Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Hearn, Lian – Schwert in der Stille, Das (Der Clan der Otori 1)

Ende des 15. Jahrhunderts: Eines Morgens wird Takeos Dorf überfallen, und er überlebt als einziger. Lord Shigeru vom Clan der Otori rettet ihn und nimmt ihn in seine Familie auf. Von ihm, einem Helden wie aus versunkenen Zeiten, lernt Takeo die Bräuche des Clans. Er lehrt ihn Schwertkampf und Etikette. Die Liebe zu Kaede entdeckt Takeo allein.

Als er herausfindet, dass er dunkle Kräfte besitzt – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und sich unsichtbar zu machen, und dass er so gut „hören kann wie ein Hund“ – gerät er immer tiefer in die Verwirrungen der Lügen und Geheimnisse, aus denen die Welt der Clan-Auseinandersetzungen besteht. Trotz seines Widerwillens ist es ihm bestimmt zu rächen. Takeo verbindet sein Schicksal mit dem der Otori.

_Die Autorin_

Lian Hearn, die eigentlich Gillian Rubinstein heißt und vor etwa 60 Jahren geboren wurde, lebte als Journalistin in London, bevor sie sich 1973 mit ihrer Familie in Australien niederließ. Ihr Leben lang interessierte sie sich für Japan, lernte dessen Sprache und bereiste das Land.

„Das Schwert in der Stille“ ist der erste Band der Trilogie „Der Clan der Otori“. Der zweite Band „Der Pfad im Schnee“ ist im Herbst 2004 im |Carlsen|-Verlag erschienen und wird im Februar 2005 bei |Hörbuch Hamburg| veröffentlicht werden. Der dritte Band „Der Glanz des Mondes“ ist bereits in England und den USA erschienen und wird bei |Carlsen| im Mai 2005 veröffentlicht.

„Das Schwert in der Stille“, der mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt wurde, ist für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Gillian Rubinstein wurde in Göteborg mit dem „Peter Pan Award“ geehrt, denn die Trilogie „Der Clan der Otori“ ist beileibe nicht ihr erstes Werk, sondern sie hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst. Mehr Infos unter http://www.otori.de.

_Die Sprecher_

Marlen Diekhoff, vielseitige Bühnen- und Filmschauspielerin, gehört nach Verlagsangaben seit rund 20 Jahren zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Für |Hörbuch Hamburg| hat sie bereits Texte von A. Baricco, Amélie Nothomb, Colette, Sándor Márai und „Tausendundeine Nacht“ gelesen.

August Diehl ist einer der angesehensten deutschen Schauspieler der jüngeren Generation. Er wurde für den Film „23“ mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Seitdem war er in „Kalt ist der Abendhauch“, „Tattoo“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (neben Daniel Brühl) und in Schlöndorffs „Die neunte Stunde“ zu sehen.

Regie führte bei diesem Hörbuch Gabriele Kreis. Das Titelbild zeigt die Schwert-Abbildung der Buchausgabe.

_Handlung_

|Takeo und Shigeru|

Im abgelegenenen Bergdorf Mino wächst der Junge auf, der später den Namen Takeo erhält. Vorerst ist er Tomasu, 15 Jahre alt und soll bald heiraten. Sein Dorf ist deshalb so abgelegen, weil sich seine Bewohner verstecken. Sie sind die „Verborgenen“, die nicht an die Herrschaft der Clan-Lords glauben, sondern an den obersten und einzigen Gott, der über alle herrscht, so dass vor ihm alle gleich sind. Deshalb haben sie unter einigen Clans Feinde, vor denen sie sich verbergen, besonders vor den Tohan.

Als er eines Tages dem „Ruf des Berges“ folgt und im Wald Pilze sammelt, findet er bei seiner Rückkehr von seinem Zuhause und seinem Dorf nur noch rauchende Trümmer vor. Sein Stiefvater liegt tot auf der Straße, seine Eltern und Schwestern sind verschwunden. Es beginnt zu regnen. Aus dem Tempelschrein dringen Schreie.

Es ist Tomasu, als betrete er die Traumwelt. Er sieht die Überreste des Oberhaupts der Verborgenen Isao in Stücke zerrissen. Die Täter sind Gefolgsleute des Tohan-Clans aus Inuyama, der befestigten Hauptstadt des Gebietes. Hufgetrappel nähert sich. Da hat Tomasu eine weitere besondere Erfahrung: Er sieht voraus, wer da kommt. Es ist Iida Sadamu, der Oberlord der Tohan.

Erst jetzt wird Tomasus Anwesenheit entdeckt. Tomasu beleidigt Iida tödlich, als er dessen Pferd angreift und ihn so zu Fall bringt. Er flüchtet, verfolgt von drei Soldaten, in den nahen Wald. Auf halber Höhe springt ein Mann hinter einem Baum hervor, packt Tomasu und stellt ihn hinter sich in Sicherheit. Er übergibt den Jungen den Verfolgern keineswegs, sondern schlägt einem von ihnen den Kopf ab, einem anderen den Arm. Dieser Akt wird üble Folgen haben. Der dritte Verfolger gibt Fersengeld.

Der Kämpfer stellt sich als Otori Shigeru vor (Familien- immer vor Vornamen!). Sein Clan sind die Otori, die in Hagi am Meer, auf der anderen Seite des Gebirges, residieren. Lord Shigeru selbst hat vor kurzem von Lord Iida eine schwere Niederlage einstecken müssen. In der Schlacht von Yaegahara fiel – neben zehntausend anderen – auch Shigerus geliebter Bruder Takeshi. Seitdem haben die Otori schwere Gebietsverluste erlitten. Man braucht kein Wahrsager zu sein, um sich auszurechnen, dass Iida auch den Rest des Otori-Landes unterwerfen will.

Shigeru und der Junge, der sich von nun an Takeo nennen soll, um nicht als Verborgener erkennbar zu sein, eilen durchs Gebirge. Iidas Männer sind ihnen bestimmt auf den Fersen. Takeo hat sowohl Ehrfurcht als auch Respekt vor Lord Shigeru, besonders aber vor dessen Schwert Jato.

Immer wieder bemerkt Takeo, dass er viel schärfer hören kann als Shigeru. Und so belauscht er eines Nachts in einer Herberge Shigerus Stelldichein mit einer edlen Dame. Es ist Lady Maruyama, die etwas wirklich Besonderes ist. Nicht nur, dass ihr psychologischer Scharfblick, was Menschen angeht, geradezu an Zauberei grenzt. Auch ihr Haus ist das einzige, dessen Erbfolge in weiblicher Linie erfolgt. Sie spielt in Shigerus Racheplänen gegen Fürst Iida eine zentrale Rolle, und so verlobt er sich mit ihr: nicht nur im Wort, sondern im Fleisch.

|Hagi|

Hagi ist die erste größere Stadt, die Takeo in seinem Leben zu Gesicht bekommt. Der Fischerhafen wird beherrscht vom Schloss der Otori. Doch nicht Shigeru, wiewohl der rechtmäßige Erbe, wohnt dort, sondern seine zwei Onkel, die ihre eigenen Pläne mit ihm haben. Shigeru wohnt in einem wunderschönen Holzhaus inmitten eines großen Gartens am Fluss. Sofort nimmt man im Haushalt Takeos Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Takeshi wahr. Doch Shigerus Plan, Takeo zu adoptieren, wird von Ichiro, seinem Berater und Haushofmeister, abgelehnt. Zuerst müsse der Bengel vom Lande, der weder schreiben noch lesen kann, ausgebildet werden. Shigeru willigt gerne ein.

In einer Nacht nimmt Takeos außergewöhnlich scharfes Gehör eine Bewegung wahr, wo keine sein sollte. Es handelt sich um einen Attentäter, der es entweder auf Shigeru oder Takeo abgesehen hat. Der Angriff wird abgewehrt, doch bevor es Shigeru gelingt, den Mann zu fragen, wer ihn geschickt habe, nimmt dieser sich mit einer Giftkapsel das Leben. Takeo lebt gefährlich, doch er findet einen Freund in der Stadt.

|Kikuta|

Sein außergewöhnliches Verhalten erweckt das Interesse eines Freundes von Shigeru: Muto Kenji. Dieser eröffnet Takeo, dass er „vom Stamm“ sei – genau wie der Attentäter. Der Stamm sei einmal ein Volk gewesen, das es bereits vor den Clans gab und das Magie beherrschte. Die Stammesangehörigen verbargen sich vor den Clansleuten und wurden Gaukler oder, wie Kenji, Kaufleute. Auch Takeo ist offenbar ein Angehöriger des Stammes und zwar aus der Familie Kikuta. Wie Kenji kann er sich unsichtbar machen und an zwei Orten zugleich erscheinen, zugleich außergewöhnlich scharf hören und sehen.

Takeo gerät in einen Konflikt, der sein ganzes späteres Leben bestimmen wird: Er besitzt die von Kenji ausgebildeten Fähigkeiten eines Attentäters und Spions, doch sein christlicher Glaube gebietet ihm Mitleid, wo er es gefahrlos geben kann. Während Kenji ihn ob seiner Weichheit verachtet, steigt Takeo deshalb in Shigerus Achtung. Nun will er Takeo erst recht adoptieren. Doch die Onkel stellen dafür eine fiese Bedingung …

|Lady Kaede|

Das komplizierte Clan-System sieht vor, Geiseln auszutauschen, um Loyalität sicherzustellen. Die 15-jährige Kaede ist eine solche Geisel. Obwohl sie dem Clan Shiràkawa angehört, muss sie bei Lord Noguchi leben, einem Gefolgsmann Fürst Iidas. Zu ihrer Schmach muss sie zunächst beim einfachen Gesinde leben und wird ständig von den Wachleuten angemacht, jedes Jahr heftiger, je fraulicher ihre Erscheinung wirkt.

Eines Tages geht ein Wachmann zu weit, doch sie hat – zufällig? – ein Messer dabei, das eigentlich Hauptmann Arai gehört. Arai ist der einzige Mann weit und breit, der sie mit Respekt behandelt. Vielleicht hat er eigene Pläne mit ihr. Sie stößt dem zudringlichen Wachmann das Messer in den Hals, Arai kommt hinzu und tötet ihn, bevor er Kaede etwas antun kann.

Der Vorfall wird als Unfall vertuscht und die beiden Beteiligten decken einander. Doch nun hat Kaede ein schlechtes Image. Das ist überhaupt nicht gut, findet Lord Noguchi, der sie endlich in einem anständigen Zimmer unterbringen lässt. Nicht gut, weil Kaede bald heiraten soll. Doch wer würde eine Frau nehmen, die sich ihrer Haut zu wehren weiß? Und als der einzige Anwärter, der bereit wäre, sie zu heiraten, nach einem Zechgelage tot umfällt, gilt Kaede als von den Göttern verflucht. Wehe dem Mann, der ihr zu nahe kommt!

Dies passt allerdings ganz hervorragend in die Pläne von Fürst Iida und den beiden Otori-Onkeln Shigerus. Wenn sie ihre Zustimmung zu Takeos Adoption – mit entsprechendem Erbrecht – geben sollen, muss Shigeru Kaede heiraten. Doch wie sich zeigt, hat auch Lady Maruyama, Shigerus verbündete Verlobte, weit reichende Pläne.

Während also Kaede mit der Lady sowie Shigeru mit Takeo auf getrennten Wegen zu Lord Iidas wehrhaftem Hauptquartier Inuyama reisen, soll sich dort ihrer aller Schicksal erfüllen.

_Mein Eindruck_

„Das Schwert in der Stille“ bietet Gelegenheit, sich in der geheimnisvollen Welt der japanischen Clans zu verlieren. Doch die Zeit ist nicht die des Captain Blackthorn aus James Clavells Roman „Shogun“. Das 15. Jahrhundert liegt vor der Epoche des Shogunats, in der der Engländer Blackthorn gegen die Portugiesen auftritt (16./17. Jahrhundert). Entsprechend unsicher sind die Machtverhältnisse, die Clans bekämpfen einander. Und es sieht so aus, als würde Fürst Iida die Oberhand gewinnen.

Wenn es Takeo und Kaede nicht gäbe. Erzogen und ausgebildet von ihren Mentoren, dem Liebespaar Shigeru und Maruyama, spielen sie die Rolle des Züngleins an der Waage, ohne es zu ahnen. Doch eben weil das Gleichgewicht der Macht unter Iida so labil ist, kann jede kleine Aktion weit reichende Konsequenzen nach sich ziehen.

So erlöst Takeo beispielsweise eines Nachts vier „Verborgene“ von ihren Todesqualen. Als er im Vorüberhuschen von einem Bürger Yamagatas erspäht wird, hält ihn dieser für den Todesengel. Das nachfolgende Gerücht von Geistern und Engeln bringt die Stadt binnen kürzester Zeit an die Grenze des Aufruhrs, der von Iidas Truppen brutal niedergeschlagen werden muss. Dies ruft wiederum den „Stamm“ auf den Plan, der sich Takeo, den Unruhestifter, greift. Denn der „Stamm“ ist auf Stabilität angewiesen.

|Finale|

Der spannende Höhepunkt der Geschichte ist die schon lange von Takeo und Shigeru geplante Eroberung von Fürst Iidas Festung. Dass diese Festung ihre Tücken hat (vgl. den O-Titel), erhöht den Kitzel der Gefahr nur noch. Da erweist es sich als hilfreich, dass Takeo auf die Unterstützung von Angehörigen des „Stammes“ zählen kann. Und zu seinem Erstaunen spielt auch Lady Kaede, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat, eine entscheidende Rolle. Ihr Aufeinandertreffen in dieser Nacht der Entscheidung bleibt nicht ohne Folgen und bestimmt Kaedes Existenz in den Folgebänden.

|Außen und innen|

Der besondere Reiz der Erzählung liegt aber in der Beschreibung der Menschen und ihres Verhaltens. Hier erweist sich die Autorin als besonders einfühlsam und ausdrucksstark. Das Verhalten der meisten Hauptfiguren, insbesondere von Takeo und Kaede, ist stets verständlich, denn es wird sohl in seinen Motiven als auch in den Bedingungen seines Umfeldes geschildert. Wir können die Hauptfiguren praktisch von außen wie auch von innen sehen. Das verleiht der Geschichte – ebenso wie die zahlreichen Naturbeschreibungen – eine anrührende Dimension, die mich besonders bezaubert hat. Vor allem natürlich auch, weil mich Japan und seine alte Kultur seit jeher fasziniert haben.

|Die Sprecher|

August Diehl spricht den Ich-Erzähler Otori Takeo. Takeo erscheint als kräftiger, selbstsicherer junger Mann, der schon früh größtes Leid erfahren und bewältigen muss. Doch Grübelei und Melancholie sind seine Sache nicht. Ironie und Zynismus sind ebenso Takeo fremd, doch aufrichtigen Humor bekommen wir von ihm fast nie zu hören. Dafür ist unüberhörbar, wie sehr er seinen Mentor Shigeru achtet und liebt, so dass er sein eigenes Leben in die Waagschale wirft, um Shigerus zu retten.

Marlen Diekhoff spricht Lady Kaede in der dritten Person. Dieser Wechsel der Erzählperspektive ist leicht zu bewältigen und sorgt für Abwechslung. Diekhoff verfügt über eine sanfte, honigweiche Stimme, die ich ein wenig zu leise finde. Die größte Schwäche ist jedoch eine hörbare Brüchigkeit im Ausdruck, die wohl auf ihr Alter zurückzuführen ist. Als Folge erscheint uns Kaede als ein zerbrechliches Ding ohne eigenen Willen.

Nichts könnte falscher sein. Sie ist zwar die meiste Zeit eine Schachfigur im großen Spiel der Fürsten, doch unter der Obhut ihrer Stammes-Zofe Shizuka lernt sie schnell, sich zu verstellen und Gefahr abzuwenden. Und Gefahren gibt es in einem japanischen Frauenleben offenbar reichlich. Unter Shizukas Anleitung erlernt sie das Führen von Messer, Schwert und anderer Ding, die sich als Waffe einsetzen lassen. Was sich im richtigen Augenblick als sehr notwendig erweist. Diekhoffs Vortrag führt den Hörer in die Irre.

|Aussprache und Schreibweise|

Beide Sprecher bewältigen die sprachlichen Schwierigkeiten, die das Japanische bietet, mit großer Bravour. Sie haben sich offenbar kundig gemacht. Ganz besonders August Diehl muss mit vielen Namen zurechtkommen, die stets ein wenig von der Schreibweise abweichen. Ein paar Beispiele:

Otori: Die Betonung liegt im Japanischen eine Silbe VOR derjenigen, die im Indogermanischen betont wird. Hier würde man Otori auf der zweiten Silbe betonen. Doch im Japanischen liegt die Betonung auf der ersten: Es klingt wie [ottori]. Analog dazu wird Shirakawa auf der zweiten statt der dritten Silbe betont: [shirà kawa]. Analog dazu die Städtenamen Inúyama, Yamágata und Teráyama. Der name der Lady Kaede wird in zwei Silben ausgesprochen, denn [ae] ist ein Doppellaut und klingt wie [ei], nicht wie [ä].

Obwohl das Personal recht umfangreich ist, enthalten weder Buch noch Hörbuch eine Liste der dramatis personae. Lediglich im Buch (und auf der Webseite) kann sich der Interessierte anhand einer Landkarte orientieren, wie die Ortsnamen und die Namen der Clan-Domänen geschrieben werden. Meine Schreibweise ist der im Buch angeglichen.

_Unterm Strich_

Die gesamte Trilogie „Der Clan der Otori“ richtet sich an Jugendliche um 15 Jahre. Sowohl Lady Kaede als auch Otori Takeo sind in diesem Alter, als das erste Buch „Das Schwert in der Stille“ schließt. Beide wachsen in einer Erwachsenenwelt auf, die ebenso von Geheimnissen wie von Gefahren erfüllt ist. Und die Gefahr gilt immer dem Leben.

Gleichzeitig ist diese Initiation in die Welt eine Erkundung der eigenen Fähigkeiten, Gefühle und Gedanken. Da Takeo über nahezu magische Fähigkeiten verfügt, ist dieser lange Prozess umso faszinierender. Doch auch die grazile Kaede weiß eine Klinge tödlich zu führen, wenn’s drauf ankommt. Das Finale stellt alle Erwartungen an Action und Drama mehr als zufrieden. Der Epilog deutet jedoch an, dass sowohl Takeo als auch der gesamte „Stamm“ und obendrein Kaede in Gefahr sind.

Das Hörbuch halte ich nicht für hundertprozentig gelungen. Während August Diehls Passagen mich beeindrucken konnten, ertappte ich mich bei Marlen Diekhoffs Passagen dabei, leicht genervt zu sein. Mein Verdacht, dass ihre Darstellung Kaedes nicht mit der im Buch übereinstimmt, bestätigte sich bei der Lektüre der Fortsetzung „Der Pfad im Schnee“. Kaede ist eine ungewöhnlich intelligente junge Frau, die sich durchaus ihrer Haut zu wehren weiß.

_VORSICHT SPOILER_
Und seit ihrer Liebesbegegnung mit Takeo hat sie einen besonders guten Grund dafür: Sie ist schwanger. Ihr Kind wäre der Erbe der Domänen Otori, Maruyama und Shirakawa – eine eindrucksvolle Kombination geballter Macht. Falls die Mutter überlebt.
_ENDE SPOILER_

Mit gespannter Erwartung freue ich mich auf die Fortsetzung des Hörbuchs. Sie kommt am 21. Februar 2005 auf den Markt.

|Originaltitel: The Otori Clan vol. 1: Across the Nightingale Floor, 2002
Aus dem Englischen von Irmela Brender
510 Minuten auf 7 CDs|

Fritz Lang, Heinz Oskar Wuttig, Susa Gülzow – Die 1000 Augen des Dr. Mabuse

Gruselkrimi mit Tiefgang, sauber produziert

Man schreibt das Jahr 1957. Exakt 25 Jahre nach dem Selbstmord des Verbrechergenies Dr. Mabuse scheint jemand dessen Vermächtnis anzutreten, um die Grundfesten der Staatsgewalt zu erschüttern. Eine neue obskure Organisation ermordet den allzu neugierigen Fernsehreporter Peter Barter, bedroht die Mordkommission und nimmt als nächstes Opfer einen amerikanischen Industriellen ins Visier. Die Intrige gegen ihn ist fein gesponnen, doch wird Kommissar Kras rechtzeitig zur Stelle sein?

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Verne, Jules – Reise um die Erde in achtzig Tagen

Mit diesem Hörbuch präsentiert der |Hörbuch Hamburg|-Verlag einen der großen Klassiker aus der Feder Jules Vernes, vorgetragen auf sechs CDs von Rufus Beck.

Der exzentrische englische Gentleman Phileas Fogg ist ein Mann der Gewohnheit. Den Großteil seines perfekt durchorganisierten Tages verbringt er dabei in einem vornehmen englischen Herrenclub Londons, dem Reformclub. Im Herbst des Jahres 1872 beherrscht ein Bankräuber, welcher eine enorme Summe Geld gestohlen hat, die Londoner Tagespresse. Die Mitglieder des Reformclubs debattieren über die Wahrscheinlichkeit, den Dieb zu finden und dingfest zu machen. Foggs meint, man würde den Täter schon finden, da aufgrund der zunehmend besseren Verkehrsbedingungen jeder Ort der Welt schnell zu erreichen sein. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass es möglich sei, die Erde in lediglich achtzig Tagen zu umrunden. Diese Aussage bringt ihm den Spott der anderen Gentlemen ein, sodass Phileas Fogg auf der Stelle 20.000 Pfund – die Hälfte seines Vermögens – wettet und sich fast augenblicklich auf die Reise macht, um den anderen Herren den Beweis seiner These zu liefern. Sein neu eingestellter französischer Diener Passepartout, welcher auf der Suche nach einer ausgeglichenen Tätigkeit war, begleitet ihn auf der abenteuerlichen Reise. Per Eisenbahn, Schiff, Ballon und auf dem Elefantenrücken nehmen die beiden den Wettlauf mit der Zeit auf. Dabei haben sie jede Menge Gefahren zu bestehen, wie die Rettung einer jungen indischen Witwe vor dem Scheiterhaufen.

Die überstürzte Abreise Phileas Foggs in England resultiert jedoch in einer fatalen Konsequenz. Scotland Yard, vor allem der übereifrige Detektiv Fix, vermutet in Fogg den gesuchten Bankräuber. Dieser Verdacht erhält durch den ungewissen Ursprung von Foggs Vermögen weitere Nahrung. Fix macht sich auf den Weg, den vermeintlichen Verbrecher zu stellen.

Der 1873 erschienene Roman von Jules Verne ist ein Vorzeigeexemplar des klassischen Abenteuer- und Reiseromans des 19. Jahrhunderts. Exotische Orte, undurchsichtige Gefahren, moderne und skurrile Beförderungsmittel, dazu eine intelligente, spannende Handlung, welche mit einer Prise Humor gewürzt ist. Daher resultieren auch der anhaltende Erfolg des Buches, auch 130 Jahre nach dem Erscheinungsdatum, und die zahlreichen Verfilmungen und Variationen des Themas, wobei hier lediglich auf den monumentalen Film mit David Niven in der Rolle des Phileas Fogg hingewiesen werden soll. Hierbei ist interessant, dass sich der Blickwinkel im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Bei Erscheinen traf Jules Verne den Nerv der Zeit, die Gesellschaft befand sich in Aufbruchsstimmung und Verne propagierte wie in anderen Werken den unglaublichen technischen Fortschritt. Mit seinem Werk belegte er glaubwürdig, dass eine solche Reise in dieser Rekordzeit tatsächlich möglich sei. Heute muten der Roman und die beschriebenen Technologien natürlich altmodisch an und die Freude an dem Werk liegt zum Teil auch in der ausgestrahlten Nostalgie begründet. Der unumstrittene Glaube an die moderne Technik ist sicherlich heute einem gewissen technologischen Misstrauen gewichen und so denkt man sich bei vielen Abschnitten der Reise von Fogg und seinem treuen Begleiter, wie schön und unberührt die Natur einst war.

Das Hörbuch stellt eine erstklassige Umsetzung des Romans dar, was hauptsächlich an dem Sprecher Rufus Beck liegt. Er schafft es durch die wohlklingende Intonation und seine klare Sprechweise, den Zauber des Buches an den Hörer weiterzugeben. Die verschiedenen Ton- und Stimmlagen passen sowohl zu dem Erzähler als auch zu den zahlreichen unterschiedlichen Charakteren. Die beiden Protagonisten, Phileas Fogg und Passepartout, werden mit all ihren Eigenheiten und Facetten widergegeben. Neben der nasalen, etwas arroganten Sprechweise des Phileas Fogg, eines Upperclass-Gentlemans des 19. Jahrhundert, hat mich besonders der Kontrast zu seinem Diener beeindruckt. Es gelingt Beck nicht nur, den französischen Akzent glaubhaft zu imitieren, sondern auch die liebenswürdige Art des Passepartouts darzustellen. Noch intensiver als beim Lesen des Romans wächst einem dieser einzigartige Butler ans Herz. Das ist wirklich eine außergewöhnliche Leistung. So vergeht die Zeit wie im Flug und schon ist der Hörer am Ende der Geschichte und bei der letzten CD angelangt und würde am liebsten wieder von vorn beginnen.

