Alle Beiträge von Michael Drewniok

Paul Sussman – Der Fluch der Isis

Sussman Fluch der Isis Cover 2006 kleinVor zweieinhalb Jahrtausenden endete ein mit Schätzen beladenes Perserheer in der ägyptischen Wüste. Jetzt wollen fundamentalistische Terroristen die Kostbarkeiten an sich bringen. Eine junge Engländerin ist jedoch schneller, was eine wilde Verfolgungsjagd anheben lässt … – Angestrengt ambitionierte, tatsächlich anspruchslose und unbeholfene Mischung aus historischer Mystery und Polit-Thriller: Lektüre vor knatterbunter Exotik-Kulisse für einen schon halb von Schlaf geprägten Feierabend.
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Mickey Spillane – Tote kennen keine Gnade

Das geschieht:

Mike Hammer, Privatdetektiv in New York, hat es eilig. In seinem Büro wartet ein neuer Klient. Er kennt Tony DiCica nicht und wird ihn auch nicht mehr befragen können, denn als er eintrifft, findet er zunächst seine Assistentin und Geliebte Velda mit fast eingeschlagenem Schädel vor. Hinter Hammers Schreibtisch sitzt festgebunden auf seinem Stuhl besagter DiCica mit durchschnittener Kehle; die toten Augen starren auf die eigenen Fingerspitzen, die der Mörder abgeschnitten und fein säuberlich auf der Schreibunterlage aufgereiht hat. Dazu gibt‘s eine kryptische Botschaft: „Du stirbst, weil du mich getötet hast – Penta“.

Wer ist Penta? Hammer hat keine Ahnung. In seiner wild bewegten Laufbahn ist er nie mit jemandem dieses Namens zusammengestoßen. Dummerweise will ihm das niemand glauben. Die Polizei – hier vertreten durch Hammers alten Kumpel Pat Chambers – genauso wenig wie das FBI, die CIA oder die eiskalte, ehrgeizige Bezirksstaatsanwältin Candace Amory. Sie alle drängen Hammer, über Penta auszupacken, von dem sie allerdings sehr viel mehr zu wissen scheinen als ihr Verdächtiger.

Brenzlig wird es für Hammer, als ihn Gangster entführen, mit Wahrheitsserum vollpumpen und ebenfalls über Penta befragen. Dies ist der Tropfen, der das ohnehin flache Fass der Hammerschen Toleranz erst zum Überlaufen und dann zum Kochen bringt. Zu allem Überfluss mehren sich die Anzeichen dafür, dass es ‚Spezialisten‘ des Außenministeriums waren, die den Detektiv so rüde in die Mangel nahmen.

Dann beginnt sich auch noch Mafia für das Penta-Geheimnis zu interessieren. Wie kann Hammer beweisen, dass er nichts weiß, seine Haut retten und gleichzeitig Rache nehmen für den Anschlag auf die geliebte Velda? Er findet seinen Weg, der ihn in die Albtraumwelt diverser Verschwörungen, des organisierten Verbrechens und des internationalen Terrorismus‘ führt …

Mörderisches Märchenland

Stets hat es ‚Privatdetektiv‘ Mike Hammer selten in der seinem Berufsstand zugewiesenen Nische gehalten. Irgendwie wurde er stets in Gangsterkriege, in Machtübernahmeversuche des organisierten Verbrechens oder gar in Übeltaten verwickelt, die ganze Nationen ins Chaos stürzen konnten. Dem einsamen, harten aber redlichen Mann aus den dunklen Straßen von New York blieb es dann überlassen, mit eiserner Faust dem Recht zum (blutigen) Sieg zu verhelfen.

Mit der Realität hatte Hammers Schöpfervater Mickey Spillane dabei nie viel am Hut. Auch den Plot von „Tote kennen keine Gnade“ unterzieht man besser keiner strengen Musterung. Selbst der politische Laie weiß, dass Terroristen US-amerikanische Vizepräsidenten in Serie abschießen könnten, ohne dadurch mehr als Verwunderung oder Hohngelächter hervorzurufen; so übernimmt man die Macht im Staate jedenfalls nicht!

Auch Spillanes Vorstellungen vom Organisationsgrad der Mafia, vom Funktionieren der Polizei- und Justizbehörden oder der Geheimdienste sind – vorsichtig ausgedrückt – sehr subjektiv. Darauf kommt er freilich gar nicht an: Mike Hammer-Thriller sind Krimi-Science-Fiction; sie spielen in einer Welt, die der unseren zwar gleicht aber nicht deckungsgleich mit ihr ist. Primär geht es in Spillanes Kosmos um Schlägereien, Schusswechsel und triebhaften Sex.

Heimkehr eines alten Kriegers

Die Befriedigung der sogenannten „niederen Triebe“ funktioniert auch vierzig Jahre nach Hammers Debüt, doch fehlt die Wucht von einst: 1989 gehörten Brutalität und Menschenverachtung längst zum normalen Unterhaltungsgeschäft. Deshalb wirken Hammers Gewaltausbrüche, vor allem aber seine Breitwand-Macho-Allüren eher unfreiwillig komisch als schockierend.

Altmodisch ist er geworden, sogar nostalgisch. Gemächlich geht es bei aller Gewalt voran mit dem Penta-Fall. Von Hightech-Verbrechen keine Spur. Wie in den 1940er Jahren sind schmuddlige Autowerkstätten oder einsame Hütten in der Nacht die Schauplätze. Auch New York wurde die Gegenwart nur notdürftig übergestülpt. Spillane nimmt sich Zeit, erstaunt mit stimmungsvollen (wenn auch leicht mechanischen) Schilderungen moderner Großstadt-Tristesse und bemüht sich sogar um eine richtige Geschichte, statt nur Knalleffekt an Knalleffekt zu reihen.

Wobei die größte Überraschung Mike Hammers Rückkehr ist. Niemand hatte im Jahre 1989 noch mit ihm gerechnet. Immerhin waren 18 Jahre vergangen, seit er sich mit dem (nicht gerade gelungenen) Krawall-Krimi „Survival … Zero!“ (dt. „Keine Chance“/„Flucht ist sinnlos“) von seinen Fans verabschiedet hatte.

Erst schießen, selten fragen

Nun macht „Tote kennen keine Gnade“ das Dutzend voll. Bange fragt sich der Leser, ob der alte Feuerfresser womöglich altersmilde geworden ist. Keine Sorge, sobald sich die Welt gegen die „Lex Hammer“ vergeht, tanzen dem sogleich wieder die bekannten feuerroten Blutrausch-Nebel vor seinen Augen. Hammer will nicht unbedingt den Fall klären, sondern primär jene austilgen, die seine Velda niederschlugen und ihm den Tag versauten.

Freudig heißt er dabei so viele Gegner wie möglich willkommen. Korrupte oder auch nur geheimniskrämerische Schreibtischhengste verdrischt er genauso gern wie Mafiapack und anderes Gesindel. Diplomatie ist ein Fremdwort für Hammer, Drohungen fruchten bei ihm überhaupt nicht. Man kann ihm höchstens den Weg ein wenig ebnen, damit er nicht gar zu viele Passanten niedermacht. Freund Pat hat das längst begriffen und praktiziert diese einfache Regel mit einigem Erfolg. Insgeheim denkt er ähnlich wie Hammer und profitiert gern von dessen Freiheiten von der Dienstvorschrift.

Frauen bekommen in Mike Hammers Welt auch um 1990 nur Statistenrollen. Velda wird angebetet und blutig gerächt (aber bedenkenlos betrogen, wenn sich die Gelegenheit ergibt). Ansonsten gibt es nur Zicken und Huren, die mit viriler Männlichkeit auf Hammers Kurs gebracht oder umgebracht werden. Da ist es klar, dass der Eisberg Candace Amory bald schmelzen oder zu Würfeln verarbeitet wird.

