Band 1: „Angels‘ Pawn“
Band 2: „Engelskuss“ („Angels‘ Blood“)
Band 3: „Angels‘ Judgment“ in „Must Love Hell Hounds“-Anthologie
Band 4: „Engelszorn“ („Archangel’s Kiss“)
Band 5: „Archangel’s Consort“ (2011)
Die Vampirjägerin Elena Deveraux wurde im ersten Teil von dem Erzengel Uram im Kampf getötet. Raphael, der Erzengel New Yorks, hat sie aus Liebe gerettet, indem er ihr Ambrosia gab und sie dadurch zu einem Engel wurde. Ein Jahr später erwacht Elena aus dem Koma und muss sich nun mit ihrem neuen Dasein sowie den körperlichen Veränderungen arrangieren. Sie befindet sich in der geheimen Zufluchtsstätte der Engel, wo sie sich erholen soll, die Geschichte der Engel lernen und ihre neuen Fähigkeiten trainieren muss.
_Es ist eigentlich paradox._ Jahrelang gehörte Uli Hoeneß zu den schillernden Gestalten der deutschen Fußballwelt, polarisierte ständig mit Statements und Äußerungen über die Stellung ‘seines‘ FC Bayern, galt als Haarspalter der deutschen Ballsportnation, wurde für seine legendären Wutreden und seinen permanenten Hitzkopf auch wieder als Kultobjekt gefeiert. Nun, was ist jetzt paradox? Definitiv die Tatsache, dass der Mann, der sich mit seinem Übergang in das Präsidentschaftsamt des größten deutschen Interessenvereins im Prinzip in den Vorruhestand begeben hat, plötzlich in der hiesigen Literatur so umfassend gewürdigt wird. Christoph Bausenwein hat unlängst mit der sehr ausführlichen Biografie „Das Prinzip Uli Hoeneß“ erfolgreich vorgelegt und ein klares Zeichen in Sachen Persönlichkeitsbeschreibung für den deutschsprachigen Markt gesetzt. Mit anderen Worten: Viel besser, detaillierter und wortgewandter kann man eine objektive Geschichte über einen solch komplex gestrickten Menschen kaum zusammentragen.
Patrick Strasser hat es daher ungleich schwerer, mit seinem Werk „Hier ist Hoeneß!“ Fuß zu fassen und den vielleicht nicht beabsichtigten, aber unvermeidlichen Konkurrenzkampf ohne Blessuren zu überstehen. Alleine schon die reduzierte Quantität macht ihm einen klaren Strich durch die Rechnung, da er auf den gut 300 Seiten nicht alle pikanten Themenbereiche anreißen kann, die im Zusammenhang mit dem einstigen Bayern-Manager wirklich belangvoll sind. Außerdem konzentriert sich Strasser nicht auf die gesamte Historie, sondern folgt in seiner Abhandlung nahezu ausschließlich brisanten Inhalten und den insgesamt wohl bekannteren Ausschnitten aus der persönlichen Biografie – knackig und bündig, fokussiert mag man auch sagen. Aber ist das dann auch noch der wahre Hoeneß, der sich hier zu Wort meldet?
Nun, die Antwort muss im Nachhinein ebenfalls ganz klar Ja lauten. Strassers Arbeit ist definitiv oberflächlicher, man mag auch sagen sensationslüsterner, deswegen aber kaum weniger lesenswert, zumindest als unabhängiges Werk. Die gesamte Aufteilung bringt einen komplett anderen Blick auf die Dinge, da nicht im klassischen Zeitraffer berichtet wird, sondern mit dem jeweiligen Schwerpunkt auf bestimmte Verhaltensweise und Konfliktpunkte. So stellt Strasser im Laufe seiner Schilderung im Kapitel „11 Feinde müsst ihr sein“ ein komplettes Fußballteam mit Persönlichkeiten auf, die Hoeneß in seiner Laufbahn zu hassen gelernt hat. Dies zunächst als Beispiel. Doch auch sonst handelt der Autor vollkommen themenbezogen und beschreibt einerseits die gute Seele des stets hochroten Enthusiasten, andererseits aber auch seine Einstellungen zu klassischen Management-Themen oder eben auch die wohlbekannte Hitzköpfigkeit, die ihm schon die verschiedensten Titel in mehr als 30 Jahren beim FC Bayern eingebracht hat.
Nur, und da würde man dem Werk seines Kollegen Bausewein jederzeit den Vorzug geben: Den Anspruch, das Leben dieses Menschen komplett erfasst zu haben, seinen Lebensweg im Anschluss verstehen zu können und vor allem den Charakter mit all seinen Facetten in den Blickpunkt gerückt zu haben, sollte Strasser an sein Buch nicht haben. Es geht eher darum, das mediale Interesse an Hoeneß zu beurkunden, herauszustellen, warum dieser Mann selbst in Zeiten jenseits von Gut und Böse eine der gefragtesten Persönlichkeiten in der TV- und Boulevardlandschaft geblieben ist, letzten Endes aber auch sein verwöhntes Erfolgsstreben an festen Eckpunkten zu dokumentieren und den postwendenden Erfolg in seiner allgemeinen Kontrastwirkung zu analysieren.
_Wo Bausewein vorrangig Infotainment_ auf höchstem Niveau bietet, geht es bei Strasser um die pure Unterhaltung, oftmals angeheizt durch einen gewissen Zynismus, zugleich aber auch von humorigen Passagen und eleganten Wortspielereien untermalt. Außerdem spürt man, dass der Autor eine bestimmte Distanz zu der beschriebenen Person hat und sich ihr zwar verbunden fühlt, aber dennoch auch ein kritisches Augenmerk auf gewisse Situationen und Lebensabschnitte von Herrn Hoeneß legt. Die Daum-Affäre beispielweise wird kurz hervorgehoben, dann natürlich das kritische Verhältnis zu Intimfeind Willi Lemke, schließlich aber auch die Verdienste für den Verein, die persönliche Nähe zu Fans und Spielern und als allerletztes auch die ununterbrochenen Auseinandersetzungen mit den Herrschaften Rummenigge und Beckenbauer, die vor allem die letzten Jahre am Kaiserhof geprägt haben. Erstaunlich hierbei ist im Übrigen, dass Karl-Heinz Rummenigge als einer der engsten Vertrauten und Freunde vorgestellt wird, wohingegen in Bauseweins Buch noch von einer kleinen Hassliebe die Rede ist, im Zuge derer sich Hoeneß vom Bayern-Vize in seiner Position stets gefährdet sieht – andere Blickwinkel, andere Meinungen.
Doch gerade Letzteres gibt am Ende doch den Ausschlag pro Strasser, selbst wenn man in „Das Prinzip Uli Hoeneß“ eigentlich schon alles Wissenswerte über den Menschen und die Karriere des vielleicht gewieftesten wie emotionalsten deutschen Geschäftsmannes erfahren hat. Hier und dort geht „Hier ist Hoeneß“ ein bisschen mehr in die Tiefe und liefert die nötigen Ergänzungen zu manchen kleinen Details. Aber auch das ist wichtig: Patrick Strasser schreibt letzten Endes eine Ergänzung, die als eigenständiges Werk sicher ganz gut funktioniert, für eine umfassende Biografie aber zu sehr an der Oberfläche bleibt, zumindest in vielen bedeutsamen Aspekten. Vergleichbar sind die beiden Hoeneß-Bücher daher nur in den vielen inhaltlichen Parallelen. Da man aber jeweils von einem völlig anderen Ansatz startet, sollte man schon beide gelesen haben, um das Phänomen Uli Hoeneß besser begreifen zu können. Muss man sich indes entscheiden, ist Bauseweins Arbeit aufgrund ihrer vermehrten Vielschichtigkeit sicher vorzuziehen!
Band 1: [„Stadt der Untoten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4980
Band 2: „Nation der Untoten“
Band 3: _“Welt der Untoten“_
_Inhalt:_
Zwölf Jahre nach den grauenhaften Ereignissen auf Govenors Island, New York, bei denen der UN-Waffeninspektor Dekalb ums Leben kam, kämpfen die letzten Menschen immer noch gegen die Horden der Untoten. Die Zahl der Ghoule wächst beständig, in dem Maße, wie die Menschheit immer weniger wird. Die somalische Soldatin Ayaan hat Dekalb geschworen auf seine Tochter Acht zu geben und sie zu beschützen. Mittlerweile ist Sarah zwanzig Jahre alt und besitzt die Gabe, die tote Energie der Ghoule zu sehen. Als Soldatin hingegen sind ihre Fähigkeiten eher schwach ausgeprägt. Bei einem weiteren Einsatz in der Wüste wird die Einheit von Ayaan von einer Gruppe Untoter angegriffen, die völlig anders agieren als gewohnt. Die Ghoule taumeln nicht langsam und unkontrolliert auf ihre Gegner zu, sondern rennen mit beängstigender Geschwindigkeit präzise auf ihre Opfer zu. Es gibt herbe Verluste zu beklagen und schließlich fällt Ayaan dem Feind in die Hände. Sarah hat ihrer Freundin einst versprochen sie zu erlösen, sollte sie zu einem Ghoul mutieren. Ein Geist namens Jack, ein ehemaliger Freund ihres Vaters, hilft Sarah bei der Suche nach Ayaan. Gemeinsam mit dem Piloten Osman kapert Sarah einen Hubschrauber. Doch steht sie gegen die Übermacht der Untoten auf verlorenem Posten. So verhilft ihr Jack zu neuen Verbündeten – jahrtausendealte Mumien. Mit ihrer Hilfe hofft Sarah Ayaan aus den Fängen des Zarewitsch befreien zu können. Doch der russische Leichenherr im Körper eines verkrüppelten Jungen hat seine eigenen Pläne und will die versehrte Erde zu einer Welt der Untoten machen …
_Meinung:_
„Welt der Untoten“ ist der krönende Höhepunkt der Zombie-Trilogie aus der Feder von David Wellington, der sich bereits mit seinem Vampir-Dreiteiler (ebenfalls erschienen bei PIPER) einen Namen gemacht hat. Protagonistin ist dieses Mal, neben Ayaan, Sarah, die Tochter von Dekalb, der auf Govenors Island zurückblieb. Treffsicher gelingt Wellington die Charakterisierung der beiden jungen, unterschiedlichen Frauen. Die eine hart, unerbittlich und kriegerisch versucht die andere lediglich zu überleben, sich nützlich zu machen und angesichts des allumfassenden Grauens nicht den Verstand zu verlieren. Die magisch-fantastischen Komponenten, die in den ersten beiden Romanen nur am Rande eine Rolle spielten, treten im vorliegenden Buch in den zentralen Fokus. Der Leser wird mit allerlei Abarten und Mutationen der Untoten konfrontiert, die direkt den Alpträumen eines Clive Barker entsprungen zu sein scheinen. Mit den Zombieszenarien eines Goerge A. Romero hat David Wellingtons Roman indes nichts mehr gemein. Die literarisch-geistige Distanz wird auch im Ausdruck deutlich, denn der Autor vermeidet es auf den 400 Seiten konsequent den Begriff „Zombie“ zu verwenden. Die alternative Bezeichnung lautet Ghoul, der im Sinne eines menschenfleischfressenden Dämons benutzt wird, mit den arabischen Mythengestalten aber nichts zu tun hat. Die Szenerie der „Welt der Untoten“ ist sehr viel bizarrer, abgedrehter und unwirklicher als in den anderen Romanen, die noch einen unverkennbaren Realitätsbezug hatten. Die Geschichte spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der die Menschheit eine verschwindend geringe Minderheit darstellt. Die Fülle an Figuren und Begriffen würde einen unbedarften Leser schnell überfordern, so dass es unabdingbar ist, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Auf ein Glossar, wie im zweiten Band „Nation der Untoten“, muss verzichtet werden. Waffensysteme und militärische Abkürzungen werden im Kontext erklärt. Auch in diesem Buch outet sich Wellington als Waffennarr und Militär-Fan was auf die Dauer sehr ermüdend und überfrachtet wirkt. Hinzu kommt ein sehr actionlastiger und handlungsorientierter Schreibstil, der wenig Möglichkeit zur Reflektion bietet. Das führt dazu, dass der Leser zwischen all den Lebenden, Toten und Leichenherren den Überblick zu verlieren droht. Einzig die plakative Brutalität und der zynische, schwarze Humor wirken in der ansonsten staubtrockenen Zombie- … Verzeihung … Ghoul-Apokalypse reichlich erfrischend.
Das handliche und stabile Taschenbuch ziert ein kunstvolles Covermotiv des Künstlers Dan Dos Santos. Papier, Satz und Lektorat lassen keine Wünsche offen.
_Fazit:_
Im abschließenden Teil seiner Zombie-Trilogie verrennt sich der Autor in mystischen Magie-Duellen, militärischen Fachbegriffen und einem unwirklichen Apokalypse-Szenario. Eher etwas für Fantasy-Fans, die sich auch von brutalen Zombie-Massakern nicht abschrecken lassen.
|Taschenbuch: 398 Seiten
Originaltitel: Monster Planet (2007)
Aus dem Amerikanischen von Andreas Decker
Titelillustration/Titelgestaltung von Dan Dos Santos/Agentur Luserke
ISBN-13: 9783492266871|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de
[www.brokentype.com/davidwellington]http://www.brokentype.com/davidwellington
_Florian Hilleberg_
_David Wellington bei |Buchwurm.info|:_
[„Der letzte Vampir“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4613
[„Krieg der Vampire“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5894
[„Vampirfeuer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6230
Einst abgestraft und in den Keller versetzt, ermittelt Vizekommissar Carl Mørck nun mit dem Sonderdezernat Q in seinem zweiten Fall. Diesen hat Mørck eher dem Zufall zu verdanken, denn eines Tages liegt die Akte eines vermeintlich gelösten Kriminalfalls auf seinem Schreibtisch, und niemand weiß, wie sie dorthin gekommen ist. Dennoch macht sich Mørck mit seinem Assistenten Assad sogleich an die Arbeit und vertieft sich in den Fall des ermordeten Geschwisterpaars aus Rørvig. 20 Jahre zuvor sind die beiden in einer kleinen Waldhütte brutal ermordet worden, in Verdacht stand damals eine Clique von Jugendlichen aus reichem Hause. Doch nachgewiesen werden konnte ihnen die Tat nicht – bis einer der sechs die Tat gesteht und seitdem im Gefängnis seine Strafe absitzt. Schon nach kurzer Recherche glaubt Mørck nicht an die Schuld des einen allein, immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass auch die anderen fünf ihren Teil der Schuld tragen.
