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Joachim Körber (Hg.) – Das vierte Buch des Horrors

koerber buch des horrors 4 cover brcInhalt:

In zehn Erzählungen wird die Entwicklung der unheimlichen Literatur zwischen 1870 und 1900 nachgezeichnet:

– Vorwort, S. 7-10

– Gustav Adolfo Becquer: Das Teufelskreuz (La cruz del diablo, 1871), S. 11-34: Der böse Ritter rächt sich für seinen Tod und lässt sich als Gespenst auch mit Gottes Hilfe nur schwer unterwerfen.

– Villiers de l’Isle-Adam: Vera (Vera, 1874), S. 35-48: Die Trauer des Witwers ist so stark, dass er die verstorbene Gattin durch die Kraft der Einbildung scheinbar ins Leben zurückholt.

– Robert Louis Stevenson: Der Leichendieb (The Body Snatcher, 1884), S. 49-62: Der skrupellose Arzt entledigt sich scheinbar perfekt eines Erpressers, doch dieser rächt sich für sein grausige Ende.

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Ellery Queen – Willkommen, Mr. Fox

Queen Fuchs Cover Heyne 1990 klein
Das geschieht:

Davy Fox ist ein Kriegsheld, der in seinem Heimatstädtchen Wrightsville von den Bürgern, die ihn seit seiner Geburt kennen, von seiner Familie und von Gattin Linda ungeduldig bzw. sehnsüchtig erwartet wird. Hoch dekoriert aber tief bekümmert kehrt Davy zurück, denn was er auf den Schlachtfeldern des II. Weltkriegs erlebt hat, verstärkte noch sein Nervenleiden: Als Davy zehn Jahre alt war, musste er miterleben, wie die Polizei seinen Vater abführte. Bayard wurde beschuldigt, seine Gattin Jessica vergiftet zu haben. Obwohl er dies abstritt, sprachen die Beweise so eindeutig gegen ihn, dass Bayard 1933 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde.

Davy glaubt, des Vaters Mörder-Gen geerbt zu haben. Im Krieg hat er sich abreagiert, indem er die bösen Japse scharenweise niedermähte. Nun liegt er in jeder Nacht wach neben Linda im Bett und kämpft gegen den Impuls an, ihr den Hals zuzudrücken. Als er ihm unterliegt, kommt Linda nur knapp mit dem Leben davon. Sie hält zu Davy und glaubt nicht an einen Familienfluch. Stattdessen bittet sie einen alten Freund, den Mordfall Jessica Fox wieder aufzurollen: Ellery Queen, Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, soll Bayards Unschuld beweisen, um damit Davys Komplex ad absurdum zu führen.

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Lynch, Scott – Sturm über Roten Wassern (Gentleman Bastards 2)

Gentleman Bastards:

1 „Die Lügen des Locke Lamora“
2 „Sturm über roten Wassern“
3 „Die Republik der Diebe“ (August 2013)

Nach den Ereignissen des ersten Bandes sind Locke und Jean in Tal Verrar gelandet. Wie alle Städte verfügt auch diese über eine unermesslich reiche und dekadente Oberschicht, allerdings besteht sie hier aus Kaufleuten, nicht aus Adligen. Kein Grund für Locke, hier keinen großen Coup durchzuziehen. Bis er feststellen muss, dass die Soldmagier auf die Verstümmelung eines der ihren genauso rachsüchtig reagieren wie auf seinen Tod …

Bedingt durch den Ortswechsel sind natürlich außer Locke und Jean sämtliche Charaktere neu.

Requin ist Chef des Sündenturms, des exclusivsten Spielcasinos der Stadt, abgesehen davon verfügt er über Spitzel und Schlägerbanden überall in der Stadt. Obwohl er sich im Grunde nicht in Politik einmischt, ist es kein Geheimnis, dass er mit den Stadträten, den Priori, sympathisiert. Abgesehen davon ist er dafür bekannt, ein Liebhaber von Antiquitäten zu sein.

Stragos ist der Archont, der militärische Oberbefehlshaber von Tal Verrar, und der politische Rivale der Priori, ein ehrgeiziger, rücksichtsloser Mistkerl, der es für ein erstrebenswertes Ziel hält, selbst die Natur durch ausgeklügelte Maschinen der Kunsthandwerker aus Tal Verrar zu ersetzen.

Und dann wäre da noch Zamira Drakasha, die Kapitänin der |Giftorchidee|, intelligent, tough und eine hervorragende Anführerin. Sie hat bereits eine schmerzhafte Niederlage gegen Stragos‘ Marine einstecken müssen, und obwohl sie sich seither von Tal Verrar fernhält, heißt das nicht, dass sie es ihm nicht liebend gerne heimzahlen würde.

Die Charakterzeichnung war schon im ersten Band nicht allzu tiefschürfend, das hat sich hier nicht geändert. Die genannten Personen sind kaum detaillierter oder intensiver dargestellt als Nebenfiguren wie Caldris oder Selendrí. Trotzdem besitzt jede von ihnen genug eigenes Profil, um nicht zweidimensional zu wirken.

Auch die Entwicklung der Handlung entspricht dem Vorgänger. Scott Lynch läßt sich Zeit mit der Entwicklung seines Plots. Einhundertfünfzig Seiten vergehen, ehe der Leser überhaupt eine Ahnung davon entwickelt, was für einen Coup Locke und Jean geplant haben. Gerade als es interessant zu werden beginnt, und der Leser sich zurücklehnt, um genüsslich zuzusehen, wie die beiden ihren Plan immer weiter in die Tat umsetzen, kommt ihnen wieder die Politik dazwischen. Locke braucht all sein schauspielerisches Geschick und all seinen Einfallsreichtum, um zwischen seinen beiden Gegnern – dem geschäftlichen und dem politischen – so zu lavieren, dass er sich und Jean nicht den Hals bricht. Bei all dem ist er nicht mehr in der Lage, die Ereignisse noch in die Richtung zu lenken, die er gerne hätte.

Und so finden die beiden Gentleman-Gauner sich schließlich ganz gegen ihren Willen auf einem Schiff wieder, das Richtung Süden segelt, um dort eine Horde Piraten zum Krieg aufzustacheln. Natürlich kann ein solches Unternehmen unter dem Kommando zweier so ausgemachter Landratten nur schiefgehen!

Trotz des steigenden Drucks auf Locke und Jean verläuft die Geschichte erstaunlich spannungsarm. Da es die beiden ungefähr bei der Hälfte des Buches aufs Meer verschlägt, müssen erneut Charaktere eingeführt und eine neue Umgebung anschaulich gemacht werden. Abgesehen davon passiert auf einer Schiffsreise in der Regel ziemlich wenig. So bleiben der Sturm und das Entern eines kleinen Kauffahrers eher kurze Actionepisoden, Teil eines durchgehenden Spannungsbogens sind sie nicht.

Dennoch wird es nie langweilig. Ob der Autor nun ausführlich beschreibt, wie Locke und Jean zwei reiche Damen im Spielcasino ausnehmen, oder wie sich der Alltag auf einem Piratenschiff abspielt, die Darstellung wirkt stets lebendig und einfallsreich. Manche Szenen waren für den eigentlichen Verlauf der Handlung nicht wirklich relevant, so zum Beispiel die Durchfahrt durch die Salon-Passage, oder Drakashas Konfrontation mit Rance, sie verliehen der Geschichte jedoch Flair und Abwechslung.

Gegen Ende schließlich wird es dann doch spannend. Abgesehen von der Seeschlacht schlägt der Autor noch einige Haken, die für Überraschungen sorgen, ohne die Logik zu verbiegen, und wartet mit einem gemeinen kleinen Schlusstrick auf.

Mir hat der zweite Band genauso gut gefallen wie der erste. Scott Lynch hat ein Händchen für die richtige Mischung aus Gaunerei, Charme, Lügen, Intrigen, Action, Humor und Dramatik, wobei letztere dankenswerterweise jegliches Pathos vermissen lässt. Seine Protagonisten sind hervorragende Sympathieträger, der Plot hintersinnig und gut durchdacht, sein Setting ist stimmungsvoll und lebendig.

Da stört es mich nicht im geringsten, dass diesmal ein Faden der Handlung nicht abgeschlossen ist. Ich werde den nächsten Band sowieso auf jeden Fall lesen.

Scott Lynchs beruflichen Werdegang, bevor er seinen ersten Roman veröffentlichte, könnte man salopp mit über-Wasser-halten umschreiben, als Tellerwäscher, Kellner und dergleichen. Nachdem die ersten beiden Bände über Locke Lamora innerhalb relativ kurzer Zeit erschienen sind, hat der Dritte nun doch etwas länger gedauert. Grund dafür könnte das Prequel „Bastards and Knifes“ sein, das 2011 veröffentlicht wurde, bisher aber nur auf Englisch erhältlich ist. Die Fortsetzung „The Republic of Thieves“ erscheint nun voraussichtlich im März diesen Jahres, die Herausgabe der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Die Republik der Diebe“ ist für August geplant.

Taschenbuch: 944 Seiten
Originaltitel: Red Seas under Red Skies
Deutsch von Ingrid Herrmann-Nytko
ISBN-13: 978-3453531130

http://www.scottlynch.us/
http://www.lockelamora.co.uk/
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

David Goyer & Michael Cassutt – Himmelsschatten

Im August des Jahres 2019 kehren die USA in den Weltraum zurück: Was eigentlich als Mondfahrt geplant war, wird zum Planetenbruchstück „Keanu“ umgeleitet, das – von weit außerhalb des Sonnensystems kommend – diesem einen Besuch abstattet. Bevor „Keanu“ wieder den Weiten des Alls verschwindet, will man ihn erforschen. Die „Destiny 7“ wurde unter dem Kommando von Zack Stewart auch deshalb an den Start gebracht, um der ‚Konkurrenz‘ eins auszuwischen: Ein russisch-indisch-brasilianisches Konsortium hat das Raumschiff „Brahma“ in den Raum geschossen. Auf keinen Fall werden die USA Taj Radhakrishnan und seinen drei Kollegen das Feld allein überlassen!

Sowohl der „Destiny“ als auch der „Brahma“ gelingt die Landung auf dem 100 km durchmessenden Himmelskörper, der sich vor Ort als außerirdisches Raumschiff entpuppt. Die insgesamt sieben Raumfahrer schließen sich zwecks Untersuchung zusammen, während auf der Erde Hektik ausbricht: Für die USA gilt immer noch eine 1948 erlassene Militärdoktrin, nach der außerirdische Intelligenzen als potenzielle Feinde zu betrachten sind.

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Vinge, Joan D. – Schneekönigin, Die (Tiamat 1)

_Der |Tiamat|-Zyklus:_

_“Die Schneekönigin“ _(„The Snow Queen“, 1980, deutsch bei Heyne, 1983)
„Die Spur der Schneekönigin“ („World’s End“, 1984, deutsch bei Bastei-Lübbe, 1984)
„Die Sommerkönigin“ („The Summer Queen“ 1991, deutsch bei Heyne, 1991)
„Tangled Up in Blue“ (2000, ohne dt. Titel)

|Planetare Abenteuergeschichte à la Asimov|

Als auf Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. (Verlagsinfo)

Die Handlung ist quasi eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt. Dies ist der erste Band der Schneekönigin-Trilogie, und für dieses Buch erhielt die Autorin 1981 den HUGO-Award der amerikanischen Science-Fiction-Leser.

_Die Autorin_

Joan Carol Dennison Vinge (* 2. April 1948 in Baltimore, Maryland) ist eine US-amerikanische Science-Fiction-Autorin. Vinge studierte zunächst Kunst auf dem College, wechselte aber später ihr Hauptfach und erhielt 1971 ihren Bachelor in Anthropologie von der San Diego State University. In erster Ehe war sie von 1972 bis 1979 mit den Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet. 1980 ehelichte sie den Science-Fiction-Herausgeber James Frenkel, mit dem sie zwei Kinder hat.

Ihre erste Erzählung „Tin Soldier“ konnte sie 1974 in der Anthologiereihe Orbit 14 veröffentlichen. Weitere Geschichten folgten in verschiedenen Science-Fiction Magazinen wie „Analog“, „Asimov’s ScienceFiction“ und „Omni“ sowie diversen Anthologien.

1978 erhielt sie für ihre Erzählung „Eyes of Amber“ (deutsch: Bernsteinaugen) ihren ersten Hugo Award und 1981 für den Roman „The Snow Queen“ (deutsch: Die Schneekönigin) einen weiteren Hugo sowie den Locus Award. Ihr Roman „Psion“ (1982) wurde von der American Library Association als eines der besten Bücher des Jahres für junge Erwachsene bezeichnet. Sie wurde für weitere Preise nominiert, so unter anderem für den John W. Campbell Best New Writer Award. (Quelle: Wikipedia) Mit Romanfassungen von bekannten Filmen wie „Return of the Jedi“ oder „DUNE“ hat Vinge bestens verdient.

|Werke|

|Der Himmels-Chroniken-Zyklus:|
• „The Outcasts of Heaven’s Belt“. (1978 , deutsch: In den Trümmern des Himmelssystems. Moewig, 1981)
• Legacy. (1980, deutsch: Vermächtnis. Bastei-Lübbe, 1982)

|Der Cat-Zyklus|
• „Psion“. (1982, deutsch: Psion. Heyne, 1985)
• Catspaw. (1988, deutsch: Katzenpfote. Heyne, 1990)
• Dreamfall (1996)

_Handlung_

Als auf dem Planeten Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die herrschende Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod (ein walisischer Göttername, der „Silberrad“ bedeutet) denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten, der technisierten Hegemonie, geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. Das Klima wird tropisch, und eigentlich sollten die Süd-Staaten der Welt die Herrschaft übernehmen.