Die Welt hat sich gedreht

Ansonsten hetzt Hammer manchmal wie sein eigenes Gespenst durch New York. Er müsste inzwischen um die 80 Jahre alt sein, was natürlich schlecht zur Rolle passt. Deshalb alterte Hammer nach „Survival … Zero“ nicht mehr. Spillane macht daraus auch keinen Hehl und treibt manchen Scherz über den Anachronismus, zu dem Mike Hammer geworden ist. Er hängt an seiner hoffnungslos veralteten .45er, kennt Computer nur vom Hörensagen und Handys (jawohl, die gab es 1989 schon) gar nicht. Schnüfflerarbeit ist Fußarbeit.

„Penta“ ist als Serienkiller für den Leser keine Offenbarung. 1988 war Hannibal Lecter auf der Bildfläche erschienen und hatte sogleich das Genre auf seine Weise revolutioniert. Der fixe Spillane hatte niemals Probleme damit, sich einen Trend zunutze zu machen. Wie es typisch ist für ihn, streicht er die morbide-faszinierenden Elemente der modernen Kultfigur „Serienmörder“ bzw. vergröbert sie und hebt ihre blutig-brutalen Züge hervor.

Für Spillane haben Psychopathen nichts Anziehendes. Sie sind für ihn Abschaum, der ausgerottet werden muss. Dass er dafür eine andere Art von Psychopath von der Kette lässt, könnte dem boshaften Humor des Verfassers geschuldet sein. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und so muss schon einer wie Hammer das Werkzeug gegen die Pentas dieser Welt sein.

Autor

Frank Morrison „Mickey“ Spillane, geboren am 9. März 1918 in Brooklyn, New York: ein Selfmademan nach US-Geschmack, aus kleinen Verhältnissen stammend, in 1001 miesen, unterbezahlten Jobs malochend, doch mit dem amerikanischen Traum im Herzen und nach allen Mühen den gerechten Lohn – Geld, Ruhm, Geld, Anerkennung und Geld – einstreichend.

Vorab stand ein Intermezzo im II. Weltkrieg, in dem Spillane angeblich als Fluglehrer und aktiver Kampfflieger tätig war; die Beweislage ist freilich dünn. Eine Beschäftigung als Comic-Zeichner ist dagegen belegt. 1946 ins Zivilleben zurückgekehrt, machte sich Spillane voller Elan an den Durchbruch. Er berücksichtige alles, was gegen den zeitgenössischen Sittenkodex verstieß, und schrieb in neun Tagen „I The Jury“ (1947, dt. „Ich, der Richter“), das erste Abenteuer des raubeinigen Privatdetektivs Mike Hammer, dessen Name Programm war. Der erhoffte Aufruhr war genauso heftig wie der Verkaufserfolg. Spillane ließ seinem Erstling weitere Hammer-Brachialwerke folgen und wurde ein reicher Mann.

Für einige Jahre hielt er sich schriftstellerisch zurück, fuhr Autorennen, arbeitete als Zirkusartist und gründete eine Filmgesellschaft. Hier gönnte er sich den Spaß, Mike Hammer in dem B-Movie „The Girls Hunters“ (1963, dt. „Der Killer wird gekillt“/„Die Mädchenjäger“) höchstpersönlich zu mimen. In den 1960er und 70er Jahren wurde Spillane wieder aktiver. Mit dem Geheimdienst-Söldner „Tiger Man“ schuf er sogar einen noch grobschlächtigeren Charakter als Mike Hammer. Aber die Kritik verschweigt gern, dass Spillane auch als Jugendbuch-Autor hervortrat. Für „The Day the Sea Rolled Back“ wurde er 1979 mit einem „Junior Literary Guild Award“ ausgezeichnet.

1971 hatte Spillane die Hammer-Serie beendet, sie aber 1989 unter dem erhofften Mediendonner wieder aufleben lassen. Natürlich war Hammers große Zeit längst vorüber; Brutalität und Menschenverachtung gehörten inzwischen zum normalen Unterhaltungsgeschäft. Aber der böse Bube erwies sich als zäh, kehrte 1996 in „Black Alley“ (dt. „Tod mit Zinsen“) noch einmal zurück und überlebte sogar Spillanes Tod am 17. Juli 2006: Ab „The Goliath Bone“ (2008) mräumt er nun betreut Max Allan Collins – weiterhin kräftig in der Verbrecherwelt auf.

Taschenbuch: 250 Seiten
Originaltitel: The Killing Man (New York : E. P. Dutton 1989)
Übersetzung: Lisa Kuppler

Der Autor vergibt: (3.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Julian Rathbone – Die Könige von Albion

Rathbone Albion CoverEin indischer Prinz sucht seinen in England verschollenen Bruder. In Begleitung eines Kaufmanns begibt er sich auf den Weg in die ihm völlig fremde Welt der Barbaren des Nordens und gerät in die „Rosenkriege“, die das westliche Europa in ein Schlachtfeld verwandeln … – Trotz düsteren Umfelds heiterer Roman, der sich nie zwanghaft um historische Genauigkeit schert, stattdessen eine Mischung aus Reiseerzählung und Abenteuer mit Thriller-Elementen bietet und eine Reflexion darüber darstellt, was das Typische der englischen Kultur ist und wie es in die Welt kam.

Das geschieht:

1459 tritt der Kaufmann Ali ben Quatar Mayeen, geboren nahe Damaskus, die Reise seines Lebens an. Schon mehrfach hatte es ihn, der ein rechter Sindbad auf den Meeren der bekannten Welt ist, nach „Ingorland“ verschlagen, eine verregnete Insel hoch im Nordwesten Europas, die von unzivilisierten, grobschlächtigen und ständig Krieg führenden Barbaren bewohnt wird. Dort kauft Ali Wolle und versucht sich an der Einführung eines Getränkes, das man einst „Kaffee“ nennen wird.

Die Engländer führen Krieg gegen die Franzosen, vor allem aber untereinander. Es geht um Macht und Religion, aber so recht durchschaut Ali das nicht; sein Interesse hält sich ohnehin in Grenzen. Das rächt sich, als ihn eines Tages ein Mönch anspricht, der ihm aufträgt, eine Botschaft in das ferne Reich Vijayanagara zu tragen. Ali lehnt zunächst ab, zumal besagter Mönch kurz darauf als Ketzer und Landesverräter auf dem Scheiterhaufen landet. Als seine Geschäfte schlecht zu gehen beginnen, beschließt Ali, die Nachricht des ‚Mönches‘ trotzdem zu überbringen und hofft auf die hoffentlich lukrative Dankbarkeit des Empfängers.

Vijayanagara liegt in Südindien, beherrscht wird es vom Prinzen Harikara Raya Kurteishi. Es steht schwer unter dem Druck der muslimischen Nachbarn. Der Prinz schickte deshalb vor Jahren seinen Bruder Jehani nach England, um dort Waffen zu kaufen und Söldner zu werben. Stattdessen geriet Jehani in eine mysteriöse Verschwörung und gilt als verschollen. Nun bringt Ali frohe Kunde: Jehani lebt, aber er ist verletzt und muss sich in England verbergen.