Dieser Mord bleibt nicht die einzige Tat, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der reichen Jugendlichen geht. Vielmehr scheinen diese Schuld an einer Reihe von Überfällen und Misshandlungen zu sein. Nur konnte ihnen keine der Taten angelastet werden. Während Kristian Wolf nicht mehr am Leben ist und Bjarne Thøgersen im Gefängnis sitzt, sind die verbleibenden drei Männer – Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin – an die Spitze der Karriereleiter aufgestiegen. Daher erscheint es in der Gegenwart umso schwieriger, diese angesehenen Mitglieder der Gesellschaft mit den damaligen Taten in Verbindung zu bringen. Doch nun müssen sich die drei nicht nur vor dem Sonderdezernat Q in acht nehmen, sondern auch vor Kimmie Lassen, die als einzige Frau damals zu der gefährlichen Clique gezählt hat, die aber nach einem Schicksalsschlag auf der Straße lebt. Doch Kimmie hat nicht vergessen, was die Männer der einstigen Clique ihr angetan haben und so verfolgt sie die drei auf Schritt und Tritt, während sie sich gleichzeitig vor den Häschern ihrer früheren Freunde geschickt versteckt hält.
Carl Mørck ahnt noch nicht, was Jensen, Pram und Florin alles auf dem Kerbholz haben und dass Kimmie Lassen bereits Jagd auf die drei macht. Stattdessen schlägt sich Mørck mit seiner neuen Sekretärin Rose herum, die ihm anfangs gehörig auf die Nerven geht, die dann aber genau wie Assad ihren Teil dazu beiträgt, die Jugendclique von einst auffliegen zu lassen …
_Dänenpower_
Nach „Erbarmen“ handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um den zweiten Fall des Sonderdezernats Q, an dessen Spitze Carl Mørck agiert. Und der steht als geschiedener Mann ganz in der Tradition anderer Kriminalkommissare. Zudem war er nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem einer seiner Kollegen ums Leben gekommen und der zweite schwer verletzt worden ist, in psychologischer Behandlung. Allerdings ging Mørck nicht nur zu den Sitzungen, um sich seine Probleme von der Seele zu reden, sondern weil er der Psychologin zu gerne an die Wäsche gehen würde. Doch leider hat diese noch nicht angebissen, und seine eher unbeholfenen Annäherungsversuche, die er in „Schändung“ wagt, dienen auch nicht gerade dazu, dass Mørck endlich einmal wieder bei einer Frau zum Zuge kommt. Zwar scheint er nicht ganz so depressiv zu sein wie sein schwedischer Kollege Kurt Wallander, aber viel fehlt auch nicht daran, denn auch zu Hause ärgert er sich mit seinem Sohn und seinem merkwürdigen Untermieter herum, zudem überlegt er, seinen querschnittsgelähmten Kollegen zu Hause zu pflegen. Viele Probleme sind es also, mit denen Mørck zu kämpfen hat und die ihn von seinem Fall ablenken.
Zudem weht ihm beruflich ein kräftiger Wind entgegen: Sein Vorgesetzter wirft ihm immer mehr Stöcke zwischen die Beine, um die Ermittlungen zu behindern, bis Mørck gar suspendiert wird. Doch den Kopf steckt er deswegen nicht in den Sand, stattdessen legt er sogar noch eine Schippe drauf. Dies zeigt die starke Seite des Vizekommissars, die mir persönlich deutlich besser gefallen hat als die verzweifelte Seite Mørcks, bei der er im Selbstmitleid versinkt, weil er seit Urzeiten mit keiner Frau mehr im Bett gewesen ist.
Sehr gut gefallen haben mir Assad und Rose als fleißige, aber manchmal auch recht aufmüpfige und eigensinnige Assistenten im Sonderdezernat Q. So überrascht Assad bei so manch einer Vernehmung mit seinen teils eher unqualifizierten Bemerkungen und Fragen, die aber manchmal dann doch genau ins Schwarze treffen. Und auch Rose sorgt für einigen Wirbel, wenn sie neue Tische für die Kellerräume bestellt, damit sie auf ihnen ihre Akten sortieren kann. Doch die nur halb aufgebauten Tische machen das Chaos im Keller schließlich perfekt. Dennoch lässt sich Rose von nichts aus der Ruhe bringen und überhört so manche (nicht allzu freundlich gemeinte) Ermahnung ihres Chefs.
Neben Mørck ist Kimmie Lassen die zweite Hauptfigur des Kriminalromans. Sie lebt auf der Straße, obwohl sie aus reichem Hause stammt und ein großes Haus besitzt. Geldsorgen hat sie demnach nicht, doch muss sie sich vor ihren früheren Freunden versteckt halten. Doch was hat sie damals erleben müssen, das ihr Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hat? Nur langsam nähern wir uns der Lösung dieses Rätsels. Kimmie Lassen ist in diesem Buch am schwierigsten zu durchschauen, da Jussi Adler-Olsen uns zunächst nur wenige Informationen über Kimmie und ihre Vergangenheit Preis gibt. Genau dies macht Kimmie umso interessanter, auch wenn anfangs noch gar nicht klar ist, dass sie eine dermaßen zentrale Rolle in diesem Roman spielt. Ihre ehemaligen Weggefährten dagegen blieben für meine Begriffe etwas zu blass. Jensen, Pram und Florin sind ziemlich stereotyp gezeichnet, sie sind die Jungs aus reichem Hause, die auf Kosten anderer ihre Gewaltfantasien ausleben und auch heutzutage ihre Macht immer wieder aufs Neue ausnutzen – sei es bei der Jagd auf Mensch und Tier oder gegenüber ihren Angestellten.
Insgesamt hat mich die Charakterzeichnung somit nicht vollkommen überzeugt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Mørck zu durchschauen, wenn man den ersten Teil „Erbarmen“ nicht gelesen hat. Seine privaten Probleme werden hier nur am Rande erwähnt, sodass man sich zusammen reimen muss, dass er geschieden ist und sein Sohn noch bei ihm im Hause wohnt. Welche Probleme es aber in der Ehe und mit seinem Kind gegeben hat bzw. noch gibt, konnte ich mir nicht erklären. Schade fand ich auch, dass nur angedeutet wurde, was bei dem Polizeieinsatz passiert ist, bei dem Mørcks einer Kollege gestorben und der andere schwer verletzt worden ist. Ganz aufgeklärt ist dies wohl noch nicht, eventuell gibt das Stoff für das nächste Buch, im vorliegenden bleibt diese Tat jedenfalls ziemlich in der Luft hängen.
_Jagd auf die Jäger_
Was dagegen nahezu perfekt gelungen ist, ist der Spannungsbogen. Zunächst sind Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin diejenigen, die Jagd machen – auf wehrlose Tiere und auch auf Kimmie. Die aber dreht irgendwann den Spieß um, was der Handlung deutlich mehr Tempo verleiht. Zu Beginn ahnt man noch nicht, welche Rolle Kimmie im gesamten Gefüge spielt, doch je mehr Puzzleteile an den richtigen Platz rücken, umso mehr möchte man wissen, was sich hinter den verbleibenden Lücken verbirgt, was damals wirklich geschehen ist und wieso Kimmie auf der Straße gelandet ist. Was Jussi Adler-Olsen uns hier schließlich eröffnet, hat es in sich. Hier hat der Autor aus dem Vollen geschöpft, um seine Leser zu schockieren. Beim Finale übertreibt Adler-Olsen es zwar ein klein wenig, doch immerhin gerät die Auflösung wirklich schlüssig.
Carl Mørck mit seinen eigenwilligen Assistenten Assad und Rose hat im Krimigenre sicherlich eine blendende Zukunft vor sich, wenn Jussi Adler-Olsen es weiterhin so gut versteht, seine Leser so sehr zu packen und sie mit zu reißen. Allerdings würde ich mir für das nächste Buch wünschen, dass endlich aufgeklärt wird, was bei dem missglückten Polizeieinsatz damals schief gegangen ist, noch länger sollte Adler-Olsen seine Leser nicht mit Andeutungen hinhalten. Auch in puncto Nebencharaktere könnte er beim nächsten Mal ein klein wenig einfallsreicher sein, dann dürfte der dritte Fall des Sonderdezernats Q sicherlich zu einem äußerst lesenswerten Krimi werden!
|Taschenbuch: 460 Seiten
ISBN-13: 978-3423247870
Originaltitel: |Fasandræberne|
Deutsch von Hannes Thiess|
http://www.dtv.de/
Hispanien, frühes 8. Jahrhundert: Morvan de Bres, der für seine treuen Dienste unter Pelagius, dem Gründer des Königreichs Asturien, ein Lehen in den Bergen im Norden der iberischen Halbinsel zugesprochen bekommen hat, ist erst wenig begeistert: Der Großteil seines neuen Landes scheint vertikal, und die störrischen Bewohner stehlen ihm als erstes seine Pferde. Dem räuberischen Trupp gehört sogar eine junge Frau namens Lua an, der man den Mund mit Seife auswaschen sollte.
Morvan weiß leider nur zu gut, dass er sich mit den Bewohnern seines Landes arrangieren muss, um die Gegend vor den immer häufiger werdenden Angriffen der Araber zu schützen. Zähneknirschend willigt er also ein, eines der Mädchen des störrischen Clans zu ehelichen, um als einer der ihren akzeptiert zu werden. Aia, die ältere Schwester Luas, bringt dieses Opfer gern, verheißt es ihr doch sozialen Aufstieg. Und Morvan sieht ja auch sehr gut aus, da kommt es dem Mädchen nicht darauf an, dass er ein Westgote und damit streng genommen ein Feind ist.
Lua ist sehr wenig begeistert von der Aussicht auf diesen Schwager, und Morvan wiederum gerät wegen der kleinen Wildkatze von Brautschwester immer wieder in Wut. Und doch, irgendeine Macht, die sie beide nicht benennen können, zieht sie unwiderstehlich zueinander hin. Und als wären die dräuenden Angriffe durch die Mauren und ein verwirrendes Spiel der Gefühle nicht schon genug an Ärger, verfinstert zudem noch eine sehr persönliche Bedrohung den Horizont des neuen Lehnsherren: Eine Familienfehde überschattete bereits sein ganzes Leben, und nun hat der Feind ihn ausfindig gemacht …
_Kritik_
„Historischer Roman“, sagt der Einband. Das ist, um mit Günther Grass zu sprechen, ein weites Feld: Da gibt es die sehr sorgfältig recherchierten Romane, in denen ein großer Schriftsteller den Lücken zwischen den historischen Fakten mit Zauberhand Leben und Seele verleiht, da gibt es weiterhin die vielleicht ebenfalls sorgfältig recherchierten, in denen die Lücken mit Klamauk und Klischees gefüllt sind, und dann gibt es jene, die „historisch“ sind, weil sie irgendwann in der Vergangenheit spielen, die ein kurzes Gerüst skizzieren und dann stillvergnügt auf gänzlich eigenen Pfaden wandeln. Der vorliegende Roman gehört der letzten Gattung an: Im Vordergrund steht ganz klar die Romanze zwischen zwei nicht wirklich alltäglichen (um nicht zu sagen, leicht überzeichneten) Charakteren. Der Rest ist irgendwie Beiwerk, und sowohl im Hauptstrang der Geschichte wie in den Nebenarmen wird auf Altbekanntes zurückgegriffen: Der perfekte Krieger mit dem Herzen aus Stein. Das wilde Mädchen, schön und unbezähmbar. Wahnsinnig treue Freunde. Die weise alte Frau. Der Antagonist, der sein ganzes Leben der Zerstörung seines Feindes gewidmet hat.
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber es dürfte klar sein, worauf ich hinaus will. Und bis jetzt klingt alles sehr negativ – ist es aber nicht. Das altbewährte Rezept geht hervorragend auf, wenn man den Roman aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet: Er hat keinen Lehrauftrag, er ist schlicht Unterhaltung. Kurzweil, seicht und angenehm, schrecklich romantisch und in so einfachem Stil, dass man binnen kürzester Zeit damit fertig ist. Und das ist, man kann es kaum deutlich genug sagen, auch mal wieder klasse. Man kann nicht andauernd große Literatur lesen, und für die Zwischenzeit ist dieses Buch quasi perfekt: Es hat mich gar nicht geärgert, niemand hat zum Beispiel aus Hörnern getrunken, trotz Frühmittelalters wird fast überhaupt nicht vergewaltigt, und niemand sagt andauernd schreckliche Dinge wie „holde Maid“ oder so. Dafür gibt es jede Menge Missverständnisse, Aussprachen, dunkle Gefühlswallungen und seufzende Küsse, und da verzeiht man auch schon mal so biologische Bedenklichkeiten wie die Person, die mit einem Schwert im Herzen noch all die Reden schwingen kann, die man noch schwingen muss, ehe man abtritt. „Die Flamme und das Schwert“ ist deshalb ein sympathisches Buch, weil es sich selbst nicht ernster zu nehmen scheint als es ist.
_Fazit_
Dieser Roman ist keine große Literatur. Wirklich nicht. Aber er ist ein herrlicher Schmöker, ein furchtbar romantisches Stück Unterhaltung, und wer einen geistig anstrengenden Tag hinter sich hat und bei an die Scheiben trommelndem Regen unter die Decken gekuschelt die Gedanken sachte abdriften lassen möchte, kann hier überhaupt nichts falsch machen.
|Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: La espada y la Ilama (2008)
Aus dem Spanischen von Daniela Pérez y Effinger
ISBN-13: 978-3499253850|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
Es gibt Träume, die bestimmte Menschengruppen verbinden. Man muss nicht über sie reden, aber sie sind da. Und dann, eines Tages, wenn jemand sie erwähnt, strahlen die Gesichter der Ähnlichdenkenden auf, und die allgemeine Antwort ist: Das habe ich immer schon gewollt.
Ein solcher Traum vieler Bücherwürmer ist eine Buchhandlung, in der man nicht nach guten, anrührenden, lebensverändernden Büchern suchen muss, weil das ganze Sortiment nur solche Perlen umfasst. Ivan Georg, seines Zeichens idealistischer Buchhändler, und Francesca Aldo-Valbelli, betuchte Bibliophile, wagen es, diesen Traum in die Realität umzusetzen. Die Bücher werden von einem streng geheim gehaltenen Komitee ausgewählt, das sich aus großen Schriftstellern zusammensetzt.