Arienrhod hat ihr Leben durch ein aus dem Blut der Meermädchen gewonnenes Elixier verlängert. Zudem hat sie Klone von sich selbst anfertigen lassen. Ihr Liebhaber Sparks ist ebenfalls einer davon. Sparks war aber zuvor mit Moon Dawntreader, einem weiteren Klon, verlobt. Moon, die eine wahrsagende Sibylle ist, begibt sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Verlobten.

In die vielen Abenteuer, die sie dabei erlebt, sind u.a. ein weiblicher Offizier der Hegemoniepolizei, der frühere Lover der Königin, Herne, ein sehr pflichtbewusster Polizeisergeant und ein Mann von einem anderen Planeten namens Ngenet verwickelt.

|SPOILER|

Mit dieser Truppe gelingt es Moon, die Intrigen der Schneekönigin zu vereiteln, das Massaker an den – wie sich herausstellt – intelligenten Meermädchen zu beenden, Arienrhod ihrem verdienten Ende zuzuführen und selbst Sommerkönigin zu werden. Sie ist die erste Sibylle, die erkannt hat, dass in ihrem Gehirn alle Daten der technischen Errungenschaften der Hegemonie gespeichert sind. Diesmal wird also der Abzug der Hegemonie nicht gleichbedeutend mit dem Entzug der technischen Gaben und dem Rückfall in die Primitivität eines Bauernstaates sein. Moons Gefährte auf dem Thron soll Sparks werden.

_Mein Eindruck_

Obwohl die angesichts einiger vorausgegangener Erzählungen Joan Vinges (sie war mit Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet) hochgespannten Erwartungen nicht voll erfüllt wurden – es gibt ein paar Durchhänger und die Originalität der Ideen (s. u.) lässt mitunter zu wünschen übrig – bleibt „Die Schneekönigin“ ein spannender und phantasievoller Abenteuerschmöker mit einigen intensiven gefühlsvollen Szenen.

Die Handlung ist gewissermaßen eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt, so dass deren Geliebte (im Märchen ist es Gerda) sie retten müssen. Ich dachte aber auch an die Eiskönigin in „Der König von Narnia“ (The Lion, the Witch, and the Wardrobe) von C.S. Lewis, die sich den jungen Edmund in ihr kühles Schloss holt. Daraufhin müssen seine drei Geschwister Peter, Suse und Lucy ihn retten kommen.

Die kosmische Konstellation des exzentrischen Tiamat-Sonnensystems, das 150 Jahre Winter beschert, gemahnt stark an Asimovs klassische Story „Einbruch der Nacht“, in der ein extrem langer Tag von mehreren tausend Jahren Dauer sein abruptes Ende findet – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Psyche der Bewohner dieser Planeten. Aber auch in der Helliconia-Trilogie wurden sehr lange Winter und Sommer erfolgreich zu einer dramatischen Handlung verarbeitet. Inzwischen wissen die Astronomen, dass exzentrische Planetenumlaufbahnen die Norm sind – und nahezu runde bzw. nur leicht elliptische Umlaufbahnen wie die in unserem Sonnensystem die krasse Ausnahme.

Vinge setzte diesen preisgekrönten Erfolgsroman mit „World’s End“ (Die Spur der Schneekönigin“, dt. bei Bastei-Lübbe) mit wenig Erfolg fort. Weit wichtiger ist der Abschluss des Zyklus mit der ebenfalls preisgekrönten Duologie „Die Sommerkönigin“ (1992), die seitenmäßig sehr umfangreich ist. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände 1993 in einer sehr schön aufgemachten Ausstattung veröffentlicht.

|Broschiert: 560 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Körber,
Mit Illustrationen von Ursula Olga Rinne
ISBN-13: 978-3453308800|
http://www.heyne.de

Deas, Stephen – goldene Feuer, Das (Drachenthron 3)

Der Drachenthron:

Band 1: „Der Adamantpalast“
Band 2: „Der König der Felsen“
Band 3: „Das goldene Feuer“
Band 4: „The Black Mausoleum“ (noch ohne dt. Titel)

Kithyr, der Blutmagier, hat den Adamantspeer des Sprechers gestohlen. Doch obwohl er nicht an die Mythen glaubt, die sich um dieses uralte Artefakt ranken, scheint der Speer tatsächlich mehr zu sein als nur eine Waffe …

Jehal, der nur zu bereit war, den Speer für sein Leben einzutauschen, muss derweil feststellen, dass Zafir nicht nur den Angriff bei Evenspire überlebt, sondern auch sofort zum Gegenschlag ausgeholt und Lystra samt ihrem Neugeborenen als Geiseln genommen hat.

Hyrkallan schäumt seit dem Untergang Evenspires vor Wut und würde am liebsten einen Krieg vom Zaun brechen. Solange er allerdings nicht mit Jaslyn verheiratet ist, hat er keinerlei Befehlsgewalt, und Jaslyn weigert sich, den Drachen zu verlassen, den sie für ihren wiedergeborenen Vidar hält …

Jeiros versucht derweil, den Zankhähnen klar zu machen, dass die Drachen eine weit größere Gefahr darstellen als politische Rivalen, weil die alchemistischen Tränke zur Neige gehen.

Schneeflocke wiederum hat beschlossen, dass sie Kemir für ihren weiteren Feldzug zur Befreiung der anderen Drachen nicht mehr braucht …

Der dritte Band des Drachenthron-Zyklus wartet mit Charakterentwicklungen der eher unerwarteten Art auf:

Kemir war als Söldner schon immer hart gesotten, und inzwischen wird ihm nicht einmal mehr schlecht, wenn Schneeflocke mit ihren Opfern spielt. Und doch hat der enge Kontakt mit der Gleichgültigkeit der Drachen gegenüber jedwedem menschlichen Leid Spuren hinterlassen. Kemir scheint der Gewalt müde.

Aber auch Schneeflocke hat sich offenbar durch den verstärkten Kontakt mit Artgenossen verändert. War sie im letzten Band noch bereit, sich auf Kemir einzulassen, scheint er ihr inzwischen nur noch lästig zu sein.

Am verblüffendsten jedoch war Jehals Entwicklung. Er scheint das Schicksal seines Onkels tatsächlich zu bedauern, noch erstaunlicher war sein versiegendes Interesse an allem, was mit Politik und Intrige zu tun hat. Sein plötzlich erwachtes Verantwortungsbewusstsein setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf.

Eine Enttäuschung war dagegen Jaslyn. Sie taucht lediglich in zwei oder drei Szenen auf, und ihr Drachenwahn hat sie so eindimensional werden lassen, dass sie kaum noch als Person zu bezeichnen ist.

Einerseits war das alles durchaus gut gemacht. Andererseits mangelt es dem Buch mehr denn je an einer Identifikationsfigur, denn Jaslyn taugt aufgrund ihrer Einschränkung bestenfalls noch als Spielstein. Außerdem ist der Handlung durch Jehals Entwicklung derjenige Charakter mit dem meisten Biß verloren gegangen. Bleiben Zafir, Kithyr und Schneeflocke. Und Vidar… obwohl dieser als eigenständiger Charakter bisher nicht allzu viel verspricht. Vorerst ist er – Schneeflockes Aussagen zum Trotz – einfach nur rachedurstig und mordlüstern, von den Überlegungen, der Intelligenz und Lernfähigkeit, die Schneeflocke an den Tag legt, war bei ihm in diesem Band nichts zu spüren. Ob sich das noch ändert, wird sich zeigen.

Tatsächlich ist die Person Kithyrs wohl die interessanteste von allen. Die Informationen, die der Leser gleich zu Beginn des Buches erhält, werfen eine Menge neuer Fragen auf. Und sie verschieben die Gewichtung hin zu den Taiykatei, die am Ende dieses ersten Bandes zum ersten Mal als eigenständige Personen auftauchen, und nicht nur als Bezeichnung für eine fremde Rasse. Ihre Motive, Ziele und Pläne bleiben allerdings noch immer unerwähnt. Der Leser weiß, dass sie unbedingt Drachen wollen, aber nicht wofür. Dasselbe gilt für den Adamantspeer.

Die Verlagerung dieses Artefaktes aus einem staubigen Keller hinein ins Geschehen verändert ebenfalls die Balance der Geschichte. Auf einmal wird die Vergangenheit des Kontinentes interessant, all die alten Geschichten, die von Königen, Alchemisten, Gardisten und Drachenreitern gleichermaßen für bloße Legenden gehalten werden. Und mit ihr die Magie. Die silbernen Männer, um die Schneeflocke bisher bewusst einen weiten Bogen gemacht hat, scheinen über Fähigkeiten zu verfügen, die sich von denen Kithyrs oder denen der Alchemisten grundlegend unterscheiden.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass die Demontage von Figuren wie Jehal, Jaslyn und Kemir den Weg freigemacht haben für eine Ausweitung des Ereignishorizonts. Das Geschehen des nächsten Bandes wird sich nicht mehr auf kleine Konkurrenzkämpfe zwischen rivalisierenden Königen um Macht und Reichtum beschränken, sondern ein zweites, ein fremdes Volk miteinbeziehen, das mit dem bisher beschriebenen lediglich durch die Existenz der Drachen verbunden zu sein scheint. Auf jeden Fall bietet sich hier eine Fülle von Möglichkeiten in jeglicher Hinsicht: Magie, historischer Hintergrund, Kultur.

Vielleicht wird es dann auch ein wenig spannender. Denn Spannung ist noch immer das eine Detail, das diesem Zyklus ein wenig fehlt. Daran haben weder die vielen Ärgernisse, mit denen Kemir sich herumschlagen muss, etwas geändert, noch das Duell zwischen Zefir und Lystra, nicht die große Schlacht zwischen zwei Dracheheeren und auch nicht der Kampf um den Adamantpalast. Nicht einmal das drohende Verhängnis, das der Leser dank Jeiros auf die Welt zukommen sieht, schafft das. dass es Stephen Deas gelungen ist, immer wieder für Überraschungen zu sorgen, dass die Entwicklung der Handlung nie wirklich vorhersehbar ist, reichte für Abwechslung, für Kurzweil, für wachgehaltenes Interesse. Aber nicht für feuchte Hände oder gar abgekaute Nägel.

Ich persönlich würde ich diesen Band nur knapp auf denselben Rang wie Band eins einstufen. Die Drachen haben sich in der Tat zu den mächtigsten und gefährlichsten Geschöpfen der Fantasy entwickelt, das Attribut geheimnisvoll trifft allerdings kaum noch zu. Bestenfalls könnte man sie noch als unberechenbar bezeichnen. Für mich haben sie damit jegliche Anziehungskraft verloren, was übrig bleibt, ist lediglich einer von mehreren Machtfaktoren. Die Charakterzeichnung ist von gleicher Qualität wie bisher, bietet aber noch immer keinen Sympathieträger. Dieses Manko stellt den Hauptspannungskiller dar, denn wenn einem die Leute, von denen man umgeben ist, bestenfalls gleichgültig sind, mit wem soll man dann mitfiebern?

Was das Buch trotz all dem lesenswert macht, ist die Entwicklung der Handlung. Stephen Deas sorgt geschickt dafür, dass immer, wenn das Potenzial eines Aspektes ausgeschöpft ist, ein anderer bereitsteht, um die Lücke zu füllen. Und der Ausblick auf den nächsten Band verspricht eine ganze Menge neues Potential, auch in Bezug auf die Figurenriege, die durch die Taiytakei zwangsläufig eine Erweiterung erfahren wird. Vielleicht findet sich unter den neuen Charakteren ja endlich auch jemand, der sympathisch genug ist, um den Leser auf seine Seite zu ziehen.

Stephen Deas ist Engländer und arbeitete nach einem abgeschlossenen Physikstudium in der Raumfahrttechnik, ehe er mit „Der Drachenthron“ seinen ersten Roman veröffentlichte. Seither ist er fleißig mit Schreiben beschäftigt. Der vierte Band des Zyklus erschien in England im August letzten Jahres unter dem Titel „The Black Mausoleum“. Außerdem ist der Zyklus Memory of Flames inzwischen bis Band vier gediehen, auf Deutsch bisher aber nicht erhältlich.