Harikara beschließt Jehani höchstpersönlich zu retten. Der überraschte Ali sieht sich als Führer angeheuert. Mit seinem Anhang macht sich der Potentat aus dem fernen Osten auf in die Fremde – und gerät nicht nur in eine exotisch fremde, kaltfeuchte, düstere Welt, sondern sogleich in die Wirren der „Rosenkriege“, deren notorisch misstrauische und verfeindete Parteien den in ihrer Mitte erschienenen braunhäutigen Gästen viel Misstrauen entgegenbringen …

Vertrautes durch fremde Augen

Über seine Schwierigkeiten mit dem Genre des Historischen Romans hat sich dieser Rezensent schon oft ausgelassen. Die meisten Elaborate stimmen ihn eher missmutig. Da ist es eine angenehme Abwechslung, ein Werk uneingeschränkt loben zu können. „Die Könige von Albion“ ist ein wunderbares Stück literarischer Unterhaltung. Handlung, Personenzeichnung, Stil – da gibt es wirklich nichts zu meckern.

Autor Rathbone beginnt bereits mit einem originellen Ansatzpunkt. Die Geschichte spielt in England, aber sie wird von völlig Ortsfremden erlebt. Das gestattet dem Verfasser einen (scheinbar) objektiven Blick auf Land und Leute. England erstrahlt in einem doppelt fremden Licht: Es leuchtet über einer mittelalterlich unerforschten Welt und wird gebrochen in den Augen der Gäste aus dem wahrlich fernen Vijayanagara. Die Idee ist nicht neu; so ließ u. a. auch Michael Crichton in „Eaters of the Dead“ (dt. „Die ihre Toten essen“, im Film als „Der 13te Krieger“ umgetitelt) einen gebildeten Morgenländer in den barbarischen Norden reisen: Eine wirklich gute Story erkennt man daran, dass sie sich variieren lässt, ohne ihre Anziehungskraft einzubüßen.

Neben der Gelegenheit, eine spannende Geschichte aus einer turbulenten Zeit zu erzählen, unterzieht Rathbone seine Landsleute einer Art Untersuchung: Was macht den Engländer eigentlich ‚britisch‘, und wie hat sich das entwickelt? Das interessiert ihn mehr als die bis ins Detail detaillierte Rekonstruktion des 15. Jahrhunderts – er sei ohnehin kein Historiker, wurde Rathbone in Interviews nie müde zu versichern.

Ohne falsche Ehrfurcht

Folglich bedient sich Rathbone auch nicht des für historische Romane gern eingesetzten ‚zeitgenössischen‘ Tonfalls, der in der Regel hölzern, schwülstig oder einfach nur peinlich wirkt, sondern schreibt „Die Könige von Albion“ in einem modernen, ironischen Stil, der sich außerordentlich erfrischend und flott liest.

Richtig dankbar kann ihm der Freund des wahren Historienromans zudem dafür sein, dass „Die Könige von Albion“ sich bei aller Stilisierung der Vergangenheit als echter Roman seines Genres bzw. – legt man Wert auf diese Kategorisierung – als ‚richtige‘ Literatur erweist. Dies ist weder ein Krimi aus alten Zeiten, noch verkappte Fantasy, die taffe Templer im Kampf gegen Verschwörer aus dem Vatikan antreten lässt, und vor allem keine sich historisch gebende „chick lit“, die Hebammen, Wanderhuren & andere pseudo-emanzipatorisch rückwärts modulierte Kunstgestalten in Zeit und Raum auf der Suche nach Mr. Right zeigt.

Der Witz wird in „Die Könige von Albion“ primär literarisch, d. h. durch das geschriebene Wort vermittelt, doch der Effekt wird verstärkt durch gewisse Übertreibungen in der Figurenzeichnung. Kaufmann Ali ist Überlebenskünstler und kosmopolitisches Chamäleon zugleich, überall und nirgendwo zu Hause und daher die ideale Zentralfigur.

Wer ist der Feingeist, wer der Barbar?

Harikara Raya Kurteishi ist ein Prinz im buchstäblichen Sinne. Noch unter den unwirtlichsten Umständen tritt er auf wie ein Herrscher und möchte gefälligst als solcher behandelt werden. Das sorgt für immer neue Verwicklungen und Ärger, weil sich selbst der ungebildetste Europäer sich den heidnischen ‚Wilden‘ aus der Fremde überlegen dünkt und dem Prinzen höchstens die Rolle eines der drei biblischen Waisen aus dem Morgenland im Weihnachtsspiel zubilligt.

Gar nicht gut scheint Rathbone mit seinen Landsleuten umzuspringen. Das täuscht; zum einen schont er in seiner Darstellerriege niemanden, zum anderen weiß er deutlich zu machen, dass für diese Engländer das 15. Jahrhundert die Realität ist und sie folglich den Denkmustern ihrer Epoche verhaftet bleiben – oder in ihnen gefangen sind. Sie verhalten sich deshalb nicht absichtlich besonders grausam oder dumm, sondern glauben sich im Recht. Das ist der Boden, auf dem offenbar viel von dem wuchs, das noch heute die Inselnation prägt.

‚Authentisch‘ ist das sicher nicht, macht aber Spaß. Das ist kein schlechtes Ergebnis für einen Roman, der darüber hinaus gut geschrieben sowie übersetzt und seltsamerweise hierzulande bisher nicht wieder aufgelegt wurde.

Exkurs: zwei (kurze) historische Anmerkungen

Obwohl unsere Geschichte den Titel „Die Könige von Albion“ (= die britischen Inseln) trägt, erstrecken sich ihre Schauplätze über einen weiten Ausschnitt der damals bekannten und besiedelten Welt. Wie Rathbone im Vorwort selbst schreibt, hat es das südindische Hindu-Großreich Vijayanagara tatsächlich gegeben. Es existierte zwischen 1346 und 1565, bis muslimische Armeen es eroberten und die gleichnamige Hauptstadt zerstörten. An ihrer Errichtung sollen einst die in Europa verfemten Tempelritter beteiligt gewesen sein, was Rathbone einen willkommenen Anknüpfungspunkt für seine Geschichte bot.

England beschreibt der Verfasser im Zeitalter der Rosenkriege, die trotz ihres lyrischen Namens von den üblichen bewaffneter Konflikte gekennzeichnet wurden, die in diesem Fall ab 1455 um den englischen Thron zwischen den Seitenlinien York (weiße Rose im Wappen) und Lancaster (rote Rose) des Hauses Plantagenet ausgetragen wurden. Unsere Reisenden aus dem Morgenland waren schon lange wieder verschwunden, als diese Auseinandersetzung 1485 endlich durch den Sieg des Lancaster-Erben Heinrich VII. beendet wurde (der die Dynastie Tudor begründete).

Autor

Julian Rathbone (geb. 1935 in Blackheath, Süd-London) – ein Großneffe des Schauspielers Basil Rathbone – lebte in Dorset. Nach einem Englisch-Studium arbeitete er als Lehrer und ging u. a. für drei Jahre ins türkische Istanbul. Hier spielten seine ersten vier Romane, die zwischen 1967 und 1972 erschienen. Der Erfolg sorgte für den Beschluss, freier Schriftsteller zu werden sowie nach Spanien zu ziehen, wo Rathbone u. a. heiratete. Er veröffentlichte mehr als 40 Romane, wobei er Genregrenzen ignorierte. Julian Rathbone, der trotz langer und schwerer Krankheit bis zuletzt schrieb, starb am 28. Februar 2008.