Die Reaktionen auf das neue Geschäft „Der gute Roman“ in Paris sind zwiespältig: Die Freunde guter Bücher kommen gern, kaufen viel, verlieren sich lesend zwischen den Regalen und den Realitäten, bis man sie sanft in die Wirklichkeit zurückholt und auf den Ladenschluss hinweist. Aber wie üblich gibt es auch die Gegenstimmen: Wer sich denn erdreiste, gute Bücher von anderen zu unterscheiden? Warum sei dieses oder jenes Buch nicht im Bestand? Was seien das überhaupt für Menschen, die dieses elitär-faschistische Denken in die Buchwelt brächten?
Die Idealisten sehen sich plötzlich von einer Welle wilder Diffamierungen und persönlicher Anfeindungen überrollt, mit der sie nicht gerechnet hatten, und dann werden einzelne Komiteemitglieder physisch angegriffen. Wer hat ein Interesse daran, Buchliebhabern zu schaden? Der belesene und daher in diesem Fall sehr eifrige Kommissar Heffner taucht ein in eine Welt aus Worten, Schein und Sein …
_Kritik_
Kennt ihr diese Art Bücher, bei deren Lektüre ihr euch erst wieder in der Wirklichkeit zurechtfinden müsst, wenn ihr mitten im Lesen aufschaut, weil ihr ganz weit fort getragen wart? Das hier ist eines davon. Wer ein gutes Buch liebt und um seine Macht weiß, begrüßt den Einfall der spezialisierten Buchhandlung natürlich jubelnd, und der Kampf, der um sie tobt, geht entsprechend unter die Haut. Aber oh, das ist ja nur der Anfang! Die Charaktere sind aufs filigranste geschnitzt – man ist sofort befreundet mit dem für seine Ideale lebenden Ivan und mit der ätherisch-traurigen Francesca, die in behutsamer Weise und mit unglaublich schönen Bildern beschrieben werden. Wie die Lebensgeschichten sich auf den Punkt hinbewegen, an dem letztendlich die Anschläge geschehen und die Polizei eingeschaltet wird, ist trotz aller Stille und Unaufgeregtheit herzzerreißend spannend gemacht.
Die Büchervernarrtheit der Autorin spricht aus jeder Seite; man nimmt Anregungen über Anregungen mit, und wenn ein bestimmtes Buch mit den wärmsten Tönen bedacht wird, setzt man es sofort auf die geistige Liste. Das war in diesem Falle für mich besonders spannend, als es sich häufig um französische Bücher handelt, von denen ich nur wenige kenne. Die angesprochenen internationalen Klassiker allerdings lassen vermuten, dass es sich auch bei den erwähnten Franzosen um wirkliche Kleinode handelt.
Aber Geschichte, Charaktere, wundervoller Stil und Anregungen sind nur die Einzelteile dessen, was „Der Zauber der ersten Seite“ ausmacht: Es berührt Geist und Herz, erfüllt mit Energie, macht traurig und glücklich, kurz: Es schneidet in dein Leben ein. Es ist eines dieser Bücher, zu dem man greifen kann, wenn man sich ansonsten den Strick nähme, von seiner Wirkung – wenn auch nicht vom Inhalt her – ist es direkt neben Alice Walkers „Im Tempel meines Herzens“ anzusiedeln. Es ist ein |gutes| Buch: Das Gute ist darin, und Güte strömt heraus, und es hebt empor und dämpft und tröstet, alles auf einmal. Es umschmeichelt den gesamten Menschen. Es ist ein so liebevolles Stück Literatur, dass mir wirklich und tatsächlich die passenden Worte fehlen. Man kann ihm nicht gerecht werden, indem man es zu beschreiben versucht.
_Fazit_
„Der Zauber der ersten Seite“ schoss binnen kürzester Frist in meine Ewigen Favoriten. Ich werde es hundertmal verschenken, aber ich werde nie zulassen, dass ich kein Exemplar besitze. Es ist eines der wundervollsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und ich werde es wieder lesen, bis ich es auswendig kann. Als ich es zugeklappt habe, hatte ich das Gefühl, ein lieber Freund sei eben weggegangen. Laurence Cossé ist eine Magierin an der Feder, und sie muss einen beeindruckend schönen Geist haben. Lesen, Leute, lest es – vor der Lektüre dieses Buches ist euer Leben ärmer als danach!
|Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Originaltitel: Au bon roman (2009)
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
ISBN-13: 978-3809025900|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes
_Dreg City:_
Band 1: _In drei Tagen bist du wieder tot_
Als ob einmal sterben nicht genug wäre … Evangeline, die Heldin in „In drei Tagen bist du wieder tot“ von Kelly Meding, erwacht nach ihrem Tod in einem fremden Körper, nur weil ihr Arbeitgeber glaubt, dass sie wichtige Informationen mit ins Jenseits genommen hat.
_Evangeline Stone arbeitet_ als Dreg-Jägerin. Ihre Aufgabe ist die Verfolgung von übernatürlichen Wesen wie Gargoyles, Feen oder Vampiren, die aus der Reihe tanzen. Bei einer ihrer Missionen stirbt sie, doch ihr Vertrauter und Vorgesetzter Wyatt lässt sie mit Hilfe eines riskanten Zauberspruchs wieder zum Leben erwecken. Vor ihrem Ableben war sie einer Verschwörung auf die Spur gekommen, die eine Gefahr für die Menschheit darstellen könnte. Die Informationen, die sie hat, sind wichtig, doch das ist nicht Wyatts einziger Grund für dieses ungewöhnliche Vorgehen. Er ist in Evy verliebt, hat es ihr jedoch nie sagen können.
Dummer Weise geht bei der Wiedererweckung etwas schief. Evy leidet an Gedächtnisverlust. An die wichtigen Informationen muss sie sich erst erinnern. Sie hat jedoch nur 72 Stunden Zeit dafür und diese drei Tage machen ihr ihre Feinde nicht besonders leicht. Viel zu schnell wird bekannt, dass sie nun in einem anderen Körper steckt und ihre Widersacher setzen alles daran, um sie auszuschalten …
_“In drei Tagen_ bist du wieder tot“ reiht sich nahtlos in die Reihe der Urban-Fantasy-Bücher mit der toughen Heldin mit großem Mundwerk ein. Evy ist eine Kämpferin, die für Gefühle nicht besonders viel übrig hat. Vom harten Leben als Waisenkind geprägt stellt sie sich jeder Auseinandersetzung und zeigt keine Furcht vor Vampiren und Co. Evy wirkt authentisch, es macht Spaß ihr zu folgen, aber Meding misslingt es, ihre Serienheldin wirklich originell zu gestalten. Sie erinnert im Kern zu stark an andere weibliche Charaktere derartiger Bücher.
Die Handlung klingt auf den ersten Blick originell. Die Autorin versucht diesem ersten Eindruck mit einer flotten Erzählweise und viel Action gerecht zu werden. Es fehlt stellenweise aber etwas an Ordnung. Die Handlung wirkt verworren, echte Höhepunkte fehlen. Dadurch bleibt die Spannung auf der Strecke. Die Welt, in der die Geschichte spielt, ist ansprechend. Neben Vampiren und Feen beinhaltet sie auch eher ungewöhnliche Wesen wie Gargoyles, Kobolde oder Gremlins. Man merkt jedoch, dass es sich bei dem Buch um Medings Debüt handelt. Insgesamt wirkt die Kulisse noch nicht wirklich ausgereift. Hintergrundinformationen fehlen, auch das Düstere, das die Autorin hinein bringen möchte, wirkt noch nicht so dunkel wie es sollte.
Schreiben kann die Debütantin allerdings schon ganz ordentlich. Ihre Wortwahl ist passend, der Stil flüssig. Vereinzelte Sprachbilder und eine gute Portion Humor runden das Gesamtbild ab. Die Geschichte liest sich schnell und einfach und vermittelt einen guten Einblick in Evys Gefühlswelt.
_Kelly Medings erster_ Roman ist ein nettes Stück Urban Fantasy, dem es aber an den entscheidenden Stellen noch an Originalität und Reife fehlt.
|Broschiert: 475 Seiten
Originaltitel: |Three Days to Dead|
Deutsch von Simon Weinert
ISBN-13: 978-3426283134|
http://www.pan-verlag.de
Auf der Flucht vor dem Gesetz stürzt ein Pilot auf hoher See ab und gerät auf eine Yacht, unter deren Besatzung sich ein Mörder verbirgt und die in der Nacht aus dem Wasser attackiert wird … – Die bizarre Geschichte wird mit ausgeprägtem Sinn für Spannung und Timing ohne Längen und unnötige Verwicklungen bis zum erstaunlichen Finale vorangetrieben: „Pulp at its best“, kompromisslose Nicht-Literatur auf hohem Unterhaltungs-Niveau.
Das geschieht:
Mit seiner alten DC-3 fliegt Pilot und Lebenskünstler Ed Koch jede Fracht von Puerto Rico in die USA und umgekehrt. Dieses Mal hätte er sich den Inhalt der transportierten Kisten besser anschauen sollen, denn sie enthielten Heroin, das von der Polizei entdeckt und beschlagnahmt wurde. Dass man ihn ebenfalls zur Rechenschaft ziehen wird, ist nur eine Frage der Zeit, weiß Koch, und tatsächlich taucht ein FBI-Agent auf, der ihn verhaften will. Koch wehrt sich und erschießt versehentlich den Mann. Nun bleibt ihm nur noch die Flucht.
Trotz eines schweren Sturms steigt er mit seiner Maschine auf. Doch die Natur ist gegen ihn. Die DC-3 stürzt über der Sargassosee ab. Koch hat noch Glück, denn die Maschine landet auf einem dicken Braunalgen-Bündel und bleibt über Wasser. Niemand wird ihn hier draußen jedoch suchen oder finden. Die Lage scheint aussichtlos, bis Koch durch den dichten Nebel plötzlich Klaviermusik hört: Auch die Yacht „Nymphe“ wurde vom Sturm beschädigt, das Funkgerät zerstört. Ohne Antrieb und Steuer treibt das Boot hilflos über den Atlantik.
Der gerettete Cook findet sich in einer eigentümlichen Gesellschaft wieder. Kapitän Moya Auberon steuerte mit ihrem Vater, dessen deutlich jüngeren Ehefrau Holly June, ihrem Ex-Mann und einigen undurchsichtigen Freunden die Bahamas an. Von Einigkeit gibt es auch in der jetzigen Krise keine Spur, stattdessen stiehlt und hortet jemand Lebensmittel für den Notfall – und ermordet in der Nacht den verletzt im Koma liegenden Koch Opie!
Gejagt vom Gesetz, gestrandet und an Bord mit einem Mörder: Kann es für Cook noch schlimmer kommen? Die Antwort ist klar, als Holly June behauptet, sie habe eine Gestalt gesehen, die sich im Nebel über die Algenbänke der Yacht näherte …
Pulp in seiner reinen, besten Form
„Pulp“: Dies bezeichnete ursprünglich das holzige Ausgangsmaterial, aus dem möglich kostengünstig das Papier für jene billig verkauften Magazine hergestellt wurden, die ab den 1920er Jahren für knallige, politisch unkorrekte und optimale Genre-Unterhaltung sorgten. Der Manuskript-Hunger der Herausgeber sorgte dafür, dass auch Neulingen eine Veröffentlichungs-Chance geboten wurde. Die Honorare waren niedrig, sodass vor allem fixe Autoren auf ihre Kosten kamen. Trotzdem – oder gerade wegen der limitierenden Faktoren? – gelangen vielen später berühmten Schriftstellern ihre ersten Schritte im Pulp-Getto. Andere Autoren lieferten hier ihr besten Arbeiten, denn niedrige Entlohnung, billiges Papier und bunte Titelbilder schlossen vielleicht literarische, keineswegs aber erzählerische Qualitäten aus. Diese Geschichten mussten nur einem Zweck genügen – nämlich ihre Leser unterhalten.
Nach dem II. Weltkrieg gingen die klassischen Story-Magazine allmählich ein. Sie wurden ersetzt vom Taschenbuch-Markt, auf dem das „Pulp“-Prinzip ebenfalls funktionierte. Weiterhin triumphierte, was die selbsternannten Wächter der wahren Werte u. a. Spielverderber die Nasen rümpfen ließ: Gewalt, Sex, Action, wobei die Reihenfolge ständig wechselte. Freilich besaß eben diese rohe, auf den Punkt gebrachte Verbrauchsliteratur ohne verklärenden Zuckerguss ihre ganz eigenen Qualitäten, wie Wade Miller mit „Die unheimliche Reise“ belegt.
Der Story – und nur der Story – dienen
1961 erschien dieser Roman bei Ace Books und damit in einem Verlag, der praktisch ein Synonym für effektvolle Reißer ist, die direkt auf den Bauch des Lesers zielen (und gern auch noch ein Stückchen darunter). Verfasser Miller befolgt perfekt die Vorgaben, die den Käufer nach „Die unheimliche Reise“ greifen lassen sollen. Wer die Inhaltsangabe studiert, kann im Grunde gar nicht anders, als neugierig zu werden. Sie lockt mit Köder-Begriffen wie „Flugzeug-Absturz“, „Hurrikan“, „Sargasso-See“, „steuerlose Segel-Yacht“ und beschwört bereits auf diese Weise eine ebenso spannende wie unheimliche Atmosphäre herauf.
Obwohl Miller jeder Effekt und jeder Trick recht ist, um seine Leser auf die Folter zu spannen, spielt er dennoch mit offenen Karten. Es gibt jede Menge Überraschungen aber keine verborgenen Hintertürchen. Zwar ist „Die unheimliche Reise“ nicht nur Krimi, sondern auch Abenteuer-Roman, doch Miller hält sich strikt an die Regeln des klassischen „looked room mystery“: Obwohl sich ein Nebenstrang der Handlung um nächtliche ‚Besuche‘ aus dem Algen-Dschungel dreht, gehört zur uns vorgestellten Besatzung, wer mordend auf der „Nymphe“ umgeht.
