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John Sinclair – Die Totenkopf-Insel (Folge 2)

_Besetzung_

John Sinclair – Frank Glaubrecht
Erzähler – Joachim Kerzel
Sir James Powell – Karl-Heinz Tafel
Linda Grey – Birgitta Weizenegger
Ansage – Fred Bogner
Jerry Flint – Henning Bornemann
Nathan Grey – Holger Dollmann
Captain Barrel – Thomas Friebe
Proctors Gefangener – Walter Gontermann
Adam Preston – Matthias Haase
Marina Held – Silke Haupt
Doktor – Jörg Kernbach
Wache – Simon Hauschild
Wache – Lutz van der Horst
Wache – Florian Göbels
Gärtner Jos – Thomas Lang
Basil Proctor – Jochen Malmsheimer
Colonel Ryker – Klaus Nierhoff
Ansage – Monika Rydell
Rick Terry – Udo Schenk
Wache – Philipp Schepmann
Geister-Pirat – Horst Schroth

_Story_

Der Millionär Proctor hat von einem sagenhaften Schatz gehört, der sich vor der Küste Cornwalls befinden soll. Einst wurde dieser Schatz vom Seeräuber Barrel und seiner Mannschaft gestohlen, doch ihr Schiff sank kurz vorm Erreichen des Festlandes, und der Schatz verschwand in den Tiefen des Meeres. Als Proctor sich schließlich daran macht, den Schatz zu bergen, treten die untoten Seeräuber auf den Plan und verletzen den Millionär auf grausame Weise. Nur wenn es ihm gelingt, eine Mannschaft zusammenzustellen, mit welcher der untote Kapitän seinen Schatz bergen kann, soll er wieder zu alter körperlicher Verfassung zurückfinden und darf den Schatz dann auch behalten.

Als eines Tages ein Agent des Secret Service vor „Proctor Island“ verschwindet, wird auch John Sinclair mit dem Fall vertraut gemacht. Der Geisterjäger begibt sich anschließend selber auf die Insel, die der verschwundene Agent in seinem letzten Notruf als ein Land mit einem schwebenden Totenkopf beschreibt, wird jedoch kurz vor Erreichen seines Ziels mitsamt seinem Helikopter abgeschossen. Als er wieder aufwacht, ist er selber einer der Gefangenen Proctors, der nun nur noch die Ankunft des Zombie-Kapitäns erwartet und sich seinem Ziel sehr nahe sieht. Wird Sinclair es schaffen, aus dieser aussichtslosen Situation zu entfliehen?

_Meine Meinung_

In „Die Totenkopf-Insel“ steht John Sinclair als Hauptakteur gar nicht immer im Vordergrund. Die Geschichte spielt sich nämlich vornehmlich auf „Proctor Island“ ab und beschäftigt sich hauptsächlich mit den grausamen Vorgängen im Verlies des Millonärs, der gerade seine Sklaven-Mannschaft für den Auftrag des untoten Kapitäns zusammenstellt. Erst später steigt der ziemlich coole (in diesem Falle sogar manchmal zu coole) Geisterjäger ins Geschehen ein, ist aber im Endeffekt nur eine von vielen Figuren in diesem relativ kurz geratenen Hörspiel. Und wenn er dann mal in Aktion tritt, glänzt er meist durch unangebracht lockere Sprüche, selbst in der bedrohlichsten, ausweglosesten Lage. Dies nimmt der Story teilweise ein wenig den Ernst der eigentlichen Thematik und verwandelt den Geisterjäger in einen etwas zu lässigen Charakter, dessen ‚Alles-im-Griff‘-Ausstrahlung nicht immer sonderlich angebracht ist.

Davon mal ganz abgesehen ist „Die Totenkopf-Insel“, die zweite Folge der Reihe, trotzdem ein sehr kurzweiliges Hörvergnügen, das vor allem durch die verschiedenartigen Klangeffekte zu glänzen weiß. Die enorm düstere Atmosphäre auf der Insel des Millionärs und dessen Greueltaten werden jedes Mal mit entsprechenden Sounds unterlegt, und das ist der Gesamtstimmung der Erzählung auch sehr zuträglich.

Schade ist lediglich, dass die Geschichte nicht weiter ausgeschmückt wurde. Wie ich schon sagte, der eigentliche Hauptcharaktr greift erst relativ spät ins Geschehen ein, und wenn er dann die mysteriöse Totenkopf-Festung erreicht hat, überschlagen sich die Ereignisse und kommen auch relativ zügig zu einem abrupten Ende. Die Erzählung hätte dabei noch eine ganze Menge mehr hergegeben; so hätte man die Hintergründe zum Verschwinden des Schatzes zum Beispiel näher beleuchten oder aber die Ursprünge von „Proctor Island“ beschreiben können, was aber leider nicht geschehen ist. Doch: Hätte, wäre, wenn – ein recht ordentliches und definitiv hörenswertes Hörspiel ist diese zweite Episode allemal und Fans von John Sinclair kommen gerade im letzten Teil voll auf ihre Kosten. Zur Auswahl der besten Sinclair-Folgen gehört „Die Totenkopf-Insel“ allerdings nicht.

http://www.sinclairhoerspiele.de/

_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Anfang“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3564
[„Im Nachtclub der Vampire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5234 (Folge 46)
[„Die Rückkehr des schwarzen Tods“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3473 (Buch)

Edgar Allan Poe – Eleonora (POE #12)

X-Mystery: Die Wahrheit ist dort draußen

„Eleonora“ ist der zwölfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von LübbeAudio, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

Edgar Allan Poe – Eleonora (POE #12) weiterlesen

Lloyd Alexander – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Die vorliegende Audio-CD ist das erste Hörspiel zu einem der fünf-Taran-Romane überhaupt und verdient deshalb wohl besondere Aufmerksamkeit.

