Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Pelecanos, George P. – große Umlegen, Das

Washington D. C. 1946: Ein Jahr ist vergangen, seit Peter Karras heimkehrte. Seine Welt – das war und ist das „Griechische Viertel“ der Hauptstadt der USA. Unter den Arbeitern, kleinen Händlern, Krämern und Kneipenbesitzern ist er zu Hause; sein Vater Dimitri betreibt einen Obst- und Gemüsestand. Karras ist bekannt und geachtet, im Pazifikkrieg hat er sich als Angehöriger des Marine Corps hervorgetan. Nun ist er verheiratet, hat Freunde, die er schon seit Kindertagen kennt – ein geordnetes Leben auf den ersten Blick, doch Risse tun sich auf, deren Wurzeln tief in die Vergangenheit reichen. Karras ist unruhig. Er stellt höhere Ansprüche an das Leben als sein Vater und er möchte es weiter bringen als dieser, aus dem die Jahre harter, nie wirklich einträglicher Arbeit einen verbitterten Trinker gemacht haben. Mit der „alten Heimat“ Griechenland und den Idealen seiner Eltern weiß Karras wenig anzufangen. Er gehört zur ersten Generation der Immigrantensöhne, die versuchen, sich anzupassen und tatsächlich heimisch zu werden in den USA.

Karras versucht sich als Handlanger eines örtlichen Gangsterbosses und Kredithais. Burke verleiht Kredite zu Wucherzinsen und erpresst „Schutzgelder“ von den Ladenbesitzern in „seinem“ Viertel. Joe Recevo, Karras‘ bester Freund, hat ihn Burke empfohlen. Doch Karras bringt es nicht fertig, säumige Schuldner mit brutaler Härte an ihre Zahlungsverpflichtungen zu erinnern. Burke beschließt ihn fallen zu lassen. Doch zuvor will er Karras eine Lektion erteilen und ihn von seinen Schergen verprügeln lassen. Recevo wird zum Judas, als er den arglosen Freund in eine sorgfältig vorbereitete Falle führt, denn er kennt die ungeschriebenen Gesetze der Unterwelt: Bekommt Burke nicht seinen Willen, ist Karras ein toter Mann. Aber die Sache gerät außer Kontrolle, als der sadistische Reed, ein weiteres Mitglied der Gang, endlich die Chance sieht, sich an Karras, der seiner Meinung nach den nötigen Respekt ihm gegenüber vermissen lässt, zu rächen. Vorsätzlich zertrümmert er Karras‘ Knie und macht ihn zum Krüppel.

Drei Jahre später: Karras hat seine Träume von einer besseren Zukunft begraben. Er ist als Koch bei seinem Freund Stefanos in dessen Kneipe „Nick´s“ untergekommen. Doch die Vergangenheit holt ihn auch in der Küche schließlich ein. Burke will seinen Einflussbereich ausdehnen. Er hat ein Auge auf „Nick´s“ geworfen und fordert ein hohes monatliches Schutzgeld. Stefanos weigert sich zu zahlen. Burke schickt seine Schläger, doch Stefanos gelingt es mit Karras‘ Hilfe, die Gangster auszuschalten. Karras weiß nur zu gut, dass Burke bald zurückschlagen wird …

Eine kaltherzige Welt und ihre auf Gedeih und Verderb miteinander verbundenen Bewohner; ein um sich selbst kreisender Mikrokosmos, der scheinbar neben der „realen“ Welt existiert, bevölkert von nur scheinbar starken Männern und schwachen Frauen, die wie von unsichtbaren Fäden gezogen auf ihr Verhängnis zusteuern; Menschen in der Krise, Menschen auf der Schattenseite des Lebens, die versuchen, sich ihr Stück vom Kuchen zu holen, und die doch am Ende mit leeren Händen dastehen – wenn sie denn noch stehen können! Keine Frage: Wir befinden uns in der Welt der „Schwarzen Serie“, in der sich die Hoffnung auf ein besseres Leben oder gar Glück stets als grausam enttäuschte Illusion erweist.

Noch bekannter als die Romane der „Schwarzen Serie“ ist ihr Pendant auf der Kinoleinwand geworden: der „Film Noir“ ist ein seltenes Beispielen dafür, dass Hollywood manchmal originell sein kann. Das Genre entstand in der Umbruchphase nach dem für die USA zwar gewonnenen, an der „Heimatfront“ aber mit tief greifenden gesellschaftlichen Verwerfungen einhergehenden II. Weltkrieg und brachte einige der größten Filmklassiker überhaupt hervor.

Die Zeit des „Film Noir“ (ver-)endete in der bleiernen Eisenhower-Ära der 1950er Jahre. Die Romane der Schwarzen Serie überlebten, wenn auch nur in einer kleinen Nische am Rande der Krimiszene. George P. Pelecanos gelingt nun das Kunststück, das Genre neu zu beleben und auf den aktuellen Stand zu bringen. Den gleichen Dienst konnte er einer anderen Gattung erweisen: der „Privat-Eye-Novel“ und jenen Geschichten, in denen sich ein notorisch erfolgloser, aber aufrechter Privatdetektiv (inzwischen ruhig auch weiblichen Geschlechts) einsam und trotzig daran macht, einen hoffnungslosen Fall zu klären. Pelecanos gewinnt auch diesem Klischee neue Seiten ab, indem er aus seinem „Helden“ den vielleicht ersten authentischen „proletarischen“ Detektiv macht.

„Das große Umlegen“ ist der erste Teil einer Trilogie, die sich mit der „kriminellen Geschichte“ Washingtons kurz vor und vor allem nach dem II. Weltkrieg beschäftigt. Die Hauptstadt der USA bringt man gemeinhin nicht mit dem „gewöhnlichen“ Verbrechen in Verbindung. Thriller-Autoren lassen hier gern Bösewichte in feinen Nadelstreifenanzügen in Pentagon und Weißem Haus welterschütternde Verschwörungen ausbrüten. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass Washington jenseits seiner politischen Arenen eine moderne Großstadt mit den üblichen Alltagsproblemen ist. Konflikte zwischen ethnischen Gruppen und die Machenschaften des organisierten Verbrechens sind dafür nur zwei Beispiele, die indes eng miteinander verzahnt sind.

Die USA galten lange als „gelobtes Land“ für Auswanderer aus Europa, die den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zwängen ihrer alten Heimat entfliehen wollten. Jenseits des Großen Teiches mussten sie indes rasch erkennen, dass sie auch hier nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Zum Kulturschock kam die Sprachbarriere. So ist es kaum verwunderlich, dass die Emigranten unter sich blieben. Bald gab es in den großen Städten Nordamerikas regelrechte „italienische“, „russische“ oder „deutsche“ Viertel. Ihre Bewohner blieben mit ihrer Sprache, ihren Sitten und Gebräuchen unter sich, wo sie sich heimisch fühlten. Auf der anderen Seite isolierten sie sich auf diese Weise vom übrigen Amerika, in dem sie als schlecht verdienende Kleinstunternehmer und Hilfsarbeiter eine Nische nur am Rande der Gesellschaft fanden. Einen Weg aus diesem Mikrokosmos, der gleichzeitig ein Teufelskreis war, gab es nur für jene, die dem „Ghetto“ dank einer guten Ausbildung und eines Quäntchens Glück den Rücken wenden konnten.

Eine überschaubare Welt, abgeschottet und außerhalb der „normalen“ amerikanischen Gesellschaft stehend, bevölkert von Menschen, die Vertretern von Gesetz und Ordnung mit Misstrauen begegneten – das ist eine Welt, die als Opfer für das organisierte Verbrechen prädestiniert ist. Auf der einen Seite scheinbare Volksnähe demonstrierend und den Einwanderern auf „unbürokratischem“ Wege Kleinkredite gewährend, auf der anderen „Schutzgelder“ erpressend, halten die Banden Einzug auch in das griechische Viertel Washingtons, in dem George P. Pelecanos die Familie Karras angesiedelt hat. Die Gangster leben gut und müssen sich nicht sieben Tage in der Woche für einen Hungerlohn krumm legen. Da liegt es für viele Jugendliche des Viertels nahe, auf dem Weg zum Wohlstand eine Abkürzung zu versuchen. Für den, der bereit ist, die Drecksarbeit für die Bosse zu erledigen, gibt es immer etwas zu tun. Pete Karras, gerade zurückgekehrt aus dem Krieg, wo er jenseits seines bisher beschränkten Horizontes eine ganz neue Welt kennen gelernt hat, wird für einen besonders perfiden Job angeheuert: Er soll von den eigenen Landsleuten rückständige Wucherzinsen eintreiben. Aber er, der anständige Proletarier, kann nicht heraus aus seiner im Grunde ehrlichen Haut. Der Preis, den dafür bezahlt, ist hoch, aber er hat seine Lektion gelernt – auch wenn er dies letztlich nicht überleben wird.

George Peter Pelecanos kennt die Stadt Washington und ihre Geschichte; die hellen wie die dunklen Seiten. Als Sohn griechischer Einwanderer 1957 geboren, ist er als echtes Kind der Arbeiterklasse aufgewachsen. Die gesamte Familie schuftete in der Billiggastronomie, und ab seinem zehnten Lebensjahr war auch George dabei. Bis zu seinem 32. Lebensjahr verdiente er sein Geld als Bauarbeiter, Barmann, Schuhverkäufer und in anderen Jobs, konnte aber nebenbei immerhin studieren.

1989 verwirklichte er sich seinen lang gehegten Traum und schrieb einen Roman, der zum ersten Teil einer Trilogie um den Privatdetektiv Nick Stefanos wurde. „A Firing Offense“ stellte gleichzeitig den Auftakt zu Pelecanos‘ ehrgeizigem Projekt dar, die Geschichte Washingtons im 20. Jahrhundert „von unten“ zu be-schreiben. Acht Romane umfasst es; alle sind zumindest locker miteinander verwoben, und gemeinsam bilden sie so etwas wie ein Sittenbild der Stadt und ihrer Bewohner. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach der Bedeutung von Herkunft und Freundschaft bzw. Solidarität. Wie weit kann oder muss sie gehen? Darf sie die Grenze zwischen „Gut“ und „Böse“ ignorieren? Für Pelecanos ist die Entscheidung klar, aber er verschleiert nie, dass der „richtige“ Weg dem, der ihn geht, erst recht ins Verderben führen kann.

Obwohl Pete Karras das Finale von „Das große Umlegen“ nicht überlebt, setzte Pelecanos die Trilogie fort. In [„King Suckerman“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=671 der in der Woche der Zweihundertjahrsfeiern 1976 spielt, tritt Karras‘ Sohn Dimitri an die Stelle des Vaters. „The Sweet Forever“, der abschließende Band, berichtet davon, wie er und sein Freund Marcus Clay im Jahre 1986 in einen Drogenkrieg verwickelt werden. Beide Romane spinnen nicht einfach die Vorgeschichte routiniert weiter, sondern gehen inhaltlich wie formal völlig eigene Wege – auch das ein Beleg dafür, dass der moderne Kriminalroman mit George P. Pelecanos eine ebenso kritische wie talentierte Stimme gefunden hat.

2001 begann Pelecanos mit einer neuen Reihe um den (schwarzen) Privatdetektiv Derek Strange und seinen Partner Terry Quinn. Sie spielt im Washington der Gegenwart und wirft kritische Blicke auf den Drogenkrieg im Schatten des Weißen Hauses. Außerdem beschäftigt sich der Verfasser gewohnt intensiv mit dem immer noch aktuellen Problem der Rassendiskriminierung. Hier gehen ihm, der sonst mit einer glasharten, klaren Prosa und mitreißenden Plots glänzt, indes manchmal die Pferde durch – Pelecanos hebt den Zeigefinger und predigt statt zu erzählen. Das ist freilich der einzige Vorwurf, den man ihm manchmal machen muss.

Hierzulande bleibt Pelecanos ein Geheimtipp. Das „verdankt“ er in erster Linie einer unglücklichen Veröffentlichungsgeschichte. Der Verlag, der seine Werke nach Deutschland brachte, ließ beim „Aufbau“ des noch fremden Autors die notwendige Kontinuität vermissen und stellte seine Thrillerreihe zudem bald ein. Mit der Strange/Quinn-Reihe wird nun ein neuer Anlauf genommen. Die älteren Titel bleiben allerdings weiter ohne Übersetzung.

Homepage von George Pelecanos: http://www.georgepelecanos.com.

Crichton, Michael – Welt in Angst

Seit dem Tsunami-Unglück in Asien zu Weihnachten letzten Jahres kommt Michael Crichtons neuem Roman mehr Aktualität und Brisanz zu, als der Autor sich dies je hätte vorstellen können. Einen knappen Monat, nachdem eine riesige Flutwelle – ausgelöst durch ein Seebeben der Stärke 9.0 auf der Richterskala im indischen Ozean – für eine Katastrophe in weiten Teilen von Asiens Küsten gesorgt hat, erscheint „Welt in Angst“, das sich schwerpunktmäßig genau mit derlei Umwelt- und Naturkatastrophen beschäftigt. Fast schon unheimlich erscheint dieser mysteriöse Zusammenhang, der nahezu bedrohlich wirkt, wenn man das Buch gelesen und all die Dinge konsumiert hat, die aus Crichtons Fantasie entstanden sind …

In Paris wird ein junger englischer Physiker ermordet, dessen Fachgebiet die Erforschung von Meereswellen und speziell Tsunamis ist. In Malaysia werden riesige Kavitationsgeneratoren verkauft, die mit Hyperschall arbeiten. Kurze Zeit später holt in Shad Thames ein amerikanisch aussehender Mann einhundertfünfzigtausend Meter dünnen Führungsdraht ab, der für Panzerabwehrraketen eingesetzt werden kann. In Tokio lässt sich der geheimnisvolle John Kenner vorführen, wie per Internet gezielt Extremisten verfolgt und überprüft werden. In Kanada möchte ein angeblicher Erdölgeologe ein U-Boot mieten, um Messgeräte in großer Meerestiefe aufzustellen. All diese Vorgänge hängen miteinander zusammen, doch wie?

Der Multimillionär George Morton möchte mit einer Spende von insgesamt zehn Millionen Dollar die sogenannte Vanutu-Klage unterstützen, bei der der pazifische Inselstaat Vanutu die Umweltschutzbehörde der USA verklagen will. Denn die USA sind bekanntlich der größte Umweltsünder weltweit und rufen daher die globale Erwärmung hervor, die die Erdgletscher abschmelzen lassen wird, wodurch Vanutu überflutet würde. Doch dann erfährt Morton, dass ein Teil seines Geldes fehlgeleitet wurde, er wird misstrauisch. Allerdings bleibt ihm nur noch wenig Zeit zum Handeln, denn bei einem Autounfall in seinem neuen Ferrari verunglückt Morton tödlich.

Seine Assistentin Sarah Jones und sein Anwalt des Vertrauens, Peter Evans, sind geschockt. Kurz darauf werden ihre beiden Wohnungen durchsucht und verwüstet und auch in George Mortons Haus wird eingebrochen, seine sämtlichen Safes stehen offen. In diesem Moment erinnert sich Evans an den letzten Satz, den Morton vor seinem Tode zu ihm gesprochen hat, dieser führt Sarah, ihn und den ominösen Wissenschaftler Kenner zu einer Liste mit geografischen Orten. Doch gefährliche Leute sind ihnen auf der Spur und sie planen Furchtbares, ein Wettlauf mit der Zeit beginnt …

In typischer Crichton-Manier muss der Leser nicht lange warten, bis die Geschichte ins Rollen kommt und man völlig in der Erzählung versinkt. Zu Beginn des Romans werden so viele Handlungsebenen eröffnet, dass man lange nicht ahnt, wie diese zusammenhängen, weitergeführt und miteinander verknüpft werden. Auch die Guten und die Bösen haben sich uns noch nicht offenbart, sodass man im Dunkeln tappt und auf die Katastrophe wartet. Der Einstieg ist nicht gerade rasant, macht allerdings Lust auf mehr und fesselt den Leser schnell an die Story. Nach George Mortons Auftauchen wird sofort klar, dass er eine zentrale Rolle einnehmen wird, doch dauert es recht lange, bis Crichton aufklärt, welches Unglück der Menschheit droht.

Die Rollen der Guten und der Bösen werden schon auf den ersten einhundert Seiten verteilt, ungewiss ist lange Zeit lediglich, was die Bösen im Detail planen, doch voreilige Leser, die den Fehler gemacht haben, zuvor den Klappentext zu lesen, wissen längst, was die Extremisten vorhaben und worauf das Buch hinauslaufen wird. Um sich diese Spannung zu bewahren, kann ich nur dringend dazu raten, sämtlichen Text auf dem Buchumschlag zu ignorieren und den Umschlag am besten weit weg zu legen! Baut Crichton zu Beginn mehrere Handlungsebenen auf, so führt er diese schnell zusammen, sodass sich die Geschichte danach linear weiterentwickelt und es keine Sprünge zwischen verschiedenen Handlungssträngen mehr gibt.