Realismus ist nur insoweit gefragt, wie er die Handlung spannender gestalten kann. Gleichzeitig sind Klischees keineswegs verpönt, sondern problemlos gestattete Gestaltungshilfen. „Pulp“-Storys müssen schnell geschrieben werden und sein. Auf diese Weise trägt der Schwung die Handlung über logische Löcher hinweg, in die sie ansonsten sicherlich stürzen würde. In unserem Fall lassen u. a. Cooks ‚Ausflüge‘ über die Algenwälder stutzen. De facto bilden die (tatsächlich existierenden) Algen der Sargasso-See keinen ‚begehbaren‘ Dschungel. Ebenso unwahrscheinlich – aber eben effektvoll – ist die Begegnung mit einem im Tang gefangenen Wikingerschiff, das Auftauchen eines zombiehaften Schiffbrüchigen oder die Invasion gefräßiger Mini-Krabben.
Eine kunterbunte, verdächtige Schar
Klischees bestimmen die Figurenzeichnung. Auch hier hat der „Pulp“ eigene Regeln: Die bekannten Standards werden überzeichnet und auf die Spitze getrieben, bis sie wieder unterhaltsam wirken. Die durch die neblige Sargasso-See treibende „Nymphe“ wird zu einem Geisterschiff der verloren Seelen, denn an Bord sind ausschließlich Männer und Frauen, die nicht nur düstere Geheimnisse hüten, sondern auch in der Gegenwart sehr exzentrisch auftreten.
Hauptfigur Ed Cook führt den Leser durch das Geschehen. Er ist der Außenseiter, der den objektiven Blick auf das auch ohne kriminelles Tun seltsame Reden und Handeln seiner ‚Retter‘ versucht. Dabei passt er selbst hervorragend in diese Runde, denn auch Cook ist ein Mann, der etwas verbirgt – und ein Mann, der noch im Moment der Rettung quasi verdammt ist.
Wiederum ohne Scheu vor offensichtlicher Effekthascherei setzt Miller die Besatzung der „Nymphe“ sexuellen Spannungen aus. Schon die Namen sind Hinweise: Moya Auberon ist die gleichermaßen erfahrene wie vom Leben enttäuschte, scheinbar kalte und unnahbare ‚Göttin‘, Holly June die junge, hübsche, dumme aber berechnende Schlampe. Die eine ist gar nicht so eisig, wie sie sich gibt; sie wartet nur auf den richtigen Mann (= Cook), die andere sorgt durch erotische Disziplinlosigkeit für eine weitere Zuspitzung der ohnehin explosiven Stimmung.
Das Ende ist gleichzeitig Anfang
Aufgrund des exotischen Schauplatzes ignoriert Miller, der im Krimi-Hauptplot ‚fair‘ spielt, ansonsten Genregrenzen. „Die unheimliche Reise“ bietet Horror und vor allem Abenteuer. Selbstverständlich gehen die Lebensmittel zu Ende, schwappen die Wogen ins lecke Schiff, warten hungrige Haie im Kielwasser der „Nymphe“ auf ihre Stunde. Einmal mehr muss man Miller dafür bewundern, dass er diese Klischees nicht nur direkt ansteuert, sondern sie in den Verlauf einer reizvollen Geschichte zu integrieren weiß. „Die unheimliche Reise“ bietet in den Einzelheiten nichts Neues. Insgesamt bietet dieser Roman reines Lektüre-Vergnügen. Miller hat ein ausgezeichnetes Gespür für Spannung und Stimmung. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Timing.
Höchstens der Schluss kommt ein wenig abrupt. Möglicherweise drohte der Redaktionsschluss, oder die vereinbarte Seitenzahl war erreicht. Miller bringt die Handlung jedenfalls recht abrupt zur Auflösung. Zu diesem Zeitpunkt ist das eigentliche Rätsel – wer mordet an Bord der „Nymphe“? – glücklicherweise bereits aufgeklärt. Nun gilt es, das Happy-End zu gewährleisten. Wie wäscht man einen Mann rein, der einen FBI-Mann – in den 1960er Jahren Repräsentant von Recht & Gesetz – umgebracht hat? Miller wusste es auch nicht bzw. griff auf die „Pulp“-Logik zurück – und dieses eine Mal überreizt er sein Blatt, was gar nicht einfach ist in einer insgesamt irrealen Story! Allerdings kann dieser eine ‚Ausrutscher‘ keinesfalls verderben, was auf 170 immer turbulenten Seiten vor den Augen des faszinierten Lesers entfesselt wurde!
Autor
Wade Miller ist das Pseudonym des Autorenduos Robert Allison „Bob“ Wade (1920-2012) und H. William „Bill“ Miller (1920-1961). Die beiden seit Schultagen unzertrennlichen Freunde debütierten 1947 mit „Guilty Bystanders“, dem ersten Roman der Serie um den Privatdetektiv Max Thursday, die von der Kritik zu den besten ihrer Zeit gezählt wird. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten schrieben Wade & Miller als „Wade Miller“, aber auch als „Will Daemer“, „Dale Wilmer“ und „Whit Masterton“ mehr als dreißig Romane, von denen immerhin neun verfilmt wurden. Unter diesen Filmen ragt hoch der Noir-Klassiker „Touch of Evil“ heraus, den 1958 Orson Welles mit Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich und sich selbst in den Hauptrollen inszenierte.
Als Miller 1961 völlig überraschend einem Herzanfall erlag, schrieb Wade im Alleingang weiter, beschränkte sich jedoch zukünftig auf das Pseudonym „Whit Masterton“. Sein letzter Roman erschien 1979. Dem Krimigenre blieb er jedoch bis zu seinem Tod als kundiger Spezialist und Autor der Kolumne „Spadework“ verbunden.
Taschenbuch: 174 Seiten Originaltitel: Nightmare Cruise (New York : Ace Books 1961)/The Sargasso People (London : W. H. Allen 1961) Übersetzung: N. N.
Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: (No Ratings Yet)
Ich bin deine Mutter und ich liebe dich.“ Das sagt Mom immer. Das nächste Wort lautet stets: „Aber …“
Die Familientreffen der Foxmans enden stets mit Türenschlagen und quietschenden Reifen, wenn Judd und seine Geschwister so schnell wie möglich einen Sicherheitsabstand zwischen sich und das Elternhaus bringen. Doch nun ist ihr Vater gestorben. Sein letzter Wunsch treibt allen den Angstschweiß auf die Stirn: Die Foxmans sollen Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle Totenwache halten. Das bedeutet, dass sie auf unbequemen Stühlen in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können. Nicht vor dem, was zwischen ihnen passiert ist – und nicht vor dem, was die Zukunft für sie bereithält …
_Meinung:_
New York – Judd Foxman (34) steht vor den Trümmern seiner Ehe, als er seine Frau in flagranti mit seinem Boss erwischt. Damit nicht genug, Judds Schwester Wendy ruft ihn an, um ihm mitzuteilen, dass sein Vater gestorben und dessen letzter Wille gewesen sei, dass seine Frau und Kinder eine sieben Tage lange währende Totenwache abhalten sollen. Judd, ohnehin privat gebeutelt, verspürt wenig Lust auf ein Treffen mit seinen untereinander zerstrittenen Geschwistern oder seiner extrovertierten Mutter. Aber er folgt dem letzten Wunsch seines Vaters und fährt zur Beerdigung und Totenwache in den Schoß der Familie.
Jonathan Tropper entwickelt daraufhin ein amüsantes, teils bissig-ironisches und immer höchst unterhaltsames Bild einer Familie, die die eigene sein könnte oder die „von nebenan“. Die Charaktere sind different, sehr lebendig, und vor allem authentisch gezeichnet, sodass sich der Leser sehr schnell als „Bestandteil“ des Kreises fühlen wird.
Da sind Paul und Philipp, Judds Brüder und ihre Schwester Wendy und die schrille Mutter, ihres Zeichens Psychiaterin. Judds Geschwister rücken alle mit ihren Partnern und Kindern an, und sehr schnell werden alle Konflikte spürbar, aber auch, dass die Familie (bis auf die Mutter) immer meisterhaft darin war, Gefühle zu unterdrücken.
Die ersten drei Kapitel des Romans lässt der Autor zum Einstieg den Leser am Scheitern von Judds Ehe (nach neun Jahren) teilhaben. Judds Erinnerungen sind so lebensnah, so menschlich und nachvollziehbar, dass man sofort von dem Roman gepackt wird. Besonders erfrischend ist dabei die offene Sprache des Autors, die aber niemals Partei (für ihn oder seine Frau) ergreift oder Klischees bedient – sie allenfalls auf die Schippe nimmt. Ab dem vierten Kapitel beginnt nach der Beerdigung des Vaters die Totenwache, und fortan wechselt die Handlung zwischen Gegenwart und Rückblicken auf Kinderheitserinnerungen, aber auch Judds Ehe.
Philipp, das Nesthäkchen der Familie, ist der Einzige, der auf der Beerdigung Gefühle zeigt und zusammenklappt – dann finden sich alle in ihrem Elternhaus wieder. Während der siebentägigen Zwangsnähe der Geschwister und der Mutter brechen die alten Konflikte deutlich aus, wird all der gegenseitige Groll endlich freigelassen – aber auch alte Verbundenheiten flackert auf. Judd stellt sehr schnell fest, dass der Tod „anstrengend“ ist und diese zwanghafte Totenwache erst recht.
Sympathisch ist auch zu sehen, dass Judd ähnliche Probleme hat, die man sie sonst Frauen nachsagt. Er hat als Mann nach dem Scheitern ähnliche Ängste. Finden ihn andere Frauen attraktiv? Wird er sexuell versagen, wenn er mit anderen Frauen schläft? Finden sie seinen Körper vielleicht zu „schwabbelig“? Er stellt sich aber auch ähnliche Fragen zum Scheitern seiner Ehe: Hat der andere einen größeren Schwanz? Vögelt er besser? Kann er länger? Und vieles mehr. Und genau |das| macht Judd sympathisch und „nah“. Darüber hinaus kämpft er seit seiner Trennung beim Anblick jeder hübschen Frau mit seinen sexuellen Phantasien … und begegnet der gutaussehenden Penny Moore wieder, einer Jugendliebe.
Innerhalb der Familie/Totenwache überschlagen sich die Ereignisse: Es entbrennt ein Geschwisterstreit wegen der geerbten Familienfirma und Judds Noch-Frau taucht auf, um ihm zu eröffnen, dass er der Vater des Kindes sei, das sie erwarte, und nicht ihr Liebhaber, da dieser zeugungsunfähig wäre. Turbulenter kann ein Leben nicht verlaufen. Erfrischend auch immer wieder die freizügige Mutter, für die Diskretion ein Fremdwort ist und die immer wieder übers Ziel hinausschießt, selbst in der Wahl ihrer Kleidung bei der Totenwache, wenn sie in Röcken auftaucht, die breite Gürtel sein könnten oder ihren Silikonbusen zur Schau trägt.
Und so mancher Leser wird heftig bei der Feststellung des Autors nicken: „Ich liebe meine Familie. Jeden einzelnen. Aber ich liebe sie mehr, wenn sie nicht in meiner Nähe sind.“ Aber dennoch, zeigt sich auch in Judds Familie mehr Verbundenheit, als es anfangs vermuten lässt. Ich wiederum habe bei einem Satz besonders geschmunzelt: „Frausein ist ein brutales Geschäft.“
„Sieben verdammt lange Tage“ ist locker und flockig geschrieben. Dieser Roman ist ein wahrer Pageturner mit wundervoll lebendigen, menschlichen Charakteren, die wie aus dem wahren Leben gegriffen sind. Da stimmt alles, der Stil, der Plot bis hin zum Ende.
Auch die Aufmachung weiß – wie immer bei |Knaur| – zu überzeugen. Schönes Hardcover, gutes Papier und Satz. Leserherz, was willst du mehr?
_Fazit:_
Humorvoller, flotter Familienroman, der sehr nah am Leser ist und kurzweilig, aber nicht oberflächlich unterhält. Absolut empfehlenswert.
|Hardcover: 447 Seiten
Originaltitel: This is Where I Leave You (Dutton, New York, 2009)
Aus dem Amerikanischen von Birigt Moosmüller
Titelfoto von FinePic, München
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur, München
ISBN-13: 9783426662731|
[www.knaur.de]http://www.knaur.de
_Jonathan Tropper bei |Buchwurm.info|:_
[„Mein fast perfektes Leben“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4330
Schuld oder Unschuld einer Person sind nicht immer eindeutig festzustellen, erst recht nicht in einem Prozess. Indizien können lügen, Zeugen sind nicht immer zuverlässig und auch auf die Geständnisse von Angeklagten kann man nicht immer etwas geben. Der Anwalt und Schriftsteller Scott Turow („Aus Mangel an Beweisen“) beschäftigt sich in seinem Roman „Der letzte Beweis“ sehr detailliert genau mit solchen Fragestellungen – und zeigt, wie sehr der Schein manchmal trügt.
_Die Karriere des_ Richters Rusty Sabich ist nicht ohne Makel. Vor zwanzig Jahren stand er im Verdacht, seine damalige Affäre ermordet zu haben, doch er wurde nie dafür verurteilt. Fehlende Beweise und Verfahrensfehler bewahrten ihn davor, ins Gefängnis zu gehen, doch wirklich reinwaschen konnte er sich von der Schuld nicht.
Nun gibt es erneut eine tote Frau in seinem Leben. Seine Gattin Barbara liegt eines morgens tot im Bett neben ihm, doch anstatt einen Notarzt zu rufen, bleibt er einen ganzen Tag neben ihr sitzen und denkt über die gemeinsame Zeit nach. Tommy Molto, der Rusty damals anklagte, sitzt die frühere Niederlage auch nach zwanzig Jahren noch in den Knochen. Ihm fällt es schwer zu glauben, dass Rusty wirklich nur aus Nostalgie so lange neben seiner Frau sitzen geblieben ist. Er beginnt nachzuforschen und kommt weiteren Ungereimtheiten auf die Spur – dieses Mal sieht es nicht so rosig aus für Rusty …
_“Der letzte Beweis“_ ist ein raffiniertes Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser fordert. Erzählt wird aus zahlreichen Perspektiven und auch aus verschiedenen Zeiten. Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, sind die Kapitel mit dem Namen der Person sowie dem Zeitpunkt überschrieben. Eine zusätzliche Zeitleiste über der Überschrift erleichtert die Orientierung. Die Personen im Vordergrund sind Rusty, Tommy Molto sowie Rustys Sohn Nat, der vor allem die familiäre Situation beleuchtet. Diese spielt im Buch keine unbedeutende Rolle.