Der Autor

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus „Chroniken von Prydain“:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

Die Sprecher, die Produktion

„Das Buch der Drei“ ist eine Produktion des Südwestrundfunks Baden-Baden aus dem Jahr 2004. Die Hörspielbearbeitung besorgte Andrea Otte, die Musik trug „der deutung und das ro“ bei, Regie führte Robert Schoen.

»Jürgen Hentsch gab schon mal den Herbert Wehner in einem Doku-Drama. Tim Sander spielte bei GZSZ den Lover der Figur, die Jeanette Biedermann spielt. Natalie Spinell ist die Lolita in einem Nabokov-Hörspiel. Michael Habeck spricht Ernie, Barnie Geröllheimer, Harry Potters Dobby, aber auch Danny de Vito. Und Tommi Piper ist besser als die Stimme von ALF bekannt.« (Informationen von |Ciao|-Mitgliedern – danke!)

Erzähler: Jürgen Hentsch

Taran (Waisenjunge): Tim Sander

Eilonwy (Prinzessin): Natalie Spinell (Aussprache: e’lónwi)

Dallben (Zauberer): Rolf Schult (Aussprache: da[stimmloses th]ben)

Coll (Kämpfer): Heinrich Giskes

Fflewdur Fflam (Barde): Jens Harzer (Aussprache: flodjir flam)

Fürst Gwydion (einer der Könige von Prydain): Tommi Piper

Gurgi (Waldwesen): Joachim Kaps

Doli (Zwerg): Michael Habeck (Aussprache: dolí)

Eiddileg (Zwergenkönig): Franz Josef Steffes (Aussprache (e[stimmhaftes th]íleg)

Achren (Zauberin): Anja Klein

Handlung

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hilfshirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Annuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote „Kesselkrieger“ sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern in Spiral Castle, dem Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört, aber Gwydion keineswegs. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

Mein Eindruck

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Das Mabinogi

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht als Hochkönig über einen Großteil von Prydain. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Der Autor vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten. Allerdings muss der junge Hörer auch den gehörnten König dem Fürsten der Unterwelt als Vasallen zuordnen.

Achterbahnfahrt

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden von Wales, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste „Verschönerung der Wahrheit und Wirklichkeit“ erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

Die Feinde

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen Furcht einflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Dass Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit und sich der Gerettete revanchiert, wurde im Hörspiel gestrichen.

Aber auch die Zwerge, das Kleine Volk, dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangennimmt, heißt Achren und ähnelt einer weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander. Doch im Hörspiel wird ihre verführerische Konfrontation Gwydions ganz direkt geschildert. Sie ist offensichtlich ganz schön durchgeknallt.

Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich. Sie ist nicht nur selbst eine Schülerin der Magie – weshalb sie ja ihre Tante Achren besucht -, sondern findet in den Felsenhallen unter dem Spiral Castle ein superwichtiges Zauber- und Königsschwert, Durinwyn. Selbstverständlich wird es eine entscheidende Rolle spielen.

Die Sprecher, die Produktion

Zur Einstimmung beginnt das Hörspiel mit einem keltisch anmutenden, möglicherweise walisischen Volkslied. Es wird noch des Öfteren im Hintergrund angespielt und stammt von einem Duo mit einem bemerkenswerten Namen: „der deutung und das ro“. Dabei handelt es sich um Tobias Unterberg und Robert Beckmann, die bereits die Hörspielproduktion „Schloss Draußendrin“ unterstützten und bei alternativen Bands wie |The Inchtabokatables|, |Milar Mar| oder |Deine Lakaien| mitmischen. Der Zuhörer mit ein wenig Erfahrung in keltisch inspirierter Folk-Musik fühlt sich sofort in selige Zeiten von |Clannad|-Konzerten zurückversetzt. Wo immer man in Irland, Schottland oder Wales als Tourist hingelangt, kann man diese Art von Musik finden. Denn diese ist nicht einfach Touristenattraktion, sondern ein integraler Teil der Identität der keltischen Völker.

Wir sind also schon mal auf der richtigen Baustelle. Dann erklingt das helle „Ping!“ aus der Schmiede von Coll. Sofort entspinnt sich der erste Dialog zwischen Taran, Coll und dem Magier Dallben. Wenig später tragen die Abenteuer Taran hinfort, bis zum glücklichen Ausgang. Mehr darf nicht verraten werden. Doch bei den walisischen Namen sollte man die Ohren spitzen. Sie sind für unsere Hörgewohnheiten doch recht ungewöhnlich. Siehe dazu meine Aussprachehinweise oben.

Die Stimmen der Sprecher finde ich sehr passend und angemessen. Es gibt kein Zögern, keine falschen Töne, so dass die Sätze ganz natürlich klingen und nicht, als hätte man sie ein Dutzend mal geübt. Ich war erstaunt, dass Tommi Piper, der mit einer Fernsehserie in den 70ern oder 80ern bekannt wurde, inzwischen eine derart tiefe und raue Stimme hat, dass er ohne weiteres die Autorität ausstrahlt, die einem Fürsten wie Gwydion gebührt. Am lustigsten ist sicher die Stimme der quicklebendigen Prinzessin Eilonwy, die Taran in Grund und Boden plappert.

Da dies ein Hörspiel ist, gibt es nicht nur Stimmen, sondern auch Geräusche. Dazu gehören grunzende, quiekende Schweine ebenso wie reißende Harfensaiten. Am eindrucksvollsten sind jedoch das Erdbeben unter dem Spiral Castle und die finale Schlacht gegen den Gehörnten König: Blitz und Donner kommen hier in einer beeindruckenden Kombination zusammen. Die Tonregie hat saubere Arbeit geleistet.

Unterm Strich

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. (Das ändert sich in den Folgebänden.) Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette und hilfreiche Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann.