Taschenbuch 528 Seiten
Originaltitel „The Order of the Scales“
Deutsch von Beate Brammertz
ISBN-13: 978-3-453-52532-0

www.stephendeas.com
www.randomhouse.de/heyne

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Roger Zelazny – Corwin von Amber (Die Chroniken von Amber 1)

Die Chroniken von Amber:

Band 1: „Corwin von Amber“
Band 2: „Die Gewehre von Avalon“
Band 3: „Im Zeichen des Einhorns“
Band 4: „Die Hand Oberons“
Band 5: „Die Burgen des Chaos“

Spannender Startband einer legendären Fantasyreihe

Ein Mann erwacht ohne Erinnerung in einer Privatklinik auf dem Lande. Er merkt schnell, dass man ihn hier bloß ruhigstellen will und kämpft sich seinen Weg nach draußen. Einziger Anhaltspunkt: sein „Schwester“. Hat er eine? Doch sie ist der Schlüssel zu seiner wahren Existenz: Er ist Corwin, einer der neun Prinzen von Amber, der wahren Welt. Und er muss gegen die anderen acht Brüder und vier Schwestern antreten, will er den Thron von Amber erringen …

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Tom Clancy – Jagd auf Roter Oktober (Jack Ryan 4)

Seekriegsgarn mit großen Durchhänger

Der höchste Politoffizier der russischen Marine erfährt, dass »Roter Oktober«, das modernste russische Raketen-U-Boot, in den Westen überzuwechseln droht. Innerhalb kürzester Zeit machen sich 30 Kriegsschiffe und 58 Jagd-U-Boote an die Verfolgung. Es beginnt ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Großmächten. (Verlagsinfo)

Dies ist, nach „Die Stunde der Patrioten“, der zweite, noch rasantere Auftritt von CIA-Berater Jack Ryan.

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Craig Rice – Mord im Gerichtshof

rice-mord-im-gerichtshof-cover-1981-kleinIn einer abgelegenen Kleinstadt gerät ein Urlauber-Paar in einer Mordserie; während die örtliche Polizei gern auf die beiden Sündenböcke zurückgreifen würde, nimmt Privatdetektiv Malone auf solche Befindlichkeiten keine Rücksicht … – Band 5 der erfolgreichen Serie um John J. Malone ist unterhaltsam verworren und karikiert das US-Provinzleben im Stil der zeitgenössischen „Screwball“-Komödien: lesenswert.
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Gene Wolfe – Der fünfte Kopf des Zerberus

Unter Gestaltwandlern, Träumern und Klonen

Schauplatz ist ein fernes Sonnensystem, das aus zwei Planeten besteht, die von französischen Aussiedlern kolonisiert wurden. Die Franzosen rotteten die Aborigines auf Sainte Anne aus, die wahrscheinlich Gestaltwandler waren, und errichteten auf den zwei Welten unterschiedliche Herrschaftssysteme, die sich misstrauisch bis feindlich gegenüberstehen.

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Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1984

_Durchwachsene Auswahl klassischer SF-Erzählungen_

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. von Gene Wolfe.

_Die Erzählungen _

_1) Mark Twain: Aus der Londoner Times von 1904 (From the „London Times“ of 1904; 1898)_

Ein gewisser Mark Twain berichtet am 1. April (!) 1904 aus Chicago über das bemerkenswerte Schicksal des Hauptmanns John Clayton, das im Jahr 1898 seinen verhängnisvollen Beginn nahm. Ein Mann namens Schepanik hat das Telektroskop erfunden, mit dessen Hilfe über die Telefonleitung überallhin sehen, hören und sprechen kann. Er will es in zwei Jahren auf der Pariser Weltausstellung vorstellen. Clayton wettet dagegen, dass es jemals den Wert eines Kreuzers erreicht und verwickelt sich sogar in ein Handgemenge mit dem Erfinder.

Als Schepaniks Leiche am 29. Dezember 1901 im Keller Claytons gefunden, wird er des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Doch der Gouverneur hat seine Nichte mit Clayton verheiratet und ihm tut es um die Tochter leid. Also verschiebt er die Vollstreckung Jahr um Jahr, bis die Opposition 1904 so groß geworden ist, dass die Hinrichtung unumgänglich ist. Als Gnadenerweis erhält Clayton ein Exemplar des Telektroskops, das mittlerweile weltweite Verbreitung gefunden hat. Sein letzter Anblick ist tröstlich: Sonne in Peking.

In allerletzter Sekunde, bevor das Fallbrett am Galgen geöffnet wird, erspäht Mark Twain auf dem Telekstroskop den Erfinder desselbigen: Schepanik lebt! Doch wie sich herausstellt, ist damit Claytons Leben noch längst nicht gerettet …

|Mein Eindruck|

Mark Twain (1835-1910) war Journalist und Reiseschriftsteller. Mit seinem satirischen Reisebericht „The Innocents Abroad“ gelang ihm 1867 sein erster durchschlagender Erfolg. Er war der erste Schriftsteller überhaupt, der ein Manuskript – es war „Huckleberry Finn“ – auf einer Schreibmaschine tippte und ablieferte. Seine Investition in eine andere technische Innovation, eine Setzmaschine, kostete ihn jedoch einen Großteil seines Vermögens. Das hielt ihn nicht davon, sich für technische Innovationen zu begeistern.

Das Telektroskop erinnert mich stark an Skype: Videotelefonie über das Telefonnetz und Internet. Der Vorteil: augenblickliches Sehen, Hören und Sprechen über Tausende von Kilometern hinweg. Sein Unglauben fällt auf Cpt. Clayton zurück: Er sieht sich dem Todesurteil gegenüber. Ebenso bedeutet das Telektroskop seine Rettung – vorerst.

Drastisch macht der Autor deutlich, dass jede Innovation durch die Hand des Menschen zu seinem Vor- oder Nachteil gereichen kann. Satirisch bissig legt er Claytons Schicksal in die Hände der US-Justiz. Doch dort ist der reumütige einstige Technikfeind verloren. Auf die denkbar absurdeste Weise.

_2) Edgar Pangborn: Das Elfenei (Angel’s Egg, 1951)_

Der Farmer und pensionierte Biologielehrer David Bannerman findet unter seiner besten Legehenne Camilla ein seltsam bläuliches Ei, das so gar nicht nach Hühnerart gefärbt ist. Schon einen Tag später schlüpft daraus ein winziges Wesen, das David für einen Engel hält. Dieses Wesen kann tatsächlich Gefühle und Gedanken lesen – und senden. Mehr oder weniger unwillkürlich sorgt sich David um sein Wohlergehen und platziert es in seinem eigenen Wohnzimmer, in einer Kiste, in der es Camilla und ihr kleiner Schützling gemütlich haben – und sie vor Ratten und Wieseln sicher sind.

Bis der kleine Engel flügge ist – sie bekommt Membranen, die schneller flattern als die Flügel eines Kolibris -, transportiert David die Kleine auf seiner Hand. In seinem Tagebuch, das er zwischen dem 1. Juni und dem 29. Juli 1951 führt, hält er alles für seinen besten Freund, den Dorfarzt von Augusta, Maine, fest. Da nach Davids Tod Dr. Morse das Tagebuch der Staatspolizei und diese es dem FBI übergibt, weiß das Nationalarchiv der USA schließlich über die Herkunft der Engel Bescheid. Aber wie und wozu sind Davids Engel und ihre Geschwister überhaupt auf die Erde gekommen?

Die Welt der Engel ist 20 Lichtjahre entfernt und dort existieren Engel seit 50 Mio. Jahren. Sie sind intelligent, versteht sich, und leben mit anderen Spezies, denen sie zu Intelligenz verholfen haben, friedlich zusammen. David bekommt von seinem kleinen Engel – sie ist nur etwa 20 cm groß – Visionen von ihrer Heimatwelt vermittelt. Vor zwölf Mio. Jahren haben sich die Engel entschlossen, ihre Existenz der Güte zu verschreiben. Leichter gesagt als getan. Denn Intelligenz ohne Güte ist tödlich. Eine Evolution wurde in Gang gesetzt, die Raumfahrt begonnen und vor kurzem erste Expeditionen zu fremden Galaxien gestartet, um andere Spezies Intelligenz mit Güte zu vermitteln.

David sieht sich vor eine Wahl gestellt. Der 53-Jährige könnte durch die Kunst der Engel noch lange leben und von seiner Kriegsverletzung kuriert werden. Oder er könnte seine Erinnerungen den Engeln vermachen, damit diese die Menschheit besser verstehen lernen. Will er für sich weiterleben und mehr erleben oder riskiert er, dass der Atomkrieg ausbricht, weil er die Engel nicht früh genug unterstützt hat? David trifft die einzig richtige Wahl …

|Mein Eindruck|

In mehreren Begleitschreiben und Briefen erfahren wir, dass der FBI-Chef, dem dieses Tagebuch geliefert wurde, zum ersten Präsidenten der Weltföderation gewählt und ein Jahr später ermordet wurde. Er ist mittlerweile ein Märtyrer, seine Witwe vermachte Bannermans Tagebuch dem Nationalarchiv. Da es im Jahr 1951 keinerlei Weltregierung gab, ein Jahr später aber schon, dürfen wir folgern, dass der Autor in dieser einigenden Regierung die Rettung für den von Atombomben bedrohten Planeten sah – und zwar aufgrund des gütigen Einflusses der zwölf Engel, die auf der Erde gelandet waren (und von denen einer starb).

Es fällt nicht schwer, die zwölf Engel als zwölf Apostel anzusehen und ihre Botschaft der Güte als eine Art Evangelium. Doch der Autor bzw. Bannermann betrachtet Jesus kritisch, der einmal sagte: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Man kann also nicht einfach sagen, dass der Autor neutestamentarische Botschaften wiederkäut. Aber er macht es sich vielleicht ein wenig einfach, indem er nicht der Vernunft das Wort redet, sondern den gütigen Emotionen, also Verständnis, Nächstenliebe usw. Dass sich David Bannerman (heißt so nicht ein Sheriff bei Stephen King?) und der Weltpräsident opfern, weist darauf hin, dass es keinen Fortschritt ohne Beiträge und Opfer geben kann. Der eine Leser mag dies naiv finden, andere sind vielleicht gerührt.

_3) Arthur C. Clarke: Begegnung mit Medusa (A Meeting with Medusa, 1971, Nebula Award)_

Howard Falcon ist anno 2090 ein Luftschiffer, den es im Grand Canyon böse erwischt hat: Seine „Queen Elizabeth 4“ stürzte ab, weil das Riesenschiff zu träge auf die Befehle des Piloten reagierte. Nun, fünf Jahre später, bewirbt sich der runderneuerte Kyborg Howard Falcon bei der Raumerkundung. Deren Mitarbeiter Webster würde zwar nie wieder in einen Ballon mit Falcon steigen, andererseits hat die kybernetische Hälfte Falcons übermenschliche Fähigkeiten, die die Erfahrung des Menschen Falcon bestens ergänzen. Falcon darf die Atmosphäre des Jupiter erkunden.

Wenige Jahre später saust Falcon tatsächlich mit seiner „Kon-Tiki“ durch die äußersten Schichten der Lufthülle des Riesenplaneten, der locker elf Erden verschlucken könnte. Sobald er genügend abgebremst hat, damit sich sein Ballon öffnen kann, empfängt er rätselhafte Signale aus der Tiefe. Er dringt weiter vor und wird Zeuge eines Schauspiels: Eine der Medusen, die kilometergroß über der Tiefe schweben, wird von einem Schwarm Flügelrochen angegriffen. Doch sie wehrt sich auf ihre Weise. Und als sie ihn entdeckt, weiß er, dass er schleunigst abhauen sollte. Doch womit?

|Mein Eindruck|

Diese klassische Erkundungserzählung führt den naturwissenschaftlich gebildeten (also damals meist männlichen) Leser in die unerforschten Tiefen der Jupiter-Atmosphäre. Wie jeder Beobachter des Großen Roten Flecks weiß, geht es dort zuweilen sehr stürmisch zu. In den Fleck, einen großen Sturm, passen zwei Erden, entsprechend groß sind die entfesselten Kräfte.

Was nur der Radioastronom weiß, ist die Tatsache, dass Jupiter ein wahres Monster ist, was elektromagnetische Strahlen angeht. Sein Magnetfeld lässt das der Erde richtig mickrig aussehen. Wäre also Howard Falcon also wirklich aus Fleisch und Blut, würde er nicht eine Zehntelsekunde die Strahlen- und Magnetstürme überstehen, die in der Atmosphäre toben.

Neben den zahlreichen Wundern an diesem Ort, die v.a. den Hard Science Fans ansprechen dürften, kommt dem Leser zunehmend zu Bewusstsein, wie wenig menschlich sich der Pilot verhält. Der Epilog spricht diese Vermutung dann überdeutlich aus: Falcons Unterleib besteht aus einem Fahrgestell, sein Gehirn ist wahrscheinlich ebenfalls kybernetisch. (Asimov würde sagen „positronisch“.)