Gebunden: 479 Seiten
Originaltitel: Kings of Albion (London : Little, Brown and Company 2000)
Übersetzung: Karin Dufner

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Alistair MacLean – Eisstation Zebra

Am Nordpol ist ein russischer Spionagesatellit abgestürzt, den neugierige Meteorologen geborgen haben. Sowohl die Sowjets als auch die US-Amerikaner wollen den Film aus dem Satelliten, der den Standort diverser westlicher Raketenstützpunkte verrät. Ein „Maulwurf“ sabotiert erst die Station und später das U-Boot der Retter, um diese so lange aufzuhalten, bis ein sowjetisches Geheimdienstteam eintrifft … – Abenteuergarn aus der Hochzeit des Kalten Kriegs, sauber geplottet, schnörkellos erzählt, sehr spannend dank der eindrucksvollen Polar-Kulisse, in der sich einfach gezeichnete, aber einprägsame Charaktere ein schwer durchschaubares Katz-und-Maus-Spiel liefern: zweifellos zu Recht ein Klassiker seines Genres.
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Scarborough, Elizabeth A. – Frau im Nebel, Die

Edinburgh um 1800. Der junge Jurist und Schriftsteller Walter Scott beginnt sich einen Namen als Chronist seiner schottischen Heimat zu machen. Er sammelt alte Sagen und Lieder, die er auch in seinen historischen Romanen verarbeitet. Dass es tatsächlich Magie und Fabelwesen gibt, ist nicht neu für ihn. Als ständiger Begleiter des Sheriffs – diesen Posten wird er bald selbst übernehmen – kommt er weit herum und hat viel Unheimliches gesehen.

Der Nor‘ Loch ist ein kleiner See, der die Altstadt Edinburghs von der Neustadt trennt. Nun soll er aufgeschüttet und bebaut werden. Im Verlauf der Arbeiten werden Überreste einer Frauenleiche im Schlick gefunden. Ihr gesellen sich bald weitere Opfer zu. Eine Gruppe fahrender Kesselflicker hat im Wald vor der Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Des Nachts werden sie mehrfach überfallen, Frauen und Mädchen entführt. Die „Noddies“, skrupellose Leichenräuber, die Studienobjekte für die Seziersäle der Universität besorgen, sollen dahinterstecken.

Scott wird mit der Untersuchung betraut. Er lernt im Lager Midge Margret Caird kennen – und bald schätzen. Seine Ermittlungen führen ihn auf die Spur des „Wissenschaftlers“ Cornelius Primrose. Hinter der Maske des biederen Kirchenmannes lauert der Wahnsinn. Primrose will seine vor Jahren verstorbene Frau zum Leben erwecken und transplantiert einem selbst gebastelten Neu-Körper frische Leichenteile. Scott kommt ihm auf die Spur, doch zu spät, denn schon hat der „Doktor“ sein begehrliches Auge auf Midge Margret geworfen und verschleppt auch sie in sein grausiges Labor …

„Die Frau im Nebel“ gehört in eine (kleine) Nische des Fantasy-Genres. Elizabeth Scarborough siedelt das Geschehen in einer verfremdeten Realität an. Edinburgh Anno 1800 hat sich mit seinen Bewohnern dem Zeitgenossen durchaus so dargeboten wie die Autorin es beschreibt. Aber dennoch ist es gleichzeitig eine Spielwiese, auf der um des Effektes willen allerlei Übernatürliches vorgeht.

Am besten stellt man sich Scarboroughs Edinburgh als „Parallelstadt“ zur echten Metropole vor, eingebettet in eine Welt, in der Zauberei oder Gespenster zwar nicht alltäglich, aber möglich sind. Als Idee funktioniert das vorzüglich, weil im Jahr 1800 – dem realen und dem fiktiven – der europäische Mensch auf dem schmalen Grat zwischen dem Mystizismus des Mittelalters und der Aufklärung der Moderne balanciert.

In diese Kulissen – der Vergleich ist nicht schlecht, wie gleich auszuführen sein wird – platziert Scarborough ihre Geschichte. Flott geschrieben ist sie und ohne die gedrechselten Altertümeleien, die so mancher Autor unverzichtbar für eine in der Vergangenheit spielende Handlung hält. Besondere Originalität kann Scarborough zwar nicht für sich beanspruchen; sie bedient sich kräftig diverser, durch die Kinomühlen gedrehter Trivialmythen. Der böse Primrose wirkt beispielsweise wie eine Mischung der Doktores Frankenstein und Phibes, ergänzt durch mehr als einen Hauch Jack the Ripper.

Aber der Nostalgiefaktor ist durchaus einkalkuliert in Scarboroughs Spiel. „Die Frau im Nebel“ ist sauber getischlerte Unterhaltung, die einfach Spaß macht und sich wohltuend abhebt von den x-bändig ausladenden Tolkien/König Artus/Nibelungen-Abklatschen, mit denen wir Fantasy-Freunde viel zu ausgiebig gepiesackt werden.

(Sir) Walter Scott (1771-1832) ist eine echte Gestalt der Geschichte, die indes von Scarborough von ihrer Biografie gelöst und in ein fiktives Abenteuer gestürzt wird. Mit Leib und Seele gleicht „ihr“ Scott dennoch dem Original – einem ungestümen, unternehmungslustigen, lesewütigen und neugierigen Mann aus Schottland, der 1799 in der Tat zum Sheriff – freilich in der Grafschaft Selkirk – ernannt wurde und sich bis zum Sekretär des Gerichtshofs zu Edinburgh hocharbeitete, ein gut dotierter Posten, der ihm die Muße schenkte, seiner geliebten Schriftstellerei zu frönen. Mit 40 abenteuerlichen, meist historischen Werken wie dem Ritterroman „Ivanhoe“ (1819) erreichte Scott ein kopfstarkes Publikum und wurde ein schottischer Nationaldichter.

In unserer Geschichte ist Walter Scott der Repräsentant zweier Welten. Scheußliche Morde ereignen sich. Das war (und ist) in einer großen Stadt nicht ungewöhnlich. Scott beginnt seine Ermittlungen als Kriminalist, der sich für seine Zeit ungewöhnlich fortschrittlicher Methoden bedient. Damit kommt er nicht weit, so dass er relativ rasch wieder auf „traditionelle“ Praktiken zurückgreift, die das Übernatürliche nicht nur anerkennen, sondern auch nutzen. Schließlich hat Scott selbst einen „echten“ Magier unter seinen Vorfahren. Außerdem ist er Schotte. Bei aller Skepsis akzeptiert er deshalb letztlich die Existenz unerklärlicher Phänomene.

Auf seine Weise steht auch das Böse in unserer Geschichte mit je einem Bein fest in beiden Welten. Es trägt die Gestalt des „Doktors“ Cornelius Primrose, der ein |mad scientist| reinsten Wassers ist, obwohl nicht die Wissenschaft ihn ohne Rücksicht und Skrupel antreibt, sondern die wahnsinnige Liebe zur unter traurigen Umständen dahingeschiedenen Gattin. Die will er zum Leben erwecken und tritt dabei nicht nur als Frankenstein im modernen Labor auf den Plan, sondern auch als Alchimist und Magier der Vergangenheit. Kein Wunder, dass es ihm genauso ergeht wie Goethes Zauberlehrling und die eigene, weder verstandene noch gar lenkbare Schöpfung über ihn kommt.

Für Midge Margret Caird hat Elizabeth Scarborough einen Winkel in der zeitgenössischen Gesellschaft gefunden, in dem eine Frau relativ frei und ungebunden agieren konnte. Als vagabundierende Kesselflickerin steht sie am Rande und bleibt daher von vielen Konventionen verschont. Ihr freigeistiges Denken und Handeln ist wichtig, da ein Roman ohne mindestens eine weibliche Hauptrolle heute vom Publikum schlecht angenommen wird. Trotzdem umgeht Scarborough allzu ausgehöhlte Klischees elegant, indem sie Scott und Margret eben nicht, wie zu erwarten wäre, in Liebe entflammen lässt. Die schöne Kesselflickerin steht zunächst nicht einmal auf Primroses Liste unfreiwilliger Organ- und Körperspenderinnen. Sie ist kein Objekt, sondern handelnde Person. Das bleibt sie sogar, als sie schließlich doch im Labor des Diakons landet.