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren. Neben H. G. Wells in England und Kurd Laßwitz in Deutschland gilt er häufig als der Hauptbegründer der Science-Fiction-Literatur und ihr einflussreichster Wegbereiter. So beschrieb er viele technische Errungenschaften vor ihrer tatsächlichen Erfindung. Seinem anfänglich absoluten Glauben an den technischen Fortschritt folgte in späteren Jahren eine kritischere Auseinandersetzung mit den sich ergebenden gesellschaftlichen Konsequenzen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1905 schrieb Verne über neunzig Romane.

Rufus Beck, Jahrgang 1957, arbeitete als Theater- und Filmschauspieler in den verschiedensten Rollen, bis er ab dem Jahr 2000 durch seine Tätigkeit als Sprecher der Harry-Potter-Bücher zahlreiche Preise erhielt und seither zu den begehrtesten Sprechern für Hörbuchproduktionen zählt.

Byron, Lord / Polidori, John William – Vampyr, Der – Die Erzählungen

2004 beschenkte |Ripper Records| die Hörspielfans mit [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=525 – einer sowohl unterhaltsamen als auch klugen Bearbeitung der berühmten Anekdote um die Entstehung zweier vampirischer Urtexte: Byrons „Ein Fragment“ und Polidoris „Der Vampyr. Eine Erzählung“. Der exzentrische Byron nämlich war zusammen mit seinem Leibarzt Polidori in die Schweiz geflohen (wohl vor Geldeintreibern und empörten Müttern junger respektabler Mädchen) und verbrachte dort den Sommer zusammen mit Percy und Mary Shelley sowie deren Cousine Claire Clairmont. Man vertrieb sich die Zeit mit dem Lesen von Gespenstergeschichten, die Percy Shelley so schockierten, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Die Dichter beschlossen, sich jeweils selbst an einer Gespenstergeschichte zu versuchen. Mary Shelleys Beitrag zum Wettstreit ist wohl der heute berühmteste: Ihr gab der „Gespenstersommer am Genfer See“ die Idee zu ihrem „Frankenstein“ ein. Byron verlor offensichtlich schnell das Interesse an der ganzen Sache, und so blieb sein Beitrag nur Fragment. Polidori jedoch, mittelmäßiger Arzt und verkappter Schriftsteller, beteiligte sich mit seiner schauerlichen Erzählung „Der Vampyr“.

Seine Erzählung war offensichtlich ein kaum verhüllter Exorzismus der unerträglichen Beziehung zu seinem Brotgeber Byron, den er in „Der Vampyr“ als ruchlosen Blutsauger darstellt, der Jagd auf unschuldige Mädchenhälse macht und den Erzähler Aubrey damit zunächst ins Unglück und schließlich in den Tod stürzt. Der junge und naive Aubrey nämlich fühlt sich in der englischen Gesellschaft sofort von dem exotischen und weltgewandten Lord Ruthven angezogen und lädt ihn dazu ein, die Grand Tour durch Europa mit ihm zu absolvieren. Auf dem Kontinent angekommen, häufen sich jedoch bald die Verdachtsmomente, dass es sich bei Ruthven um einen Mann von fragwürdigem Lebenswandel handelt, und Aubrey versucht, sich von ihm zu trennen. Er setzt die Reise allein fort, doch offensichtlich folgt ihm Ruthven, tötet ein griechisches Mädchen und setzt, wieder in England, Aubreys Schwester nach.

Polidoris Erzählung mag literarisch kein großer Wurf sein, doch stellt sie erstmals ausführlich die Urform des romantischen Vampirs vor, wie er uns auch noch heute geläufig ist. Ruthven ist blass und von einem gewissen Weltschmerz geplagt. Er ist weltgewandt, exzentrisch, verführerisch und dabei ohne jede Moral. Auch heute noch bedienen sich Autoren von Vampirromanen gern bei diesen Charakteristika und das macht den „Vampyr“ auch heute noch so gut lesbar, auch wenn nirgends von Kreuzen, Knoblauch oder Holzpflöcken die Rede ist.

Byrons „Fragment“ dagegen umfasst nur ein paar Seiten und bricht, leider, genau an der spannendsten Stelle ab. Und so ist die Betitelung mit „Der Vampyr. Ein Fragment“ für dieses Hörbuch ein wenig irreführend, da durchaus nicht klar wird, um was für ein Wesen es sich bei Darvell handeln soll. Dieser zeigt zwar auch die mittlerweile bekannten Charakteristika des Vampirs (reich, exzentrisch, gebildet, melancholisch), doch kann man ihn ansonsten nur schwer mit dem gemeinen Blutsauger in Verbindung bringen. Auch er wird vom Ich-Erzähler zur Grand Tour eingeladen. Doch als die beiden auf einem türkischen Friedhof ankommen, erleidet Darvell einen unvorhergesehenen Schwächeanfall, dem er einige Tage später erliegt. Jedoch nicht, ohne dem Ich-Erzähler das Versprechen abzuringen, nichts von seinem Tod verlauten zu lassen und ihm genaue Instruktionen zum Umgang mit seiner Leiche zu hinterlassen. Nun wäre es natürlich interessant zu wissen, welche Art Wiederauferstehung Darvell geplant hatte, doch – wie bereits erwähnt – hält uns Byron dieses Wissen vor und bricht die Erzählung überraschend ab.

„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“ behandelte die Ereignisse rund um die Entstehung der beiden Texte und flocht auch einige Ausschnitte aus den Erzählungen mit ein. Dies scheint die Hörer neugierig gemacht zu haben, denn mit „Der Vampyr. Die Erzählungen“ hat Ripper Records die beiden zugrunde liegenden Texte nun auch als Hörbuch zugänglich gemacht. Die Sprecher wurden beibehalten: Joachim Tennstedt, der im Hörspiel den Byron sprach, liest nun dessen Erzählung. Und Andreas Fröhlich, der Polidori mimte, gibt dessen „Vampyr“ zum besten. Beide lesen in gewohnter Qualität und versuchen, die Atmosphäre einer abendlichen Geschichtenlesens zu evozieren, wie sie wohl am Genfer See stattgefunden haben muss. Im Hintergrund knackt ein Feuer, es rollt der Donner (der Sommer 1816 war von heftigen Gewittern durchzogen) und man kann sich der Vorstellung nicht erwehren, Polidori und Byron säßen uns im Ohrensessel gegenüber und läsen ihr neuestes Manuskript.

So kommt das Hörbuch ganz ohne große Knalleffekte oder Überraschungsmomente aus. Die Erzählungen wirken ausschließlich aus sich selbst heraus, zum Leben erweckt von zwei großartigen Sprechern. „Der Vampyr. Die Erzählungen“ vervollständigt das Hörspiel „Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“. Die Appettithäppchen, die im Hörspiel aus den beiden Erzählungen geliefert wurden, werden hier in einem intimen Mahl aufgetragen. Wen das Hörspiel also neugierig gemacht hatte, dem wird hier geholfen. Wer die beiden Erzählungen ohnehin aus Anthologien kannte, wird ihnen in der Hörbuchfassung durchaus noch neue Seiten abgewinnen können. Ein Gewinn ist das Hörbuch also in jedem Fall!

Die CD ist im Handel oder direkt unter http://www.ripperrecords.de erhältlich.

Hohlbein, Wolfgang – Als der Meister starb

|Man schreibt das Jahr 1883. Vor der Küste Schottlands zerschellt der Viermastsegler „Lady of the Mist“ auf den tückischen Riffen. Okkulte Kräfte haben ihn angegriffen. Nur wenige Menschen überleben die Katastrophe und schlagen sich landeinwärts durch. Unter ihnen befindet sich ein Mann, der die Schuld an dem Unglück trägt. Ein Mann, der gejagt wird von uralten, finsteren Göttern, aber auch von Zauberern, denen er zu entkommen suchte: Roderick Andara, den man den „Hexer“ nennt.| (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Jürgen Hoppe, 1938 in Görlitz geboren, ist Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie Sprecher, Autor, Moderator und Korrespondent verschiedener Sendeanstalten. Sein facettenreiches Talent stellte er bei der Interpretation unterschiedlichster Texte unter Beweis. (Verlagsinformation)

Der Sprecher des Prologs ist Dirk Vogeley. Der Gesang stammt von Andreas Grundmann („My father’s son“), Steve Whalley („The age of damnation“) und Elizabeth Eaton („Sopran auf „Lady of the Mist“). Die Verlagsinfo nennt zehn Mitglieder der Band, die Beiträge zur Musik lieferte.

_Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

_PROLOG_

Eine ernste Stimme (Dirk Vogeley) klärt den Hörer darüber auf, was es mit den Großen Alten auf sich hat und dass mit ihnen grundsätzlich nicht gut Kirschen essen ist. Vor zehntausenden von Jahren beherrschten sie die Erde, doch ihre Sklaven rebellierten. Die Großen Alten siegten doch unter Opfern, denn sie weckten die Älteren Götter, die sie bekriegten. Die Älteren Göttern verbannten die Großen Alten in die finstersten und ungemütlichsten Ecken des Universums, einer jedoch schlummert in der Tiefe der Ozeane im vergessenen R’lyeh: Cthulhu!

|“Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass der Tod die Zeit besiegt.“|

_Handlung_

Der Viermastsegler „Lady of the Mist“ hat den Hafen von New York vor 34 Tagen verlassen. Sein Kurs zeigt Richtung London, momentan muss er Schottlands Westküste passieren. Man schreibt das Jahr 1883, aber die „Lady“ befindet sich in einer Flaute und ist von dichtem Nebel umgeben. Es könnte genauso gut das Jahr 10.000 vor Christus sein.

Das findet jedenfalls Robert Craven, der sich auf seiner ersten Auslandsreise befindet. Er ist seinem Mentor und Dienstherrn Randolph Montague gefolgt, der krank in seiner Kajüte liegt. Robert, 24 Jahre jung, äußerst seine nervöse Furcht nur gegenüber Kapitän Bannermann, einem aufrechten Seebären. Er meint, den Fangarm eines Kraken an der Reling gesehen zu haben. Auch Montague ist der Nebel nicht geheuer und er bittet Bannerman eindringlich, das Schiff irgendwie von hier wegzubringen.

Zu spät! Der Fangarm eines Monsters hat die Reling durchbrochen und sich einen Matrosen geschnappt. Montague wappnet sich und seinen Diener Robert mit Medaillons, in die jeweils ein roter Stein eingelassen ist. Montague erscheint kraftvoller, mächtiger. Es sieht nicht nur wie Zauberei aus – das ist es auch! Er gibt sich als Roderick Andara zu erkennen, den man auch als „Hexer“ kennt oder vielmehr verflucht. Und auch Robert hat die „Gabe“ …

Andara vertreibt den Nebel, Wind kommt auf, da explodiert das Meer förmlich und eine Riesenwelle trifft die „Lady“ mittschiffs, dass die Takelage wackelt. Tentakel mit gefräßigen Mäulern schlängeln sich an Deck und schnappen sich ihre Lieblingsbeute: Matrosen. Ihr Blut wirkt wie Säure und verätzt die Haut. Andara errichtet einen Schutzbann, um das Ungeheuer zurückzuzwingen.

Er erklärt Robert, was das für ein Wesen ist: ein Killer, herbeigerufen von seinen Verfolgern, um Andara zu töten. Er gibt Robert die Chronik von Jerusalem’s Lot, die unter anderem die Hexenverfolgung und -prozesse in Salem, Massachusetts, zum Thema hat. Damals wurden Hexer beiderlei Geschlechts vertrieben, darunter auch Andaras Ahnen. Doch 1863 gab es ein neues Pogrom, dem scheinbar nur Andara selbst entkommen konnte. Nun muss Andara erkennen, dass weitere Hexer überlebt haben und ihn für seinen Verrat bestrafen wollen.

Sie haben Yog-Sothoth beschworen, einen der Großen Alten. Und dieses Ungeheuer treibt den stolzen Segler direkt auf die tückischen Klippen an der Küste zu …

Nach dem Untergang des Schiffs und dem Tod Andaras begeben sich Robert, der nach London muss, und wenige anderen Überlebende unter Kapitän Bannermans Führung in das nächstgelegene Dorf Goldsby. Es liegt idyllisch am Loch Sheen, umgeben von Schafweiden. Sie ahnen nicht, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind. Und der erste Mensch, den sie antreffen, ist offensichtlich ein Verrückter: Er nennt sie Mörder …

_Mein Eindruck_

Der Roman trägt eigentlich den falschen Titel. (Dieser ist zudem negativ besetzt, so dass er nicht gerade zum Buchkauf einlädt.) Während nämlich der alte Meister, eben Roderick Andara, stirbt, entsteht praktisch vor unseren Augen der neue Meister Robert Craven, Andaras leiblicher Sohn und sein geistiger Schüler: der neue „Hexer“. Und so wie Andara Lovecrafts Schüler war, so geht auch Craven zu Lovecraft, um eine Ausbildung als Magier zu erhalten und das geistige Erbe seines Vaters – v. a. die riesige okkulte Bibliothek – anzutreten.

Doch dieses Erbe ist nicht eitel Sonnenschein, sondern mit der Gabe seines Vaters übernimmt er auch die Feindschaft von dessen Verfolgern, den Hexern von Salem. Wie schon im schottischen Goldsby attackieren sie Craven auch in London, wo sie ihn in einem dramatischen Showdown dem Monster vom Loch Sheen opfern wollen. Da sind sie aber an den Falschen geraten!

ACHTUNG, SPOILER!

Dieses Monster ist wirklich eine lustige Erfindung. Angelehnt an die Sage von Nessie, dem Monster von Loch Ness, handelt es sich um einen Saurier aus der Urzeit. Das Viech kann nicht nur gut schwimmen – es legt die Strecke Schottland – London in sieben Wochen zurück. Es hat auch ein prachtvolles Gebiss mit den Beißerchen eines Tyrannosaurus Rex. Und natürlich hat es einen riesigen Appetit auf frisches Magierfleisch mitgebracht. Leider hat es bei seinem Angriff auf Craven nicht das tonnenschwere Gewicht von Kirchenglocken berücksichtigt …

SPOILER ENDE

Ja ja, es ist schon ein Kreuz mit den Monstern: Wenn man sie zu deutlich zeigt, wirken sie allzu leicht lächerlich. Auch der Große Alte namens Yog-Sothoth kommt uns daher etwas spanisch vor, obwohl er sich doch mit seiner körperlichen Erscheinung ziemlich zurückhält. Das hindert uns aber nicht daran, ihn für einen besonders bösartigen Riesenkraken zu halten. Diese Verkörperung würde eigentlich viel eher zu Cthulhu, dem Bewohner der Tiefsee, passen. Dass der Torwächter Yog-Sothoth sich zu niederen Killerdiensten hergibt, dürfte sicherlich der dichterischen Freiheit des Autors zu verdanken sein.

|Zauberin gut, alles gut?|

Richtig gut hat mir hingegen Priscilla gefallen. Die schöne, junge Frau, die Bannermann & Craven in Goldsby zur Flucht verhilft, betört den jungen Magier mit ihrer Schönheit und Hilfsbedürftigkeit. Die bösen, bösen Hexer von Salem dürfen sie nicht bekommen, so viel ist schon mal klar. Und welchen schöneren Augenblick könnte es für Robert geben, als dass sie ihre lästigen Klamotten von sich schmeißt und sich ihm in aller nackten Pracht darbietet?

Die Sache hat nur einen winzigen Haken: Sie ist in Wahrheit weder jung noch eine Unschuld vom Lande. Und erweist sich also ein besonders perfider Köder, um Robert in die Hände seiner Gegner zu treiben. Priscillas Verwandlung hat ziemlich hohes Gruselpotenzial.

_Der Sprecher_

Der Endsechziger Jürgen Hoppe verfügt immer noch über eine durchaus kräftige Stimme, die er wirkungsvoll einzusetzen weiß. Zwar ist seine Modulationsfähigkeit nicht so ausgeprägt wie etwa bei Kerzel und Pigulla, doch die Kraft seines Ausdrucks trägt besonders bei dramatischen Stoffen zur Wirkung der Geschichte bei. Ein Horrorstoff wie „Als der Meister starb“ mit seinen zahlreichen dramatischen Konfrontationen bietet sich hierfür geradezu an.

Hoppe evoziert das Grauen nicht nur bei den Angriffen der diversen Monster, sondern auch bei entsprechenden psychologischen Regungen des Grauens, so etwa wenn sich Cravens geliebte Priscilla nicht als das entpuppt, was sie zu sein scheint. Wesentlich einfacher ist der Effekt, wenn der Hausdiener von Howard Phillips Lovecraft sich durch sein besonders tiefes Sprechorgan auszeichnet, um bedrohlich zu erscheinen. Der Hörer merkt gleich: Mit diesem Gorilla – er heißt übrigens Rolf – ist nicht gut Kirschen essen.

_Die Musik_

Das Hörbuch weist einen erstaunlich hohen Gehalt an Musik auf. Schon der Prolog weist Hintergrundmusik auf, dann folgt in der Pause ein längeres Stück professionell produzierten Mystic- oder Gothic-Rocks. Später folgen auch Songs, gesungen von Steve Whalley und Andreas Grundmann (s. o.). Diese Musik stammt von |ANDARA Project|, und für die Kompositionen und die englischen Songtexte zeichnet laut Verlagsinfo der Ton-Regisseur Albert Böhne verantwortlich, der auch den Text des Hörbuchs bearbeitet hat. In Personalunion ist Böhne somit der Meister aller Klassen.

Über die Qualität von Songtexten auf Hörbüchern kann man sich streiten, so etwa über Kunzes Stück „Der weiße Rabe“ auf den Poe-Hörspielen Lübbes. Bei Böhnes englischen Texten ist jedenfalls weitaus weniger zu verstehen, worum es geht. Das liegt aber nicht an der Aufnahmequalität, sondern vielmehr an der leisen Wiedergabe auf meiner Stereoanlage. Ich empfand ansonsten die Hintergrundmusik nicht als aufdringlich oder gar störend, sondern vielmehr passend.

Allerdings fragt sich manchmal der Hörer, warum er die Musikstücke mitbezahlen soll, die doch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Laufzeit ausmachen – geschätzt etwa 20 Minuten Pausenmusik und Abspann. Immerhin teilen die Songs den langen Text deutlich auf.

_Unterm Strich_

„Als der Meister starb“ richtet sich von seiner begrenzten Originalität und seinem einfachen Stil her an ein junges Publikum, das wohl vor allem männlich sein dürfte – warum sonst sollte es eine junge schöne Hexe erotisch finden? Pubertierende Jungs dürften sich auch wesentlich leichter mit dem jungen, angehenden Magier Robert Craven identifizieren, der von seinem bislang unbekannten Vater in die okkulten Künste eingeweiht wird. Dass er sein Können an der Seite weiterer Magier auf die Probe stellen darf, ist nur folgerichtig. Ob er die Prüfung besteht, soll hier nicht verraten werden.

Der Sprecher Jürgen Hoppe macht im Zusammenspiel mit der Band |ANDARA Project| das Hörbuch beinahe zu einem Hörspiel, so spannend und eindrucksvoll sind die Szenen dargestellt. Wer also keinen hohen Ansprüche an Horrorliteratur stellt, wird mit diesem Hörbuch gut unterhalten werden.

|221 Minuten auf 3 CDs
Originalfassung: „Gespenster-Krimi“ Band 567; 1983
Hörspielfassung 2004 unter der ISBN 3-7857-1409-2|

Marklund, Liza – Studio 6

»“Studio 6 spielt fast acht Jahre vor den Ereignissen in meinem vorigen Buch ‚Olympisches Feuer‘ und ist zeitlich gesehen der erste Roman in der Serie um die Kriminaljournalistin Annika Bengtzon. Wir begegnen ihr, als sie gerade als junge Aushilfe bei der Zeitung ‚Abendblatt‘ begonnen hat. Ich wünsche Ihnen spannende Unterhaltung.« Liza Marklund, Hälleforsnäs im Juli 1999.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, wuchs in Nordschweden auf, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis, ebenso wie „Der Rote Wolf“. Marklund lebt in Stockholm, ist verheiratet und hat drei Kinder. (Verlagsinfo)

Homepage der Autorin: http://www.lizamarklund.net

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Prime Time“, „Paradies“ und [„Der Rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 gelesen.

Winter liest die von Dagmar Ponto gekürzte Fassung. Ponto führte auch Regie.

_Handlung_

Annika Bengtzon, 24, übernimmt eine Sommervertretung in der Stockholmer Lokalredaktion des „Abendblatts“, einem Gegenstück zur deutschen „BILD“. Es erreicht sie ein anonymer Anruf: Jemand hat eine junge Frau ermordet auf dem jüdischen Friedhof mitten in Stockholm gefunden, nicht weit weg von Annikas neu gefundener Altbauwohnung. Sofort rast Annika mit ihrem Fotografen zum Fundort, um noch Bilder zu schießen, bevor die Bullen die Stelle absperren und die Leiche abtransportieren lassen. Was Annika an der nackten jungen Frau auffällt, sind die steil nach oben ragenden Brüste: Sie müssen künstlich sein. War die Unbekannte eine Professionelle?

Die 19-jährige Hannah Josefine Liljeberg arbeitete als Animierdame und Stripperin in einem Sexklub namens „Studio 6“. Die seltsame Parallele: So heißt auch ein stadtbekannter Radiosender. Geführt wird der Sexklub von einem Typen namens Joachim. Josefines Zimmergenossin, die aus Lateinamerika stammende Patrizia, arbeitet ebenfalls dort. Sie erteilt Annika ein paar Auskünfte, die aber allesamt ein positives Licht auf den Klub werfen – Joachim hat sie eingeschüchtert. Der Friedhof liegt auf dem Nachhauseweg vom Klub. Hat Joachim Josefine getötet, weil sie mit ihm Schluss machen wollte?

Während Annikas Redaktion mit Anders Schüman einen neuen Chef erhält – er kommt vom Gesellschafts-TV – , fällt der Tatverdacht jedoch nicht auf den Sexklubchef, sondern auf den Außenhandelsminister Krister Lundgren. Radio „Studio 6“ hechelt begeistert alle Details durch: Im Außenministerium habe man eine Rechnung des Sexklubs gefunden, die mit der Kreditkarte des Ministers bezahlt wurde. Da Wahlkampf herrscht, fallen die Aktien der herrschenden Sozialdemokraten. Es ist leicht abzusehen, wie die Reaktion aussieht: Man wird ein Bauernopfer verlangen, den Rücktritt Lundgrens.

Doch Annika Bengtzon weiß es als einzige besser: Dies ist ein politisches Täuschungsmanover, um die Öffentlichkeit von einer viel größeren Sauerei abzulenken. Warum ist gerade jetzt das Archiv der Sozialdemokraten aufgetaucht, die in den sechziger Jahren die Kommunisten abgehört hatten? Wer hat diese Aktion lanciert? Die Spur führt nach Estland und von dort weiter nach „Kaukasien“, wo ein blutiger Bürgerkrieg geführt wird – mit schwedischen Waffen.

_Mein Eindruck_

Dieser kurze Inhaltsabriss bietet nur einen winzigen Ausschnitt des ersten Drittels. Denn auch Patrizia und der Minister Lundgren haben ihre eigenen Szenen. Hinzukommt, dass Annika sowohl um ihren Job kämpfen muss und verliert, als auch um ihre Freiheit von ihrem Verlobten Sven Matsson, der nunmehr exklusive Rechte auf sie geltend machen will. Sven weist eine hohe Ähnlichkeit mit Josefines Liebhaber Joachim auf. Wird Annikas Beziehung zu Sven ebenso verhängnisvoll enden?

|Martyrium der Liebe|

Was diese private Seite der Journalistin Annika so wichtig macht, ist ein Tagebuch, das eine junge Frau führt und den schrecklichen Verlauf einer Liebesbeziehung schildert. Diese Tagebucheinträge erstrecken sich über fast zwei Jahre: Anfangs ist diese Liebe der Himmel auf Erden, am Ende die reine Hölle, denn der Ausschließlichkeitsanspruch des geliebten Mannes erweist sich als ein erstickendes Gefängnis, das der Frau alle Lebensenergie entzieht.