Das Hörspiel, das vom Sender SWR selbst als „Taran und das Zauberschwein“ (der frühere Buchtitel) angekündigt wird, ist eine professionelle Produktion ohne irgendwelche Ausfälle oder Mängel. Vielmehr bereitet die schnelle Abfolge der Begegnungen und Abenteuer unterhaltsame Kurzweil für junge Hörer. Es mag sich aber als hilfreich erweisen, das Buch zu lesen, um die Zusammenhänge ein wenig besser zu durchschauen. Man kann aber alternativ das Hörspiel mehr als einmal anhören und sich so die Zusammenhänge selbst erarbeiten. Denn was dafür nötig ist, ist vollständig vorhanden.

Mein Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“. Auch die Fortsetzung mit dem Titel „Der schwarze Kessel“ ist bereits als Hörbuch-CD erhältlich.
www.luebbe-audio.de

Philip Ardagh – Schlechte Nachrichten (Eddie Dickens 3)

Diese Geschichte ist der dritte und damit leider schon letzte Teil der Eddie-Dickens-Trilogie, die in „Schlimmes Ende“ ihren schlimmen Anfang nahm und in [„Furcht erregende Darbietungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=367 so grässlich fortgesetzt wurde. Klarer Fall: Wir sollten uns auf das Schlimmste gefasst machen!

Das drei CDs umfassende Hörbuch dauert 215 Minuten, also etwa dreieinhalb Stunden.

Der Autor

Der Ire Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart (und ähnelt damit dem Sprecher Harry Rowohlt in frappierender Weise) – wie sein Foto belegt (das sich auf der fabelhaften und unterhaltsamen [Homepage]http://www.philipardagh.com/ des Autors finden lässt). Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben, für Kinder jeden Alters und unter verschiedenen Pseudonymen. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende‘ „, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte. Im Booklet ist ein Porträt zu sehen.

Der Sprecher

Auch dieses Buch wurde wieder von Harry Rowohlt übersetzt, und er ist auch der Sprecher des ungekürzten Hörbuchs. Rowohlt lebt in Hamburg, ist Übersetzer, Autor, Rezitator, Zeit-Kolumnist und Gelegenheits-Schauspieler in der „Lindenstraße“. Er hat weit über hundert Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Die Liste der ihm verliehenen Preise würde den Rahmen sprengen. Seine Lesung von „Pu der Bär“ gehört zu den erfolgreichsten Hörbuchproduktionen der letzten Jahre.

Handlung

Eddie Dickens soll nach Amerika segeln. Ja, schön, aber warum ausgerechnet Eddie und wozu überhaupt?

Um dies verständlich zu machen, sind natürlich längere Erklärungen notwendig. Eddies Mutter hat eine Artilleriegranate über ihren Gartenzaun geworfen. So etwas tut man nicht alle Tage, nicht ungestraft und schon gar nicht ohne entsprechende Folgen. Die Explosion der Granate tötet einen friedlich unter Rhabarberblättern schlummernden Ex-Soldaten des Wahnsinnigen Onkels Jack (W.O.J.), verteilt seine Bestandteile über den Garten, streckt Mutter Dickens nieder und wirft Vater Dickens aus dem Baum, so dass er fürs Erste nur noch liegenderweise arbeiten kann. Letztere sind also reiseunfähig.

Dass W.O.J. und die Noch Wahnsinnigere Tante (N.W.T.) Maude ebenfalls nicht als Reisende infrage kommen, dürfte wohl einleuchten. Man kann sie einfach nicht auf die Menschheit loslassen. Man engagiert also eine Gesellschafterin, die Eddie auf der Schiffspassage begleiten soll. Lady Constance Bustle spricht zwar schönstes Oxford-Englisch, doch eines an ihr ist merkwürdig: Alle ihre früheren Arbeitgeber sind eines mehr oder weniger unnatürlichen Todes gestorben. Natürlich hat sie deren Erbschaften gerne angenommen und das Testament in keinem Fall angefochten. Ein Frauenzimmer in Zeiten Königin Viktorias muss sehen, wo es bleibt. Außerdem sei sie farbenblind. Welch ein entsetzliches Schicksal.

Der Zweck der Reise ist weniger zwielichtig. Der W.O.J. hatte zwei Brüder, Percy und George. Während Percys Nase stets in einem – und zwar immer demselben – Buch gesteckt hatte, begab sich George auf in die Neue Welt und gründete eine Zeitung, die nur die Wahrheit verkündete: Sie hieß „Schlechte Nachrichten“. In letzter Zeit sind die Rechenschaftsberichte der Betreiber vor Ort ausgeblieben, und als Einziger der Familie Dickens kann sich Eddie nach Amerika begeben, um herauszufinden, ob es Unregelmäßigkeiten gegeben hat. Schließlich wollen W.O. Jack und sein Bruder, Eddies Vater, wissen, wo ihr Geld geblieben ist. Sie könnten es jetzt, nachdem ihr Zuhause „Schlimmes Ende“ abgebrannt ist, gut gebrauchen.

Auf geht’s! (Endlich, nach zwei Dritteln des Buches!)

Die Bahn bringt Eddie in Begleitung seines W.O. Jack und der Lady Bustle nach Bad Schlammingen, wo auf dem Fluss schon der Segler „Riesenross“ auf ihn wartet. Ein Ruderboot unter dem Kommando eines gewissen „Jolly Roger“ bringt sie an Bord. Eddie entdeckt bald, dass es noch einen dritten Passagier gibt. Öha, es ist der Sträfling Protz, den Eddie in Teil 2, „Furcht erregende Darbietungen“, ins Gefängnis gebracht hatte.