Aber genau darin liegt Falcons Vorteil: Denn je mehr die Menschheit ins All hinausdrängt, desto mehr ist sie auf Kyborgs angewiesen. Eines Tages werden solche Maschinen die Macht übernehmen. Der Tag mag fern sein, doch er ist sicher. Insofern spielt die Handlung auf mindestens zwei Ebenen. Doch wer sie verfolgt, sollte schon ziemlich fit in Physik und Astronomie sein. Die Übersetzung wirkt zumindest so, als wüsste der Übersetzer, wovon die Rede ist.

_4) Frank Herbert: Feuerpause (Ceasefire, 1958)_

In der Arktis verläuft die neue Front seit 1972. In einem einsamen Beobachtungsposten entdeckt Corporal Larry Hulser zwei merkwürdige Punkte auf seinem Schirm. Gleich darauf schlagen Gewehrkugeln in einen kaputten Panzer vor ihm ein. Da es sich kaum um Füchse oder Wölfe handeln dürfte, kommt er zu dem Schluss, dass es sich feindliche Soldaten handelt, die Lebens-Detektor-Schilde tragen wie die eigenen Truppen auch. Er macht Meldung. Granatwerfer feuern, der Feind wird vernichtet.

Da Hulser von Haus aus Chemiker ist, hat er zuvor einen Geistesblitz gehabt, wie man die L. D.-Schilde mit einem speziellen Projektor in die Luft jagen kann. Und nicht nur die, sondern auch jedwede auf Verbrennung und Redox-Reaktionen basierende Energiequelle wie etwa Sprengstoff, Benzin, sogar Streichhölzer. Es wäre das Ende des Krieges, denkt er.

Doch damit ist er auf dem Holzweg. Nachdem er sechs Monate und zahllose Verhandlungen später die Durchführbarkeit seiner Idee demonstriert hat, ist der Krieg tatsächlich zu Ende – aber nur in der bisherigen Form. Er wird mit Giftgas, Biowaffen, Lanzen und Speeren weitergeführt werden, versichert ihm General Savage. Schlag nach bei Machiavelli …

|Mein Eindruck|

Frank Herbert hat zahlreiche Erzählungen über den Krieg geschrieben, nicht zuletzt auch den gesamten DUNE-Zyklus. Hier entwirft er eine Möglichkeit, das Phänomen Krieg zu beenden. Der traurige Befund: Nur dessen Form wird sich ändern, nicht aber das Ding an sich.

Die Story legt eine deutliche Vertrautheit mit der militärischen Hierarchie an den Tag und dem damit einhergehenden Denken und Empfinden. Dem Kommiss stellt der Autor die Philosophen und Schriftsteller gegenüber, darunter einen ungenannten, den er zitiert. Muss Gewaltanwendung immer Teil der menschlichen Interaktion und Machtausübung sein? Das letzte Wort überlässt er aber pessimistischerweise Niccolo Machiavelli, der sich in diesen Fragen bestens auskannte.

_5) Karl Michael Armer: Die Eingeborenen des Betondschungels (1982)_

Neu-Perching (eine Variation für das Münchner Viertel Neu-Perlach) ist eine Betonburg, in der jedes Hochhaus rund 600 Wohneinheiten aufweist. Hier leben 60.000 unterprivilegierte Menschen. Hier lebt aber auch eine Bande von protofaschistischen Mitgliedern, die Neon Gang. Die Nummer, einfach nur „1“ genannt, liebt Gewalt. PlasticSpastic, genannt „PS“, ist ein psychopathischer Schlitzer.

„Godzilla“ schuftet tagsüber in der Plastikfabrik, bevor er abends mit der Gang Rabatz macht. Passanten aufmischen, einer Selbstmörderin zugucken, der 19-jährigen Proto-Prostituierten Caroline Müller nachspionieren – das alles macht irre Spaß und sorgt für Abwechslung. Mal sehen, wie sie reagiert, wenn sie ihren kleinen Hund killen, fragt sich „Siegfried“, und „Foxx“, die Nummer zwo, ist auch schon scharf auf das Ergebnis des Sozialexperiments.

Den Höhepunkt ihrer kollektiven Aktivitäten soll der Showdown mit der Gang der „Aliens“ bilden. Die hüllen sich in Schutzanzüge, die sie sogar vor der Außenluft schützen. Doch die finale Konfrontation will gut vorbereitet sein. 1 ist der Stratege, Siegfried der Dokumentarfilmer, Godzilla die Muskelkraft und PS die hinterhältige Klinge.

Nichts darf schiefgehen, wenn sie in der vierten Ebene der Tiefgarage von Neu-Perching auf die Aliens treffen. Denn es gibt eine Anfrage der Nationalethischen Partei Deutschlands (NEPD), dass die Neon Gang „in der Parteiorganisation eine wichtige Aufgabe übernimmt“ – als Schutzstaffel (SS) und Sturmabteilung (SA) …

|Mein Eindruck|

Es ist geradezu gruselig, wie genau der Autor schon 1982 die Phänomene beschrieben hat, die das Entstehen eines neuen faschistischen Staates beschreibt. Die NEPD ist ja nichts Weiteres als eine Neuauflage der NSDAP. Die Neon Gang, die ihre Schläger- und Killertruppe stellen wird, ist sowohl ein soziales als auch ein ästhetisches Phänomen, und mit beiden Aspekten kennt sich der Werbefachmann Armer aus. Die Szenen in den Discos „Stahlbad“ und „Schlachthof“ lehren den Leser das Gruseln: Gewalt und Militär sind angesagt.

Auf der gesellschaftlichen Seite liegen die Dinge nicht so einfach. Vielleicht aber doch: Die Beamtenschaft und die Superreichen haben sich ihre Pfründe gesichert und verschanzen sich nun in massiv geschützten Gemeinden und Vierteln. Sie berauben die Unterprivilegierten sämtlicher Rechte und Güter, eine Mittelschicht mit Bürgerrechten existiert nur noch auf dem Papier. Selbst leitende Angestellte sind nur Mitarbeiter im Hamsterrad der Akkordarbeit, es sei denn, sie kriechen den Besitzenden in den Hintern.

Wie schon im Entstehungszeitraum der NSDAP ab ca. 1919 bis 1932 sind es die Ausgeraubten, Entrechteten und Kleinbürger, die sich um eine neue Partei scharen, die verspricht, mit den starren Strukturen, die die Kleinen knechten, aufzuräumen. Dass dies eine kalkulierte Täuschung ist, darf natürlich keiner wissen. Aber die Neon Gang wird in ihrer neuen Funktion jeden (mund-)totmachen, der etwas anderes zu behaupten wagt.

Jedes Mitglied der Gang wird in seiner subjektiven Wahrnehmung dargestellt, das heißt, formal handelt es sich um Ich-Erzähler, deren Gedanken wir miterleben. Diese Darstellungsweise wertet nicht, sondern gibt nur wieder. Die Wertung ist uns überlassen. Das Erlebte wirkt umso gruseliger, je stärker das moralische Empfinden des Lesers ist. So wird aus der Erzählung unversehens ein Test des Lesers – ein Blick in den Spiegel.

_6) Ursula K. Le Guin: Das Tagebuch der Rose (The Diary of the Rose, Nebula Award, 1976)_

Dr. Rose Sobel ist medizinische Psychoskopin und hat die Aufgabe, das Bewusstsein von Patienten ihrer Vorgesetzten Dr. Nades zu untersuchen, d.h. sowohl die bewusste als auch die unbewusste Ebene. Die neuesten Patienten sind die depressive Bäckerin Ana Jest, 46, und der paranoide Ingenieur Flores Sorde, 36, ein angeblich psychopathischer Gewalttäter.

Ana Jest bietet keinerlei Überraschungen, was man von F. Sorde nicht behaupten kann. Nicht nur ist er ein überaus verständiger, friedlicher und intelligenter Mann, sondern bietet Dr. Sobel auch ein besonderes Erlebnis: Aus seinem Bewusstsein generiert er das perfekte Abbild einer großen roten Rose, wie sie Dr. Sobel noch nie gesehen hat. Was hat das zu bedeuten? Doch das weitere Vordringen verhindert Sordes deutliche Blockade: „ZUTRITT VERBOTEN!“

Sobel beschwert sich über dieses Ausgeschlossenwerden und Sorde muss ihr erklären, wovor er Angst hat: vor dem Eingesperrtsein, vor Gewalt, vor Unfreiheit und vor allem vor dem Vergessen, das die Elektroschocktherapie bringen wird. Sie dementiert, dass es eine solche ETC geben werde, doch er lächelt nur über ihre Naivität. Sie mag ja eine Diagnose stellen, aber die Entscheidung über die Behandlung treffen andere, so etwa Dr. Nades. Oder die TRTU, was wohl die Geheime Staatspolizei ist. Durch Einblicke in seine Kindheit erkennt sie, wonach er sich sehnt: nach einem Beschützer, der ihm alle Angst nimmt. Seine Idee von Demokratie demonstriert er mit dem letzten Satz von Beethovens Neunter Sinfonie: Brüderlichkeit, Freiheit usw. Au weia, denkt Rose, er ist also doch ein gefährlicher Liberaler.

Dennoch schafft sie es, ihn aus der Abteilung für Gewalttäter in die normale Station für Männer verlegen zu lassen. Dort lernt er Prof. Dr. Arca kennen, den Autor des Buches „Über die Idee der Freiheit im 20. Jahrhundert“, das Sorde gelesen hat. Das war, bevor es verboten und verbrannt wurde. Prof. Arca hat durch die Elektroschocktherapie sein Gedächtnis verloren. Sorde befürchtet stark, dass er genauso werden wird wie Arca. Rose ist verunsichert. Sie versteckt ihr Tagebuch. Denn dieses Tagebuch enthält auch ihre eigenen geheimen Gedanken und Gefühle, und wer weiß schon, was die TRTU davon hielte?

|Mein Eindruck|

Rose Sobel denkt, sie wäre eine unbeteiligte Beobachterin, wenn sie einem Menschen ins Bewusstsein blickt. Aber das ist, wie wir durch Heisenbergs Unschärferelation wissen, eine Selbsttäuschung. Der Beobachter beeinflusst das zu Beobachtende und umgekehrt. Ganz besonders bei Menschen. So kommt Rose nicht umhin, von Sorde beeinflusst zu werden, und sich verbotene Fragen zu stellen. Fragen, die auch die klugen Ratgeber, die ihre Chefin empfiehlt, nicht beantworten: Warum haben alle so viel Angst?

Dass etwas mit ihrer eigenen Welt nicht in Ordnung sein könnte, geht ihr nur allmählich auf. Dass die TRTU ihren Patienten vielleicht völlig grundlos wegen „Verdrossenheit“ eingewiesen hat und ihn schließlich fertigmachen will, entwickelt sich nur allmählich zur schrecklichen Gewissheit. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es keine unpolitische Psychiatrie mehr geben kann. Deshalb will sich Rose zur Kinderklinik versetzen lassen. Ob dort die Patienten weniger Angst haben werden?

Die Erzählung ist typisch für Le Guin: Sie zeigt die politische, ethische und zwischenmenschliche Verantwortung der Mitarbeiterin in der staatlichen Psychiatrie auf. Diese Verantwortung ist auf heutige Verhältnisse zu übertragen, falls es dazu kommt, dass in den USA ein Polizeistaat errichtet wird. Und wenn man den Patriot Act von 2001 mal genau durchliest, dann kann es sehr leicht dazu kommen. Ich liebe solche warnenden Geschichten. Sollen sie mich doch dafür einsperren und „therapieren“ …

_7) Jewgeni Jewtuschenko: Ardabiola (1981)_

Ein namenloses Mädchen in der Straßenbahn, irgendwo in einer russischen Stadt mit Kanälen. Sie spürt einen fremden Blick auf sich ruhen und schaut aus der gestopft vollen Tram hinaus. Hinter ihr fährt ein kahlköpfiger Mann in einem orangeroten Billigauto, bedrängt von einem ungeduldigen LKW. Sobald sie aussteigt, vergisst sie ihren Verlobten Mischa, den Olympioniken, und steigt in das orangefarbene Auto. Warum tut sie das bloß, fragt sie sich verwirrt.

Der Kahlköpfige sagt, er habe seit drei Tagen nicht mehr geschlafen, und dementsprechend sieht er auch aus. Sein Auto ist mit zahlreichen Pflanzen, drei Kisten getränken Wodka, Sekt und Mineralwasser) sowie drei frisch geschlachteten Ferkeln beladen. Sieht nach einem Festmahl aus, findet das Mädchen. Der glatzköpfige Sibirier bestätigt. Hat gerade sein Kandidaten-Diplom bestanden. Aber es gebe ein Problem: Ardabiola. Eine Kreuzung aus Insekt und Pflanze. Blödsinn, ein Irrer! Sie will sofort wieder aussteigen, doch er überredet sie, noch zu bleiben. Dann erzählt er ihr die Geschichte der Ardabiola-Pflanze.