Die Figuren sind ausgesprochen gut gezeichnet. Sie dienen nicht nur der Handlung, es scheint dem Autor auch sehr daran gelegen, dem Leser die Charaktere selbst nahe zu bringen. Ihre Gedanken, Gefühle, Ansichten werden ausgiebig behandelt. Einige Stellen wiederholen sich, andere sind für den Fortgang der Geschichte nicht unbedingt relevant. Sie sind jedoch bedeutend für das Gesamtbild, denn Rustys Prozess ist nicht irgendeine Auseinandersetzung vor Gericht. Es ist gewissermaßen auch das Aufeinandertreffen mehrerer Persönlichkeiten, deren Motive nicht immer gleich deutlich werden.
Der Autor schafft es, die Gedanken der Charaktere und ihr zwischenmenschliches Zusammenspiel sowie den langwierigen Prozess zu einer sehr spannenden Sache zu machen. Da der Leser mehr weiß als die Figuren, wartet er nur darauf, dass einige der Lügengerüste zusammenfallen. Zudem überrascht der Autor mit einigen kleinen, aber einflussreichen Wendungen. Turow schafft es, den Leser während des Prozesses als eine Art Richter einzuspannen. Obwohl man in Rustys Kopf gucken darf, schwankt man beständig. Ist er schuldig oder ist er nicht schuldig? Der Autor sät gewieft seine Zweifel, eine Bewertung der Situation ist vertrackt, die Auflösung erfolgt erst ganz am Ende und kommt überraschend.
Bis zu diesem Punkt sind es über 570 Seiten, die Turow flüssig und mitreißend erzählt. Sein Stil ist eher nüchtern, unaufgeregt, dafür aber handwerklich sehr geschickt. So wie er den Persönlichkeiten seiner Figuren auf den Grund geht, so detailliert schreibt er auch. Er drückt sich präzise aus, ohne zu ausschweifend zu werden, bleibt dabei aber häufig recht distanziert von den Personen, aus deren Perspektive er erzählt. Dies stört allerdings nicht, sondern unterstreicht im Gegenteil das schon beinahe analytische Vorgehen des Autors bei der Schilderung der Umstände.
_“Der letzte Beweis“_ ist ein sehr gut geschriebener Roman, dessen Inhalt zuerst etwas langweilig anmutet, in dem aber überraschend viel Potenzial verborgen ist. Autor Scott Turow macht jedenfalls eine interessante und wendungsreiche Geschichte daraus, die zum Nachdenken über Schuld und Unschuld anregt.
|Hardcover: 573 Seiten
Originaltitel: |Innocenct|
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN-13: 978-3896674241|
http://www.blessing-verlag.de
In Deutschland ist Todd Strasser vor allem unter dem Pseudonym Morton Rhue und für sein Buch „Die Welle“ bekannt. 2008 drehte Dennis Gansel sogar eine deutsche Filmadaption der Geschichte. Neben diesem Roman hat Strasser zahlreiche weitere Bücher geschrieben. Eines davon ist „Wish u were dead“, das sich, wie vom Autor gewohnt, mit für Jugendliche relevanten Themen beschäftigt.
Madison wohnt im beschaulichen Soundview, einem Örtchen, in dem vor allem reiche Leute leben. Doch obwohl sie in diesen Lebensstil hinein geboren wurde, ist sie kein typisches blondes Highschoolpüppchen. Ihr gehen die Cliquen in ihrer Schule auf die Nerven, auch wenn sie und ihre beste Freundin Courtney ein Teil davon sind. Ihr gefallen eher Menschen, die aus der Reihe tanzen, zum Beispiel Tyler, der Neue an ihrer Schule. Er ist verschlossen und wirkt wesentlich erwachsener als die anderen Typen in Soundview.
Detective Frances „Dusty“ Buchanon ist Beamtin der Mordkommission der Northern Territory Police Force im nordaustralischen Darwin. Privat leidet sie noch unter dem Ende einer langjährigen Beziehung, und auch beruflich läuft es schlecht: Gerade wurde ihr der Fall einer ermordeten Touristin entzogen, in den Dusty viel Arbeit und Emotionen investiert hatte.
Eher unwillig folgt die Polizistin einem Hinweis, der sie tief ins öde Outback führt. Dort haben Veteranen des Vietnamkriegs ein Buschcamp errichtet, in dem sie sich ungestört treffen und feiern können. Ein traumatisierter und drogensüchtiger Ex-Soldat will dort in einem Fluss beim Angel auf die Leiche einer thailändischen Frau gestoßen sein. Als Dusty dies überprüft, stößt sie tatsächlich auf eine tote Asiatin, der ein Messer im Leib steckt, doch als wenig später ein Kollege von der Spurensicherung erscheint, ist die Leiche verschwunden.
Schlimmer noch: Es gibt keine Beweise für ihre Existenz. Dusty leidet unter Halluzinationen, so schlussfolgert ihre ungeliebte Vorgesetzte, und schiebt sie ins Polizeiarchiv und damit ins berufliche Abseits ab. Doch Dusty will diese Schmach nicht hinnehmen. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.
Dies führt sie ins Rotlichtmilieu von Darwin und in brenzlige Situationen, in denen ihr schon einmal ein neugieriges Schwein aus der Bredouille helfen muss. Nach und nach kommt Dusty einem verwickelten Mordfall auf die Spur, der sogar mit dem Fall der getöteten Touristin in Verbindung steht. Dies spornt Dusty an, umso eifriger nachzuforschen – und es steigert die Unruhe und den Handlungsdrang derer, die sich vor der lästigen Polizei sicher wähnten …
_Mord und Verdruss in der australischen Provinz_
Zwischen Darwin im Norden Australiens und Schottland im Norden der britischen Hauptinsel scheint es ungeahnte Parallelen zu geben. Jedenfalls fühlt sich der Krimi-Freund bei der Lektüre von „Vor dem Regen“ immer wieder in das Edinburgh des Ian Rankin versetzt. Zwischen Frances Buchanon und John Rebus klaffen zwar buchstäblich Welten. Dennoch erzählen sowohl Rankin als auch Phillip Gwynne ebenso spannend wie humorvoll von zwei notorischen Querköpfen, die es ausgerechnet in den Polizeidienst verschlagen hat.
Zwar gehört „Dusty“ Buchanon genau dorthin. Dies würde sie jedoch nie offen zugeben. Sie lebt für die Ermittlung, sie ist gut ausgebildet und eifrig. Darüber hinaus verfügt sie über jenes Quäntchen Zusatz-Intelligenz, das viele Vorgesetzte hassen, weil es Unruhe in ihren bürokratischen Alltag bringt oder – noch schlimmer – sie so dumm aussehen lässt, wie sie (manchmal) tatsächlich sind. Dustys Arbeitsalltag besteht daher mindestens zu gleichen Teilen aus der eigentlichen Polizeiarbeit sowie dem Kampf gegen das System.
Unkonventionelle Menschen sind umgangsschwierig. Als weiteres Element kommt die Tatsache ins Spiel, dass Dusty sich oft selbst am meisten im Weg steht. Darwin stellt sich in der Schilderung von Phillip Gwynne zudem als geografisch und kulturell ziemlich abgelegene Provinzstadt mit einem außerordentlich kreislaufbelastenden Klima dar: Der „Build Up“ des Originaltitels bezeichnet die Monate Oktober bis Dezember, die im tropischen Nordaustralien durch eine ständig zunehmende, drückende Hitze gekennzeichnet sind, bevor endlich die Regenzeit einsetzt.
|Simple Verbrechen in einem komplexen Fall|
Gwynne versinnbildlicht mit diesem Titel außerdem den Höhepunkt eines Geschehens, das den dramatischen und erlösenden Durchbruch in einer lange durch Lügen, Irrtümer und Missverständnisse geprägten Mordermittlung beschreibt. Für die lange Durststrecke kann man weder Dusty noch ihre Kollegen wirklich verantwortlich machen, denn der Verfasser kreiert einen Plot, der dem Zufall persönlich staunende Anerkennung abfordern dürfte. Dies ist nicht negativkritisch gemeint, da Gwynne eine rundum spannende Geschichte erzählt. Doch an ein Miträtseln des Lesers im Sinn eines „Whodunit“ ist hier sicher nicht zu denken.
Die Glaubwürdigkeit der Handlung wird arg strapaziert, wenn Gwynne zwei Verbrechen eine gemeinsame Wurzel schafft, die logisch nicht in einen Zusammenhang zu bringen sind, es sei denn, der Leser lässt sich damit ködern, dass manche Geschichte so absurd ist, dass sie einfach nur wahr sein kann. Also entwickelt Gwynne eine hässliche Bluttat zu einer Kette tragischer, bizarrer und komischer Vorfälle, die „Vor dem Regen“ in einen letztlich zwar funktionierenden aber überkonstruierten Krimi verwandeln.
|Der Autor will uns etwas sagen|
Dass dieser Aspekt nebensächlich erscheint, verdankt das Buch dem Geschick eines Schriftstellers, der sich nicht von Genregrenzen einengen lassen möchte. „Vor dem Regen“ ist nicht ’nur‘ Krimi, sondern auch Sittenbild einer australischen Stadt, deren Verhältnisse Phillip Gwynne gut vertraut sind. Darwin ist ein Musterbeispiel für eine multikulturelle Gemeinschaft, die längst nicht so harmonisch ist, wie ihre Befürworter und andere Gutmenschen gern behaupten.
Der Norden Australiens bildet eine Schnittstelle zum indischen und pazifischen Raum und ein Einfallstor nach und für Südostasien. Der kulturelle Kontrast zum ‚weißen‘ Australien der europäischen Einwanderer bedingt zahlreiche Vorurteile; Gwynne schildert u. a. sarkastisch ein Thailand, das zur ‚Bezugsquelle‘ junger, hübscher (Zwangs-) Prostituierter heruntergekommen ist. Hinzu kommen ältere Differenzen mit den Aborigines, die in ihrem eigenen Land weiterhin nur eine geduldete Randexistenz fristen. Last but not least hat auch Australien eine eigene Vietnam-Geschichte. 47.000 mit den USA verbündete Soldaten zogen in den Krieg. Die Heimkehrer litten und leiden unter den bekannten psychischen Spätfolgen.
In seinem Bemühen, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu belehren, bleibt der Kinder- und Jugendbuchautor Gwynne erkennbar, der seine pädagogischen Bestrebungen nun auf erwachsene Leser ausweitet. Ihm ist dabei zugutezuhalten, dass diesem Bemühen niemals die Geschichte zum Opfer fällt. „Vor dem Regen“ wurde ohne erhobenen Zeigefinger geschrieben. Für einen Missionar ist Gwynne außerdem viel zu witzig.
|Die Welt ist ein Irrenhaus|
Sein Humor ist trocken und manchmal rabenschwarz. Auch vor echtem Slapstick schreckt er nicht zurück; als im Zuge der Ermittlung ein Hausschwein zu Tode kommt, schmückt Gwynne dies nicht nur zu einer verrückten Episode aus, sondern integriert diesen Vorfall später in die Krimi-Handlung.
Die Mordkommission der Northern Territory Police Force wird zum Hort oft sehr drastischer Cop-Witze. Dustys Kollegen sind sämtlich exzentrisch überzeichnet, wobei der Leser bald merkt, dass der Autor seine ‚Heldin‘ keineswegs ausklammert. Ihr desolates Privatleben endet mit einem Paukenschlag, der „Vor dem Regen“ eigentlich für eine Fortsetzung prädestiniert.
Sehr effektvoll lässt Gwynne absurde Szenen abrupt ins Tragische umkippen. Hinter dem Schein, so demonstriert er auf diese Weise, verbirgt sich eine Realität, die bei näherer Betrachtung einen Missstand markiert, der eigentlich zum Himmel schreit. Erneut und dieses Mal erst recht verkneift sich Gwynne empörte Appelle an ein Tribunal der Gerechtigkeit, dem sich der Leser gefälligst einzugliedern hat. Er holt seine Leser viel geschickter ab und bringt sie dorthin, wo er sie sehen möchte, ohne sie zu drangsalieren oder zu langweilen.
Folgerichtig folgt ihm besagter Leser freiwillig und gern. Dies krönt Phillip Gwynne zwar nicht zur „Krimi-Sensation aus Australien“, wie wir auf dem deutschen Cover lesen müssen, aber sein Roman stellt tatsächlich |“Thrillerstoff am oberen Ende der Skala“| dar, wie ein weiterer werbewirksamer Trompetenstoß verkündet.
_Autor_
Geboren 1958 in Melbourne und aufgewachsen in Südaustralien, wurde Phillip Gwynne als junger Mann professioneller Football-Spieler. Eine Verletzung beendete diese Karriere; sie wurde durch ein Studium der Meeresbiologie an der James Cook University ersetzt. Anschließend begann Gwynne zu reisen. Im Rahmen längerer Auslandsaufenthalte arbeitete er u. a. Lehrer in Thailand oder Programmierer in Belgien.
Nach seiner Rückkehr nach Australien begann Gwynne zu schreiben. Die Legende besagt, dass er dazu inspiriert wurde, weil er seinem Sohn so unterhaltsame Gute-Nacht-Geschichten erzählte. Gwynne besuchte ein Schriftsteller-Seminar des australischen Kinderbuch-Autoren Libby Gleeson. 1998 erschien „Deadly, Unna?“ (dt. „Wir Goonyas, ihr Nungas“), Gwynnes erstes, mehrfach preisgekröntes und verfilmtes Buch für jugendliche Leser, dem weitere folgten. 2008 veröffentlichte Gwynne den Kriminalroman „The Build Up“ (dt. „Vor dem Regen“).
Mit seiner Familie lebt Phillip Gwynne in den Blue Mountains im australischen Neusüdwales.
|Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: The Build Up (Sydney : Pan Macmillan Australia 2008)
Übersetzung: Carsten Mayer
ISBN-13: 978-3-442-37427-4
Als eBook: Juni 2010 (Blanvalet Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-04287-5|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet
Band 1: [„Gezeichnet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6374]
Band 2: [„Betrogen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6277]
Band 3: _“Erwählt“_
Band 4: „Ungezähmt“ (erscheint am 11.11.2010)
Band 5: „Gejagt“ (erscheint am 01.02.2011)
Band 6: „Versucht“ (erscheint am 01.05.2011)
Band 7: „Verbrannt“ (erscheint am 01.08.2011)
_Weihnachten und somit_ auch Zoeys Geburtstag stehen vor der Tür. Für Zoey kein Grund, sich zu freuen: Sie befürchtet wie jedes Jahr, Geburtstagsgeschenke zu bekommen, die mehr mit Weihnachten zu tun haben als mit ihrem Ehrentag. Als hätte sie es geahnt, sind dann auch alle Geschenke überaus weihnachtlich, bis auf ein Armband, das ihr menschlicher Freund Heath ihr schickt – zusammen mit einem Brief, den leider auch ihre Vampyr-Freunde lesen, in dem er ihr mitteilt, wie sehr er sie vermisst, und hofft, dass das Geschenk ihr gefällt, schließlich hätte es nichts mit Weihnachten gemein. Besonders ihr Vampyr-Freund Erik ist verletzt, da er nicht wusste, dass Zoey weihnachtliche Geschenke hasst … sein Geschenk ziert ein Schneemann. Auch die „Zwillinge“ Erin und Shaunee, Damian und Jack sind enttäuscht.