Nach der Abfahrt der „Riesenross“ meldet der W.O. Jack auf der Polizeiwache von Bad Schlammingen, dass er seine Frau, die N.W.T. Maude, vermisse. Der Kriminalinspektor schließt aus Jacks Angaben messerscharf, dass sie sich wohl in Eddies Überseekoffer versteckt habe und sich nun ebenfalls auf der „Riesenross“ befinde. Ob dieses Trio wohl je lebendig in Amerika ankommen wird?

Mein Eindruck

Bangen und Zweifel sind durchaus angebracht, denn schließlich fahren ja auch eine vielfache Mörderin und ein entflohener Sträfling mit. Es grenzte an ein Wunder, sollte sich dieser Schlamassel zu einem Happyend entwickeln. Mit Verlaub gesagt: Es |ist| ein Wunder.

Der Autor wendet sich in seinem Buch bzw. Hörbuch natürlich an Kinder, empfohlen ist ein Alter ab zehn Jahren. So alt dürfte nun wohl auch Eddie sein, der Held, dem unsere ganze Sympathie zu gelten hat, denn schließlich hat er es wahrhaftig nicht leicht in einer Welt voller Geisteskranker und Mörder. Und wenn Erwachsene ausnahmsweise einmal weder wahnsinnig noch mörderisch daherkommen, dann sind sie, wie Eddies Eltern oder der Captain der „Riesenross“, garantiert so unterbelichtet und naiv, dass sie den Schurken im Stück nichts entgegenzusetzen haben. Bleibt also nur Eddie übrig, um den Tag zu retten. Ist ja klar: Er ist der Held dieses Stückes, und von ihm hängt es ab, ob das Buch bzw. die Geschichte zu einem glücklichen Ende findet oder nicht. Nicht, dass es ihm irgendjemand danken würde.

Philip Ardagh ist mit keinem anderen Autor, den ich kenne, zu verwechseln. (Oh ja, man kann ihn mit allen möglichen vergleichen, wie etwa Eoin Colfer, aber das bringt nichts.) Keinem gelingen derart skurrile Gestalten und unglaublich verwickelte Situationen (wie jene mit der Granate). Und keiner geht derart gnadenlos mit seiner Hauptfigur um. Dennoch entwickelt die Geschichte von „Schlechte Nachrichten“ wider Erwarten eine Spannung, die von innen heraus kommt, als sich die uns bereits ausführlich vorgestellten Figuren in Machenschaften von großer krimineller Energie verwickelt sehen.

Zu den Eigenarten des Autors gehört eine weitere Marotte: Immer wieder verwendet er kulturelle und sprachliche Rätsel. So kommen einige Details über Schiffstypen der viktorianischen Ära zur Sprache, deren Erklärung lehrreich sein kann. Sprachliche Rätsel sind häufiger. Abgefahrene viktorianische Ausdrücke wie „revivifizieren“ (vulgo: wiederbeleben, im Sinne von „die Lebensgeister wieder erwecken“) oder auch seemännische Ausdrücke wie „krängen“ (vulgo: schwanken, schlingern) werden allsogleich vom Sprecher/Übersetzer erklärt.

Und überhaupt: Wo kommt der Mondschein her, wenn der Mond weder ein inwendiges Feuer besitzt noch einen Satz Batterien? Merke: Der Schein des Mondes stammt von der Sonne. Darauf muss man erstmal kommen. Wie man sieht, lernt man in einem Ardagh-Buch immer etwas dazu.

Der Sprecher

Harry Rowohlt macht als Sprecher einen phantastisch guten Job. Er verleiht jeder Hauptfigur ihre eigene Ausdrucksweise. So ist Mrs. Dickens die verhuschte, zurückhaltende viktorianische Dame („seen but never heard“), während die Wahnsinnige Tante Maud ihr „brutalstmögliches“ Gegenteil darstellt: Ihr schnarrendes Gebrüll jagt einem immer wieder den Schreck in die Glieder. Dennoch ist ihr Mann, der W.O. Jack, völlig in sie verknallt.

Klein-Eddie klingt wie die Stimme der Vernunft, der gegenüber der Wahnsinnige Onkel Jack und die Noch Wahnsinnigere Tante Maude – nun, was wohl? – verkörpern. Ihnen gegenüber ist Lady Bustles verfeinertes Upper-Class-Englisch der reinste Wohlklang. Wie doch Stimmen täuschen können! In ihr verbirgt sich das schwarze Herz einer Mörderin.

Hier bringt Rowohlt sein in jahrelanger Übersetzungsarbeit erworbenes und verfeinertes Sprachgefühl ein: Es gibt keine falschen Noten in sprachlicher Hinsicht und schon gar nicht in intonatorischer Hinsicht. Allenfalls über die Betonung des einen oder anderen Satzes könnte man sich streiten. Nicht jedoch bei den VERSALIEN: Man hört förmlich die Großbuchstaben. Ein weiteres Schmankerl ist zu hören, wenn zwei Stimmen gleichzeitig erklingen. Hat sich der Sprecher verdoppelt? Mitnichten, er hat sie nur zeitversetzt aufgenommen und übereinandergelegt.

Einen kleinen Scherz genehmigt man sich schließlich mit Erlaubnis des Autors, als „die Stimme seiner Lektorin“ ertönt. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Kastratenversion von Harry Rowohlt, sondern um eine echte Frau, möglicherweise um Wanda Osten, die Regisseurin und Tontechnikerin des Hörbuchs.

Apropos Tontechnik: Die Aufnahmequalität ist vom Feinsten. Denn die Lautstärke des Vortrags schwankt ständig, und einmal klopft der Sprecher sogar an das Mikrofon, um einen entsprechenden Laut zu simulieren. All dies auf höchster Qualitätsebene abzufangen, verlangt schon einige Nerven. Die Technik sei hier ausdrücklich gelobt.