Mehrere Katastrophen sind im Laufe des Buches zu verhindern, sodass eigentlich kaum Ruhepausen auftauchen dürften, doch leider nimmt Crichton immer wieder selbst Tempo aus seiner Geschichte heraus. Kaum ist ein Unglück abgewendet, kommen Sarah, Peter Evans und Kenner zur Ruhe und haben Zeit, sich auf die nächste Schreckensnachricht einzustellen. Überbrückt wird diese Zeit meist durch wissenschaftliche Diskussionen rund um die globale Erwärmung. Genau an dieser Stelle sehe ich das größte Problem des Buches, denn es baut auf dem Thema der globalen Erwärmung auf und spielt mit dem Wissen und vor allem dem Unwissen der Leser. Der informierte Leser findet seine Identifikationsfigur in John Kenner, der die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben scheint, während der unwissende Leser sich hervorragend wiederfindet im skeptischen Peter Evans oder später im Schauspieler Ted Bradley. Kenner ist derjenige, der seine uninformierten Begleiter durch wissenschaftliche Belege von der Nichtexistenz der globalen Erwärmung zu überzeugen versucht. Diese wiederum spielen ihm mit ihrer Skepsis und Unwissenheit immer wieder Bälle zu, die Kenner freudestrahlend aufgreift. In zu vielen Szenen spielt er besserwisserisch seine Informationen aus, die der Leser bereits nach der ersten Diskussion aufgenommen hat. Manchmal habe ich mich gefragt, ob Crichton seine Leser für dumm verkaufen will, denn zu häufig wiederholen sich die wissenschaftlichen Diskussionen, in denen Crichton in der Person des Kenner mit seinem Wissen beeindrucken möchte. Schon in den zahlreichen Wortgefechten zwischen Kenner und Evans habe ich mich gefragt, wie ein 28jähriger Staranwalt wie Evans so verstockt sein kann, dass er mehrfach über die aktuelle Klimaproblematik belehrt werden muss, bevor er endlich einsieht und versteht, dass die globale Erwärmung vielleicht doch nicht so dramatisch existent ist, wie er bislang gedacht hat. Doch kaum hat Kenner sein erstes Opfer überzeugt, taucht das nächste in Form des naiven Schauspielers Bradley auf. Diese zahlreichen Diskussionen gehen uns nicht nur relativ schnell auf die Nerven, sondern sie sorgen auch für einen abrupten Spannungsabfall, weil die eigentliche Erzählung unterbrochen wird, um dem Leser erneut etwas über die aktuelle Klimaforschung zu erzählen.

Positiv zu nennen sind die Zitate, die jede wissenschaftliche Aussage begleiten und auch unter den Temperaturgraphen und anderen Bildern zu finden sind. Hierdurch weist Crichton auf seine intensive thematische Vorbereitung zu diesem Buch hin. Rein fachlich kann er also auf publizierte Artikel bauen, die ich zwar nicht kontrolliert habe, die ich ihm aber durchaus glaube, weil ich in letzter Zeit selbst viel über dieses Thema gelesen habe. Mit seinen Aussagen zur Umweltpolitik lehnt Crichton sich hier zwar sehr weit aus dem Fenster, stützt sich aber immerhin auf wissenschaftliche Beweise, die er zu diesem Zwecke auslegt. Obwohl Michael Crichton in einem Nachwort nochmals seinen Standpunkt zu umweltpolitischen Themen deutlich macht, kann man diesen mehr als nur zwischen den Zeilen auch aus dem Buch selbst herauslesen. Über diese Einstellung kann man diskutieren, aber sie steht hier nicht zur Debatte.

Sprachlich und stilistisch ist sich Crichton wie immer treu geblieben, denn kurze Kapitel reihen sich aneinander, immer nur kurze Szenen in knappen Sätzen sind zu lesen, bevor der nächste Schnitt kommt und eine neue Situation beschrieben wird. Wie auch schon in [„Timeline“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=360 verliert sich Crichton allerdings etwas zu häufig in wissenschaftlichen Erläuterungen.

Die Charakterisierungen haben mich einmal mehr nicht wirklich überzeugt. Keiner der Charaktere ist authentisch, alle wirken völlig künstlich, da sie entweder zu perfekt oder zu fehlerhaft sind. Da ist beispielsweise John Kenner, der alles zu wissen scheint und zu jeder Aussage das passende Paper zitieren kann. Darüber hinaus ist er natürlich erfolgreicher Wissenschaftler vom MIT (Massachusetts Institute of Technology), der auch hervorragend mit Waffen umgehen kann und eine Nichte hat, die als Anwältin an der Vanutuklage mitarbeitet und ebenfalls perfekt informiert ist über umweltpolitische Fragen. Auch sie zeigt im Dschungel im Kampf mit Rebellen erstaunliche Fähigkeiten, die ich einer Anwältin an sich nicht ohne Weiteres zutraue. Alle auftauchenden Frauen sind selbstverständlich hübsch, so auch die große blonde Sarah, die überaus sportlich ist. Peter Evans stellt den jungen Lieblingsanwalt des steinreichen George Morton dar, der es zwar früh zu etwas gebracht hat, aber dennoch nicht viel über das Thema Klima zu wissen scheint und auf diesem Gebiet auch schwer belehrbar sein muss. In den umweltrelevanten Diskussionen zeigt sich Evans uneinsichtig, doch später hat auch er von Kenner gelernt. Während er Sarah anfangs noch zur Last fällt, mutiert Evans im weiteren Verlauf des Buches gleich zum zweifachen Lebensretter. Das wirkt leider alles wenig realistisch, sodass es lange dauert, bis einem die Charaktere ans Herz wachsen und man mit ihnen mitfiebert, wenn sie wieder gegen die Extremisten kämpfen und in aussichtslose Lagen geraten. Ein leidlich gutes Bild kann man sich auch nach etwa 550 Seiten nur von sehr wenigen Personen machen.

Im Kampf gegen die Bösen greift Crichton ähnlich wie Dan Brown in [„Meteor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=155 ein wenig in die Trickkiste, denn Sarah, Peter und John meistern schier ausweglose Situationen; so erwartet man das von wahren Helden. Gerade aber diese rasanten und gefahrvollen Szenen sind es neben der faszinierenden Klimathematik, die das Buch ausmachen und dazu führen, dass es mitzureißen versteht. Ein anderes wichtiges Thema, das Crichton aufgreift, ist die gezielte Manipulation der Menschen durch die Medien, wie sie gerade in den USA nicht unüblich ist. In „Welt in Angst“ wird der Bevölkerung die nahende Klimakatastrophe vorgespielt, damit sie spendet und der stattfindenden Klimakonferenz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Doch in Wahrheit ist alles ganz anders oder aber zumindest nicht halb so schlimm. Die interessante Thematik rund um das Klima, das jeden Menschen etwas angeht, genau wie der Umweltschutz, aber eben auch die fragwürdige Politik von Umweltschützern machen das Buch zu einem interessanten Leseerlebnis, bei dem man durchaus noch etwas lernen kann. Durch die im Anhang befindliche kommentierte Bibliografie ermöglichst Crichton seinen Lesern weitere Recherchen anhand der ausgewählten Literatur. Auf diese Weise verpackt Michael Crichton sein angelesenes Wissen in eine spannende Geschichte, wobei er sich manchmal allerdings in zu vielen Details zur Klimaproblematik verliert. Dennoch wird das Buch dadurch zu etwas mehr als bloßer Unterhaltungsliteratur, da die Geschichte in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken anregt.

Insgesamt gefällt das Grundkonzept des Buches äußerst gut, und ganz ungewollt hat Crichton sich ein Thema herausgesucht, wie es aktueller nicht sein könnte. Die Geschichte ist spannend, leidet allerdings ein wenig unter den Spannungseinbrüchen durch die wiederkehrenden Erörterungen zu Umweltfragen. Die Charakterisierungen bleiben etwas zu sehr an der Oberfläche und zeichnen sich durch recht viele Übertreibungen aus, die die Figuren künstlich wirken lassen, nichtsdestotrotz kann man sich von den Hauptcharakteren ein recht gutes Bild machen. Punkten kann Crichton durch seine ausführliche Literaturrecherche, die ihm dieses interessante Buch erst ermöglicht hat. So ist Michael Crichton mit „Welt in Angst“ sicherlich kein Meisterwerk gelungen, aber doch ein spannendes und vielleicht auch lehrreiches Buch.

|Originaltitel: State of Fear (Dezember 2004)
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann|

White, Gillian – Peststein, Der

Scheinbar seit Anbeginn der Zeit stellt er das natürlich Zentrum des kleinen englischen Dörfleins Meadcombe dar: der Peststein, ein gewaltiger Megalith, fest und unverrückbar in der Erde verankert. Von den Touristen wird er bestaunt, von den Bürgern, die in seinem Schatten leben, eher gefürchtet. Schon immer galt der Peststein als Quelle übernatürlicher Kräfte. In vorchristlicher Zeit wurde er als Heiligtum verehrt, und selbst als die Missionare die alten Naturgeister vertrieben hatten, schlichen des Nachts die Menschen zum Stein, der angeblich die Macht hat, geheime Wünsche zu verwirklichen. Dass noch jede Person, die es versucht hat, ihren Weg bitter bereuen musste, ist hoch im rationalen 20. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Geblieben ist ein dumpfes Unbehagen – und manchmal der Wunsch, in auswegloser Lage den Peststein zu beschwören und darauf zu pfeifen, ob sich eine Gottheit oder der Teufel in seinem Inneren verborgen hält.

Tiefe Verzweiflung eint drei ansonsten sehr unterschiedliche Frauen, die in einer düsteren Oktobernacht die Macht des Steins versuchen. Marian Law hat gerade ihren geliebten Gatten bei einem tragischen Verkehrsunfall verloren. Stattdessen blieb ihr die ungeliebte Schwiegermutter, die in den letzten Monaten zunehmend senil geworden ist und Marian das Leben zur Hölle macht. Die 14-jährige Melanie Tandy wünscht sich sehnlich, die Schule, ihre verhasste Familie und Meadcombe überhaupt verlassen zu können. Die verwöhnte Oberschicht-Lady Sonia Hanaford sieht sich vor einem Leben in Schande und Armut, weil die Galerie ihres nichtsnutzigen Ehemanns vor dem Bankrott steht.

Der Peststein hört, der Peststein hilft – stumm aber effektiv und auf seltsam krummen Pfaden. Als die drei Frauen am nächsten Morgen erwachen, ist Marians Schwiegermutter in der Nacht plötzlich verstorben, Melanie spurlos verschwunden, und Sonia hat einen Weg gefunden, dem reichen Schwiegervater ein Darlehen abzupressen. Erleichterung stellt sich ein, aber sie schwindet rasch, als sich herausstellt, dass jeder in Erfüllung gegangene Herzenswunsch eine Kette verhängnisvoller Reaktionen in Gang setzt, die sich unaufhaltsam zu einer finalen Katastrophe wahrlich apokalyptischen Ausmaßes aufschaukeln …

Nichts ist schlimmer als das Grauen, das der Mensch selbst heraufbeschwört. Sollte es tatsächlich Gespenster oder Dämonen in einer Twilight Zone irgendwo da draußen geben, müssten sie sich eigentlich neidvoll mit einer Zuschauerrolle begnügen, denn sie wären wohl kaum in der Lage, ihren Opfern so erfinderisch das Leben sauer zu machen wie dies unseren drei weiblichen Hauptpersonen im „Peststein“ ohne jenseitige Unterstützung gelingt.

Auch mit der Äußerung von Herzenswünschen sollte man vorsichtig sein: Sie könnten in Erfüllung gehen, ohne dass darüber Probleme und Sorgen verschwänden. Auch in unserem Fall wird deutlich, dass die eigentlichen Ursachen des Unglücks, über das die drei scheinbar braven Bürgerinnen Meadcombes klagen, wesentlich tiefer in der eigenen Vergangenheit wurzeln und buchstäblich hausgemacht sind. Folgerichtig bricht erst dann die Hölle auf, als sich das alltägliche Elend als Puffer auflöst: Dem reinen, unverschnittenen Grauen aus der eigenen Psyche sind die Frauen nicht gewachsen.

Der allmähliche Verfall wird von Gillian White meisterhaft geschildert. Geradezu genial muss man dabei den Einsatz des Peststeins nennen: Er ist einfach nur da, findet hin und wieder Erwähnung, greift nie aktiv in die Handlung ein, indem ihm etwa des Nachts finstere Dämonen als dienstbare Geister des Bösen entschlüpfen. Trotzdem legt sich sein Schatten über die gesamte Handlung, und der Leser vergisst ihn nie. Das ist auch gut so, denn das bemerkenswerte Finale stellt klar, dass der Peststein sehr wohl übernatürliche Kräfte besitzt. Jetzt erklären sich auch die Einschübe, in denen ein namenlos bleibender Gutachter die Geschichte des uralten Felsens aufrollt – er hat schon oft Unheil über die Bürger von Meadcombe gebracht, aber dabei stets jene Geduld an den Tag gelegt, die man einem Stein gern zubilligt. An der Schwelle zum 3. Jahrtausend sind seine Untaten wieder einmal in Vergessenheit geraten; das ist seine Chance, und er nutzt sie.

Dem Leser bleibt überlassen, ob er sich auf diese Auflösung der vertrackten Geschichte einlässt. Es stimmt schon, Marian, Melanie und Sonia brauchen den Peststein gar nicht, um sich ins Unglück zu stürzen. Der Plot würde auch ohne ihn funktionieren. Aber Gillian White hat sich nun einmal entschlossen, einen Psycho-Thriller mit phantastischen Elementen zu schreiben, und dabei leistet sie hervorragende Arbeit. Wenn es etwas wirklich zu kritisieren gilt, so ist es die inhaltliche Nähe zu ihren anderen Romanen. Hier sei besonders an „Veil of Darkness“ (1999, dt. [„Das Hotel bei den Klippen“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=876 Goldmann TB Nr. 44540) erinnert, der über weite Strecken wie ein literarisches Remake des „Peststeins“ anmutet, nur dass der Spuk dieses Mal außen vor bleibt. Menschen in der Krise zu schildern, die eine verlockende Abkürzung auf dem Weg aus dem Unglück entdecken, der sich als Highway in die Hölle entpuppt: Das ist offenbar Whites Passion oder Spezialität, die allerdings zu einer Masche zu gerinnen droht.

Gillian Whites Biografie weist gewisse Berührungspunkte zum Schicksal der jungen Melanie Tandy auf, die sich hier ebenso (un-)heimlich wie wirkungsvoll für erlittene oder eingebildete Schmähungen rächt. Zwar stand die Autorin nicht mit dem Teufel im Bunde, aber schon die beeindruckende Zahl der Schulen, die sie aufgrund fortwährender Verstöße gegen Regeln und Vorschriften verlassen musste, lässt deutlich werden, dass hier ein Freigeist im Kampf gegen das Establishment heranwuchs. Sobald es gesetzlich möglich war, machte sich White nach London auf, das damals ganz im Zeichen der „Swinging Sixties“ stand. Drei turbulente Jahre später heuerte sie bei einer Zeitung in Essex an und wurde (scheinbar) bürgerlich. Sie heiratete, setzte vier Kinder in die Welt und erwarb eine kleine Farm in Cornwall. Als die alte Schule ihres Heimatortes geschlossen wurde, rief White kurzerhand in ihrem Heim eine neue ins Leben. Das Projekt überlebte wider Erwarten bis auf den heutigen Tag. Quasi nebenbei begann Gillian White in den 80er Jahren zu schreiben. Mehr als ein Dutzend Romane hat die fleißige Autorin bisher verfasst, die in England Bestsellerstatus erreichten und von denen die BBC bisher vier verfilmt hat.

White, Gillian – Hotel bei den Klippen, Das

Drei junge Frauen haben genug von ihrem alten Leben – Kirsty von ihrem brutalen Ehemann, der ihr und ihren Kindern die Hölle auf Erden bereitet, Avril von ihrer tyrannischen Familie und Bernadette von ihrem Ex-Freund Dominic, der sie eiskalt abserviert hat. Sie ziehen – oder fliehen – für eine Saison nach Cornwall ins „Burleston“, ein einsames Hotel an der Meeresküste, um dort einen Neuanfang zu versuchen. Die drei Frauen schließen (scheinbar) Freundschaft, aber ansonsten ist der Alltag ernüchternd. Colonel Parker, der Hotelbesitzer, und Mrs. Stokes, seine Wirtschafterin, führen ein hartes Regiment, und die Arbeit ist hart und langweilig.

Eines Tages findet Kirsty in der Bibliothek ein altes Buch, das sich als wahres Zauberwerk erweist. „Magdalena“, geschrieben 1913 von einer Ellen Kirkwood, ist die (fiktive?) Biografie einer Frau in Bedrängnis, die ihr Leben entschlossen in die Hand nimmt, ihr Schicksal meistert und sich nicht scheut, dabei wenn nötig über Leichen zu gehen. Die drei Freundinnen berührt das Buch sehr. Darüber hinaus erkennen sie sein Bestseller-Potenzial. Nicht gerade mit besonderen Geistesgaben gesegnet beschließen sie, „Magdalena“, das offensichtlich nur als Privatdruck in kaum erwähnenswerter Auflagenhöhe erschienen ist, als ihr Werk auszugeben und zu veröffentlichen, um auf diese Weise ein wenig Geld aus ihrem Fund zu schlagen. Damit setzen sie eine verhängnisvolle Folge unvorhergesehener Ereignisse in Gang. Das Manuskript gerät in die Hände der egozentrischen und ehrgeizigen Lektorin Candice Love, die schon lange ein Buchprojekt sucht, das ihrer dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub verschaffen kann. Love will „Magdalena“ groß herausbringen – und zwar weltweit!

Das literarische Meisterwerk einer bisher völlig unbekannten Autorin schlägt ein wie eine Bombe – und stellt seine „Schöpferinnen“ vor gewaltige Probleme: Wie sollen sie, die ihre Autorenschaft nur spielen, vor der Presse und vor der Literaturkritik bestehen, wie die vom Verlag geforderten Änderungen und Korrekturen ausführen? Bernadette, die von ihren Freundinnen als „Strohfrau“ vorgeschickt wird, ist ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Sie hält die zunehmend ungeduldige und misstrauisch werdende Candice Love ungeschickt hin, verstrickt sich in Widersprüche und verliebt sich zudem noch in den charismatischen Leiter des Verlags, der indes in der jungen Frau nur eine Starautorin sieht, die zuvorkommend behandelt werden sollte.