[SPOILER!]

Am Schluss ist das Erstaunen groß: Die ganze Zeit ist man im Glauben, es handele sich um das Tagebuch der armen, getöteten Josefine, doch nach dem Showdown zwischen Annika und Sven (so viel darf ich wohl verraten) ist ebenfalls von einem Tagebuch die Rede. Annika habe es geführt und vor Gericht habe es einen entlastenden Beitrag geleistet. Nun, es ist durch den Altersunterschied schon klar, dass die zitierten Passagen aus Josefines Tagebuch stammen und nicht aus Annikas, aber sie könnten – und das ist der eigentliche Schock! – genauso gut von Annika stammen. Die ganze Zeit hat uns die Autorin hinters Licht geführt und uns mit Annika eine positive Aufsteigerin vorgegaukelt, doch am Schluss steht sie als Opfer da, das sich aus der Umklammerung befreien konnte. Auf welche Weise, darf hier nicht verraten werden.[SPOILER ENDE]

|Politisches Schattenspiel|

Äußerst spannend ist es zu verfolgen, wie die kleine Redakteursvertretung vom Lande einem politischen Skandal erster Größenordnung auf die Spur kommt, einfach, indem sie hartnäckig nachforscht – und ihr ein klein wenig der Zufall zu Hilfe kommt: Der Minister Lundgren hat einen netten Schwager, der ihn auf einem bestimmten Flughafen zu einer bestimmten Zeit nicht nur gesehen, sondern sogar aufs Urlaubsvideo gebannt hat. Das nennt man entweder Narrenglück oder einen kühnen Eingriff des Autors. Jedenfalls hätte nun der Minister theoretisch ein Alibi für den Mord an Josefine Liljeberg. Doch der Abgrund, der sich dadurch nun auftut, ist furchterregend: Lundgren tätigte illegale und somit streng geheime Waffengeschäfte für die Regierung.

|Die Rolle der Medien – Huren oder Helden?|

Der Minister wird erstmals vom Radio „Studio 6“ in Zusammenhang mit dem Liljeberg-Mord gebracht. Offenbar hat man den Redakteuren die verhängnisvolle Rechnungsquittung zugespielt. Im größeren Zusammenhang des aktuellen Wahlkampfes lässt sich offenbar „Studio 6“ vor den Karren einer bestimmten Partei spannen und vorverurteilt den Minister. Das Radiomedium als Hure der Parteipolitik. Es ist blanker Hohn, wenn im Epilog erwähnt wird, dass der Sender einen Preis „für besondere journalistische Leistungen“ erhält. Bestimmt freuen sich auch die Bankkonten der Redakteure. Zwischen Sender und Sexklub bestehen nicht nur namentlich Übereinstimmungen.

Gleichzeitig verunglimpft sie namentlich (!) die Berichterstattung einer gewissen Aushilfsjournalistin Annika Bengtzon, die nur das Augenmerk vom Minister ablenken will und einem privaten Motiv für das Verbrechen den Vorzug gibt. Man kann sich leicht den Horror ausmalen, den die solchermaßen Angeprangerte nun zu erleiden hat. Zu allem Überfluss nicht nur durch „Studio 6“, sondern auch von den eigenen Kollegen! Der Einzige, der zu ihr hält, ist Schüman, doch auch er kann nicht verhindern, dass sie keinen festen Job erhält.

Wird Anders Schüman den Fels in der Brandung spielen? Wird er der Held sein, der der Bezeichnung „Journalist“ Ehre macht? Die Antwort ist leider niederschmetternd: Sein Chef, Torstenson aus [„Prime Time“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=385 ist die reinste Wetterfahne und so standfest wie ein Schneemann in der Sahara. Das Urteil der Autorin ist somit klar: Huren und Waschlappen, das sind die Medien. Nur hie und da ist ein einsames Häuflein Standhafter zu finden – meist mit schlechten Karten.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musical-Karriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Wenn Annika wütend wird, klingt das ebenso glaubwürdig wie die langsam und getragen gesprochenen Zitate aus dem Tagebuch Josefines. Diese Passagen sind sehr bewegend und können durchaus Gänsehaut verursachen.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt.

Der Vortrag durch Judy Winter habe ich als sehr eindrucksvoll und sehr gelungen empfunden. Fehler waren keine festzustellen.

_Unterm Strich_

Für Liza Marklunds Heldin Annika Bengtzon geht es in „Studio 6“ zweifach ums Überleben: beruflich in der Redaktion des „Abendblatts“ und in privater Hinsicht in ihrer Abnabelung von ihrem herrischen Verlobten Sven. Das Finale lässt denn auch nichts an Dramatik zu wünschen übrig und wird jeden Leser oder Zuhörer an den Nägeln kauen lassen und zu Tränen rühren. Die Überraschung mit dem Tagebuch ist der Autorin ebenfalls gelungen (siehe SPOILER). Das Tagebuch selbst bildet eine Geschichte in der Geschichte und sollte mit größter Aufmerksamkeit verfolgt werden. Wie Annika selbst andeutet, handelt es sich um eine klassische Fallgeschichte mit exemplarischem Charakter für „Gewalt gegen Frauen“.

Dem Engagement der Autorin entspricht die Aufdeckung der illegalen Akitivtäten der Sozialdemokraten. Sie thematisiert nicht nur die Ausspionierung der kommunistischen Anhänger in Schweden während der sechziger Jahre, sondern auch illegale Waffenexporte unter einer aktuelleren Regierung (der Roman erschien 1999). Das sollte genügend Stoff für eine politische Diskussion liefern.

Die direkte Fortsetzung im Anschluss an „Studio 6“ bildet „Paradies“. Auch hier setzt sich die Autorin keinerlei Scheuklappen auf und greift die jugoslawische Mafia an sowie die Asylantenproblematik auf. Unbedingt empfehlenswert.

Wolfgang Hohlbein – Am Abgrund (Die Chronik der Unsterblichen 1)

Transsilvanien im 15. Jahrhundert: Andrej Delãny reitet, scheinbar ziellos, durchs Land. Nach dem Tod seiner Frau gibt es für ihn keinen Platz mehr auf dieser Erde. Allerdings trägt ihn sein Pferd geradewegs in sein Heimatdorf Borsã, wo ihn eine böse Überraschung erwartet. Das ganze Dorf ist ausgestorben, eine große Anzahl der Bewohner liegt hingemetzelt im Wehrturm und der einzige Überlebende, ein kleiner Junge namens Frederic, erzählt ihm von einem furchteinflößenden Inquisitor. Das Dorf sei mit dem Teufel im Bunde, behauptete der, und so schlachtete man einen Teil der Dörfler hin und nahm den Rest gefangen.

Wolfgang Hohlbein – Am Abgrund (Die Chronik der Unsterblichen 1) weiterlesen

Meyer, Kai – Buch von Eden, Das

Im Jahre 1257. In einem französischen Kloster wird die „Lumina“ gehütet – die letzte Pflanze des Gartens Eden. Als Schergen des Erzbischofs von Köln, der die Pflanze haben will, das Kloster überfallen, überlebt nur die Novizin Favola. Als Hüterin der Lumina obliegt ihr deren Schutz. Mit Gefährten macht sie sich auf eine gefährliche Reise gen Arabien. Sie wollen die Lumina an den Ort zurückbringen, an dem der Bibel nach einst der Garten Eden gelegen haben soll. (Verlagsinformation)

|Der Autor|

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte unter anderem ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller [„Die Alchimistin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73 begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wasserläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus.

|Der Sprecher|

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist nach Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Der Novize Elwin lebt in einem Kloster von Zisterziensermöchen in der verschneiten Eifel, als er im Jahr 1257 in das Abenteuer seines Lebens gerät. Er ist reichlich aufmüpfig, denn er verzichtet partout nicht auf die Benutzung des eigenen Gehirns, und deshalb ist das Kloster in der Eifel schon sein zweites. Wieder einmal hat er sich davongeschlichen, um den öden Unterrichtsstunden zu entgehen. Mit seinem robust gebauten, aber dennoch vorsichtigen Freund Odo hat er sich auf eine Waldlichtung geschlichen, auf der sich ein Wunder ereignet.

Die beiden Jungs werden Zeuge, wie das sechzehnjährige Mädchen Libuse die große Eiche auf der Lichtung verehrt, den Schnee schmilzt und ihre Umgebung zum Leuchten bringt. Dies lockt einen riesigen Keiler herbei, mit dem sich das Mädchen offenbar gut versteht. Sie nennt den Eber „Nachtschatten“. Bei so viel Magie ist es kein Wunder, dass sich Elwin in Libuse verliebt hat. Dass sie dunkelrotes Haar und grüne Augen wie eine Hexe hat, stört ihn nicht weiter. Nur seine Tollpatschigkeit vertreibt sie leider.

Libuse lebt zusammen mit ihrem Vater Corax von Wildenburg in einem hölzernen Wohnturm, der sich aus dem Wald erhebt. Corax ist schon 50 Jahre alt, ein ehemaliger Kreuzritter, der Libuses Mutter im Orient kennen lernte, doch sie starb bei der Geburt ihrer Tochter. Er spricht gut Arabisch, doch wird das in den christlichen Landen ringsum ungern gehört. Hier herrscht der Erzbischof von Köln, Friedrich von Hochstaden, mit eiserner Hand, denn er will deutscher König werden. Corax hat die Spuren von zwei Wanderern und drei Reitern gefunden. Etwas ist im Gange.

Die zwei Wanderer treffen wenig später in Elwins Kloster ein. Durch einen Geheimgang gelangen Elwin und Odo in eine Nische, wo sie den Abt und seinen Besucher belauschen können. Elwin ist völlig von den Socken, als er erkennt, dass es sich um den Dominikanermönch Albertus Magnus, den Abt seines ersten Klosters, handelt, ein hochgelehrter Mann, dem man sogar magische Fähigkeiten nachsagt. Und er ist ein erbitterter Gegner des Erzbischofs.

Tatsächlich bittet Albertus den Abt um Schutz und Hilfe gegen seine Verfolger, die im Dienst des Erzbischofs stehen. Es sind Söldner, die von einem grausamen „Wolfsritter“ namens Gabriel von Goldau angeführt werden. Sie sind hinter etwas her, das Albertus‘ Schützling bei sich hat. Die Novizin Favola ist die einzige Überlebende eines französischen Klosters, das Gabriel zerstört hat. Favola ist krank und schwach, aber etwas ganz Besonderes.

Elwin schließt Freundschaft mit Favola, denn er fühlt sich zu ihr ebenso hingezogen wie zu Libuse, nur auf andere Weise. Und außerdem ist er neugierig. Sie verrät ihm ihr Geheimnis: Sie trägt in einem kleinen Schrein die Lumina bei sich, die Leuchtende, die letzte Pflanze aus dem Garten Eden. Und da sie zur Lumina eine empathische Verbindung hat, merkt sie, dass die Pflanze schwächer wird. Sie muss unbedingt zurück in ihren Heimatboden.

Doch wo ist der Garten Eden? Der Legende nach lag er im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, doch wie Elwin auf einer langen Wanderung herausfindet, liegt der Garten Eden erstens in der unwirtlichsten Wüste Arabiens und zweitens nicht eigentlich in dieser Welt.

Zunächst aber müssen sich die Verfolgten Albertus Magnus und Favola vor den Rittern des Erzbischofs in Sicherheit bringen. Elwin und Odo helfen ihnen dabei. Als Albert und seine Gefährten seinen alten Freund Corax besuchen, finden sie ein Bild des Grauens vor – die Ritter waren schon hier …

_Mein Eindruck_

|Die Schurken|

Ja ja, das Böse ist immer und überall. Und in Gabriel von Goldau hat es eine trügerische Gestalt angenommen, die unsere wackeren Gefährten auf ihrer Reise ins Gelobte Land auf Schritt und Tritt verfolgt. Bloß gut, dass Gabriel als Bösewicht leicht zu erkennen ist: Er trägt ein Feuermal im Gesicht. Dass auch sein direkter Boss ein Schurke ist, erschließt sich dem Hörer leicht: Ein Nigromant, also Schwarzkünstler, kann nichts anderes als böse sein. Und beide stehen im Dienst eines bereits vorgestellten Schurken: des Erzbischofs von Köln.

In einem hohem Maße sorgen die Schurken – wohl noch viel mehr als im Buch – für jede Menge Action und Drama. Die Darstellung der Untaten des finsteren Trios ist selbst noch im gekürzten Text des Hörbuchs so drastisch, dass ich sie nur Jugendlichen ab 14 Jahren empfehlen würde. Nicht jedes Kind kann wohl mit einer Vergewaltigungsszene klarkommen.

|Der zweite Erzählstrang|

Nun soll man aber nicht meinen, dass die gesamte Handlung nur aus einem Handlungsstrang besteht, selbst wenn sich die Gefährten mal unterwegs verlieren. Vielmehr verhält es sich so, dass in einem zweiten Handlungsstrang ein zweiter Garten Eden, hier „Der Garten Allahs“ genannt, auftaucht. Die Protagonisten dieses Strangs sind ein Mongolenfürst, der eine Million Untertanen gegen das reiche Bagdad führt; ein Verräter, der eben diesen Garten Allahs zerstört; und eine schöne junge Witwe namens Zinaida, die die Schönheit dieses halb überirdischen Gartens geschaut hat und nun den Verräter Shadan vernichten und Bagdad vor der Mongolengefahr warnen will.

Obwohl der zweite Erzählstrang das Personal und somit die Liste der Namen, die man sich merken muss, erheblich erweitert, trägt er doch stark zur Abwechslung bei, so dass keinerlei Langeweile aufkommt. Vielmehr ist der Zuhörer ständig darum bemüht, den Wendungen der vielsträngigen Handlung zu folgen. Eine Verschnaufpause tut mitunter recht gut.

Wenigstens münden die Wege aller Mitwirkenden in Bagdad zusammen, zum Guten und zum Schlechten. Für so manchen entscheidet sich dort sein Schicksal. Doch die Stadt und ihr historisch überlieferter Untergang im Jahre 1258 ist keineswegs das Ende der Geschichte. Denn dann kommt’s hammerhart mit einem beinahe tödlich endenden Ausflug in die arabische Wüste.

|Finale in der Wüste|

Die Wüste bringt – wie in „Lawrence von Arabien“ – den mystischen Aspekt im Menschen hervor. Und das gilt für alle Beteiligten, insbesondere aber für Favola und Libuse, die ja beide über außergewöhnliche mystische Fähigkeiten verfügen: Favola über Empathie und Libuse über das so genannte „Erdlicht“. In diesem Finale erfahren wir endlich, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben: Was es eigentlich mit den Kräften, die in der Lumina schlummern, auf sich hat.

|Faustischer Schurke|

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist die Mitwirkung des Schurken Shadan in der Herbeiführung dieses Finales. So kommt dem Bösen doch noch – wie in Goethes „Faust“ – eine positiv wirkende Rolle zu. Selbstredend überlebt der Schurke den Showdown nicht, so viel darf ich wohl verraten.

|Teamwork|

Was an der Handlung auffällt, ist das ständige Teamwork der Gefährten. Allerdings gehören sie alle der gleichen Religion oder Glaubensrichtung an. Selbst die Kaukasierin Zinaida ist eine Christin, wenn sie auch umgeben ist von Mongolen, Muslimen usw. Ihr getöteter Gatte ist der letzte Herr der berühmten Assassinen, der so genannte „Alte vom Berge“. Der Autor interpretiert das ansonsten so hässliche Erscheinungsbild dieses Meisters aller Attentäter zu einem positiven Bild um. Und das ist auch nötig, um den „Garten Allahs“, den Kur-Shah sein Eigen nennt, als einen verlorenen Schatz darzustellen, der es mit dem Garten Eden aufnehmen kann. Und dadurch ist unsere Sympathie für Zinaida, Kur-Shahs Witwe und geistige Erbin, absolut gerechtfertigt.

Zinaida steht auf einer Stufe mit den beiden anderen Frauenfiguren Favola und Libuse. So viele Heldinnen auf einem Haufen findet man selten in deutscher Unterhaltungsliteratur, die ein Mann verfasst hat. Noch ein Pluspunkt. Und was wird aus unserem Chronisten Elwin? Er hat die Qual der Wahl bei so viel Weiblichkeit und muss sich zwischen Favola und Libuse entscheiden. Eine haarige Sache, wenn man’s recht bedenkt, aber auch diese Klippe umschifft der Autor mehr oder weniger elegant.

|Was uns der Dichter sagen will|

Und die Moral von der Geschicht‘? Die muss man selbst herausfinden, denn sie leitet sich direkt aus dem ungewöhnliche Finale der Geschichte ab. Und dies darf auf keinen Fall verraten werden. Es ist jedenfalls eine ziemliche moderne Botschaft, die bei vielen Menschen gut ankommen dürfte.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Libuse und Favola erhalten daher eine hohe Stimmlage und eine weiche Aussprache (Favola etwas schwächer, logo), während beispielsweise Corax eine sehr tiefe, männliche Stimme erhält. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie für den Hörer leichter erkennbar zu machen. Das ist sehr gut gelungen.

Ein zweites Hilfsmittel sind natürlich Spezialeffekte. Hall wird eingesetzt, um die Chronik, die Elwin auf der Reise durch den wilden Balkan zu schreiben beginnt, als solche hervorzuheben. Wir lauschen also praktisch seinen Gedanken statt einer Szene.

Insgesamt erweckt der Sprecher die Szenen sehr gut zum Leben, so dass wir fast glauben können, einem Film zuzuhören. Für die Bilder sorgte dann einfach meine Vorstellungskraft, die, wie ich merkte, auf viele andere Bilder aus Ritter- und Mittelalterfilmen, die jetzt so in Mode sind, zurückgreifen konnte. Etwas schwieriger ist es, Bilder zu den Mongolen abzurufen. Dazu rief ich mir den neuen Film über Attila in Erinnerung.

Und Bagdad? Ich stellte mir Bilder aus den romantischen Orient-Epen der fünfziger Jahren vor. Über die arabische Wüste Rub al-khali („das leere Viertel“) gibt es seit kurzem ebenfalls phantastische Bilder. Man findet sie in dem Reiter-Epos „Hidalgo – 3000 Meilen durch die Wüste“ mit Viggo „Aragorn“ Mortensen in der Hauptrolle.

|Musik|

Vor dem Prolog erklingt ein kurzes Musikstück, das den Hörer auf das Kommende einstimmen soll. Es handelt sich um eine flotte Melodie, die auf mittelalterlichen Instrumenten gespielt wird.

_Unterm Strich_

„Das Buch von Eden“ dürfte alle ansprechen, die Abenteuer, Mystik und Drama vor dem Hintergrund des Mitttelalters lieben. Während mich Action und Drama ebenso gut unterhalten haben wie Elwins Humor und Gewitztheit, so haben mich die Mystik und die übersinnlichen Fähigkeiten der Frauen fasziniert. All dies würde ein wenig zu naiv wirken, gäbe es nicht eine ganze Menge Schurken im Stück, die den Guten ständig auf den Fersen sind und ihnen mehrmals schwer zusetzen. Leider sind die Schurken derart eindeutig böse, dass sie bereits nicht mehr interessant sind, sondern nur noch eine Bedrohung, vor der die Guten ständig fliehen müssen – auch eine Methode, die Reise zu beschleunigen. Dennoch dürfte die romantische Seite des Plots vor allem Frauen ansprechen.

Wirklich gut fand ich die Idee, den historisch verbürgten Fall der Festung Bagdad durch die Mongolen einzubauen. So erhält die Story eine gewisse weltgeschichtliche Dimension. Dass auch die Kreuzzüge irgendwie vorkommen müssen, erscheint plausibel, doch sie liefern zum Glück nur die Vergangenheitsdimension der aktuellen Story. Mehr Bedeutung sollte den Kreuzzügen nicht zukommen, denn das Thema ist praktisch bereits ausgelutscht.

Der Sprecher trägt entscheidend zum Vergnügen an diesem Hörbuch bei. Er charakterisiert die zahlreichen Figuren und macht sie leicht unterscheidbar. Schwierigkeiten hatte ich nur bei den Szenen im Kaukasus, wo Mongolen und Assassinen aufeinandertreffen, jedoch in den Badgadszenen nie. Das spricht auch für die klare Dramaturgie, für die der Hörspielbearbeiter verantwortlich zeichnet.

Fazit: Ohne die klischeehaften Darstellungen der Figuren, besonders der Schurken, wäre das Vergnügen an dieser Geschichte noch größer.

|Spieldauer: 474 Minuten auf 6 CDs|

Follett, Ken – Brücken der Freiheit, Die

„Vom alten England bis in die Neue Welt spannt sich der große Bogen des abenteuerlichen Lebens zweier Menschen auf der Suche nach der Freiheit. In den schottischen Kohlengruben herrscht das Gesetz der Sklaverei. Doch Mack McAsh, ein junger Bergmann, träumt davon, frei zu sein. Er flieht nach London – und gerät in eine andere Form von Knechtschaft: Als Aufrührer verurteilt, wird er in Ketten nach Virginia verschifft. Dort trifft er auf Lizzie Jamisson, die Frau, die ihm einst in Schottland zur Flucht verholfen hat und dabei ihr eigenes Glück als Preis bezahlt.“ (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt ist bei uns erschienen: [„Mitternachtsfalken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=147 spielt mal wieder im 2. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein neuester Roman „Whiteout“ erschienen.

Autorenhomepage: http://www.ken-follett.com/de/index.html

|Der Sprecher|

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist nach Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

|Das Titelbild|

Die Vorderseite zeigt vier Bildelemente: 1) eine Landkarte der Britischen Inseln (bes. Schottlands), die deren Erzeugnisse wie etwa Weizen oder Fisch aufzeigt – leider ist die Schrift zu klein, um zu erkennen, was in den schottischen Lowlands erzeugt wird, vermutlich Kohle. Links oben ist die Stahlbrücke über den Firth of Forth bei Edinburgh zu sehen. 2) eine alte Dampflokomotive auf einem zeitgenössischen Foto. 3) ein Gemälde von einem schottischen Flusstal, das von einer steinernen Brücke überspannt überspannt wird – eine prä-industrielle Idylle. 4) Allen Bildern sind zwei Goldmünzen überlagert. Diese sehen so alt aus, dass sie nicht recht zu den Bildern passen wollen. Aber sie deuten natürlich das Thema des wirtschaftlichen Erfolgs und des finanziellen Einflusses an.

|Die Rückseite|

… hat mich ziemlich verwirrt. Sie zeigt das Plastikmodell einer mittelalterlichen Palastanlage – inklusive Randmauern, Zinnen, Bogengängen, Erkern und Türmchen. Ein großes romanisches Tor ist darunter angedeutet. Die Epoche, die diese Modell andeutet, liegt leider viel früher als die der Handlung. Vielleicht soll das Modell den Palast der Jamissons symbolisieren.

_Handlung_

Der Roman ist in drei zeitliche Abschnitte aufgeteilt, die an drei verschiedenen Orten spielen. Die erzählte Zeit sind die Jahre 1767 bis 1769. Es ist die Geschichte dreier Familien.

|Teil 1: Schottland|

Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist Malachi McAsh, kurz Mack genannt. Wie seine Zwillingsschwester Esther schuftet er weit mehr als zwölf Stunden pro Tag in der neue Kohlegrube, die der adlige Großgrundbesitzer George Jamisson eröffnet hat und ausbeutet. Kohle ist der Treibstoff für das nun angebrochene Zeitalter der Industrialisierung, das die westliche Gesellschaft total umkrempeln wird. Jamisson hofft, auch bald auf dem Grund und Boden der Nachbarin Lady Hallam eine Grube eröffnen zu können. Und mit seinem ersten Sohn Robert arbeitet er auf den Ruin Lady Hallams hin.

Die Arbeitsbedingungen unter Tage sind nach heutigen Begriffen unmenschlich und äußerst gefährlich. Malachi beispielsweise arbeitet als „Feuermann“. Wie Lady Hallams patente Tochter Lizzie bei einer Führung durch Sir Georges zweiten Sohn Jay herausfindet, besteht die Aufgabe des „Feuermanns“ darin, austretendes Grubengas (Methan) aufzuspüren und zu beseitigen. Dies erfolgt dadurch, dass nach der Räumung des Flözes das Gas abgefackelt wird. Bei der Explosion verlässt der „Feuermann“ keineswegs den Flöz oder gar die Grube selbst, sondern legt sich unter eine feuerfeste Plane, während das Gas abbrennt. Wenn er Pech hat, versengt er sich etwas mehr als seine Bartstoppeln …

Auch die Besitzverhältnisse sind ultrabrutal und geradezu mittelalterlich. Das ist schottisches Sonderrecht. Nach einem Jahr und einem Tag in Arbeit beim Grubenbesitzer wird der Arbeiter dessen Eigentum. Kinder werden dem Besitzer bereits bei der Taufe versprochen, für zehn Pfund. Leibeigenschaft ist hier kein Fremdwort. Schon neunjährige Kinder malochen in den Gruben, indem sie schwere Körbe schleppen. Die Jamissons haben ihr Vermögen mit dem Transport straffällig gewordener britischer Untertanen verdient: Für jeden in die amerikanischen Kolonien verschifften „Sklaven“ erhalten sie ein Kopfgeld von der Krone.