Zoey allerdings macht sich mehr Sorgen um ihre untote Freundin Stevie Rae, denn diese verliert immer mehr ihre Menschlichkeit. Zoey ist fest entschlossen, Stevie Rae zu retten, und nimmt sogar die Hilfe Aphrodites an. Sie verstecken Stevie Rae in einer Angestelltenwohnung in Aprodites Elternhaus und versorgen sie mit Blutbeuteln. Zoey appelliert an Stevies Erdverbundenheit, da Zoey glaubt, diese würde Stevie Rae helfen.
Leider kann Zoey ihre übrigen Freunde nicht einweihen, da die Hohepriesterin und Rektorin Neferet die Gedanken aller – mit Ausnahme von Zoey und Aphrodite – lesen kann und keinesfalls erfahren darf, dass Zoey versucht, Stevie Rae zu retten. Immerhin sind die untoten Schüler ihr Werk.
So sucht sie, fast auf sich allein gestellt, eine Möglichkeit, Stevie Rae zu helfen. Aber nicht nur das belastet Zoey, denn dazu kommt noch die Problematik mit ihrem Elternhaus; nur ihre Grandma steht zu ihr. Noch schlimmer allerdings ist die verzwickte Dreiecksbeziehung, in der sie steckt. Da wäre der Schulschwarm Erik, ihr menschlicher Freund Heath, der zu allem Überfluss auf sie geprägt ist, und der Lehrer Loren Blake, der sich für sie interessiert.
Als dann noch Vampire des Internats regelrecht hingerichtet werden, droht Zoeys Welt zusammenzubrechen.
_Kritik_
Mit „Erwählt“ hat das Autorengespann P.C. und Kristin Cast seinen dritten Roman der „House of Night“-Serie geschrieben. Der Schreibstil der Autorinnen ist jugendlich gehalten und flüssig zu lesen, lässt allerdings Detailreichtum vermissen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf dem Spannungsbogen und dem Versuch, möglichst viele Geschehnisse auf den 408 Seiten unterzubringen. Der Leser wird von Ereignis zu Ereignis gejagt und kommt kaum zum Luftholen.
Erzählt wird die Geschichte, wie auch schon in den vorangegangenen Teilen, aus der Sicht von Zoey. Mit viel Tempo rast der Leser so durch die Erzählung und die verschiedenen Ereignisse. Der Spannungsbogen wird dabei voll ausgeschöpft und zu keiner Sekunde kommt Langeweile auf. Wie ebenfalls schon in den ersten Teilen, legen die Autorinnen viel Wert auf eine jugendliche Ausdrucksweise, die zwar im Vergleich zum ersten Teil „Gezeichnet“ weniger vulgär geworden ist, allerdings noch immer etwas übertrieben wirkt. Dort wäre etwas weniger mehr.
Die Problematik von Zoey ist zwar realitätsnah beschrieben, der Umgang mit den Problemen, gerade in Liebsdingen, aber schlichtweg unmöglich. Dass eine 16-Jährige sich durchaus in mehrere Männer verlieben kann, ist nachvollziehbar, die Entwicklung, die ihre Beziehung zu ihrem Lehrer nimmt, ist allerdings mehr als bedenklich. Gerade bei so etwas sollte ein Buch schon eine Vorbildfunktion einnehmen und eine solche Beziehung realistisch und vernünftig angehen.
In diesem rasanten Roman bekommen die Protagonisten wenig Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Da es sich hierbei um eine Serie handelt, ist dies aber durchaus zu verzeihen, denn Zoey und ihre Freunde haben ja noch viel Zeit zu zeigen, was alles in ihnen steckt. Alles in allem ist dieser Roman durchaus lesenswert und in jedem Fall unterhaltsam. Der Leser bekommt einiges geboten und ist neugierig darauf, wie es mit Zoey und dem House of Night weitergeht.
_Fazit_
Der dritte Teil der „House of Night“-Serie ist ein lesenswerter und spannender Roman, den ich bedingt weiterempfehlen kann. Erwachsene erhalten einen guten Einblick in das Denken, Fühlen und Handeln von Jugendlichen. Dies ist interessant zu lesen, und die Spannung trägt ihr Übriges dazu bei. Bei Jugendlichen kommt die Empfehlung ganz auf die Charakterstärke an, gerade wegen des Umgangs mit Liebesdingen und der dort vermittelten Werte. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie es im „Ungezähmt“, dem vierten Teil der „House of Night“-Serie, weitergeht.
|Gebundene Ausgabe: 442 Seiten
Originaltitel: Chosen (House of Night 3)
Übersetzerin: Christine Blum
ISBN-13: 978-3841420039|
[www.house-of-night.de]http://www.house-of-night.de
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de
Eine neue Erklärung des Universums versuchen die Autoren und Wissenschaftler Stephen Hawking und Leonard Mlodinow in ihrem neuen Buch zu geben. Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts? Warum existieren wir? Warum dieses besondere System von Gesetzen und nicht irgendein anderes? Ohne Formelsammlungen und massivem Fachchinesisch erklären die beiden ihre Sicht der Welt in mikro- und makrokosmologischer Betrachtungsweise und richten sich dabei an den interessierten Laien, der nur geringe Vorkenntnisse und ein offenes Wesen braucht, um den Autoren folgen zu können.
Wer zwar interessiert genug ist, sich das Buch zu kaufen, aber mit dem Namen Leonard Mlodinow nichts anfangen kann, dem sei gesagt, dass auch Mlodinov Wissenschaftler im Bereich der Quantenmechanik ist und derzeit am California Institute of Technology als Gastdozent tätig. Einige Drehbücher für „Star Trek: The Next Generation“ hat er übrigens auch verfasst. Er war Hawkings Co-Autor bei „Die kürzeste Geschichte der Zeit“.
Relativ am Anfang des Buches stellen die Autoren fest, dass die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und einfach allem nicht „42“ ist, was den Laien nicht verwundern dürfte, aber Douglas-Adams-Fans ein Lächeln auf das Gesicht zaubert.
Nicht verwunderlich ist es auch, dass die Kirche pauschal schon im Vorfeld der Veröffentlichung ihrer Bestürzung darüber Ausdruck verliehen hat, dass Hawking und Mlodinow in ihren Theorien behaupten, dass es nicht zwangsläufig eines Gottes bedarf, um ein Universum zu erschaffen. Wobei die beiden nicht behaupten, es gebe keinen Gott, lediglich, dass man niemanden brauche, der den ersten Dominostein anschubst, damit der Rest an seinen Platz fällt.
Der Aufbau des Buches ist so gewählt, dass der Leser nicht direkt mit den neuesten Erkenntnissen torpediert, sondern langsam an die Materie herangeführt wird. So beschreiben die Autoren auch eine Geschichte der Physik und deren Gesetze und vor allem deren Gesetzgeber, die sich im Laufe der Jahrhunderte, gar Jahrtausende die Klinken und Theorien in die Hand gegeben haben – vom Glauben der Urvölker in Afrika über Newton und Einstein bis hin zur M-Theorie. Letztere sei der beste Kandidat, um tatsächlich eine einzige Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und einfach allem zu geben. Leider kann auch die M-Theorie derzeit noch nicht vollständig bewiesen werden und deshalb kommt das Wort „Theorie“ im Buch ebenso häufig vor wie das Wort „Gesetz“.
Unterstützt durch viele anschauliche Bilder und einige lustig gezeichnete Cartoons erklären Hawking und Mlodinow, dass die newtonschen Gesetze nicht unfehlbar sind, sich nicht zwangsläufig alles mit einem Gott im Hintergrund abspielen muss und dass die Naturgesetze immer weniger Gültigkeit haben, je kleiner die betrachteten Dinge werden. Auf Quantenebene verhält sich vieles nicht so, wie anfangs erwartet, und so mussten Quantenversionen der Naturgesetze gebildet werden. Diese beiden sich teilweise unterscheidenden und widersprechenden Gesetze doch unter einen Hut zu bringen, daran versucht sich die oben genannte M-Theorie.
Und so bekommt der Leser einen umfassenden Überblick darüber, wie früher und heute über die Entstehung des Universums gedacht wurde und wird, dass es jede Menge Paralleluniversen gibt und dass „Außerirdische, deren stammesgeschichtliche Entwicklung sich unter dem Einfluss von Röntgenstrahlen vollzog, gute Berufsaussichten beim Sicherheitsdienst von Flughäfen haben“ (S. 91).
Außerdem kommen gegen Ende des Buches dann die Steine des kirchlichen Anstoßes, dass nämlich die Multiversumstheorie zur Erklärung der Entstehung des Universums mit Darwins Evolutionstheorie verglichen werden kann, denn beide kommen ohne einen „gütigen Schöpfer“ aus.
Und irgendwo gibt es auch ein Universum, in dem die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und einfach allem tatsächlich „42“ ist! Nur halt nicht in unserem. Das allerdings behauptet der Rezensent, nicht die Autoren.
Wer ist die Zielgruppe?
Wie anfangs schon erwähnt, richtet sich das Buch an interessierte Laien, die sich offen und unvoreingenommen anhören möchten, was Stephen Hawking und Leonard Mlodinow zu sagen haben. Sprachlich nicht abgehoben und vieles mit Beispielen in Wort und Bild erklärend, ist es nicht schwer, den Ausführungen zu folgen.
Ob der Leser nach der Lektüre für sich auch ausschließt, dass es zwangsläufig einen Gott geben muss, bleibt jedem selbst überlassen.
Mein Fazit:
Mir hat es Spaß gemacht, auf so lockere Art und Weise Wissen vermittelt zu bekommen. Die Sprache ist sympathisch leicht und nicht oberlehrerhaft. Hier und da lockert ein Scherz den Text im richtigen Maß auf, so dass sich das Buch nicht wie eine Lehrstunde an der Universität liest, bei der der Leser mit Fakten druckbetankt wird.
Mir wurde im Buch sogar eine Frage beantwortet, die ich schon lange hatte: Was war eigentlich vor dem Urknall? Falls auch Sie sich das schon einmal gefragt haben, die Antwort steht in „Der große Entwurf“.
Gebunden: 192 Seiten Originaltitel: The Grand Design Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober ISBN-13: 978-3-498-02991-3 www.rowohlt.de www.hawking.org.uk
Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)
Mit „Märchenmond“ ist dem Ehepaar Hohlbein einst der große Wurf gelungen. Seither präsentiert sich vor allem Wolfgang als äußerst produktiver Schreiberling, doch auch die Co-Produktionen mit seiner Frau Heike finden immer wieder großen Anklang. Mit „Anders“ verfassten sie ein weiteres Mal die Geschichte um einen Jugendlichen, der durch irgendwelche Umstände Zugang zu einem phantastischen Abschnitt der Welt erhält und dort gefährliche Abenteuer erlebt. Meist drehen sich diese Geschichten um nichts weniger als eine Bedrohung der Welt; ob das auch bei „Anders“ der Fall ist, bleibt nach dem ersten Band noch offen.
Anders ist anders. Natürlich. Und darüber wurden schon alle erdenklichen Sprüche geklopft, was ihn mittlerweile nicht mehr belustigt, sondern nervt. In ihm vereinigt sich sehr hohe Intelligenz mit Geld, denn sein Vater ist Führer eines großen, erfolgreichen Unternehmens. Dieses Jahr will Anders mit ihm und ihrem Angestellten Jannik Urlaub auf einer Yacht machen. Als Jannik ihn vom Internat abholt, ist er merkwürdig nervös – nicht ohne Grund, denn kaum besteigen die beiden die Privatcessna, werden sie von zwei Männern bedroht und zu einem unvorhergesehenen Kurs gezwungen. Der führt sie durch eine Gewitterfront in einem Gebirge, die selbst Jannik in Furcht versetzt.
Natürlich stürzt die Cessna ab. Nicht nur das Gewitter ist schuld, sondern auch ein merkwürdiger Hubschrauber, der im Anschluss auch eine Hetzjagd auf die beiden Überlebenden, Jannik und Anders, veranstaltet und – mit tödlichen Lichtstrahlen um sich schießt!
Außerdem hat es sie in einen unwirklichen Teil der Welt verschlagen, in eine düstere Ruinenstadt, menschenleer, ja, völlig tot erscheint sie Anders während ihrer Flucht.
Auf die Entführung sowie auf die außerirdisch anmutenden Hubschrauber und ihre schutzanzugverpackten Insassen wirft ein Geschehen ein veränderndes Licht: Einer der Männer deutet auf Anders, woraufhin kurz gestikuliert wird, ehe sie ihre tödliche Jagd umwandeln in eine Hatz, die ihn am Leben lassen soll. Und während Jannik erschossen vom Dach eines Hauses stürzt, entkommt Anders vorerst – mit Hilfe des ersten Wesens, auf das er hier stößt und das ihn in einen helleren Teil der toten Stadt bringt, in dem ihr „Volk“ lebt: grausige Missbildungen, Kreuzungen zwischen Menschen und allen möglichen Tierarten. Hier erlebt Anders den Kampf ums Überleben mit, und als eine überlegene Truppe riesenhafter Schweine auftaucht und brutal mordend durch die Stadt zieht, sucht er sein Heil in der Flucht …
Der Roman beginnt ein wenig langweilig mit der Einführung Anders‘ und seiner Eigenarten, seiner sozialen Einbindung (die eher mangelhaft ausfällt) sowie der recht unglaubwürdigen Mischung seiner Attribute. Man ist versucht, die ersten Seiten nur zu überfliegen, nur die handlungs- und dialogintensiven Abschnitte lassen die hohlbeinsche Erzählkunst durchblitzen und fangen den Leser immer wieder ein. Auch die amateurhaft durchgeführte Entführung und erst recht die zwar paranoide, aber auch gleichzeitig ahnungslose Art, mit der Anders und sein Diener in die Falle laufen, lassen einen unwillig die Stirn runzeln.
