… die Delta Force bewegt sich mit einem ca. sechsfach überschallschnellen Jet zurück nach Washington und benutzt auch sonst selbst für jede Kleinigkeit High-Tech. Ein bisschen zu dick aufgetragen für meinen Geschmack.

Ms. Rachel Sexton wird uns detailliert als hübsch, modisch und nett vorgestellt, dasselbe gilt für ihren ansonsten total unwichtigen Lover, Präsident Herney wird als sympathischer Landesvater und Papa Sexton als fieser Opportunist und Populist dargestellt. Hier tragen die Bösewichte graue Mäntel und schwarze Hüte, sehr zuvorkommend, Mr. Brown!

Obwohl Politik nicht mein Genre ist, konnte der Roman hier punkten: Die einzige Figur mit einer gewissen Charakterentwicklung ist Sextons persönliche Referentin Gabrielle Ashe, die dieser natürlich bereits „clintonized“ hat. Sie soll ins Lager des Präsidenten wechseln, zweifelt aber und traut bald keiner Seite in diesem Spiel mehr.

Ansonsten bleiben alle Figuren eindimensional blass, der Roman lebt von seiner durchgehend spannend erzählten Story, die immer wieder überraschende Wendungen bietet, was einen guten Thriller auszeichnet. Brown demonstriert erneut, dass sein packender Erzählstil keine Eintagsfliege war.

Seine Recherche war aber diesmal nicht gerade hervorragend: Von der Flut genial kombinierter Fakten bei „Illuminati“ blieb nicht allzu viel übrig. Das Heer von Experten hätte sich einige Details um den Meteor sehr einfach erschließen können, mehr erzähle ich aber hier nicht dazu. Auch biegt Brown die Fakten der Realität diesmal wesentlich stärker, um sie in den Roman einzupassen – eben mit der Brechstange, wenn es sein muss.

Die Auflösung, wer der geheime Drahtzieher hinter den Aktionen der Delta Force ist, und warum diese im Gebiet des Meteors aktiv wird, enttäuscht leider ebenfalls, da sie nicht unbedingt nachvollziehbar konstruiert ist.

Fazit: Leider nicht der erhoffte Knaller, der Steinbrocken säuft im Eismeer ab. Spannung und einen sehr guten und flüssigen Erzählstil findet man wieder, überzeugen kann der Roman wegen seiner Schwarzweißmalerei und dem für einen Thriller viel zu simplifizierten Politschema dennoch nicht. Die unnötigen Technikspielereien und sonstige an Mr. Bond erinnernde Anleihen kommen leider ohne den augenzwinkernden Charme, der denselben auszeichnete, nicht gut rüber.

Dan Brown kann es besser: In „Sakrileg“ wird Robert Langdon aus „Illuminati“ reaktiviert und darf wieder in Kunst, Kultur, Geschichte und Wissenschaft Rätsel und Intrigen lösen. Sein Eintopf aus Tom Clancy (Politik/Militär), Ian Fleming (Bond) und Akte X (Aliens/Wissenschaft) hingegen ist zu unglaubwürdig und konstruiert, um wirklich zu begeistern. Den Charme von Robert und Vittoria konnten Rachel und Michael (Barbie und Ken?) auch nicht erreichen.

Ohne den Erfolg von „Illuminati“ würde wohl niemand diesem Roman mehr als Mittelmaß bescheinigen. Das soll nicht heißen, der Roman wäre schlecht: Es gibt nur zahlreiche bessere, und nur Browns gefälligem Schreibstil ist zu verdanken, dass er nicht vollends in der Masse untergeht.

Homepage des Autors: http://www.danbrown.com

Cobb, James – Überfall auf hoher See

|Originaltitel: „Target Lock“|

James Cobb ist einer der Newcomer im High-Tech- bzw. Militärthrillergenre und legt mit „Überfall auf hoher See“ bereits sein viertes Buch in kurzer Folge vor. Er entstammt einer traditionsreichen Marine-Familie und hat lange Zeit auf verschiedenen Kriegsschiffen der U.S. Navy gedient.

Als INDASAT 06, ein unbemannter Forschungssatellit, bei seiner planmäßigen Landung in der Arufarasee vor Indonesien von der Besatzung der STARCATCHER aufgenommen wird, wird diese kurz darauf von einer organisierten Piratenbande überfallen und versenkt. Der wertvolle Satellit mit seinen Forschungsergebnissen über Materialbearbeitung in der Schwerelosigkeit wird an einen unbekannten Ort entführt. Schnell wird klar, dass mit konventionellen Mitteln wenig zur Wiederbeschaffung beizutragen ist und die indonesische Regierung entweder korrupt ist oder zumindest vor dem seit Jahren wieder aufkeimenden Piratenproblem die Augen verschließt.