Mack hat sich bei einem Londoner Rechtsanwalt namens Gordonson aufgeklärt: Die Verhältnisse in der Grube sind rechtswidrig. Als er in aller Öffentlichkeit rebelliert und anschließend ein Grubenunglück passiert, will ihn Jamisson verhaften lassen. Mit Lizzies Hilfe kann er über die Berge entkommen, doch er muss seine Schwester ebenso zurücklassen wie seine Freundin Annie. Seinen Sklavenhalsring nimmt er als Andenken mit. Er soll ihn daran erinnern, dass er um seine Freiheit kämpfen muss.

|Teil 2: London|

Als er in London sein Auskommen sucht, gerät er ins Box-Business. Von dem verdienten Geld will er Esther und Annie nachkommen lassen. Die Metropole ist gekennzeichnet von sozialem Aufruhr wie etwa wilden Streiks. Die Jamissons haben hier natürlich ihr Stadthaus und ihre politischen Verbindungen. Jay Jamisson ist Captain (Hauptmann) in der Armee. Inzwischen ist Lizzie Hallam seine Frau geworden. Sie freut sich auf eine gedeihliche Ehe, doch sie soll bitter enttäuscht werden. Jay ist ein Bruder Leichtfuß und häuft schon bald hohe Schulden bei einem Gastwirt namens Lennox an. Der weiß ihn in die gewünschte Richtung zu lenken, um seinen Zwecken zu dienen. Jay hofft, dass Lizzies Kohle – im doppelten Sinne – ihn sanieren wird.

Lizzie bekommt schnell mit, dass Mack in der Stadt ist: Sie lässt ihn nach einem Boxkampf verarzten. Nach einer der öffentlichen Hinrichtungen, die stets die Schaulust des Pöbels befriedigen, wird sie um ein Haar von Dieben ausgeraubt und vergewaltigt. Mack ist mal wieder rechtzeitig zur Stelle. Doch Mack lebt mit einem Frauenzimmer zusammen, dessen Stand weit unterhalb von Lizzie liegt: Sie ist eine Straßenhure und arbeitet mit einem dreizehnjährigen Mädchen namens Peg zusammen, die den jeweiligen Freier beklaut. Die Beute kriegt der Hehler.

Cora gibt Mack den Tipp, es mal als Kohlenlöscher im Hafen zu versuchen. Die Männer, die die Kohlensäcke von den Dampfern holen, sind in Gangs organisiert und werden von ihren Vermittlern, den Gastwirten, mit einem Hungerlohn abgespeist. Lennox ist einer dieser betrügerischen Gastwirte am Hafen. Auch hier rebelliert Mack gegen die Verhältnisse und schafft sich in Lennox einen Todfeind.

Durch seine Verbindung zu Jay Jamisson sorgt Lennox dafür, dass die neu organisierten Kohlenlöscher, die zu ordentlichem Lohn ordentliche Leistung erbringen, von den meisten Schiffseignern boykottiert werden, selbst wenn die Kapitäne die Löschergangs nicht ablehnen. Folglich gehen die Löscher in Streik – ein willkommener Anlass für Jamisson und seine Parteigänger, Mack, seinem Rivalen um Lizzie, endgültig eins auszuwischen. Er muss es nur richtig anstellen …

|Teil 3: Virginia|

In der Neuen Welt ist es das gleiche Lied wie im Mutterland der Kolonie: Für mehrere Jahre müssen die Sträflinge sich für einen Hungerlohn an einen der Farmer verkaufen. Mack stellt zu seinem Entsetzen fest, dass er von Jay Jamisson gekauft wurde, damit er auf dessen Tabakpflanzung schuftet. Und Lennox hat den achtwöchigen Schiffstrip über den Atlantik ebenfalls überlebt. Er ist auf der Jamisson-Plantage durch Machenschaften schon bald der Vormann und schikaniert Mack, wo er nur kann. Sein Plan geht dahin, auch hier Jay Jamisson so zu ruinieren, dass diesem nichts anderes übrig bleibt, als ihm die Plantage für’n Appel und ’n Ei zu verkaufen.

Dass sein Plan aufgeht, liegt zum Großteil an Jay selbst. Er engagiert sich lieber in der Politik, wo er aber als königstreuer Tory bald aufläuft und gemieden wird. (Es vergehen nur noch acht Jahre bis zur Unabhängigkeitserklärung.) Jay lebt auf großem Fuß, leiht sich bei einem windigen Makler eine Menge Geld und verjubelt es am Spieltisch. Sein Gottvertrauen, dass die nächste Ernte ihn solvent machen werde, zerschlägt sich dank der Bemühungen eines gewissen Mr. Lennox. Seine Schulden kann er nicht zurückzahlen.

Lizzie sieht sich an allen Fronten enttäuscht, privat wie geschäftlich. Die einzige Perspektive bietet ihr nur noch Mack, der sogar als Geburtshelfer fungiert. Mack hoffte die meiste Zeit, dass Cora ihn aus der Sklaverei befreit, sieht sich aber ebenfalls enttäuscht: Sie hat einen Farmer geheiratet und sich saniert. Zur Krise kommt es, als Peg auf die Jamisson-Plantage kommt. Sie wird steckbrieflich gesucht, nachdem sie ihren Herrn bei einem Vergewaltigungsversuch getötet hat.

Lizzie und Mack verstecken sie vor dem Sheriff, doch sie wissen: Lange werden sie das Spiel nicht mehr mitmachen können. Sie beschließen daher einen riskanten Plan: Mit Peg wollen sie zusammen über einen der Bergpässe im Westen in die unberührte Wildnis dahinter fliehen, wo nur Indianer und Fallensteller leben. Doch sie haben nicht mit dem Hass und der Hartnäckigkeit von Jay und Lennox gerechnet …

_Mein Eindruck_

„Die Brücken der Freiheit“ ist nicht gerade das bekannteste Buch von Follett, und das will bei einem solchen Bestsellerautor schon etwas heißen. „Die Säulen der Erde“ ist neben „Das zweite Gedächtnis“ und „Der dritte Zwilling“ (verfilmt) wohl sein meistverkaufter Roman. Mit „Säulen der Erde“ und „Mitternachtsfalken“ hat „Brücken der Freiheit“ sein Hauptthema gemeinsam: den Kampf um die persönliche Freiheit in Frieden und Selbstbestimmung.

Nicht die Epoche der Industrialisierung im 18. Jahrhundert unterscheidet den Roman von diesen Geschichten, die im Mittelalter beziehungsweise im 2. Weltkrieg angesiedelt sind. Auch die Art der Unterdrückung ist eine andere. Während Dänemark im 2. Weltkrieg unter der deutschen Okkupation und der damit verbundenen Verfolgung von Juden und Widerstandskämpfern leidet, sehen sich die Protagonisten von „Säulen der Erde“ sowohl um ihr Geburtsrecht betrogen als auch einem Leben in Freiheit von adeliger und bischöflicher Gewalt verpflichtet.

Die Unterdrückung, die Mack McAsh am eigenen Leib erfährt, ist zunächst wirtschaftlicher Natur. Seine Arbeitskraft wird ausgebeutet, ja, sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt. Für die Adeligen, denen die Kohlegruben gehören, ist er lediglich Verfügungsmasse, nicht so sehr ein Mensch als vielmehr ein Faktor in ihren Kalkulationen. Und wer nicht spurt, wird in Ketten gelegt, also aller Bürgerrechte beraubt. Der Autor schildert an allen drei Schauplätzen das Wirtschaftssystem in genauen und plausiblen Details.

Das Besondere an „Brücken der Freiheit“ scheint mir darin zu liegen, dass es hier keine idyllischen Rückzugsgebiete gibt. Nicht einmal auf der Jagd im Hochland Schottlands herrscht Frieden. Jay Jamisson legt sogar auf seinen eigenen Bruder an, um sich seine Zukunft zu sichern. Auch die einzige Frau auf dieser Jagdpartie, Lizzie Hallam, schaut nicht bewundernd zu, sondern weiß gut mit der Knarre umzugehen. Ohne Vater aufgewachsen, hat sie viele männliche Züge angenommen.

Sowohl die Schilderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausbeutungssysteme als auch das Fehlen von Rückzugsgebieten für empfindsame, liebende Seelen scheinen das Buch nicht gerade für unterhaltungssüchtige Leser zu prädestinieren. Deshalb ist die jahrelange Romanze zwischen Lizzie und Mack so wichtig. Aber reicht sie aus, um den Leser oder vielmehr die Leserin emotional bei der Stange zu halten?

Um dies zu erreichen, fährt der Autor schweres Geschütz auf. Nicht die Szenen, in denen Mack Sex – mit Cora oder sonstwem – hat, sondern nur die Sexszenen, in denen Lizzie die Hauptperson ist, werden ausführlich und in sinnlichster Form geschildert. Ob nun Jay ihr Bettgefährte ist oder Mack sie auf dem Teppich nimmt, immer stehen ihre Empfindungen im Vordergrund, nicht so sehr die des Partners. Das ist natürlich sowohl angemessen als auch für ein weibliches Publikum interessanter. Liebe und Drama, das ist alles schön und gut, aber die Erfüllung weiblicher Träume darf auch nicht fehlen.

Ganz toll finden es die Leserinnen wahrscheinlich, dass sich beim Finale die beiden Rivalen Mack und Jay bis aufs Blut bekämpfen, um herauszufinden, wer schließlich die Frau, Lizzie, bekommt. Lizzie kann zu ihrer Genugtuung sicher sein, dass der Bessere gewinnt und ihre Nachkommen optimal für den Daseinskampf in der Wildnis gerüstet sein werden.

Wenn der Roman zur Hälfte in Schottland und zur Hälfte im wilden Virginia spielen würde, wäre dies zwar kein Follett mehr, aber die Leserinnen würden ihm das Buch aus den Händen reißen. Eine Ahnung vom realisierbaren Erfolg liefert Diana Gabaldons Highlander-Saga, die weder mit Schottland noch dem Drama in den Neuen Kolonien geizt und so optimale Suchtbefriedigung für frustrierte und/oder gestresste Leserinnen liefert. Mit selbst ist Folletts – auch literarischer – Realismus lieber. Er nimmt auf seine Weise zeitlich Emile Zolas naturalistische Romane vorweg bzw. eifert ihnen literarisch ein wenig nach.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Doch die Effekte halten sich auf dieser Aufnahme sehr in Grenzen. Der Sprecher setzt vor allem die Stimmlage ein, um eine Figur zu charakterisieren. Dies sind zum Glück nur sehr wenige, im Schnitt nur drei bis vier.

Was mir als Anglist aber ein wenig Verdruss bereitete, sind die Aussprachefehler, die Schepmann an den Tag legt. Der Name Macks lautet Malachi, ausgesprochen [mäläkai]*, doch Schepmann sagt [mälächi].
*nach: Oxford Advanced Learner’s Dictionary of Current English: Books of the Bible, Old Testament.

Selbst so einfache Wörter wie Chapel Street spricht er nicht korrekt aus (tschejpl statt tschäpl) . Zugegeben, bei dem Adelstitel „Viscount“ [vaikaunt, mit der Betonung auf der ersten Silbe, nicht viskaunt] hätte ich als Laie auch meine Probleme, doch ich bin keiner und Schepmann ebenfalls nicht.

|Musik|

Als Intro und Ausklang ist ein kurzes Musikstück zu hören, das wie eine Mischung aus Tanz und Hymne klingt, jedenfalls ziemlich amerikanisch-patriotisch. Es ist beschwingt und dynamisch, und man könnte glatt meinen, nun werde gleich als erstes die Unabhängigkeit Schottlands ausgerufen. Dem ist dann aber doch nicht so. 😉

_Unterm Strich_

„Brücken der Freiheit“ bietet auch in der gekürzten Hörbuchfassung eine Menge Romantik, Spannung, Drama und Action. Zahlreiche filmische Szenen wurden herausgearbeitet, so dass langweilige Beschreibungen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen oder von Landschaften praktisch völlig fehlen. Diese Dramaturgie hält die Aufmerksamkeit des Hörers wach und macht ihn oder sie gespannt darauf, wie es wohl zwischen Jay, Mack und Lizzie weitergeht. Das Finale lässt an Action und Dramatik nichts zu wünschen übrig. Ob es für Mack und Lizzie ein Happyend gibt, verrate ich nicht.

Der Sprecher Philip Schepmann macht seine seine Sache recht gut, und man kann seinem Vortrag mühelos folgen. Mich als Anglisten haben lediglich ein paar Aussprachefehler (s. o.) gestört. Nette, beschwingte Musik stimmt den Hörer ein und entlässt ihn wieder in die Wirklichkeit. Insgesamt lässt sich diese Produktion als kompetent bezeichnen, aber so richtig vom Hocker haute mich keine Szene.

Das Action-Finale à la „Lederstrumpf“ erforderte meine ganze Aufmerksamkeit, um alles richtig mitzubekommen. Hier würde sich ein zweites Anhören lohnen, um auch etwas von der Spannung und Dramatik der Szene einzufangen, die zweifellos vorhanden ist.

|Umfang: 358 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A place called freedom, 1995
Aus dem Englischen von Till Lohmeyer und Christel Rost|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Lebendig begraben (POE #8)

„Lebendig begraben“ ist der achte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=870
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.

_Handlung_

Zehn Tage sind seit der Ankunft in New Orleans vergangen. Leonie Goron und „Edgar Allan Poe“ logieren noch in ihrer kleinen Pension. Leonie wird hier immer noch wegen ihrer Verpflichtung in der Stadt festgehalten, den Sarg ihrer Freundin Lucy Monahan, den sie mitgebracht haben, der Familie zurückzugeben. Das ist schon klar. Aber dies gilt nicht für Mr. Poe. Sein Grund zu bleiben ist Leonie selbst: Er hat sich in sie verliebt.

Wieder einmal sind sie zusammen zum Hafenkontor gegangen, um sich zu erkundigen, ob jemand nach dem Sarg gefragt habe. Wieder einmal haben sie eine negative Auskunft erhalten. Auch der Adressat „Tempelten“ habe sich nicht gemeldet. Möglicherweise habe er noch nicht vom Untergang der „Demeter 2“ erfahren, die den Sarg über den Atlantik transportieren sollte. Es gibt noch keine Transatlantikkabel für Telegramme, geschweige denn fürs Telefon.

Wie erstaunt sind Leonie und Poe, als sie vor dem Hafenkontor auf Poes Psychiater Dr. Templeton stoßen! Poe glaubte ihn noch immer oben an der nördlichen Ostküste – und nun ist er hier im tiefsten Süden, den die Vereinigten Staaten den Franzosen 1805 abgekauft haben (zusammen mit dem ganzen Mittelwesten, ein riesiges Territorium, das die Franzosen „Louisiana“ nannten).

Templeton hat hier in der Nähe ein Landhaus, auf das er sie einlädt. Im Café erkundigt sich der Doktor nach Poes Träumen. Diese betrachtet er als eine Art Schlüssel zu Poes Erinnerung an seine wahre Identität. Poe erwähnt den Sarg als Grund ihres Bleibens, erwähnt aber auch die diversen Mordanschläge, verschweigt aber die letzten Worte des sterbenden Israel Hands von der „Independence“. Leonie erwähnt einen Mr. Tempelten als Adressaten des Sarges – ob es sich wohl um Dr. Templeton handeln könnte? Der Doktor verspricht, in seinem Familienarchiv nachzusehen, ob sein Familienname jemals so geschrieben wurde. Ob sie nicht mitkommen wollten?

Gesagt, getan. Mit Neugier bemerkt Poe, der gegenüber Templeton sowohl misstrauisch als auch eifersüchtig geworden ist, dass auf dessen Kutschenladefläche eine große, längliche Kiste transportiert wird. Ob darin wohl ein Sarg Platz finden könnte? Ohne Zweifel.

Das ausgedehnte Anwesen Dr. Templetons unterscheidet sich drastisch vom französisch-legeren Stil Louisianas. Das Herrenhaus ähnelt eher einer englischen Burg im gotischen Stil à la „Haus Usher“, inklusive Teich, und im Garten steht ein Mausoleum inklusive Familiengruft. Doch das Schloss an dessen Tür ist neu. Das erklärt Templeton bei seiner Führung mit dem Aberglauben des Südens. Was meint er bloß?, fragen sich seine Gäste.

Als die Tür der Gruft von alleine zufällt, erklärt er ihnen, dass er durchaus Angst habe, einmal lebendig begraben zu werden und aus diesem Grund dagegen Vorkehrungen getroffen habe. Erstens gebe es eine Klingel in der Gruft, die im Haupthaus Alarm schlägt. Dort befindet sich dann der Schlüssel zur Gruft. Zweitens habe er einen Geheimgang anlegen lassen, der die Gruft mit dem Haus verbinde. Er befinde sich hinter einer der Steinplatten, die das Mausoleum komplett auskleiden. Es ist kalt wie am Nordpol in den dunklen Mauern.

In den folgenden Tagen fallen den Gästen mehrere Ungereimtheiten auf, die in ihnen das Gefühl drohender Gefahr wecken. Erstens gibt es keinerlei Bedienstete, wohl aber Wache haltende Bluthunde auf dem Gelände. Zweitens entdecken sie in jener Kiste einen Sarg, der aber schon bald wieder verschwunden ist. Sie konnten nicht feststellen, ob es sich um Lucys Sarg handelt. Drittens stellt sich heraus, dass Templeton sie bezüglich verliehener Dokumente des Familienarchivs angelogen hat.

Und viertens stößt Poe zu guter Letzt im Arbeitszimmer seines häufig abwesenden Gastgebers auf einen Umschlag mit Schlüsseln und zwei Fotografien. Das eine Porträt zeigt eine gewisse Lucy Monahan (die mittlerweile sehr tot ist), das andere – ihn selbst! Der Name darunter lautet: „Jimmy Farrell“. Ist dies sein wahrer Name und Lucy seine Schwester?

Der Blitz der Erkenntnis streckt den labilen Poe augenblicklich nieder. Als er erwacht, findet er sich in einer verschlossenen Sargkammer wieder. Es ist stockdunkel, stickig und äußerst kalt. Er ist lebendig begraben und die Luft geht ihm aus …

_Mein Eindruck_

Ich bin etwas geteilter Meinung über diese Episode, die beileibe nicht die letzte der POE-Serie sein kann. Da muss noch einiges nachkommen. Zum Glück gibt es noch einige der besten Poe-Erzählungen zu verarbeiten, so etwa alle, in denen Frauen als Hauptfiguren vorkommen. Ich freue mich schon auf die berühmteste dieser Gestalten, die Lady Ligeia. (Siehe dazu auch meine Rezension über: Poe: [„Faszination des Grauens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=554 .)

Warum geteilt? Die Rahmenhandlung erfährt in Episode 8 endlich eine entscheidende Wendung: Poe findet heraus, wer er wirklich ist: Jimmy Farrell. Und er hat eine nahe Verwandte, möglicherweise sogar eine Gattin: Lucy Monahan. Doch dieser Gewinn wird bitter bezahlt: Seine neue Liebe Leonie Goron ist verschwunden. Und mit ihr der zwielichtige Dr. Templeton, der wahrscheinliche Drahtzieher aller seltsamen Geschehnisse, die Poe widerfahren sind. Wer weiß, was er mit ihr anstellt?!

Man sieht: Dieser Teil der Episode folgt der klassische Krimistruktur: Es wird ermittelt, was das Zeug hält, bis sich der Gastgeber als Hauptverdächtiger herausstellt. Doch wessen ist er schuldig? Das genau herauszubekommen, ist Poes Aufgabe am Schluss der Episode.

|Die Realität als Albtraum|

Die Träume, die sich bislang regelmäßig als eine Binnenhandlung betrachten ließen, sind diesmal verschwunden. Vielmehr hat sich die Realität in einen Albtraum verwandelt. Doch die Dauer dieser Szene ist ungleich kürzer im Vergleich zum Umfang dessen, was bislang als Rahmenhandlung angesehen werden konnte.

Die Szene in der Gruft wurde wieder einmal inspiriert von einer Erzählung Poes. Sie ist als „Die Scheintoten“ (besonders S. 322) in „Poe: Faszination des Grauens“ abgedruckt. Bei der Vorlage könnte es sich um „The premature burial“ von 1844 handeln. Dieses Original liegt mir nicht vor, so dass ich das nicht genau sagen kann. Auf jeden Fall kann es sich nicht um „Der Fall Valdemar“ (The facts in the case of Valdemar) handeln. Denn dort geht es um die Aufschiebung der Folgen des Todes mittels Magnetismus. (Man sehe sich beispielsweise die Verfilmung von Roger Corman mit dem unvergleichlichen Vincent Price in der Hauptrolle an.)

Die Vorkehrungen, die Templeton gegen den Fall des Lebendigbegrabenwerdens trifft, ähneln jenen, die der Ich-Erzähler in „Die Scheintoten“ vornimmt: die Alarmklingel, der Hebel, der die Türen öffnet und anderes mehr. Und wie diesem Erzähler nützen sie dem, der schließlich wirklich lebendig begraben wird, im Ernstfall herzlich wenig. Eine typische Poe’sche Ironie.

Diese Szene hat dennoch ihre eigentümliche Wirkung auf den Zuhörer. Denn bevor der lebendig begrabene Mr. Poe überhaupt an Wege denken kann, sich zu befreien, muss er erst einmal seine Panikattacken bewältigen, die ihn mit zügelloser Emotion daran hindern, überhaupt einen Gedanken zu fassen und sich an das zu erinnern, was sein Möchtegern-Kerkermeister über Fluchtwege gesagt hat. Die Szene hat mir gefallen, weil sie sowohl gruselig als auch recht spannend ist. Abgebrühte Zeitgenossen werden sie lediglich langweilig finden und sich vermutlich fragen, was das Ganze überhaupt soll.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.

|Miss Leonie Goron|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.

_Sound und Musik_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art von innerem Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.

Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.

Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei sowie Solisten auf Violine und Singender Säge (Christhard Zimpel) – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen.

_Unterm Strich_

Der eine oder andere Hörer dürfte wie ich schon einige Zeit – spätestens seit den Anschlägen in Episode 5 – Dr. Templeton im Verdacht gehabt haben, für zwielichtige Machenschaften rund um Mr. Poe verantwortlich zu sein. Doch wer weiß, wie tief seine Verstrickungen mit dem Schicksal von Poes Familie wirklich reichen? Ist er auch für den Selbstmord der armen Lucy Monahan verantwortlich? Vielleicht sogar für den Untergang des Schiffes, auf dem sich Leonie Goron befand. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen …

Und viele weitere Erzählungen von Edgar Allan Poe zu verarbeiten. Schließlich hat der Mann rund 15 Jahre lang Erzählungen publiziert. Und nur die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Wir können also darauf hoffen, dass im nächsten Herbst wieder eine Staffel hervorragend gemachter Hörspiele veröffentlicht wird.

Die Episode „Lebendig begraben“ verfügt kaum über Action-Elemente und nur eine gruselige Szene. Für Unterhaltung ist also nur wenig gesorgt. Dennoch ist sie innerhalb der Serie eine der wichtigeren, weil sie innerhalb der bisherigen Rahmenhandlung eine entscheidende Wendung herbeiführt: Poe findet seine – wahrscheinlich – wahre Identität heraus, gleichzeitig verliert er seine neue Seelengefährtin Leonie. Der Zwiespalt dürfte Stoff für weitere Albträume liefern. Wir freuen uns schon darauf.

Wie ich in den Abschnitten über Sprecher, Sprecherin, Sound und Musik ausgeführt habe, kann die Episode zwar künstlerisch voll überzeugen, dramaturgisch jedoch nicht mit den vorhergehenden Hörspielen mithalten. Dennoch bietet sie den Reiz eines Kriminalhörspiels: Leonie und Poe ermitteln gegen ihren Gastgeber, mit durchaus handfesten Ergebnissen und einem drastischen Resultat: Poe wird lebendig begraben.