Kirsty treiben andere Sorgen um. Der Ruhm käme ihr nicht zupass, muss sie doch fürchten, die unerwünschte Aufmerksamkeit ihres Noch-Gatten Trevor zu erregen. Dieser ist tatsächlich eifrig damit beschäftigt, Kirstys Spur zu verfolgen, und träumt bereits davon, ihr eine „Lektion“ zu erteilen, die sie mindestens ins Krankenhaus bringen dürfte. So hält sich Kirsty im Hintergrund und schrubbt weiter Toiletten im „Burleston“, während Avril und Bernadette es sich in der Prominentensuite gut ergehen lassen. Will man sie etwa ausbooten? Kirsty wird argwöhnisch, fühlt sich hingehalten, während das ersehnte große Geld auf sich warten lässt.

Avril entwickelt psychotische Züge. Sie hat sich auf eine Affäre mit dem windigen Edward Board, dem Golflehrer des „Burleston“ eingelassen, der die Gefühle der unerfahrenen Frau ausnutzt und auf sein Stück vom Kuchen hofft. Die verhassten Eltern suchen sie im „Burleston“ auf, um die Kontrolle über ihre Tochter zurückzugewinnen. Dank der stetigen Präsenz in der Presse lässt auch Avrils krimineller Bruder Graham nicht lange auf sich warten. Gerade aus dem Gefängnis entlassen, hat er bei einem missglückten Raubüberfall eine alte Frau umgebracht. Nun befindet er sich auf der Flucht und braucht Geld. Vor der großen Präsentation von „Magdalena“ ist dies nicht die Publicity, die verlagsseitig gewünscht ist. Schlimmer noch: Trevor ist kaum in Cornwall eingetroffen, da taucht Boards Leiche mit eingeschlagenem Schädel auf dem Hotelgelände auf. Die Polizei glaubt nicht an einen Zufall und nimmt Avril in die Zange, nachdem Trevor gefasst wurde und prompt seine Schwester als Alibi angegeben hat …

An dieser Stelle soll es genug sein mit der Inhaltsangabe. Wer aber glaubt, der Rezensent hätte bereits viel zu viel verraten, sei eines Besseren belehrt: Die oben geschilderten Ereignissen stellen höchstens so etwas wie eine Ouvertüre zu dem dar, was sich auf dem Weg zum großen Finale (plus einem unerwarteten Schlussgag) noch ereignen wird! Denn was nach einem Blick auf den Klappentext zunächst einen pseudo-unheimlichen, gefühlsduselig-schwülstigen „Frau in Gefahr“-Thriller à la Mary Higgins Clark befürchten lässt, entpuppt sich als zunehmend vertrackter Psycho-Grusler, der geschickt die Klaviatur menschlicher (Ur-)Ängste zu bedienen weiß und nach einem trügerisch hausbackenen Start in der zweiten Hälfte ständig an Tempo (und Gemeinheit) zulegt. Natürlich wird mit der Konstellation treuloser/prügelnder/gefühlloser etc. Mann (= „das Monster“) gegen schwache, aber entschlossene Frau/en das literarische Rad nicht gerade neu erfunden, doch verlässlich in Schwung gebracht und gehalten. Besonders im zweiten Teil schlägt die Handlung immer neue Haken. Die Ereignisse überschlagen sich, ohne dass die Logik darunter leidet. Stattdessen bewahrheit sich die alte (Binsen-)Weisheit, dass ein Geist schwer wieder eingefangen werden kann, ist er erst einmal seiner Flasche entwischt. Die Schlag/Gegenschlag-Dramaturgie von „Das Hotel bei den Klippen“ beschwört das Bild einer Reihe hintereinander aufgestellter Dominosteine herauf; kippt der erste, kommen auch alle übrigen unerbittlich zu Fall.

Die Charakterisierung der Protagonisten (von „Helden“ kann man hier wahrlich nicht sprechen!) ist hart, aber gerecht. Drei vom Leben betrogene Frauen haschen nach ihrem Zipfel der Wurst und versuchen es dabei mit einer Abkürzung. Das geht fürchterlich schief, wobei die Autorin erfreulicherweise nie ins Moralisieren gerät; im Gegenteil: Für Kirsty, Bernadette und Avril lässt sich schwer echte Sympathie entwickeln. Aber auch die (selbst-)gerechte Strafe bleibt aus; für das, was es anrichtet, kommt das Trio zwar gerupft, aber mit verhältnismäßig heiler Haut (besonders Kirsty dürfte dem zustimmen) davon.

Die deutsche Ausgabe von „Das Hotel bei den Klippen“ gibt zu keinen Klagen Anlass. Was sich der Verlag allerdings bei der Wahl des Titels gedacht hat, bleibt wieder einmal rätselhaft. Das „Burleston“ steht zwar einsam auf seiner Klippe, ist aber höchstens ein düsteres, keinesfalls aber ein unheimliches Haus. Der Roman „Magdalena“ ist ein ganz normales Buch, in dessen Seiten nicht der Teufel nistet, und die böse Ellen Kirkwood spukt ebenfalls nicht als Geist umher, wie der (absichtlich?) missverständliche Klappentext andeutet. Das ist schade, denn wer sich dadurch abgeschreckt fühlt, wird eines echten Lesevergnügens beraubt. Der „Schleier der Dunkelheit“, von dem der Originaltitel zutreffender spricht, bedeckt die endlosen Übeltaten der weiblichen wie männlichen Protagonisten dieses Romans, dem es gelingt, in Sachen absichtlicher wie beiläufiger Bosheit ganz neue Dimensionen zu erschließen!

Gardner, Lisa – Schattenmörder, Der

Bakersville im US-Staat Oregon ist ein kleiner, beschaulicher Ort. Die Menschen sind friedlich, was sich auch daran messen lässt, dass nur zwei Polizeibeamte – Sheriff „Shep“ O’Grady und Officer Lorraine „Rainie“ Conner – hauptamtlich das Gesetz vertreten. Deshalb schlägt es wie eine Bombe ein, als in der örtlichen Grundschule ein Schüler Amok läuft und eine Lehrerin sowie zwei Mädchen erschießt. Rainie kann den Täter stellen – schockiert erkennt sie Danny, den Sohn des Sheriffs!

Ein gefundenes Fressen für die Medien, was die Justiz nervös werden lässt. Rainie, welche die Ermittlungen in diesem Fall leitet, wird hart bedrängt. Vor allem der ehrgeizige Detective Sanders fällt ihr immer wieder in den Rücken. Da ist die Hilfe des an den Ort des Geschehens geeilten FBI-Spezialisten Pierce Quincy willkommen. Dieser hat sich einen Namen als Profiler gemacht, der sich in Massen- und Serienmörder „hineindenken“ und oft Schlüsse ziehen kann, die zu Festnahmen führen.

Die eigenbrötlerische Polizistin und der unverbindliche FBI-Agent raufen sich allmählich zusammen. Das nutzt der „Schattenmörder“ aus, dessen Wirken Rainie bereits vermutet hatte: Die Spuren weisen auf die Anwesenheit eines zweiten Mörders und eigentlichen Anstifters hin! Dieser ist wie viele Psychopathen ein Meister der Tarnung und der Manipulation. Der Anschlag auf die Schule war nur ein Aspekt seines Plans, denn im Visier hat der Mörder auch Rainie, die er aus Gründen, die nur seinem kranken Hirn schlüssig sind, leiden sehen möchte. Während Rainies Vorgesetzte und Kollegen dieser Theorie skeptisch gegenüber stehen und der Presse schier der Schaum vorm Mund steht, begeben sich Cop und Quincy auf die mühsame Suche nach dem Mann im Hintergrund. Dieser hat freilich den Vorteil auf seiner Seite und lauert nur auf den Moment, da ihm seine Häscher zu nahe kommen werden …

Die Inhaltsangabe macht es deutlich: Hier lesen wir keinen Thriller, der das Genre revolutioniert. Konfektionsware legt uns Lisa Gardner vor, die indes sehr sauber gearbeitet ist. Lassen wir uns nicht vom scheinbar „aktuellen“ und „brisanten“ Thema „Gewalt an US-amerikanischen Schulen“ täuschen. Obwohl die Autorin sich immer wieder in „Erklärungen“ versucht (dies sind die Passagen, die man überspringen bzw. nicht übel nehmen sollte), bleibt die Amok-Episode vor allem Aufhänger für die eigentliche Story. Die ist recht einfach, wird aber routiniert, wenn auch mit vielen Seifenoperelementen abgewickelt, die immerhin meist unaufdringlich bleiben.

Der geniale Psychopath, der übermächtig aus dem Hintergrund die Fäden zieht, an denen seine Opfer wie seine Jäger zappeln, ist ebenfalls eine (allzu) bekannte Figur. Wenn er so schlau ist, wieso wird er letztlich immer erwischt? Das Gute siegt im Mittelklasse-Thriller, auch wenn es dabei – so viel Konzession an die raue Realität ist möglich – ordentlich Federn lassen muss.

Hinein mischt sich viel angelesener Alltag aus dem Polizeimetier. Gardners Hommage an das klassische oder zeitlose „police procedural“ ist allerdings nie Selbstzweck, sondern der Handlung geschuldet. Abgerundet wird das Geschehen durch Raufereien mit dummen Politikern, geilen Mediengeiern, tückischen Vorgesetzten, Action an den richtigen Stellen & ein bisschen Herzeleid: Die Teile dieses Krimipuzzles sind wie gesagt wohl bekannt, aber seine Entstehung zu beobachten macht trotzdem Freude.

Schwer ist das Haupt, das die Krone trägt … Dieses alte Sprichwort lässt sich leicht auf die Helden des modernen (Polizei-)Krimis anwenden. Stets stehen sie unter Druck, sind überarbeitet, bekommen Ärger im Job, haben noch mehr Ärger daheim, wo die vernachlässigte Familie oder der Partner quengeln. Rainie Conner fügt sich exakt in dieses Muster (bzw. Klischee). Als Kind misshandelt, die Mutter eine Säuferin & Schlampe, deren verstümmelte Leiche die Tochter finden musste, als Polizistin = Frau im Visier der misstrauischen Bürger von Bakersville, als Privatfrau kontaktscheu und einsam.

Gleichzeitig ist Rainie selbstverständlich eine Zierde ihres Berufs, in dem sie sogleich Führerqualitäten an den Tag legt, als sie endlich einen großen Fall übernimmt. (Genauso selbstverständlich ist der Auftritt jener, die ihr den Erfolg neiden oder sie als Sündenbock bei möglichem Misserfolg verheizen wollen.) Es wird sogar noch besser (wenn auch nicht für Rainie): Der Vater des mutmaßlichen Amokläufers ist ihr Freund und unmittelbarer Vorgesetzter! Auch dieser Sheriff O’Grady hat seine Päckchen zu tragen. Mit der Ehe steht es keineswegs zum Besten, er erscheint verdächtig früh am Tatort und könnte Beweismaterial gegen seinen Sohn beseitigt haben.

Dann ist da Profiler Quincy, der den genialen FBI-Spezialisten gibt. Kühl ist er und beherrscht, aber auch ihn hat des Schicksals Blitzstrahl getroffen: Das Töchterlein liegt auf dem Sterbebett, die Gattin ist eine Ex-, das Privatleben liegt auch sonst danieder, so dass Quincy sich mit der manischen Energie von Sherlock Holmes & Gil Grissom in und auf seine Fälle stürzt. Die Qualitäten der spröden, aber tüchtigen und hübschen und deshalb begehrenswerten Rainie bleiben dem klugen Mann trotzdem nicht lange verborgen, so dass die Handlung nun doch mit einer Portion Schmalz (glücklicherweise nur Magerstufe) geschmiert wird.

Der „Schattenmörder“ tückt wie jeder anständige Psychopathenstrolch mächtig bedrohlich im Hintergrund umher. Identität und vor allem Motiv bleiben so lange wie möglich unerwähnt, was gut ist, da die Auflösung wieder einmal dem Aufwand nicht gerecht wird. So lange man jedoch nicht weiß, wer er ist und was er will, funktioniert der „Schattenmörder“ als Bösewicht zufrieden stellend.

Lisa Gardner (geb. 1971) ist trotz ihrer jungen Jahre als Schriftstellerin eine Veteranin. Freilich ist wenig bekannt, dass sie ihre Karriere nicht 1998 und im Thrillergenre startete, sondern bereits sechs Jahre früher – als Alicia Scott, die tagsüber einem „richtigen“ Bürojob nachging und sich nach Feierabend insgesamt 13 Liebesschnulzen aus dem Hirn wrang.

Nach eigener Auskunft hatte sie schließlich genug von dieser Fron (was leicht nachvollziehbar ist) und versuchte sich mit einem Thriller. „The Perfect Husband“ markiert gleichzeitig das Debüt von Pierce Quincy, der damals nicht als Serienheld geplant war und für den ersten Roman der Quincy/Conner-Reihe („The Third Victim“) vorsichtig „serientauglich“ gemacht werden musste, d. h. um der zwischenmenschlichen Verwicklungen willen eine Ehegattin und Familie erhielt.

Der Erfolg übertraf Gardners Erwartungen. Sie schwenkte endgültig auf die neue Linie ein und schreibt seitdem ausschließlich rasante Thriller, die zwar nur bekannte und bewährte Plots und Figuren aufgreifen, dies aber gekonnt und unterhaltsam. Mit Ehemann und Kind lebt die Autorin in New Hamphire und offenbar im Paradies auf Erden, wenn man ihren enthusiastischen Äußerungen auf der Website http://www.lisagardner.com Glauben schenken mag; diese fällt freilich zwar durch professionelle Gestaltung, noch mehr aber durch Geschwätzigkeit auf: Gardner erzählt viel, aber wenig Substanzielles.

Die Pierce-Quincy/Lorraine-Conner-Serie erscheint im |Blanvalet|-Verlag:

1. The Perfect Husband (1998; noch kein dt. Titel)
2. Der Schattenmörder (2001; „The Third Victim“)
3. Der nächste Mord (2001; „The Next Accident“) – TB Nr. 35631

Reginald Hill – Die rätselhaften Worte

Das geschieht:

Mid-Yorkshire in der gleichnamigen englischen Grafschaft zum Schau- und Spielplatz des bizarren und in Serie mordenden „Wordman“. So nennen die Journalisten mit der für ihre Spezies typischen Begeisterung jenen offenbar geistesgestörten aber wohl organisierten Unhold, der damit beginnt, die örtliche Prominenz nach einem seltsamen Schema auszurotten. Zunächst bringt niemand den ersten „Dialog“ mit dem ungeklärten Tod eines Handwerkers in Verbindung, der offenbar einem Unfall zum Opfer gefallen ist. Der Text liegt in einem prall gefüllten Postsack, der in der Mid-Yorkshire-Stadtbibliothek eintrifft. Dort hat man die einheimischen Freizeit- und Nachwuchs-Literaten aufgefordert, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Gesucht wird die beste Kurzgeschichte, und das hat den Wordman auf den Plan gerufen.

Erst Mord Nr. 2 ruft Detektiv Superintendent Andrew Dalziel, Chief Inspector Peter Pascoe und Sergeant Edgar Wield vom Mid-Yorkshire Criminal Investigation Departments auf den Plan: Jax Ripley, Nachrichtenredakteurin eines regionalen Senders, wird zur Hauptperson seines zweiten „Dialoges“, was für die ehrgeizige Frau das Todesurteil bedeutet. Reginald Hill – Die rätselhaften Worte weiterlesen

Arnaldur Indriðason – Todeshauch

Der Grafarholt ist ein Hügel am Rande von Reykvavík, Hauptstadt des Inselstaates Island. Viele Jahre gab es hier nur Hütten und Wochenendhäuser, von denen die meisten längst verschwunden sind. Nun wird hier neu gebaut, und auf einem der Grundstücke kommt dabei ein Skelett zum Vorschein. Mord ist zu vermuten, so dass die Polizei Ermittlungen aufnimmt.

Aufnehmen |muss|, wobei sich die Begeisterung in Grenzen hält. Mehr als ein halbes Jahrhundert stecken die Knochen bereits im Boden – keine ideale Voraussetzung, diesen Fall noch zu klären. Doch Kriminalkommissar Erlendur Sveinsson hat ein Faible für mysteriöse Mordfälle. Er widmet sich diesem mit der ihm üblichen Hartnäckigkeit.

Arnaldur Indriðason – Todeshauch weiterlesen

Kastner, Jörg – Engelsfluch

Auch nach der Aufregung um das vom Geheimorden |Totus Tuus| verübte Attentat auf den neu inthronisierten Papst Custos hält dieser an seinem radikalen Kurs fest: Der Heilige Vater räumt mit verstaubten Traditionen auf und versucht, die katholische Kirche trotz anhaltender Widerstände aus konservativen Kreisen auf einen neuen, modernen Kurs zu bringen. Allerdings hat niemand damit gerechnet, dass die seinen revolutionären Bestrebungen entgegenschlagende Ablehnung in einem extrem radikalen Akt kulminieren würde – ein Teil des Klerus sagt sich von Rom los und gründet die „Heilige Kirche des wahren Glaubens“, welche über ein eigenes geistliches Oberhaupt (einen Gegenpapst) verfügt. Ein neuzeitliches Schisma spaltet also die katholische Gemeinschaft. Unsicherheit darüber, wer die richtige Lehre vertritt, greift unter den Gläubigen um sich.