Ihr pflanzlicher Ursprung ist die Fedjunnik-Pflanze, die in Sibirien, seiner Heimat, zur Aufmunterung bei Depression verwendet wird. Ihre insektoide Komponente ist die Tsetse-Fliege, die in Afrika die Malaria verbreitet(e). Er habe Ardabiola bereits seinem krebskranken Vater, der jahrzehntelang bei der Eisenbahn arbeitete, gegeben. Doch entgegen seiner eigenen Meinung ist Ardabjew keineswegs der „wichtigste Mensch auf der Welt“. Das Mädchen mit der Schirmmütze steigt am Hospital aus, ganz schwach auf den Beinen, und lässt sich behandeln. Der Arzt fragt Ardabjew, welcher Pferdedoktor bei ihr die Abtreibung vorgenommen habe.

In seiner Wohnung im achten Stock findet er ein Telegramm vor: „Vater gestorben. Beerdigung am Mittwoch. Mama.“ Ihm ist auf einmal gar nicht mehr nach Feiern seiner Vorgraduierung zum Doktor. Da kommt seine getrennt lebende Frau herein. Sie sagt, sie habe ihr gemeinsames Kind nur für ihn abgetrieben, damit er sein Diplom schaffe. Das tut ihm jetzt sehr leid. Er muss zu der Beerdigung fliegen. Auf dem Moskauer Flughafen Domodejowo drückt ihm ein Hauptmann seine zwei Kinder und deren Mutter in die Arme, auf diese Weise verschafft er ihm ein Flugticket.

Zu Hause in Chairjosowsk findet eine großartige Trauerfeier für den Verstorbenen statt, doch danach gibt es für Ardabjew eine böse Überraschung: Drei jugendliche Rowdies wollen seine Jeans haben, weil sie sie für markenjeans halten. Doch er wehrt sich und wird brutal zusammengeschlagen. Als er im Krankenhaus nach der Operation erwacht, kann er sich nicht mehr an Ardabiola erinnern. Doch ein Jahr später, er will gerade mit seiner Frau in den Urlaub am Schwarzen Meer aufbringen, bringt sich Ardabiola, seine „Tochter“, unübersehbar in Erinnerung: Sie steigt aus ihrem Blumentopf …

|Mein Eindruck|

Eine derartige Erzählung wird man in den USA und Westeuropa vergeblich suchen. Nein, da muss man schon in den sowjetisch beherrschten Ostblock fahren, ganz besonders aber nach Russland. Neben den beiden Brüdern Strugatzki (die zunächst bei Suhrkamp verlegt worden sind) gibt es dort einige bemerkenswerte Autoren, und Jewtuschenko ist nur einer davon. Jeschke hat viele davon den deutschen SF-Lesern nahezubringen versucht, leider nur mit mäßigem Erfolg. Inzwischen ist der SF-Markt wieder fest in angelsächsischer Hand.

Das eigentliche Thema von „Ardabiola“ ist nicht etwa das Mittel gegen den Krebs, das wirklich wirkt – und zwar auch bei Ardabjews Vater. Es ist vielmehr das Thema der Erinnerungsfähigkeit: Die Insektenpflanze speichert Erinnerungen der Menschen ihrer engsten Umgebung. Und welcher Mensch könnte enger zu ihr gehören als ihr „“Vater“ selbst? Als er ihre Blätter anfasst, erntet er Szenen aus der Zeit von vor einem Jahr.

Es ist, als hätte er sein Unterbewusstes ausgelagert und könnte es nun wieder abrufen. Wider Erwarten ist ihm dies gar nicht recht, denn er möchte keine Widerhaken und Stolpersteine aus der Vergangenheit auf seinem Weg zum Doktorhut. Aus Ardabjew, dem kreativen Denker, ist ein Ardabjew geworden, der im System funktionieren will. Genau dies lässt Ardabiola, die Verkörperung seiner verdrängten Vergangenheit, nicht zu.

Der Autor zeichnet Szenen, in denen Menschen einander gedenken und in Erinnerung behalten, dadurch wirken sie noch menschlicher. Nur derjenige ist ein Unmensch, der sich nicht mehr erinnern will, und er kann auch nicht richtig lieben, wie Ardabjews Frau feststellt, denn er wirkt auf seine Umgebung nur noch wie ein halber Mensch.

Durch diese Hinweise mahnt der Autor die Rückbesinnung auf Menschlichkeit an, ohne die es keine menschenwürdige Zukunft geben kann. In zahlreichen Verweisen auf Sänger, Dichter und Fotografen zeichnet er das Bild einer lebendigen Volkskultur. Der Fotograf fürchtet, er könne seine Bilder nie ausstellen. Warum hat er diese Angst, wenn nicht in einem System, das Erinnerungen unterdrückt? Als Ardabjew durch die Schläger selbst ein Opfer der Amnesie wird, bedauern wir ihn. So sieht der funktionierende Sowjetmensch also aus, lässt der Autor durchblicken: ein Vater, der seine Schöpfungen und seine Individualität verleugnet. Nur die Metapher des in Ardabiola verkörperten Gedächtnisses bewahrt ihn vor diesem Irrweg.

_8) Sydney J. Van Scyoc: Süßschwesterlein, Grünbrüderlein (Sweet sister, green brother; 1973)_

Die Welt Narr, auf der die Siedler eine Kolonie auf Probe gründen, weist ein Ökosystem auf, dessen lebensnotwendige Funktion sie leider zu spät erkennen. An allen Flüssen haben sich dichte Wälder aus riesigen Bäumen angesiedelt, die das Wasser schützen. Sie schützen es vor den ständig auftretenden, aber völlig regenlosen Gewittern, die mit ihren Blitzen das entzündliche Gewässer in Brand zu setzen drohen. Wasser, das brennt, wundert sich die Vorfrau Barrett. Das Wasser brennt, wenn die Bäume ihren Saft an das Wasser abgeben, bevor die Blitze sie in Brand setzen können. Nur so überleben sie. Ist das Gewitter vorüber, saugen sie das saftgetränkte Wasser wieder auf.

Aber es gibt noch ein weiteres Geheimnis dieser Symbiose von Fluss und Baum. Schon nach wenigen Tagen bezichtigt der junge Carlo Herreg die ebenso junge Vella Zinc zu „spinnen“. Unter den Bäumen sei es nicht geheuer. Doch Vorfrau Barrett hat Wichtigeres zu, als sich um Hirngespinste zu kümmern. Die Gewitter sind lebensgefährlich – und hinterlassen die neu angelegten Felder knochentrocken. Merkwürdig nur, dass das Wasser des Flusses kurz vor und drei Stunden einem Gewitter bitter und dunkel ist sowie stinkt.

Ein religiöser Orden von Mystikern hat sich den Siedlern angeschlossen, und Diallo versucht, das Geheimnis des Ökosystems zu ergründen. Kurz vor einem Gewitter legt er sich unter einen der riesigen Bäume, fesselt sich die Füße zusammen und klammert sich in die Rinde. Schon bald wird sein Bewusstsein von einer fremden Kraft beeinflusst … Er erkewnnt, um was es sich bei den Gewitters in Wahrheit handelt.

Schließlich begehen die Siedler einen verhängnisvollen Fehler: Sie schlagen dem Schutzwald eine unheilbare Wunde, indem sie drei Riesenbäume fällen, um schneller ans Wasser zu gelangen. Unversehens fällt das nächste Gewitter mit Blitzeinschlagen über die ungeschützte Stelle her. Die Folgen sind für den gesamten Fluss – und die nahe Siedlung – verheerend …

|Mein Eindruck|

Die poetisch schöne, aber dennoch sehr straff erzählte Geschichte der Besiedlung Narrs ist eine Parabel auf die Vertreibung der ersten menschen aus dem Garten Eden. Kurz gesagt: Sie sind einfach zu blöd, um das Ökosystem zu begreifen, in das sie eingreifen. Bis es dann für eine Rücknahme der Eingriffe zu spät ist und das Unheil seinen Lauf nimmt. Doch kaum ist die erste Siedlung untergegangen, ziehen die Überlebenden wieter zum nächsten Ort. Diesem wird es, trotz ein paar Änderungen in der Siedlungsmethode, wohl kaum besser ergehen.

Eine rechtzeitige Erkenntnis des telepathischen Ökosystems wäre durchaus möglich, wenn die Verantwortlichen nur auf das Mädchen Vella hören würden. Doch die Empathin macht Erfahrungen, die außerhalb des Bereichs der Rationalität liegen, so dass ihnen keine Bedeutung beigemessen wird. Die Hervorhebung der Einfühlsamkeit der Frau ist ein Phänomen des frühen Feminismus.

Der Feminismus geht hier eine Symbiose mit dem ökologischen Bewusstsein ein, das anno 1973 ebenfalls nur von einer Minderheit vertreten wurde. Die Story ist somit ihrer Zeit voraus, wirkt aber heute so, als würde Eulen nach Athen tragen: Frauenstärken und Ökologie sind heute tief in der westlichen Kultur verankert. Und das ist, wie ein Blick in islamische Länder zeigt, alles andere als selbstverständlich.

_9) Gene Wolfe: Der fünfte Kopf des Zerberus (The fifth head of Cerberus, 1972)_

Schauplatz ist ein fernes Sonnensystem, das aus zwei Planeten besteht, die von französischen Aussiedlern kolonisiert wurden. Die Franzosen rotteten die Aborigines auf Sainte Anne aus, die wahrscheinlich Gestaltwandler waren. David ist ein Junge auf dem Planeten Sainte Croix und ein Nachkomme in der fünften Generation von nicht näher beschriebenen Vorfahren (möglicherweise Aborigines), er ist aber auch ein Klon seines Vaters, eines Bordellbesitzers und Regierungsagenten.

Der namenlose Ich-Erzähler wird von seinem Vater Nummer Fünf genannt. Zusammen mit seinem Bruder David wird er von einer Menschmaschine namens Mr. Million unterrichtet, und sein Spezialgebiet ist die Biologie. Ab seinem siebenten Geburtstag bittet ihn sein Vater allnächtlich zu sich, damit er Reden halte und erzähle. Das stundenlange Erzählen raubt dem Jungen den Schlaf und führt zu immer stärker werdenden Aussetzern des Wachbewusstseins.

Als er in die Pubertät kommt, macht ihn sein Vater zu designierten Nachfolger und lässt ihn als Portier arbeiten. In dieser Funktion begrüßt er die Freier, die zu den Mädchen wollen. Eines Tages kommt ein Fremder von der Erde, der nach Madame Aubrey Veil fragt. Der Junge ist erst verdattert, denn er kennt diese Frau nicht in seinem Haus, doch John Marsch, so nennt sich der Fremde, bleibt dabei. Dunkel erinnert sich der Junge, mit seiner Tante Jeannine, der Dame des Hauses, über die Veil-Theorie gesprochen zu haben.

Dieser zufolge haben die Aborigines, lauter Gestaltwandler, die französischen Siedler gleich nach der Landung massakriert und ihre Gestalt angenommen. Den Unterschied würde man heute, 150 Jahre später, nicht mehr bemerken. Wie sich herausstellt, sind die Tante und Madame Aubrey Veil ein und dieselbe Person. Das haut ihn echt von den Socken. Welche Geheimnisse mag sein Haus noch bergen?

Er freundet sich mit dem Mädchen Phaedria an, das im gleichen Alter ist, und zusammen mit David gründen sie eine Theater AG. Schon nach der ersten Sommersaison stecken sie bis zum Hals in Schulden und suchen einen Ausweg. Sie hören von einem Spieleveranstalter am Fluss und brechen nachts bei ihm ein. Vorbei an Kampfhunden, – hähnen und -sklaven gelangen sie in ein größeres Gemach, in dem eine große Truhe steht. Bingo, der Reichtum ist zum Greifen nahe. Dumm nur, dass ein vierarmiger Zerberus die Truhe bewacht. Der Kampf mit diesem beinahe menschlichen Wesen kostet David um ein Haar das Leben. Unserem Chronisten kommt erst später – er hat eine ganze Jahreszeit vergessen – der Gedanke, dass der Wächter nur ein weiterer Klon seines Vaters ist. Wieviele mag es noch davon geben?

Gemeinsam beschließen er, David und Phaedria, dass der Herr des Hauses „Cave Canem“ sterben soll, damit sie endlich frei und reich sein können. Doch das ist nicht so einfach wie gedacht …

|Mein Eindruck|

Die Kultur, die Nummer Fünf auf Sainte Croix schildert, erinnert an eine Kombination aus dem Paris des Fin de siècle und aus der Antike, als Sklaven gehandelt wurden, als seien Menschen nur Tiere. Auch in Port Mimizon werden Frauen, deren Ehe gescheitert ist – etwa weil sie kein Kind bekamen – oder die keine Mitgift hatten, kurzerhand verkauft, wenn sie sich nicht gleich selbst prostituieren. Für all dies zeigt Nr. Fünf durchaus Verständnis, denn er kennt ja nichts anderes.

