Alle Beiträge von Kirsten Braselmann

Rickman, Phil – Nacht der Jägerin, Die

_Die „Merrily Watkins“-Romane:_

01 „Frucht der Sünde“
02 [„Mittwinternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6067
03 [„Die fünfte Kirche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6283
04 [„Der Turm der Seelen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6644
05 [„Der Himmel über dem Bösen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6979
06 _“Die Nacht der Jägerin“_
07 „The Smile of a Ghost“ (noch ohne dt. Titel)
08 „Remains of an Altar“ (noch ohne dt. Titel)
09 „The Fabric of Sin“ (noch ohne dt. Titel)
10 „To Dream of the Dead“ (noch ohne dt. Titel)
11 „The Secrets of Pain“ (noch ohne dt. Titel)

_Inhalt_

Jane Watkins, Tochter von Hochwürden Merrily Watkins, der Beraterin für spirituelle Grenzfragen des Bistums Herefordshire, ist ausgesprochen stolz. Nicht nur, dass sie fast erwachsen ist – sie hat auch noch einen Job. Ja, sie ist endlich eine Frau, die auf eigenen Beinen steht. Zwar arbeitet sie nur nach der Schule und hin und wieder an einem Wochenende, aber das Hotel in dem alten Gemäuer Stanner Hall im Grenzland zwischen England und Wales ist beeindruckend und romantisch. Jane freut sich, hier als Zimmermädchen Arbeit gefunden zu haben.

Das Hotel hat noch nicht lange offen, und der Besitzer Ben Foley, der ehemalige Fernsehproduzent, knüpft an eine alte Geschichte an, um Kunden anzulocken: Sir Arthur Conan Doyle soll hier einst übernachtet haben, und in der Gegend gibt es Legenden von einem großen schwarzen Hund, der Leuten erscheint, die bald darauf sterben. Sollte der Meister hier zu seinem berühmten Roman „Der Hund von Baskerville“ angeregt worden sein?

Die Krimiwochenenden sind für Jane spannend, doch dann geschieht etwas, das nicht in das harmlose Rollenspiel zu passen scheint, und es ist ausgesprochen unheimlich. Geht noch etwas anderes in Stanner Hall um als das Sherlock-Holmes-Fieber …?

Janes Mutter Merrily hat an ganz anderen Fronten zu kämpfen. Um die Leute wieder in die Kirche zu locken, hat sie zwanglose Abendgesellschaften ins Leben gerufen: Hier sollte nicht gepredigt werden, sondern geredet und zusammen gebetet. Den wenigen Gemeindemitgliedern, die anfangs teilgenommen hatten, taten diese Gespräche im trauten Kreise gut.

Konservative Alteingesessene betrachteten das Ganze erst als neumodischen Unfug, bis eine kranke junge Frau unerklärlich gesundet. Und Merrily, die dergleichen nie im Sinn hatte, sieht sich plötzlich in die Rolle der Wunderheilerin gedrängt. Nun muss sie sich nicht nur mit ihren Zweifeln auseinandersetzen, sondern auch mit hoffnungsvollen Kranken.

Im Zuge dieser neuen Entwicklungen stößt sie auf ein altes Verbrechen, und schließlich erhebt das Böse in seiner grausigen Banalität sein hässliches Haupt. Und über all das legt sich unerbittlich der Schnee eines bitterkalten englisch-walisischen Winters …

_Kritik_

Gekonnt wie gehabt führt Phil Rickman seine Leser durch ein neues Abenteuer für Jane und Merrily. Die Entwicklungen der Heranwachsenden mitzuerleben, ihr Ringen um spirituelle Verortung und ihre Diskussionen mit ihrer Mutter, um die sie sich halb sorgt und sich halb über sie ärgert, während sie ihr herzlich zugetan ist, war von Anfang an spannend.

Rickman schafft es, auf überzeugende Weise die inneren Kämpfe der aufgeweckten, romantischen, störrischen Siebzehnjährigen darzustellen. Und Merrily mit all ihren Sorgen und Ängsten, ihren festen Überzeugungen und ihren immer neuen Problemen mit ihrer kleinen Gemeinde, ist sowieso ein facettierter, interessanter Charakter.

Ihre zaghafte Beziehung mit dem Musiker Lol Robinson, die trotz diverser Repressalien gedeiht, ist ebenso liebevoll geschildert wie die manchmal eingefahrenen, manchmal überraschend unkonventionellen Denkstrukturen in dem Dörfchen Ledwardine.

Die Stimmung, die Rickman bei der Beschreibung von Stanner Hall, seiner Geschichte und seinem Umland hervorruft, jagt dem Leser einen Schauder über den Rücken. Was ist dran an den alten Mythen, dass der schwarze Hund auf einen Familienfluch zurückzuführen ist? Und wer kann mehr über die alte Geschichte eines Mordes in den alten Räumen erzählen?

Das alles gemischt mit dem Abscheu, den das Verhalten des ehemaligen Fernsehproduzenten und seiner Exkollegen hervorruft, macht aus dem Roman eine gelungene Mischung aus Mystery, Psychogramm, Krimi und Romanze. Rickman hat einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er nicht nur zu den großen unter den Erzählern gehört, sondern auch origineller ist als viele seiner Kollegen.

_Fazit_

Ich kann diese Reihe nur jedem ans Herz legen, dem liebevoll ausgearbeitete Charaktere, Krimis und knifflige Plots von hoher Glaubwürdigkeit wichtig sind. Moderne und Atavismus sind hier auf eine Art und Weise verknüpft, dass man die Übergänge kaum spürt. Wenn Phil Rickman erzählt, möchte man das Buch nicht weglegen.

|Taschenbuch: 608 Seiten
Originaltitel: The Prayer of the Night Shepherd
Aus dem Englischen von Karolina Fell
ISBN-13: 9783499253355|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.philrickman.co.uk]http://www.philrickman.co.uk

Moore, Christopher – Ein Biss sagt mehr als tausend Worte

_Inhalt_

Abby wird mit großer Wahrscheinlichkeit ihren Biologiekurs nicht bestehen. Das ist zwar nicht schön, aber noch lange nicht ihr einziges Problem. Mindestens genauso bedenkenswert ist die Tatsache, dass sie ihre Dienstherren, die Vampire Gräfin Jody und Tommy, während ihres Tagesschlafs in Bronze gegossen hat. Und jetzt sind sie vermutlich stinksauer. Wie es dazu kommen konnte, ist eine komplizierte Geschichte, vor allem, wenn man soviel anderen Kram um die Ohren hat. Etwa die Forschungen ihres Freundes Fu, der an einem Mittel arbeitet, mit dem man Vampire wieder zurückverwandeln kann.

Er hält das für eine schrecklich gute Sache, Abby ist sich da nicht so sicher. Sie ist schon sehr düster, komplex und mysteriös, und die Sache mit dem Blutsaugen und der Unsterblichkeit fände sie ausgesprochen cool.

Allerdings gibt es besorgniserregende Neuigkeiten: Auch wenn die einzigen Vampire San Franziskos gerade in Bronze gebannt sind, gehen draußen seltsame Dinge vor sich. Zum Beispiel werden jede Menge Klamotten auf der Straße gefunden, in denen nur noch grauer Staub liegt. Und das ist für die Eingeweihten ein sicheres Zeichen dafür, dass dort draußen etwas ist, das Menschen austrinkt.

Und dieses Etwas heißt Chet. Chet war ein fetter Vampirkater, der Tommy und Jody als Nahrungsquelle gedient hatte und nun die Straßen unsicher macht. Naturgemäß vergreift er sich zuerst an seinen Artgenossen, und Abby und Fu haben es plötzlich mit einer ausgewachsenen, schlecht organisierten Armee von Vampirkatzen zu tun.

Als wäre das nicht schon genug Ärger, tauchen plötzlich andere Vampire in der Stadt auf. Es handelt sich um eine ältere Generation, und sie sind wirklich wütend über das Durcheinander, das hier angerichtet wurde. Irgendjemand würde dafür bezahlen müssen …

_Kritik_

Zitat
|Und ich so: „Oh, oh.“
Und die Gräfin voll so: „Jep.“|
Zitat Ende

Das ist der Stil Abbys, wenn sie selbst mit dem Berichten an der Reihe ist. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sehr schräg, durchsetzt mit Internetabkürzungen und zum Brüllen komisch. Wie dieses halbwüchsige Gothicgör in tiefschwarzer Romantik schwelgt, ihren Studentenfreund Fu um den Finger wickelt und zwei hart arbeitende Polizisten das Fürchten lehrt, ist einmalig geschildert.

Christopher Moore wird sich nicht untreu: Wer es nicht zu deftig mag, sollte seine Finger lieber von diesem Buch lassen. Aber Achtung, Feingeister, ihr werdet etwas verpassen! Der Mann hat schon mehrfach und zu verschiedensten Thematiken sein komisches Genie unter Beweis gestellt, und nun, auf dem Höhepunkt der „Twilight“-Welle, schreibt er seine Vorstellung einer Vampirgeschichte auf. Und die ist nicht nur zwerchfellerschütternd und stilistisch ausgesprochen konsequent, sie steckt nebenher auch noch voller Ideen, die so unglaublich schräg und krank sind, dass man manchmal erst den eigenen Unterkiefer wieder hochschieben muss, ehe man weiterlachen kann.

Bis ins kleinste Detail sind die Charaktere ausgearbeitet, menschliche wie tierische, und alle haben sie ihren kleinen und vor allem großen Macken. Abby selbst ist ein Orkan an Absurditäten, und der Kaiser, ein alter Obdachloser, der schon lange in der Stadt lebt, geht nebst seinen zwei Hunden direkt ans Herz.

_Fazit_

Wie nicht weiter verwunderlich bei einem Werk Christopher Moores lautet das Fazit: Der Wahnsinn, unendlich witzig, Lachgarantie, alter Schwede. Allerdings nur, wenn man nicht sehr zart besaitet ist, möglicherweise könnten Menschen mit Sinn für Finesse und leise Töne sich abgestoßen fühlen. Für alle anderen gilt: Zugreifen, lesen, wimmern vor Lachen und ein bisschen neidisch sein, dass man selbst auf solche Ideen einfach nicht kommt.

Christopher Moore ist ein Meister mit Narrenkappe, ein Genie in Sachen Humor und nebenher nicht nur gebildet, sondern darüber hinaus am Puls der Zeit.

|Broschiert: 320 Seiten
Originaltitel: Bite me
Ins Deutsche übertragen von Jörn Ingwersen
ISBN-13: 9783442312436|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann
[www.chrismoore.com]http://www.chrismoore.com

_Christopher Moore bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Bibel nach Biff“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=846
[„Ein todsicherer Job“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3310
[„Fool“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6795

Lia Norden – Vier Wahrheiten und ein Todesfall

Inhalt

„Rette mich!“ Nur diese beiden Worte und Adresse samt Datum ein kurzer Brief, leicht pathetisch, und doch bringt er vier Frauen dazu, alles stehen- und liegen zu lassen, um so schnell wie möglich zu der kleinen norwegischen Insel zu reisen, auf der der Verfasser jetzt lebt. Matthis hat in allen vier Leben vor unterschiedlich langer Zeit eine bestimmte Rolle gespielt, eine wichtige Rolle.

Die toughe Karrierefrau Susanna fragt sich zwar den ganzen Weg über, warum sie sich das antut, aber sie kehrt nicht um. Die leicht verwahrloste, leidenschaftliche Kate bricht gern zur Rettungsaktion auf, weil sie hofft, auch sich selbst zu retten. Judith, graue Maus und wohlerzogene Familienmutti, schwebt zwar in tausend Ängsten und Zweifeln, hält aber eisern an ihrem Vorhaben fest. Und die rätselhafte Agnes scheint von ihnen allen den ausgefeiltesten Plan zu haben.