Fazit: Kann man hören, muss man aber nicht.

|Umfang: 66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Morde in der Rue Morgue, Die (POE #7)

„Die Morde in der Rue Morgue“ ist der siebte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch in den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

Seine Originalstory „The murders in the Rue Morgue“ lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Zwei grausige Morde haben in der Rue Morgue stattgefunden, doch die Polizei ist ziemlich ratlos. Sie können sich nicht vorstellen, wer als Täter in Frage kommt, noch wie es dem Täter überhaupt gelang, zum jeweiligen Tatort zu gelangen. Doch Auguste Dupin hält sich an die Gesetze der Logik, wie etwa an „Occams Rasiermesser“: „Wenn man alles, was nicht in Frage kommt, hat ausschließen können, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch aussehen mag.“ Folglich war der Mörder kein Mensch … – Der Rest ist eine ziemlich spannende Mörderjagd.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sechs Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten …

_Handlung_

Endlich an Land! Möwen kreischen und Glocken bimmeln, um Leonie und den Fremden, der sich Edgar Allan Poe nennt, in New Orleans zu begrüßen. Er und seine Lebensretterin haben noch nicht herausgefunden, warum jemand ihn umbringen will, doch er will sich darüber keine Sorgen machen. Er erinnert sich jedoch, dass sein Psychiater Dr. Templeton dagegen war, dass er abreiste. Leonie prophezeit ihm, dass die Vergangenheit ihn einholen werde – wie ein Affe, den man nicht loswird und der einem ständig hinterherläuft.

Etwa so wie der Affe, der bei der Minstrel Show auf einer der Straßen Possen reißt und Passanten anbettelt, während ein Tamburin- und ein Knochenspieler, Mr. Tambo und Brother Bones, Musik machen. Leonie und Poe finden in einer billigen Pension am Hafen Quartier, unweit der Leichenhalle, der Morgue. Sie checken als Ehepaar ein, ihre Zimmer sind durch eine Tür miteinander verbunden. Poe döst in der Hitze ein und sein Geist kreiert wieder mal Phantasmen und einen bemerkenswert zusammenhängenden Traum …

(Übergang zur Binnenhandlung)

Die Szene wechselt nach Paris, wo ein gewisser Auguste Dupin, seines Zeichens Privatdetektiv, lebt. Doch der spielt erst ganz am Schluss eine Rolle. Man muss ihn jedoch kennen, denn er entscheidet mit seinen Erkenntnissen über das grausige Geschehen über das weitere Schicksal der Hauptfigur.

Dabei handelt es sich um einen Malteser Seemann, der auf einer Insel Schiffbruch erlitten hat und sich nun Ben Gunn nennt, nach der berühmten Figur aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. Ein junger Orang-Utan hat sich ihm auf Borneo angeschlossen, und den nimmt er nach seiner Rettung auf einem Walfänger mit. Der Affe eignet sich Kunststücke an, so etwa ahmt er hervorragend das Bartschneiden mit Hilfe eines scharfen Rasiermessers nach.

Als Ben in Paris eintrifft, ist er kein armer Schlucker, sondern im Grunde ein reicher Mann: Er hat einen Schatz auf seiner Insel gefunden und einen kleinen Teil davon mitgebracht, hauptsächlich Gold in einem Beutel. Ben, der sonst eigentlich ein umgänglicher Bursche ist, sperrt den Affen ein, wenn er ausgeht, und prügelt und peitscht ihn, wenn das Tier unartig war. Dazu wird Ben leider mehrmals Anlass haben …

Eine lebhafte Hafenszene, mit Möwengekreisch, Glockengebimmel, Hufgetrappel, Hundegebell. Ben bemerkt zwei Bürgersfrauen, die ratlos das Hafenbüro suchen. Sie scheinen Mutter und Tochter zu sein. Ein Fass rollt auf sie zu und wirft die Tochter ins Hafenbecken. Wird sie ertrinken?! Ben zögert nicht, ihr nachzuspringen und sie aus dem Wasser zu retten. Doch sie ist bewusstlos, und er bittet einen vorüberhastenden Arzt, ihm zu helfen. Die Wiederbelebung ist erfolgreich, und Ben belohnt den seltsamerweise nur widerwillig Hilfe leistenden Dottore mit einem Geldstück. Die Mutter lädt Ben zum Tee ein.

Bevor sich Ben zur Rue Morgue begibt, wo Madame L’Espanaye und ihre Tochter wohnen, sperrt er seinen Affen ein. Während Ben sich zur jungen Dame sehr hingezogen fühlt, verbietet die sittenstrenge Mutter jeglichen unschicklichen Kontakt, besonders nachdem er zugegeben hat, einen Affen zu haben. Dieser Ausdruck ist insofern komisch, als er auch bedeutet, etwas zu viel über den Durst getrunken zu haben. Ben lässt sich zu einem Wortspiel hinreißen, in dem Muscheln und Perlen vorkommen. Eine vorwitzige Anspielung, die sofort von Madame niedergebügelt wird.

Nach seiner Rückkehr findet Ben sein Zimmer verwüstet vor, der Affe wurde freigelassen. Ständig hat er nun das Gefühl, von einem Schatten verfolgt zu werden. Für den Affenkäfig kauft er sich nun einen schweren Eisenriegel. Ob das hilft?

Am Abend trifft er zufällig Mademoiselle L’Espanaye wieder, die sich beim Hafenmeister nach einem Schiff namens „Dimitri“ erkundigt. Wie sie dem ihr sympathisch gewordenen Ben anvertraut, wartet sie auf einen Sarg, den die „Dimitri“ aus Osteuropa bringen sollte. Er enthalte ihre Verwandte Lucienne L’Espanaye, doch auch einige Erbstücke wie etwa Perlen, die ein kleines, aber dringend benötigtes Vermögen wert seien. Doch der Hafenmeister hat gerade Meldung erhalten, dass die „Dimitri“ in der Biskaya gesunken sei. Mademoiselle (wie erfahren nie ihren Namen) L’Espanaye ist untröstlich, und der hoffnungsvolle Ben darf sie nach Hause bringen und Zukunftspläne schmieden.

Wieder fühlt er sich verfolgt. Wohl mit Recht, denn in ihrer Wohnung sieht auch Mademoiselle ein Gesicht am Fenster, das aber gleich wieder verschwindet. Als er in seine eigene Wohnung zurückkehrt, erfährt er vom Besuch eines Arztes. Das Zimmer ist verwüstet, der Affe übt im Bad das Rasieren. Als Ben es einzufangen versucht, entkommt das Tier mitsamt dem scharfen Rasiermesser. Ihre Verfolgung führt sie zu einem gewissen Haus in der Rue Morgue …

_Mein Eindruck_

Wie ein kurzer Vergleich dieser Handlung mit der Originalstory zeigt, dreht es sich nun keineswegs um spannende Ermittlungen, sondern um eine romantische Liebesgeschichte, die in einer Bluttat grausig endet. Auch die Täter sind etwas anders verteilt, und die Motive sowieso. Insgesamt ist der neue Entwurf nicht ohne Reiz, denn er spricht nicht, wie Dupins rationale Logik, so sehr die Vernunft an, sondern vielmehr auch die Emotionen des Hörers.

Die Wirkung dringt ungleich tiefer als Poes Finale. Ich musste feststellen, dass die Bluttat, unterstrichen von einer enervierenden Musik, mich den Atem anhalten ließ. Soeben hat man sich noch (mit Bens Augen sehend) in die liebevolle und vom Schicksal gebeutelte Mademoiselle L’Espanaye verliebt, da wird ihr auch schon das Schlimmste angetan – von ihrer Mutter, der liebenswerten Schreckschraube, ganz zu schweigen.

Man kann daher durchaus Bens emotionales Chaos, seine Benommenheit nachvollziehen, als nach Hause zurückkehrt und anderntags einem gewissen Auguste Dupin gegenübersteht, der ihm die Leviten liest. Dieser Plot ist ein Meisterstück an subtiler Lenkung der Emotionen des Zuhörers. Dafür wird allerdings die Plausibilität des Geschehens vernachlässigt. Ein gestrengerer Kritiker könnte den gesamten Plot „wegen Irrationalität“ in die Tonne treten.

Nun könnte man sich natürlich – ob der Verlagseinordnung als Horrorhörspiel – zynisch fragen, was denn, bitte schön, an einem simplen Doppelmord so horrormäßig sei. Das Blut an den Wänden, auf der Straße? Na schön, vielleicht könnte es sich dabei um Horror handeln. Auch spannende Ermittlungen gibt es hier nicht zu besichtigen und voyeuristisch zu begleiten, in der Hoffnung, das Böse zur Strecke zu bringen. Ganz im Gegenteil: Diesmal ist es der vermeintlich Gute, der sich unversehens in eine Gräueltat verwickelt sieht. Können wir dem Universum noch trauen? Oder müssen wir hinter diesen Vorgängen – wie Ben Gunn – das Wirken eines finsteren Verfolgers vermuten, quasi eine (Welt-)Verschwörung?

Und schon wieder taucht ein Arzt auf …

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Ben Gunn|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Liebe für seine beiden Figuren eine zentrale Rolle: Poe findet größten Gefallen an Leonie, und dass sie als Ehepaar einchecken, gibt ihm Anlass zu schönsten Hoffnungen. Mademoiselle L’Espanaye ist noch ein ganzes Stück jünger, aber dafür noch schnuckeliger, ein wahres Goldstück – oder, besser noch, eine Perle. Ihr schreckliches Ende trifft Ben umso härter. Pleitgen legt größtes Gefühl in seine Stimme, um den chaotischen Gemütszustand Bens auszudrücken. In solchen Szenen stellt er sein ganzes Können unter Beweis.

|Miss Leonie Goron alias Mademoiselle L’Espanaye|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Sie kann aber auch im richtigen Moment zuschlagen.

Mademoiselle L’Espanaye ist eine naive, weil streng behütete junge Dame. Wie gesagt: ein schnuckeliges Goldstück, das ein klein wenig an Amélie erinnert. Sie interessiert sich für Affen und – aufgepasst! – sie weiß um das Geheimnis von Muscheln und Perlen. Diese doppelthematische Symbolsprache zieht sich durch das gesamte Hörspiel in Binnen- und Rahmenhandlung. Die Autoren versuchen uns etwas damit zu sagen. Jeder Hörer muss es für sich selbst entschlüsseln.

|Auguste Dupin|

Besonders verblüfft hat mich das Auftreten von Auguste Dupin. Da seine Rolle von Manfred Lehmann gesprochen wird, erklingt auf einmal die (deutsche) Stimme von Gerard Depardieu. Das ist insofern sehr passend, als Depardieu in dem Detektiv-Horror-Fantasy-Thriller „Vidocq“ die titelgebende Rolle eines Meisterdetektivs gespielt hat. Es ist lediglich bedauerlich, dass „Dupin“ nicht die Gelegenheit ergreift, Ben zu erklären, wie er auf die Lösung des Falles gekommen ist. Dafür müssen wir dann wieder das Original von Poe lesen (siehe oben).

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet: siehe meine Beschreibung oben. Hier kann sich der Hörer einfühlen. Hier wünsche ich mir die dreidimensionale Empfindung, die Dolby Surround vermittelt. Vielleicht wird es einmal alle acht POE-Hörspiele auf einer DVD in Dolby Surround (DD 5.1) oder DTS geben – das wäre mein bescheidener Traum.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

Ganz besonders eindrucksvoll fand ich die Szenen in Paris. Denn hier kommen noch ein charakteristisches Akkordeon (Klaus Staab) und eine Klarinette (Tim Weiland) hinzu. Während das Akkordeon – o là là! – romantische Gefühle weckt, ist die Klarinette für unheilvolle Untertöne zuständig. Auf dem Höhepunkt in der Rue Morgue erklingt eine chaotische Kakophonie, die perfekt zum blutigen Geschehen passt und geeignet ist, den Zuhörer entsprechend zu erschrecken. Das ist ganz schön makaber.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. Passt perfekt zum Perlenmotiv der Binnenhandlung.

_Unterm Strich_

Der Hörer sollte sich diesmal zufrieden geben und nicht die üblichen zwei oder drei Höhepunkte verlangen: Er bekommt nämlich diesmal nur ein Finale. Doch dieses ist so schön und geschickt aufgebaut, dass seine dramatische Wirkung umso nachhaltiger sein dürfte. Ich jedenfalls war ein wenig (ein ganz klein wenig) erschüttert.

Auch den üblichen Wahnsinn sucht man vergebens. Zunächst jedenfalls. Keine spinnerten Schatzsucher trampeln durch die Botanik; kein Mahlstrom lockt mit dem sicheren Tod in den Irrsinn. Allenfalls der Liebe süßer Wahn lockt unseren Helden durch Pariser Gassen. Der Tod offenbart sich in schrecklicher Zufälligkeit und sicher nicht, um irgendjemandes Nerven zu schonen.

Sprecher, Musiker, Toningenieure – ihre Leistung muss ich wieder einmal lobend hervorheben. Wie leicht könnte ein so emotionales Geschehen übertrieben, unecht oder gar abgeschmackt wirken. Hier ist vielmehr Subtilität gefragt, ohne die Lebhaftigkeit der Figuren zu verdecken. Dies gelingt den beiden zentralen Sprechern Pleitgen und Berben hervorragend.

|Ausblick|

Wieder ist ein kleines Puzzlestückchen enthüllt worden, das einen Hinweis auf den Drahtzieher der Anschläge auf Herr „Poe“ liefert. Ärzte allenthalben – sie spielen eine zwielichtige Rolle sowohl in Poes Träumen als auch in seiner Realität. Und sicherlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir können außerdem nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht auch Leonie Goron etwas im Schilde führt oder in den Plänen eines Arztes eine Rolle spielt.

|Originaltitel: The murders in the Rue Morgue
66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Goldkäfer, Der (POE #6)

„Der Goldkäfer“ ist der sechste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hatte auch auf den ersten vier Hörbüchern der Serie die Hauptrolle inne:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen, wohin er 1830 zurückkehrte, um diese dann ein Jahr später endgültig zu verlassen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. 1836 heiratete er seine damals dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und verschiedene weitere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünf Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Schau an!

_Handlung_

Einen Tag von New Orleans entfernt kreuzt die „Independence“, auf der sich der Mann, der sich Edgar Allan Poe nennt, befindet, in einer Flaute. Schon ist das Wasser knapp und der Ausguck hält nach einer Insel Ausschau, auf der sich vielleicht eine Quelle befindet.

Zu dieser Zeit erfährt Leonie Goron viel über Poes Leben und was er durchgemacht hat. Sie fragt ihn daher: „Glauben Sie an diese Träume?“ Will heißen: Sind seine Albträume Prophezeiungen, Botschaften seines Unterbewussten? Ein ziemlich moderner Gedanke. Wenig später nimmt Poe auch ihren Körper erstmals als attraktiv wahr …

Die Rahmenhandlung kommt etwas voran. Der Sarg, den Leonie von Europa aus begleitet, ist an einen gewissen Tempelten adressiert, abgeschickt vom Bruder der im Sarg Bestatteten, einer gewissen Lucy Monahan. Poe stutzt: Handelt es sich bei diesem Tempelten um seinen Dr. Templeton? Die Schreibweise weicht jedenfalls ab.

Er fragt sich auch: Wenn diese Lucy Monahan die beste Freundin von Leonie war, warum weiß Leonie dann so wenig über Lucys Familie? Lucy lebte nicht in Paris wie Leonie, sondern in einer Landschaft namens Bukowina, nachdem sie sich von ihrer Familie getrennt hatte. Als Lucy ihre Freundin per Brief zu sich rief, hatte sie nicht mehr lange zu leben. Als Leonie bei ihr eintraf, hatte sie Selbstmord begangen. Der Rest ist bekannt: Leonie begleitete ihren Sarg auf dem untergegangenen Schiff, der „Demeter 2“, über den Atlantik – bis Poe auf der „Independence“ beide an Bord nahm.

„Land!“ An Steuerbord wird eine Insel gesichtet. Kapitän Hardy (Jürgen Wolters) meint, es handle sich wohl um die Sullivans-Insel, einem „merkwürdigen Stück Land“, das nach den zahlreichen Myrtensträuchern durftet, die darauf gedeihen. Poe kommt der Name irgendwie vertraut vor. Als er sich ausruht, schläft er ein und träumt.

(Übergang zur Binnenhandlung)

Er schlüpft in die Rolle eines Mr. Simpson, eines schon etwas betagten Herrn mit nicht gerade allerbester Konstitution, der sich als Archäologe betätigt. Gerade wartet er auf Sullivan’s Island, einer Flussinsel (!) auf die Ankunft eines jungen Fräuleins, das ihn zu sich in ihre Hütte bestellt hat.

Diese intelligente junge Frau namens Lucy Legrand (bei Poe ist es ein William) ist ein höchst quirliges Frauenzimmer, auch wenn ihr Alleinleben irgendwie anstößig wirkt – jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem sie sich wegen einer missbilligten Liebschaft mit ihrem Vater überworfen hatte, war sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus aus- und auf die Insel gezogen, wo sie sich nun offenbar mit amateurhaften Forschungen in der Pflanzen- und Insektenwelt die Zeit vertreibt.

Mr. Simpson soll ein außergewöhnliches Insekt begutachten: einen Goldkäfer. Er liegt schwer in der Hand und krabbelt noch. Auch einen Papierfetzen hat sie am Fluss gefunden, aber weil nichts draufsteht, wirft sie ihn zum Feuer, um ihn später zu verbrennen. (Bei Poe trägt der Käfer die Zeichnung eines Totenschädels. Der Diener Jupiter, den auch Lucy hat, ist abergläubisch und ahnt Schlimmes.)

Der Arzt des Städtchens, wo Simpson lebt, weiß von Legenden, in denen die Rede vom Geist eines Piraten ist, der einen unermesslichen Schatz an dieser Küste bewache. Als Simpson ihn wegen einer Erkältung konsultiert, erzählt er ihm auch von Lucys Hirngespinsten und dem Goldkäfer. Wenig später ruft sie ihn zum Fluss: Er soll auf eine Expedition mitfahren. Simpson staunt nicht schlecht: Spaten, Fernglas, Sense – und natürlich Jupiter. Was soll das bedeuten?

Aufgeregt erzählt ihm Lucy, dass der Papierfetzen mit einer Geheimschrift bedeckt sei: Es handelt sich um eine Schatzkarte. Dreimal darf er raten, welchen Schatz sie nun heben wolle!

Der brave Mister Simpson ist nun ebenso sicher wie der Diener Jupiter, dass die arme Miss Lucy komplett den Verstand verloren hat. Er soll sich irren. Doch er ahnt nicht, welch grausames Ende sein Abenteuer mit ihr nehmen wird.

_Mein Eindruck_

Ein Sack voll glücklicher Zufälle kommt der guten Lucy also zu Hilfe. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Poes Original wesentlich logischer zugeht. Immerhin gelingt es jedes Mal, die kodierte und in unsichtbarer Tinte geschriebene (Zitronensaft?) Schatzkarte zu entschlüsseln. Die Schwierigkeiten beim Aufspüren der richtigen Grabungsstelle sind eine andere Sache, und daran ist vor allem der Diener Jupiter schuld …

Die Hörspielfassung ist selbstverständlich viel romantischer und konfliktreicher aufgezogen, als es Poes Original jemals war. Der Autor bekam seinen Wettbewerbsgewinn vor allem für die trickreiche Entschlüsselung der Schatzkarte, die noch heute als Lehrmaterial für angehende Kryptographen dienen könnte. Dieser Prozess gibt aber in dramaturgischer Hinsicht überhaupt nichts her und wurde deshalb gestrichen. Man erfährt aber, dass Lucy Erkundigungen bei einem alten Einsiedler unweit der Stadt eingezogen hat und so auf die richtige Lösung gekommen ist: Der Teufelssitz über der kleinen, abgeschiedenen Bucht muss der Ort sein, den das X markiert. Und dort wartet der unheilvoll aufragende Baum mit dem Totenschädel – siehe das Titelbild …

Diese Binnenhandlung führt zu einem recht unerwarteten Actionhöhepunkt, der für Mr. Simpson bzw. unseren träumenden Mr. Poe recht unangenehm endet. Aber der Hörer bekommt noch mehr geliefert: Auch die Rahmenhandlung verfügt über einen Höhepunkt, der es an Dramatik und Action durchaus mit der Goldkäfer-Story aufnehmen kann: Poe und Leonie erkunden das Eiland und stoßen auf einen riesigen Baum auf einer Lichtung, der fatal an den Baum auf dem Teufelssitz erinnert. „Glauben Sie an Träume, Miss Goron?“, fragt er daher ahnungsvoll.

Mr. Poe fällt auf, wie stark sich die beiden Handlungen ähneln: Die Lucy im Traum trug nämlich das gleiche Gesicht wie Miss Goron. Und auf beiden Ebenen spielte ein gewisser Doktor eine unheilvolle Rolle. Dies veranlasst mich zu dem Verdacht, dass in Poes Geist alle Ärzte eine sinistre Qualität angenommen haben, seitdem er in Dr. Templetons Behandlung gewesen ist. Und Poe tut vielleicht sogar gut daran, Ärzten zu misstrauen. Jemand will ihm ans Leben, doch wer steckt dahinter?

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Simpson|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge ist von Poes frohgemuter Stimmung nichts mehr übrig geblieben. Die beiden Anschläge haben ihn ebenso ins Grübeln gebracht wie der Traum vom „Sturz in den Mahlstrom“.

Deshalb bildet der joviale Mr. Simpson einen Ausgleich mit seinem menschenfreundlichen, aber leider zu vertrauensseligen Gemüt, durch das er Miss Lucy in schwere Bedrängnis bringt.

|Miss Leonie Goron alias Lucy Legrand|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5. In „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.

Auch in der Rolle der wesentlich jüngeren Lucy Legrand, in der ich sie fast nicht wieder erkannt hätte, verleiht Iris Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie sorgt für Action in der Binnenhandlung und setzt ihre Intelligenz für ein ansonsten wahnwitziges Unternehmen ein: die Hebung eines Piratenschatzes.

|Israel Hands|

Der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Bei dieser Figur, deren Namen in Episode 5 und 6 nicht genannt wird, könnte es sich um den Matrosen handeln, der immer wieder lautstark in „Mahlstrom“ zu hören ist („Ein Sarg an Bord – das bringt Unheil“) und dann in „Der Goldkäfer“ einen recht wirkungsvollen Auftritt hat. Mehr darf nicht verraten werden.

|Jupiter|

Auch die Rolle des Dieners Jupiters darf nicht verschwiegen werden. Jupiter ist wichtig, weil er erstens Unheil ahnt, denn das Ausbuddeln von Skeletten und Schätzen ist seiner Ansicht nach bestimmt kein gottgefälliges Treiben. Und zweitens sorgt er mit seinem Fehler des Verwechselns von links und rechts für eine Erhöhung bzw. Verzögerung der Spannung bei der Schatzsuche.

Thomas B. Hoffmann gestaltet die Stimme und Ausdrucksweise Jupiters auf so lebhafte und glaubwürdige Weise, dass man kaum glauben würde, er sei nicht mit einer dunklen Haut auf die Welt gekommen. Seine Rolle des gottesfürchtigen Dieners, der lieber Reißaus nehmen würde als nach Knochen zu buddeln, trägt so auch stark zum komischen Aspekt der Schatzsuche bei und beleuchtet die verschrobene Natur dieses Unterfangens.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Besonders auffällig ist dies während der beiden Höhepunkte: Der soundmäßige Hintergrund stimmt einfach von A bis Z. Und wer genau aufpasst, kann sogar die Schritte von Leonie an Bord der „Independence“ erlauschen.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Schatzsucher-Szene und dem anschließenden Überfall.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

„Der Goldkäfer“ ist sozusagen Grusel für die ganze Familie – äh, ab 12. Schließlich können Jüngere wohl kaum etwas den Skeletten, Totenschädeln und mysteriösen Käfern abgewinnen, die in der Binnenhandlung das Dekor für eine abenteuerliche Schatzsuche bilden. Auch die Rahmenhandlung geht nicht ohne blutige Action zu Ende, und das sollte man vielleicht nicht unbedingt den Kleinen zumuten. Andererseits bekommen Splatterfreunde, für die nicht genug Lebenssaft spritzen kann, wenn es „guter“ Horror sein soll, hier fast nichts geboten, das ihren Blutdurst stillen könnte.

Wie schon „Sturz in den Mahlstrom“ ist „Der Goldkäfer“ in meinen Ohren eine sehr gute Hörspiel-Produktion, die auch sehr verwöhnte Ansprüche erfüllen kann. Die Sprecher, die Musiker, der Tonmeister – ihre Leistungen wirken hervorragend zusammen, um für eine Stunde ein perfektes Gruselerlebnis zu bescheren. Und das zu einem sehr annehmbaren Preis.