Die innerkirchlichen Turbulenzen werden noch durch grausame Priestermorde angeheizt, die Rätsel aufgeben. Der ehemalige Schweizergardist Alexander Rosin und Commissario Donati, die beide Custos schon früher zur Seite standen, werden mit den Ermittlungen beauftragt. Rosin arbeitet inzwischen als Journalist und bildet zusammen mit der Reporterin Elena nicht nur im Privatleben ein Paar. Alexander, Elena und Donati versuchen Licht ins Dunkel der Gewalttaten zu bringen. Eine Spur, ein am Tatort aufgefundenes Silberkreuz, lässt vermuten, dass erneut – wie bereits beim Attentat – Mitglieder der Schweizergarde beteiligt sind. Ist Totus Tuus gar nicht zerschlagen? Ist die Garde wieder von dieser Organisation unterwandert? Hat der Geheimorden mit den Morden ein neues Zeichen gesetzt und steckt er vielleicht sogar hinter dem Schisma?

Als Elena in Borgo San Petro, dem Geburtsort des Gegenpapstes, recherchiert, trifft sie auf den Deutschen Enrico Schreiber, der dort nach seinem ihm unbekannten Vater sucht. Kurz nach ihrer Ankunft geschieht auch hier ein blutiges Verbrechen und die beiden werden in einen Strudel seltsamer Ereignisse hineingezogen. Übernatürliche Heilkräfte, ominöse Prophezeiungen sowie uralte etruskische Hinterlassenschaften spielen dabei eine Rolle. Und dann sind da noch Enricos ständig wiederkehrende Albträume, in denen ihn eine Zwittergestalt aus Dämon und Engel quält. Schließlich stellt sich heraus, dass ein Geheimnis von geradezu monströsen Dimensionen hinter all dem steht und dass die Tage der Welt, wie wir sie kennen, gezählt sein könnten …

Wie der kurzen Inhaltsangabe zu entnehmen ist, greift das kleine Wörtchen „Thriller“ auf dem Buchcover zu kurz, um diesen Roman korrekt zu charakterisieren. Die Bezeichnung „Phantastischer Thriller“ trifft den Sachverhalt schon besser. Für Krimi- & Thrillerleser, die es gerne halbwegs bodenständig und realistisch haben, ist dieses Buch daher weniger empfehlenswert. Eine weitere Einschränkung ergibt sich daraus, dass der „Engelsfluch“ die Fortsetzung von „Engelspapst“ ist. Deshalb empfiehlt es sich, zuerst letzteres Werk zu lesen. Prinzipiell ist zwar der besprochene Roman auch ohne Kenntnis des (in sich abgeschlossenen) Vorgängerbandes problemlos zu verstehen, weil dessen Inhalt zusammengefasst präsentiert wird. Falls man allerdings nur das aktuell besprochene Buch zu lesen beabsichtigt und dann vielleicht Lust auf den ersten Teil bekommt, birgt dieser keinerlei Überraschungen mehr in sich.

Die Leserschaft von „Engelspapst“ wird rasch erkennen, dass Jörg Kastner sein bewährtes Rezept beibehalten hat: Es gibt als Aufhänger ungeklärte, spektakuläre Mordfälle im Umfeld des Vatikans, eine kräftige Prise alter Rätsel mit übersinnlichem Inhalt, Intrigen und Täuschungsmanöver, eine zweite Erzählebene mit alten Aufzeichnungen, eine problematische Vater-Sohn-Beziehung etc. Es kommt also das gleiche Strickmuster zum Einsatz, nur will leider diesmal der berühmte Funke nicht so recht überspringen, vielleicht gerade weil die einzelnen Bestandteile und das Prinzip ihrer Verknüpfung bereits vertraut sind. So kann jeder, der ein bisschen aufmerksamer liest und sich seine eigenen Gedanken macht, viele Enthüllungen vorhersehen. Aus diesem Grund – und weil echte dramaturgische Höhepunkte über weite Strecken rar gesät sind -, kommt erst im letzten Viertel so richtig Spannung auf. Ein Grund für dieses Dahintreiben der Handlung könnte im Fehlen von eindrucksvollen Gegenspielern der Helden liegen. Die böse Macht im Hintergrund ist unfassbar und anonym, lange verleiht ihr niemand ein Gesicht, wodurch sie seltsam leblos und uninteressant bleibt (als der Oberschurke dann endlich in dieser Rolle die Bühne betritt, mangelt es ihm auch noch eklatant an Charisma). Außerdem wird leider die Schisma-Thematik überhaupt nicht vertieft und bleibt somit ein reiner Plakativ-Effekt.

Trotz der aufgezählten Schwachpunkte ist „Engelsfluch“ mit seinen fast fünfhundert Seiten ein angenehm zu lesender Schmöker, der einen zwar über weite Strecken nicht vor Spannung an den Fingernägeln knabbern lässt, aber dennoch diesseits der Grenze zur Langeweile bleibt. Wer sich ohnehin nur für einige Stunden in eine Welt der phantastischen Abenteuer entführen lassen will, ohne dabei alles kritisch zu hinterfragen, kann diesem Buch mit Sicherheit mehr abgewinnen als der Rezensent.

_Martin Weber_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Ellery Queen – Drachenzähne

Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten. Ellery Queen – Drachenzähne weiterlesen

Daschkowa, Polina – Für Nikita

Von den derzeit so erfolgreichen russischen Krimiautoren schreibt Polina Daschkowa wohl am überzeugendsten und spannendsten über das „real existierende“ Verbrechen im postsowjetischen Russland. Mit ihrem neuesten Roman „Für Nikita“ beweist sie zudem, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann und wie schnell man von ihnen getäuscht wird. Der ganze Roman besteht schließlich aus mehr oder minder geschickt geplanten und ausgeführten Täuschungsmanövern, in deren Mittelpunkt der berühmte Kriminalautor Viktor Godunow alias Nikita Rakitin steht.

Dessen ehemaliger Freund, der zukünftige Gouverneur eines sibirischen Bezirks, Grigori Russow, beauftragt ihn mit der Abfassung seiner Biographie. Doch die beiden verbindet nicht nur eine Freund-, sondern auch eine Nebenbuhlerschaft. Russows Frau Nika war nämlich Nikitas erste und einzige große Liebe, die lange Zeit auf Gegenseitigkeit beruhte. Eine belastete Vergangenheit also, unter der jeder der beiden noch immer leidet. Russow, weil seine Ehefrau den Schriftsteller nie ganz vergessen konnte, und Nikita, weil er Nikas Verlust durch sein egomanisches Verhalten verschuldet hatte und dies noch immer bereut.

Das bis aufs Äußerste gespannte Verhältnis reißt in dem Moment, als Nikita bei seinen Recherchen nicht nur auf die Ruhmestaten, sondern auch auf die Schandtaten seines Auftraggebers stößt. Der sibirische Gouverneur ist skrupellos genug, um Nikita dafür „von finsteren Gesichtern“ töten zu lassen. Nikita soll bei einem inszenierten Wohnungsbrand ums Leben kommen und sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. So identifiziert schließlich eine sehr gute Freundin die total verbrannte Leiche Nikitas an einer Halskette. Nun erst treten aus den unterschiedlichsten Winkeln und Gründen die eigentlichen Totengräber aus dem Schatten der Vergangenheit. Doch dieses Mal sind es die Totengräber des Provinzpolitikers, der sich einen ehemaligen Schulkameraden, die organisierte Kriminalität und am Schluss sogar seine Frau zum Feind macht. Und der Schleier über seine menschenverachtenden Geschäfte beginnt sich dank Daschkowas genialer Dramaturgie nur langsam zu lüften.

Fast keiner ihrer Figuren, egal ob Täter oder Opfer, gewinnt sie nur positive oder nur negative Seiten ab. Und genau das macht ihre Figuren so lebensnah und glaubwürdig in ihrem Handeln und Denken, das auf gesellschaftlich desaströsen Verhältnissen beruht. Diese sozialen und psychologischen Mechanismen weiß Polina Daschkowa ebenso eindringlich zu schildern wie Einzelheiten über den Einfluss krimineller Sektenführer auf die Politik und den perfekt ausgeführten Auftragsmord.

Wollen wir hoffen, dass Frau Daschkowa als Journalistin und Kriminalschriftstellerin nicht ähnlich realen Verbrechen auf der Spur ist wie ihr alter ego Viktor Godunow alias Nikita Rakitin. Denn wie eng erzählerische Phantasie und brutale Wirklichkeit miteinander zusammenhängen, hat sie uns mit diesem Roman abermals eindrücklich gezeigt.

|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Folsom, Allan – Des Teufels Kardinal

Harry Addison, erfolgreicher Anwalt der Hollywood-Stars, kann es kaum fassen, als er auf seinem Anrufbeantworter die Stimme seines Bruders hört. Er hat mit Pater Daniel Addison, der als Geistlicher in Italien Karriere gemacht hat und im Vatikan als Privatsekretär des Kardinals Marsciano in unmittelbarer Nähe des Papstes arbeitet, seit acht Jahren kein Wort mehr gesprochen. Nun fleht ihn Daniel um Hilfe an, ohne jedoch darauf einzugehen, wer oder was ihn bedroht. Kurze Zeit später ist er tot – umgekommen bei einem Anschlag auf den Reisebus, der ihn in den alten Wallfahrtsort Assisi bringen sollte.

Harry reist nach Italien, um die Leiche seines Bruders in die USA zu überführen. Er wird von der Polizei empfangen, die ihn mit der ungeheuerlichen Nachricht konfrontiert, Daniel sei ein Terrorist und Mörder gewesen und verantwortlich für das einige Wochen zuvor verübte Attentat auf den Kardinalvikar von Rom. Diese Anschuldigung weist Harry vehement zurück, auch als man ihm Beweise für die Schuld seines Bruders vorlegt. Als Harry diesen identifizieren will, stellt er fest, dass im Sarg die Leiche eines Fremden liegt. Die versteckte Warnung Kardinal Marscianos, die Sache auf sich beruhen zu lassen, ignoriert er. Kurz darauf wird Harry entführt, gefoltert und nach dem Verbleib Daniels befragt. Als sich sein Unwissen herausstellt, schießen die Kidnapper auf ihn und lassen ihn als tot liegen. Der Polizei werden gefälschte „Beweise“ zugespielt, die Harry wie seinen Bruder als gefährlichen Terroristen bloßstellen.

Hinter dem Komplott steckt ein Vertrauter des Papstes: Der größenwahnsinnige Kardinal Palestrina ist ein Mann mit der Vision, das Heilige Römische Reich neu zu gründen und die Katholische Kirche zum geistigen Führer der gesamten Menschheit zu erheben. Dafür ist ihm jedes Mittel Recht – auch Mord und Terror. Der Kardinalvikar von Rom ist sein erbitterter Gegner gewesen. Ihn hat Palestrina durch seinen fähigsten „Mitarbeiter“, den Terroristen und Killer Thomas Klein, aus dem Weg räumen lassen. Klein ist es auch, der gemäß Palestrinas Weisung Daniel Addison ausschalten soll. Tief im Herzen des Vatikans treffen diese und andere überraschende und überraschte Beteiligte aufeinander, und nicht alle werden dies überleben …

Ein Kirchenfürst, der sich für die Inkarnation Alexanders des Großen hält (!) und das gottlos-kommunistische China missionieren will (!!), um auf diesem Wege ein neues christliches Weltreich zu schaffen (!!!) – bereits dieser kurze Abriss macht deutlich, dass es sich bei „Des Teufels Kardinal“ (ein mattes Wortspielchen; der Originaltitel – „Tag der Beichte“ oder „Tag der Abrechnung“ ist allerdings auch nicht geistreicher) um einen jener Hochgeschwindigkeits-Thriller handelt, die auf der Piste der Glaubwürdigkeit durch geringe Bodenhaftung auffallen.

Dabei muss man Allan Folsom zugute halten, dass er sich dieses Mal deutlich zurückgehalten hat. In „Übermorgen“, seinem Erstling, ging es darum, den tiefgefrorenen Schädel Adolf Hitlers auf einen eigens herangezüchteten „Gastkörper“ zu pflanzen, auf dass der auf diese Weise wiedergeborene „Führer“ anschließend ein „Viertes Reich“ gründe. Allerdings stellt Folsom auch in seinem Vatikan-Thriller die Toleranz seiner Leser auf manche harte Probe. Wie weit könnte es beispielsweise ein Mann auf seinem Weg zum Herrscher der Welt mit dem Plan bringen, Gift in die Trinkwasser-Reservoirs Chinas zu leiten, um sich von der Zentralregierung in Peking als Retter in der Not rufen zu lassen und dann die Staatsgeschäfte zu übernehmen? Folsom selbst bringt die Absurdität dieses Vorhabens (unfreiwillig) auf den Punkt, als er seinen bösen Kardinal Palestrino ausrufen lässt: „Herrsche über Chinas Wasservorräte, dann beherrschst du China.“ (S. 179)

Eine unrealistische Ausgangsidee sagt noch nichts über den Unterhaltungswert eines Romans aus; wäre dem so, gäbe es keine Science-Fiction, keine Fantasy, keinen James Bond, überhaupt keine fantastische Literatur. Als solche muss man Folsoms Räuberpistole letztlich werten: „Des Teufels Kardinal“ ist ein Hightech-Horror-Thriller und darüber hinaus ein typischer „Pageturner“, ein auf Spannung und Tempo getrimmtes Produkt der modernen Unterhaltungs-Industrie, das bereits eine zukünftige Verfilmung berücksichtigt: Die mehr als 160 (!) Kapitel geben die Szenenfolge eines Kinofilms deutlich vor, und die Figuren (der amerikanische Held, auf sich gestellt im fremden = gefährlichen Land; die schöne Nonne, die ihm zu Hilfe eilt; der scheinbar übermächtige Finsterling und sein verrückter Helfershelfer; der bizarre Zwerg aus dem Untergrund etc.) entsprechen exakt jenem Personal, das in einem modernen Mainstream-Hollywood-Thriller der oberen Preisklasse besetzt wird.

Es ist schwer zu entscheiden, wie ernst Autor Folsom seine Geschichte eigentlich nimmt; er erzählt sie ohne jeden Anflug von Ironie. Immerhin nimmt er seine Leser ernst. Die knallige Handlung spielt vor einem gut gewählten und recherchierten Hintergrund. Der Vatikan als Kulisse für einen Thriller ist zwar keine neue, aber eine gute Idee. („Des Teufels Kardinal“ erfährt seine Neuauflage zweifellos, um das Heer der Dan-Brown/“Illuminati“-Fans zu locken) Eine Institution wie die (katholische) Kirche, die seit 2000 Jahren existiert, muss zwangsläufig zahlreiche dunkle Flecken auf der nach außen strahlend weißen Weste tragen. Kirchenleute sind auch nur Menschen – und beileibe nicht automatisch die Besseren!

Darüber hinaus ist der Vatikan ein faszinierendes, weil in der heutigen Zeit exotisches und anachronistisches Gebilde: ein unabhängiger Staat im Staate (Italien), der nicht von einer gewählten Regierung, sondern von der Kirche nach eigenen Gesetzen und Regeln, die sich von Außenstehenden oft schwer nachvollziehen lassen, geführt wird. Das Gelände selbst, ein auf den ersten (und zweiten) Blick unüberschaubares Gewirr von Jahrhunderte alten Kirchen, Palästen, Archiven, Höfen, Gängen etc. (auf dem Vorsatz- bzw. Nachsatzblatt ist freundlicherweise eine Karte abgebildet) bietet sich natürlich als Schlupfwinkel für allerlei zwielichtige Gestalten und ihre üblen Taten geradezu an.

Aber keine Angst – Folsom verliert keine Zeit damit, die (kirchen-)historische Sonderstellung des Vatikans in seinem Roman zu erörtern. Die oft ausführlichen Ortsbeschreibungen dienen immer nur als Treibriemen für den auf Hochtouren laufenden Motor der Geschichte. Die letzten beiden Drittel von „Des Teufels Kardinal“ sind eine reine Verfolgungsjagd (mit einigen Längen übrigens), ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den gejagten Brüdern, ihren zahlreichen Verfolgern und der Polizei, die im obligatorischen explosiven Finale mündet. So ist „Des Teufels Kardinal“ ein höchst konventioneller Thriller und keineswegs ein Füllhorn überraschender Einfälle, wie der Klappentext vollmundig behauptet, aber schwungvoll geschrieben und gut geeignet, ein paar Mußestunden zu füllen.

Child, Lee – In letzter Sekunde

Jack Reacher hat es auf seiner unsteten Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten ins wüstenheiße Westtexas verschlagen. Dem Streit mit einem rauflustigen, aber im Zweikampf glücklosen Kleinstadt-Cop verdankt der Ex-Militärpolizist die Bekanntschaft der schönen Carmen Greer, die ihn in ihrem Wagen aufliest und aus der Schusslinie bringt.

Dort er gerät wie so oft vom Regen in die Traufe: Die junge Frau ist auf der verzweifelten Suche nach einem Killer, der sie von ihrem gewalttätigen Gatten befreit. Die Greers sind ein Clan texanischer Ölbarone, wie er im schlechten Buche steht. Sloop, der bewusste Gatte, hat genug von seiner geprügelten, gedemütigten Frau, will sie loswerden und ihr die gemeinsame Tochter rauben – dies um so mehr, als Carmen ihn vor anderthalb Jahren ans Finanzamt verpfiff und ins Gefängnis brachte. Über seine degenerierte Familie lässt er Carmen samt Tochter in Echo gefangen halten bis zum Tag seiner Freilassung. Der steht nun bevor und dann wird Sloop sich rächen.