Das Booklet

Es kann nicht unterbleiben, das Booklet zu beschreiben. Im Vergleich zu den beiden früheren CDs der Eddie-Dickens-Reihe scheint man sich diesmal viel mehr Mühe bei der grafischen Gestaltung gegeben zu haben. Es enthält sechs Originalillustrationen des unnachahmlichen David Roberts und vermittelt somit eine gute Vorstellung von der grafischen Pracht des Buches.

Nicht genug damit, sind auch die Oberseiten der Discs mit Illustrationen bedruckt (bei den Unterseiten wäre das wohl ein wenig zu viel des Guten gewesen). Sie zu beschreiben, wäre wirklich müßig und würde dem Interessenten die Vorfreude verderben. Muss man einfach selber gesehen haben.

Unterm Strich

Wie schon in den zwei Vorgängern dauert es auch in „Schlechte Nachrichten“ erst einmal eine ganze Weile, bis Eddie – und mit ihm der Hörer – weiß, wo’s langgeht und was Sache ist. Siehe meine obigen ersten Fragen. Nach Bewältigung diverser Startschwierigkeiten „geht’s dann los“ – und gleich rein ins Abenteuer, in dem sich unser Held als ebensolcher entpuppt und bewährt.

Die spiralförmige Erzählbewegung, die Ardaghs Markenzeichen geworden ist, mag ja nun nichts jedermanns Sache sein, ist aber unbedingt notwendig, um den Figuren Leben einzuhauchen. Auch wenn sie dabei noch so unwahrscheinlich erscheinen – den Kinder gefällt es bestimmt. Denn idealisierte Helden wie einen gewissen Harry Schotter gibt es schon viel zu viele.

Harry Rowohlts Übertragung ins Deutsche und sein kongenialer Vortrag macht das Hörbuch zum Erlebnis. Allerdings bietet die Erzählung so viele merkenswerte Einzelheiten, dass sich eine mehrfach eingelegte Pause dringend empfiehlt. Es sei denn, man macht sich wie ich laufend Notizen, um nicht den Überblick zu verlieren. (Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Farbenblindheit Lady Bustles noch einmal wichtig werden könnte, hm, wer? Na, also.)

Und endlich: Es gibt eine Altersempfehlung vom Verlag! Man lernt! Ein Lichtblick am umwölkten PISA-Horizont.

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H. P. Lovecraft / Lin Carter / Robert E. Howard / D. R. Smith / Christian von Aster – Der Cthulhu-Mythos (Lesungen)

Zwei dieser Horror-Erzählungen begründeten den Cthulhu-Mythos, die anderen führen ihn weiter. Die inszenierte Lesung wird getragen von der beeindruckenden und (in Grenzen) wandlungsfähigen Stimme von Joachim Kerzel. Ein Schmankerl sind die Lebensbeschreibung und die Story-Einführungen von „H. P. Lovecraft selbst“, geschrieben von Verleger Frank Festa.

Dieses Produkt wurde zum „Besten Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2002“ (|Deutscher Phantastik-Preis| 2003) gewählt.

Die Autoren

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Robert E. Howard (1906-1936) ist der Schöpfer mehrerer Fantasygestalten, der aber nur wegen einer einzigen in unserer Erinnerung fortlebt: wegen Conan, dem Barbaren. In einem |Heyne|-Sammelband aus dem Jahr 2003 sind diese Erzählungen professionell ediert zu finden, inklusive Varianten. Dass der Mann aus Texas, der ein enger Freund HPLs war, auch anständigen Horror zu schreiben vermochte, belegt die hier aufgenommene Erzählung.

Lin Carter (Pseudonym von Linwood Vrooman Carter, 1930-1988) war ein amerikanischer Herausgeber und Autor, der sich zwar um die Verbreitung von Fantasy in Taschenbüchern und Magazinen verdient gemacht hat, meiner Ansicht nach aber auch HPL einen Bärendienst erwies: Er nahm vom Meister Bruchstücke einer Erzählung oder gar nur Notizen für eine Idee zu einer Story – und baute diese dann im Namen HPLs aus, als wäre er ein regulärer Co-Autor des Meisters aus Providence gewesen. Das führte meines Erachtens dazu, dass seine minderwertigen Arbeiten das Ansehen von HPLs eigenen Arbeiten beeinträchtigte. Die „Encyclopedia of Fantasy“ lobt hingegen seine Leistung als Popularisierer von Fantasy und als Wiederentdecker von William Morris.

Über D. R. Smith (nicht zu verwechseln mit dem Könner Clark Ashton Smith) ist mir leider nichts Näheres bekannt. Der deutsche Autor Christian von Aster hingegen stellt sich ausführlich auf seiner Webseite http://www.vonAster.de vor. Er schreibt in allen Genres der Phantastik, tritt aber auch im Kabarett auf und beteiligt sich an Comic-Projekten.

Die Sprecher

Der Erzähler Joachim Kerzel ist Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

David Nathan: ein Regisseur und einer der besten Synchronsprecher Deutschlands – die deutsche Stimme von Johnny Depp. Er spricht die Passagen von Lovecrafts fiktivem Ich.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian Anderson („Akte X“), spricht die Ansage.

Die Geschichten

{Anm. d. Lektors: Wem die Geschichten noch nicht bekannt sein sollten, der möge auf eigene Gefahr die jeweiligen Zusammenfassungen lesen, denn es werden wesentliche Wendungen der Handlung erwähnt.}

1) H. P. Lovecraft: „Der Ruf des Cthulhu“ (1928)

Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem |Cthulhu|-Mythos und den |Großen Alten|, die von den Sternen kamen, beschäftigt. (Dies ist kein Privatmythos: Seit den 30er Jahren schreiben andere Autoren [s.u.] an diesem Mythos weiter.)

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden, augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten. Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einer der |Großen Alten|. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden. – Der Erzähler hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers/Hörers anzuregen und ihn schaudern zu lassen. Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

Kerzel macht nur einen einzigen Aussprachefehler, den aber permanent: Er spricht den Namen der Jacht „Alert“ anders aus, als es ein Englischsprecher täte (nämlich „ejlert“ statt korrekt „ä’lört“).