Captain Amanda Lee wird mit ihrer „Seafighter Task Force“ aus dem Mittelmeer abgezogen und läuft durch den Suez-Kanal, um vor Ort Ermittlungen anzustellen und sich dabei den Anschein eines Höflichkeitsbesuches zur Verbesserung der politischen Beziehungen zu geben. Die „Seafighter Task Force“ ist eine kleine High-Tech-Einheit der neu gegründeten „NAVSPECFORCE“ (Naval Special Forces) und besteht aus dem schlagkräftigen Stealth-Kreuzer „U.S.S. Cunningham“, dessen Kapitän sie zuvor selbst war, sowie der hochgerüsteten „LSP“ (Landing Ship Platform) „U.S.S. Evans F. Carlson“ mit mehreren bis an die Zähne bewaffneten Hovercraft-Fahrzeugen, umgerüsteten Kampfhubschraubern und einer kleinen Einheit „U.S. Marines“ und „Marine Reconnaissance Units“.

Unterstützt von einem einheimischen Polizeioffizier kommt sie bald dem charismatischen und anziehenden Makara Harconan auf die Spur, der hinter der Fassade des weltmännischen Geschäftsmanns die Sippen der uralten Bugi-Stämme mit Geld, Waffen und Logistik unterstützt und damit einen perfiden Plan zur Zerschlagung des Vielvölkerstaats Indonesien in einzelne Inselreiche verfolgt.

Nach einigen Seegefechten und Scharmützeln wird Garrett von Harconan, der zwischenzeitlich sowohl ihr erbittertster Feind, aber auch ihr leidenschaftlicher Liebhaber geworden ist, entführt und es kommt zur alles entscheidenden Schlacht um dessen letzte Festung und die Sicherheit des freien Seeverkehrs in Südostasien.

Mit seinem vierten Buch um die ebenso erfolgreiche wie unkonventionelle und sympathische Kämpferin Amanda Lee Garrett trägt Cobb extrem dick auf. Während Garrett in den ersten beiden Romanen noch Kapitän der „Cunningham“ war, dann die Leitung der experimentellen Hovercraft-Einheit „Seafighter“ übertragen bekommen und vom Polarkreis über China und Westafrika eine Spur der Vernichtung hinterlassen hat, ist sie mittlerweile der verantwortliche Offizier für die an Schlag- und Feuerkraft ständig wachsende „Task Force“. Dabei setzt sie sich, mit Wissen und Billigung ihres Vorgesetzten, reihenweise über geltendes Recht souveräner Staaten hinweg und überzieht jeglichen Widersacher mit dem, was neuerdings als „Shock and Awe Tactic“ oder „Overwhelming Force“ bezeichnet wird.

„Überfall auf hoher See“ trieft zwar nicht unbedingt vor amerikanischem Nationalstolz, mystifiziert und glorifiziert aber die Feuerkraft und Stärke der U.S. Navy in kaum erträglichem Maß. Während die in Zahl weit überlegenen, aber in Technologie meilenweit hinterherhinkenden und maximal mit ein paar schweren Maschinengewehren und veralteten Haubitzen bewaffneten ‚Bugi‘ durch High-Tech-Lenkwaffen aller Arten geradezu niedergemetzelt werden und jeder Abschuss zelebriert wird, werden eigene, zu vernachlässigende Verluste beiläufig in einem Nebensatz erwähnt. Die Darstellung von Treffern, Verletzungen und Schäden der Gegenseite werden explizit beschrieben, Verwundete in den eigenen Reihen rappeln sich meist nach kurzer Zeit wieder auf, um heldenhaft weiterzukämpfen.

Für die Zielgruppe ist „Überfall auf hoher See“ auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Wer grundsätzlich etwas mit SMADS (Ship Area Denial Systems), Präzisionslenkmunition für 155-mm-VGAS (Vertical Gun Advanced Ships), ATACMS (Army Tactical Missiles) und Dutzenden anderen Begriffen für Lenkwaffen, Aufklärungsdrohnen und sonstiges Kriegsgerät anfangen kann, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Cobb ist zweifelsohne ein Fachmann auf dem Gebiet der Seekriegsführung und -ausrüstung und alle seine fiktiven Waffensysteme sind weiterentwickelte Versionen heute tatsächlich bestehenden Kriegsgerätes, das fundiert, aber verständlich beschrieben wird. Lobenswert ist auch die geglückte Übersetzung vieler militärischer und seemännischer Fachbegriffe. Dazu liest sich das gesamte Buch in einem Rutsch spannend durch und ist jederzeit fesselnd, wenn auch, für Kenner der Materie, nicht wirklich überraschend.