Lia Norden – Vier Wahrheiten und ein Todesfall weiterlesen

Hammesfahr, Petra – Frauenjäger, Der

_Inhalt_

Marlene könnte eigentlich rundum glücklich sein: Ihr Mann verdient sehr gut, sie hat zwei reizende, wohlgeratene Kinder, und sie braucht sich um nichts Gedanken zu machen. Tatsächlich hat sie es aus dem Freundinnenkreis am Besten getroffen; Ulla muss ihre komplizierte Familie allein durchbringen, nachdem ihr Mann Insolvenz anmelden musste und von seinem kargen Lohn ewig würde Schulden abbezahlen müssen. Karola hatte sich notgedrungen bei einem örtlichen Radiosender beworben, als ihr Mann Andreas plötzlich nicht mehr nach Hause gekommen war, weil ihn das Abenteuer gerufen hatte. Und Annette stellte irgendwann fest, dass ihr Gatte kein Witzbold, sondern ein Zyniker ohne jedes Feingespür war.

Nein, da war Marlene mit ihrem Andreas noch am besten dran. Woher nur, woher kam das immer wieder auftretende Gefühl, nutzlos und überflüssig zu sein, so stark, dass es ihr den Schlaf raubte und sie in dunklen Stunden zu der Frage trieb, wer sie überhaupt vermissen würde?

In dieser Situation besucht Marlene eine Lesung in der Buchhandlung Annettes. Hier stellt eine junge Frau ein Buch vor, das von ihrer Schwester handelt: Mona war verheiratet, schien glücklich, war aber innerlich leer und neigte zu Depressionen. Diese Leere, den verzweifelten Hunger nach Emotion, füllte sie auf mit einer gefährlichen Affäre, wie sich nach ihrem Verschwinden durch ihre Tagebücher herausstellte. Monas Schwester ist sich sicher, hat sogar Beweise dafür, dass ihre Mona einem Wahnsinnigen in die Hände gefallen ist, einem sadistischen Serienkiller, und sie hat das Buch geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Polizei nichts tut.

Marlene trifft die Lesung bis ins Mark. Wie weit ist sie selbst denn von dieser unglücklichen Frau entfernt? Durch Zufall, Neugierde und einen kleinen Schuss Fatalismus rutscht sie selbst irgendwie in den Fall der verschwundenen Frau hinein – und dann folgt das im allerwahrsten Wortsinn böse Erwachen …

_Kritik_

Wie viele Marlenes gibt es wohl auf der Welt? Mehr, als man annehmen sollte, vermutlich. Die Schilderung der perfekten Fassade und der dahinter drohenden Leere und Sinnlosigkeit sind meisterhaft gelungen.

Die anderen Ehen werden ebenfalls mit einigen Strichen skizziert, nicht zu ausufernd, aber jedes Wort treffend gesetzt. Petra Hammesfahr versteht es, Situationen zu schildern und Typen zu erschaffen. Gerade dieser schon fast das ganze Leben bestehende Freundinnenkreis mit den kleinen Geheimnissen, den Bündnissen, den Streitereien, der Sorge umeinander ist großartig geschildert: Jede hat ihre Eigenheiten, die eine mehr, die andere weniger; sie sind Puzzleteile, die sich zu einem einzigartigen Gesamtbild fügen.

Der andere Teil des Buches, der Serienkillerteil, ist ebenfalls gut gemacht. Die Motive des Mannes werden dargelegt, seine Art des Jagens, seine Vorbereitungen, sein perfider Sadismus.

Ineinander verschlungen werden die einzelnen Teile der Geschichten präsentiert: Die Vergangenheit, die zu diesem bestimmten Punkt führte, die grauenvolle Gegenwart, die Geschichten der Frauen, die Geschichten des Mörders. Es ist ein fein gewobenes Netz aus Andeutung, Kitzel, Spannungserhalt. Die Autorin ist auf diesem Gebiet eine der ganz Großen.

Auch stilistisch passt alles: Hammesfahr schreibt sauber und temporeich, wie es sich für einen Thriller gehört. Ihre Ausdrucksweise ist rund und klar, ohne, dass sie zu gewählt würde, was für dieses Genre unpassend wäre, da es bremsend wirkt, wenn man innehält, um großartige Konstruktionen zu betrachten.

_Fazit_

„Der Frauenjäger“ ist trotz des reißerischen Titels ein sehr gutes Buch. Die Autorin gehört zu einem illustren Kreise deutscher Schriftstellerinnen, die es zuverlässig schaffen, Thriller auf hohem Niveau zu erdenken. Ihre Charaktere sind von hoher Glaubwürdigkeit, die Banalität des Bösen spielt eine große Rolle, und was Spannungsbögen angeht, macht ihr niemand so schnell etwas vor.

Petra Hammesfahr zu lesen lohnt sich immer, und „Der Frauenjäger“ ist für diese These ein weiterer Beweis.

|Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
ISBN-13: 9783805250146|
[Verlagshomepage]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro__fl__verlagsseiten&sv[title]=Wunderlich
[Petra Hammesfahr bei wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Petra__Hammesfahr

_Petra Hammesfahr bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Mutter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1419
[„Die Lüge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2278
[„Am Anfang sind sie noch Kinder“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2593
[„Der Schatten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3103

Hammesfahr, Michaela F. – Dein Blut für ewig

_Inhalt_

Anne ist in den Semesterferien bei ihren Eltern und freut sich darauf, ein bisschen Zeit mit ihrer alten Freundin Nina zu verbringen. Die beiden Mädchen finden schnell in ihren alten Rhythmus aus ausgehen, tanzen, tuscheln zurück und genießen gerade ihre Freizeit, als Anne den rätselhaften Kilian kennen lernt.

Nina kennt den attraktiven, blassen jungen Mann vom Sehen und findet ihn distanziert und wenig höflich. Umso größer ist ihre Überraschung, als er offenbar total in Annes Bann gezogen wird. Anne selbst ist nicht minder überrascht: Sie kann sich nicht erklären, was ein solcher Traumtyp von ihr wollen könnte. Und doch kann sie es nicht verhindern, dass ihr Herz beim Gedanken an ihn bedeutend schneller schlägt, als es eigentlich sollte. Für sie ist Kilian aufregend. Für ihn allerdings ist sie mehr als das: Kilian sieht zwar aus wie ein Mensch, doch er ist etwas ganz anderes. Und in seiner Rasse gibt es Gesetze, die die Beziehung mit Menschen unter schwere Strafen stellen. Sein eigener Bruder ist einer jener Wächter, die die Einhaltung jener Regeln scharf überwachen.

Außerdem gibt es bereits eine Frau, mit der Kilians Familie ihn gern zusammen sähe: Mona. Sie haben es bereits versucht, waren ein Paar, doch Kilian kann Mona nichts abgewinnen, während sie ihn bis zur Verzweiflung liebt und ihn als den Vater ihrer Kinder sehen will. Egal wie viele Argumente es gegen die Menschenfrau Anne gibt: Kilian kann nicht von ihr lassen. Ihr freundliches, offenes, argloses Wesen rührt ihn tiefer, als es Monas makellose Kühle je vermocht hat, und ihr Geruch bringt ihn vollkommen um den Verstand.

Es ist dünnes Eis, auf dem Kilian sich bewegt, aber es ist nicht die einzige Bedrohung des so sorgsam gehüteten Geheimnisses der menschenähnlichen Blutsauger: In dem Labor, das Kilians Vater betreibt, gibt es einige wache Augen und Ohren, und die dazugehörigen Gehirne beginnen, einige Dinge zu hinterfragen. Eines dieser Gehirne gehört ausgerechnet Nina, Annes Freundin. Doch auch viel finsterere Gestalten reimen sich einiges zusammen und schmieden perfide Pläne …

_Kritik_

Oha, ein weiterer Vampirroman! So in etwa mag der erste Gedanke lauten, wenn man sich den Klappentext des Romans durchliest. So einfach macht es die Autorin ihren Lesern aber nicht. Michaela Hammesfahr hat Biologie studiert und für ihren Erstlingsroman eine interessante neue Rasse entwickelt, die sich der verbreiteten Vampirgeschichten gern bedient, da sie von der Wahrheit ablenken. So weit, so außergewöhnlich. Die kleinen Bruchstücke, mit denen man beim Lesen gefüttert wird, erhalten die Spannung und sorgen dafür, dass man dringend wissen möchte, wie es weiter geht.

Leider hält die Entwicklung der Charaktere in vielen Fällen bei diesem inhaltlich hohen Niveau nicht mit. Die Protagonistin erscheint etwas blass und langweilig, der Held zu einfach gestrickt. Tatsächlich glaubwürdig, tragisch und ansprechend ist eine kurze Nebenlinie der Handlung, während das Hauptdarstellerpaar sich auszeichnet durch sehnsuchtsvolle Gedanken, plötzliche Entscheidungsfindungen, die binnen Minuten wieder rückgängig gemacht werden, großartiges Gefühlswirrwarr und die große Liebe nach zwei Wochen Bekanntschaft. Das ist ein bisschen flach geraten, was ärgerlich ist, denn eigentlich steckt in der Geschichte jede Menge Potential.

„Dein Blut für ewig“ ist das erste Buch Michaela F. Hammesfahrs. Sollte sie die Geschichte von Anne und Kilian in weiteren Büchern fortzuführen gedenken, würde das etwas versöhnen mit der Tatsache, dass am Ende dieses Romans überraschend viele Fäden unverknüpft bleiben. Es bleibt abzuwarten, wie die Neuautorin sich weiterentwickeln wird.

_Fazit_

„Dein Blut für ewig“ ist ein Romantic-Fantasy-Roman mit einem sehr originellen Plot und mäßigen Charakteren. Michaela Hammesfahr hat gute Ideen, aber bei der Umsetzung hat sie die Meisterschaft ihrer Mutter Petra Hammesfahr noch lange, lange nicht erreicht. Andererseits: Was nicht ist, kann ja noch werden. Und allein für die Entwicklung einer neuen Rasse gebührt der Jungautorin Anerkennung. Vielleicht lohnt es sich, sie im Auge zu behalten.

Eine Leseprobe bietet der Verlag unter [dieser Adresse]http://www.rowohlt.de/fm/131/Hammesfahr_Dein_Blut.pdf an.

|Taschenbuch: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3499254956|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Veloso, Ana – indigoblaue Schleier, Der

_Inhalt_

Goa, 1632. Miguel schwankt zwischen Empörung und neuer Hoffnung. Nach einem Skandal in Portugal, der fast seinen Ruf ruiniert hätte, an dem er aber schuldlos war, hat sein Vater ihn nach Goa geschickt, um im dortigen Teil des Familienunternehmens nach dem Rechten zu sehen. Hier sollen Teile der reichen Gewürzladungen des exotischen Landes verschwinden, ehe sie Portugal erreichen können, und Miguel soll herausfinden, wer hinter den Diebstählen steckt.

Miguel fühlt sich ungerecht behandelt und ist verletzt, weil nicht einmal seine Familie an seine Unschuld glaubt, andererseits jedoch ist er froh über die Chance, sich fern der Heimat beweisen zu dürfen. In Goa steht er nicht im Schatten seines älteren Bruders, des perfekten Geschäftsmannes. Möglicherweise kann er sich sogar ein eigenes kleines Geschäft aufbauen …?

Ehe er jedoch noch wirklich Fuß gefasst hat in seiner neuen Heimat, trifft er auf die geheimnisvolle Dona Amba, die nur selten die Stadt betritt und sich nur verschleiert zeigt. Die geheimnisvolle Fremde nimmt einen Gutteil seines Denkens in Anspruch, und er schwört sich, dass er sie kennenlernen und ihr Vertrauen gewinnen wird. Dona Amba bemerkt den Fremden ebenfalls, und ihr graut vor ihm. Zu neugierig, zu aufdringlich erscheint ihr der junge Mann. Sie hat ein Geheimnis zu hüten, und inzwischen sind so viele Menschen von ihr abhängig, dass sie jede Gefahr meiden muss.