Robert E. Howard: „Der Schwarze Stein“ (1931)

In dem Buch „Die namenlosen Kulte“, das der (fiktive) deutsche Exzentriker von Junst im Jahr 1839 veröffentlichte, findet der Erzähler den Hinweis auf einen schwarzen Monolithen, der Menschen im Umkreis des abgelegenen ungarischen Bergdorfes Stregolczkavar – was „Hexenstadt“ bedeutet – in den Wahnsinn treibt.
Er fährt selbst dorthin und wird, nach einigen unheilvollen Geschichten, zu der Berglichtung gewiesen, auf der der Schwarze Stein steht: eine dunkle Säule von etwa fünf Metern Höhe, die mit nichtmenschlichen Schriftzeichen bedeckt ist. In der Nähe liegt ein Fels, der wie ein Sitz geformt ist: Hier nimmt der Erzähler in der unheilvollen Mittsommernacht Platz – und schläft ein.

Ist’s ein Traum, was er erblickt, als er „aufwacht“? In Tierfelle gehüllte Ureinwohner des Landes tanzen frenetisch vor dem Monolithen, und ein Priester mit einer Goldkette um den Hals peitscht eine junge Tänzerin bis aufs Blut, die schließlich den Fuß der Säule küsst. Denn dort oben hockt ein Monster, das seine Verehrer beäugt und erst zufrieden ist, als ein Säugling an der Säule zerschmettert wird. Da wacht der Träumer auf.
An der Säule findet sich keine Spur, also auch kein Beweis. Doch er erinnert sich an eine türkische Schriftrolle, die 1526 dem ungarischen Verteidiger des Landes in die Hände fiel und mit ihm unter Burgruinen begraben wurde. In ihr findet sich der Beweis, dass der Monolith ein Schlüssel ist …

Auffällig ist die sorgfältige Konstruktion der Geschichte, die sich erst zahlreicher Zeugnisse bedient, bevor die eigentliche Horrorszene beschrieben wird – und die eine effektvolle Pointe nachreicht.

H. P. Lovecraft & Lin Carter: „Die Glocke im Turm“ (1989)

Ein frischgebackener Besitzer des verbotenen Buches „Necronomicon“, Williams, erzählt seinem Nachbarn davon, um ihn um Hilfe bei der Übersetzung des altertümlichen Latein zu bitten. Der alte Mann rastet total aus und warnt Williams dringend vor der Lektüre des unheiligen Buches. Der Grund liegt in der Lebensgeschichte dieses Lord Northams selbst. Er stammt aus einem Adelsgeschlecht, das bis in die Römerzeit zurückreicht. Im Stammschloss gibt es daher uralte Gemäuer und Grüfte. Eines Tages durchsuchte er die Familienbibliothek nach mehr esoterischem Wissen. Hinter dem „Necronomicon“ stieß er auf eine Geheimtür und stieg in einen Turm hinauf.
Dort oben befand sich eine leere Schreibstube, die von einer großen silbernen Glocke beherrscht wurde.

Die Aufzeichnungen seines Ururgroßvaters erzählten von Experimenten mit dieser Glocke und verwiesen auf eine Stelle im „Necronomicon“: Im „Buch der Pforten“ ist das „Ritual der Glocke“ mit einer dicken Warnung versehen. Northam führt das Ritual elfmal aus und gelangt immer tiefer in eine Anderswelt voll historischer und fremder Wesen – bis er eines Tages von den Anderen erblickt wird. Obwohl er sein Experiment sofort abbricht, transportiert ihn fortan der Klang von Kirchenglocken sofort in diese Furcht erregende Anderswelt, wo Pilger einem hungrigen Gott huldigen …

Leider nur eine minderwertige Story ohne „kosmisches Grauen“, sondern mehr über einen Sucher, der an Dinge rührt, von denen er lieber die Finger lassen sollte.

D. R. Smith: „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ (1950)

Al Hazred ist der bereits von Lovecraft zitierte arabische Verfasser des Zauberbuches „Necronomicon“ aus dem 7. Jahrhundert. Erzählt wird eine von Al Hazred als letztes Kapitel wiedergegebene Episode aus dem Leben des Marcus Antonius, der durch seine Affäre mit Königin Cleopatra in die Geschichte einging. Er hat sich mit seinen Soldaten in einem engen kahlen Bergtal in den Alpen verirrt, als er schließlich auf einen Bach und eine finstere Höhle stößt, aus der ein unaussprechlicher Gestank hervorströmt. Als er hineingeht, um das Tier zu erlegen, das dort haust, hören seine Männer Geräusche eines Kampfes. Nach einer Weile kommt ihr Anführer mit einem seltsam schleimigen Wesen heraus, das er ins Feuer wirft und dessen Herz er danach isst. Es handelt sich laut Al Hazred um den Vater der |Großen Alten|, den verstoßenen Erzeuger von Azathoth und Cthulhu etc.

Man darf sich schon etwas verblüfft fragen, was zum Geier ein Obergott in einer obskuren Alpengrotte verloren hat und wie es kam, dass ein simpler Mensch ihn überwältigen konnte. Kein Wunder, dass Al Hazred darüber verrückt wurde.

H. P. Lovecraft: „Dagon“ (1917)

… ist der Prototyp zu dem viel besser erzählten „Der Ruf des Cthulhu“. Ein entkommener Kriegsgefangener des 1. Weltkrieg strandet nach einer Irrfahrt auf einer ungastlichen Insel im Südpazifik. Der Strand besteht aus einem schwarzen, toten, schleimigen und ekligen Sumpf, auf dem nichts lebt. Er schleppt sich vier Tage lang (ohne Wasser!) zu einem Hügel hoch, der sich als Vulkankrater entpuppt. Ist dies der Eingang zur Unterwelt?, fragt er sich. Sein Blick fällt auf einen weißen Monolithen auf der gegenüberliegenden Felswand. Er ist bedeckt mit Sinnbildern, Flachreliefs und Schriftzeichen: Zu sehen sind humanoide Fischwesen, die aber so groß wie Wale sind.