Follett, Ken – zweite Gedächtnis, Das

Ken Follett ist als Autor spannender Agententhriller bekannt geworden. „Das zweite Gedächtnis“ stammt aus demselben Genre und bedient sich recht freizügig bei Robert Ludlum’s Klassiker „The Bourne Identity“: Wie Jason Bourne kennt auch der Raketenforscher Dr. Lucas nicht einmal mehr seinen eigenen Namen, als er im Jahre 1958 kurz vor dem geplanten Start des ersten amerikanischen Satelliten in einer Bahnhofstoilette aufwacht und von einem Penner als „Luke“ angesprochen wird… Er leidet unter einer totalen Amnesie.

Bald bemerkt er jedoch, dass er nicht ist, was er zu sein scheint: Er ist nicht alkoholkrank, er wird offensichtlich von mehreren Männern beschattet und… bemerkt recht schnell, dass er sich zwar nicht an seine Freunde, Bekannten oder seine eigene Identität erinnern kann, aber dafür in Mathematik, Physik und vor allem auf dem Gebiet des Raketenbaus eine echte Kapazität zu sein scheint. Luke schaltet nach und nach seine Verfolger aus, und bringt immer mehr Licht in das Dunkel seiner Vergangenheit… Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass er von seinem Freund Anthony, der für die CIA arbeitet, gejagt wird – ist er gar ein kommunistischer Spion?

Bei seiner Jugendliebe Billie und seinem alten Freund Bern findet er Unterstützung – doch warum jagt Anthony ihn, was für ein Spiel treibt Lukes Frau Elspeth? Luke findet heraus, wer er ist, und was er in der jüngsten Vergangenheit getan hat – und verliebt sich nebenher erneut in Billie. Warum auch immer Anthony Luke jagt – er ist sich sicher, es hat mit dem Start der Jupiter-C-Rakete und des Satelliten „Explorer“ zu tun…

Gleich zu Beginn hatte ich ein Déjà-vu – der Agent oder hier eben hochkarätige Wissenschaftler, der einsam und alleine erwacht und ganz auf sich selbst gestellt ist, das kennt man, wie oben erwähnt, schon – entweder aus dem Kino, „The Bourne Identity“ wurde mit Matt Damon und Franka Potente kürzlich zum zweiten Mal verfilmt, oder aus dem Originalbuch von Robert Ludlum. Follett führt den Part, wie sich Luke langsam erinnert, ähnlich aus, aber handelt ihn zügiger ab, um eigene Wege zu gehen. An dieser Stelle schwand langsam der ständig in meinem Hinterkopf herumspukende Plagiatsgedanke dahin… Es war durchaus spannend zu lesen, warum Luke das alles eigentlich angetan wurde.

Leider kommt Follett nicht an Ludlum heran – auch die Follett-typische Lovestory und ein diesmal überzogenes Beziehungsgewirr der vier Freunde von Luke untereinander geben der Story nicht mehr Würze: Im Gegenteil, Anthonys Motive enttäuschten mich nicht nur, so simpel und konstruiert waren sie, hier hat Follett auch die Gelegenheit verspielt, seiner Story einen über das Triviale hinausgehenden Reiz zu geben.

Wie bei Follett kaum anders zu erwarten, ist das Buch sehr flüssig und angenehm zu lesen, die Aufmachung des Hardcovers weiß auch zu gefallen. Zu der Übersetzung nur ein Wort: Perfekt. Sie liest sich, als ob es die Originalfassung wäre. Nebenbei wird dem Leser zu Beginn eines jeden Kapitels ein wenig die Raketentechnik der 50-er Jahre angenehm und leicht verdaulich näher gebracht. Gelegentliche Rückblenden in die Jugendjahre Lukes und seiner Freunde verleiten den Leser zum Spekulieren und sorgen für Abwechslung.