Allein, der junge Portugiese hat eine verborgene Saite in ihrem Innern berührt, und da er alles daran setzt, den Widerstand der geheimnisvollen Frau zu brechen, sieht Dona Amba ihn häufiger, als ihr lieb ist. Sie ist schließlich hin- und her gerissen zwischen der Angst, die immer ihr Leben bestimmte, und dem stärker werdenden Verlangen nach persönlichem Glück. Und doch droht ihre Vergangenheit sie einzuholen …

_Kritik_

Zwischen Europa und Indien, Vertrauen und Verrat, Abenteuer, Cholera, Inquisition, Liebe und Flucht hat Ana Velosa eine spannende Romanze angesiedelt. Ihre Beschreibungen des Glanzes und des Elends des exotischen Indien sind farbenfroh und intensiv, die Art und Weise, wie die Geschichte sich langsam entfaltet, geschickt inszeniert. Speziell die Rückblenden, in denen Dona Ambas Leben und die Gründe für ihre Heimlichtuerei dargelegt werden, sind sehr spannend gestaltet.

Das Verhalten der portugiesischen Gemeinde in Indien ist mit Liebe zum Detail dargestellt und gemahnt an vergleichbare Beschreibungen von anderen Kolonialmächten; die Art und Weise, wie die Neulinge aus ihrer eigenen, für ach so überlegen gehaltenen Welt anreisen und sich erst nach und nach kleinlaut den neuen Gegebenheiten anpassen, ist immer wieder amüsant zu lesen.

„Der indigoblaue Schleier“ ist ein Schmöker. Ein gut recherchierter, liebevoll komponierter Schmöker. Für Schattierungen in den Charakteren ist nur wenig Platz: What you see is what you get. Natürlich ist die Heldin eine unglaublich schöne, integre, willensstarke und leidensgewohnte Frau. Natürlich ist der Held der bestaussehendste Mann der ganzen Kolonie, ein bisschen wild zwar, doch tief in seinem Herzen gut, rein, mutig usw. Natürlich sind die Freunde die besten, treuesten, loyalsten, die man sich wünschen kann. Die Bösen sind dafür aber auch mal so richtig böse, skrupellos und ohne jeden Hauch von Mitleid, und die Kirche erhält zeitgemäß ihren Dämpfer. Das sind Dinge, mit denen man sich arrangieren muss, dann kann man dieses Buch durchaus genießen.

Ana Veloso schreibt gefällig und in blumigem Stil, der sie selbst bei den Beschreibungen von Elend, Ekel, Gewalt und abgrundtiefer Trauer nicht verlässt. Alles in allem ist das Buch in sich harmonisch und rund.

_Fazit_

„Der indigoblaue Schleier“ ist ein romantischer Roman, und wenn man ihn als solchen nimmt, ist er vergnüglich. Wer gehobener Literatur zugeneigt ist, sollte sich besser etwas anderes suchen, aber zur Kurzweil gereicht dieses Buch allemal.

|Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
ISBN-13: 9783426663332|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[www.ana-veloso.de]http://www.ana-veloso.de

_Ana Veloso bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Duft der Kaffeeblüte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3872
[„Das Mädchen am Rio Paraiso“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6057

Freise, Charlotte – Seelenfotografin, Die

_Inhalt_

Berlin in der Gründerzeit: Der junge Ruven wittert die Freiheit. Seit er sich erinnern kann, war es ihm schlecht ergangen: Eines Morgens hatte man ihn vor dem Waisenhaus gefunden, verletzt und ohne Gedächtnis. Das Leben hier war alles andere als schön, und kurz war Hoffnung in ihm aufgeblitzt, als ein fahrender Fotograf ihn mitgenommen hatte. Dessen Gewerbe aber sorgte bei Ruven von Beginn an für Übelkeit, hatte er sich doch im Verborgenen auf schamlose Bilder von Frauen spezialisiert, die er unter der Hand verkaufte.

Ruven war diese Tätigkeit immer verhasst, und als sein Meister eines Tages wieder einmal dem Suff frönt und ein Arzt ihn einlädt, an seiner Klinik Bilderserien von den Patienten zu machen, zögert er nicht lange: Er nimmt, was er braucht – so auch die Fotoausrüstung -, und macht sich am angegebenen Tag auf den Weg zum Krankenhaus.

Die Patienten des Doktors sind überwiegend Geisteskranke, deren Bilder der Doktor will, um durch ihr genaues Studium in die kranken Seelen zu blicken. Die Patienten erschrecken Ruven ein wenig, doch ein Mädchen ist dabei, Isabell, das ihn irgendwie fasziniert. Sie lernen sich ein wenig kennen, und rasch findet Ruven heraus, dass der Geist der jungen Frau mitnichten gestört ist: Ein Nervenleiden zwingt sie in den Rollstuhl, und ihr eigentümliches Verhalten rührt von der Auflehnung ihres überlegenen Geistes her.
Das Mädchen begeistert sich für die Fotografie, lernt selbst nebenher aus Büchern darüber und entwickelt einen gewagten Plan: Sie hängt trotz ihrer Behinderung am Leben, und sie möchte zusammen mit Ruven eine besondere Platte für den Apparat entwickeln: Wenn es möglich ist, wie der Doktor sagt, die Seele auf den Bildern zu erkennen, dann muss es doch einen Weg geben, sie ganz dorthin zu bannen – sie dort aufzubewahren, bis es eine Möglichkeit gibt, sie wieder hervorzuholen, wenn der gequälte Körper längst den Kampf aufgegeben hat?

Ruven verliebt sich in Isabell und tut alles, um sie zu unterstützen. Doch es droht Gefahr: Medizinische Experimente bedrohen das junge Glück genau so wie Ruvens ehemaliger Meister, der die Suche nach dem diebischen jungen Mann keineswegs aufgegeben hat – und dann droht die längst versunkene Vergangenheit Ruven einzuholen …

_Kritik_

Die Beschreibungen des Elends, in dem Ruven sich zu Beginn des Romans befand und indem Isabell und die Menschen um sie herum hausen, sind eindringlich und abstoßend. Auch die Experimente, mit denen die Medizin sich beschäftigte, jagen dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken.

Leider greift der Rest des Buches nicht so recht. Die Charaktere sind wenig glaubwürdig, mal überzeichnet, mal zu blass, und sie benehmen sich nicht immer so, wie es in der Figur angelegt ist. Wie Hercule Poirot gesagt hätte: Niemand kann etwas tun, das nicht „dans son charactère“ ist.

Der Held erweckt wenig Sympathien, und das überspannte Mädchen befremdet eher, als dass es herzerweichend wirkt. Das Vorhaben wirkt vollkommen unsinnig, und wenn zumindest nebenher noch ein wenig mehr Lokalkolorit oder atmende Szenerie eingeflossen oder vielleicht ein historisches Ereignis am Rande der Handlung beschrieben worden wäre, hätte man vielleicht darüber hinwegsehen können, dass man von vornherein weiß, dass die Hoffnung des Mädchens enttäuscht wird. Dazu kommen noch einige Wendungen in eine Richtung, die die sperrige Geschichte abzurunden nicht hilfreich ist, und im Ganzen hat man einen eher enttäuschenden Roman.

_Fazit_

Es ist wie immer Ansichtssache, was man von einem Roman hält, und es sind bereits gute Bewertungen zu „Die Seelenfotografin“ abgegeben worden – allein, ich kann mich ihnen nicht anschließen. Das Buch ist mir fern geblieben, sowohl was die Geschichte angeht als auch nach seinen Personen. „Die Seelenfotografin“ hat mir nicht besonders gefallen.

|Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-13: 9783499255120|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[Mehr zur Autorin]http://www.rowohlt.de/autor/Charlotte_Freise.2846263.html

Pfeiffer, Isabell – Sündentuch, Das

_Inhalt_

Ravensburg, 1429: Die junge Christine ist entsetzt. Sie hat während ihrer ersten Ehejahre keine Kinder bekommen, und nun schreibt ihr ihr wesentlich älterer Gatte von einer Geschäftsreise, dass er seinen unehelichen Sohn mit nach Hause zu bringen und ihn als Stammhalter zu erziehen gedenke. Was für eine Demütigung! Doch als der Junge erst einmal ankommt, erwärmt sich Christine schnell für ihn: Er ist ein schmaler, schüchterner Kerl, eher musisch als kaufmännisch begabt, und dass er aus seiner vertrauten Umgebung gerissen und von einem Mann fortgebracht wurde, den er wohl niemals wird zufrieden stellen können, bedrückt ihn sehr.

Christine tut alles, um dem Jungen eine Freude zu bereiten – unter anderem bedeutet das, dass sie Geld für ein ganz besonderes Geschenk braucht. Nur woher nehmen? Sie versetzt kurz entschlossen ein kostbares Tuch, das sie so gut wie nie trägt, bei einem jüdischen Pfandleiher und bringt damit Geschehnisse ins Rollen, deren Ausmaße niemand absehen kann. Sie verliert nicht nur jeglichen Respekt ihres Gatten, als der ihr auf die Schliche kommt, sie verliert auch ihr Herz an den Juden. Ehebruch allein wäre schon eine Todsünde, doch dass sich eine Christin mit einem Juden einlässt, ist absolut unvorstellbar. Und darüber hinaus sind die Jahre 1929 und 1930 in Ravensburg für die jüdische Bevölkerung keine guten: Über der im Verborgenen aufkeimenden Liebe drohen Gewitterwolken, und als dann auch noch ein Kind verschwindet, zieht sich die Schlinge endgültig zu …

_Kritik_

Es ist eine düstere Geschichte, die Isabell Pfeiffer vor den Leseraugen entfaltet. Eine düstere Geschichte, die umso bitterer wirkt, als sie nicht frei aus der Luft gegriffen ist. In den Jahren 1429/1430 setzt in den Reichsstädten des Bodenseeraums eine Judenverfolgung ein, die ihresgleichen suchte und der fast die gesamte damalige jüdische Bevölkerung zum Opfer fiel.

In das Gewebe aus Korruption, Verrat, Gier, Fanatismus, Angst und schlichtem Aberglauben, das zu diesem Massenmord führte, bettet die Autorin eine komplizierte Liebesgeschichte und einen ebensolchen Kriminalfall ein, verknüpft die Fäden von kleinen persönlichen Angelegenheiten und großen politischen Ränken zu einem tödlichen Netz. Fantasie und Fakten ergeben ein Drama, bei dem alles unerbittlich einem bestimmten Punkt zuläuft.

Dass in diesem mosaikartigen Kunstwerk manchmal die eine oder andere Person eine Winzigkeit unglaubwürdig handelt oder etwas klischeebehaftet wirkt, ist letztendlich egal: Der Roman führt unerbittlich vor Augen, wie etwas so Grauenvolles wie der von der Obrigkeit genehmigte Massenmord (in Form von Hinrichtungen) überhaupt geschehen kann, und da kann man die eine oder andere Ungereimtheit in den Charakteren schon einmal verzeihen.

Die Autorin hat sich mit ihrem Thema auseinandergesetzt und sorgfältig Personen, die real existiert haben, mit fiktiven vermischt. Erdachte Schicksale greifen perfekt in überlieferte, und das ist schon eine Kunst für sich.