Reacher ist kein Mörder, helfen will er aber trotzdem. So begleitet er Carmen auf die Greer-Ranch und ins einsame Städtchen Echo, das den Greers mit Mann und Maus praktisch gehört. Alle warten auf den Moment, da Sloop erscheinen wird – die in unheiliger Vorfreude schwelgenden Greers, die verängstigte Carmen und ihre Tochter, der abwartende Reacher – und ein Trio mysteriöser Killer, die es offenbar auf den auch sonst im Umgang mit dem Geld seiner Geschäftsfreunde notorisch laxen Sloop abgesehen haben – oder hat Sloop selbst sie angeheuert, um es denen heimzuzahlen, die ihn an das Finanzamt verrieten?

Reacher verliert den Überblick, als sich die Ereignisse zu überstürzen beginnen. Carmen erweist sich als Mörderin und Lügnerin, Sloop womöglich nicht als der Unmensch, als der er hingestellt wurde. Die Killer belagern die Ranch; auf ihrer Todesliste steht inzwischen auch Reacher. Doch der lockt sie in die Wüsteneinsamkeit – und dann beginnt Echo wahrlich zu brennen …

Jack-Reacher-Romane sind Unterhaltungs-Literatur reinsten Wassers – sie werden von ihrem Verfasser fabriziert wie Möbelstücke. Jedes Jahr wird einer pünktlich fertig: solide Ware, ohne Schnickschnack, gern gelesen und treu neu gekauft. Das hat seine Gründe, Reacher-Thriller sind wirklich gut. Kein Wunder, denn Lee Child hat die Gesetze des Genres genau studiert und hält sich nun daran. Geradlinig und schnell müssen seine Geschichten sein, die Handlungsstränge sind arm an Zahl und Verwicklungen, Originalität oder Anspruchsdenken stören nie den Ablauf. Eines Besseren sei dabei belehrt, für den sich das negativ anhört. Wie die vier Vorgängerbände ist „In letzter Sekunde“ ein atemloser Action-Lesespaß.

Ein harter Mann, eine schöne Frau, eine von Schuften bevölkerte Wüstenstadt, die zusätzlich von Verbrechern bedroht wird – eine sehr klassische Konstellation, die schon manchen Western zuverlässig bis zum großen Final-Showdown gebracht hat. Die Story von „In letzter Sekunde“ ist also wohl bekannt, die Figuren sind es auch, Child gibt gar nicht vor, das Rad neu erfinden zu wollen. Stattdessen erzählt er einfach seine Geschichte.

Hier und da vorkommende Übertreibungen und allzu plakative Bilder – die Greer Ranch ist von den Grundmauern bis zum Dachfirst höllenrot gestrichen – verzeiht man dem Verfasser bzw. wertet sie großzügig als Reminiszenz an große Vorbilder; hat nicht schon Clint Eastwood in „High Plains Drifter“ (1973, dt. „Ein Fremder ohne Namen“) eine ganze Stadt rot anstreichen lassen, um deren Verkommenheit zu brandmarken?

Und dass Child Texas als Hort grenzdebiler Rassisten, korrupter Sheriffs, heruntergekommener Cowboys und absolutistischer Wüstenkönige schildert, muss er selbst mit den Einheimischen ausmachen … Als Kulisse funktioniert diese Provinzhölle jedenfalls gut. Sie erfüllt zudem den perfiden Zweck, die Leser in falscher Sicherheit zu wiegen. Als sie schon glauben, die Figuren zu kennen, sorgt Child für Spannung durch Unsicherheit, indem er Gute und Böse die Rollen tauschen lässt bzw. die Trennung zwischen ihnen aufhebt. Trauen können wir nur Reacher, denn der wird Tarnungen und Täuschungen garantiert und rabiat auf- und in die Luft fliegen lassen.

Reacher = Ritter. Auf diese Formel lässt sich die ohnehin karge Persönlichkeit unseres Reisenden reduzieren. Wenn er nicht gerade den Entrechteten und Hilflosen zur Seite springt, vertreibt er sich die Zeit damit, durch sein Heimatland zu treiben. Was ihn dazu bringt, die Sesshaftigkeit so zu fürchten, kann Child trotz diverser Erklärungsversuche nicht recht begreiflich machen. Letztlich ist es wohl so, dass Reacher ist, wie er ist, um als ideale Serienfigur eine schwungvolle Handlung an vielen Orten in Gang zu setzen. Lee Child ist ein ungemein ökonomisch arbeitender Autor, dem solcher Pragmatismus keineswegs fremd ist.

Als Mensch mögen wir Reacher nicht unbedingt, aber wir begleiten ihn gern bei seinen Abenteuern. Er redet nicht so schrecklich viel oder so viel Unsinn wie seine Action-Kollegen, er will uns weder belehren noch überzeugen. Stattdessen ist er einfach da und handelt. Solche Eindimensionalität lässt man sich durchaus gern gefallen, wenn sie so spannend verpackt ist wie hier. Ein dumpfer Schläger ist Reacher darüber hinaus sicher nicht.

Die verfolgte Schöne ist zwar schön und sexy, aber hilflos ist sie auch in übler Lage nicht. Child bemüht hier ein wenig das (politisch korrekte) Bild von der stolzen Latino-Prinzessin, die sich in eine rasende Mutter-Löwin verwandelt, doch auch das ist Täuschung: Carmen Greer ist sogar noch zäher als selbst Reacher es lange ahnt.

In Texas ist alles überlebensgroß – das Land, die Städte, die Hüte und auch die Arschlöcher. Letzteres ist Childs Interpretation, die er jedoch mit Leben zu füllen weiß. Reaktionäre, von sich eingenommene, großmäulig-laute, rassistische, chauvinistische, bigotte etc. Großfamilien hat es in Literatur und Film bereits viele gegeben. Auch hier ist Child nichts Neues eingefallen. Seine Leistung besteht darin, die eigentlich zum Klischee geronnenen Horror-Gestalten mit Leben zu füllen. Die Greers wirken schrecklich lebendig in ihrer angemaßten Selbstherrlichkeit, deren Demontage man deshalb genüsslich verfolgt.

Wieder einmal die Kirsche auf dem Kuchen sind Childs Nebendarsteller. Sofort in den Bann zieht die Darstellung des Killer-Trios; keine sadistischen Irren, die tarantinoesk dekorativ mit großkalibrigen Feuerwaffen umherfuchteln, sondern nüchterne, erfahrene, hart arbeitende Männer und eine Frau, Profis, denen man gern bei der Arbeit zusieht – und deshalb sofort ein politisch korrekt schlechtes Gewissen verspürt.

Lee Child ist ein waschechter Brite, 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thrillerserien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“ betreute) wurde Child 1995 wie sein später Serienheld Reacher „freigestellt“.

Seine Erfahrungen im Thrillergewerbe gedachte er nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt seiner Meinung nach jenseits des großen Teiches. Ausgedehnte USA-Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, so dass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor – zumindest bis 2006, dann hat er einen entsprechenden Vertrag pünktlich erfüllt.

Aber noch ist Reacher auf Reisen – und wie „In letzter Sekunde“ eindrucksvoll belegt, kann die Welt auch noch nicht auf ihn und seine besonderen Fähigkeiten verzichten … Lee Child hat uns jedenfalls wieder im Griff. Tempo, Tote, Terror, dazwischen fast lyrische Szenen und Spitzen gegen das (US-)Establishment: Dies ist ein „Pageturner“ im reinsten Sinn dieses Wortes!

Die Jack-Reacher-Romane:

1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“) – Heyne Taschenbuch Nr. 01/13026
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=905 – Heyne TB Nr. 01/13421
3. Tripwire (1999; dt. „Sein wahres Gesicht“) Blanvalet TB Nr. 35692
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=906 – Blanvalet TB Nr. 35715
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“) Blanvalet Hardcover
7. Persuader (2003, noch kein dt. Titel)
8. The Enemy (2004, noch nicht erschienen)

Simmons, Dan – Hard as Nails

„Hard as Nails“ ist der dritte und letzte Krimi mit Privatermittler Joe Kurtz aus Buffalo im US-Bundesstaat New York. Gleich zu Beginn wird Joe über den Haufen geschossen. Dann heuern ihn zwei Mafiafamilien an, die sich gegenseitig verdächtigen: jemand hat bereits 22 Junkies und Dealer abgemurkst und die Leichen entsorgt. Will jemand die beiden Drogenbarone gegeneinander aufhetzen? Joe muss aufpassen, dass er nicht zwischen die Fronten gerät.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Handlung_

Gleich auf den ersten Seiten kriegt Joe Kurtz eine Kugel in den Kopf. Zugegeben, eigentlich ist es mehr ein Streifschuss, aber der Schuss, der sein Hirn um Millimeter verfehlt, setzt ihn erst einmal außer Gefecht. Und das kam so:

Joe hat elfeinhalb Jahre im Staatsgefängnis von Attica für Totschlag gesessen. Nun ist er, nachdem er den Knast wunderbarerweise überlebt hat, seit fast einem Jahr auf Bewährung draußen. Leichen pflastern seinen Weg, weil jeder dahergelaufene Mafioso was von ihm will (siehe „Hardcase“ und „Hard Freeze“), aber die Behörden können ihm nichts anhängen, so gerne sie das auch täten. Und das Beste ist: Seine Bewährungshelferin Peg O’Toole, die er gerade besucht, findet ihn integer und möchte seine Bewährungsauflagen lockern. Dann braucht er sich nicht mehr jede Woche, sondern nur noch jeden Monat bei ihr melden.

Sie erbittet eine kleine Gegenleistung. Er soll doch mal herausfinden, wo ein paar Fotos von einem alten, verfallenen Rummelplatz im Grünen aufgenommen wurden. Sie sei da auf eine Spur gestoßen. Leider scheint ihre Aktivität jemandem gewaltig auf den Zeiger zu gehen, denn als zuerst O’Toole und dann Kurtz die Tiefgarage betreten, werden sie beschossen. Alle Lampen sind abgeschlagen – das kommt Joe gleich verdächtig vor. Er schießt zwar zurück auf das Mündungsfeuer, doch plötzlich bricht O’Toole zusammen und er erhält besagten Kopfschuss. Feierabend?

Nicht ganz. Während O’Toole irgendwo auf der Intensivstation liegt, wird Joe gleich nach dem Erwachen von zwei Mitarbeitern des Morddezernats des Buffalo Police Departments (BPD) vernommen. Es handelt sich um seine alte Jugendflamme (Cathy) Rigby King und ihren Partner Detective Kemper. Sie erinnert ihn später an die alten Zeiten: Als Joe und Rigby einst im kirchlichen Waisenhaus – fein säuberlich nach Jungs und Mädels getrennt – aufwuchsen, trafen sie sich in der Basilika an einem versteckten Plätzchen, um Liebe zu machen. Jetzt würde Rigby gerne an die alten Zeiten anknüpfen, denn sie will Joe für einen Plan benutzen. Dazu setzt sie auch ihre weiblichen Waffen ein.

In der ersten Nacht nach dem Aufwachen erhält Joe unangenehmen Besuch. Der Onkel von O’Toole, ein ehemaliger Major der Army, haut ihm links und rechts eine in die Fresse. Als sei das nicht deutlich genug gewesen, schwört er ihm auch noch Rache. Bevor noch mehr ungebetene Besucher auftauchen, macht sich Joe aus dem Staub. Er sieht mit seinem blutigen Kopfverband aus wie der wandelnde Tod und sein Schädel brummt wie tausend Glocken, doch irgendwie hängt Joe an seinem Leben. Wahrscheinlich, weil er nur eines davon hat.

Zunächst schnappen ihn sich aber zuerst die Mafiafamilien, zuerst Toma Gonzaga, dann die Lady der Farinos. Beide wollen das Gleiche, als hätten sie sich abgesprochen. Doch sie verdächtigen sich gegenseitig. Joe soll herausfinden, wer ihre Junkies und Heroindealer kaltmacht. 22 Leute in nur vier Wochen, das ist eine ganze Menge. Und wer ihre Abnehmer kaltmacht, versaut den Markt. Schon klar. Während Angelina Ferrara Farino ihm karge 15.000 Mäuse bietet, winkt Toma Gonzaga mit immerhin 100 Riesen. Das Angebot ist verlockend – und „eines, das er nicht ablehnen kann“. Diese „Paten“-Sprüche gehen Joe total auf den Geist.

Dennoch Joe hat zunächst andere Prioritäten. Und er hat völlig Recht, zuerst herausfinden zu wollen, ob er oder O’Toole das Ziel des Anschlags in der Tiefgarage war. Die Spur führt zu einem Jemeniten, der als Schütze missbraucht und dann entsorgt wurde, und zu eben jenem Major Michael O’Toole, der so scharf auf Joes Kopf ist. Dort in Neola, im Süden des Bundesstaates New York, erlebt Joe eine handfeste Überraschung. Hier laufen viel zu viele Fäden zusammen, als dass es ein Zufall sein könnte. Und das Städtchen Neola ist geradezu „absurd wohlhabend“ …

_Mein Eindruck_

|Ein Kriegsschauplatz|

„Hard as Nails“ funktioniert ein wenig anders als „Hardcase“. Während in diesem Startband der Joe-Kurtz-Trilogie sich die Action in verschiedenen Episoden entfaltete, steigert sich in Band 3 die Spannung mit der Komplexität der Handlung, bis so etwas wie eine kritische Masse erreicht ist. Dann explodiert die Action geradezu mit einem monumental inszenierten Generalangriff, der das gesamte dritte Viertel des Romans einnimmt. Obwohl es sich um einen Krieg der Drogenimperien handelt, kommt dieser Angriff einem Söldnerangriff schon ziemlich nahe.

Entsprechend blei- und hämoglobinhaltig sind die Resultate. Aber das Ziel ist edel: Rigby King, seine Jugendflamme, muss gerettet werden, als handle es sich um die Jungfrau in Not. Und das ist sie in der Tat. Denn Kurtz weiß aus eigener schmerzhafter Erfahrung, welchen Unmenschen sie in die Hände gefallen ist. Und außerdem: Ihn kostet es keinen Cent, wenn sich die Drogenbarone gegenseitig umbringen. Er muss nur sich und Rigby mit heiler Haut da rauskriegen. Ob das hinhaut?

|Tapfere Mädels|

Es ist erstaunlich, aber nicht nur die beiden Frauen Rigby King und Peg O’Toole liegen Kurtz am Herzen, sondern auch seine Tochter Rachel, seine Sekretärin Arlene DeMarco und deren Schwester Gail – bei der Rachel aufwächst, nachdem Joe (in „Hard Freeze“) ihren üblen Stiefvater ausgeschaltet hat. Auch Arlene selbst sieht ein: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Kästner), und stellt sich zur Verfügung, um die Verlobte des jemenitischen Todesschützen an der kanadischen Grenze in Empfang zu nehmen. Wie sich zeigt, ist Arlenes Mission nicht nur menschenfreundlich und mutig, sondern auch lebensgefährlich. Denn der Killer jener 22 Junkies wurde ebenfalls entsandt, um die junge Jemenitin „in Empfang“ zu nehmen. Sie weiß zu viel.

|The Dodger|

Dieser Auftragsmörder ist eine recht interessante Figur. Er trägt den Spitznamen „The Artful Dodger“ oder kurz „Dodger“, nach einem bekannten Roman von Charles Dickens: „Oliver Twist“. Auch der Titel des Romans ist ein Zitat aus diesem Buch: »“Hard“, replied the Dodger. „As nails“, added Charley Bates.« Der Killer heißt Dodger, weil er allen Gefahren und Verfolgern auszuweichen versteht. Keiner außer seinem Boss kennt ihn. Nicht einmal sein eigener Vater weiß, dass er am Leben ist. Und an jedem Halloween-Fest zelebriert der Dodger mit den Leichen seiner jüngsten Opfer eine ganz besondere Rummelplatzveranstaltung. Denn Halloween ist sein Geburtstag.

Manchen |Amazon.com|-Lesern war dieser Psychopath ein Dorn im Auge, denn solch eine Figur hat offenbar in einem ordentlichen Krimi nichts zu suchen. Dafür sind offenbar Thrillerautoren wie Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) oder Patricia Cornwell zuständig. Ich halte diese Trennung für künstlich und den Auftritt des Psychopathen für nicht nur plausibel, sondern auch sehr wirkungsvoll. Er ist eine Marionette, die von einem Unbekannten gesteuert wird. Dieser Unbekannte hat es auf das Drogengeschäft im westlichen Bundesstaat New York abgesehen.

|Deus ex machina|

Mehr Probleme bereitete mir hingegen das zweite Finale des Romans. Joe ist wieder einmal in einer aussichtslosen Lage, wie so oft. Und wie so oft, findet sich eine Rettung für ihn. Allerdings wusste sich Joe in den ersten zwei Bänden selbst zu helfen, diesmal tritt eine Art „deus ex machina“ auf. Für mich war dies immer ein Beleg für schlechte Handlungsentwicklung. Es wirkt künstlich.

Ich bezweifle auch, dass der Plural von „Mafioso“ „Mafiosa“ lautet, wie Simmons schreibt. Es müsste eigentlich „Mafiosi“ heißen.

|Humor ist, wenn man trotz Tränen lacht|

Der Aspekt des Humors darf in jedem Joe-Kurtz-Roman nicht fehlen. Besonders im ersten Viertel wimmelt es von extrem ironischen Seitenhieben und Bemerkungen. Die bekommt man leider oft nur mit, wenn man die Umgangs- und Gangstersprache kennt. Diese wird ziemlich intensiv in den entsprechen Dialogen mit Gangstern benutzt. Am besten legt man sich ein Wörterbuch des amerikanischen Slangs bereit. Und der Autor tut den Teufel, um den Leser mit der Nase auf komische Stellen zu stoßen.