Elizabeth Ann Scarborough wurde am 23. März 1947 in Kansas City, Missouri, geboren. Sie lernte in der |Bethany Hospital School of Nursing| und studierte an der |University of Alaska| (!); während des Vietnamkriegs diente sie als Krankenschwester.

Seit 1982 arbeitet Scarborough als Schriftstellerin. Sie debütierte mit „Song of Sorcery“ (dt. „Zauberlied“) und erwies sich rasch als sowohl fleißige wie auch gewandte Autorin, die in der Science-Fiction genauso beheimatet ist wie in der Fantasy. Bis heute verfasste sie zwanzig nicht seriengebundene Romane beider Genres, darunter „Healer’s War“, für den sie 1989 einen |Nebula Award| gewann. Dazu kommen weitere Romane, die sie gemeinsam mit Anne McCaffrey schrieb, sowie Episoden zu ihren beiden Erfolgsserien „Petaybee“ und „Acorna“.

Scarborough gibt Kurse für angehende Schriftsteller am |Penninsula Community College|. Außerdem entwirft sie volkstümelnden Perlenschmuck, den sie online vertreibt. Ihre offizielle [Website]http://www.olympus.net/personal/scarboro beschränkt sich primär auf die Präsentation ihrer Waren, über deren künstlerische Qualität an dieser Stelle zu Gunsten der Autorin kein Urteil gefällt werden soll.

Shirley Jackson – Spuk in Hill House

Ein Forscher will das Rätsel des Hill House-Anwesens lüften, in dem es umgeht. Mit zwei parapsychisch begabten Begleitern zieht er ein. Unter ihnen: eine seelisch gestörte junge Frau, die sich als idealer Katalysator für das Grauen des Hauses erweist und einen wahren Totentanz des Schreckens entfesselt … – Ein Klassiker des phantastischen Genres und einer der besten Romane um Spuk und Besessenheit. Die Autorin entwirft mit infamem Geschick eine Atmosphäre der Unsicherheit: Spukt es wirklich in Hill House, oder wird das Unheimliche ‚importiert‘? Auch sprachlich weit über dem üblichen Geisterschmarrn.
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Nigel McCrery – Denn grün ist der Tod [Dr. Samantha Ryan 1]

Während sie sich mit karrieresüchtigen Vorgesetzten und Kollegen sowie ihrer lästigen Familie herumplagt, versucht Pathologien Dr. Samantha Ryan einen Mord aufzuklären, der offenbar der letzter einer langen Kette ähnlicher Bluttaten ist … – Der erste Roman der Samantha-Ryan-Serie bietet modernes britisches Krimihandwerk mit Seifenschaum-Einlagen, weshalb es nicht lange dauerte, bis das Fernsehen aufmerksam wurde: solide, durchschnittliche Unterhaltung. Nigel McCrery – Denn grün ist der Tod [Dr. Samantha Ryan 1] weiterlesen

Queen, Ellery – nackte Tod, Der

Nach harten Arbeitswochen möchte sich Kriminalschriftsteller und Detektiv Ellery Queen einen erholsamen Urlaub am Meer gönnen. Ein alter Freund, der ehemalige Richter Avra Macklin, begleitet ihn zum Spanish Cape an der Atlantikküste, wo ein kleines Ferienhaus auf sie wartet. Doch die Reisenden finden die Haustür aufgebrochen – und im Inneren gefesselt die junge Rosa Godfrey, die eine abenteuerliche Geschichte erzählt: Mit ihrem Onkel David Kummer ist sie am Vorabend von einem piratenhaften Seemann namens „Captain Kidd“ überfallen und entführt worden. Kummer wurde von Kidd auf ein Boot verschleppt und später anscheinend über Bord geworfen.

Fatalerweise hat der Pirat den falschen Mann erwischt: Eigentlich sollte es einem gewissen John Marco an den Kragen gehen. Der ist Gast im Haus von Rosas Eltern Walter und Stella Godfrey. Walter ist ein steinreicher Wallstreet-Hai, dem praktisch das gesamte Cape gehört. In seiner Villa tummeln sich im Sommer stets viele Besucher. Marco würde der Gastgeber freilich gern an die Luft setzen, da dieser ein Auge auf Tochter Rosa geworfen hat.

Seinen Fehler hat Kidd offenbar rasch ausgebügelt: Als Queen und Macklin Rosa in ihr Elternhaus bringen, ist dort bereits die Polizei eingetroffen: Auf einem bequemen Stuhl am Strand sitzt John Marco – erdrosselt, nackt unter einem altmodischen Umhang.

Wer hat den Mann umgebracht, wieso wurde er anschließend entkleidet? Inspector Moley fühlt sich überfordert und bittet den berühmten Ellery Queen um Schützenhilfe. Die Schar der Verdächtigen ist identisch mit den Bewohnern von Godfreys Villa. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie alle gute Gründe gehabt hätten, sich Marcos zu entledigen: Der hat sich seinen Lebensunterhalt als Gigolo verdient, der die umgarnten Damen anschließend als Erpresser kräftig zur Ader ließ.

Bis Queen endlich Licht am Ende des Ermittlungstunnels erblickt, muss er sich tüchtig belügen lassen, schier endlos widersprüchliche Beweise sortieren – und vor weiteren Attacken des Mörders auf der Hut sein, der zwar einen entscheidenden Fehler begangen, aber leider eine geradezu übernatürlich geniale Art der Tarnung für sich entdeckt hat …

Ein einsam gelegene Haus am Meer, erbaut auf einer Halbinsel, umgeben von schroffen Klippen – oder anders gesagt: Hier kommt niemand heimlich hinein oder hinaus. Wenn sich also ein Mord ereignet, dann befindet sich der Täter garantiert unter den Bewohnern. Damit sind die Weichen gestellt für einen archetypischen „Whodunit“-Krimi, in dem Mörder, Verdächtige, Opfer und natürlich diverse Gesetzeshüter unter einer Käseglocke behaglicher Isolation einander zur Gaudi des Lesers belauern.

Die Karten liegen offen auf dem Tisch: Ellery Queen und sein Publikum stoßen zeitgleich auf die für die Lösung des Falls relevanten Spuren. Offen bleibt die Frage, wer mit solcher Fairness mehr anzufangen weiß. Der Verfasser möchte selbstverständlich mit einem gewissen Vorsprung als Erster durchs Ziel gehen. Ist der Leser wenigstens guter Zweiter, wird er (oder sie) zufrieden auch zum nächsten Roman aus der bewährten Feder greifen.

Wer würde nicht gern solcher Verkaufslist auf den Leim gehen, da doch die Manipulation des Lesers ebenso elegant wie unterhaltsam gelingt? „Der nackte Tod“ ist ein hochkarätiger Krimispaß, der meisterhaft die „klassischen“ Regeln des Genres ausspielt. Wir kennen sie alle, aber wir lieben sie, so lange sie nur geschickt variiert werden. Das ist hier jederzeit garantiert.

Der Originaltitel ist übrigens ein hübsches Wortspiel: „Spanish Cape“ ist einerseits der Ort des Geschehens. Andererseits ist ein Cape das einzige Kleidungsstück, das die Blöße John Marcos – der ein Spanier ist – verhüllt.

Sie alle haben Dreck am Stecken. Irgendwie steht es ihnen auch ins Gesicht geschrieben. Manchmal so deutlich wie dem unglaublichen „Captain Kidd“, der nicht nur aussieht wie sein berüchtigtes historisches Vorbild, sondern sich auch so zu benehmen weiß. Mit seinem Auftritt findet Ellery Queen (der Autor) den idealen Einstieg in das vorliegende Abenteuer.