_Fazit_

Wer historische Romane mag, in denen nicht nur Mantel- und Degenszenen vorkommen, sondern die auch ein wenig Hintergrundwissen vermitteln, ist mit „Das Sündentuch“ gut bedient. Man mag hier und da ein Auge zudrücken, wenn sich etwas nicht zur Gänze in das farbenreiche Bild einpassen möchte, aber im Großen und Ganzen ist dieser Roman saubere Arbeit.

|Taschenbuch: 560 Seiten
ISBN-13: 9783499255021|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.isabellpfeiffer.de]http://www.isabellpfeiffer.de

Rickman, Phil – Himmel über dem Bösen, Der

_Die „Merrily Watkins“-Romane:_

01 „Frucht der Sünde“
02 [„Mittwinternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6067
03 [„Die fünfte Kirche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6283
04 [„Der Turm der Seelen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6644
05 _“Der Himmel über dem Bösen“_
06 „Die Nacht der Jägerin“ (erscheint am 01.04.2011)
07 „The Smile of a Ghost“ (noch ohne dt. Titel)
08 „Remains of an Altar“ (noch ohne dt. Titel)
09 „The Fabric of Sin“ (noch ohne dt. Titel)
10 „To Dream of the Dead“ (noch ohne dt. Titel)
11 „The Secrets of Pain“ (noch ohne dt. Titel)

_Inhalt_

Gomer Parry hat sein Leben lang in Herefordshire Landwirtschaftsdienste angeboten. Er ist eine Art Mädchen für alles, wofür man Bagger oder anderes großes Gerät braucht, und unermüdlich im Einsatz. Die letzten Jahre haben es nicht gut mit ihm gemeint: Viel zu früh hat er seine große, späte Liebe Minnie verloren, und jetzt kommt auch noch so ein Schnösel aus der Stadt und macht ihm Konkurrenz bei seinen rundum wohl funktionierenden Sickergruben. Und der Junge pfuscht. Aber es ist mehr als das, etwas stimmt mit ihm nicht. Gomer horcht auf, als eine Londonerin ihn völlig verängstigt um Hilfe bittet bei dem Abwassersystem, das der andere installiert hat. Doch noch ehe er Nachforschungen anstellen kann, überschlagen sich die Ereignisse: Sein Lager brennt aus, in den Flammen kommt sein Neffe ums Leben. Das war Brandstiftung, da ist sich Gomer sicher. Einwände, dass sein Neffe immer wieder zu viel getrunken hat und das Feuer selbst ausgelöst haben könnte, wischt er beiseite.

Da die Polizei ihm nicht glaubt, bittet er Merrily Watkins um Hilfe, seine Freundin, die gleichzeitig Beraterin für spirituelle Grenzfragen im Bistum Hereforfshire ist. Auf sein Drängen hin begleitet sie ihn und findet zu ihrem Entsetzen bei dem undurchsichtigen Unternehmer eine verweste Frauenleiche. Nun gerät alles vollkommen außer Kontrolle: Verbindungen zu einem der scheußlichsten Serienmörder der Geschichte Englands tun sich auf. Was hat all diese schrecklichen Ereignisse ausgelöst? War es reine menschliche Bosheit? Steckt eine andere Macht dahinter? Welche Rolle spielt Roddys mysteriöse vermisste Freundin? Was ist dran an den Gerüchten, dass die Hochspannungsleitungen in der Gegend einigen Menschen den Geist verwirren? Was hat die wunderschöne Jenny Box mit den unheimlichen Vorfällen zu tun, dieses ehemalige Model, das offenbar eine Wandlung durchgemacht hat und so tief spirituell ist, dass sie übergeschnappt wirkt?

Und mal völlig abgesehen von den beängstigenden Begebenheiten: Wie soll Merrily sich Lol gegenüber verhalten, mit dem die Beziehung nicht ganz einfach ist? Und was um alles in der Welt ist in ihre Tochter Jane gefahren, die Zeit ihres jungen Lebens nach der richtigen Glaubensform gesucht hat und nun deutlich atheistische Züge aufweist? Wird sie die noch frische Liebe zu dem freundlichen Waliser Eirion zerstören? Merrily hat einmal mehr alle Hände voll zu tun, um die Fäden zu entwirren, während etwas Altes, Böses über ihr schwebt und ihr Leben zu vergiften droht …

_Kritik_

„Der Himmel über dem Bösen“ ist ein ausgesprochen komplexer Roman mit so vielen verschiedenen Ansätzen und Nuancen, dass man den Überblick verlieren könnte, wenn Phil Rickman kein so hervorragender Autor wäre.

Mit beneidenswerter Geschicklichkeit verknüpft er die vielen einzelnen Fäden zu einem dichten Gewebe fantastischer Erzählkunst. Kirchenpolitik findet ebenso ihren Platz wie menschliche Niedertracht, zarte Bande, Freundlichkeit, das Böse an sich – und darüber hinaus wird ein realer Fall mit in das Geschehen mit eingebunden.

Rickman hat sorgfältige Recherche betrieben, sich mit Phänomenen auseinandergesetzt, die (noch) nicht zu den anerkannten Wissenschaften gehören, und daraus ein buntes Potpourri gemischt. Seine wahre Stärke aber war immer und sind auch hier die Charaktere seiner Protagonisten: Der grimmige, unglückliche, aber gutmütige Gomer geht ans Herz, man hofft mit Eirion und Lol, grummelt sich durch die Veranstaltungen der großartig gezeichneten Dorfgemeinschaften. Merrily und Jane aber sind im vorliegenden fünften Band der Reihe schon zu Freundinnen des Lesers geworden. Bei den ganzen schrecklichen Ereignissen atmet man schon fast erleichtert auf, wenn Merrily die Zeit hat, sich eine Zigarette anzustecken, und ihr schwieriger Balanceakt zwischen der Notwendigkeit der Repräsentation und dem Wunsch nach Nähe zu ihrem sanften Musikerfreund zerrt an den Nerven. Jane hingegen, der naseweise Fratz, macht die Pubertät durch und leidet so, wie man es nur in diesem Alter kann. Sie gibt Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen, und neben dem wirklich spannenden Fall ist es auch ihre Geschichte, die den Leser das Buch nicht weglegen lässt: Fängt sie sich, oder dauert ihre Zerrissenheit durch die nächsten Bände an?

_Fazit_

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Phil Rickman ist ein extrem talentierter Autor und seine Mystery-Krimi-Reihe um Merrily Watkins absolut großartig. Er weiß um Spannungsbögen, um den perfekten Rhythmuswechsel zwischen herb und zart, zwischen schrecklich und lieblich, zwischen Gut und Böse – was nicht heißen soll, dass ihm Ambivalenz fremd wäre, keinesfalls. Wäre dem so, wären seine Charaktere kaum so überragend gezeichnet, dass sie fast real erscheinen.
Wer noch nicht begonnen hat, diese Reihe zu lesen, sollte das dringend nachholen. Es lohnt sich!

|Taschenbuch: 688 Seiten
Originaltitel: The Lamp of the Wicked
Aus dem Englischen von Karolina Fell und Nicole Seifert
ISBN-13: 9783499253348|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.philrickman.co.uk]http://www.philrickman.co.uk

Cunningham, Michael – In die Nacht hinein

_Inhalt_

Peter und Rebecca sind glücklich verheiratet und haben als Galerist bzw. Zeitschriftenherausgeberin Berufe, die sie lieben. Ihre Tochter Bea ist bereits erwachsen und ausgezogen, und eigentlich könnte man das Leben jetzt genießen. Dann kündigt sich jedoch Rebeccas wesentlich jüngerer Bruder Ethan (oder, wie er von allen genannt wird, Missy) für einen Besuch von unbestimmter Länge an. Missy ist reizend und kaputt, attraktiv, hochintelligent und haltlos, er nimmt Drogen und wickelt seine Familie spielend um den Finger.

Die Anwesenheit des exzentrischen jungen Mannes weckt in Peter eine geheime Unruhe. Dieses egoistische, süße, manipulative Geschöpf mit dem Hang zur Selbstzerstörung hat irgendetwas an sich, das er auch möchte. Ist es seine Scheißegal-Attitüde? Ist es die totale, selbstvergessene Konsequenz, mit der der Junge lächelnd sein eigenes Leben vor die Wand fährt? Die Furchtlosigkeit, mit der er sehenden Auges in den Abgrund springt? Die vitale, lässige Attraktivität der Jugend, der nichts heilig ist? Ist es – Himmel! – vielleicht die Kombination aus all dem, ist es Missy selbst?

Die Fassade von Peters heiler Welt bekommt Risse, bricht auf. Er tut Rebecca gegenüber, als sei nichts, während seine Seele langsam aber sicher auf Links gezogen wird. Was will er denn noch? Kann er so weiter machen?

Im Licht von Missys Strahlen betrachtet Peter sein Leben unerbittlich und in jeder Einzelheit eine Bestandsaufnahme, die für ihn, seine Ehe, sein Selbstverständnis und seine Lebensführung zu einer bitteren Bewährungsprobe wird.

_Kritik_

Die Fragen, die Michael Cunningham für Peter aufwirft, gehen ohne Umweg direkt unter die Haut. Wer kennt sie nicht, die alte Geschichte: Wenn ich mich dort anders entschieden hätte? Wenn ich jenen Schritt gewagt hätte? Wenn ich dies unterlassen hätte?

Da Peters Leben in vielerlei Hinsicht gefestigt (langweilig?) ist, ist es ausgesprochen verständlich, dass die Fehler Missys, die Lust an der Unvernunft ihn besonders fesseln. Einmal über die Stränge schlagen, einmal alles auf eine Karte setzen … man möchte immer das, was man nicht darf, lautet schwer vereinfacht eine der Aussagen dieses Romans. Die Gesamtaussagen sind vielschichtiger und in einer Sprache erzählt, die bezaubert und gefangen nimmt. Ein Grundton von Melancholie durchzieht das Buch, selbst in den Passagen, in denen Hoffnung und Aufbruch mitschwingen, weil man weiß, dass es der Aufbruch ins Verderben wäre.

Cunningham hat meisterhaft die Lockung des fatal Sinnwidrigen dargestellt, indem er glaubwürdige Charaktere jeweils in sich schlüssige psychische Entwicklungen durchlaufen lässt. Da es Peters Geschichte ist, die erzählt wird, kommt man ihm als Leser am nächsten, doch auch die anderen Personen treten detailreich gezeichnet ins Licht. Es wirkt nicht so, als seien sie nur Lückenfüller; jede von ihnen hat ihre Sorgen, Wünsche, Ängste. Und dass Peter trotz relativ guter Beobachtungsgabe definitiv nicht alles erahnen kann, was in seinen Mitmenschen vorgeht, stellt sich immer wieder auf überraschende Art und Weise heraus.

Michael Cunningham hat ein bestrickendes, verschlungenes Psychogramm eines möglicherweise ganz normalen Menschen erstellt, der am Scheideweg steht und sich die Frage stellen muss: Fundament oder Abenteuer?

„In die Nacht hinein“ ist genau die Richtung, die die Gedanken und Wünsche des Lesers mit denen Peters gehen, die Regung des Aus- und Aufbrechens springt unaufhaltsam von dem Protagonisten über auf den Leser.

_Fazit_

Es gibt nur einen Rat zu diesem Buch: Lesen! Cunningham ist ein Meister der mentalen Zeichnung, sein Roman ein zauberhaftes Werk über Sehnsüchte, Ängste und Allzumenschliches mit einem perfekten Ende.

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Originaltitel: By Nightfall
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt
ISBN-13: 9783630873534|
[www.randomhouse.de/luchterhand]http://www.randomhouse.de/luchterhand/index.jsp
[www.michaelcunninghamwriter.com]http://www.michaelcunninghamwriter.com

Rachman, Tom – Unperfekten, Die

_Inhalt_

In den fünfziger Jahren kommt der amerikanische Multimillionär Cyrus Ott auf die Idee, in Rom eine englischsprachige Zeitung zu gründen. Sie wird für die ersten Jahre zu dem Sorgenkind seines riesigen Imperiums: Sie ist ein Verlustgeschäft, doch er hegt und pflegt sie, hilft ihr immer wieder auf die Füße, umsorgt sie und hält sie am Laufen.