Das Kloning ist seinem Vater perfektioniert worden, denn die Einnahmen aus dem Bordellbetrieb steckt er in sein Labor und seine genetischen Experimente. Denn der Vater ist sehr unzufrieden damit, dass es mit der menschlichen Zivilisation auf Sainte Croix einfach nicht vorangeht. Reformen werden abgelehnt, und es herrscht eine milde Form der Militärdiktatur (mehr dazu in „V.R.T.“). Kurzum: Die Entwicklung der Gesellschaft stagniert. Schlimmer noch: Die Bevölkerungszahl nimmt stetig ab. Daher herrscht ein Bedarf für Klone und modifizierte Menschen wie etwa Prostituierte oder Kampfsklaven.

Es ist John Marsch, der auf das grundlegende Problem hinweist, das mit verbreitetem Kloning von Menschen einhergeht: Das Phänomen der „Relaxation“, das man aus der Physik kennt, erlaubt nur eine Annäherung an den angestrebten Wert, nicht aber sein Erreichen. Selbst wenn also Nr. 5 als Nachfolger seines Vaters Unmengen von Klonen herstellen würde, könnte er nie sein menschliches Ideal erreichen. Und wozu sollte er überhaupt Klone herstellen? Nerissa und Phaedria kommen ja ungebeten zu ihm, um mit ihm „Familie“ zu spielen.

Kloning wirft ein begleitendes Problem auf: Der geklonte Mensch verfügt über die biologische Identität seines Eltern, muss also danach streben, sich auf andere Weise zu individualisieren. Das gelingt Nr. 5 aber nicht, wenn ihn der Mech-Lehrer seines Vater unterrichtet und ihn sein Vater ständig abhört. Im Gegenteil: Selbst die Identität und das Bewusstsein, das er mit sieben Jahren erlangt hat, werden permanent erodiert, bis sein Zeitbewusstsein so durcheinander ist, dass er ganze Jahreszeiten „vergisst“. Schließlich glaubt er, sein Leben nur zu simulieren, so wie Mr. Million einen Menschen simuliert – oder ein Aborigene von Sainte Anne einen Siedler.

Die ganze Novelle liest sich spannend, anrührend und wunderlich bizarr, mit herrlich sinnlichen Einfällen, wie ich sie einem amerikanischen Autor niemals zugetraut hätte. Und wer die schwüle Atmosphäre des Pariser fin de siècle mag, der ist hier genau richtig.

_Unterm Strich_

Wie der Herausgeber Wolfgang Jeschke in seinem knappen Vorwort vermerkt, hat mit dieser Ausgabe die Konzeption des SF-Jahresbandes geändert. Die Form der preisgünstigen Jahresanthologie sei inzwischen bei der Leserschaft quer durch alle Leserschichten so beliebt geworden, dass der Band nicht mehr nur SF-Interessierte ansprechen könne. Vielmehr seien die ausgewählten Erzählungen so angelegt, dass sie allgemeinverständlich seien.

Das mag schon sein, aber weiß jeder Leser über Kloning oder die Atmosphäre des Jupiter Bescheid? Ich wage es zu bezweifeln. Schade ist außerdem, dass die schönen Illustrationen, die noch im Jahresband 1983 zu finden waren, jetzt fehlen. Sie waren wohl zu teuer.

Auffällig ist der hohe Anteil an problembezogenen Beiträgen: Urusla Le Guin befasst sich mit der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft in einer totalitären Gesellschaft, Frank Herbert mit dem Phänomen des Krieges und Karl Maria Armer mit dem Wiederaufstieg der Nazis. Sidney Van Scyoc prangert die Dummheit der Siedler an, die eine ökologische Katastrophe herbeiführen, und Gene Wolfe illustriert, wie sich eine geklonte Gesellschaft selbst in den Untergang führt. Auch Jewtuschenkos Kurzroman „Ardabiola“ stimmt nicht gerade fröhlich, wenn die Hauptfigur droht, zu einem angepassten Rädchen in der Gesellschaft zu werden.

So richtig schön, ohne versponnen oder verspielt zu sein, sind die Erzählungen von Edgar Pangborn („Das Elfenei“), Arthur C. Clarke, der den Jupiter erkundet, und Mark Twain, der Skype erfindet. Selbstredend sind alle Abenteuer in dramatische oder anrührende Handlungen eingebettet, so dass man sich über Unterhaltung nicht zu beschweren braucht.

Also, ich weiß nicht: Die Beiträge sind zwar alle erste Sahne, aber so richtig Spaß machen eigentlich nur drei oder vier davon. Am besten gefielen mir Mark Twains und Gene Wolfes Erzählungen. Eine verwandte Wolfe-Erzählung namens „V.R.T.“ findet man im SF-Jahresband 1983. Sie wird in meinem Bericht gewürdigt.

|Taschenbuch: 444 Seiten,
Aus dem Englischen und Russischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453310070|
http://www.heyne.de

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981

Abwechslungsreiche SF-Erzählungen: keine deutsche Beteiligung

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981 weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1983

Klassische SF-Erzählungen für Sammler und Interessierte

Der inzwischen verstorbene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1983 weiterlesen

Ludlum, Robert; Lustbader, Eric Van – Bourne-Befehl, Der

_Die |Bourne|-Serie:_

1) Die Bourne-Identität (The Bourne identity)
2) Das Bourne-Imperium (The Bourne Supremacy)
3) Das Bourne-Ultimatum (The Bourne Ultimatum)
4) [Das Bourne-Vermächtnis]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5355 (The Bourne Legacy; von Eric Lustbader)
5) [Der Bourne-Betrug]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5537 (The Bourne Betrayal; von Eric Lustbader)
6) The Bourne Sanction / [Das Bourne Attentat]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6125 (von Eric Lustbader, 2008)
7) The Bourne Deception / Die Bourne-Intrige (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2009)
8) The Bourne Objective / [Das Bourne-Duell]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7652 (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2010)
9) _Der Bourne-Befehl_ ([The Bourne Dominion]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8078 , von Eric Lustbader, 2011)
10) The Bourne Imperative (von Eric Lustbader, 2012)

_Jason Bourne vs. Severus Domna: Showdown in Damaskus_

Severus Domna, eine mächtige internationale Organisation, schickt sich an, der amerikanischen Wirtschaft einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Doch zuvor muss der Mann beseitigt werden, der ihr als Einziger gefährlich werden kann: Jason Bourne. Severus Domna ruft zum Mord an ihm auf. Ausgerechnet Bournes russischer Freund Boris Karpow wird auf den amerikanischen Topagenten angesetzt. Erst kürzlich zum Chef des russischen Nachrichtendienstes FSB-2 ernannt, verdankt Karpw seinen Aufstieg der Führungsspitze von Severus Domna. Kann Bourne seinem Freund noch trauen? Findet Karpow einen Weg aus der tödlichen Zwickmühle? Diesmal führen alle Wege nach Damaskus, wo sich aller Schicksal entscheidet …

_Die Autoren_

1) |Eric Van Lustbader|, geboren 1946, ist der Autor zahlreicher Fernost-Thriller und Fantasyromane. Er lebt auf Long Island bei New York City und ist mit der SF- und Fantasylektorin Victoria Schochet verheiratet. Sein erster Roman „Sunset Warrior“ (1977) lässt sich als Science-Fiction bezeichnen, doch gleich danach begann Lustbader, zur Fantasy umzuschwenken.

1980 begann Lustbader mit großem Erfolg seine Martial-Arts & Spionage-Thriller in Fernost anzusiedeln, zunächst mit Nicholas Linnear als Hauptfigur, später mit Detective Lieutenant Lew Croaker: The Ninja; The Miko; White Ninja; The Kaisho usw. Zur China-Maroc-Sequenz gehören: Jian; Shan; Black Heart; French Kiss; Angel Eyes und Black Blade. Manche dieser Geschichten umfassen auch das Auftreten von Zauberkraft, was ihnen einen angemessenen Schuss Mystik beimengt.

Zuletzt erschien bei uns die Kundala-Trilogie: „Der Ring der Drachen“, „Das Tor der Tränen“ und „Der dunkle Orden“. Da diese Fantasy ebenfalls in einem orientalisch anmutenden Fantasyreich angesiedelt ist, kehrt der Autor zu seinen Wurzeln zurück, allerdings viel weiser und trickreicher. Kürzlich hat er noch einmal eine Wendung vollziehen und schreibt nun die Thriller seines verstorbenen Kollegen Robert Ludlum fort, so etwa „Die Bourne-Verschwörung“. 2007 erschien der Mystery-Thriller „Testamentum“ in der Art von Dan Browns „The Da Vinci Code“. Danach veröffentlichte Lustbader Fortsetzungen von Robert Ludlums BOURNE-Serie.

2) |Robert Ludlum| wurde 1927 in New York City geboren. Nach dem II. Weltkrieg begann er eine Karriere als Schauspieler, die er verfolgte, bis er vierzig wurde, also bis 1967. Er studierte Kunstgeschichte und fing mit dem Schreiben an. 1971 schießt sein erster Thriller „Das Scarlatti-Erbe“, an dem er 18 Monate schrieb, an die Spitze der Bestsellerlisten. Als ähnlich erfolgreich erwiesen sich auch alle weiteren Romane, so etwa „Das Osterman-Wochenende“ (verfilmt), „Die Scorpio-Illusion“ oder „Der Ikarus-Plan“.

Seine Erfahrung als Schauspieler kam ihm zugute: „Man lernt, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums behält.“ Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von mehr als 280 Millionen Exemplaren (Verlagsangabe Heyne). Zuletzt wurden die drei legendären Bourne-Thriller mit Matt Damon höchst erfolgreich verfilmt. Ludlum lebte bis zu seinem Tod am 12. März 2001 mit seiner Frau Mary und seinen Kinder in Florida und Connecticut.

Mehrere Autoren schreiben an den Serien, die Ludlum schuf, weiter. Derzeit befinden sich die Verfilmungen zu „The Matarese Circle“/“Der Matarese-Bund“ (mit Denzel Washington) und „The Chancellor Manuscript“/“Das Kastler-Manuskript“ (mit Leonardo DiCaprio) in der Produktion. Außerdem gibt es seit 2008 das Videospiel „Robert Ludlum’s: Das Bourne-Komplott“ für PlayStation 3 und Xbox360.

_Handlung_

Die weltumspannende Geheimorganisation Severus Domna ist immer noch hinter Jason Bourne her. Denn er ist der Mann, der sie um einen sagenhaften Goldschatz betrogen hat, mit dem sie das westliche Währungssystem zerstören wollte. Nun wählt sich Benjamin el-Arian, der Leiter der Gruppe, ein neues Ziel aus: die strategischen US-Ressourcen an seltenen Erden, die in Kalifornien entdeckt wurden. Gelingt es ihm, die Vorräte in Indigo Ridge zu zerstören, könnten die Amerikaner keine Mobiltelefone, Tablet-PCs und Hightech-Waffen mehr bauen – sie müssten die Chinesen um diese Rohstoffe bitten, die bislang 97 Prozent der Vorräte kontrollieren und sie künstlich verknappen.

|Bourne|

Während Benjamin el-Arian eine weitere, gut getarnte Attentäterin auf den Weg schickt, begegnet Bourne im Camp eines kolumbianischen Drogenlords einem Mann, dem er Schlimmes angetan hat: Jalal Essai. Ihm gehörte der Laptop, der brisante Informationen über Severus Domna und deren Pläne enthielt und den er für Alex Cross, den Treadstone-Chef, stahl. Dabei verletzte Bourne ein muslimisches Gebot. Inzwischen aber hat sich Essai von Severus Domna losgesagt, weil diese ihm seine Tochter geraubt haben, und will sich widerwillig mit Bourne verbünden. Sein Ziel: Rache. Als erste Leistung verrät er Bourne, wen die Agenten el-Arians auf Bourne angesetzt haben: seinen guten Freund Boris Karpow.

|Karpow|

Erst kürzlich zum Chef des mächtigen russischen Sicherheitsdienstes FSB-2 ernannt, verdankt Boris Karpow seinen Aufstieg der Führungsspitze von Severus Domna. Doch er ist dafür einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, mit seinem Kollegen Cherkesow. Dieser verlangt im Gegenzug von Karpow das Unvorstellbare: Er soll seinen Freund Jason Bourne eliminieren. Karpow ist bestürzt und wendet sich an seinen ältesten Freund und Mitkämpfer. Iwan Wolkin rät ihm herauszufinden, was ein Test ist und was ein Opfer.

Die Wege von Bourne und Karpow kreuzen sich in der Altstadt der syrischen Hauptstadt Damaskus. Kann Bourne dem Russen, dem er einst das Leben rettete, noch trauen? Und findet Boris Karpow einen Weg, sich aus der tödlichen Zwickmühle zu befreien? Ihnen bleibt nicht viel Zeit, denn schon bald sehen sie sich mit ihren größten Widersachern konfrontiert.

|Unterdessen|

Christopher Hendricks ist der neue Verteidigungsminister der USA und hat klammheimlich das ehemalige CI-Programm „Treadstone“ reaktiviert. Die einzigen beiden Agenten, die ihm zur Verfügung stehen, sind allerdings bislang nur die beiden geschassten CI-Agenten Soraya Moore, Jason Bournes Busenfreundin, und Peter Marks, ein exzellenter Computerermittler.