Dennoch ist „Das zweite Gedächtnis“ nicht das geworden, was es hätte sein können: Der Konflikt zwischen Lukes Frau Elspeth und seiner alten Flamme Billie, die er nach der Amnesie ihr vorzieht, vor allem aber die Verschwörung hinter der Amnesie – all das wird meist nur oberflächlich angerissen und nicht genügend ausgeführt, um dem Thriller etwas mehr eigenen Charakter zu geben. Spannend ist das Buch, ebenso unterhaltsam. Leider enttäuscht der Schluss mit einer einfallslosen und konstruierten Auflösung der vielen Zusammenhänge. Ebenso Lukes Freunde: Die Ex-Geliebte ist zufällig Expertin auf dem Gebiet der totalen Amnesie, Anthony arbeitet beim CIA, Elspeth und Bern… Ich will ja nicht alles verraten. Ein sehr künstliches und nicht sehr überzeugendes soziales Umfeld. Es bleibt der Eindruck, Follett habe hier die „light“-Version von Ludlums Original-Coke „The Bourne Identity“ abgeliefert. So empfand ich „Das Zweite Gedächtnis“, welches im Original den treffenderen und klangvolleren Titel „Code to Zero“ hat, zwar als spannendes und durchaus unterhaltsames, aber stark vereinfachtes Plagiat von Ludlums anspruchsvollerer Vorlage.

Ken Follett’s Homepage: http://www.ken-follett.com/

Brown, Dale – Feuerflug

|Originaltitel: „Wings of Fire“|

Der hochdekorierte ehemalige U.S. Air Force Captain Dale Brown, Navigator und Bombenschütze in B-52- und FB-111A-Bombern, führt seit seinem ersten Buch „Höllenfracht“ („Flight of the Old Dog“) regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten an und gilt mit seinen Aufsehen erregenden Technologie- und Militärthrillern als einer der Besten seines Fachs.

Der zwangspensionierte Air-Force-General Patrick McLanahan, nunmehr leitender Angestellter bei Skymasters Inc., führt über der lybischen Wüste nicht genehmigte, selbstmörderische Tests mit einem umgebauten B-52-Bomber aus. Dabei provoziert er absichtlich Angriffe mit SAM-Raketen (Surface-To-Air-Missiles) gegen sein Flugzeug, um die Funktionsfähigkeit des von Skymasters entwickelten Abwehrlasers zu testen. Zeitgleich schmiedet der betrügerische Präsident des Vereinigten Königreichs Libyen, Jadallah Salem Zuwayy, mit dem zwielichtigen russischen Öl-und Waffenhändler Kasakow und willfährigen Gefolgsleuten in der ägyptischen Regierung eine Verschwörung, um reichhaltige Ölfelder an der libysch-ägyptischen Grenze zu besetzen.

Nach einem tödlichen Attentat auf den ägyptischen Präsidenten bittet dessen Frau Susan Bailey Salaam, eine Amerikanerin und ehemalige Air-Force-Angestellte, die USA um Unterstützung bei der Verteidigung Ägyptens, wird jedoch rüde abgewiesen, da die USA keinerlei amerikanische Interessen bedroht sehen. Und dies, obwohl Libyen nachweislich im Besitz von alten, russischen SS-12-Mittelstreckenraketen mit nuklearen und biologischen Gefechtsköpfen ist. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Patrick McLanahan, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten unter dem Namen „Night Stalkers“ eine hochtechnisch ausgerüstete Privatarmee führt, die gegen Bezahlung moralisch einwandfreie militärische Interessen von Kleinstaaten vertritt.

Die Night Stalkers, die wiederum inoffiziell und streng geheim mit dem amerikanischen Präsidenten in Verbindung stehen, um dessen politisch nicht opportune ‚Schmutzarbeit‘ zu erledigen, werden zwar nicht direkt für Susan Bailey tätig, aber über andere Verbindungen in den Regionalkonflikt hineingezogen und liefern sich erbitterte Luft- und Bodenschlachten über und auf libyschem Territorium. Dabei werden McLanahans Frau Wendy und weitere Night Stalkers in Gefangenschaft genommen und bei dem spektakulären Showdown kommt es zu einigen Überraschungen, auch was die wahren Absichten einiger Akteure anbelangt.