Maupassant, Guy de – HR Giger\’s Vampirric 4 – Der Horla

In der vierten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich die Vampir-Geschichte „Der Horla“ von Guy de Maupassant. Es liest Torsten Michaelis. H. R. Giger spricht persönlich das Vorwort und läutet so auf seine ganz persönliche Art das Grauen ein.

_Der Autor_

Guy de Maupassant lebte von 1850 bis 1893. „Der aus lothringischem Adel stammende, in der Normandie aufgewachsene Maupassant war nach Jurastudium und Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Marine-, dann im Unterrichtsministerium tätig. Nach dem Erfolg der Novelle „Boule de suif“ (1880, dt. „Fettklößchen“, 1900) widmete er sich ganz der Schriftstellerei.

Die Bandbreite seiner fast 300 Novellen reicht von traditionellen schwankhaften Dreiecksgeschichten über die seit der Romantik beliebten Schauernovellen und phantastischen Erzählungen, meist tragisch endende Liebesgeschichten bis hin zu sozialkritischen Novellen. Er veröffentlichte sechs Romane, von denen „Bel Ami“ (1885) verfilmt wurde. In seinem Stilwillen und seiner Freiraum lassenden Erzählhaltung kommt Maupassant seinem literarischen Ziehvater Gustave Flaubert nahe, mit dem er auch die pessimistische Weltsicht teilt.“ (zitiert nach: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, S. 1945/46). Er fürchtete sich vor einem eingebildeten Doppelgänger und schrieb darüber in der Novelle „Lui“. Auch „Der Horla“ weist in diese Richtung.

|Der Sprecher|

Ich kenne Torsten Michaelis als den Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

Neben Wesley Snipes leiht er seine markante Stimme auch Martin Lawrence, Sean Bean, Don Cheadle, Thomas C. Howell, Jason Scott Lee, Salvatore Marino, Sergio Rubini, James Russo, Chris Tucker, Brandon Lee. Kein Scherz – das steht in seiner Selbstbeschreibung.

_Handlung_

Die Geschichte folgt der Form eines Tagebuchs. Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über einen Sommer, von Mai bis September. Der Ich-Erzähler erzählt am 8. Mai von seiner ländlichen Heimat in der Nähe von Rouen, von wo er die Glocken der großen Kathedrale läuten hört. Unweit der idyllischen Ufer der Seine befindet sich der elterliche Landsitz. Auf der Seine betrachtet er die schönen Schiffe, darunter welche aus dem fernen Brasilien …

Nur wenige Tage später verspürt er eine seltsame Traurigkeit, Gereiztheit und später Fieber. Ihn beschleicht das Gefühl drohender Gefahr und er macht sich Gedanken um das „Mysterium des Unsichtbaren“: Der Mensch kann weder das unsichtbar Kleine, etwa Mikroben, noch das unendlich weit Entfernte sehen, etwa Galaxien.

Nach einem ergebnislosen Arztbesuch hat er einen Albtraum, dass ihn ein Dämon würgt, der ihm auf der Brust sitzt und den er nicht abzuschütteln vermag. Dies wiederholt sich Nacht für Nacht, bis ihn sogar tagsüber das Gefühl beschleicht, verfolgt zu werden. Wird er wahnsinnig?

Auf einer Kurreise zum Mont St. Michel erzählt ihm ein Mönch von Geisterstimmen. Nach der Rückkehr – es ist Anfang Juli – geht der Albtraum von Neuem los. Als er bemerkt, dass seine Wasserkaraffe am nächsten Morgen leer ist, fragt er sich, ob er nicht selbst ein Schlafwandler ist. Einfache Versuche mit der Karaffe bestätigen ihm jedoch, dass es ein anderes Wesen sein muss, das das Gefäß leert.

Doch welche Art von Wesen vermag zugleich unsichtbar zu sein und ihm die Lebenskraft auszusaugen?

_Mein Eindruck_

Die berühmte Erzählung thematisiert den Horror, der damit verbunden ist, dass eine unsichtbare, fremde Macht parasitär Besitz von einem Menschen ergreift und ihn zu Taten zwingt, die er gar nicht begehen will. Wohlgemerkt, hier geht es nicht nur um den Entzug von Lebenskraft, wie ihn der altbekannte, inzwischen schon heimelig wirkende Vampir praktiziert. Hier geht es vielmehr auch um die Inbesitznahme von Willen und Verstand des Opfers. Der solcherart Besessene wird quasi ferngesteuert, nur mit dem Unterschied, dass der Steuernde im Kopf seines Instrumentes sitzt.

Der Autor zieht die damals bekannten Techniken der psychischen Steuerung heran, nämlich die als Mesmerismus etc. bekannte Hypnose, insbesondere den posthypnotischen Befehl, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen. Der Erzähler wird selbst Zeuge eines solchen Psycho-Experiments an seiner Schwester, als er in Paris weilt, wo man den Dingen des Unsichtbaren normalerweise abgeklärt gegenübersteht. Als er seine eigene Notlage erklären will, um Hilfe zu erlangen, wird er daher ausgelacht.

Auf sich selbst zurückgeworfen, muss er umso angestrengter danach trachten, seinen Meister, den er inzwischen den „Horla“ nennt, zu besiegen. Sein Anstrengungen kann man einfach nur heldenhaft und einfallsreich nennen, wenn sie auch auf tragische Weise Neben-Opfer fordern. Was aber, wenn der Horla unsterblich ist und selbst den letzten Vernichtungsversuch überleben könnte?

Ein Aspekt, der in meinen Augen diese Geschichte aus dem Umfeld der Vampirstorys heraushebt, ist die Überlegung, dass der Horla a) der Nachfolger der Spezies Mensch auf der Erde ist und b) von den Sternen kommt. Beide Vorstellungen sind bislang der Science-Fiction vorbehalten geblieben, doch Maupassant hat sie bereits geäußert, lange bevor H. G. Wells 1898 seinen Invasionsroman „Krieg der Welten“ veröffentlichte, der fortan das Klischee vom Alien-Monster bestimmen sollte.

|Der Sprecher|

Manche Sprecher lesen eine Geschichte nur vor, manche aber spielen sie vor. Torsten Michaelis gehört mit „Der Horla“ zur zweiten Kategorie. Da der Schurke im Stück ja unsichtbar und quasi un(an)greifbar ist, gehört eine Menge Darstellungsvermögen dazu, die Reaktionen auf dieses Un-Wesen herauszustellen, um wenigstens auf diesem indirekten Wege den Horror, den es verbreitet, zu vermitteln. Und Michaelis gelingt dies auf sehr eindringliche Weise.

Man würde auch nicht unbedingt annehmen, dass sich die Form des Tagebuchs für eine dramatische Schilderung von Horror eignet. Doch hier ist eben der Knackpunkt: Der Horror ist rein psychologisch statt äußerlich (außer an einer Stelle). Deshalb ist es umso wirkungsvoller, dass Michaelis bestimmte Passagen im Tempo ebenso moduliert wie in der Tonlage und der Tonstärke. Mal liest er langsam, mal schnell, dann wieder leise oder laut. Auf diese Weise erzielt er nicht nur den gewünschten eindringlichen Effekt, sondern hält auch unsere Aufmerksamkeit wach.

_Unterm Strich_

Die beiden wirkungsvollsten und besten Erzählungen in der Vampirric-Reihe sind zweifellos [„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583 und „Der Horla“. Welche von den beiden nun die „bessere“ ist, hängt von der individuellen Vorliebe des Hörers ab. „Das Grabmal“ ist anschaulicher, szenischer aufgebaut und bedient weitaus mehr Klischees aus der Vampirliteratur.

Mit Vampiren dieser Art hat „Der Horla“ nichts am Hut. Auch die Bezeichnung „Vampir“ fällt kein einziges Mal. Und doch geht „Der Horla“ weiter als „Das Grabmal“, indem er den Horror, der von der Besessenheit durch ein Fremdwesen von den Sternen ausgeht, nicht nur zu einem globalen, aber weltimmanenten Grauen aufbauscht, sondern es sogar zu einem kosmischen Grauen à la Lovecraft ausbaut. Die Horlas werden Menschen ablösen – gibt es eine größere Horrovision? Und all dies ist mit einer Stilsicherheit erzählt und mit anschaulichen Beispielen gespickt, dass auch der Durchschnittsleser noch etwas damit anfangen kann (sofern er nicht Splatterfan ist).

Der Sprecher Torsten Michaelis macht mit seiner Präsentationskunst „Der Horla“ praktisch schon zu einem Hörspiel, und Geräusche und Musik kann man sich leicht hinzu denken, denn die Erzählung ist dafür anschaulich genug. Schaurig, so vermittelt es der Sprecher, ist auch das Finale der Novelle, wenn der Erzähler die letzte Konsequenz aus dem Erfahrenen erkennt und zieht. Das hat Klasse.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinformation)

|Umfang: 78:32 Minuten auf 1 CD|

Strobl, Karl Hans – HR Giger\’s Vampirric 3 – Das Grabmal auf dem Père Lachaise

In der dritten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich nur eine Vampirgeschichte, aber die hat es in sich: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ von Karl Hans Strobl. Es liest David Nathan. Das Vorwort spricht HR Giger. „Es ist eine unvergessliche Horrorgeschichte über Gier, Wahnsinn und Alpträume, die sich jeder selber macht“, behauptet der |Festa|-Verlag.

_Der Autor_

HR GIGER: „Dieses Mal erwartet Sie bei Vampirric eine Geschichte von Karl Hans Strobl, der zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren war. Strobl, ein Österreicher, der zusammen mit Meyrink und Ewers zu den wichtigsten deutschen Phantasten des frühen 20. Jahrhunderts zählt, starb 1946. Es ist eine Geschichte über die teuflische Gier, das menschliche Übermaß und den Wahnsinn. Zu welchen Taten den Mensch ein wenig schnöder Mammon nur treiben kann! … Eine wirklich böse Story! Und ich mag böse Storys – Sie nicht auch?“

Zum Herausgeber schreibe ich am Schluss etwas.

_Handlung_

„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ besteht im Wesentlichen aus den Tagebuchauszügen des Wissenschaftlers Ernest, der sich, da er bettelarm ist, auf einen äußerst merkwürdigen Deal einlässt: Die am 13.3.1913 – also wenige Jahre zuvor – verstorbene Gräfin Anna Feodorowna Wassilska hat in ihrem Testament verfügt, dass demjenigen Mann zweimal hunderttausend Franken aus ihrem Nachlass gegeben werden sollen, der es schafft, ein Jahr in ihrem marmornen Grabmal auf dem bekannten Pariser Friedhof Père Lachaise zu leben. Hier sind ja etliche Künstler begraben, darunter nicht zuletzt auch Jim Morrison.

Wir brauchen aber für Ernest, den Ich-Erzähler, keinerlei Mitleid zu hegen, denn er ist ein von sich selbst sehr überzeugter Jünger der optischen Physik. Im Grabmal schreibt er sein erstes Buch, das unter anderem auf seinen Aufzeichnungen im Grabmal basieren soll. Hier will er eine Theorie des Lichts aufstellen und untermauern. Von dem nicht unbeträchtlichen Lohn plant er eine Vortragsreise sowie einen Urlaub mit seiner Frau Margause zu finanzieren.

Um Verpflegung während des einen Jahres braucht er sich keine Sorgen zu machen. Iwan, ein „borstiger Tatar“, hässlich wie die Nacht und seiner nun toten Herrin noch immer treu ergeben, versorgt Ernest mit den exquisitesten Speisen, doch soll dies gemäß Testamentsbestimmungen der einzige Kontakt sein, den der Wissenschaftler pflegen darf. Schon bald nimmt der Leibesumfang des Grabbewohners erheblich zu. Soll er etwa gemästet werden? Der Tatar gibt keinen Piep von sich. Er erinnert Ernest lieber an die Geschichte vom nekrophilen Sergeanten, der auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll.

Doch auch das in der Gruft bestattete Frauenzimmer verdient unser Mitgefühl nicht. Ein Vamp bleibt eben ein Vamp. Die Madame Wassilska muss nach dem Bild, das Ernest uns zeichnet, nicht nur mannstoll wie Katharina die Große gewesen sein, sondern obendrein reichlich brutal und grausam. Einen Bäckerlehrling biss sie beispielsweise zweimal, so dass er lieber Reißaus nahm. Ihren Bediensteten, etwa wehrlosen Kammerzofen, trieb sie Nadeln ins Fleisch. Auf ihrem Foto fallen Ernst die ungewöhnlich „grausam weißen“ Zähne auf …

In der Gruft ereignen sich unerklärliche Phänomene. Obwohl kein Wind ging, sind Ernests zahlreiche und wohlsortierte Notizzettel durcheinander gewirbelt. Ein grünliches Leuchten geht vom Stein des eigentliches Grabes und der bronzenen Grabplatte aus – sehr interessant, gerade für einen Optophysiker. Handelt es sich etwa um Röntgenstrahlen oder gar um den mysteriösen Äther? Wirken hier intermolekulare Kräfte? Die Steinstruktur selbst scheint sich regelmäßig um Mitternacht in Gallert zu verwandeln. Der Gallert brennt auf der Haut. Das ist für Ernest aber auch nichts Neues, denn polnische Experimente im galizischen Lemberg beschreiben ein ähnliches Phänomen.

Richtig ernst wird’s für Ernest aber erst, als er nicht mehr durch den schmalen Zugang zur Gruft passt: Er ist so gemästet worden, dass er zum Gefangenen der Gruft geworden ist. Nach dem Allerseelentag stellt er fest, dass er gebissen und ausgesaugt wurde. Geradezu elend fühlt er sich, als er einen Zettel findet, auf dem eine Botschaft steht: „Der Atem der Katechana“.

Iwan verrät ihm auf seinen Drängen hin, dass es sich bei der „Katechana“ um die Gräfin handelt: „eine, die nie genug haben kann vom Opfer der Mannheit, bis jenseits des Todes“. Ernest beschleicht ein übler Verdacht: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verflüssigung der Grababdeckung, dem grünen Leuchten und den allnächtlich wiederkehrenden Bissen in seinem Hals?

_Mein Eindruck_

Na, servus! Mit Physik hat dies wohl weniger zu tun als vielmehr mit Metaphysik. Schon solche antiquierten Begriffe wie der noch um 1900 herum postulierte „Äther“ als universelles Trägermedium kennzeichnen den Wissensstand des „Helden“ als einen Physiker, der immer noch auf der Schwelle zur Metaphysik steht. Und wenn es nicht um sehr viel Geld ginge, das ihn korrumpiert, hätte er sich wohl kaum auf eine solch makabre Forschungsstätte eingelassen, die eines echten Physikers schwerlich würdig ist.

Der eng umgrenzte Raum des Grabmals ist ein exzellentes Experimentierfeld: Hier treffen zwei Zeiten und Kulturen aufeinander. An der Nahtstelle zwischen modernem Leben und uralter Totenkultur treffen sich der wissenschaftlich-rational orientierte Westen mit dem weitaus mysteriöseren Osten des europäischen Kontinents, mit den alten legenden Asiens von den Vampyri. Von diesen Wesen hat Ernst offensichtlich noch nichts gehört, denn alle seine Erklärungsversuche und haltlosen Theorien betreffen nur Bildungsbruchstücke, gehen aber an dem eigentlichen Phänomen weit vorbei. Umso genauer treffen sie den Leser bzw. Hörer, der sich allmählich seinen eigenen Reim darauf machen muss. Umso wirkungsvoller ist das Grauen, das sich im Hörer unterschwellig breitmacht.

Bereits die Charakterisierung der Gräfin sollte Ernest einen wichtigen Hinweis liefern: eine männermordende Nymphomanin mit grausamen Zügen; mit „grausam weißen“ Zähnen und „Fingern wie Klauen“. Dazu passen die klassischen Versatzstücke wie etwa die Gruft, Nekrophilie, ewiger Hunger über den Tod hinaus, Bissmale, sich zersetzende Materie, der stumme Diener, ein Todeshauch, unheimliches Leuchten und dergleichen mehr. Doch der Vampir selbst ist, wie sich zeigt, weit mehr als nur ein materielles Phänomen. Er dringt in den Verstand seines Opfers und beschwört allerlei Trugbilder.

Ernst ist jedoch beileibe kein tumbes Opferlamm. Natürlich darf zwar der actionreiche Schluss nicht verraten werden, aber der als Opfer Auserkorene weiß sich durchaus wirkungsvoll seiner lädierten Haut zu wehren. Obwohl die Ereignisse im Grabmal auf eine Krise zutreiben, so verblüfft doch das Ausmaß der nun gebotenen Action den auf sachten Grusel eingestimmten Zuhörer.

|Der Sprecher|

David Nathan ist Regisseur und gilt außerdem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Synchronstimme von Johnny Depp, „Spike“ oder Christian Bale. Auch auf den Webseiten zu den „Drei ???“ findet man seinen Namen einschlägig erwähnt. Nathan hat für |LPL records| bereits eine Erzählung auf der Hör-Anthologie „Necrophobia 1“ gesprochen, außerdem tritt er auf „Das Ding auf der Schwelle“ und „Der Schatten über Innsmouth“ in Erscheinung. „Das Grabmal“ wird von ihm souverän und mit einer zunehmenden Eindringlichkeit vorgetragen, der man sich nur sehr schwer entziehen kann.

Ich konnte nur einen Aussprachefehler feststellen: Müsste der Name des bekannten Physikers und Mathematikers Henri Poincaré nicht französisch statt englisch ausgesprochen werden?

_Unterm Strich_

In seinem Aufbau ist „Das Grabmal“ offensichtlich an viele der Frauenerzählungen von Edgar Allan Poe angelehnt. Ob nun die vampireske Lady Ligeia, Morella, Eleonora oder wie sie alle heißen – es ist eine unheimliche Frauengestalt, die durch ihren Bann den ihr psychisch oder emotional ausgelieferten Mann erst um den Verstand und dann um sein armseliges Leben bringen wird. Das psychische Band ist jedoch bei Strobl durch physikalische bzw. metaphysische Phänomene ersetzt, was die Story zwar moderner, aber weitaus weniger romantisch macht.

Die andere Komponente, die Poe entspricht, ist die Bemühung der Hauptfigur, all die seltsamen Phänomene, die er beobachtet oder am eigenen Leib erfährt, wegzurationalisieren (im Sinne von „ratiocination“ à la Auguste Dupin), indem er die Erkenntnisse der Naturwissenschaft anführt. Diese geistigen Waffen gegen Geister einzusetzen, erweist sich selbstverständlich (und ironischerweise) als völlig zwecklos. Die immaterielle Welt obsiegt über die kläglichen Versuche, sie mit Erkenntnissen aus der materiellen Welt zu erklären. Insofern ist diese Erzählung wiederum zutiefst romantisch.

Stellt man Modernität und Romantizismus nebeneinander, so ergibt sich der Eindruck einer Erzählung, die einer Zeit des Übergangs entspricht. Gut möglich, dass sie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand, als die alte, so wohlgeordnet erscheinende Welt der Monarchien und des Großbürgertums unter den Stiefeltritten faschistischer und kommunistischer Bewegungen verschwand. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass die Gräfin Wassilska als Vertreter eines absolut herrschenden Adels genau im Vorjahr des Kriegsausbruches das Zeitliche segnete und fortan ihre Grabinsassen als Vampir beehrt – böser Schatten einer versunkenen Welt. Adieu, belle epoque!

Das Hörbuchs inszeniert diese reichhaltige Erzählung mit angemessenen Mittels. Besonders der Sprecher David Nathan vermittelt die unterschwellige Botschaft ausgezeichnet mit seinem Vortrag.

Innerhalb der Vampirric-Serie ist „Das Grabmal …“ mit Sicherheit ein Höhepunkt. Noch besser gefiel mir allerdings [„Der Horla“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=584 weil dort die horrible Vision des Autors geradezu kosmische Dimensionen annimmt.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinfo)

|Umfang: 78:22 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Sturz in den Mahlstrom (POE #5)

„Sturz in den Mahlstrom“ ist der fünfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch die ersten vier Hörbücher der Serie vorgelesen:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Fremden, der sich „Edgar Allan Poe“ nennt.

|Die Sprecherin|

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und nach zehn Wochen entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vier Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise.

_Handlung_

Mit dem Segelschiff „Independence“ begibt sich der Fremde, der sich den Namen Edgar Allan Poe zugelegt hat, auf eine Seereise nach New Orleans. Von dort will er weiter in den Fernen Osten. Der Segler und sein Kapitän Hardy scheinen in Ordnung zu sein, doch kurz vor dem Auslaufen sieht Poe, wie ein Fremder einem der Matrosen etwas übergibt.

Das Schiff ist noch nicht lange auf See, als ein schwerer Belegblock auf Poe herabstürzt und ihn nur um Haaresbreite verfehlt. Das Seil daran ist jedoch nicht durchschnitten, und so macht sich Poe keine Sorgen deswegen. Ein Sturm ist im Anzug, sagt Käptn Hardy mit knorriger Stimme (Jürgen Wolters). Und eines der Opfer dieser stürmischen Gegend wird wenig später gesichtet.

Poe rudert zwecks Erkundung des Schiffswracks mit der Mannschaft hinüber. Das Erste, was man entdeckt, ist ein Sarg an Deck. „Das bringt Unglück“, dürfte ja wohl klar sein. Obwohl der Bootsmann sich zum Verlassen des sinkenden Wracks anschickt, sucht Poe noch achtern in den Kajüten – und wird fündig: Eine weibliche Gestalt in langem weißem Gewand erscheint wie ein Gespenst und fragt ihn: „Wo bin ich?“

Das Boot ist weg, das Schiff sinkt. Poe und die Lady springen ins Meer und finden sich später neben dem ominösen Sarg treiben. Nachdem die „Independence“ sie aufgefischt hat, stellt sie sich als Leonie Goron (mit französischer Aussprache) vor. Sie fragt ihn, ob er an Zufälle glaube. In der folgenden Nacht schiebt Poe ebenfalls Wache, weil der Sturm erwartet wird. Nach seiner Ablösung verschwindet der andere Matrose spurlos. Vielleicht sollte er sich spätestens jetzt Sorgen machen.

Der Sturm bricht unvermittelt los, und Poe und Leonie müssen unter Deck. Hier hat Poe wieder mal einen seiner typischen Albträume. (Es ist die Handlung von Poes titelgebender Story.)

An der norwegischen Küste wird der Fisch zwischen den küstennahen Inseln knapp, so dass zweien der der letzten unabhängigen Fischer, den Brüdern Per und Tore, nur noch die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub bleibt: Sie verkaufen entweder ihr Boot und verdingen sich als Matrosen beim reichsten Fischer Lars Hansen – oder sie blicken dem Tod ins Auge und versuchen ihr Glück bei den Äußeren Inseln. Doch dort lauert in der Meerenge ein Verderben bringender Mahlstrom auf Fischer, die nicht rechtzeitig zurückfahren. Ganze Dreimaster habe er schon verschlungen, erzählt das Seemannsgarn in der Hafenkneipe.

Doch Per wettet, er sei ein besserer Fischer als Lars Hansen. Dessen höhnisches Gelächter bringt ihn auf die Palme. Er setzt sein Boot ein, doch Lars muss ihm die Erlaubnis geben, um die Hand seiner Schwester Susanne anhalten zu dürfen, wenn Per gewinnt. (Ist doch immer eine Frau im Spiel, nicht?) Listig gibt Susanne ihm eine Taschenuhr mit, so dass er den Tidenwechsel besser einschätzen kann.

Doch der Chronometer erweist sich als ebenso trügerisch wie das Meer über dem Mahlstrom. Zu spät bemerken Per und Tore, wie es sich verändert und schließlich zu einem riesigen Trichter öffnet. Ihr schlimmster Albtraum scheint in Erfüllung zu gehen, da erkennt Per den Weg zur Rettung. Tore hält ihn für völlig durchgeknallt. Kein Wunder: Wer würde im Angesicht des sicheren Todes schon sein Schiff verlassen?

_Mein Eindruck_

Während die Binnenhandlung, die im Albtraum erzählt wird, ziemlich genau Poes genialer Horror-Story „Descent into the Maelstrom“ folgt, verarbeitet die Rahmenhandlung in freier und kreativer Weise Motive aus Poes Story „The oblong Box“ („Die längliche Kiste“). Darin befindet sich ebenfalls ein Sarg an Bord eines Segelschiffes, das unseren Erzähler von A nach B bringen soll. Jeder Matrose, der einen Schuss Pulver wert ist, weiß natürlich, dass ein Sarg an Bord Unglück magnetisch anzieht. Und denen von der „Independence“ geht es genauso. Recht haben sie, wie die folgenden Geschehnisse belegen. Offenbar zweimal entgeht Mr. Poe einem Anschlag auf sein Leben. Wer steckt dahinter? Die zweite Frage lautet natürlich: Warum besteht Leonie Goron so hartnäckig darauf, den Sarg an Bord zu nehmen, statt ihn der See zu übergeben?