Mit dem Auftauchen der unbekannten Hubschrauber und der plötzlichen Nervosität Janniks ist dem Leser schon klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht. Und sobald man die tote und versteckte Ruinenstadt erblickt, zweifelt man mit Anders an der Echtheit des Ganzen, da zumindest Satelliten von ihrer Existenz hätten wissen müssen. Hier bleibt die Erklärung, nämlich das dauerhafte schwere Gewitter, etwas mager.
Und plötzlich ist es soweit – man wird vom Strom der Erzählung erfasst und mit gerissen und findet sich, ohne es gemerkt zu haben, mitten in einer phantastischen Geschichte wieder, die es einem schwer macht, das Buch aus den Händen zu legen. Bis dahin zieht es sich gewaltig und man erwartet misstrauisch ständig neue klischierte Charakteristika, doch trotzdem schafft es das Autorenpaar, Spannung und Faszination zu erzeugen.
Bei den Charakteren sind es vor allem die beiden Schwestern, mit denen Anders eine merkwürdige Beziehung führt: Die eine, halb Katze (treffender Weise Katt genannt), rettet ihn mehrmals vor dem Tod und scheint sich auch sonst in ihn verliebt zu haben (und er natürlich umgekehrt auch). Die andere, halb Ratte (heißt natürlich Ratt), ist eifersüchtig und ärgert ihn, wo sie nur kann. Andererseits unterstützt sie ihn in seinen Versuchen, der kleinen Gruppe verstörend veränderter Wesen technische Erleichterung zu verschaffen oder auch an Informationen zu kommen, die ihm die Situation verstehen helfen könnten.
Die anderen Charaktere bleiben relativ blass, sie sind recht übliche Vertreter ihrer Stellung in solchen primitiven Gruppen: Der starke Anführer mit einem irgendwo verbuddelten Verständnis für die Protagonisten, der Stellvertreter, der ängstlich alles Neue ablehnt und mit Hass auf den Eindringling reagiert, die noch fremdartigeren Nachbarn, mit denen die Gruppe in Zwietracht liegt.
Das Eintreffen einer anderen Gruppe, die kräftiger, reicher und etwas technisierter sind, bringen eine Wendung in die Geschichte, die Anders in typischer Weise zur Flucht treibt – dass ihm dabei der Erfolg versagt bleibt und er mehr Kontakt zu den brutalen Schweinen (im wahrsten Sinne) bekommt, als ihm lieb ist, war auch keine Überraschung. Nur der radikale Cliffhanger am Ende des Buches ist so extrem, dass man das Buch auf keinen Fall eigenständig lesen kann. Es endet völlig abrupt mitten in der Handlung – warten wir also auf den zweiten Teil.
Dieser erste Teil beginnt sehr zäh, fängt sich aber überraschend und bietet ein spannendes Spektakel in einer phantastischen Umgebung. Von Anders‘ übermäßiger Intelligenz ist wenig zu bemerken, doch wird er recht sympathisch geschildert. Das radikal offene Ende ist etwas enttäuschend in diesem Moment, macht aber sehr gespannt auf den zweiten Teil, da man kurz vor einer scheinbar wichtigen Offenbarung steht.
Taschenbuch: 448 Seiten Auflage: Februar 2010 ISBN-13: 978-3453533257
Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,67 von 5)
Begeisterte die TATORT-Serie über Jahrzehnte hinweg ein Millionenpublikum vor dem Fernseher, läutete der |Emons|-Verlag eine neue Ära ein: Die beliebteste deutsche Krimiserie schaffte im Herbst 2009 auch den Sprung in die Literatur. Basierend auf Drehbüchern bereits gesendeter Folgen werden seither eine ganze Reihe Fälle ausgewählter und beliebter Ermittler auch als Roman angeboten. Erfolgreich. Der ersten Welle von Veröffentlichungen folgten unlängst weitere. Mittlerweile hat sich lediglich das Cover Design etwas geändert.
_Zur Story_
Hauptkommissar Frank Thiel hat es nun wahrlich nicht leicht. Das bekennende Heidenkind vom Hamburger Kiez lebt und arbeitet nunmehr seit einiger Zeit mitten im erzkatholischen Münster. Als wäre das noch nicht genug, erwischt es einen hohen Geistlichen auf offener Straße. Regens Mühlenberg wird mehrfach überrollt – pikantes Detail: mit dem Taxi von Thiels Hippie-Vater Herbert. Doch auch das reicht noch nicht: Der Gerichtsmediziner, hochmütige Dauernervensäge und penetranter Hobby-Einmischer (überdies auch noch sein Nachbar sowie Vermieter in Personalunion) Professor Karl-Friedrich „Ka-Eff“ Boerne wird zufällig Zeuge der Tat und erleidet beim Rettungsversuch selbst einige üble Frakturen, welche ihn – nicht nur arbeitsmedizinisch – eigentlich außer Gefecht setzen müssten. Eigentlich.
Boerne türmt aus der Obhut seiner Ärztekollegen im Krankenhaus und begibt sich – beidseitig vom Handgelenk bis zu den Schultern in Gips gepackt – unverzüglich an den Obduktionstisch. Die Sache nimmt er persönlich, obwohl er praktisch immobilisiert ist. Assistentin „Alberich“ wird’s schon richten. Und seinen Haushalt kann ja Thiel nebenher erledigen, wozu hat man schließlich Nachbarn. Der hat indes Besseres zu tun, als sich um solche Kindereien zu kümmern – zumal die Staatsanwältin ihm im Nacken sitzt, da „ein toter Geistlicher in Münster soviel zählt wie drei tote Bürgermeister“. Die Spur führt zu einem Priesterseminar, bei dem wohl nicht alle immer mit dem Hardliner Mühlenberg konform gingen. Irgendwie hängt in den heiligen Hallen der Haussegen ziemlich schief. Doch reicht das für einen Mord?
_Eindrücke_
Zweifellos gehören die Münsteraner zu den absoluten Publikumslieblingen. Selbst sonst eingefleischte Tatort-Verweigerer vermögen sie vor den Bildschirm zu locken. Zu köstlich sind die Reibereien zwischen Thiel und Boerne, sowie den ebenfalls bemerkenswert verschrobenen Randfiguren. Als da wären: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm oder Herbert „Vaddern“ Thiel. Kommissar Thiels tüchtige Assistentin Nadeshda Krusenstern (welche er im Buch unverständlicherweise gelegentlich duzt) und die kleinwüchsige Gerichtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller scheinen die einzig halbwegs „normalen“ Figuren zu sein. Sieht man von Thiel selbst einmal ab: Der ist zwar häufig muffig, aber weit davon entfernt exzentrisch zu sein. Seinen überaus wachen Verstand versteckt er gut unter seinem manchmal leicht ungepflegt wirkenden Äußeren.
Leider will das im Roman alles nicht so recht ziehen. Es stellt sich auch nicht die Frage, ob es nur am Fall selbst liegt, der sicherlich nicht zu den besten seiner Art gehört. Auch die Fernsehfolge war nicht grade ein Glanzstück gewesen. Das Problem liegt hauptsächlich darin, dass bei der Transformation ganz wichtige Elemente auf der Strecke blieben. Ja, zwangsläufig bleiben mussten: Gestik, Mimik und Tonfall und somit das Gros der markanten Situationskomik zum Beispiel. Ein gewichtiger Teil des Erfolges des Münsteraner Tatorts geht eben halt auf dieses Konto. Sprich: Nicht nur das Was ist wichtig, sondern auch wie etwas nonverbal ausgedrückt wird, ist – gerade dort – faktisch unabdingbarer Bestandteil der Handlung. Das kann man nicht so ohne Weiteres in einen Roman übertragen. Da kann Martin Schüller sich noch so redlich bemühen.
_Fazit_
Thiel und Boerne als Roman – kann das gut gehen? Jein. Das Buch ist der Fernsehfassung gegenüber grandios im Nachteil und schafft es eher selten den richtigen Ton der Kult-Ermittler zu treffen. Das liegt in der Natur der Sache: Speziell diese Tatorte muss man sehen und hören, damit ihre Figuren die volle Wirkung entfalten. Solche Mittel stehen in der Literatur aber nicht zur Verfügung und man kann nur versuchen, das Beste raus zu holen – und das ist bei diesem ohnehin mittelmäßigen Fall sehr schwer. Man bekommt hier einen immerhin leidlich unterhaltsamen Krimi mit gesellschaftskritischem Thema in die Hand, welcher mal eben zwischendurch gelesen und verdaut ist. Als Appetizer (oder wahlweise Gedächtnisstütze) bis zur nächsten TV-Ausstrahlung.
|Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Magnus Vattrodt
ISBN: 978-3-89705-733-3
156 Seiten, Broschur|
www.emons-verlag.de
_TATORT beim Buchwurm:_
[Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[Todesstrafe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[Strahlende Zukunft]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956
[Aus der Traum]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6547
Markus C. Schulte von Drach ist eigentlich ein promovierter Biologe, doch es scheint, als liege ihm das Schreiben mehr als das Mikroskopieren. Neben diversen journalistischen Tätigkeiten ist er außerdem als Autor tätig. „Der Parasit“ ist bereits sein zweiter Thriller.
_Die Münchner Polizei_ um Hauptkommissar Hans Bauer steht vor einem Rätsel. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in der Stadt. Er hat es auf Frauen abgesehen, die er in der Dunkelheit angreift, vergewaltigt und anschließend tot beißt. Er hinterlässt keine verwertbaren Spuren, scheint seine Opfer wahllos auszusuchen und es sieht vor allem nicht so aus, als ob er damit aufhören möchte.
Zur gleichen Zeit werden ähnliche Fälle aus Amerika, Schottland und Hawaii gemeldet. Der Mörder scheint viel herum zu kommen. Doch als Bauer nach Hawaii fliegt, muss er schnell feststellen, dass hier etwas nicht stimmt. Die Mordzeitpunkte liegen zu nahe beieinander. Gibt es mehrere Täter? Auch die hinzugezogenen Profiler können sich keinen Reim auf den Täter machen. Doch allmählich kristallisiert sich etwas heraus, dass keiner der beteiligten Ermittler glauben möchte …
_Schulte von Drach_ hat mit „Der Parasit“ ein sehr umfangreiches, detailliertes Buch geschrieben. Verschiedene Hauptfiguren berichten von verschiedenen Aspekten der Ermittlungen und aus verschiedenen Ländern. Die einzelnen Perspektiven sind recht gleichmäßig verteilt und so gut voneinander getrennt, dass dies kein Problem ist. Der Autor gewährt jedem Einzelnen genug Freiraum, um sich zu erinnerbaren Charakteren zu entwickeln. Der breite Überblick sorgt dafür, dass der Leser bei den einzelnen Höhepunkten stets vor Ort ist. Die Handlung ist dadurch unglaublich spannend. Nach und nach werden verschiedene Spuren aufgedeckt. Erst treibt sich der Mörder nur in München herum, dann in Hawaii, Amerika, Schottland. Der Fall wird immer verworrener, aber nie undurchsichtig. Es gibt so gut wie keine Längen – wenn man mal von einigen längeren Fachgesprächen absieht -, man muss einfach weiter lesen.
Die zahlreichen Protagonisten wirken am Anfang verwirrend, sie gewinnen mit der Zeit aber an Tiefe und Persönlichkeit. Beinahe jeder hat eigene Probleme und Stigmata, mit denen er zu kämpfen hat. Dadurch, dass jeweils aus der dritten Person erzählt wird, wirken die Charaktere zwar etwas distanziert, was sich mit steigender Seitenzahl jedoch auswächst. Besonders geschickt: Einer der Ermittler, der zuerst nur wie Beiwerk wirkt, nimmt mit der Zeit unerwartet eine immer wichtigere Rolle ein. Das ist der Geschichte sehr zuträglich.
Geschrieben ist das vorzüglich konstruierte Buch ebenfalls erstklassig. Am sprachlich hohen Niveau merkt man den journalistischen Hintergrund des Autors. Nicht immer ist alles für den Laien sofort verständlich, da Schulte von Drach vor allem im Bereich der (Kriminal-)Psychologie häufig sehr tief eintaucht. Allerdings schafft er es, derartige Sachverhalte verständlich darzustellen. Ein gewisses Interesse für die Materie sollte man dennoch mitbringen. Wer mehr Wert auf Action als auf lehrreiche Unterhaltung legt, ist mit „Der Parasit“ daher möglicherweise falsch beraten.
_Wer sich jedoch_ darauf einlässt, wird in dem Buch von Markus C. Schulte von Drach eine spannende und informative Lektüre finden. „Der Parasit“ ist ein überdurchschnittlich guter Thriller, der sich durchaus mit internationalen Bestsellern messen kann.
Das 2009 im |Phänomen|-Verlag erschienene Buch „Dazwischen“ von Alexander Graeff widmet sich der philosophischen Suche nach dem Gottmenschen. Der Autor, der sich Erzählungen wie kunstwissenschaftlichen Werken gleichermaßen verschrieben hat, legt mit „Dazwischen“ nun eine Synthese seiner Beschäftigungsfelder vor.
Graeff bemüht sich weder um Dogmen noch um streng wissenschaftliche Definitionen, auch nicht um ein konkretes Ziel. Nein, es geht ihm um Sinnstiftung und Erklärung. Erklärung einer Position des individuellen Subjekts in der Welt, und um Erklärung seiner Möglichkeiten und Potentiale, die in ihm ruhen, und nicht zuletzt um Sinnstiftung an Plätzen, die in einer rein rationalistischen und funktionalistischen Welt verkümmern und einem „multidimensionalen“ Menschen nicht gerecht werden. Hierfür ist Philosophie nötig, die sich nicht auf einen Themenkomplex beschränkt. Der strebende Mensch soll an seinen Grundfesten gepackt werden. Dabei wird sich einerseits an vielseitiger Praxis orientiert und andererseits bei wohl erklärter Metaphorik bedient. Dadurch nähert sich Graeff in tiefgründiger Wortwahl der Beschreibung eines Dazwischens an, weiß eine Fülle an Assoziationen beim Leser zu wecken und erinnert bei jedem neuen Kapitel – sei es das über Gott, über Liebe, über Okkultismus, über Religion oder über Wissenschaft – an die Komplexität des Themas, ohne den logischen Aufbau aus dem Blick zu verlieren.