Doch all der ganze Elan, sein Durchhaltevermögen und sein Charme machen Cyrus nicht unsterblich; er fällt einer Krankheit zum Opfer und läutet damit das lange, bittere Sterben seines einst so geliebten Blattes ein. Gut ein halbes Jahrhundert nach der Gründung schließt die Zeitung für immer ihre Tore.

Während sie in den letzten Zügen liegt, werden schlaglichtartig Ausschnitte aus den Leben ihrer Mitarbeiter und Leser beleuchtet: Da ist Lloyd, seinerzeit Starregisseur, heute vor allem alt, verbraucht und hoffnungslos hinter dem Mond. Arthur, der für die Nachrufe zuständig ist und mit der Welt im Allgemeinen nicht so recht kompatibel erscheint. Hardy, die Reporterin für Wirtschaft und Finanzen, die über die erste Jugendblüte hinaus ist und fürchterliche Angst davor hat, allein zu altern. Herman, der sein Leben lang einem Idol nachgeeifert hat. Kathleen, die Chefredakteurin, effizient, kühl, wenig barmherzig. Winston, hoffnungsvoller und etwas ratloser Jungreporter in Kairo. Ruby, Textredakteurin, ein Urgestein bei der Zeitung, von allen gemobbt, aber immer noch da. Craig, der Nachrichtenchef mit der beunruhigend jungen schönen Frau, über die er sich selbst immer wieder wundert. Ornella, die die Zeitung komplett lesen möchte, alle Ausgaben, und mehrere Jahre hinterherhinkt. Abbey, die Finanzchefin, an der all die unangenehmen Entscheidungen hängen bleiben, die mit Kündigungen zu tun haben. Und schließlich Oliver Ott, ein Enkel des Gründers, Schöngeist und Verleger wider Willen. Sie alle haben ein Leben neben der Zeitung, teils eng damit verknüpft, teil losgelöst davon. Und ähnlich ihrem Blatt geht es ihnen allen nicht besonders gut.

_Kritik_

Es sind grelle Lichter, die Rachman auf seine Protagonisten richtet, und was wir da sehen, ist nicht besonders schön. Unglück, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Schmerz, Wut sind die vorherrschenden Gefühle in diesem Buch. Fast ist es, als hätte der Autor eine ähnliche Marotte wie John Irving, den Personen, die er erfindet, etwas Grässliches antun zu müssen.

Wie in den kurzen Zwischenkapiteln die fünfzig Jahre lange Existenz der Zeitung nachgezeichnet wird, ist wunderbar anschaulich gelöst; die Entwicklung vom völlig verrauchten Sechzigerjahrebüro mit den klappernden Schreibmaschinen hin zum stillen, stumpfen, computergesteuerten Büro einer Firma, die Anfang des 21. Jahrhunderts Pleite macht, ist eindringlich beschrieben.

„Die Unperfekten“ hat jede Menge Lorbeeren eingeheimst, es sei „unwiderstehlich“, „ein Knaller.“ Die |New York Times| sei fast ausgeflippt und so fort. Vielleicht war das einfach zu viel des Guten, vielleicht bin ich mit den falschen Erwartungen drangegangen: Dieser Roman und ich werden nicht beste Freunde. Stilistisch ist nichts zu beanstanden, er liest sich ausgesprochen angenehm, aber er ist mir zu düster, zu hoffnungslos, zu traurig und in all der niederdrückenden Stimmung auch eine Spur zu eintönig. Natürlich, es sind immer wieder neue kleine und große Katastrophen, die Rachmann seinen Schöpfungen angedeihen lässt, aber wenn man das Ganze mit dem einen oder anderen Lichtblick gewürzt hätte, hätte die Mischung aller Wahrscheinlichkeit nach viel spannender gewirkt. Knappe fünf Seiten, auf denen am Ende noch angerissen wird, was aus den Handelnden weiter geworden ist, waren mir nach all dieser Tragik etwas zu wenig. Wohlgemerkt, ich fordere kein Happy End voller „Ringelpietz mit Anfassen“ für alle; ein paar warme Facetten, ein kleiner Hinweis darauf, dass nicht jeder Mensch eine Insel sein muss, hätte mir schon gereicht.

_Fazit_

Da ich mit dieser Meinung verhältnismäßig allein auf weiter Flur stehe, muss ich wohl kaum betonen, dass es sich hier um meinen ureigensten subjektiven Eindruck handelt. Mein Fazit jedoch lautet: „Die Unperfekten“ ist ein guter, aber kein Spitzenroman. Er führt nicht durch Höhen und Tiefen, sondern nur durch Tiefen, bringt nicht zum Lachen und zum Weinen, sondern lediglich Letzteres. Wenn man ausschließlich nach dem Stil ginge, gäbe es nichts zu beanstanden; auch die Charaktere sind sorgsam ausgefeilt, aber wenn es an der Mischung für den richtigen Plot fehlt, reicht es im Gesamturteil bestenfalls für ein „Gut“.

|Taschenbuch: 400 Seiten
Originaltital: The Imperfectionists
Aus dem Englischen von Pieke Biermann
ISBN-13: 9783423248211|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
[tomrachman.com]http://tomrachman.com

Moore, Christopher – Fool

_Inhalt_

Der Hofnarr Pocket befürchtet das Schlimmste, als sein Brotgeber König Lear seinen Töchtern die Frage stellt, wer von ihnen ihn am meisten liebt. Nicht eben überraschend kommt es zum Eklat und Pocket muss die Zähne zusammenbeißen: Die letzten Jahre hatte er ein Dach über dem Kopf, nannte ein paar Freunde sein eigen und musste nicht hungern. Jetzt dagegen zieht er im britannischen Winter mit einem König durch die Lande, der dem Wahn verfallen ist, sein leicht retardierter Auszubildender ist in der Hand eines Feindes und die verehrte Prinzessin weit entfernt.

Intrigen bedrohen den verblendeten König und seinen Narren von allen Seiten – gut, dass zumindest der alte Kent loyal ist, im Gegensatz zu den ganzen anderen wetterwendischen Nattern in des Königs Umfeld.

Pocket mag aber nicht nur stillhalten und zusehen, wie sich die Schlinge enger zieht, gegenteilig mischt er kräftig mit. Dass sich ein aufdringlicher Geist die ganze Zeit in seine Angelegenheiten einmischt, zerrt allerdings gehörig an seinen Nerven, und die Hexen, die er aufsuchen muss, machen die Situation nicht eben weniger gruselig.

Pocket bemüht sich nach Kräften, die Angelegenheit so zu drehen, dass es für ihn und seine Lieben von Vorteil ist. Dumm nur, dass er sich im Laufe der Zeit fragen muss, wer denn überhaupt seine Lieben sind. Im rauen Umfeld des drohenden Bürgerkriegs werden die Karten neu gemischt, und fast scheint es, als könnte der wortgewandte Narr sich diesmal nicht aus allem herausreden. Andererseits: Wozu gibt es schon übernatürliche Unterstützung, wenn nicht für die ganz hoffnungslosen Fälle?

_Kritik_

Pocket ist nicht einfach nur ein Hofnarr. Er ist eher so eine Art Inbegriff des Hofnarren, eine grimmige Waffe der Wahrheit in schwarzer Kleidung und mit lustigen Glöckchen an Kappe und Schuhen: Unzählige Leute fordern seinen Kopf, und er versteckt sein gutes Herz unter jeder Menge schrecklicher Äußerungen, Beleidigungen und allgemeiner Unflätigkeit.

Dass aber wirkliche Bosheit ihn immer noch schockieren kann, wird im Laufe der Geschichte doch offensichtlich, und man bringt dem fragwürdigen kleinen Mann einiges an Sympathie entgegen. Auch die anderen Charaktere sind schön geschaffen, teilweise zwar eng an die Eigenschaften angepasst, die sie seit des britischen Meisters Zeiten haben, teils aber auch herrlich ambivalent.

„Fool“ ist ein saumäßig dreckiges Buch, steckt aber voller Intelligenz. Wer nicht zimperlich ist, wird definitiv seinen Spaß haben. Es ist stilistisch homogen, wenngleich manchmal weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks.

Moore hat eine Art Parallelrealität erschaffen; nachdem er sich die Hintergründe zu Shakespeares „König Lear“ angeguckt hatte und verzweifelt war, hatte er entschieden, dass die Recherchen so weit auseinander liegende Fakten zu Tage fördern, dass man sie am besten nur als grobe Richtlinie benutzt. Und darin ist er einfach virtuos – wenn man nicht zu denjenigen gehört, die angewidert die Miene verziehen, weil sich ein nicht unwesentlicher Teil des Buches unter der Gürtellinie abspielt, kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus. Es hilft übrigens, wenn man „König Lear“ mal gelesen hat, wirklich notwendig ist es aber nicht für das Verständnis des Romans.

Moore hat brillante Einfälle, die er auf ebenfalls brillante Art und Weise umsetzt; seine Romane sind immer wie aus einem Guss und ohne jede Disharmonie in der Gesamtwirkung – was nicht heißt, dass sie nicht teilweise widerwärtig sein können. Widerwärtig, todkomisch, charmant und genial.

_Fazit_

Christopher Moore ist jetzt schon ein Kultautor, und ein Ende seines Schaffens ist glücklicherweise nicht abzusehen. Natürlich ist es Geschmackssache, ob man mit seinem derben Humor klarkommt oder nicht, allerdings ist die Intelligenz seiner Bücher schon ein bisschen Überwindung Wert, wenn man sich anfänglich nicht sicher ist.

Ich persönlich finde, dass jeder Christopher Moores Bücher lesen sollte. Er ist ein komisches Genie und jeder Verehrung Wert.

|Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: Fool
Deutsch von Jörn Ingwersen
ISBN-13: 9783442542598|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann/index.jsp
[www.chrismoore.com]http://www.chrismoore.com

_Christopher Moore bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Bibel nach Biff“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=846
[„Ein todsicherer Job“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3310

Kyung Ran, Jo – Feine Kost

_Inhalt_

Ji-won ist eine überragende Köchin. Ihr Chef erkennt ihr Potenzial und schickt sie mehrfach von seinem Restaurant in Seoul aus nach Italien, damit sie vor Ort Eindrücke und Rezepte sammeln kann. Schließlich verliebt sich die junge Frau und plant mit dem attraktiven Architekten Sok-ju eine gemeinsame Zukunft. Sie verlässt das Restaurant und gibt Kochkurse im eigenen Heim. Alles könnte perfekt sein, doch dann ist es ausgerechnet eine ihrer Schülerinnen, in die Sok-ju sich verliebt und für die er sie verlässt.

Ji-won liebt nicht leicht und schnell, sondern ernsthaft und bis an die Schmerzgrenze. Sok-ju hatte einst gesagt, dass er sie liebt, und in ihren Augen kann er das nicht zurücknehmen. Dass er dazu aber ganz offensichtlich doch in der Lage ist, bringt sie völlig aus dem Tritt. Sie schließt ihr Kochstudio, verliert ihren feinen Geschmacksinn und fast den Lebenswillen. Schließlich reißt sie sich zusammen und kehrt zu ihrem alten Arbeitgeber zurück.