Der US-Präsident betraut Hendricks damit, die Security für Indigo Ridge, die kalifornische Mine für Seltene Erden, aufzubauen und zu leiten. Was Hendricks verwundert, ist der Umstand, dass die Firma NeoDyme, die diese Mine vermarktet, an der Börse derartig viel Erfolg hat, obwohl man vom Vorleben ihres Direktors Roy FitzWilliam wenig weiß. Als er Peter Marks auf FitzWilliams ansetzt, wird Peter um ein Haar Opfer einer Autobombenexplosion, gleich darauf wird er entführt. Nur Jason Bournes Freunde Tyrone und Deron können ihn vor einem höchst unerfreulichen Ende bewahren.

Nichtsahnend freundet sich Christopher Hendricks unterdessen mit seiner neuen Gärtnerin an. Diese Maggie Penrod ist bezaubernd, und da er noch immer seiner verstorbenen Frau Amanda nachhängt, fühlt er sich auf einmal recht einsam. Kann Arbeit allein ein Leben ausfüllen, fragt er sich? Wohl kaum. Zum Verdruss seiner Leibwächter trifft er sich mit Maggie immer öfter. Und zudem setzt sie ihm einen Floh ins Ohr: Er solle die Security von Indigo Ridge doch dem neuen CI-Direktor Danziger überlassen, denn der werde sich damit schon bald bis auf die Knochen blamieren. Doch Hendricks ahnt nicht, dass Benjamin El-Arian „Maggie“ geschickt hat, um Hendricks erst bloßzustellen und dann zu eliminieren …

|Paris|

Soraya Moore lebt unterdessen auf Alarmstufe Rot: Einer ihrer Kontakte in Paris wurde ermordet. Um herauszufinden, wer dahinter steckt, arbeitet sie erst mit einem jüdischen Inspektor der französischen Polizei zusammen, dann, als die Spur in die arabische Welt weist, mit ihrem ehemaligen Geliebten Amun Chaltoum, dem Chef des ägyptischen Geheimdienstes. Sie hätte es besser wissen sollen, als einen Juden und einen Araber Seite an Seite zu engagieren. Sie gehen sich um ein Haar gegenseitig an die Gurgel.

Doch der Auftrag ist zu wichtig. Er führt direkt zur Tarnorganisation The Monition Club von Severus Domna, die von El-Arian geleitet wird. Monsieur Donatien Marchand scheint harmlos genug, doch als Amun eine Wanze in dessen Büro anbringt, belauschen sie, wie er einen Mord in Auftrag gibt – und das Ziel sollen sie und ihre beiden Kollegen sein. Als sie Marchand in einen völlig von Arabern bewohnten Vorort folgen, tappen sie direkt in eine tödliche Falle …

_Mein Eindruck_

Dieser Band von Bournes Abenteuern führt einige Fäden, die mit Severus Domna zu tun haben, zu ihrem Ende. Die uralte Geheimorganisation der Römer sollte ursprünglich Okzident (dafür steht „Severus“, nach Kaiser Septimus Severus) und Orient (dafür steht seine syrische Gemahlin Domna) zusammenführen. Doch unter dem Angriff einer russischen Untergrundorganisation namens Almaz entschloss sich ihr Leiter, Benjamin El-Arian, sich mit einem scheinbar gemäßigten Muslimführer namens Semid Al-Qahhar zusammenzutun. Das war ein schwerer Fehler, denn Semid ist in Wahrheit ein islamistischer Terrorist, der versucht, Severus Domna für seine Zwecke zu missbrauchen. Und diese Pläne sehen den Sturz des amerikanischen Imperiums vor. Daher sein geplanter Angriff auf Indigo Ridge.

Diese Mine für Seltene Erden, die für neuartige Waffensysteme strategische Bedeutung haben, muss um jeden Preis geschützt werden, geht es nach dem US-Präsidenten. Deshalb die dortige Zentrale von Chris Hendricks, dem Verteidigungsminister, und seiner neuen Geliebten Maggie Penrod alias Skara Noren. Wie schon so häufig in Lustbaders Romanen wird die Liebe selbst dem entschlossensten Krieger zum Verhängnis, wenn er in dieser Hinsicht einen wunden Punkt aufweist. Und Hendricks hängt immer noch der verblichenen Amanda nach – dies ist seine Achillesferse. Und Skara nutzt sie weidlich aus, indem sie ihn überredet, die Security für Indigo Ridge abzugeben.

|Alles hängt zusammen|

Jason Bourne hat Skaras Mutter ermordet. Es war ein Auftrag Treadstones und ein völlig sinnloser Racheakt Alex Conklins dafür, dass Cristien Noren, Skaras Vater, ihn töten wollte. Skara hat zwei Zwillingsschwestern. Mikaela wollte das Geheimnis um ihren verschwundenen Vater Cristien lüften und kam dabei um, doch Kaja hat überlebt, indem sie nach Kolumbien ging. Hier lebte sie fünf Jahre mit einem Mann der Severus Domna zusammen – bis er abtrünnig wurde. Jason Bourne rettet das Paar und bringt es zu Don Fernando Herrera ins spanische Cadiz. Nun erfährt er erstmals von dem, was seine Tat, an die er sich krampfhaft zu erinnern versucht, angerichtet hat. Doch weil Kaja nicht weiß, wo Skara ist, kann er Treadstone 2.0 nicht vor ihr warnen. Und so tappen Treadstones neuer Herr Chris Hendricks ebenso wie dessen Mitarbeiter Peter Marks und Soraya Marks in tödliche Fallen.

|Alle Wege führen nach Damaskus|

Durch Jalal Essai weiß Bourne, dass sein Freund Karpow von Severus Domna angestiftet worden ist, ihn zu töten. Alle Wege führen nun zum östlichen Hauptquartier dieser Organisation: Es liegt in der verwinkelten Altstadt von Damaskus. Mehrere Showdowns, einer gewalttätiger als der vorhergehende, reihen sich hier crescendoartig aneinander, bis eine gewaltige Explosion die syrische Hauptstadt erschüttert. (Ein Vorausverweis auf den aktuellen Bürgerkrieg?) Unterdessen geht auch in Paris die Ermittlung Soraya Moores auf die Zielgerade …

Wie man sieht, ist für jede Menge Spannung, Intrige, Romantik und verdammt viel Action gesorgt. Aus Sicht des amerikanischen Lesers ist der ungewöhnlichste Aspekt an den Bourne-Büchern, dass sie fast durchweg im Ausland spielen, den Leser also an die exotischsten Orte führen. Um dieses Szenario zu genießen, ist seitens des Lesers ein Bildungsniveau erforderlich, das weit über das der Oberschule hinausgeht. Auch der Einsatz von Hightech ist in den Bourne-Romanen extrem hoch, so dass auch hier die Kenntnisse auf hohem Niveau sein sollten. Andererseits weiß heute jeder „Digital Native“, was ein USB-Stick, eine DVD und eine Webcam ist.

|Cliffhanger|

Durch ständige Cliffhanger wird der Leser erfreulicherweise dazu angehalten, weiterzublättern, um herauszufinden, wie es mit dem jeweiligen Erzählstrang weitergeht. Es wechseln sich mindestens vier Stränge ab: Bourne, Soraya, Karpov und Hendricks, Hie und da gibt es noch eine Nebenfigur, an deren Gedanken, Meinungen und Vergangenheit wir teilhaben dürfen. Die bei Weitem interessanteste Nebenfigur ist Skara Noren. Sie hat nämlich laut ihrer Schwester Kaja nicht nur eine Persönlichkeit, sondern gleich sechs verschiedene. Deshalb eigne sie sich ja auch so gut als Agentin und Attentäterin.

|Multiple Persönlichkeiten|

Das dissoziative Persönlichkeits-Syndrom ist keine Erfindung von Romanautoren, sondern eine medizinisch anerkannte Tatsache. Sie wurde schon in den achtziger Jahren von Daniel Keyes in Romanen ausgeschlachtet, später dann von Jonathan Nasaw. Dann aber war die Idee ein wenig ausgelutscht. Wohl deshalb hält sich Lustbader in der Schilderung dieser Dissoziation sehr zurück.

Gut möglich, dass gekürzt wurde. So erfahren wir nie, wie die sechs Personas in Skaras Kopf heißen, worin sie sich unterscheiden, welche Vorteile ihr Einsatz bietet und welches Ende sie nehmen. Dies müssen wir erschließen. Und der Epilog gibt dazu die besten Anregungen. Skara war nämlich gar nicht Skara, und sie war auch nie Maggie Penrod …

|Action|

Ein Mann liest die Bourne-Bücher ja vor allem wegen der Actionszenen, nicht etwa wegen der vielfach verschlungenen Intrigen. Auch im Kino ist Bourne der Kämpfer par excellence, und Matt Damon machte in allen drei bisherigen Filmen einen fantastischen Job. Ich kann zwar nicht erkennen, welche Kampfsportarten er alle kombiniert, weil ich ein Laie bin, der nur Judo kann, aber im Buch geht es definitiv karatemäßig zur Sache.

Und zwar stets mit tödlichen Folgen. Da werden reihenweise Genicke gebrochen, Kehlköpfe zerschmettert und Nasen eingeschlagen. Auch Boris Karpov ist in dieser Hinsicht keine Zimperliese. Wenn es Bourne dann doch mal trifft, ist das meist nur eine Fleischwunde. Und Soraya Moore? Es ist ein Wunder, wie sie sich mit einer massiven Gehirnerschütterung auf den Beinen halten und den Feind in der Höhle des Löwen stellen kann. Peter Marks ergeht es keinen Deut besser. Doch er hat wenigstens einen Schutzengel.

_Die Übersetzung _

Mitllerweile schlampt der Autor nicht mehr so wie bei seinen ersten vier Bourne-Romanen. Zumindest in den Originalausgaben. Entsprechende Fehler habe ich in meinen Rezensionen moniert. Sie wurden zum Glück in den deutschen Ausgaben allesamt korrigiert. Die vermeintliche Lücke, die ich im Kapitel 14 des Originals entdeckt zu haben glaubte, existiert nicht. Das hat mir ein Blick auf S. 232 in der Übersetzung bestätigt.

Am Anfang von Kapitel 25 wird kurz auf ironische Weise der Bob-Dylan-Song „Like a rolling stone“ zitiert: „How does it feel – to be on your own, no direction home?“ In der Übersetzung wird diese Zeile, die zu den berühmtesten der Popkultur gehört, wortwörtlich übersetzt, so dass keinerlei Assoziation an Bob Dylan übrigbleibt: >>“Na, wie fühlt man sich so“, spöttelte Zatschek. „So ganz allein, so weit weg von daheim?“<<

In Kapitel 32 taucht erstmals die Waffenbezeichnung AK-74 auf. Zuerst dachte ich, es könnte sich um einen Zahlendreher handeln und es müsste eigentlich „AK-47“ heißen, das berühmte Maschinengewehr der sowjetischen Armee. Das trifft jedoch nicht zu. Schon ein kurzer Blick in den entsprechenden Artikel der Wikipedia belehrte mich eines Besseren: Das AK-74 gibt es schon seit den siebziger Jahren (http://de.wikipedia.org/wiki/AK-74). Es ist das Standardgewehr der russischen Armee.

Die deutsche Übersetzung dreht das Rad der Zeit zurück. Ab Seite 535 heißt es wieder „AK-47“. Kalaschnikow baute das Gewehr anno 1947. Mehr dazu unter dem Wikipedia-Artikel (http://de.wikipedia.org/wiki/AK-47). Was soll der Leser davon halten? Es ist kein Beinbruch, wenn da nun AK-47 steht, aber Experten könnten doch die Stirn runzeln, wenn sie wissen, dass diese Antiquität bereits 1974 durch das AK-74 abgelöst wurde.

_Unterm Strich_

Dies ist mittlerweile der neunte BOURNE-Roman, so dass man mit Fug und Recht von einer Serie sprechen kann. Der jüngste Roman „The Bourne Imperative“ erschien Sommer 2012 und kommt wohl erst in einem Jahr nach Deutschland. Da das Gesetz der Serie herrscht, sollte der Leser ein paar Dinge beachten. Er kann nicht einfach mit diesem Roman einsteigen, denn dann verstünde er nur Bahnhof. Es gibt weder ein Glossar, ein Personenverzeichnis, noch Fußnoten. Quer- und Zurückverweise sind die einzige Hilfe, die er bekommt.

|München-Bashing|

Zweitens erscheinen mehrere Schauplätze in regelmäßigen Abständen. Dazu gehören Washington, D. C., als Sitz von CI, Regierung und Treadstone. Aber auch München ist ständig vertreten: Es ist das Reich des Bösen. Ein Sündenpfuhl, in dem hirnlose Säufer Sauerkraut und Wurst mampfen. Sie werden von einer nahezu allgegenwärtigen Polizeitruppe beschützt, die unseren Helden, hier ist es Karpov, in Bedrängnis bringt – und stark an die Gestapo erinnert. Dabei sitzt der wahre Feind in der Münchner Moschee, von wo er ein Spinnennetz von hier ausgebildeten Terroristen dirigiert.