Bezwungen wird der schwierige und sicher vorurteilsbeladene Begriff des Gottmenschen unideologisch und durch eine an den Anfang gestellte, persönliche Erklärung des Autors untermauert. „Dazwischen“ ist also ein implizites Werk. Es lässt nicht so sehr einblicken als vielmehr ausblicken, was es in seinem lebenspraktischen Wert enorm befördert.
Graeff schreibt: |“Die Gedanken, die Werk geworden sind […] Sie kommen zurück zu mir.“| Wenn sich Graeff da mal nicht irrt! Denn mit Hilfe seines Mediums der Schrift hat er einen Zeit überdauernden und vor allem facettenreichen Gedankenkomplex erschaffen, der seine Gedanken geradewegs in den Geist vieler Leser treibt, durchaus das Potential hat, viele Horizonte zu erweitern, und mit exakter Treffsicherheit zur so wichtigen Bewusstmachung der Strebensziele des individuellen Menschen beiträgt.
Seit Jahren beschäftigen sich auch die Medien oberflächlich mit den Gefahren, die durch den allgegenwärtigen Gebrauch der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie erwachsen – Betrug, Datenklau, Überwachung, Missbrauch … – die Liste ist lang. Trotzdem dringt dieses Problem nur ungenügend ins öffentliche Bewusstsein, zumal die Konsequenz eine drastische Rücknahme dieses sorglosen Umgangs wäre und für die Betroffenen Arbeit im Sinne von Verstehen und sich schützen lernen bedeutete. Von den meisten Anwendern wird das Problem nicht verstanden und diese technischen Hilfsmittel machen alles so einfach, scheinbar kontrollierbar und schnell – Eigenschaften, die aus Firmen und vor allem der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken sind.
Einige Romane beschäftigen sich mit diesem Thema, doch keiner erreicht die eindringliche Tiefe des vorliegenden Buches von Daniel Suarez, der einen DAEMON (ein Computerprogramm, das ständig im Hintergrund abläuft und zu festgelegten Zeitpunkten oder als Reaktion auf bestimmte Ereignisse spezielle Prozesse ausführt. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus „Disk And Execution MONitor“) erdenkt, dessen Auswirkungen und scheinbare Unaufhaltsamkeit das verstörendste, weil so realitätsnah erscheinende, Bild der zivilisatorischen Zukunft der letzten Jahre entwirft. Selbst Überwachungsdystopien wie der jüngst erschienene Roman „Little Brother“von Cory Doctorow sind noch harmlos dagegen.
Mathew Sobol, Genie, Milliardär und Computerspieleentwickler, hinterlässt bei seinem durch Krebs verursachten Tod ein Vermächtnis, das jede vorstellbare Dimension sprengt: Einen DAEMON von unvorstellbarem Umfang, Ausgeklügeltheit und Zielstrebigkeit. Sobols Hintergründe bleiben vorerst verborgen, doch der DAEMON handelt mit mörderischer Effizienz, vernichtet anfangs nur die Mitentwickler, arbeitet an seiner Verbreitung und übernimmt die Kontrolle wichtiger Finanz- und Entwicklungsfirmen, die erst Notiz davon nehmen, als es zu spät ist. Selbst IT-Experten aller Sicherheitsdienste und Verteidigungsinstitutionen können das Programm nicht stoppen, da es dezentral auf kompromittierten Rechnern weltweit verteilt ist.
Es gibt Menschen, die sich gern vom DAEMON gebrauchen lassen, sich ihm anschließen oder deren Lebenssituation und die individuellen Angebote des DAEMON sie zum Anschluss zwingen. Sobald sie eine gewisse Grenze an Einblick überschritten haben, ist die Alternative dazu auch nur noch der Tod, den das Programm in jedem Fall herbeizuführen im Stande ist. Einige dieser Menschen erhalten dadurch Macht und Bedeutung, die ihnen sonst verwehrt blieben.
Und es gibt einen illegalen Einwanderer in den USA, dessen Identität nicht bekannt ist und der deshalb für den DAEMON unsichtbar ist. John Ross ist Computerfreak, kennt Sobols Spiele wie kaum jemand sonst und erkennt als Erster das Wesen der Gefahr, die so plötzlich erwacht ist. Ross ist es, der mit seinem Wissen um die Technik von Sobols Spielen und den daraus ableitbaren Charakterzügen des Genies erste Schritte zur Bekämpfung des Programms geht. Doch auch er weiß nicht, wie weit Sobol mit seinem DAEMON gegangen ist …
Ehrlich gesagt, der Titel „Daemon – Die Welt ist nur ein Spiel“ gibt nicht allzu viel her. Auch der reißerische Klappentext „es beobachtet. Es lernt. Und es tötet.“ wären für mich eher abschreckend als kaufanreizend. Das Cover jedoch und der eigentliche Klappentext, in dem Matthew Sobols post mortale Ansprache erscheint, sind sehr gelungene Indizien für den Charakter des Romans und überzeugten mich, ihn zu versuchen. Ein Erfolg, zu dem ich den Lektor beglückwünsche, denn hinter diesem zwiespältigen Cover verbirgt sich ein Roman der absoluten Empfehlungsklasse.
Wie es verschiedene Schriftsteller schaffen, allgemein verständlich über komplizierte Computer- und Internetgefahren zu erzählen, versetzt mich jedes Mal in tiefe Hochachtung und Faszination vor dem Thema, sei es nun beispielsweise die Spieltheorie (wie in Brian D’Amato, „2012“), die Zeitzonenproblematik (z. B. Cory Doctorow, „Upload“), die beschleunigte Informationstechnikentwicklung (z. B. Charles Stross, „Accelerando“), Überwachungsproblematik durch die Nutzung verschiedener Netzwerke (z. B. Cory Doctorow, „Little Brother“) oder eben im vorliegenden Roman die Online-Spielewelten und deren Auswirkungen auf das „RL“, Real Life, was aber nur unzureichend einen Aufhänger der Geschichte bezeichnet. Bleiben wir bei „Daemon“: Man steht erstmal wie die offiziellen und sogenannten seriösen IT-Spezialisten wie der Ochs vorm Berge, wenn man die Charakteristika von Sobols Gedankengängen vorgelegt bekommt. Erst die Erklärungen von Spielern, von ausgeprägten Spielern, denen man als Nicht-Computerspieler das Spielen als Fulltime-Job anhängen möchte, führen Leser wie Ermittler auf einen zwar oberflächlichen, aber doch faszinierenden Weg der Erkenntnis.
In diesem Zusammenhang sind auch die Ideen des Autors beachtlich, der die Charakteristika von Spielewelten auf das RL zu übertragen versucht und in vielerlei Richtung verknüpfbare Stellen findet, die er über den DAEMON Sobols auch zu einem ausgeklügelten Gespinst verbindet. Die AutoM8 beispielsweise, die Auto|macht|, aus ferngesteuerten und über das GPS vernetzten Autos, womit diese Verknüpfungen beginnen, sind nur ein winziges Steinchen auf dem Weg, der zumindest für die Anhänger und Jünger des Daemon eine völlige Verknüpfung von RL und Spiel bedeutet. Faszinierende technische Entwicklungen ermöglichen die Projektion von individuellen Spieloberflächen auf die Innenseite von Sonnenbrillen, wo mit charakteristischen Symbolen, die über das GPS eindeutig lokalisierbar und steuerbar sind, eine neue Sphäre erschaffen wird, die für Außenseiter nicht erreichbar ist, für die Jünger des Daemon aber Handlungspotential in ihrer ureigenen Sprache, der Sprache von Onlinespielen, bietet.
Das Abgefahrene an diesem Roman ist nicht nur die Konsequenz und nahezu perfekte Programmierung, mit der Sobol seine Ideen über sein Leben hinaus trägt und erst nach seinem Tod zu verwirklichen sucht, sondern auch und vor allem der Gedanke, der sich dem Leser aufdrängt: Es ist so naheliegend! Wenn auch hoffentlich niemand die Mittel und das Genie Sobols besitzt, um diese zerrüttenden Ideen in dieser Perfektion umsetzen zu können, so besteht doch auf längere Sicht durchaus die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung, wo Programme das Handeln der Menschen noch stärker bestimmen, ja, nicht nur Firmenschicksale, sondern persönliches Leben von Entscheidungen logischer Programme abhängen, wo sich vielleicht eine übergeordnete Sphäre entwickelt, die alles und jeden kontrollierbar machen. Letzteres ist überdies ein Ansatz, der ohne Weiteres auch jetzt schon vorstellbar ist und man kann nicht sagen, wie weit Informationsdienste mit dieser Technik beschäftigt sind.
So entwirft Daniel Suarez also neben einem ausnehmend spannend, faszinierend und wunderbar unterhaltend geschriebenen Roman eine Zukunft, in der wir wirklich nicht leben wollen, deren Entstehen aber nicht absurd, sondern sogar bestürzend naheliegend ist. Dieser Roman hat das Zeug zum Highlight des Jahres, auch wenn er sicherlich einige starke Gegner hat mit großen Namen wie Charles Stross oder Iain Banks, Cory Doctorow oder auch Andreas Eschbach, die sich alle in diesem Jahr ein Stelldichein mit ähnlich ambitionierten Neuerscheinungen geben.
Taschenbuch: 640 Seiten Originaltitel: Daemon Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann ISBN-13: 978-3499252457
Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: (4 Stimmen, Durchschnitt: 3,00 von 5)
Bei Leer in Ostfriesland wird ein ermordeter Mann gefunden. Der Täter scheint aber nicht einfach nur den Tod des Mannes gewollt zu haben, er arbeitet mit Symbolik: Der Tote liegt auf einer Fähre, neben ihm ein Hammer und ein toter Hund. Die Kripobeamten ziehen die Psychotherapeutin Hannah Tergarten hinzu. Sie erkennt in dem Toten einen Kollegen, und Hammer, Hund und Fähre stellen sich als Utensilien Charons heraus, des Fährmanns der griechischen Mythologie, der die Seelen der Toten über den Unterseefluss Styx in ihre neue Heimat bringt.
Hannah tappt im Dunkeln, doch ehe sie noch mit dem lähmenden Grauen umzugehen lernt, das der rätselhafte Tod ihres Kollegen in ihr auslöst, wird sie an einen zweiten Tatort gerufen: Unter qualvollen Umständen starb hier eine junge Lehrerin, und in ihrem Mund findet sich eine Münze – so, wie sie im antiken Griechenland den Toten mitgegeben wurde als Bezahlung Charons.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den beiden Ermordeten? Wo ist die Schwester der jungen Lehrerin, warum versteckt sie sich? Ist sie die Mörderin, oder weiß sie einfach zu viel? Und wie um alles in der Welt soll Hannah sich auf diese Morde konzentrieren, wenn ihr Vater, zu dem sie ein problematisches Verhältnis hat, zwischendurch eine Bombe gewaltigen Ausmaßes platzen lässt? Auch die junge Beziehung Hannahs zu dem Kripobeamten Enno Hehren gestaltet sich nicht unproblematisch, speziell, wenn die Arbeit der beiden kollidiert: Als die Patienten des ersten Mordopfers in den Ermittlungsfokus rücken, wirft Hannah sich dazwischen, bereit, die Rechte der zu Therapierenden mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Kein Wunder also, dass bei diesem Wust aus vielerlei Problemen und offenen Enden die Ermittlungen nur schleppend vorangehen. Und all das ist nur der Anfang …
_Kritik_
Die Protagonistin dieses Romans hat es nicht ganz leicht: Gerade erst war sie nach einer traumatischen Erfahrung von Hamburg aus ins ruhige Ostfriesland gezogen, und dann passiert so etwas vollkommen Unwirkliches wie diese mythologiegeschwängerten Morde. Obwohl die Morde an sich natürlich so hässlich und widerlich sind, wie ein gewaltsamer Tod nur sein kann, mutet das Drumherum seltsam an, denn ist es eine sehr reizvolle Idee, altgriechische Mythologie mit einem kalten, banalen ostfriesischen Spätherbst und Winter zu verquicken.
Die Entwicklung der Geschichte ist ausgesprochen spannend, Tomke Schriever hetzt ihre Leser von einer falschen Spur auf die nächste, und die permanente Ungewissheit über das Schicksal verschiedener Personen zerrt aufs Angenehmste an den Nerven des Krimilesers. Die Kombination aus der empathischen, grundoptimistischen Therapeutin und den trockenen, logisch denkenden, immer das Schlimmste erwartenden Kripobeamten sorgt für Zunder, selbst wenn die persönlichen Beziehungen zwischen den Parteien durchaus freundschaftlicher Natur sind.
Tomke Schriever befleißigt sich eines angenehmen Stils; sie schreibt aus der Perspektive der Therapeutin und ermöglicht so tiefe Einblicke in deren Sicht der Angelegenheit, die von dem normalen Polizeiblickwinkel erfrischend abweicht. Ausgefallene Morde, verzweifelte Suche nach vermissten Personen, seelische Abgründe, familiäre Probleme und politische heiße Eisen vereinen sich in diesem Regionalkrimi zu einem wirklich lesenswerten Stück Unterhaltungsliteratur.
_Fazit_
Tomke Schriever ist ein Pseudonym Helga Glaeseners, die seit langem historische Romane verfasst. Unter diesem fremden Namen hat sie nun eine neue Reihe begonnen, deren Heldin Hannah Tergarten ist. „Der Totenschiffer“ ist Teil zwei dieser Reihe, und ich werde mir jetzt Teil eins ebenfalls zu Gemüte führen, denn ich war angetan.
Hannah Tergarten ist eine sympathische, unaufgeregte, interessante Protagonistin, ihre Interaktion mit den anderen Personen im Buch ist glaubwürdig und ausgefeilt. Gerade die Natürlichkeit und der gesunde Menschenverstand der Therapeutin machen es Schriever möglich, ein unterschwelliges undeutbares Gefühl drohender Gefahr zu vermitteln: Wenn jemand so gar nicht zur Hysterie neigt, muss wirklich etwas im Argen sein, wenn sich die Situation seltsam anfühlt. Die Autorin beweist deutliches Gespür für Charaktere, Spannungsaufbau und sprachliche Angemessenheit. Krimifans kann ich die Lektüre nur wärmstens empfehlen. Lesen!