Bei allen seinen Eigenheiten und trotz des Misstrauens, das er ihr ihrer obsessiven Liebe wegen entgegenbringt, weiß ihr ehemaliger Chef, was er an ihr hat, und stellt sie wieder ein. Redlich bemüht er sich auf seine schroffe Art, die desolate junge Frau wieder auf die richtigen Gedanken zu bringen. Ji-wons feine Sinne schärfen sich wieder; sie beginnt, all ihre Zeit in der Küche zu verbringen. Mit einem nicht unwesentlichen Schuss Fatalismus kocht sie sich immer näher an die Perfektion, aber auch den Wahn heran. Und schließlich ist ihr klar, was sie zu tun hat: Sie muss Sok-ju ein unfehlbar fantastisches Essen kochen, dann gehört sein Herz wieder ihr. Dafür aber braucht es jede Menge Vorbereitung und ganz bestimmte Ingredienzien …

_Kritik_

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Jo Kyung Ran dem Genuss eines wirklich guten Essens zur Totalität und ohne jede falsche Scham verfallen. Wer eine solche Liebeserklärung an Essen, Zutaten, Kompositionen, an Feinschliff, Aroma, Gerüche, Geschmacksentfaltung schreiben kann, der muss selbst Gourmet sein. Oder über eine so beängstigende Vorstellungsgabe verfügen, dass es der Realität schon nahe kommt.

Es ist pures übertragen-lukullisches Vergnügen, Ji-won über die Seiten zu folgen, und da wir die Geschichte aus ihrer Perspektive hören, bleibt uns nicht einmal ihr Wahn so fern, wie er es eigentlich sollte. Zwar fragt man sich anfangs schon, ob die Protagonistin nicht etwas übertreibt, und auch späterhin kann man sich quasi immer dazu beglückwünschen, dass man anders handeln würde als sie, aber man bleibt doch in einer sehr engen Umlaufbahn um diesen unglücklichen, perfektionistischen, begnadeten Charakter.

Es ist unglaublich spannend, den Weg der jungen Frau nachzuvollziehen und nie zu wissen, ob sie sich auf dem Weg der Besserung befindet oder ob sie gänzlich abgleiten wird. Stille, zarte Situationen wiegen den Leser in Sicherheit, sodass eine überraschend auftretende Stelle von totaler Widerwärtigkeit ihn völlig aus der Bahn wirft.

Sok-ju, der ungetreue Liebhaber, bleibt merkwürdig blass, hat er doch in persona nur eine kleine Rolle in Ji-wons Kampf ums Dasein. Außerdem kann er ja eigentlich nicht der sein, für den sie ihn hielt, denn ihr Traumbild hätte sie nie zu Gunsten einer anderen verlassen. Und so will sich das Bild, das Ji-won gedanklich zeichnet, nicht mit dem decken, das der Mann abgibt, wenn er tatsächlich auftritt.

Eckig und kantig, aber mit verblüffend sanften Facetten treten dagegen der Chef und die beste Freundin der Protagonistin auf: Beide auf ihre Art und Weise beschädigte Persönlichkeiten, befremdlich und liebenswert, so wie die Heldin selbst, wenn sie den Leser gerade nicht zu sehr erschreckt.

_Fazit_

„Feine Kost“ in ein in vielfacher Hinsicht delikates Buch. So sehr man teilweise aufspringen und in die Küche stürzen möchte, um eine Anregung direkt umzusetzen, so sehr kratzt Jo Kyung Ran teilweise an den Ekelrezeptoren. Der Roman vereint Widersprüche in sich, die eigentlich nicht vereinbar sind, überschreitet ohne mit der Wimper zu zucken Grenzen des guten Geschmacks und wirft sich gleichzeitig Verständnis voraussetzend an des Lesers Hals.

Ich habe die Lektüre genossen: Sie fordert, verführt und widert an und ist zu jedem Zeitpunkt kurzweilig. Ein Hammerroman!

|Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltital: Hyeo
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
ISBN-13: 9783630621852|
[www.randomhouse.de/luchterhand ]http://www.randomhouse.de/luchterhand/index.jsp__
[de.wikipedia.org/wiki/Jo__Kyung-ran]http://de.wikipedia.org/wiki/Jo__Kyung-ran

James, Rebecca – Wahrheit über Alice, Die

_Inhalt_

Katherine ist ein stilles Mädchen ohne Freunde. Das ist sie nicht immer gewesen, doch seit eine Katastrophe über ihr Leben hereingebrochen ist, hat sie sich völlig verändert. Sie will niemanden kennen, schleicht wie ein Geist durch ihre Schule. Und nichts könnte sie mehr überraschen als eine Einladung zum Geburtstag von Alice. Ausgerechnet von Alice, dem schönen, exaltierten Mädchen aus ihrer Klasse! Alice wird achtzehn und scheint besonders viel Wert auf Katherines Anwesenheit zu legen. Widerstrebend gibt das Mädchen nach und erlebt zum ersten Mal seit dem schrecklichen Tag einen schönen Abend.

Sie klammert sich bald an die neue Freundschaft, auch wenn sie Alice manchmal nicht einzuschätzen weiß. Warum schlägt die Freundin manchmal so vollkommen über die Stränge? Was für ein Fatalismus treibt sie in diesen besonderen Situationen an? Warum ist sie so gemein zu ihrem Freund, der ein toller Mensch ist und ihr offensichtlich zu Füßen liegt? Warum kann sie es nicht ertragen, wenn sie nicht im Mittelpunkt steht? Und warum vergibt man ihr immer wieder, egal, was sie tut?

Katherine möchte an Alice‘ Güte glauben und findet stets neue Entschuldigungen für sie. Und doch beschleicht sie im Laufe der Zeit die Vermutung, dass sie selbst nicht die Einzige ist, die ein Geheimnis mit sich herumträgt.

Nach dem einen oder anderen Hieb unter die Gürtellinie beschließt Katherine instinktiv, eine neue, schöne Entwicklung lieber für sich zu behalten, damit sie unter Alice‘ unberechenbarem Temperament nicht etwa zerdrückt wird, ehe sie wirklich zu wachsen beginnen konnte. Was diese Entscheidung allerdings für Auswirkungen haben soll, kann sie nicht vorausahnen. Und über all dem Befremdlichen liegt drückend der Schatten der trostlosen Vergangenheit …

_Kritik_

Wenn der Prolog nicht wäre, der etwas viel Schwerwiegenderes andeutet, könnte man sich glatt auf den ersten Seiten fragen, ob man hier in einem Teenie-Roman gelandet ist. Siebzehnjährige hat Schwierigkeiten, soso, aha. Na, das wird bestimmt vergehen auf der Party, von der die Rede ist.

Nur nach und nach erfährt man, dass die Schwierigkeiten, in denen Katherine steckt, etwas härterer Tobak sind als der Durchschnitt: Ihre Schwester ist tot, liest man, ermordet, ihre Eltern verzweifelt, ihr Leben aus dem Gleichgewicht.

Beim Erzählen springt die Autorin zwischen den verschiedenen Abschnitten hin und her, fügt Puzzleteilchen zusammen aus der Jetzt-Zeit, der Alice-Zeit und der Katastrophen-Zeit. Quälend langsam nur erblüht eine Blume des Bösen, wenn man erfährt, was geschehen ist.

Die Oberflächlichkeit der ersten Kapitel, in denen Katherine vor der Welt ihre wunde Seele zu verstecken versucht, das Treiben der Jugendlichen, ihre Partys, der Alkohol, die Liebeleien – all das bietet einen faszinierenden Kontrast zu den gefährlichen Untiefen der jungen Mädchenfreundschaft und zu dem Dunkel, das in Katherine lauert und darauf wartet, zuzuschlagen, wenn sie glücklich zu sein versucht. Da man weiß, dass Katherine keine unbelastete Siebzehnjährige ist, passt sie nicht so recht in das Bild der Normalität, die um sie herum brodelt; der Eindruck des Mädchens vor diesem Hintergrund ist auf verstörende Weise schräg, ihre Anpassungsversuche herzzerreißend.

Fast schon wirkt es passend, dass auch Alice einen leichten seelischen Hau zu haben scheint, doch die unmerkliche Erleichterung darüber wandelt sich sehr schnell in etwas ganz anderes. Die verschiedenen Stufen der Entwicklung, die Katherine durchläuft, sind nachvollziehbar gestaltet; dass man um ihr Verhängnis weiß, macht eine ganz besondere Tragik aus.

_Fazit_

„Die Wahrheit über Alice“ ist extrem spannend geschrieben und geht an die Schmerzgrenzen, aber nicht, ohne immer irgendwo einen kleinen Hoffnungsschimmer aufzuzeigen.

Rebecca James hat eine belastete, unsichere und doch starke Protagonistin erschaffen und ein Geflecht aus einerseits eiskalten und andererseits wärmenden Fäden erschaffen, an denen das Mädchen sich entlang hangeln muss.

„Roman“, weiß der Umschlag. „Thriller“ trifft es besser. Wenn es den Leser erst einmal gepackt hat, legt er dieses Buch nicht mehr aus der Hand. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Originaltitel: The Thruth about Alice
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN-13: 9783805250030|
[Rowohlt Verlag / Wunderlich]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro_fl_verlagsseiten&sv[title]=wunderlich
[www.rebeccajamesbooks.com]http://www.rebeccajamesbooks.com

Galgut, Damon – In fremden Räumen

_Inhalt_

Damon reist, und zwar nicht wie jeder andere: Mal in den Urlaub, mal zu Freunden. Damon reist wie ein Getriebener, immer auf der Suche nach etwas, immer angespornt von einer bestimmten inneren Unruhe. Zuhause fühlt er sich nirgends, ein Haus hat er nicht, ein bestimmter Ort erfüllt ihn nicht mit Ruhe und Frieden.

Er hat Freunde in der ganzen Welt, wie es scheint, und nur wenig Berührungsängste: Besucht hier mal jemanden, trifft sich dort mit einem Bekannten, reist hier wiederum ein Stück mit einem Fremden. Aber enge Bindungen aufzubauen und zu erhalten, scheint ihm schwer zu fallen, und das Wissen darum macht ihm zu schaffen.

Damon ist in drei Geschichten jedes Mal ein Anderer: Er ist der Gefährte eines Grenzgängers, ein Mitreisender, ein Gefangener in einem sehr komplizierten Abhängigkeitsverhältnis, das von Anfang an von einem gewissen Fatalismus geprägt ist. Er ist der Liebende, der die bindende Macht der Anziehung und die trennende Kraft der Sprachbarrieren neu ausloten muss, für den Wunsch und Umsetzung zu zwei Lichtjahre voneinander entfernten Welten gehören. Und er ist der Beschützer, der guten Glaubens und blauäugig sich einer Freundin erbarmt, in deren Brust zwei Seelen streiten: Persönlichkeitsspaltung.

Immer ist die Ausgangssituation dieselbe: Es ist die Reise, das Fernsein vom Altbekannten, das es einfacher macht, sich auf Fremdes einzustellen, Unbekanntes als gegeben hinzunehmen. Damon, so in sich gekehrt und wenig glücklich er sein mag, ist auf gewisse Art und Weise völlig frei: Frei, sich auf Neues einzulassen, frei von Bindungen. Dass die andere Seite der Medaille Einsamkeit heißt, ist ihm schmerzlich bewusst, und es ist nicht zuletzt die Suche nach Nähe, die ihn immer wieder in die Ferne treibt.

_Kritik_

Damon Galgut ermöglicht in seinen drei Reisegeschichten jedes Mal einen faszinierend neuen Blick auf seinen namensgleichen Protagonisten: Da wir über diesen Damon wenig erfahren, wird er durch die Interaktion mit den anderen Personen jedes Mal in einem etwas anderen Blickwinkel dargestellt und erhält Facetten hinzu, die man früher nicht an ihm vermutet hätte.

Durch Galguts Kunstgriff, teilweise in der dritten und teilweise in der ersten Person zu berichten, wird eine ganz besondere Form von Nähe geschaffen, die wahrscheinlich durch einen ausschließlichen Ich-Erzähler nicht so gegeben gewesen wäre: Es scheint, als würde der Autor versuchen, objektiv und mit Blick von außen zu berichten, aber immer wieder daran scheitern, sobald eine Situation emotionaler wird, so dass er unwillkürlich in die Introspektion der ersten Person zurückfällt. Natürlich ist das beabsichtigt, aber es ist genial erdacht und toll umgesetzt: Die stille, zurückgenommene Erzählweise bekommt dadurch eine weitere, intensive Dimension hinzu.