Auf Walter Godfreys feudalem Spanish-Cape-Anwesen tummeln sich zwar deutlich feinere, aber ganz sicher nicht vornehmere Zeitgenossen. Der Hausherr hat sein Vermögen auf höchstens halbwegs legale Weise erworben. Die meisten Gäste können nicht einmal das von sich behaupten. Ein zwielichtiger Abenteurer, eine Mitgiftjägerin, gleich drei Ehebrecherinnen zählen zu ihnen – und das sind nur die Sünder, die unser Detektiv mühelos enttarnt. Leid können sie uns nicht tun. Ellery Queen – der Ermittler wie der Autor – gönnt ihnen daher auch kein Happy-End. Als das Rätsel von Spanish Cape endlich gelöst ist, verlassen Queen und Macklin eine von den Ereignissen fast völlig zerstörte Gesellschaft.

Noch ganz andere Abgründe tun sich sehr bald in Gestalt von John Marco auf. Den lernen wir nur als Leiche kennen. Er ist aber lebendig genug in der Erinnerung seiner geplagten Opfer. Unerbittlicher Parasit, bösartiger Erpresser, zynischer Weiberheld – die Liste seiner Verfehlungen ist fast so lang wie seine Verfolger zahlreich sind. Heute mutet Marcos „Geschäft“ reichlich altmodisch an. Manche prominente Dame vermarktet ihre Schäferstündchen inzwischen selbst. Aber 1935 konnte „Schande“ eine Karriere in der gesellschaftlichen Elite noch zerstören. Insofern ist Marcos nacktes Ende – ein Skandal, der immer wieder schockiert angesprochen wird – eine Art ausgleichender Gerechtigkeit.

Ellery Queen erleben wir dieses Mal nicht an der Seite seines Vater. Inspektor Richard Queen bleibt zu Hause in New York. Die Stadt wird zu eng für einen Detektiv, der seinen Genius gern möglichst ungewöhnlichen Fällen widmet. Das verlangt letztendlich auch sein Publikum, das einen Tapetenwechsel ebenso schätzt.

Der Filius braucht anscheinend trotzdem einen weisen, alten Mann an seiner Seite. Diese Rolle übernimmt Richter Macklin, ein rüstiger, höchst unwürdiger Greis, der zusätzlich für die (sparsamen) Heiterkeitseffekte in dieser Geschichte verantwortlich ist.

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten. [„Chinesische Mandarinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=222 ist neunte und letzte Fall der „1. Queen-Periode“, die neun Romane der Jahre 1929 bis 1935 umfasst, welche stets das Wort „Mystery“ im Originaltitel tragen und als klassische „Wer war es?“-Krimis zum Mitraten konzipiert wurden.

Dabei half das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des „realen“ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als – Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das „Markenzeichen Queen“ zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 60er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern schrieen. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Anleitung der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich unter http://neptune.spaceports.com/~queen : eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

„The Spanish Cape Mystery“ wurde bereits 1935, im Jahr seines Erscheinens, von Hollywood verfilmt. Unter der Regie von Lewis D. Collins spielte Donald Cook den Ellery Queen. Albert DeMond verfasste das Drehbuch – und wem diese Namen rein gar nichts sagen, der sollte sich nicht grämen: Dies ist ein sogenanntes „B-Movie“, eine Schöpfung der 1930er Jahre. Um das Publikum auch während der Wirtschaftskrise in die Kinos zu locken, wurde ihm eine Doppelvorstellung geboten. Vor dem teuer produzierten, mit Stars gespickten Hauptfilm lief ein durchschnittlich 70 Minuten kurzer, billiger „Aufheizer“. Gern waren dies Episoden von Serien, die durch den Fortsetzungseffekt einen weiteren Anreiz für die Zuschauer boten. Auch Ellery-Queen-Streifen wurden so heruntergekurbelt. Aus heutiger Sicht sind sie freilich wieder reizvoll anzusehen, da „billig“ einst nicht identisch mit „Schund“ war. Auch „The Spanish Cape Mystery“ ist deshalb durchaus unterhaltsam.

Simon Winchester – Der Mann, der die Wörter liebte

winchester-mann-cover-2000-kleinJedes Wort der englischen Sprache soll ermittelt, erforscht und erläutert werden: Das „Oxford English Dictionary“ benötigt bis zur Vollendung sieben Jahrzehnte. Unter den Mitarbeitern ist ein wahnsinniger Mörder, dem die Forscherarbeit Halt und Trost bietet … – Autor Winchester findet für sein Thema – die eigentlich wenig spannende Geschichte des genannten Wörterbuchs – den idealen Einstieg über die Biografie von W. C. Minor: Ein Geisteskranker leistet Großes im Rahmen eines wahnwitzigen Projekts. Das Ergebnis ist ein Sachbuch mit Thriller-Qualitäten.
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Hartwig Hausdorf – Die Rückkehr der Drachen

Auf der Voodoo-Wissenschaft-Schiene reisendes ‚Sachbuch‘, das stets nur zweifelhafte ‚Beweise‘ für, aber nie gegen „Die Rückkehr der Drachen“ liefert, dabei aus trüben Quellen fischt, sich in ein Gespinst nie belegbarer Kreuzverweise verwickelt, aus Legenden und realen Naturphänomenen abenteuerlich Traumsaurier konstruiert sowie sich überhaupt im Besitz der einzigen, nur von Blinden & Blöden negierten Wahrheit wähnt: amüsant als Kompendium längst bekannter Pseudo-‚Rätsel‘, dies aber eindeutig unfreiwillig = ein überflüssiges (Mach-)Werk. Hartwig Hausdorf – Die Rückkehr der Drachen weiterlesen

Dan Simmons – Fiesta in Havanna

1942 beschließt der patriotische (und gelangweilte) Schriftsteller Ernest Hemingway, auf eigene Faust Krieg gegen die Nazis zu führen, ohne dafür die tropische Gemütlichheit der Karibik zu verlassen; wie der Zufall will, stolpern er und seine ebenso untauglichen Kampfgefährten über echte Saboteure, woraufhin aus Spaß bitterer Ernst wird … – Autor Simmons spinnt ein Abenteuer-Garn, das gerade so in sein historisches Umfeld eingepasst ist, dass die Illusion von Wahrscheinlichkeit entsteht; in dieser Kulisse lässt Simmons unterhaltsam die Puppen tanzen.
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Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen

Das geschieht:

1963 starb auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.

Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat – Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen. Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen weiterlesen

Stephen King: Wolfsmond (Der Dunkle Turm 5)

Weiterhin ziehen Revolvermann Roland von Gilead und seine Gefährten dem Dunklen Turm entgegen, der Zentrum und Stütze des Universums darstellt. In der Mittwelt – Ort der Handlung – tun sich Dimensionsportale, Zeitfallen u. a. Hindernisse auf. Zusätzlich aufgehalten wird die Gruppe von den Bewohnern eines Grenzdorfes, das von einer Horde maskierter Finsterlinge belagert wird. Gemeinsam nimmt man den Kampf gegen eine gewaltige Übermacht auf … – Der fünfte Band der „Dark-Tower“-Serie ist ein Episoden-Epos mit enormen Längen, das Substanz durch Geschwätz, nur vorgeblich geheimnisvolle Andeutungen und das Recycling früheren King-Werken ersetzt. Zwar gelingen dem Verfasser durchaus fesselnde Szenen, die aber durch generellen Leerlauf entwertet werden: ein Buch für jene, die wissen wollen, wie‘s weitergeht. Stephen King: Wolfsmond (Der Dunkle Turm 5) weiterlesen

Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis

Das geschieht:

„Never change a winning team“, lautet eine alte Binsenweisheit, die sich dieses Mal jedoch nicht verwirklichen lässt. Die bewährte Nachtschicht-Besatzung des „Crime Scene Investigation” (CSI) Las Vegas muss dieses Mal getrennt arbeiten, d. h. Tatorte sichern und meist quasi unsichtbare oder sogar unmögliche Spuren untersuchen. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegin Sara Sidle nehmen an einer Konferenz im fernen und winterlichen Bundesstaat New York teil.