Nein, Bashing ist kein bayerischer Vorort von München, sondern die Spezialität des Autors. Sogar die Bank des Bösen heißt Nymphenburger Landesbank. Das München-Bashing ist absolut ernstzunehmen. Und wem dies nicht gefällt, sollte keinen BOURNE-Roman mehr von Lustbader mehr lesen.

|Zensiert?|

Trotz dieser Eigenheiten hat mich auch dieser BOURNE-Roman außerordentlich gut unterhalten. Die Action gibt es massenweise, die Romantik kommt ebenfalls nicht zu kurz. Und wenn inzwischen der Sex und so einiges hinsichtlich der Psychologie weggekürzt worden sind, so lag das sicher nicht an Lustbader, sondern am Verlag. So erging es ihm ja bei den deutschen, zensierten Ausgaben seiner Romane „Der Ninja“, „Die Miko“ und „Schwarzes Herz“ (siehe dazu meine Berichte).

Im Übrigen waren den (amerikanischen) Lesern die beiden ersten BOURNE-Romane von Lustbader zu lang, vor allem wegen der ausführlichen Psychologie- und Biografie-Passagen. Diese hat der Autor also gestrafft und führt sie nur noch skizzenhaft aus. So liest sich der Text nun sehr straff und flott. Man sieht also, dass auch Leser Zensur ausüben können. Über Twitter steht der Autor in ständigem Dialog mit seinem Lesepublikum.

|Die Serie|

Im Epilog kommt das Gesetz der Serie wieder zum Tragen. Auch Jason Bourne hat nicht alles herausbekommen, was Severus Domna, Almaz, Treadstone und die Russen angeht. Dafür haben zwei schlaue alte Herren gesorgt, die inzwischen ihre eigenen Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Der Kampf um Indigo Ridge, so scheint es, hat gerade erst begonnen.

|Die Übersetzung |

Bis auf zwei Eigenheiten, die ich oben erwähnt habe, finde ich die deutsche Übersetzung sehr gelungen. Auf den Stichproben, die ich gelesen habe, ist sie korrekt und flüssig zu lesen. Die Mehrschichtigkeit, das Markenzeichen von Lustbaders Erzählstil, ist durchaus wiederzuerkennen und dürfte auch dem deutschen Leser keine Schwierigkeiten bereiten. Schön wäre natürlich ein Personenverzeichnis gewesen, um es dem Einsteiger in die Serie einfacher zu machen, aber man kann nicht alles haben.

Das Titelbild entspricht genau dem der amerikanischen Vorlage. Im dynamischen und fotografischen Darstellungsstil reiht es sich in den Titelbildstil ein, der sich mittlerweile für die ganze Serie durchgesetzt hat. Wahrscheinlich hat sich dies der amerikanische Verlag auch vertraglich zusichern lassen.

|Hinweis|

Keines der oben erwähnten Bücher in der BOURNE-Reihe hat irgendetwas mit der Handlung des vierten Jason-Bourne-Films zu tun. Es ist also sinnlos, hier eine Buchvorlage zu suchen. Und der Leser findet in dem Film einen optischen Mehrwert, den er in den Büchern nicht bekommt.

|Gebunden: 560 Seiten
Originaltitel: The Bourne Dominion (2011 )
Aus dem US-Englischen übersetzt von Mag. Norbert Jakober
ISBN-13: 978-3453266940|
http://www.heyne.de

_Robert Ludlum bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Paris-Option“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1068
[„Die Ambler-Warnung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3493
[„Das Osterman-Wochenende“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6841

Stephen Deas – Der König der Felsen (Drachenthron 2)

Der Drachenthron:

Band 1:Der Adamantpalast“
Band 2: „Der König der Felsen“
Band 3: „Das goldene Feuer“ (Februar 2013)

Jehal scheint sein Etappenziel erreicht zu haben: seine Geliebte Zafir ist zur neuen Sprecherin ernannt worden. Und doch entwickelt sich sein Plan nicht wie vorgesehen! Zafir ist entschlossen, Shezira hinrichten zu lassen, was einen Krieg zur Folge hätte, den Jehal unbedingt vermeiden will. Außerdem scheint er zu seiner eigenen Überraschung allmählich Gefühle für seine junge Frau zu entwickeln …

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Frederik Pohl & Cyril M. Kornbluth – Eine Handvoll Venus

Das Narrenschiff Erde

In einer übervölkerten Welt soll ein Raumschiff Kolonisten zur Venus bringen. Die Fowler Schocken Werbeagentur hat dafür die Exklusivrechte und will das Unternehmen möglich profitabel einfädeln. Mitch Courtenay wird Leiter des Programms. Doch gemäß der Devise „Geschäft ist Krieg“ sieht er sich im Handumdrehen als Zielscheibe für mehrere Anschläge, denen er glücklich entgeht. Erst in der Antarktis erwischt ihn der Gegner – er landet ganz unten: unter den verachteten Konsumenten. Doch wer ist sein ominöser Gegner?

Die Autoren

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John Brunner – Reisender in Schwarz

Philosophische Fantasy mit kritischem Ansatz

In der Vergangenheit herrschte das Chaos, es gab keine Naturgesetze, und Magie machte es möglich, die Dimensionen von Zeit und Raum zu wechseln. Vernunft versuchte das Chaos zu bändigen, doch es gibt immer wieder Rückschläge durch Katastrophen und Irrationalität. Überall wo dies geschieht, taucht ein Mann in Schwarz auf, ein unscheinbarer Reisender, der einen Stab aus Licht bei sich trägt.

Er hat die Macht, Wünsche zu erfüllen. Waren es die Richtigen, besserte sich die Lage der Menschen, waren es die falschen, fanden die Frevler bald ihren gerechten Lohn. Aber der Reisende entstammt einer noch älteren Welt, einer Welt der Wunder der dunklen Naturkräfte. Als er das Chaos zurückgedrängt hat, ist er am Ende seiner Reise angelangt … (Verlagsinfo)

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John Wyndham – Die Triffids

Der aktuelle Band der Heyne-Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ verlegt den 1951 in England erschienen Roman „The Day of the Triffids“ in schöner Aufmachung und bestätigt damit seinen Status als ein Meilenstein des Genres. Vor dem Hintergrund des Zeitalters und der apokalyptischen Drohung des Atomkrieges traf Wyndham genau den Nerv der Zeit. Dazu kommt eine Prise unkontrolliertes biologisches Experiment und daraus eine zweite Bedrohung für die Reste der Menschheit, auch wenn zu jener Zeit sicherlich die einfachen postapokalyptischen Szenarien noch nicht ausgelutscht waren. Romane wie „Luzifers Hammer“ erschienen erst in den Siebzigern und feilten detailliert an einer barbarischen Welt am Rande des Abgrunds. Wyndham umschiffte diese Klippen durch die Erschaffung der Triffids und hielt sich nur in kurzen beiläufigen Passagen mit ihrer Problematik auf. Die Triffids sind der Garant dafür, dass es wenig zu marodierenden, jegliche Menschenrechte verachtenden oder gar kannibalistischen Gruppierungen kommt, sondern das Hauptaugenmerk auf die sozialen Strukturen gelenkt wird.

Für die Menschen dieser Zeit hatte es jüngst gravierende Entwicklungen gegeben und die Balance der Atommächte war nicht kontrollierbar. England sah sich in eine ungewöhnlich passive Rolle gedrängt, die Sicherheit, die seine Bürger aufgebaut und in den Nachkriegsjahren erhofft hatten, schwand und machte der allgegenwärtigen Furcht Platz. In diese Situation platzte Wyndham mit seiner Dystopie einer weltumfassenden Katastrophe, die anfangs als Naturgewalt geschildert wird, bevor ihr später genau die Befürchtungen der Menschen jener Zeit als Urheber anvermutet werden, nämlich geheime, außer Kontrolle geratene Spezialwaffen.

Außerdem schafft es Wyndham, das unsterbliche London in wenigen postapokalyptischen Jahren und doch absolut glaubhaft zerbröckeln zu lassen und es, entgegen der Lebensart dieser Zivilisation, seines Status als Bollwerk ebenjener Zivilisation zu berauben, ja vielmehr, unnachgiebig seine Schwächen und seine Hilflosigkeit klar auf den Punkt zu bringen – sicherlich ein Vorgehen, das den stolzen Engländern Atemlosigkeit und Grauen bescherte.

Aus heutiger Sicht und unabhängig der damaligen Zustände liest sich der Roman wie ein flottes Stück dystopischer Unterhaltung, das man schwer in unsere Zeit verankern kann aufgrund seines geringen Umfangs, der daraus resultierenden kurzen Anrisse einiger Problematiken, die sich unter den Einflüssen heutiger Ziegelsteinliteratur weniger ausgefeilt geben, als man es gewohnt ist. Auch nicht mehr häufig anzutreffen sind die trotz der geringen Dicke aufgezeigten philosophischen Tendenzen, die Wyndham seinem Werk zugrunde legt und gerade seinen Ich-Erzähler in verschiedenen Gedankengängen oder Dialogen darbieten lässt. Hierin offenbart sich, dass diese Geschichte nur als Auslöser und Transporter für die Zukunftsvision – unter den unbeschreiblichen Zuständen jener Zeit entstanden und extrapoliert – dient und es hier weniger als heute üblich um die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten und ihr Innenleben geht.

Wyndham vermutet eine unkontrollierte, als Satellit platzierte Waffe als Auslöser einer weltumspannenden Blindheit – nur die wenigen Menschen, die zum Zeitpunkt des Geschehens nicht die vermeintlichen Kometen beobachteten, blieben verschont und finden sich in einer zusammengebrochenen Welt ohne jegliche Infrastruktur wieder, in der es zu überleben, sich zu organisieren und menschlich zu bleiben gilt. Als zusätzlichen Faktor gerät ein biologisches Experiment außer Kontrolle, und die bewegungsfähigen, mit Giftgeißeln ausgestatteten Pflanzen, die Triffids, sorgen für einen ständig zu führenden Abwehrkampf der letzten Sehenden – die Blinden sind weitgehend schutzlos den lauernden Aggressoren ausgeliefert.

Gleich zu Beginn entsteht eine grandiose Situation, während der der Protagonist Bill Masen, von einer Triffid vergiftet, um sein Augenlicht fürchtet, da er eine entsprechende Behandlung über sich ergehen lassen musste und nun niemand erscheint, um ihm den Augenverband abzunehmen. Als er es schließlich selbst wagt, muss er erkennen, dass er einer der wenigen Londoner ist, die nicht erblindet sind! Großartige Parabel, eigentlich der Höhepunkt der Geschichte.

Insgesamt liest sich der Roman heute sehr flott und unterhaltsam, das verstörende Bild entfaltet sich erst im Kontext mit der Entstehungszeit. Die zügige, auf den Punkt steuernde Schreibweise hebt ihn gegen heutige Weitschweifigkeit angenehm ab, und die philosophische Betrachtung einer möglichen Gesellschaftsumordnung unter katastrophalen Bedingungen ist glaubhaft, wenn auch befremdlich in ihrer Ausrichtung. Aber wie einer der Protagonisten es ausdrückt, sind ethische und moralische Vorstellungen abhängig von den Umweltbedingungen, die das Überleben der Spezies bestimmen.

Broschiert, 300 Seiten
ISBN 13: 978-3-453-52875-8
Originaltitel: The day of the Triffid

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


 

Loren D. Estleman – Blutiger Herbst

1881 brechen die Brüder Earp und Doc Holliday in Tombstone eine Schießerei vom Zaun, die drei Opfer fordert. Estleman offenbart hässliche Wahrheiten hinter der Legende und schildert die gar nicht ‚heldenhaften‘ Sieger vom OK-Corral als frühe Vertreter des organisierten US-Verbrechens: kein „Western“, sondern ein spannender Historien-Krimi aus einem zwar wilden aber niemals nostalgisch verklärten Westen. Loren D. Estleman – Blutiger Herbst weiterlesen

Clay & Susan Griffith – Schattenprinz (Vampire Empire 1)

Vampire Empire:

Band 1: „Schattenprinz
Band 2: „Nachtzauber“ (13.08.2012)
Band 3: „The Kingmakers“ (angekündigt, noch ohne dt. Titel)

„Vampire Empire“ – ein Vampirroman mit Schlagreim im Titel; das entbehrt nicht einer gewissen (vermutlich unfreiwilligen) Komik und man fragt sich zwangsläufig, ob mit dem Roman des Autorenduos Susan und Clay Griffith ein neuer Tiefpunkt des Genres erreicht ist.

Clay & Susan Griffith – Schattenprinz (Vampire Empire 1) weiterlesen