Eines dieser Wesen taucht aus dem Kratersee auf, um den Monolithen, einen Altar, zu verehren. Der Gestrandete wird wahnsinnig. Er findet heraus, dass es bei den Philistern der Antike einen Fischgott namens Dagon gab und fragt sich, wann Dagons Geschlecht die im Großen Krieg untergehende Welt übernehmen werde. Da ertönt ein Klopfen an der Tür, eine schuppige Hand zeigt sich. Der Erzähler springt aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung. (Zu |Dagon| siehe auch den Kurzroman [„Der Schatten über Innsmouth“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=506 der ebenfalls in der Lovecraft’schen „Bibliothek des Schreckens“ als Hörbuch erschienen ist.)

Christian von Aster: „Ein Porträt Torquemadas“ (2002)

Diese ausgetüftelte Erzählung erreichte den 1. Platz in einem Cthulhu-Storywettbewerb.

In einem Hospital sitzt der vom Vatikan geschickte Dominikanermönch Cajetanus am Bett von Felix Ney, um sicherzustellen, dass Neys Aufzeichnungen niemand Unbefugtem in die Hände fallen. Ney war als Kunsthistoriker in München tätig, als er dort in der Pinakothek ein Gemälde zerstörte. Offenbar konnte ihn nur ein Hirntumor zu dieser Wahnsinnstat veranlasst haben. Doch dies ist Neys Geschichte aus seinem Tagebuch:

Ney untersuchte vier Gemälde eines florentinischen Malers des 15. Jahrhunderts auf Geheimnisse. Der Maler Delcandini, so findet er heraus, hat Bruchstücke einer geheimen Botschaft sieben Jahre lang über alle vier Gemälde verteilt. Das letzte Gemälde zeigt den spanischen Großinquisitor Torquemada, der Hunderttausende von Menschen auf den Scheiterhaufen schickte. Das Bücherregal im Bild zeigt – übermalt – das verbotene „Necronomicon“ des Abdul Al Hazred! Auch die anderen Gemälde hätte die Katholische Kirche nicht zerstört und so blieb die Botschaft erhalten.

Diese besteht aus dem Protokoll eines Gesprächs zwischen Torquemada und Papst Ignatius: Sie verbünden sich, um mehr Macht zu gewinnen. Allerdings ist Torquemada ein Anhänger Cthulhus und seiner Brut. Cajetanus befürchtet, dass Torquemadas Nachfolger immer noch im Vatikan wirken. Er ist nämlich selbst ein Handlanger der Inquisition.

Die HPL-Zwischentexte und Vorworte stammen von Verleger Frank Festa, die Ansage von Franziska Pigulla.

Den Abschluss bildet eine vierzehn Minuten lange Hörprobe aus der langen Novelle „Der Schatten über Innsmouth“ ausgezeichnete Einstimmung auf die eigentliche Geschichte aus dem Jahr 1931.

Die Sprecher

Joachim Kerzel verleiht den Erzählungen mit seiner tiefen, rauen Stimme erst den eigentlichen gruseligen Touch. Die düsteren Gothic-Chöre, die längere Passagen abtrennen, verstärken den Eindruck dunkler Mächte noch. Kerzel ist aber in „Der Schatten über Innsmouth“ als Zadok Allen noch viel eindrucksvoller.

David Nathan ist nicht sonderlich gefordert, wenn er die Sachtexte liest. Ab und zu hört man mal ein amüsiertes Heben der Stimme.

Was ist eine „inszenierte Lesung“? Es handelt sich um ein Mittelding zwischen Lesung und Hörspiel. Während die Lesung nur auf den Text setzt, bringt das Hörspiel auch Musik und Geräusche ein (von einschneidenden Kürzungen mal ganz abgesehen).

Dem Thema der bösen |Großen Alten| entsprechend, setzt die Musik von Andy Matern auf düstere Effekte à la „Dies irae“, ohne allerdings auf konkrete Vorbilder zurückgreifen. Die kompetente Regie führten Sven Hasper & Oliver Rohrbeck.

Unterm Strich

Hoffentlich machen schön inszenierte und rundum informativ gestaltete Hörbücher wie dieses bald Schule! Die Sprecher, die über den Erfolg entscheiden, gehören zu den besten (und bestbezahlten) der Republik (trotzdem ist auch Kerzel nicht gegen Aussprachefehler gefeit, s.o.).

Die Musik verleiht ihnen den emotionalen Rahmen, mit dem sie arbeiten können. Dem nicht genug, bekommt der Hörer auch hilfreiche Informationen zum Autor H. P. Lovecraft geboten. Sie erklären zwar nicht den Zweck des |Cthulhu|-Mythos, machen aber zumindest seine Entstehung verständlich. Diese literaturhistorischen Hinweise sind beim Hörbuch „Der Schatten über Innsmouth“ sogar stärker ausgebaut.

Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs
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Andrea Camilleri – Die Form des Wassers (Lesung)

Die Leiche eines bekannten Politikers wird auf dem Strich von Vigata gefunden – ein Skandal erster Güte droht loszubrechen. Commissario Montalbano wundert sich. Dieser Fall verhält sich wie Wasser: Es hat immer die Form, die man ihm gibt. – Dieser Krimi war der erste, mit dem das Werk Andrea Camilleris dem deutschen Publikum vorgestellt wurde – mit größtem Erfolg, wie sich herausgestellt hat.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch 16 weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Stimme der Violine
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge

_Handlung_

Der angesehene Ingenieur und Politiker Silvio Luparello wird eines frühen Morgens von zwei Straßenfegern an einem anrüchigen Strand tot in seinem Auto aufgefunden. An diesem Strand pflegen sich die Huren mit ihren Freiern zum Stelldichein zu treffen. Hatte der honorige Ingenieur so etwas nötig? Falls ja, wäre das ein Skandal ersten Grades und besonders schädlich für das Ansehen seiner konservativen Partei. Die Polizei entscheidet diplomatisch, dass der Tote einem Herzinfarkt zum Opfer fiel – wir wollen doch keinen Skandal in Vigata, oder?

Commissario Salvo Montalbano jedoch kommt die ganze Sache nicht koscher vor. Da scheint doch mehr dahinter zu stecken. Schon am nächsten Tag nämlich wird dringend ein wertvolles Collier gesucht, das an der Unfallstelle vermisst wird. Einer der Müllmänner hat das Collier gefunden und heimlich eingesteckt. Merkwürdig ist nun, dass ausgerechnet Ingenieur Luparellos schärfster politischer Gegner, der Anwalt Rizzo, danach suchen lässt…

Schon bald ereignen sich bei Montalbanos Ermittlungen unverhoffte Enthüllungen, die schaurige Einblicke in die Abgründe der lokalen Gesellschaft gestatten. Und die Lösung des Falles stellt sich je nach Blickwinkel anders dar: genau wie die Form des Wassers sich mit dem jeweiligen Gefäß ändert.

_Mein Eindruck_

Der sehr kurzweilig zu lesende Krimi macht den Leser auf unterhaltsame Weise mit dem sizilianischen Alltag bekannt, wie er sich der Polizei darstellt: Mafiabandenkriege, Morde, Intrigen und Korruption, durchgedrehte Rentner, unschuldige Attentatsopfer und vieles mehr. Ein menschliches Panorama, beobachtet mit dem scharfen Blick der Erfahrung und des Mitfühlens.

Dabei kommt jedoch die Spannung keineswegs zu kurz. Baustein für Baustein setzt der attraktive und intelligente Commissario die Kette der Zusammenhänge zusammen, die den Eindruck vermitteln sollen, das Opfer sei von alleine gestorben. Dumm nur, dass es schon lange tot gewesen war, bevor es den „Tatort“ erreicht hatte. Und welche Rolle eine gewisse hochgewachsene Schwedin namens Ingrid spielen sollte, wird ihm auch bald klar. Die ganze Sache ist höchst politisch, doch Montalbano beweist Fingerspitzengefühl.

_Das Hörspiel_

Die Sprecher sind wieder die gleichen wie bei allen Camilleri-Hörspielen und von professioneller Qualität. Hier gibt’s nichts auszusetzen, genausowenig an dem Einsatz von Geräuschen usw. Lediglich die Hintergrundmusik besteht aus dem nervenden Jazz-Gedudel Henrik Albrechts, das in den jüngeren Camilleri-Produktionen zum Glück ersetzt wurde.

Was an der Bearbeitung auffällt, sind erstens die zahlreichen witzigen Pointen und zweitens die drastischen Äußerungen, zu denen sich der Commissario hinreißen lässt und die weit unter die Gürtellinie zielen. Das dürfte zu einige hochgezogenen Augenbrauen bei den Zuhörerinnen führen.

_Unterm Strich_

„Die Form des Wassers“ verlangt zwar große Aufmerksamkeit beim Zuhören, doch der Zuhörer wird mit vielen witzigen Situationen belohnt. Besonders auf den Gerichtsmediziner hat es Salvo Montalbano abgesehen, weil der sofort alles ausplaudert, selbst wenn er hoch und heilig Stillschweigen geschworen hat. Dies nützt Salvo listig aus, um den politischen Gegner aufs Kreuz zu legen. (Polizeiarbeit ist in Sizilien immer politisch.)

Und einen Dauer-Gag bilden Assistent Gallos miserable Fahrkünste sowie die Tatsache, dass Gallo nie lernt, dass in Italien das Reifenaufschlitzen ein Volkssport ist. Außerdem ist Inspektorin Anna Ferrara hinter Salvo her. Leider versteht sie die Anwesenheit von Ingrid der Schwedin in Salvos Schlafzimmer miss…

Abgesehen davon ist „Die Form des Wassers“ eine ordentlich spannende Episode im Leben des Commissario Montalbano.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Ken Follett – Die Kinder von Eden

Kann der Mensch ein Erdbeben produzieren? Was recht unwahrscheinlich klingt, geschieht in Kalifornien: Eine Sekte von Späthippies fordert damit den Gouverneur heraus, um den Bau eines Staudamms zu verhindern, der ihr Tal überfluten würde. – Eines von Follets schwächeren Werken, aber stellenweise dennoch spannend und sogar apokalyptisch.

Der Autor

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Thomas Gifford – Assassini

Finstere Machenschaften einer Mördertruppe versetzen die Angehörigen der Priesterschaft in Furcht und Schrecken. Offenbar will jemand den Ausgang der bevorstehenden Papstwahl zu seinen Gunsten entscheiden und räumt Widersacher aus dem Weg.

Thomas Gifford begann seine schriftstellerische Laufbahn als Autor von Kriminalromanen. Den internationalen Durchbruch erzielte er mit dem Vatikanthriller „Assassini“ (1991), gefolgt von Romanen wie „Gomorrha“ und „Protector“. Neun Jahre verwendete Gifford darauf, für „Assassini“ zu recherchieren und das Buch zu schreiben. Ein entsprechend großes, fundiertes Hintergrundwissen macht den Roman aus, der in Buchform immerhin 800 Seiten stark ist. Der Hörer kann das Buch in „nur“ etwas über neun Stunden genießen.

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