Am ehesten tut Simmons das noch an folgender Stelle. Arlene (oder Rigby?) sagt: „As tight as a proctologist’s dog’s asshole.“ Und dann wird hinzugefügt: „Kurtz thought about that for a moment.“ Nun muss man natürlich wissen, was ein Proktologe macht. Ich werde den Teufel tun und euch den Witz erklären. Das müsst ihr selbst herausfinden.

_Unterm Strich_

Wieder einmal ist es Simmons gelungen, mich zwei, drei Tage völlig in seinen Bann zu schlagen. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie diese Joe-Kurtz-Story ausgeht. Oftmals sah es nicht gut für den Helden aus, aber selbst mit drei Schusslöchern im Mantel, einem verbundenen Schädel und rasenden Kopfschmerzen nimmt es der Unbezwingbare mit allen Bösewichten auf. Damit er nicht wie eine Comicfigur wirkt, erfahren wir diesmal sehr viel über seine Vergangenheit: Joe wuchs (neben Rigby) als Waise auf, tat Dienst als Militärpolizist in Bangkok, wurde Privatermittler in Buffalo (Partnerin: Samantha, die Mutter von Rachel) und schließlich eingebuchtet – siehe oben.

Von Bösewichten gibt es in Buffalo und Umgebung mehr als genug. Der Bundesstaat New York ist unter fünf Mafiafamilien aufgeteilt worden, damit man sich nicht ins Gehege kommt. Hinzu kommen noch kleinere Lokalfürsten der Unterwelt, mit denen sich Kurtz auskennt. Nun drängen weitere Konkurrenten auf den Drogenarkt. Desweiteren wären da natürlich noch korrupte Polizisten und irgendwelche Finsterlinge, die mit brandneuen Superautos durch die Straßen rollen. Das sind die Schlimmsten: FBI, CIA, Heimatschutz, private Sicherheitsdienste – die reinste Buchstabensuppe.

Simmons lässt dazu einige bissige Bemerkungen fallen, die nicht alle aus dem Mund von Kurtz kommen. Im Jahre 2 nach 9/11 scheint sich diese Pest rasant auszubreiten. Und diese neuen Typen reden einen aufgesetzten englischen Akzent wie Pierce Brosnan, kleiden sich in 3000-Dollar-Anzüge und nennen ihre Opfer zynisch „alter Kumpel“ (old sport). Was ist aus der Welt geworden, wenn sich nicht mal mehr die Schurken wie Schurken kleiden, sondern wie Banker? Vielleicht besteht da ja auch kein Unterschied mehr.

Wie heißt es so schön? Simmons macht in den Joe-Kurtz-Romanen keine Kompromisse. Das ist vielleicht zu gut, um wahr zu sein. Aber was ist an einem Roman schon wahr? Aber wenn ich mir heutzutage einen harten Krimi à la Chandler und „Mike Hammer“ aussuchen könnte, dann würde meine Wahl auf jeden Fall auf einen Krimi mit Joe Kurtz fallen.

|Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Hans Hellmut Kirst – Die Nacht der Generale

Kirst Nacht der Generale Cover 1994 kleinDarum geht’s:

Ein hochrangiger Offizier lebt im II. Weltkrieg seinen Drang als Serienkiller aus; dem für das Nazi-Regime peinlichen Treiben soll ein Ermittler unauffällig ein Ende bereiten, doch der Mörder ist geschickt, nutzt seine Privilegien und setzt seine grausigen Taten fort … – Dieser (deutsche!) Quasi-Vorläufer der seit Hannibal Lecter bestsellerabonnierten Killer-Thriller bedient sich bereits der bekannten Spannungselemente und hat seinen Unterhaltungswert nicht eingebüßt: lesenswert! Hans Hellmut Kirst – Die Nacht der Generale weiterlesen

Simmons, Dan – Hard Freeze

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo, New York State, gar nicht so einfach. Er gerät nicht nur zwischen die Fronten zweier verfeindeter Mafiafamilien, sondern kommt auch einem psychopathischen Serienkiller in die Quere, der momentan auf der „richtigen“ Seite des Gesetzes arbeitet.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne).

Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wird. Simmons lebt in Colorado, wuchs aber in Buffalo, dem Schauplatz der Kurtz-Romane, auf.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder ein paar Fälle an. Leider sitzt ihm die Polizei genauso im Nacken wie die Mafia. Im eisigen Winter auf Buffalos Straßen entkommt er den Kontraktkillern um Haaresbreite.

Doch wer hat den Kontrakt für ihn ausgeschrieben? Ist es Angelina Farino Ferrara, die aus Italien zurückgekehrte Mafiaerbin des in Attica einsitzenden Bosses Stephen „Little Skag“ Farino, den Kurtz bestens in schlechter Erinnerung hat? Oder ist es ihr Gegenspieler, der schmierige Drogenschieber Emilio Gonzaga mit dem miserablen Geschmack und dem noch übleren Mundgeruch, mit dem sie sich zum Schein arrangieren muss?

Als sei dies noch nicht genug Kummer, bekommt Kurtz auch noch Besuch von einem relativ betuchten, aber todkranken Schwarzen namens John Wellington Frears, der nach Jahren endlich den immer noch frei herumlaufenden Mörder seiner Tochter Crystal finden will. Da hat sich Kurtz auf was eingelassen: Der berechnende Mädchenserienkiller, ein Meister der Verkleidung, hat nun eine Rechnung mit Kurtz offen und alle Trümpfe in der Hand: James B. Hansen arbeitet im Augenblick unter falscher Identität auf der Seite der Gesetzeshüter, hat eine respektable Familie und ein respektables Haus in einem vornehmen Viertel. Sein finsteres Geheimnis bewahrt er in einer Titanschachtel in einem Safe seines stets abgesperrten Arbeitszimmers auf. Zumindest so lange, bis Joe Kurtz es dort aufspürt.

So oder so wird es für Joe Kurtz ein heißer Winter in Buffalo, der kältesten Stadt im Bundestaat New York, gleich neben den Niagara-Fällen. Der Showdown findet folgerichtig während eines Schneesturms am totesten und kältesten Ort der Stadt statt: in den verfallenen dunklen Gewölben des alten verfallenen Hauptbahnhofs.

_Mein Eindruck_

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen.

Kurtz hat eine Tochter namens Rachel, die er wegen seiner 12-jährigen Haft nie kennen lernen durfte. Samantha, ihre Mutter, war Kurtz‘ Geliebte und berufliche Partnerin. Emilio Gonzaga hat sie auf dem Gewissen. Kurtz‘ Feldzug gegen Gonzaga entspringt also seinem Wunsch nach Vergeltung. Rachel hat inzwischen einen Pflegevater namens Donald Rafferty, doch der stellt sich als saufender und hurender Taugenichts heraus. Als er auch Rachel an die Wäsche will, läuft sie davon. Kurtz hat Abhörgeräte in Raffertys Haus angebracht, doch die neueste Entwicklung überrascht auch ihn. Plötzlich sind seine Qualitäten als Vater gefragt. Und wie sich zeigt, ist dies für Donnie Rafferty äußerst ungesund.

Auch gegenüber Frauen zeigt sich Kurtz souverän. Während er mit seiner Berufspartnerin Arlene DiMarco hervorragend auskommt, ohne zu persönlich zu werden, handhabt er die Mafiaerbin Angelina Farino Ferrara, wie es sich gebührt: eiskalt, vorsichtig und geschäftsmäßig. Für jeden muss etwas dabei herausspringen, wenn man etwas erreichen will. Ferrara will Gonzaga ebenso aus dem Weg haben wie ihren „kleinen Bruder“ Little Skag, der vom Bundesgefängnis in Attica weiterhin die Familiengeschäfte leitet. Als Angelina merkt, dass Kurtz imstande sein könnte, es mit den beiden aufzunehmen, will sie ihn benutzen. Dummerweise hat er eine Tonbandaufnahme von ihr, auf der sie gesteht, ihr Baby, das sie von Emilio Gonzaga gegen ihren Willen bekommen hatte, getötet zu haben …

In einer Welt der Psychopathen, Bodyguards, eiskalten Drogenschieber und Kindermörder nimmt sich ein Killer wie Joe Kurtz dennoch recht normal aus. Für einen Killer ist er sogar außerordentlich belesen und gebildet. In Attica hatte er zwölf Jahre Zeit fürs Lesen. Er liebt Shakespeare, und der Showdown im Hauptbahnhof gemahnt ihn an den Schlussakt von Shakespeares „Titus Andronicus“: eine wahre Schlachtplatte (inzwischen verfilmt mit Sir Anthony Hopkins).

Ungewöhnlich für einen Hardboiled-Thriller: Kurtz‘ geistiger Mentor, ein Ex-Professor in Princeton, wartet mit einer Theorie der moralischen Entwicklung auf. Wie Jean Piaget bewiesen hat, dass sich jeder Mensch in einer geistigen und sozialen Entwicklung befindet und es verschiedene Entwicklungsphasen gibt, so postuliert der Ex-Professor sieben Entwicklungsstufen des moralischen Empfindens und Bewusstseins. Ein Kinderschänder und Mahatma Gandhi mögen zwar beide der Spezies Mensch angehören, stehen aber wohl kaum auf der gleichen sittlichen Stufe. Kurtz‘ Beitrag zu dieser Theorie: Es gibt eine Nullstufe, und er kenne einige Vertreter dieser Stufe persönlich. Der Ex-Prof muss ihm widerwillig zustimmen. Ein solcher Vertreter hat gerade kalblütig seinen Doppelgänger erschossen. Man nennt diese Leute gemeinhin „Monster“.

Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie der Kurtz-Thriller. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht. Zu guter Letzt sind hier nicht nur die Winter besonders hart und lang, sondern es gibt am Lake Erie ein spezielles Wetterphänomen: einen extrem starken Schneesturm, der von Westen über die Weite des Sees heranbraust, bis er die Stadt mit ungeheurer Wucht trifft. Keine Frage, dass dies genau dann eintritt, als der Showdown des Buches stattfindet. Daher auch der Titel.

_Unterm Strich_

„Hard Freeze“ ist als zweiter Band der Kurtz-Serie vielleicht nicht so gewalttätig wie der erste, auf dessen Ereignisse ständig verwiesen wird. Aber „Hard Freeze“ entwickelt eine unaufhaltsam wirkende Wucht, die wie der sich zusammenbrauende Sturm irgendwann zum Ausbruch kommen muss.

Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise.

Dies bedeutet nicht, dass Gewalt Selbstzweck ist. Im Gegenteil. Jeder der Schurken wird nicht nur in seinem Handeln, Reden und Denken dargestellt, sondern auch anhand der Konsequenzen seines Tuns. James B. Hansen, den wir wie keine andere Figur im Buch kennen lernen, ist beispielsweise ein vorbildliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und Polizei, doch die Tatsache, dass er bereits über zwei Dutzend zwölfjährige Mädchen vergewaltigt und brutal umgebracht hat, macht ihn zum Monster.

Sobald eine seiner vielen Identitäten ausgedient hat, bringt er seine Gastfamilie um und hinterlässt die Leiche eines Unschuldigen im brennenden Haus, so dass man Hansen für tot hält. Eine Spur der Vernichtung kennzeichnet seinen Lebensweg. Kurtz‘ Tochter könnte sein nächstes Opfer sein.

Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hard Freeze“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen. Dass Simmons sich nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird.

Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, diebische Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Hohlbein, Wolfgang – Feuer

Wieland Lokkens, kurz „Will“ genannt, hat mal wieder eine respektable Packung Ärger am Hals: Der kleinkriminelle Enddreißiger mit einem Händchen für den gezielten Griff ins Klo und dem Knast-Dauerabo ist auf Bewährung auf freiem Fuße und hat natürlich nichts Besseres zu tun, als mit einem – sagen wir einmal – nicht ganz rechtmäßig ausgeliehenen Amischlitten der Extravaganzklasse durch ein Wohlstandsviertel zu cruisen und dabei – hoppla! – ein Kind anzufahren. Dieses flüchtet in Panik in eine frisch abgebrannte Villa, einen schuld- und pflichtbewussten Will auf den Fersen, der sich eigentlich nur um das Opfer seiner Tagträumerei am Steuer kümmern möchte. Bei der Hetzjagd durch die in abendlicher Dämmerung dräuende Brandruine und deren Kellerräume verliert dieser aber allmählich die Geduld mit dem widerborstigen Flüchtling, trägt selbst noch einige Blessuren davon und wird in dieser Stresslage letztlich ziemlich knatschig.

Erschöpft einigen sich Jäger wider Willen und seine Beute bald auf ein Unentschieden, verlassen die Hetzarena – und prompt bekommt Will eins übergezogen und macht unerwartete Bekanntschaft mit kampferprobten Fäusten. Offenbar gibt es noch andere Interessenten an seiner minderjährigen Jagdbeute. Diese verstehen nicht viel Spaß und bedeuten Will unmissverständlich, sich um seine eigenen Probleme zu kümmern, die sich gerade selbstverschuldet vermehrt haben. Will zieht arg gebeutelt Leine, sieht noch, wie das Kind samt Schlägertypen in einer Limousine verschwindet und versucht, wenigstens noch seinen Auftrag auszuführen und die geklaute Karre bei seinem Unterweltchef abzuliefern, der ohnehin nicht viel von dem geborenen Loser hält und mindestens ebenso wenig Spaß versteht wie Wills soeben knapp überlebte unheimliche Begegnung der schmerzhaften Art.

Auf der Weiterfahrt kreuzt unser Katastrophenmagnet eine großräumig gesperrte Unfallstelle. Überraschung: Die Kindesentführer hatten wohl ebenfalls keinen ihrer glücklichen Tage, denn ihre Limousine brennt fröhlich auf der Straße vor sich hin – vom Kind keine Spur. Dass Will das hartnäckige Gör immer noch nicht los ist, stellt er kurz darauf fest, und auch, dass Villen und Limousinen lange nicht das Einzige sind, was im weiteren Verlauf dieser für ihn unerfreulichen und strapaziösen Geschichte abfackeln wird. Was hat das Kind mit dieser Aneinanderreihung von Malheuren zu tun, wie gestaltet sich Wills eigene Rolle dabei, wer waren die Eisenfresser aus der Limousine, warum wird Will selbst zur Jagdbeute und inwiefern scheint seine eigene Vergangenheit davon betroffen zu sein?

_Apocalypse now?_
Gleich vorweg: Der Klappentext ist zum Teil mal wieder aus der PR-Kiste gewürfelt. Die ganze Menschheit werde von verborgenen Mächten aus der Erde bedroht, heißt es da. Es zündelt auffällig kräftig in Köln, das wohl, aber mehr auch nicht. Und die Titulierung als „zweiter Apokalypse-Thriller nach dem Bestseller FLUT“ haut damit ebenso daneben, zumal sie nebenher einen Fortsetzungseffekt suggeriert.

„Feuer“ ist in weiten Teilen ein waschechter Thriller, ganz ohne Apokalypse oder verborgene Mächte, nur mit einem Hauch mysteriös-mystischer Andeutungen verfeinert. Ein unbedarfter Verlierertyp stolpert in eine Reihe gefahrvoller Ereignisse und wird mit Machenschaften konfrontiert, die über seinen Horizont und seine Erfahrungswelt hinausgehen. Will purzelt durch das Unterweltmilieu, prallt auf exzentrische Geldbonzen, die vielleicht gar Kinderhandel betreiben, und kreuzt unweigerlich die Wege ermittelnder Staatsbeamter, die ihm aufgrund seiner nichtsnutzigen Vergangenheit die Unschuldsrolle nicht ganz abnehmen wollen. Und stets begleitet die archaische Macht des Feuers das Geschehen.

Hohlbein bietet damit für den Start einige bewährte Thriller-Zutaten auf, die er geschickt und spannend in Szene zu setzen und mit der zynischen Weltsicht seines Antihelden zu ergänzen weiß. Unterstützt wird er dabei durch bereits im Prolog und in Wachträumen angedeutete mystische Verbindungen zu Wills eigener Vergangenheit, die neugierig machen. In der Tat gelingt es unserer fleischgewordenen deutschen Lieblings-Buchveröffentlichungsmaschine – immerhin über acht Werke im Jahresschnitt, die zudem ständig neu aufgelegt und (auch unter abweichenden Titeln) in diversen Verlagen publiziert werden –, die Spannung über weite Teile aufrecht zu erhalten, die Action nicht abreißen zu lassen, unerwartete Wendungen zu präsentieren und den Leser mit häppchenweisen Informationen bei der Stange zu halten.

Auch die Charaktere sind thrillertauglich und bis kurz vor dem Ende in ihren Motivationen und ihrer Parteinahme nicht recht einzuordnen, was sich ganz klar positiv im Spannungsbogen bemerkbar macht. Also unterm Strich alles bestens und gelungen? Leider nein. Mal wieder.

_Vielschreiberei: Risiken und Nebenwirkungen_
Mit mittlerweile perfektionierter Zielstrebigkeit gelingt es Hohlbein auch diesmal wieder, einen viel versprechenden Ansatz stilecht zu zerlegen und die aufgebaute Erwartungshaltung des Lesers in der Zielgeraden zerbröseln zu lassen. Dabei spielen die sprachlich-stilistischen Patzer kaum eine Rolle; von Hohlbein ist man da inzwischen einiges gewohnt und insgesamt kann der Arzt einen Genesungsprozess attestieren. Derlei ist beim Griff zum jeweils aktuellen Hohlbein so nebensächlich wie intensive Charakterformung, angemessene Recherchearbeit oder literarische Finesse. Wir wollen spannend unterhalten werden und am Ende das Buch zufrieden gesättigt beiseite legen können.