Zurück bleiben Grissoms Stellvertreterin Catherine Willows und ihre Mitarbeiter Warrick Brown und Nick Stokes. Sie werden mit einem seltsamen Leichenfund konfrontiert: Weit außerhalb von Las Vegas wurde in der Wüste eine tote Frau gefunden. Der Mörder hat sich viel Mühe gegeben, die Spuren seiner Untat zu vertuschen: Sorgfältig hat er die Leiche eingefroren und sich nun erst ihrer entledigt. Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis weiterlesen

Nigel Marven & Jasper James – Monster der Tiefe. Im Reich der Urzeit

Eine Zeitreise in sieben Etappen führt einen wagemutigen Tierfilmer in die Meere der irdischen Vergangenheit. Im Auftrag des Lesers taucht Nigel Marven in geheimnisvolle Tiefen, um deren gewaltige Bewohner aufzuspüren. Im Ordovizium (vor 450 Mio. Jahren) treffen wir auf Seeskorpione und Monumental-Tintenfische in schultütenspitzen Schutzschalen, im Devon (vor 360 Mio. Jahren) auf einen Albträume verursachenden, brechscherenkiefrigen Knochenpanzerfisch. In der Trias (vor 230 Mio. Jahren) erobern die Dinosaurier die Ozeane, im Jura (vor 155 Mio. Jahren) beherrschen sie diese, in der Kreide (vor 75 Mio. Jahren) verwandelt eine Flut bizarrer Riesensaurier die Weltmeere in das Aquarium des Teufels. Im Eozän (vor 36 Mio. Jahren) haben ebenfalls nicht handzahme Säugetiere diesen Lebensraum übernommen, aber im Pliozän (vor 4 Mio. Jahren) lehrt sie ein omnibusgroßer Haifisch das Fürchten.

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Suzuki, Kôji – Ring III – Loop

Die Welt irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: Das ringförmige MHCV-Virus löst den Erreger der AIDS-Pest als unheilbaren Massenkiller Nr. 1 ab. Vor allem in Nordamerika und Japan erkranken die Menschen an einer neuen Sorte Krebs, der sich trotz fortgeschrittener Heilungsmethoden nicht stoppen lässt.

Auch die Eltern des Medizinstudenten Kaoru Futami aus Tokio sind betroffen. Der erst 20- Jährige sucht verzweifelt nach Rettung. Eine Reihe mysteriöser Zufälle führt ihn auf die Spur des bizarren „Loop“-Projekts. Fast vier Jahrzehnte zuvor hatten Forscher in den Vereinigten Staaten und Japan mehr als 1,2 Millionen Computer zusammengeschaltet, um eine Simulation künstlichen Lebens zu erschaffen. Das Experiment glückte zunächst und schuf eine Welt, die zum Spiegelbild der Realität wurde. Bevölkert wurde der „Loop“ schließlich von „Menschen“, die nie ahnten, dass sie nur im Inneren einer digitalen Matrix existierten.

Das „Loop“-Projekt scheiterte, als eine virtuelle Epidemie ihre Bewohner befiel und aussterben ließ. Das Grauen trug die Gestalt einer jungen Frau namens Sadako Yamamura, die es mit Hilfe eines trickreich verseuchten Videobandes in die künstliche Welt brachte. Schließlich bestand der „Loop“ nur noch aus Yamamura-Kopien und starb schließlich aus. Das Projekt wurde abgebrochen, sein Schöpfer, der Amerikaner Christopher Eliott, zog sich in die wissenschaftliche Emigration zurück.

Doch ist der „Loop“ wirklich „tot“? Kaoru kommt der schreckliche Verdacht, dass der „Ring“-Virus gar nicht Ergebnis einer natürlichen Mutation ist, sondern ursprünglich aus dem „Loop“ kam. Wenn dem so ist, müssten sich in den Unterlagen des Projekts Hinweise auf seine Bekämpfung finden lassen. Kaoru macht sich deshalb auf in die USA. In der Wüste New Mexicos stößt er auf das, was er gesucht hat. Allerdings ist die Wahrheit hinter dem „Loop“-Mirakel ist weitaus grotesker als der gesunde Menschenverstand es sich träumen ließe – und Kaoru entpuppt sich als Schlüssel zur einzigen Hoffnung für die Menschheit, die in einer bizarren Verschmelzung zwischen Realität und Simulation liegt …

Erfolge in Serie – seien sie geschrieben oder verfilmt – unterliegen wie die Protagonisten unserer Geschichte einem Fluch: Sie verlieren an Wirkung und schwächen sich zur Routine ab. Auch [„Ring II – Spiral“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=251 bestätigte diese alte Binsenweisheit aufs Bedauerlichste. Das drosselt die Erwartungen, die sich an eine weitere Fortsetzung knüpfen.

Überraschung: „Ring III – Loop“ ist ein sauber geplotteter und flott geschriebener Lesespaß, der den allzu routinierten Vorgänger glatt vergessen lässt. Tatsächlich ist der dritte (und bisher letzte) Roman der „Ring“-Reihe womöglich der beste. Dafür gibt es mehrere Gründe.

So gefällt vor allem Suzukis Bereitschaft, sich von den Wurzeln seiner Saga zu lösen. [„Ring“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=170 begann als Gruselgeschichte um eine ermordete, von den Toten rächend auferstehende Geisterfrau, die sich der (zum Zeitpunkt ihres Erscheinens) modernen Technik bediente, um Schrecken und Tod über ihre Opfer zu bringen. Später löste Science-Fiction den Horror ab: Sadako Yamamura „outete“ sich als personifizierte Inkarnation eines intelligent gewordenen Virus‘, der sich die Menschenwelt untertan machen wollte.

Dies lesen und sich fragen, wie es jetzt noch weitergehen könnte, lag nahe. Verfasser Suzuki ließ sich vier Jahre Zeit. Ihm gelang es in der Tat, eine logische Fortsetzung für seine Geschichte zu finden. Das muss freilich an dieser Stelle betont werden, denn inzwischen ist Suzuki ein Opfer der Zeit geworden: „Loop“ scheint die Imitation der Hollywood-Blockbuster-Trilogie „Matrix“ zu sein, so zahlreich sind die inhaltlichen Parallelen. Tatsächlich ist es höchstens umgekehrt, denn „Ring III“ war früher da. Offenbar haben sich eher die Wachowski-Brüder „inspirieren“ lassen …

Wobei die Idee der simulierten zweiten Realität ohnehin ein alter Hut der Science-Fiction ist. Daniel F. Galouye hat mit „Simulacron-3“ (dt. „Welt am Draht“/“Simulacron-Drei“) 1964 sicherlich den (verfilmten) Klassiker geschaffen. Der von der Kritik verehrte Philip K. Dick hat diese Idee gleich mehrfach kongenial durchgespielt, vielleicht am effektvollsten 1969 mit [„Ubik“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=652 (dt. „Ubik“).