Es ist fast schon absurd, wenn man im Nachhinein auf die beschriebenen Personen zurückblickt und feststellt, dass fast keine davon ein tatsächlicher Sympathieträger war. Es ist Galguts Blick auf die Menschen, auch auf sich selber, der Fehler und Unzulänglichkeiten aufnimmt, nicht zu Gunsten schönerer Punkte über sie hinwegsehen kann. All die dargestellten Menschen sind befangen in ihren Ansichten, Überzeugungen, Ängsten; selbst diejenigen, die dem Protagonisten ganz offensichtlich sympathisch sind, erreichen immer irgendeinen Punkt, an denen Kleinmut oder auch Fatalismus sie plötzlich innerlich hässlich macht. Und das ist wohl die traurigste Begründung für Einsamkeit, die man sich nur ausdenken kann.

_Fazit_

„In fremden Räumen“ ist kein rasantes Buch. Es sind drei sehr fein konstruierte Erzählungen, die aber alle eine gewisse Form von Wucht besitzen. Es überrascht kaum zu erfahren, dass der Autor selbst sehr viel auf Reisen ist: Er weiß genau, was ein fremdes Umfeld mit den Menschen anstellen kann, kennt die Grenzen des Möglichen und hat ganz offensichtlich ausgelotet, wie Nähe und Ferne in der Fremde und zwischen Fremden entstehen können.

Es handelt sich um melancholische Geschichten, sprachlich betörend und menschlich bedrückend. „In fremden Räumen“ ist schön, aber hoffnungsarm. Man muss wissen, ob man sich darauf einlassen möchte, wenngleich ich es jedem nur ans Herz legen kann, denn die Güte dieser Geschichten ist unbestritten.

|Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Originaltitel: In a Strange Room
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
ISBN-13: 9783442546756|
[www.randomhouse.de/manhattan]http://www.randomhouse.de/manhattan
[www.marabout.de/Galgut]http://www.marabout.de/Galgut

Chadwick, Charles – Brief an Sally

_Inhalt_

Naomi Marshall hat nur mehr wenig Zerstreuung: Meist sitzt sie am Fenster und blickt hinunter in den Garten. Das Gehen fällt ihr inzwischen sehr schwer, und ihre Familie lebt nicht mehr. Etwas Abwechselung erfährt sie, als die junge Sally in eine der anderen Wohnungen im Haus zieht, sich bei ihr vorstellt und immer mal wieder auf einen Tee hereinschaut. Sally ist fröhlich, unverfälscht, plaudert zutraulich von ihrer Familie, ihren Freunden, ihren Wünschen für die Zukunft. Naomi trägt wenig bei zu diesen Unterhaltungen; sie will das lebendige Geschöpfchen nicht langweilen. Sally hakt immer wieder nach, stellt Fragen, doch Naomi bleibt stumm.

Eines Tages ist Sally fort. Sie hinterlässt eine klaffende Lücke in Naomis Alltag, und im Dröhnen der Stille beginnt die alte Dame sich zu fragen, ob sie dem Mädchen nicht doch hätte erzählen sollen, was es so gern gewusst hätte – von Afrika damals. Das erscheint so lange her und doch manchmal so nah, und dann wieder fehlen ihr Details in der Erinnerung. Sie hat doch damals eine Art Tagebuch geführt, einen Bericht über die Zeit, wo ist er nur? Sie kann daraus jetzt einen Brief verfassen, einen Brief an Sally. Natürlich wird sie nicht alles hineinschreiben, das wird die junge Frau ja kaum interessieren. Aber sie muss ihr Gedächtnis auffrischen für diese Aufgabe.

In ihrem kleinen Wohnraum beginnt Naomi die Lektüre ihrer Erinnerungen und den Brief an Sally. Äußerlich sitzt sie, gebrechlich und einsam, in ihrer Londoner Wohnung, doch innerlich ist sie wieder in Afrika, führt anthropologische Studien durch, erfährt Freuden und Leiden. Sally soll erfahren, wie es war, als der Gatte für die Kolonialstation gearbeitet hat. Sally soll erfahren, was mit Leah geschehen ist, mit jener jungen Schwarzen, die so schrecklich zwischen allen Stühlen saß. Sally soll endlich ihre Antwort bekommen.

_Kritik_

Charles Chadwick lässt Naomi als Ich-Erzählerin auftreten; wir erfahren also von ihrer unschönen Situation aus erster Quelle. Aber Naomi jammert nicht, sie sagt lediglich, wie es ist. Im Laufe des Buches respektive des Briefes finden wir heraus, dass sie schon immer so war: Wenn sie sich auch oft nicht ganz wohl fühlt, sich fehl am Platz vorkommt oder unglücklich ist, klagt sie nicht. Die Dinge sind, wie sie sind. Selten, wenn sie etwas wirklich sehr wichtig findet und das Heft in die Hand nimmt, blüht sie auf, wird lebhaft und gewinnt quasi eine Dimension hinzu.

Chadwick berührt mit seiner Geschichte, ohne ein einziges Mal in Sentimentalität zu verfallen. Er hat mit Naomi eine unprätentiöse Heldin geschaffen, die dazu neigt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen und die dem Leser trotz ihrer zurückgenommenen Art sehr nahe kommt. Die lebensfrohe, mit kleinen Alltäglichkeiten beschäftigte und sehr junge Sally bildet zu den schwer wiegenden Gedanken der alten Dame einen reizenden Gegenpol.

„Brief an Sally“ ähnelt Chadwicks früheren Werken sehr durch den ruhigen Unterton und durch die Art, wie seine Figuren dazu neigen, Gegebenes auch als gegeben hinzunehmen. Sie sehen Glück im Kleinen, und wenn es auch dort nicht auffindbar ist, dann leben sie eben ohne. Diese ausgesprochen stoische Einstellung entbehrt nicht eines gewissen Fatalismus, wenn auch geprägt von vornehmer Zurückhaltung.

Chadwick hat einen ganz eigenen Stil, nicht zu schwierig, aber doch wunderschön, harmonisch in sich und ohne den kleinsten Ausfall. Er malt seine Bücher quasi auf die Seiten, kleine impressionistische Kunstwerke, eines wie das andere. Tiefe Lebensweisheit spricht aus den Zeilen, und ein klares Mittelmaß zwischen Optimismus und Pessimismus wird so genau eingehalten, dass es beinahe irritierend wirkt.

_Fazit_

Charles Chadwick ist ein weiser, belesener Mann. Als er im zarten Alter von 72 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte (|Ein unauffälliger Mann|), sprangen diese beiden Tatsachen sofort ins Auge. Mit |Eine zufällige Begegnung| untermauerte er den ersten Eindruck, den er hinterlassen hatte, und bestätigt ihn im vorliegenden Roman ein weiteres Mal.

Wir haben es hier mit einem Meister zu tun, der traumschöne Dinge mit der Sprache anstellen kann. Wer feine Zwischentöne, warme Klugheit und sachte dargebrachte Lebensweisheit zu schätzen weiß, sollte hier unbedingt zugreifen.

|Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Originaltitel: Letter to Sally
Aus dem Englischen von Klaus Berr
ISBN-13: 9783630873282|
[www.randomhouse.de/luchterhand ]http://www.randomhouse.de/luchterhand
[www.charleschadwick.net]http://www.charleschadwick.net

Schine, Cathleen – drei Frauen von Westport, Die

_Inhalt_

Joseph ist 78 Jahre alt, als er seiner drei Jahre jüngeren Frau Betty offenbart, dass er die Scheidung wünscht, und zwar wegen unüberbrückbarer Differenzen. Betty ist bass erstaunt, tief gekränkt und untröstlich. Natürlich gibt es unüberbrückbare Differenzen, aber die haben für Betty nichts mit Scheidung zu tun, sondern mit dem jahrzehntelangen Zusammenleben zweier unterschiedlicher Menschen.

Josephs Differenzen hören allerdings auf den Namen Felicity, und Felicity weiß genau, was sie will. Und da Joseph sehr verliebt ist, erfüllt er ihre Wünsche, was dazu führt, dass Betty ihre geliebte New Yorker Wohnung verlassen und in ein halbverfallenes Cottage in Westport ziehen muss. Ihre Töchter, Annie und Miranda, beide Frauen mittleren Alters, schließen sich ihr an. Miranda muss gerade zusehen, wie ihr Lebenswerk in sich zusammen stürzt, und Annie ist sowieso immer in Sorge: Um ihre beiden erwachsenen Söhne, um ihre Mutter, um ihre exaltierte Schwester. Ihre Söhne sind weit weg, doch zwei der Menschen, denen all ihr Denken gilt, wollen in dieses absurde Häuschen ziehen. Zwei der unpraktischsten Menschen, die je auf Gottes Erdboden gewandelt sind. Keine Frage, die kann man nicht allein lassen, denkt Annie und geht mit nach Westport.

Betty wandelt wie im Traum umher und spricht von Joseph wie von einem lieben Verstorbenen, Miranda unterlässt keine Anstrengungen, um ihr innerstes Selbst zu erforschen, und Annie versucht, das absurde Trio irgendwie über Wasser zu halten.

Die plötzliche Nähe zwischen den drei Frauen, die sich eigentlich sehr zugetan sind, sorgt für Zündstoff, es gibt Reibereien. Und doch, hier draußen am Wasser, ganz auf sich gestellt, nah am Abgrund und mit neuen Bekanntschaften, entdecken alle drei Frauen in sich noch gänzlich unbekannte Qualitäten. Es ist eine Art Neubeginn: Ein erzwungener zwar und ein teilweise stolpernder, aber doch einer, der die Möglichkeiten für eine ganz besondere Zukunft erschließt.

_Kritik_

Auf den ersten Seiten kann man noch ins Grübeln kommen, ob dieses Buch es tatsächlich schaffen wird, den Leser zu fesseln: Der Stil ist doch etwas schlicht. Doch was da in meist einfachen Worten gesagt wird, ist oft gleichzeitig von bitterer Wahrheit und sprühendem Witz. Und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man wohl nicht von kunstvoll konstruierten Sätzen aus den Schuhen gehauen wird, kann man das Hauptaugenmerk auf die Personen legen. Und die haben es verdient.

Betty als selbsternannte Witwe ist allein schon großes Kino. Es ist eine geradezu absurde Vorstellung, wie sie ohne jede Ahnung von geldlichen Dimensionen Dinge anschafft, die niemand braucht, und das halbverfallene Häuschen mit kostbaren Möbeln aus der schicken New Yorker Wohnung voll stellt. Annie als die Bodenständige bietet am wenigsten Überraschung, aber auch hier ist nicht ohne Witz und Ironie verzeichnet, wie sehr ein Leben aus der zweiten Reihe und dauernder Verzicht zu Gunsten anderer den Menschen prägen kann. Miranda schillert, polarisiert, ist anstrengend und liebenswert gleichermaßen. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie überzeichnet ist, doch wenn man genauer nachdenkt, dann kennt man doch selbst mindestens eine Miranda, und das ist gut so.

Ein grandioser Sidekick ist die Figur des Cousin Lou, dessen Cottage die drei Frauen bewohnen und dessen Lebensinhalt es ist, Menschen einzuladen: Wer seine Frau zu Anfang nicht ausstehen kann, bekommt doch auch gegen seinen Willen im Laufe des Buches Mitleid mit ihr. Joseph und Felicity erfüllen ihre jeweiligen Rollen klischeegerecht, sind aber ebenfalls liebevoll gezeichnet und mit feinen Details bedacht.