Das erste Erwartungsmoment wird größtenteils zufrieden gestellt; lediglich im letzten Buchdrittel fallen größere Längen unangenehm auf, die den Handlungsverlauf ausbremsen und sich zu sehr in Befindlichkeiten des Protagonisten ergehen. Mehr Handlungs- und Dialoglastigkeit wäre hier wünschenswert gewesen, ebenso wie die straffende und streichende Hand eines erfahrenen Lektors, der bei der Gelegenheit gleich einige allzu offensichtliche Ausdrucksschwächen hätte retuschieren können. Insgesamt geht das Ergebnis aber als immer noch spannende, unterhaltsame und die Fantasie anregende Lektüre durch; das Zuviel an Text zum Ende hin führte lediglich zu einer erhöhten Querleserate meinerseits, damit es endlich mal vorangeht.

Das Finale allerdings torpediert Herr Hohlbein dann vollends. Durch allerlei Geschwafel hier und Wiederholungen dort hat der Autor zu viel Raum und Arbeitszeit verloren, die er nun mit geballter Informationsflut ausgleichen möchte. Und hier begeht er nun den tödlichsten aller Fehler: Er lässt seine Bösewichte auf den ungelogen zweihundert Seiten der Schlusssequenz über Gott und die Welt schwadronieren. In der Tat gibt es so viele Erklärungsmonologe, die mit der obligatorischen Bösewichtwaffe im Anschlag auf den Leser einprasseln, dass Hohlbein sogar den Protagonisten mehrfach über so viel dummes und wirres Geschwafel die Augen verdrehen und gehörtechnisch abschalten lässt. Eine absurde Form von Realsatire oder etwa schriftstellerischer Galgenhumor kurz vor dem kreativen Exitus?

Als Bonus ist man dann trotz der Informationsflut im Umfang eines VHS-Kurses über Familienbande, die Edda, Urgewalten, Schmiedefeuer, Kölle und den Rest der Welt immer noch nur um weniges klüger als zuvor, denn dem Autor gelingt es nicht wirklich, eine zeitlich wie kausal logische Abfolge von Erklärungen zu präsentieren, die all die mittlerweile geöffneten Überraschungspäckchen in eine erhellende Lichterkette zu reihen verstünde. Alles bleibt irgendwie vage bis absurd, der Leser tappt weiterhin verwirrt im Dunkeln und stellt fest, dass die Spannung erzeugende Verunsicherung bis zum Schluss weniger Hohlbeins fachlicher Meisterschaft als viel mehr der tatsächlichen Verwirrung von Handlungsansätzen zu verdanken ist. Zudem bricht jetzt das phantastische Element des Romans vollends hervor, doch leider derart abrupt, schwer nachvollziehbar und geradezu halluziniert, dass wir als verdatterte Beobachter des Geschehens überfordert werden. Die bis zum Letzten erhoffte Auflösung all der Verwirrung bleibt dabei leider aus.

Es ist wahrlich ein Jammer. Die Ansätze sind gelungen, Spannung ist vorhanden und dann verpufft alles in einem Mangel an Lektoratsarbeit und konzentrierter Schriftstellerei, die sich vielleicht mit einem guten Werk pro Jahr begnügen sollte, anstatt in einem Dutzend Veröffentlichungen jährlich ebenso viele sich immer ähnlichere Ideenansätze in Variationen eines Themas halbgar zu vergeigen. Schade drum. Bis auf den verkorksten Abschluss wurde ich dennoch gut unterhalten; lediglich die Anschaffung einer nicht unbedingt kostengünstigen Hardcover-Ausgabe für den kleinen Hohlbein zwischendurch sollte man sich zweimal überlegen, auch wenn man mit siebenhundert Seiten einiges an Lesefutter dafür bekommt.

Connelly, Michael – Unbekannt verzogen

Kaum ist der Unternehmer Henry Pierce in seine neue Wohnung in L. A. eingezogen, bekommt er seltsame Anrufe von wildfremden Männern. Alle erkundigen sich nach einer gewissen Lilly. Als sich Pierce seinerseits nach Lilly erkundigt, merkt er, dass sie seit einigen Wochen verschwunden ist. Das weckt alte Schuldgefühle, die er gegenüber seiner verstorbenen Schwester hegt und veranlasst ihn, sich als guter Samariter zu betätigen.

Allerdings hat jemand ganz entschieden etwas gegen Henrys Schnüffelei und zögert auch nicht, sehr deutlich zu werden, wenn’s darum geht, Henry abzuschrecken. Ziemlich spät stellt Henry sich selbst die Frage: Was oder wer steckt dahinter? Denn all dies ist kein Zufall.

|Der Autor|

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschien im August 2003 der Thriller „Kein Engel so rein“ („City of Bones“, 2002).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet; Schwarzes Echo (1991); Lost Light (2003); The Narrows (2004).

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Henry Pierce ist ein vielbeschäftiger Wissenschaftler, der an einer bahnbrechenden Computererfindung forscht. Seine Firma |Amedeo Technologies| entwickelt wesentliche Bausteine für die Entwicklung eines schnelleren und kleineren Computers auf Molekülbasis. Solche Mikrorechner ließen sich in Brillengestellen, Handys, Uhren und sogar in der Wandfarbe des Wohnzimmers unterbringen – und wären dennoch schneller als heutige Rechner. Dieser Rechner soll auf ein amerikanisches Zehncentstück passen, einen Dime. Und von dieser Jagd auf den Dime hat der Roman seinen Originaltitel.

Diese Jagd fordert Opfer. Das wichtigste davon ist Henrys Freundin und Angestellte Nicki. Weil sie ihn wegen Vernachlässigung rausgeschmissen hat, zieht er in eine neue Wohnung. Seine neue Telefonnummer hat er sich nicht selbst ausgesucht, sondern diese über seine persönliche Assistentin Monica organisieren lassen. Ständig rufen wildfremde Männer an, die eine gewisse „Lilly von der Website“ sprechen wollen. Es handelt sich tatsächlich um die gleiche Nummer, die eine „Hostess“ auf einer Seite von „L. A. Darlings“ angibt. Ihre Pose auf dem Foto gibt ziemlich eindeutig kund, welche Art von intimer Dienstleistung sie anbietet.

Nun ist Henry keine Trantüte, sondern ergreift die Initiative. Dieser Telefonterror muss aufhören! Über – mehr oder weniger legale – Umwege findet er heraus, dass sie schon seit Wochen nicht mehr in ihrer Wohnung war. Lillys Mutter, ihr Vermieter, ja, selbst ihre Kollegin „Robin“ haben keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist. Doch für knapp 700 Dollar lässt sich Robin dazu bewegen, ihm die Wohnung zu zeigen, in der Lilly ihre Freier empfing. Dort ist die Matratze mit Blut getränkt …

Detective Robert Renner von der Mordkommission ist wenig entzückt über den schrägen Vogel, der ihm da ins Nest geflogen ist. Pierce hat selbst die Polizei gerufen, aber wie kam er überhaupt in die Wohnung, an die Adresse, an die Details über Lillys Leben und Aufenthalt? Sehr dubios. Und außerdem ist Pierce zweimal vorbestraft. Er war einst einer der ersten Hacker an der Westküste, flog bei einem „Streich“ auf und wurde zu Sozialarbeit verknackt. Später gab er sich mal als Polizist aus – Pierce nennt das „angewandte Psychologie“. Andere nennen es Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Renner will – und wird – Pierce etwas anhängen; ein Durchsuchungsbefehl ist nur noch eine Frage der Zeit. Das kann Pierce am allerwenigsten gebrauchen. In zwei Tagen steht die Präsentation seiner Erfindung bei einem Investor bevor. Der würde garantiert abspringen, wenn Pierce auch nur den Schatten von Unseriosität an den Tag legen würde. Auch andere Firmen und natürlich auch die Regierung liegen im Rennen um den Molekularcomputer.

Als zwei Gauner Henry in seiner Wohnung in die Mangel nehmen, glaubt er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Sie schlagen ihn krankenhausreif. Als Henry aufwacht, sieht er ein, dass er einen Anwalt braucht, denn schon wieder nimmt ihn der hartnäckige Detective Renner in die Mangel. Von Medikamenten benebelt, erzählt Henry von seiner Schwester Isabelle, die einst ebenso unter die Räder kam wie Lilly und Robin. Ihr Tod hatte Henry sehr erschüttert und ihm ein Schuldgefühl eingepflanzt, das bei ihm zum Guter-Samariter-Syndrom führte.

Renner ist happy, Henry nimmt sich eine Anwältin und verlangt von seinem alten Kumpel, dem Hacker und Spezialisten für Rechnersicherheit Code Zeller, alles über Billy Wentz herauszufinden.

Henry droht nicht nur, Amedeo Technologies und damit sein Lebenswerk zu verlieren, sondern auch sein Leben selbst. Aber ist der kleine Brutalo Billy Wentz wirklich derjenige, der hinter all dem steckt?

_Mein Eindruck_

Vordergründig scheint es um eine verschwundene (getötete?) Prostituierte zu gehen. Doch diese ist ein Opfer der milliardenschweren Industrie, die sich ‚Sex im Internet‘ nennt. Eigentlich wird im Web nur mit Sex Geld wirklich verdient. Okay, es gibt noch Amazon und eBay, aber das ist ein bisschen wenig, nicht wahr? Schließlich gibt es Millionen weiterer Sites, die dem Surfer an den Geldbeutel wollen. Richtig abgezockt wird nur mit Sex. Und dabei kämpfen die Betreiber offenbar mit harten Bandagen, wie Henry Pierce, der ihnen in die Quere kommt, schmerzhaft feststellen muss.

Das eigentliche Thema ist ein Wirtschaftskrieg, in dem auch Spionage, Sabotage und Diffamierung zu den üblichen Waffen im Arsenal gehören. Ziel ist natürlich für jedes Unternehmen, dass es einem anderen die Rücklichter zeigt, indem es eine bahnbrechende Erfindung aus dem Hut zaubert. Und da ist Amedeo Technologies einer der Top-Kandidaten. Die Hintermänner? Man braucht nur mal kurz zu überlegen, welche Industrien durch Henrys Erfindung für den Molekularrechner in Gefahr geraten. Eure Intel-Aktien könnt ihr dann in die Tonne treten. 😉

|Spannende Lektüre|

Ich habe „Unbekannt verzogen“ in nur zwei Tagen verschlungen, denn die Story ist ungemein spannend und actionreich erzählt. Natürlich kann man sich bei Henrys Schnitzeljagd nach der verschwundenen Lilly schon bald einen Reim darauf machen, wer hinter dem Ganzen stecken könnte. Ihr werdet trotzdem nie drauf kommen. Es gibt einen tollen Showdown.

Es wird einem ganz beklommen ums Herz, mitverfolgen zu müssen, wie sich das Netz der Indizien gegen unseren Helden zusammenzieht. Man braucht nur mal seine Aktionen mit den Augen Detective Renners zu betrachten – und schon wird aus einem Samariter ein Mordverdächtiger. Was noch fehlt, ist Lillys Leiche. Dann noch ein, zwei Gerichtsverhandlungen, und er landet in der Gaskammer.

Henry ist zwar ein Selfmademan und potenzieller Multimilliardär, aber auch ein Opfer seiner Vergangenheit. Doch fast niemand weiß von dem wirklichen Grund seines Schuldgefühls, nur einer. Und auf diesen einen Menschen fällt sein erster Verdacht.

Das Einzige, was Henry retten kann, so sieht er in höchster Not ein, ist Henry selbst. Oder vielmehr sein rational folgernder Verstand, den er als Wissenschaftler jahrelang trainiert hat. Neun Fakten trägt er zusammen, dann hat er schon einen Verdächtigen, der für das Komplott in Frage kommt. Wer könnte ihn an die Konkurrenz verraten haben?

|Paranoia|

Das Klima der Paranoia, des Verfolgungswahns, herrscht in der gesamten Hightech-Industrie. Die Jagd nach dem Dime erzeugt eine Mentalität, in der Hochsicherheitstechnik überall notwendig erscheint und auch eingesetzt wird. Henry benutzt kein Handy, denn das kann abgehört werden. Er verschickt keine Mails außerhalb der Firma, denn die können abgefangen werden. Dokumente werden nur per Werttransport verschickt, die neuen Patente muss der Firmenanwalt persönlich nach Washington, D.C., bringen und beim Patentamt einreichen.

Doch Henry hat andererseits selbst keine Skrupel, Codeknacker wie Code Zeller einzusetzen. Er sagt sich, er will ein Menschenleben – Lilly – retten, aber rechtfertigt das auch dieses Mittel? So etwas wie Privatsphäre scheint der Vergangenheit anzugehören.

Der Wirtschaftskrieg ist unsichtbar geworden, seitdem er in die Datenwelt abgetaucht ist. Doch die menschlichen Opfer sind immer noch sehr real: vernichtete Existenzen. Und was eine kleine Firma wie Amedeo Technologies kann, das kann die US-Regierung nach dem „Patriot Act“ schon lange.

_Unterm Strich_

Wie gesagt, liest sich dieser relativ kurze Thriller sehr schnell, leicht verständlich und ungemein spannend. Die paar Vorträge über Amedeos Erfindungen sind nicht besonders anspruchsvoll, denn sie werden so gehalten, dass sie auch ein Investor aus der Businesswelt kapiert.

Den Science-Fiction-Film „Die fantastische Reise“ aus dem Jahr 1966, auf den mehrmals verwiesen wird, dürfte so ziemlich jeder kennen. Weniger bekannt ist da schon das Märchen „Horton findet ein Hu“ von „Grinch“-Erfinder Dr. Seuss. Die Parallelen werden ziemlich ausgewalzt, so dass sie auch jeder versteht.

|Sonderstellung|

Innerhalb des Werkes von Michael Connelly nimmt „Chasing the dime“ eine Sonderstellung ein. Hier treten seine Serienhelden Hieronymus Bosch und Terry Caleb überhaupt nicht auf. Und nur Janis Langwieser, Strafverteidigerin, ist schon mal in „Schwarze Engel“ aufgetaucht. Sie ist die Einzige, die (ohne Namen zu nennen) kurz mal auf die genannten Schnüffler verweist. Daher lässt sich der Roman als völlig eigenständiger Thriller lesen, dessen Verständnis nicht von der Kenntnis anderer Romane abhängig ist. Der ideale Thriller für zwischendurch.

|Übersetzung|

Sepp Leeb hat eine fehlerlose Übersetzung abgeliefert, die sich auch im Deutschen sehr flüssig und anschaulich liest. Und Wunder aller Wunder: Auch Druckfehler waren keine festzustellen!

|Originaltitel: Chasing the dime, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb.|

S. S. Van Dine – Der Mordfall Drachen

Ein Mann springt in einen Teich und verschwindet. Als man das Wasser ablässt, findet man auf dem Grund keine Leiche, sondern die Fußspur eines gewaltigen Drachen. Amateurdetektiv Philo Vance lässt keine unwissenschaftlichen Gaukeleien zu und findet die nichtsdestotrotz bizarre Lösung des Rätsels … – Fall Nr. 7 für einen der größten literarischen Detektive aller Zeiten, streng und glasklar auf den Fall gerichtet, ohne die im Genre so beliebten romantischen Verstrickungen und deshalb zwar gealtert, aber auch zeitlos und mit sichtlichem Bemühen um Anspruch verfasst.  S. S. Van Dine – Der Mordfall Drachen weiterlesen

Simmons, Dan – Hardcase

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein halbwegs ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo im Bundesstaat New York gar nicht so einfach. Denn nur die Mafia kann Joe einen lukrativen Job geben. Und die hat bekanntlich eine Menge Feinde.

„Hardcase“ ist der erste Roman der Kurtz-Trilogie:
Hardcase;
Hard Freeze;
Hard as Nails.

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit [„Hard Freeze“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=819 und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde.

Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Thriller, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog. Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder einen Fall an.

Die Mafiafamilie der Farinos hat Joe durch deren Sprössling Steven kennen gelernt, der von allen nur geringschätzig Little Skags genannt wird. Joe stellt sich bei Stevens Paps vor, dem Paten. Leider ist dieser Don schon über siebzig und seit einem Anschlag auch noch auf einen Rollstuhl angewiesen. Von seinen vier Kinder scheint nur die rassige Sophia seine Nachfolge antreten zu können. Sohn Nummer zwei hat bereits das Zeitliche gesegnet, und Tochter Nummer zwei hat sich in ein italienisches Kloster verabschiedet.

Don Farino hat ein kleines Problem mit seinem Buchhalter: Buell Richardson ist seit einer Woche verschwunden. Gründe und Verbleib sind unklar. Außerdem gibt es da noch ein kleines Problem an der nahen Grenze zu Kanada: Farinos Schmuggeltransporte werden in letzter von Unbekannten angegriffen und geplündert. Joe würde sich gerne auch dieses Problems annehmen, gegen ein kleines Honorar, versteht sich. Das einzige Detail, das ihn beunruhigt, ist der Umstand, dass sich Farinos Anwalt Lawrence Miles vehement gegen Joe Kurtz‘ Verpflichtung einsetzt. Dieser Typ hat offenbar Dreck am Stecken.