Die zentrale Erzählung, „Der Sturz in den Mahlstrom“, gehört zu den wirkungsvollsten Meisterwerken der Horrorliteratur. Ähnlich wie „Grube und Pendel“ gerät die Hauptfigur durch Furcht und Schrecken in einen seelischen Zustand, der ihm eine „gleichgültige Neugier“ erlaubt. In diesem Zustand quasi außer sich, bemerkt er wie ein vernünftig denkender Mensch ein Phänomen, das er normalerweise nie wahrgenommen hätte: Massereiche Gegenstände erreichen den zerstörerischen Grund des riesigen Strudels schneller als kleine, leichtere. Dieser Beobachtung lässt er sogar die richtige Handlungsweise folgen, so wahnwitzig und selbstmörderisch sie auch erscheinen mag. Kein Wunder, dass ihn sein Bruder für verrückt hält, widerspricht dies doch dem so genannten „gesunden Menschenverstand“. Und wir dürfen annehmen, dass Per nun die Hand der süßen Susanne sicher ist.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Als das Schiff ausläuft, das ihn zu neuen Ufern bringen soll, klingt er richtig frohgemut – genau wie die Musik, die sich machtvoll zu einem vorwärts drängenden Thema aufschwingt.

Während der Binnenhandlung spricht er auch Per, der den Mahlstrom erforscht. Ihn begleitet als Tore, Pers Bruder, Manfred Lehmann, der verdächtig wie die deutsche Stimme von Nick Nolte klingt. Auch der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Diese Figur konnte ich aber nicht entdecken. Kommt vielleicht noch.

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Der wird wohl noch benötigt … Auch in der Rolle als Susanne Hansen, in der ich sie fast nicht wiedererkannt hätte, verleiht Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie ist das listige Frauenzimmer, hinter dem Per her ist, das aber offenbar auch eigene Pläne verfolgt.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt: wenn der Stürm wütet, wenn die Möwen kreischen, wenn Poe und Leonie halbtot im Meer treiben, im Regen, das Knarren der Takelage und vieles mehr. Der Hörer kommt sich vor wie der blinde Passagier auf einer abenteuerreichen Seereise, wie einst [Arthur Gordon Pym.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Mahlstrom-Sequenz, als die Musik die Katastrophe geradezu beängstigend spürbar macht.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe |Orange Blue| (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

Mit diesem Hörbuch beginnt eine neue Staffel von POE-Hörspielen bei |Lübbe|. Waren die ersten vier Hörspiele schon ob ihrer hervorragenden Produktionsqualität mit dem |Deutschen Phantastik Preis| 2004 ausgezeichnet worden, so legt |Lübbe| diesmal noch einen drauf. War die erste Staffel vom Charakter eines Kammerspiels gekennzeichnet, so weitet sich nun die Bühne zu Breitwandfilm-Cinemascope-Dimensionen. Sound, „Film“-Musik, Sprecher, Schnitt, Erzählstruktur – alle tragen zu einem hörbaren Kinoerlebnis bei.

Der Ausflug in Phantasieregionen dauert nur rund eine Stunde, aber das ist völlig in Ordnung – die Erzählstruktur trägt nur zwei bis drei Höhepunkte und ist am Ende offen. Will heißen: Hier muss offenbar noch einiges nachfolgen. Bin schon sehr gespannt.

|Umfang: 68 Minuten auf 1 CD|

Harris, Robert – Pompeji

Im Sommer des Jahres 79 n. Chr. kommen wie eh und je die Reichen und Schönen aus Rom in ihre Villen am Meer, um Urlaub zu machen. Attilius, ein Wasserbaumeister, ist jedoch wegen der Arbeit hier. Er ersetzt in Misenum, Pompeji und Herculaneum den spurlos verschwundenen Vorgänger Exomnius. Diese und andere Unstimmigkeiten an der lebenswichtigen Wasserleitung Aqua Augusta scheinen kriminellen Ursprungs zu sein.

Als der Vesuv ausbricht, der den Anwohnern jahrhundertelang so friedlich erschien, dass sie seine Existenz kaum noch wahrnahmen, muss Attilius um seine neue Freundin Corelia bangen, die von ihrem korrupten Vater Ampliatus eingesperrt wurde. Kann er sie rechtzeitig erreichen und aus der Apokalypse, die sich nun entfaltet, retten?

_Der Autor_

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Nach seinem Geschichtsstudium in Cambridge war er als BBC-Reporter und politischer Redakteur des „Observer“ tätig. Die historischen Hintergründe seiner Romane recherchiert Harris als Historiker exakt. Trotzdem schreibt er keine Sachbücher: Er will die Leser gleichzeitig unterhalten und informieren, schreibt der Verlag.

Mit seinem Roman „Vaterland“ gelangte er 1992 in die internationalen Bestsellerlisten, danach folgten das ebenfalls verfilmte „Enigma“ sowie „Aurora“ (1998). Harris ist heute ständiger Kolumnist der Tageszeitung „The Times“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem alten Pfarrhaus in Kintbury bei London.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erhielt seine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und stand seit Mitte der neunziger Jahre in zahlreichen großen Rollen auf der Bühne. Zu seinen Filmerfolgen zählen „Die Musterknaben“, neben Oliver Korittke, und – zusammen mit Dietmar Bär – „Durch dick und dünn“ sowie diverse Rollen in Film und Fernsehen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Misenum, 22. August 79, noch zwei Tage bis zum Ausbruch des Vesuv. Bereits zwei Stunden vor Sonnenaufgang quält sich ein kleiner Arbeitertrupp die Hänge des Vulkans empor. Der neue Wasserbaumeister Attilius ist erst drei Tage im Amt, nachdem seine Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist. Daher nehmen ihn seine Arbeiter ob seiner Jugend – er ist erst 27 – nicht für voll und murren. Vor allem Corax, der Aufseher, scheint etwas gegen Attilius, den Römer, zu haben. Was genau das ist, wirst erst später klar, aber dann ziemlich eindeutig. Corax steht nicht nur in Diensten des römischen Staates.

|Die Lebensader Kampaniens|

Attilius hat die Aufgabe übernommen, die Aqua Augusta instand zu halten und mit diesem 60 Kilometer langen Aquädukt die gesamte Region Kampanien rings um den Vulkan mit Wasser zu versorgen. Es ist die längste Wasserleitung der Welt, eine architektonische Meisterleistung. Kein Wunder, dass sich durch die optimale Wasserversorgung zahlreiche Reiche in ihren Villen angesiedelt haben und ihre Gäste mit raffinierten Wasserspielen unterhalten. Nur das Erdbeben, das Pompeji einmal schwer beschädigt hat, erscheint auf ihrer inneren Landkarte als kleine Störung. Die Stadt hat sich nämlich inzwischen davon erholt. Etwas störender ist die Dürre, die seit drei Monaten Kampanien belästigt.

Als Attilius eine Grube ausgehoben hat, um eine neue Quelle anzulegen, ist er nicht wenig erstaunt, als das Wasser sofort wieder versiegt. Doch dies ist nur der Anfang vom Ende. Binnen weniger Stunden versiegt das Wasser der gesamten riesigen Wasserleitung: Acht Gemeinden sind abgeschnitten. Attilius hat so etwas noch nie erlebt und kann es sich nicht erklären. Ist die Wasserleitung gebrochen?

|Ampliatus und Corelia|

Zwei Frauen holen ihn aus dem Wasserreservoir der Stadt zur Villa Hortensia in Misenum. Sie wollen, dass er die Wasserqualität in den Fischzuchtbecken der Villa prüft. Das Wasser kommt aus dem noch vollen Reservoir, nicht aus der versiegten Aqua Augusta. Weil sich diese Qualität eventuell verändert hat, sind vor wenigen Stunden die empfindlichen, aber als Luxusspeise beliebten Meerbarben gestorben. Dafür macht der Besitzer Ampliatus aber nicht das Wasser, sondern den zuständigen Sklaven verantwortlich. Die junge Corelia, Ampliatus‘ Tochter, ist entsetzt über die Rohheit, mit der er den Sklaven gefräßigen Muränen vorgeworfen hat.

Der Sklave ist bereits tot, als Attilius eintrifft und dem Wasser einen hohen Schwefelanteil attestiert. Er kann sich den Grund dafür zwar nicht denken, empfiehlt Ampliatus aber, die Leitung sofort zu sperren. Er selbst werde die Brunnen der Stadt sperren lassen. Schließlich soll kein Bürger Wasser trinken, das nach faulen Eiern stinkt. Als er Ampliatus verlässt, geht ihm Corelia nicht aus dem Kopf. Sie sieht seiner fünf Jahre zuvor im Kindbett gestorbenen Frau Sabina sehr ähnlich.

|Plinius|

Der Naturforscher Gaius Plinius, ein unglaublich korpulenter, aber intelligenter und gebildeter Soldat, ist Befehlshaber der römischen Kriegsflotte, die in Misenum ihren Stützpunkt im westlichen Mittelmeer hat. Bei einem Experiment wundert er sich, dass die Flüssigkeit in einem Weinglas nicht zu zittern aufhört – Erdbeben? (Plinius wird später, während des Ausbruchs, eine zentrale Rolle spielen.)

Attilius muss ihm melden, dass er die Brunnen sperren und das Wasser der Flotte rationieren lässt. Inzwischen haben Boten ein Bild vom Ausmaß der Wasserkatastrophe geliefert: Acht von neun Gemeinden haben kein Wasser mehr. Warum aber hat ausgerechnet Pompeji noch Wasser? (Das hat Attilius von einem Augur erfahren, der von dort gerade in Misenum eingetroffen ist.)

Um dies herauszufinden, erbittet Attlius als Beamter des Kaisers von Plinius ein schnelles Schiff. Es wird ihm gewährt, und Attilius ist am selben Tag noch in der vor 17 Jahren von einem Erdbeben zerstörten Stadt. Er staunt, wie rasch hier der Wiederaufbau vorangegangen ist, so dass sogar das Forum, der Marktplatz, fast wieder fertig ist. Woher kam das Geld dafür? Und warum lässt die Stadt frisches Wasser ins Meer laufen – gibt es hier denn Wasser im Überfluss?

|Pompeji|

23. August, noch ein Tag bis zum Ausbruch. Um die Unterstützung der Stadtverwaltung bei der Untersuchung und eventuellen Reparatur der Wasserleitung zu erhalten, sucht Attilius die zwei zuständigen Magistrate auf. Er findet sie in der Villa eines alten Bekannten: Ampliatus. Die Stadtväter sind keineswegs geneigt, Attilius ihre Unterstützung zu gewähren, denn sie glauben seinen Theorien von drohendem Unheil nicht.

Es ist vielmehr Ampliatus, der ihm zwölf Arbeiter anbietet, gegen einen kleinen Gefallen, versteht sich. Attilius ist jedoch ein wirklich ehrenwerter Mann, der sich rundweg weigert, irgendeine Gegenleistung zu gewähren – er hat das Recht, die zwölf Sklaven zu requirieren. Ampliatus ist nicht amüsiert. Gegen ehrenwerte Männer gibt es für ihn nur ein Mittel: einen Dolch in den Rücken.

Während Attilius allmählich gegen Ampliatus und seinen Vorgänger Exomnius einen schweren Verdacht hegt, begegnet ihm Corelia erneut, die heute noch besser aussieht. Kein Wunder, denn sie trägt nur eine leichte Tunika fürs Schwimmen. Selbst als er noch in der gleichen Nacht mit den Sklaven und einigen Ochsengespannen die Hänge des Vulkans erklimmt, geht sie ihm nicht aus dem Kopf.

Corelia ist wütend darüber, dass ihr Vater sie vor Attilius wegsperren will, schleicht sich in den Garten und belauscht den Mordauftrag, den ihr Vater erteilt. Sie stibitzt wichtige Dokumente und macht sich noch am Abend auf den Weg, Attilius zu warnen. Eine junge Frau, die ganz alleine auf einem Pferd durch die Wildnis am Fuße des Berges reitet – ein gefährliches Vorhaben. Doch sie hat ihr Schicksal an das des jungen Wasserbaumeisters geknüpft. Sie will keinen alten Knacker heiraten, der sie unter Verschluss hält, sondern wünscht sich eine Zukunft als freie Frau eines jungen, aufstrebenden Mannes.

Ihnen beiden bleiben nur noch wenige Stunden bis zum Ausbruch des Vesuv, der zwei volle Tage dauern wird. Werden sie der Apokalypse entgehen? Oder wird man sie zweitausend Jahre später als versteinerte Mumien aus der Asche des Vulkans graben?

_Mein Eindruck_

Insgesamt ist „Pompeji“ eine rundum gelungene Kombination aus Krimi, historischem Drama und Katastrophenthriller. Harris, Autor von historischen Thrillern wie „Enigma“ und „Vaterland“, hat saubere Arbeit geleistet.

|Der Krimi|

Ein Mann ist verschwunden, und zwar nicht bloß irgendein Mann, sondern der Wasserbaumeister der wichtigsten Wasserleitung für Kampanien. Sein eilig herbeigeholter Nachfolger Attilius muss sich daher nicht nur mit den Problemen des Alltags eines Wasserbaumeister beschäftigen, sondern muss dringend dieses Verschwinden aufklären. Schließlich könnte er der Nächste sein. War es ein Verbrechen, so hat jemand Exomnius umgebracht oder entführt. War es ein Unfall, so könnte Attilius die gleiche Gefahr drohen. In beiden Fällen liegt es in seinem ureigensten Interesse, den Fall schnellstens aufzukleren.

Doch so etwas wie eine Wasserpolizei gibt es offenbar ebenso wenig wie eine normale städtische Polizei, die für Attilius ermitteln könnte. Er muss sich selbst darum kümmern und begibt sich in die verrufensten Viertel von Pompeji, dorthin, wo man bis heute die Graffiti für Gladiatoren und einschlägigen Werbesprüche für Bordelle und Huren finden kann.

Und tatsächlich wird er fündig: Doch in Exomnius Zimmer fehlt etwas, ein Kästchen mit Dokumenten. Es sind die Dokumente, die Corelia ihrem Vater stibitzt, um sie Attilius zu bringen. Dadurch stößt er auf ein lange Jahre praktiziertes Verbrechen, das Exomnius zu einem reichen Mann gemacht haben muss. Doch wo befindet sich sein beiseite geschafftes Vermögen? (Banken wurden erst im Mittelalter erfunden.)

Kaum hat Attilius diese Erkenntnisse erhalten, sieht er sich an den Hängen des Vulkans verfolgt. Es ist Ampliatus‘ Auftragskiller.

Obwohl der grundlegende Drama-Plot zwischen Attilius und Corelia recht einfach aufgebaut ist, trifft dies für den Krimiteil nicht zu. Attilus‘ Ermittlungen mögen vielleicht nicht so kompliziert und wendungsreich sein wie die in Romanen von Patricia Cornwell oder Michael Connelly, doch sie müssen mit Sachverstand und einem Gespür für Menschen geführt werden, um erfolgreich zu sein. Wenn es auch nicht Attilius ist, der Exomnius‘ Schatz findet, so deckt er doch das Verbrechen auf.

|Der Katastrophen-Thriller|

Andere Dokumente, die Corelia ihm bringt, beschäftigen sich mit Vulkanismus. Dazu zählen bekanntlich sehr viele Phänomene: Gase, Fumarolen, heiße Tümpel, Krater, Auswurf aller Art. Exomnius war Sizilier und kannte sich mit den Phänomenen an den Hängen des Ätna aus. Wusste er, worauf die verstärkte unteridische Tätigkeit des Berges Vesuv hindeutete? Diese Fragen stellt sich Attilius selbst noch am Morgen direkt vor dem Ausbruch. Dann findet er die traurige Wahrheit heraus …

Der Leser oder Hörer fragt sich natürlich die ganze Zeit, warum erstens die Dokumente des Exomnius so wichtig sind und zweitens, warum niemand sonst in Kampanien die Vorzeichen für den bevorstehenden Ausbruchs des Vulkans richtig zu deuten vermag. Offensichtlich verhält es sich so, dass der Vulkan Vesuv seit Jahrhunderten nicht mehr ausgebrochen ist und das Wissen über Vulkanologie verloren gegangen ist – außer in Gegenden wie Sizilien, wo Vulkanausbrüche praktisch an der Tagesordnung sind.

Wenn Plinius & Co. registrieren, wie der Wein im Glas zittert, so führen sie dies entweder auf Wind, Götter oder ein entferntes Erdbeben zurück. Da 17 Jahre zuvor Pompeji durch ein Beben verwüstet wurde, ist das eine nahe liegende Erklärung. Der Naturforscher Plinius ist daher vom Ausbruch des Vesuv, als er erfolgt, nicht so sehr überrascht, dass er handlungsunfähig wäre. Vielmehr ist er in der Lage, Befehle zum koordinierten Einsatz von Kriegsschiffen zu geben, die den bald zu erwartenden Opfern Hilfe bringen sollen, so etwa zwecks Evakuierung.

Es ist ein erstaunlicher Effekt, wenn Plinius am Vulkan vorbeischippert und dabei seinem Sekretär diktiert, was er beobachtet: Sein geradezu klinischer Blick beschreibt eine aufsteigende Rauch- und Aschewolke, die ungeheuer hoch in den Himmel ragt. Bisher dachten Gelehrte, der von den Göttern bewohnte Himmel begönne ungefähr drei, andere meinten elf Kilometer (in Stadien gemessen) über der Erde. Aber diese ungeheure Wolke scheint diese Theorien zu widerlegen. Plinius‘ detaillierte Beschreibung führt dazu, dass solche Vulkanausbrüche noch heute „plinianisch“ genannt werden.

Richtig bizarr wird es dann, als Plinius‘ Galeere von einem Regen von Bimsstein zuerst zugedeckt und dann gestoppt wird. Da die gesamte Wasseroberfläche von leicht schwimmendem Bimsstein meterhoch bedeckt ist, gibt es kein Vorwärtskommen mehr. Steine regnen tonnenweise und stundenlang aufs Schiffsdeck, unter dem Besatzung und Passagiere Zuflucht gesucht haben. Das Ende der Welt scheint nicht nur nahe zu sein – es ist bereits angebrochen.

Als Attilus von der Küste nach Pompeji marschiert, um Corelia zu suchen, wandert er durch eine Albtraumlandschaft, die es mit jeder jemals ersonnenen Version der Hölle aufnehmen kann. Doch Pompejis Schicksal ist noch nicht besiegelt …

|Das historische Drama|

Ich bin vor etlichen Jahren einmal stundenlang durch die Ruinen von Pompeji gegangen: das gewaltige Forum mit den Säulen des zentralen Tempels, die kleinen Häuser der umliegenden Viertel, die mit bunten, kostbaren Wandfresken ausgemalten Villen (z. B. die „Villa der Mysterien“) – all dies beherbergte einstmals Menschen und viele andere Lebewesen. Die unter der heißen Asche zu Stein erstarrten „Mumien“ stammen nicht nur von Bürgern, sondern auch von Hunden und anderen Haustieren. Es sind tausende solcher „Mumien“ gefunden worden. Und das nur in einer der neun Städte am Fuße des Vulkans.

Dem Autor gelingt es, ein vielschichtiges Bild des damaligen Vesuvgebietes mit Leben zu füllen. Dies ist aber kein statischer Querschnitt, sondern verfügt über eine historische Tiefe. Viele Entwicklungen haben dazu geführt, dass Attilius diese Gegend so blühend vorfindet und vor allem in Pompeji auf einen Überfluss an Wasser stößt. Offenbar blüht hier nicht nur der Oleander, sondern auch das Verbrechen. Vielleicht ein frühe Form der neapolitanischen Camorra? Ampliatus ist der Pate der Stadt, und zwar in mehr als nur einer Hinsicht.

Für die Reichtümer, die die Adeligen in ihren Villa angesammelt haben, steht stellvertretend die Villa Calpurnia des Senators Cascus. Als Plinius seine Schiffe ausschickt, weiß er um die kulturellen Schätze, die hier in Gefahr sind, vernichtet zu werden. Die Villa ist Aufenthaltsort zahlreicher Philosophen, und der Senator hat aus Griechenland sämtliche 120 (!) Dramen des Sophokles herbeigeschafft. Alles verloren. Von den Dramen sind uns heute nur eine Handvoll überliefert.

Der Autor hat jede seiner Hauptfiguren mit Leben gefüllt: mit Zielen, Motiven, Erinnerungen, Wünschen und Ängsten, so dass aus dem historischen Roman durch das Aufeinandertreffen dieser Figuren ein Drama wird. Dies ist der eigentliche Motor der Handlung. Und dadurch stellt uns der Roman auch auf einer menschlichen Ebene zufrieden. Krimi und Katastrophen – das ist schön und gut, würde aber nur für oberflächliche Unterhaltung ohne Bedeutung für uns reichen. Erst das Drama hat Bedeutung, denn es behandelt Themen, mit denen wir uns noch heute identifizieren können: Liebe, Furcht und Schrecken, auch Tragik und möglicherweise sogar Heldentum.

|Humor|

Wie könnte ein Katastrophenthriller auf irgendeine Weise humorvoll sein, mag sich der Leser bzw. Hörer fragen. „Es gibt nichts Lukrativeres als Besitz in Pompeji“, sagt Ampliatus an einer Stelle. Allerdings gibt es bestimmte Einschränkungen, wie er erfahren muss. So etwas nennt man tragische Ironie.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erweist sich als überaus kompetenter Sprecher des Textes. Zwischen jedem Kapitel macht er eine deutliche Pause, so dass der Hörer nie im Zweifel ist, wo die eine Szene aufhört und die nächste anfängt. Dies ist umso notwendiger, als die Erzählung im Verlauf der Handlung auf vier Handlungsstränge aufgeteilt wird: Attilius, Corelia, Ampliatus, Plinius. Sie finden erst im letzten Drittel wieder zusammen.

Auch Tarrachs Vortrag selbst lässt nichts an Verständlichkeit zu wünschen übrig. Corelias Stimme ist deutlich wegen ihrer etwas höheren Stimmlage zu identifizieren. Plinius sticht mit seiner kurzatmigen, etwas heiseren Stimme ebenfalls deutlich heraus.

Nur bei Attilius und Ampliatus muss man ein wenig aufpassen. Doch der Letztere verrät sich durch einen etwas hinterlistigen öligen Tonfall als Ganove: der „Pate“ von Pompeji. Attilius hingegen ist stets der dynamische und von seiner Mission voll überzeugte, aufrechte Beamte des Kaisers, der es nie nötig hat, sich zu verstellen. Sein autoritäres Auftreten gegenüber dem reichen Ampliatus lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Es gibt aber eine gespenstische Szene, in der wir an Attilius selbst zu zweifeln wagen. Sie findet auf dem Gipfel des noch nicht ausgebrochenen Vulkans statt, und der Beamte stolpert durch eine Wüstenei von Schlacke und Asche. In einem der kleinen Krater hat sich ein Tümpel giftigen Gases – vermutlich Kohlenmonoxid – gebildet, und Attilius bekommt die Auswirkungen am eigenen Leib zu spüren. Sein Geist wird verwirrt, als das Gift seine Wahrnehmung beeinträchtigt. Noch unheimlicher fühlt er sich, als er über eine Leiche stolpert. Dieser Szenerie der Unterwelt und des Todes wird schließlich die Krone aufgesetzt, als der Mörder auftaucht, den Ampliatus auf Attilius angesetzt hat …

_Unterm Strich_

Der Autor hatte mit „Vaterland“ und „Enigma“ große Erfolge, doch sein dritter Roman „Aurora“ („Archangel“) ging bei uns ein wenig unter. „Pompeji“ hingegen könnte man keinen größeren Erfolg wünschen, als es ohnehin schon hat. Es ist ein auf drei Ebenen hervorragend funktionierender Roman und stellt jeden Leser zufrieden: Krimi, Katastrophenthriller und menschliches Drama.