Auch Suzuki hat also das Rad nicht erfunden, aber er weiß es im Rahmen seiner Möglichkeiten geschickt rollen zu lassen. Selbstverständlich könnte man mäkeln – über den allzu kunstlosen Erzählstil, die nur scheinbar dreidimensionalen Figuren, über die unnötige Reise nach USA, die vollständige Entzauberung des Yamamura-Mythos … Doch was ist die „Ring“-Saga eigentlich? Doch „nur“ Unterhaltungs-Handwerk, eine spannende Geschichte, die hier mutig ein neue Wendung nimmt und nicht nur ihre gelungene Fortsetzung, sondern auch eine zufriedenstellende Auflösung erfährt.

Dass „Ring III“ in der Zukunft spielt, wird übrigens nur am Rande deutlich. Science-Fiction kommt höchstens ins Spiel, wenn Suzuki (halbwegs) glaubhaft Technobabbel kreiert, wo virtuelle Welten oder Klone geschaffen werden. Politisch und gesellschaftlich hat sich sonst offenbar auf der Erde nichts Gravierendes getan.

Es klang bereits an: Von liebgewonnenen Figuren der „Ring“-Folgen 1 und 2 müssen wir uns verabschieden. Ein Trostpflaster schenkt uns der Verfasser jedoch: Der allzu neugierige Journalist Asakawa, die böse Sadako Yamamura sowie der zynische Ryuji Takayami tauchen in einer ausführlichen Rückblende auf, die (da war Suzuki im zweiten Teil wesentlich ungeschickter) nicht einfach eine Nacherzählung der Vorgeschichte ist, sondern diese gleichzeitig des besseren Verständnisses wegen und zur Erinnerung erzählt und gleichzeitig in ihren neuen, veränderten Handlungsrahmen stellt.

Ansonsten treffen wir – nicht ohne Grund, wie wir schließlich erfahren – in der Person des Kaoru Futami die typische „Ring“-Hauptfigur wieder: Der junge Mann ist eigentlich nur neugierig (bzw. in diesem Fall wissbegierig), ein Jedermann, der eher zufällig in das bedrohliche Geschehen verwickelt wird und dabei mächtig einstecken muss. Eine unglückliche Liebesgeschichte gehört ebenfalls zum Plot, während es dieses Mal keinen guten Freund an der Seite des Helden gibt.

Die japanische Welt ist dem westlichen Leser in „Ring III“ nur mehr bedingt fremd. Suzuki hat seine Geschichte „globalisiert“, lässt sie auf vielen Seiten sogar in den USA spielen. Nur noch selten finden sich die interessanten Eigenheiten der japanischen Gesellschaft. Weiterhin Unzufriedenheit dürfte bei den weiblichen Lesern die traditionelle asiatische „Unterwürfigkeit“ der auftretenden Frauen hervorrufen.

Christopher Eliott zieht als ebenso weiser wie undurchsichtiger „Gottvater“ aus dem Hintergrund die Fäden. Wie er seinen „Sohn“ zur Rettung der Welt schickt, weist durchaus Parallelen zur biblischen Geschichte auf, was zweifellos beabsichtigt ist und immer noch dazu taugt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und der Kritik Vielschichtigkeit vorzugaukeln.

Suzuki Kôji wird uns auf dem Cover inzwischen nicht mehr als „Japans Antwort auf Stephen King“ verkauft, sondern hat es zu „Japans Bestsellerautor #1“ gebracht; praktisch, wenn ein Land so weit entfernt und fremdartig ist, dass sich solche Behauptungen kaum überprüfen lassen … So enthusiastisch dröhnt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist.

Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich den zugewiesenen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen. Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab ab 1991 seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 diesen Roman verfilmte. Trotz vieler Änderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen einschlägigen Websites verwiesen. Ihrem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

Ruth Rendell – Dunkle Wasser

Das geschieht:

Kingsmarkham ist eine Kleinstadt in der britischen Grafschaft Sussex. In diesem Spätherbst haben sintflutartige Regenfälle den Kingsbrook und die anderen Flüsse über die Ufer treten lassen. Ganze Landstriche versinken in den Fluten, ein Ende der Wolkenbrüche ist nicht abzusehen. Auch dem Haus von Chief Inspector Reginald Wexford droht die Überflutung. Der Kriminalist ist daher abgelenkt, als dem Dezernat für Kapitalverbrechen ein seltsames Vorkommnis gemeldet wird: Die Geschwister Giles (15) und Sophie (13) Dade sind verschwunden. Ebenfalls vermisst wird Joanne Troy, eine Freundin der Familie, die ein Auge auf sie halten sollte.

Während Vater Roger, ein strenger und humorloser Mann, das Verschwinden seiner Kinder vor allem als Ärgernis zu betrachten scheint, verfällt Mutter Katrina der Hysterie und vermutet Sohn und Tochter irgendwo ertrunken in den Hochwasserfluten. Ein bei der Suche angeschwemmtes Shirt von Sophie könnte dies bestätigen, aber Wexford glaubt eher an eine Entführung. Ruth Rendell – Dunkle Wasser weiterlesen

Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8)

In Los Angeles wird die Leiche eines vor Jahrzehnten ermordeten Kindes entdeckt. Ein engagierter Polizist weigert sich den Fall zu den Akten zu legen und gerät darüber mit seinen Vorgesetzten und den Medien in Konflikt … – Der achte Harry-Bosch-Roman besticht weniger durch einen verzwickten Plot als durch die quasi dokumentarische Darstellung des modernen Polizeialltags. Im Vordergrund steht die Aufklärung eines Verbrechens, dessen Tragik die genretypischen Verfolgungsjagden und Schießereien weitgehend überflüssig macht.  Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8) weiterlesen

Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5]

Eine Gruppe berühmter Bühnenmagier wird vom Tod heimgesucht. Polizistin Mallory, ermittelt ein Rachemotiv, das tief in die Vergangenheit zurückführt. Der Täter muss einer der Illusionisten sein. Da diese zwar alt aber überaus fähig sind, täuschen sowohl Verdächtiger als auch potenzielle Opfer die Polizei mit immer neuen Zaubertricks, während die Leichen sich mehren … – Der fünfte der Mallory-Krimis verblüfft erneut mit Thriller-Härte und surrealen Zügen sowie mit unkonventionellen Figuren, kann aber nur bedingt an die grandiosen Vorgängerbände anschließen.
Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5] weiterlesen

Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit

Eisfeld Jeschke Marsfieber Cover kleinDer Mars: Faszination und Schrecken

Dieses Buch bietet einen Streifzug durch die Geschichte der Marsforschung. In zehn Kapiteln wird sie konterkariert durch die Dokumentation des Einflusses, den der rote Planet auf Kunst, Literatur und Film nahm. Die Darstellung setzt zeitlich nicht in der Vorzeit oder der Antike, sondern mit dem Beginn der Neuzeit oder präziser: mit dem Beginn der modernen Astronomie Ende des 16. Jahrhunderts ein. Die Instrumente dieser Epoche ermöglichten zum ersten Mal einen direkten Blick auf den Mars und signalisierten den Start seiner wissenschaftlichen Erforschung.

Frisch erworbenes Wissen wirft stets weitere Fragen auf und befördert ganz neue Dimensionen des Irrtums. Das „Marsfieber“ schreibt in dieser Hinsicht ein eigenes Kapitel. Noch viele Jahrhunderte blieben die Teleskope erdgebunden. Aufgrund der astronomischen Entfernung blieb das Bild vom Mars buchstäblich vage. Wie man das, was man nicht richtig sehen konnte, durchaus guten Gewissens erfand, stellt eine Lektion in wissenschaftlicher Fantasie dar: Eisfeld und Jeschke drucken viele Marskarten ab. Sie zeigen eine Marsoberfläche, die es niemals gab. Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit weiterlesen