Und ob! Kaum ist Kurtz aus dem Haus, trifft sich Miles mit einem Killer namens Malcolm Kibunte, der in Buffalo ein kleines Drogenimperium aufgebaut hat. Miles ahnt nicht, von wem die Drogen stammen, aber dieses Yaba, das Kibunte vertickt, ist verheerender für die Jugend in den Ghettos als Crack. Und das will was heißen. Kibunte setzt sich mit einem durchgeknallten Albino mit dem sprechenden Namen „Cutter“ auf Kurtz‘ Fährte …

_Mein Eindruck_

Dies ist ein klassischer Hardboiled-Thriller, und zwar derart klassisch, dass man schon nach wenigen Seiten weiß, dass der Autor alles richtig macht. Sein Kniff besteht natürlich darin, die dadurch geweckten Erwartungen zu unterlaufen und am Schluss noch einen draufzusetzen, genau dann, wenn der Leser meint, erleichtert aufatmen zu können. Dann erwischt ihn die neueste Story-Wendung eiskalt und der Autor schleppt seinen Leser bis zum Abgrund …

|Die Schwächen des harten Helden|

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial in den Detektivfilmen verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen. So bangt er beispielsweise um seine zwölfjährige Tochter Rachel, die bei ihrem Stiefvater als Halbwaise aufwächst. Der Grund: Rachel hat vor elf Jahren, kurz bevor Joe in den Knast einfuhr, ihre Mutter Samantha verloren. Und Sammy war Joes geliebte Partnerin in dem gemeinsamen Detektivbüro. Joe tötete daraufhin den Killer Levine. Levines Bruder hat ihm seinerseits Rache geschworen.

Nun tut sich Joe mit Arlene, seiner früheren Sekretärin, zusammen, und macht eine Agentur für die Internetsuche nach früheren Schulkameraden (besonders weiblichen) auf. Arlene kümmert sich fürsorglich um Joes Wohl, aber nicht im Bett. Um dieses Detail kümmert sich Farinos Tochter Sophia, wenn auch nur für eine Nacht.

Und Joe hat noch eine schwache Stelle: Er besucht regelmäßig die Stadtstreicher, wo sich ehemalige College-Professsoren bei eisiger Kälte um eine Feuerstelle kauern und sich lateinische und griechische Zitate um die Ohren hauen. Einer der beiden war sein geistiger Mentor. Der brachte ihn dazu, die Story über die Eroberung Trojas zu lesen. Und das zahlt sich bei Joes neuestem Auftrag aus.

|Comedy, babe!|

Aber Malcolm Kibunte geht zu Plan B über und engagiert vier Neonazis aus Alabama, die Beagle Brothers, um Joe kaltzumachen. Dieser Abschnitt ist pure Komödie. Die vier Brüder, allesamt Ex-Knackis aus dem tiefsten Süden, sind völlig unterbelichtet und radebrechen ein schauderhaftes Kauderwelsch. Doch als Kibunte ihnen Knarren und Gadgets vom Feinsten und Modernsten („Laserscheiß, Mann!“) anbietet, wenn sie ihm „einen kleinen Gefallen“ täten, fangen sie an zu sabbern.

Als das Quartett dann mit Nachtsichtbrillen, Kevlarwesten und Maschinengewehren in dem verlassenen Lagerhaus, wo sich Joe häuslich eingerichtet hat, aufkreuzen, werden sie bereits erwartet. Nun zeigt sich, wer über a) gesunden Menschenverstand und b) Kenntnisse in Kampftaktik verfügt. Als einer der Beagle Brothers meint, eine gigantische Fledermaus stürze sich aus dem sechsten Stockwerk auf ihn, bricht das Chaos aus.

Dies ist die vielleicht am filmischsten geratene und effektvollste Episode in einem von solchen Szenen vollen Thriller. Allerdings handelt es sich dabei doch nur um solides Handwerk, denn es mangelt doch ein wenig an Originalität. Ähnliche Szenen sind auch in „Hard Freeze“ zu finden.

|Diverse Vorbilder|

Auch eine andere Szene gemahnte mich an Vorbilder. In Robert Redfords Agententhriller „Die drei Tage des Kondor“ taucht Max von Sydow als ein schwedischer Auftragskiller auf. Er macht nur seinen Job, mehr nicht, je nachdem, wer ihn bezahlt. Bei Simmons heißt dieser ausländische Killer „Der Däne“. Er arbeitet im Auftrag der Farinos, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, wie sich in einem immens spannenden Showdown zeigt.

Die Szene, als Arlene in ihrem Büro von einem verwundeten Killer gesucht wird und fummelnd zu einer unvertrauten Nachtsichtbrille greifen muss, erinnerte mich an den Showdown von „Das Schweigen der Lämmer“. Clarice Starling muss sich eines unsichtbaren Gegners erwehren, der den Vorteil hat, sie durch eine Nachtsichtbrille sehen und auf sie zielen zu können. Natürlich kennt auch Simmons diese Szene und unterläuft die Erwartungen des Lesers, indem er seine Variante ganz anders enden lässt.

_Unterm Strich_

Wer einen hammerharten Thriller ohne Faxen sucht, wird mit „Hardcase“ kompetent bedient und bestens unterhalten. Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise. Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hardcase“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen.

Dass sich Simmons nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird. Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, intrigante Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert. Und wie die Klingonen taucht auch hoffentlich bald auch Joe Kurtz in einem Film auf.

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Silbert, Leslie – Marlowe-Code, Der

_Zeitversetztes Agenten-Stelldichein_

Im London der Gegenwart wird ein Buch mit Geheimdokumenten aus der elisabethanischen Zeit beinahe von einem Einbrecher geraubt. Der Besitzer lässt das Buch von einer amerikanischen Privatdetektivin namens Kate Morgan entziffern. Tatsächlich stammt das letzte Dokument von dem bekannten Dichter Christopher Marlowe, der für den Geheimdienst ihrer Majestät Elizabeths I. arbeitete und im Frühjahr 1593 meuchlings ermordet wurde. In diesem Jahr spielt die andere Hälfte des Romans. Spannend ist das Agentenleben.

|Die Autorin|

Die Figur Kate Morgan ist sozusagen das Alter Ego der Autorin Leslie Silbert. Diese ist Renaissance-Spezialistin und Privatermittlerin in einer der „angesehensten“ New Yorker Detekteien, schreibt der Verlag.

Mehr Infos unter http://www.marlowe-code.de.

_Handlung_

Das elisabethanische London des Jahres 1593 stellt die Kulisse für einen der beiden Handlungsstränge. Christopher Marlowe, der Autor von „Doctor Faustus“, ist als erfolgreicher Bühnendichter nicht nur Shakespeares schärfster Konkurrent (er hat einen Kurzauftritt in dem Hollywoodstreifen „Shakespeare in Love“), sondern auch ein abenteuerlustiger Spion im Auftrag Ihrer Majestät und ihres Geheimdienstleiters Francis Walsingham. Dieser ist 1590 gestorben. Die Szene, in der sich Kit Marlowe die Karten legen lässt, spielt drei Jahre nach Walsinghams Ableben, also im Frühjahr 1593, und dient nur dazu, ihn zu charakterisieren. Er erfährt, dass er, sollte kein Engel eingreifen, noch vor Vollmond sterben wird – und schert sich einen feuchten Dreck darum.

Kate Morgan ist die ebenso intelligente – zwei Harvard-Abschlüsse! – wie schöne Mitarbeiterin der CIA, die sich im New York City um 2002 als Privatdetektei Slade Group tarnt. Unter diesem Deckmantel erledigt Kate auch schon mal die Drecksarbeit, besonders in ihrer Eigenschaft als Agentin.

Diesmal jedoch ist ihre Qualifikation als Renaissance-Spezialistin gefragt. Einem Finanzgenie in London wollte ein Einbrecher ein merkwürdiges altes Buch klauen, das den Titel „Anatomie der Geheimnisse“ trägt. Der Versuch kostete den Einbrecher das Leben. Bei einer ersten informellen Analyse stößt Kate auf Geheimchiffren des elisabethanischen Geheimdienstes – puh, dieses Konvolut scheint brisante, kodierte Dokumente zu enthalten. Dadurch könnte der eine oder andere Herzog im Nachhinein vielleicht seinen Titel oder Wertvolleres verlieren. Ihr Mandant Cidro Medina ist gewarnt. Der Auftraggeber des Einbrechers ist ein Strippenzieher, der sich „Jade Dragon“ nennt. Kate erfährt von ihm, als ein weiterer gedungener Gauner ihr das Buch auf offener Straße entreißen will.

1593: Kit Marlowe erhält den Auftrag, eine dubiose Handelsgesellschaft auszukundschaften, die im Verdacht steht, gegen englische Waffen wertvolle orientalische Waren einzutauschen. Diese Waffen scheinen aus der Waffenkammer der Königin zu stammen. Doch schon bald bekommt der tüchtige Kit mehr heraus, als seinem Auftraggeber Robert Cecil und dessen Konkurrent, Graf Essex‘ Mann Phelips, lieb sein kann. Schon nach kurzer Zeit sieht er sich Intrigen ausgesetzt, die ihn den Kopf kosten könnten. Doch auch Kit hat Freunde.

2002: Kates Chef Jeremy Slade und ihr Vater Donovan Morgan stellen zu ihrer größten Bestürzung fest, dass einer ihrer tüchtigsten Agenten, der den Decknamen „Acheron“ trägt, nicht wie berichtet im Gefängnis des iranischen Geheimdienstes gestorben ist, sondern von dessen Leiter Azadi an einen professionellen Erpresser übergeben wurde. Dieser „Luca de Tolomei“ schickt sich an, den im Stich gelassenen Agenten in die USA zu schaffen und gegen die beiden CIA-Leute zu verwenden. Wenn „Acheron“ auspackt, können eine Menge Leute an der Spitze der Regierung einpacken. Unter Umständen auch der Präsident.

Doch de Tolomeis Plan ist noch weitaus raffinierter. Er benutzt Kate, um ihren Vater zu treffen. Denn Rache ist süß. Und sobald sie die letzte Seite der „Anatomie der Geheimnisse“ mit Hilfe von Marlowes letztem Gedicht „Hero und Leander“ entschlüsselt hat, scheint Kates Schicksal besiegelt.

_Mein Eindruck_

Das klingt doch recht annehmbar, sowohl als historischer Krimi mit ironischen Untertönen, als auch als moderner Agententhriller mit romantischen Einlagen. Die Autorin kennt offensichtlich die englische Renaissance in der Epoche Elizabeths I. ebenso genau wie ihre Schauplätze in London, New York und Rom. In ihrem Nachwort erklärt sie detailliert, wie sie zu ihren Aussagen hinsichtlich gewisser Details bei der Ermordung Kit Marlowes gekommen ist. Denn bei seinem Tod gab es drei Zeugen, doch welcher ist der Mörder? Und hätte er vielleicht doch auf irgendeine Art und Weise überleben können? In dieser Epoche, die voll war von Aberglauben, Ketzerverfolgungen und Magiern, scheint beinahe alles möglich.

Der Roman gehorcht zahlreichen Gesetzen des Genres und der Form – dafür haben sicher schon die Lektoren und Verleger gesorgt, bei denen sich die Autorin überschwänglich bedankt. Daher gelangt die doppelte, verschlungene und sich reflektierende Handlung trotz aller Schwächen wohlbehalten ans Ziel. Die Schurken werden nicht glücklich, und die Guten kommen davon – wieder einmal ist die Welt gerettet. Und doch scheinen einige Szenen zu fehlen.

|Ein Buch für Frauen|

Ein männlicher Leser wie ich merkt der Geschichte deutlich an, dass sie nicht für Männer, sondern für Frauen geschrieben wurde. Da taucht mit einer rassigen Italienerin namens Adriana eine Londoner Investmentmaklerin auf, die nichts weiter zu tun hat, als der Heldin Stichwörter zu geben und ihr gut zuzuhören. Und ihr die neuesten Klatschgeschichten über die Londoner High Snobiety zu verklickern. Männer dürften hierbei vor Gähnen vom Stuhl fallen.

|Eine fehlende Szene?|

Auch der Plot selbst scheint mir stark feminin geprägt zu sein. Welcher Verbrecher würde es sich einfallen lassen, ein hohes Tier beim CIA dadurch vernichten zu wollen, indem er dessen Tochter mit seinen Untaten konfrontiert? Die Aussicht auf Erfolg dürfte gegen null tendieren, selbst wenn die Überraschung – die hier nicht verraten werden darf – noch so übel ausfällt. Und genau jene Szene fehlt, in der Kate gegen ihren Papi den Aufstand probt und ihm die Freundschaft aufkündigt. Nix da! Alles bleibt schön, wie es ist. Hier springt niemand aus dem Fenster. Schon gar nicht die leidgeprüften Väter.

|Kit, der ewige Held|

Wesentlich besser gefiel mir daher der Plot um Kit Marlowe. Zwar bleibt er selbst relativ blass (vielleicht setzt die Autorin doch ein wenig zu viel beim Leser voraus), doch dafür treten seine zahlreichen Widersacher umso deutlicher hervor. Nicht alle sind so verschlagen wie Robert Cecil oder so kompetent wie Phelippes und Poley. Andere sind gedungene Schergen und die reinsten Stümper.

|War Kit bi?|

Welcher Natur Marlowes Sexualität war, wird auch nicht so recht klar – saftige Liebesszenen fehlen hier. Wie die Autorin andeutet, war der Dichter dem eigenen Geschlecht keineswegs abgeneigt, denn als er die als Lee Anderson verkleidete Helen erblickt und er sie als Frau enttarnt, ist er enttäuscht. Das hindert ihn aber nicht, die heterosexuelle Liebe zu verherrlichen, indem er „Hero und Leander“ dichtete. Jedem der Marlowe-Kapitel ist ein Zitat aus einem einer zahlreichen Stücke vorangestellt, die zur ihrer Zeit sehr populär waren – nicht nur weil darin gefochten und gestorben wurde, dass es eine Pracht war. Die Zitate charakterisieren einen Mann, der die Ränke und Illusionen der Menschen durchschaut hatte und sie in einen größeren Zusammenhang stellte und so relativierte. „Dr. Faustus“ weiß auch heute noch anzurühren.

|Lesehilfe|

Die Fülle der Figuren könnte den Leser zunächst verwirren, doch meinem Leseexemplar war zum Glück eine Karte begelegt, auf der sämtlichen Namen fein säuberlich aufgelistet waren, die der erfundenen Personen ebenso wie jene der historisch belegten. So kann man den Überblick behalten.

|Nicht von Dan Brown|

Der Titel „Der Marlowe-Code“ ist ein überdeutlicher Versuch des Verlags, an Dan Browns Megaseller „The Da Vinci Code“ – deutscher Titel: [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 – anzuknüpfen. Doch gibt es dafür zwar die besten Voraussetzungen, so etwa ein zu entschlüsselndes Konvolut von geheimen Agentenberichten, allein die Umsetzung fällt jedoch im Vergleich zu Browns Werk recht unbefriedigend aus. Hier wird keine spannende Schnitzeljagd veranstaltet. Auch keine Parallelhistorie findet den Weg ans Tageslicht.

Ob unsere gute Kate den Mörder ihres Seelenverwandten Kit (man beachte die Namensähnlichkeit) zu ermitteln vermag? Wer weiß, aber sie hat allzuoft Dringenderes im Sinn – zum Beispiel die Avancen des charmanten Schurken Medina an ihrer Seite. Es ist, wie gesagt, ein Frauenbuch. Am Schluss werden alle losen Enden zusammengebunden, als gelte es, einen Pullover fertigzustricken. Bloß keine Masche fallen lassen! Und fertig.

|Die Übersetzung|

Insgesamt macht der Übersetzer einen befriedigenden Job. Doch es gibt auch ein paar Stellen, bei denen sich meine Stirn unwillkürlich runzelte. So ist etwa auf Seite 171 von Oxfords „träumenden Zinnen“ (der Gegenwart) die Rede. Dies geht auf ein – unerwähntes – Gedicht zurück, in dem von Oxfords „dreaming spires“ gesungen wird. Und „spires“ sind nun mal nicht „Zinnen“, sondern (Kirch-)türme bzw. Turmspitzen.

Auf Seite 380 hat der Übersetzer einen Continuity-Fehler der Autorin übersehen. Die ganze Zeit ist von einem Ex-Agenten namens Nick Fontana die Rede, auf Seite 380 wird er plötzlich in „Nick Fortuna“ umgetauft. Auf der vorletzten Seite, nämlich 405, lässt der Übersetzer den deutschen Leser ziemlich im Stich, denn die Autorin hat hier ein wundervolles Wortspiel eingeflochten, das leider nur im Englischen funktioniert: ein Held = a hero, und die Geliebte von Leander heißt (im Gedicht, s. o.) ebenfalls Hero. Und Leander ist Lee Anderson, nur dass dieser wiederum eine Frau namens Helen ist. Klingt kompliziert? Willkommen in der englischen Renaissance!

_Unterm Strich_

Auch wenn der Verlag mit dem Titel „Der Marlowe-Code“ (Originaltitel: The Intelligencer) auf den Megaseller-Zug von Dan Browns „The da Vinci Code“ aufspringen will, so reicht es doch zu dessen rasantem Tempo nicht ganz. Die Gründe habe ich oben dargelegt.

Für wen eignet sich also dieses Buch? Für Leser von historischen Krimis, für Leute, die auf Agenten stehen, für Literaturfans, die Marlowe für ihren Gott halten – und natürlich für alle romantischen Seelen, die eine gefahrumwitterte Romanze um keinen Preis der Welt vor dem Ende des Buchs beiseitelegen würden. Vielleicht fühlen sich ja sogar Freunde von Diana Gabaldon angesprochen – wer weiß? Aber denen ist der Schmöker dann wohl wieder nicht dick genug – so wenig Buch für so viel Geld!