Dale Brown ist dann am besten, wenn er wie in „Feuerflug“ am dicksten aufträgt. Nachdem er bei seinen letzten Veröffentlichungen mit „Mann gegen Mann“ und „Stählerne Jäger“ doch etwas schwächere Romane abgeliefert hat, die allerdings zur Vorgeschichte von „Feuerflug“ wichtige Hintergründe bieten, kommt hier wieder seine wirkliche Stärke zum Vorschein: Luftkampf; einzelne, hochgerüstete strategische Bomber auf geheimen Einsätzen gegen strategische Ziele, bei massiver Luftabwehr durch Bodenstellungen und Abfangjäger. Dabei mischt er, genretypisch, aber geschickt, Fakten und Fiktion.

Über die von ihm seit seinem ersten Buch favorisierte ‚Tuning‘-Version der B-52 Stratofortress, bei ihm zur „Megafortress“ mit Stealth-Eigenschaften und wirkungsvollen Selbstschutzeinrichtungen sowie zum massiven Einsatz von nichtnuklearen Präzisionswaffen mutiert, ist in der einschlägigen Fachliteratur nichts bekannt. Naheliegend wäre eine derartige Aufrüstung allerdings schon. Von den seit 1952 insgesamt 744 ausgelieferten B-52 sind heute noch 85 Stück der letzten Version „H“ im aktiven Dienst – die jüngste davon ist Baujahr 1962 – und diese stellen nach wie vor das Rückgrat der strategischen Bomberflotte der USA dar und sollen bis über das Jahr 2040 hinaus im Dienst bleiben. Demgegenüber stehen nur 21 der hochmodernen B-2 „Spirit“, die ausschließlich auf der Whiteman AFB in Missouri stationiert sind, sowie 60 der Überschallbomber B-1B „Lancer“, deren Produktion allerdings bereits eingestellt wurde. Beide verfügen zwar über Stealth-Eigenschaften und eine weit höhere Geschwindigkeit als die betagte „B.U.F.F.“ („Big Ugly Fat Fucker“), haben aufgrund ihrer geringeren Reichweite und Nutzlast jedoch ein anders gelagertes Einsatzprofil und verursachen mit ca. 300 Mio $ für eine B-1B bzw. 1,2 Mrd. $ für |eine| B-2 natürlich enorm höhere Kosten als die Überbleibsel des Kalten Krieges.

Ebenfalls keine reine Fiktion ist die „Rail Gun“ der Night Stalkers, die mittels elektromagnetischer Kräfte ein Projektil auf ca. 3000-4000 Meter/Sekunde beschleunigen soll, oder das „Exo-Skelett“ aus Verbundfaserstoff, das über dem Kampfanzug getragen dem „Future Warrior“ der U.S. Army ab 2025 fast schon übermenschliche physische Kräfte verleihen und ihn gegen Beschuss bis hin zu leichten Infanteriegeschützen sowie Strahlung schützen soll. Auch der von Skymasters entwickelte bordgestützte Laser zur Abwehr von Raketen gehört durchaus nicht in das Reich der Science-Fiction, das ALS („Airborne Laser System“) ist sogar schon in einem relativ späten Entwicklungsstadium, allerdings mit über 80 Tonnen Gewicht und einer noch mangelhaften Energieproduktion sicherlich noch lange nicht einsatzbereit.

Insofern bietet „Feuerflug“ wieder einmal alles, was das Herz des Freundes von hochkarätigen Technologie-/Militärthrillern sich wünscht: detailgetreu und fachmännisch geschilderter Luftkampf in Hülle und Fülle, inwieweit realistisch, wissen wohl nur Kampfpiloten zu beurteilen, aber immer nervenaufreibend spannend. Dazu intelligent gestrickte geopolitische Vorgänge, ebenfalls mit einer gesunden Mischung aus Fakten und Fiktionen, sowie lebendig geschilderte Akteure (bei denen man sich manches Mal allerdings eine etwas weniger stereotype Darstellung wünschen würde).

Stören kann man sich an dem fast schon kühlen, technokratischen Stil, mit dem Brown den Einsatz der schlimmsten Massenvernichtungswaffen der Menschheit schildert. Von VX-Nervengas über schmutzige Bomben aus wieder aufbereitetem Uran bis hin zu thermonuklearen Mittelstreckenraketen wird alles eingesetzt, was verfügbar ist und möglichst großen Schaden anrichtet. Wer sich daraus nichts macht und beim Lesen nicht über ideologische Probleme grübeln muss, der hat ein paar ausnehmend spannende und actionreiche Lesestunden vor sich. Schlussfolgernd also ein „Knaller“, im wahrsten Sinn des Wortes, für die Zielgruppe, aber wenig geeignet für den Genrefremden.

Homepage des Autors: http://www.megafortress.com