Wenn man anfänglich das Gefühl hat, dass die Geschichte sich irgendwann totlaufen wird, so nimmt sie doch gegen Ende des Buches noch einmal gehörig Fahrt auf und bietet die eine oder andere Überraschung, ehe das Ganze dann wieder mit Folgerichtigkeit abschließt. Der Roman bietet genregerecht Stellen zum Lachen und zum Weinen und vermischt sie mit einer gehörigen Portion Versöhnlichkeit.

_Fazit_

„Die drei Frauen von Westport“ ist in der Retrospektive tiefgründiger und vielschichtiger, als man erwartet hatte. Cathleen Schines großes Talent ist es, Charaktere zum Leben zu erwecken und sie glaubhaft untereinander agieren zu lassen. Die Lektüre hat Spaß gemacht und kann nur empfohlen werden. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Originaltitel: The Three Weissmanns of Westport
Aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt
ISBN-13: 9783442312412|
[www.randomhouse.de/goldmann ]http://www.randomhouse.de/goldmann
[www.cathleenschine.com]http://www.cathleenschine.com

Pauls, Alan – Geschichte der Tränen

_Inhalt_

Er ist ein seltsames Kind, im wahrsten Sinne des Wortes ganz Ohr. Er ist so sehr Ohr, dass alle ihm ihr Herz ausschütten, ihm, dem Knaben, der still da sitzt und mit seinen Autos spielt. Was findet da nicht alles den Weg an den Löckchen vorbei in den kleinen Kopf: Die Fantasien des patriarchalischen Großvaters, einfach alles hinzuwerfen. So ziemlich jeder Gedanke, der dem abtrünnigen Vater (er verließ die Mutter früh) jemals durch den Kopf ging. Die Hoffnungen, Ängste, Träume von Mutter, Großmutter, Hausmädchen. Von Zufallsbekanntschaften.

Der Junge liebt Superman, aber nicht, weil er alles kann, sondern weil er eben nicht alles kann: Er liebt Superman wegen des Kryptonits. Er empfindet Frieden, Glück, Tiefe nur im Schmerz, er IST quasi die Inkarnation der neuen Empfindsamkeit voller heißer Tränen für alles, und zwar so sehr, dass er sie bei anderen nicht dulden kann, so schal und verlogen fühlt sie sich dann an.

Es ist eine seltsame Welt, in der er im Argentinien der 70er Jahre heranwächst, eine Welt voller Soldaten: Soldaten wohnen um ihn herum in seiner Straße, der Ortega y Gasset (die wohl nicht umsonst so heißt), und gemahnen ihn in ihrer Uniformität an Außerirdische. Nichtsdestotrotz sind sie ein Stück Normalität, ebenso, wie es für den Heranwachsenden Normalität ist, linke Politliteratur zu lesen, sich in marxistische Wut hineinzusteigern. Als diese Welten sich allerdings verbinden, zuspitzen, ihre Kombination ein explosives Gemisch ergeben, was er erst versteht, als er im Fernsehen vom Putsch in Chile 1973 erfährt, während dem Präsident Salvador Allende das Leben verliert, muss er sich mit der Welt in seinem Kopf und mit seinem Blick auf das große Ganze neu arrangieren.

_Kritik_

Der Protagonist in Alan Pauls kurzem, wenn auch heftigem Buch ist jung, so jung, dass das Meiste, was geschieht, nicht ihm direkt geschieht, sondern ihm erzählt wird, gezeigt, nahegebracht. Die harten Geschehnisse der Gegenrevolution dringen wie durch Watte zu ihm durch, und gleich dem Kind mit dem Umhang und der absurden Brille auf dem Cover kämpft er vor allem mit Gedankengestalten. Als die Realität in sein Konstrukt einbricht, fehlen ihm zum ersten Mal die Tränen. Das ist absolut bitter, aber grandios verfasst.
Zwar ist diese – tja, sagen wir: Novelle – nur 142 Seiten lang, aber das heißt nicht, dass man sie nebenher weg liest wie nichts. Gegenteilig erfordern Pauls‘ Sätze, kantisch anmutend, wie sie sich über halbe Seiten erstrecken, höchste Konzentration.

Innenansicht, Gefühl, Gedanke, Assoziation umspannen winzige Teilchen harter Fakten, und man muss höllisch aufpassen, dass die einem nicht entgehen. Pauls hat sicher nicht von ungefähr einen kindlichen Protagonisten erschaffen, dem es schwerfällt, das Geschehen mit der Realität in seinem Kopf in Verbindung zu bringen; der nachdenkliche Junge mit dem Hang zu Tränen, ist das perfekte Medium, um Unsicherheit und Unverständnis zu transportieren über etwas, das den Verstand und das Empfinden von Richtig und Falsch übersteigt.

_Fazit_

Das ist gar nicht mal so einfach. Die „Geschichte der Tränen“ ist ganz sicher nicht etwas für jedermann. Es ist es treffendes, schmerzliches kleines Stück Literatur und Geschichte, allerdings ganz sicher nicht in der einfachsten Verpackung. Es möchte richtig behandelt und bedacht sein, und es liegt schwer im Magen.

Versucht es einfach. Geschichten über neue Empfindsamkeit in einer Militärdiktatur findet man schließlich nicht alle Tage. Und wenn es nicht klappt, dann dürfte tröstlich sein, dass die Erzählung nicht gerade leicht zugänglich ist.

Ich wage die Prognose, dass dieses Buch, hoch gelobt von verschiedensten Intellektuellen, an der breiten Masse mehr oder minder gänzlich vorbeigehen wird. Eigentlich schade, denn es beinhaltet Zunder.

|Gebundene Ausgabe: 142 Seiten
Originaltitel: Historia del llanto
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
ISBN-13: 9783608937107|
[www.klett-cotta.de]http://www.klett-cotta.de
[de.wikipedia.org/wiki/Alan__Pauls]http://de.wikipedia.org/wiki/Alan__Pauls

Jens Lossau – Nordseeblut

Inhalt

Albert Rothmann hat zwei Bücher geschrieben: Eines wurde von den Kritikern verrissen und verkaufte sich hervorragend, das andere wurde hochgelobt und lag wie Blei in den Regalen. Nun befindet der Autor sich in einer Schaffenskrise, und der lange, kalte, deprimierende Winter droht im Städtchen Norden, direkt am Meer. Eine solche Umgebung |kann| unter diesen Voraussetzungen eigentlich nur jeden fruchtbaren Gedanken absorbieren.

Albert beobachtet zufällig ein paar Halbwüchsige in ihrem Versteck und beschließt, sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben und dabei vielleicht neue Ideen zu sammeln. Aus den Tiefen seiner Erinnerung kramt er ein Ungeheuer hervor, Wengry, das er auf die Jungen hetzt.

Jens Lossau – Nordseeblut weiterlesen

Lupton, Rosamund – Liebste Tess

_Inhalt_

Beatrice beginnt einen Brief an ihre Schwester Tess, auf den sie nie eine Antwort erhalten wird, wie sie weiß: Tess ist tot. Selbstmord, sagen Polizei, Psychiater und selbst die Mutter. Schwachsinn, weiß Beatrice. Niemals – niemals! – hätte Tess sich das Leben genommen, dafür hat sie es zu sehr wertgeschätzt, selbst in dunklen Stunden.

Auf ihrer von allen Seiten behinderten Suche nach der Wahrheit beginnt Beatrice, sich zu verändern. Nichts ist mehr wichtig als herauszufinden, wer der Mörder der geliebten jüngeren Schwester ist. Bald steht Beatrice völlig allein da, allein mit sich, mit ihren Gedanken, mit ihrer Angst und mit dem Brief an Tess, in dem sie schildert, wie sie der Geschichte des angeblichen Selbstmordes auf den Grund zu gehen versuchte. Beatrice verletzt Regeln, überschreitet unsichtbare Grenzen, streift ihren eigenen schützenden Kokon ab, während ihrer immer rabiater werdenden Nachforschungen. Der Tod der Schwester erschafft einen völlig neuen Menschen, ermöglicht Beatrice einen Blick über den Tellerrand. Erstaunt stellt sie fest, wie mutig sie eigentlich ist.

Beatrice ist es schließlich egal, welche Brücken sie hinter sich verbrennt. Alle anderen müssen Unrecht haben, weil das Einzige, dessen sie sich noch sicher ist, das Bild der Verstorbenen ist, das sie im Herzen trägt. Später, wenn die Wahrheit ans Licht gekommen ist, kann man sich immer noch mit den Trümmern beschäftigen, die sie während der Suche hinterlassen hat. Was Beatrice nicht mit einrechnet, ist eine folgenschwere Tatsache: Wenn sie tatsächlich richtig liegt mit ihrer Vermutung, dann ist dort draußen jemand, der vor der Auslöschung eines Menschenlebens nicht zurückschreckt. Dieser Jemand kann es nicht gutheißen, wenn sich ein anderer so penetrant an seine Fersen heftet. Und wenn niemand ihre Vermutungen Ernst nimmt, dann kann auch niemand sie vor der Gefahr schützen, die von dem Unbekannten ausgeht …

_Kritik_

„Liebste Tess“ beginnt als spannender Krimi und sorgfältiges, liebevolles Psychogramm zweier unterschiedlicher Schwestern. Es fesselt direkt von Anfang an; die Protagonistinnen – denn durch die warmen Erinnerungen Beatrices sind es sind zwei, obwohl Tess bereits tot ist – stehen dem Leser direkt vor dem Auge, heben sich gegenseitig hervor durch ihre Unterschiedlichkeit. Naturgemäß sorgt die Form des Romans, der lange Brief, dafür, dass alles über Introspektion vermittelt wird. Diese Umsetzung ist schlichtweg genial gelungen, es ist großartig, den Prozess nachzuvollziehen, den Beatrice durchmacht: Von der emotional sorgfältig abgeschotteten Businessfrau, deren über Jahre hinweg unmerklich gewachsener Panzer durch den jähen Schmerz über den Verlust der Schwester Risse bekommt, die sich im Laufe der Zeit mit jedem Regelbruch, mit jeder Neuverortung alter klischeehafter Betrachtungen vertiefen, bis schließlich die äußere Hülle ganz wegbricht und ein neuer, verwundbarer Mensch da steht, bei dem man nicht weiß, ob er dem Wahnsinn anheim fällt oder sich in erneuerter Stärke streckt. Allein für diese Beschreibung würde ich der Autorin am liebsten tonnenweise Preise verleihen: Sie ist so unmittelbar, psychologisch glaubwürdig und lebensnah gelungen, dass das Lesergehirn nicht anders kann, als in Loblieder auszubrechen.

Aber das ist ja nur ein Teil des Romans; die Krimihandlung steht dem in Güte nichts nach. Der Fall ist so derartig verwickelt, dass man wirklich überhaupt keine Ahnung hat, worum es gehen könnte, und sich gemeinsam mit der Protagonistin in wilden Anschuldigungen gegen alles und jeden ergeht. Man kombiniere das Ganze mit einem traumschönen Stil voller unverbrauchter, aber eingängiger Bilder, die individuell wirken und die Persönlichkeiten der Helden nochmals unterstreichen, und mit einem Ende, das ein absoluter Knalleffekt ist, und hat einen der besten Erstlinge, die man sich nur wünschen kann.

_Fazit_

Es gibt wenig mehr zu sagen. „Liebste Tess“ ist ein Wahnsinnsroman, den nicht zu lesen einem Verlust gleichkäme. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 383 Seiten
Originaltitel: Sister
Aus dem Englischen von Barbara Christ
ISBN-13: 9783455402841|
[www.hoffmann-und-campe.de]http://www.hoffmann-und-campe.de
[www.rosamundlupton.com]http://www.rosamundlupton.com