Das Hörbuch kann eine rundum gelungene Lesung von Jürgen Tarrach vorweisen, die mir sehr gut gefallen hat. Sein Stimmumfang ist zwar begrenzt, doch für die Charakterisierung der vier Hauptfiguren reicht es allemal. Wenn sich |Random House/Bertelsmann| einmal zu einer Senkung seiner Hörbuchpreise entschließen könnte, so wäre dies ein weiterer Grund, das Hörbuch zu kaufen. Andere Verlage wie |Lübbe| können das ja auch.

|Umfang: 430 Minuten auf 6 CDs
Übersetzt von Christel Wiemken|

Lumley, Brian – Necroscope 2 – Vampirblut

„Vampirblut“, das ist der zweite Teil von Brian Lumleys Mammut-Vampirsaga „Necroscope“. Während im ersten Teil, [„Das Erwachen“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 hauptsächlich Figuren und Settings eingeführt wurden, geht in „Vampirblut“ nun endlich die Handlung los. Zunächst werden die Erzählungen der beiden Gegenspieler wieder aufgegriffen. Da wäre auf der einen Seite der Engländer Harry Keogh. Er selbst bezeichnet sich als Necroscope – als jemand, der mit den Toten reden kann. Da er weltweit offensichtlich der einzige Lebende mit dieser Gabe ist, sind die Toten geradezu wild darauf, mit ihm zu reden. Sie bezeichnen ihn als Freund und versuchen, ihm in schwierigen Situationen zu helfen. Demgegenüber steht der für den russischen Geheimdienst arbeitende Nekromant Boris Dragosani. Seit seiner Kindheit hat er einen außergewöhnlichen Mentor, nämlich den in seinem rumänischen Grab gefangenen Vampir Thibor Ferenczy. Dessen Weltübernahmepläne fangen langsam an auf seinen Schützling abzufärben, sodass Dragosani beschließt, seinen Vorgesetzten Borowitz aus dem Weg zu räumen, um das sowjetische E-Dezernat (eine geheime Einrichtung zur Spionage mittels übersinnlicher Fähigkeiten) selbst zu übernehmen.

Während im ersten Band die Geschichten um Keogh und Dragosani noch nebeneinander herliefen und keine Berührungspunkte aufwiesen, so wird dieser Makel in „Vampirblut“ mehr als behoben. Lumley flicht nämlich ein kompliziertes Netz von Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den englischen und sowjetischen Geheimdiensten und gibt der gerade startenden Handlung damit Pepp und Potenzial. Keogh beschließt, seinen Stiefvater Viktor Shukshin zu töten, der für den Tod von Harrys Mutter verantwortlich ist. Um diesen Mord nach seinen Wünschen ausführen zu können, trainiert er hart und wird während seiner Vorbereitung vom englischen E-Dezernat kontaktiert. Dessen Chef, Keenan Gormley, möchte Harry anwerben, da dessen Fähigkeiten einzigartig und herausragend sind.

Doch nun fängt der sowjetische Geheimdienst an dazwischenzufunken. Dragosani und sein neuer Partner Max Batu werden nach England geschickt. Sie sollen ebenfalls Shukshin elegant um die Ecke bringen, da es sich bei ihm um einen getürmten sowjetischen Spion handelt. Bei dieser Aktion stoßen sie allerdings unfreiwillig mit Harry Keogh zusammen, der somit die Aufmerksamkeit des sowjetischen E-Dezernats auf sich zieht. Als Dragosani dann auch noch Gormley beseitigen lässt, fühlt sich Harry persönlich beleidigt und beschließt, etwas gegen die sowjetischen Angriffe zu unternehmen …

„Vampirblut“ bietet für jeden etwas. Liebhaber von Spionage-Romanen werden hier geeignetes Lesefutter finden. Lumley verwebt englischen und sowjetischen Geheimdienst auf interessante Weise und die Beziehungen und Animositäten zwischen beiden werden in den zukünftigen Bänden sicher noch anwachsen. Mit der Idee des E-Dezernats gibt er den Geheimdiensten einen übersinnlichen Touch, um seine Figuren exotischer und abwechslungsreicher gestalten zu können.

Auch Fans des klassischen Horrors kommen auf ihre Kosten. In „Das Erwachen“ war von Vampiren ja noch nicht viel zu sehen, doch das ändert sich hier schlagartig. Thibor Ferenczy wird als Charakter weiter ausgebaut und Dragosani trifft auf einen rumänischen Vampirexperten, der Licht auf die Unklarheiten wirft, die der erste Band aufgeworfen hat. Lumley gelingt es, einen völlig entromantisierten Vampir zu präsentieren, indem er Vampirismus zu einer medizinischen Pathologie macht. Der Vampir selbst ist ein Parasit, ein ekliges Ding, das in seinem Wirt Eier legt und daraufhin im menschlichen Körper komplett neue innere Organe ausbildet. Diese Vorstellung ist gewöhnungsbedürftig, aber gleichzeitig originell. Vor allem führt sie auch dazu, dass man Thibor als Charakter kaum einschätzen kann. Lügt er Dragosani ständig an? Oder hat er vor, seine Versprechen zu halten?

Der dritte große Themenkomplex, der in „Das Erwachen“ ebenfalls nur angedeutet wurde, sind Mathematik und Physik. Harry scheint ein besonderes Interesse für Formeln und Zahlen zu besitzen und so macht er sich auf zum Grab des Mathematikers Möbius, um von ihm das Teleportieren zu lernen. Wie man dies mit Zahlen und Schleifen erreichen kann, wird zwar irgendwie erklärt, der Sinn hinter diesen Ausführungen wird den meisten Lesern aber sicherlich verborgen bleiben. Für Mathe-Analphabethen sind diese Passagen von „Vampirblut“ unverständlich und damit langatmig. Sie bringen die ansonsten spannende und zügige Handlung zu einem Stillstand und führen zu einigen Hängern in der Story.

Doch trotzdem kann man sich von „Vampirblut“ gut unterhalten lassen. Lumleys Erzählung gewinnt im zweiten Teil auffallend an Fahrt und Komplexität, was Hör-Spannung garantiert und für zukünftige Bände hoffen lässt. Natürlich verdankt das Hörbuch auch dem Sprecher Helmut Krauss, dass es beim Hörer den beabsichtigten Grusel erzeugt. Krauss ist unter anderem als deutsche Stimme von Marlon Brando bekannt und seine maskuline und selbstbewusste Stimme gibt dem Text andere Akzente als es sein Vorgänger in „Das Erwachen“ tat (dort sprach Joachim Kerzel). Gerade Thibor Ferenczy ist hier eher ein zweideutiger Charakter denn ein geradliniger Bösewicht. Auf die markanten und beunruhigenden Ausrufe Thibors („Ahhhhhh, Dragosaaaaani!“), die Joachim Kerzel im ersten Teil mit Spaß auf den Silberling brachte, hofft man hier allerdings vergebens. Ebenfalls trägt die Musik von Andy Matern zur Atmosphäre bei, der ein Thema auf immer wieder neue Weise variiert. Gut gelungen!

„Vampirblut“ ist der eigentliche Anfang der Serie um Harry Keogh, denn erst hier setzt die Handlung richtig ein. Die Story ist flott erzählt (der Roman wurde für die Hörbuchfassung leicht gekürzt) und endet mit einem echten Paukenschlag, der sofort Lust macht, sich den dritten Band vorzunehmen.

Stein, Leonhard / Long, Amelia Reynolds – HR Giger\’s Vampirric 2 – Der Vampyr / Der Untote

In der zweiten Folge von HR Giger´s Vampirric finden sich die Vampir-Geschichten: „Der Vampyr“ von Leonhard Stein und „Der Untote“ von Amelia Reynolds Long. Beide Storys liest Helmut Krauss. Die Vorworte spricht wieder HR Giger. (Mehr zum Herausgeber am Schluss.)

_Autor #1_

HR GIGER über DER VAMPYR: „Zwischen 1918 und 1920 erschienen einige Erzählungen eines gewissen Leonhard Stein. Niemand weiß bis heute, wer dieser Autor war, vielleicht war der Name sogar ein Pseudonym, wer weiß. Auf jeden Fall werden Sie seine Geschichte über ein recht seltsames Arbeitsverhältnis nie vergessen, da bin ich mir sicher!“

_Handlung von „Der Vampyr“_

Den Anfang macht mit „Der Vampyr“ eine fast schon kafkaeske Horrorgeschichte, die sich auch als Parabel auf die Arbeitswelten der modernen Zivilisation lesen lässt.

Die Hauptfigur ist Herr Samassa, ein „schöner Mann“ und Genussmensch, der in der Anwaltskanzlei Dr. Herzfeld arbeitet. Er plant, demnächst die schöne Klara Gärtner zu ehelichen und eine Familie zu gründen. Privat wie beruflich dürfte ihm der Erfolg sicher sein.

Doch es soll anders kommen. Er lehnt die Annäherungsversuche der neuen Tippse ab, ist sie doch viel zu unansehnlich, schlecht gekleidet und verhärmt: ein Inbild des Misserfolgs. Zu seinem Verdruss muss er feststellen, dass sie in die Wohnung neben seiner eingezogen ist. Wie kann sie sich die denn leisten? Sie hat rotes Haar und betörende grüne Augen, die ihn, als sie im Nachthemd auftritt, in Versuchung führen. In einem Alptraum, so kommt’s ihm vor, saugt sie ihm das Blut aus den Adern. Er fühlt seltsamerweise keinen Schmerz, nur eine „tiefe Ermattung“. Schlaf und ein gutes Steak bringen Erhohlung, doch fortan wiederholt sich das nächtliche Phänomen.

Während die Tippse schön und proper gedeiht, verblasst ihr Wirt zusehends. Vergeblich bittet er um Entlassung des Vampirs, wird aber abschlägig beschieden. Nach einem Zusammenbruch bei Klara wird er ins Hospital eingeliefert. Er sieht nur einen Ausweg aus der Misere: Kurz vor seiner Hochzeit mit Klara quartiert er sie zwischen seiner Wohnung und der des Vampirs ein. Nachdem Klara den Löffel abgegeben hat, ist Samassa wieder an der Reihe. In dem Kollegen Iglseder findet er einen würdigen Nachfolger für die arme Klara.

Doch der Strom der Opfer, die er dem Vampir zuführen muss, um selbst überleben zu können, reißt nicht ab und nimmt Formen an, die eines Jack the Ripper würdig wären. Bevor er von der Polizei gestellt wird, sieht er nur noch einen Ausweg: Der Vampir muss dran glauben. Doch wie tötet man einen Unsterblichen?

_Mein Eindruck_

Der Vampir in Gestalt der hexenhaft gezeichneten Frau ist das genaue Gegenteil der wohlanständigen Heiratskandidatin Klara Gärtner, nämlich das Inbild hemmungsloser Lust und Sinnlichkeit. Diese Lust kennt jedoch keine Grenze, als wäre sie ein Traumbild. Vielmehr ist ihr Hunger unersättlich und erfordert immer neue Opfer. Bis schließlich nichts mehr ausreicht, will der Träumer Samassa nicht seine körperliche Existenz vollends verlieren. Ergo muss der Vampir sterben. Dass Samassa einen Teil von sich tötet, dürfte klar sein. Die Folgen sind dementsprechend.

Ein Hörer hat die Geschichte als Reflektion der modernen Zivilisation und ihrer Arbeitsverhältnisse interpretiert. Ein Marxist und Sozialtheoretiker könnte dies tun, würde aber dabei die psychoanalytischen Erkenntnisse eines gewissen Sigmund Freud sowie von dessen Schüler C. G. Jung außer Acht lassen. Der bekannte Wiener Arzt hat ja gerade solche Traumbilder und Extreme ebenso untersucht, wie Jung Archetypen postuliert hat. Eine rothaarige, grünäugige Frau von verlockender Sinnlichkeit und unersättlichem Blutdurst dürfte sämtliche Klischees furchterfüllter Männer mit Kastrationsangst befriedigen. So kommt man dem Kern der Sache schon näher, wie mir scheint. Und ein bajuwarisch-austriakischer Name wie Iglseder verlegt den Schauplatz sehr wahrscheinlich in die gleiche Großstadt, in der Freud wirkte: Wien.

Ähnlich wie „Der Golem“ von Gustav Meyrink oder die Romane „Nachts unter der steinernen Brücke“ und „Zwischen neun und neun“ von Leo Perutz baut die Geschichte sorgfältig ein Spannungsfeld auf zwischen Alltag und Normalität einerseits und nächtlichem Irrsinn andererseits auf. Dass diese Entwicklung in eine Katastrophe münden muss, erscheint folgerichtig. Sie spiegelt die Katastrophe des 1. Weltkriegs wider, der den Untergang der alten Monarchien zur Folge hatte.

|Zweite Story: Amelia Reynolds Long: „Der Untote“|

_Autorin #2:_

Über das Leben und Werk der Autorin Amelia Reynolds Long ist mir nichts bekannt. Ihre Geschichte folgt klassischen Mustern englischer Spukgeschichten.

HR GIGER über DER UNTOTE: „Während der Arbeit an Vampirric habe ich viel über das Thema Vampire nachgedacht – und über Blut. Ich erinnere mich an eine merkwürdige Vision während einer Autofahrt durch Zürich …“

_Handlung von „Der Untote“_

Henry Thorne erzählt seinem Besucher (und Ich-Erzähler) Michael, der der „Gesellschaft für psychologische Forschung“ angehört, zunächst von seinem verstorbenen Halbbruder, dem Baronet James Thorne, dann von seinem zurückgezogen in einem Turm des Herrenhauses lebenden Bruder George Thorne. Henry selbst hat ein nervöses Leiden, das er kuriert zu haben wünscht. Er fühle sich nämlich bedroht vom Schatten einer großen Fledermaus, von der ihm träume.

Dem Manne kann geholfen werden, denkt Michael. Er erwacht eines Nachts, erblickt auf dem Gang eine Gestalt, die in einen Lederumhang gehüllt ist und eine Laterne trägt. Vor allem ihr weißes Gesicht verstört Michael und er folgt der Gestalt, die in der Bibliothek verschwindet. Doch gleich nebenan liegt Sir Henrys Schlafzimmer. Dort beugt sich das Schattenwesen über den Schlafenden, doch Michaels Eintreten verscheucht es.

Anderntags werden zwei Tote in der Umgebung gefunden: ein Irrer und ein Junge. Handelt es sich um Opfer eines Vampirs? Michael schwant nichts Gutes und stellt dem nächtlichen Eindringling eine Falle.

_Mein Eindruck_

Die Zutaten der Kurzgeschichte von Amelia Reynolds Long sind derart klassisch, dass die Geschichte abläuft, als handle es sich um ein Uhrwerk. Allzu vorhersehbar sind die nächsten Ereignisse, als dass sie dem Kenner noch einen Anreiz bieten würden, neugierig das Ende zu erwarten. Es gibt keinerlei Überraschungen für den, der zwei und zwei zusammenzählen kann und nicht auf fünf kommt.

Selbst Helmut Krauss mit seiner charismatischen Stimme kann nicht viel mehr aus der Geschichte herausholen. Giger selbst, der Herausgeber, trägt nichts Erhellendes oder Reizvolles bei, denn seine Einleitung ist irrelevant.

_Der Sprecher_

Helmut Krauss ist seit Jahrzehnten ein vielbeschäftigter Schauspieler. In Filmen schenkt er Marlon Brando und Samuel L. Jackson seine sonore, beeindruckende Stimme.

Helmut Krauss erweist sich als wahres Stimmwunder, wenn er nicht nur Stimmungen und Atmosphäre in seine rauchigen, getragenen Vortrag legt, sondern er erweckt tatsächlich einen Charakter zum Leben, erschafft eine ganze Stadt um ihn herum und schickt ihm und den Hörer dann einen fleischgewordenen Alptraum hinzu.

_Unterm Strich_

„Der Vampyr“ ist eine ganz besondere Geschichte für alle Freunde älterer Horrorkunst, die noch ohne viel Blutvergießen auskam. Giger hat hier eine echte Perle ausgegraben.

Nicht ganz so überzeugend wie die [erste CD]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 der „Vampiric“-Reihe, ist das Hörbuch doch immer noch weit jenseits der allermeisten anderen Horror-Hörbuchproduktionen und auf alle Fälle ein Kauftipp. Mit der titelgebenden Geschichte hat Giger eine wahre Meistererzählung vor dem Vergessen bewahrt. Dass „Der Untote“ den äußerst positiven Gesamteindruck schmälert, fällt da eigentlich nicht weiter ins Gewicht.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband Giger´s Necronomicon. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit.

|Umfang: 78:32 Minuten auf 1 CD|

Moore, Christopher – Bibel nach Biff, Die

Der Untertitel des Hörbuches lautet „Die wilden Jugendjahre von Jesus, erzählt von seinem besten Freund“. Denn diese Zeit fehlt bekanntlich in den vier Evangelien, die die Kirche nicht verboten hat. Hatte Jesus vielleicht eine Freundin? Was hat er in seiner Pubertät angestellt? Biff, sein „bester Freund“, hat darüber einiges zu berichten. Man darf sich nicht davon verwirren lassen, dass er Jesus „Josh“ nennt. Und dass im Hörbuch etliche Kapitel des Buches unterdrückt wurden. Merke: Religion ist eine ernste Sache, vor allem dann, wenn’s lustig wird.

_Der Autor_

Christopher Moore, geboren 1957 in Toledo/Ohio, hatte angeblich eine „ganz normale Kindheit“ in der Vorstadt. Er jobbte für den Führerschein und andere Zwecke, danach begann er zu schreiben und wurde berühmt. So geht’s eben manchmal. Wie auch diverse andere Kritiker stecke ich ihn mit Douglas Adams und Terry Pratchett in eine Schublade, aber dort fühlt er sich nicht wohl. Immer wieder bricht er in andere Genres aus – na sowas! Moore lebt in Cambria, Kalifornien.

Empfehlenswerte Bücher (alle bei |Goldmann|):
Der kleine Dämonenberater
Der Lustmolch
Die Himmelskönigin

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder, 1950 in Berlin geboren, arbeitete laut Verlag als Schlagzeuger, Komponist, Texter, landete schließlich 1985 mit „Erna kommt“ einen „Hit“. Nach der Schauspielschule trat er am Schiller-Theater in Berlin auf. Es folgte Kabarett, so etwa 1985 bis 1988 im „Kom(m)ödchen“ in Düsseldorf. Er produzierte u. a. „Samstag nacht“ und Frank Elstners „April, April“. Am ehesten erinnert man sich wahrscheinlich an ihn – etwas peinlich berührt – als Moderator der Nackedei-Ratesendung „Tutti Frutti“ aus den Uranfängen von RTL. 1997 folgte sein Debüt als Regisseur. Auf Sat.1 moderiert er zur Zeit „Genial daneben – Die Comedy Arena“.

Die Ansage erfolgt durch Hans Peter Hallwachs.

_Handlung_

Schon als kleiner Steppke vertreibt sich Joshua – das ist die aramäische oder hebräische Form des griechischen „Jesus“ – die Zeit damit, Wunder zu wirken. Er spielt Eidechsen-Zermantschen. Erst macht er sie platt, dann erweckt er sie wieder zum Leben. Macht anscheinend Spaß. Joshuas Sandkastengefährte und Jugendfreunde ist unser Chronist Levi bar Alphäus, der von seiner Mutter auch „Biff“ gerufen wird. Das klingt wie die Kopfnüsse, die sie ihm ständig verpasst.

Joshua lebt bei Joseph und Maria, schon klar, aber Joseph von Nazareth ist natürlich nicht sein richtiger Vater – den kennt bloß Maria. Joshuas Halbgeschwister sind Mirjam und Jakobus. Als Joshua zehn ist, ereignet sich die Sache mit der Schlange. Die Kobra hat er aus der Wüste mitgebracht, sie heißt Sarah, und er sagt, die tut keinem weh. Sie sieht aber trotzdem gefährlich aus, wenn sie sich aufrichtet. Deshalb meinen alle anderen, sie sei ein Dämon. Alle außer einem Mädchen namens Maria Magdalena (= aus Magdala). Die blauäugige Tochter eines Schmieds ist die Vernünftigste von allen und widerlegt die Dämonentheorie. Fortan an sind Maggie, wie ein Freund sie nennen darf, Joshua und Biff die dicksten Freunde.

Das erweist sich auch als ziemlich nötig, um Joshua vor den Folgen des Unsinns, den er mit seinen Wunder bewirkt, zu bewahren. Bei der Beerdigung der Esther beispielsweise lässt er die Tote wiederauferstehen. Während die Einheimischen bestürzt sind, reagieren die Römer, die stets Menschenansammlungen überwachen, alarmiert. Die Tote lässt Joshua lieber erneut sterben, als noch mehr Ärger zu verursachen.

Natürlich dürfen auch Engel in der Jesus-Chronik nicht fehlen. Der Bote Gottes ist der „gefürchtete Raziel“. Doch leider stellt sich heraus, dass er nicht ganz auf dem Laufenden ist. Zu Mariä Verkündigung kommt er zehn Jahre zu spät. Wie peinlich. Doch nett, wie sie sind, versprechen ihm die drei Freunde, die Klappe zu halten.

Der erste Apostel ist nicht etwa Biff, sondern ein gewisser Bartolomäus, kurz Bart genannt. Da Bart ein zynischer Philosoph ist, lebt er auch wie ein Hund, d. h. auch unter Hunden, genau wie Diogenes. Die Zyniker bzw. Kyniker habe ihren Namen vom griechischen Wort für Hund: kynos. Bart bemüht sich, gewisse unappetitliche Fähigkeiten und Eigenheiten seiner Geistesverwandten anzunehmen. Schwamm drüber!

Während Joshua noch überlegt, ob er statt Steinmetz wie Biffs Vater doch lieber Messias werden möchte, erfährt er zu seiner Überraschung, dass seine liebe Maggie verlobt ist. Und zwar ausgerechnet mit dem größten Rüpel von Nazareth, Yakan bar Iban. Dieser Bursche wird ihn noch sein ganzes, kurzes Leben lang verfolgen. Yakans Vater ist, wie später der Sohn, einer der Pharisäer, die für die Auslegung der alttestamentarischen Gebote Gottes zuständig sind. Wenn diese Gebote auch reichlich bizarr sein können, so werden sie doch streng überwacht. Es ist leicht, sie zu übertreten, und davon macht Joshua später ausgiebig Gebrauch.

Schon wieder tritt dieser lästige Raziel auf. Er gebietet Joshua, nichts mit Maggie anzufangen, sondern fortan keusch zu leben, in die Welt hinauszugehen und sein Schicksal zu suchen. Joshua kommt erst 17 Jahre später zurück in seine Heimat, doch was er erlebt hat, darüber erfahren wir im Hörbuch nichts (nur im Buch).

Jedenfalls fängt der Ärger jetzt erst richtig an. Es beginnt damit, dass Joshua Johannes den Täufer aufsuchen soll. Schon wieder ein Befehl seines Vaters. Nein, nicht von Joseph – der ist schon zwei Monate tot. Der andere. Biff und später Maggie bemühen sich redlich, Joshua von seinem Selbstmordtrip abzubringen. Meint der doch tatsächlich, er werde am Passahfest in Jerusalem einziehen und dann von den Pharisäern eingelocht werden, um am Kreuz zu enden. Was für eine fixe Idee!

Doch wenn alle Stricke reißen, haben Biff und Maggie immer noch einen Plan in petto. Biff beschließt, seinen suizidalen Freund zu vergiften, um ihn zu retten …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch gibt das Buch nicht wieder. Wie in den Kommentaren auf Amazon.de und anderswo nachzulesen ist, fehlt die Rahmengeschichte, die erklären würde, wie Biff überhaupt zum Chronisten von Jesu Leben wurde. Außerdem werden die 17 Jahre, die im Hörbuch übergangen werden, doch mit ein paar Begebenheiten gefüllt, so etwa mit der Reise zu den drei Weisen aus dem Morgenlande und zu einem gewissen Onan.

Es hilft aber nichts zu jammern, wenn es gilt, das Hörbuch als eigenständiges und abgeschlossenes Produkt zu bewerten. Da es sich um eine Satire handelt, ist klar, dass hier zahlreiche Verstöße gegen die orthodoxen Auffassungen von dem, was in der Bibel steht, zu finden sind. Allein schon Maria Magdalena. Die „Ehebrecherin“ – eine Bezeichnung, die man sich seinerzeit für so ziemlich jeden Fehltritt zuziehen konnte – ist hier eine sehr vernünftige und liebe Anhängerin Joshuas. Dass sie zugleich eine freundschaftliche Liebesbeziehung zu Biff pflegt, liegt daran, dass sie mit Joshua keinen Sex haben darf. Von wegen göttlichem Gebot und so. Sie lebt zeitweise wie mit Jules und Jim zusammen.

Aber auch Joshua erscheint uns nun in ganz anderem Licht. Er hat Humor, wenn er nicht gerade ein Wunder wirkt und die Bergpredigt schreiben lässt. Sein „dunkler Drang“ verleitet ihn dazu, ständig gegen die jüdischen Gesetze zu verstoßen und die Pharisäer zu provozieren. Er erscheint schon bald als der Selbstmordkandidat par excellence. Vielleicht weil er dem Teufel in der Wüste begegnet ist? Wohl nicht. Schon eher hat ihm sein richtiger Vater diese fixe Idee, sich zu opfern, eingepflanzt. Ironischerweise tritt Jahwe (oder Jehova oder wie man das sonst schreibt) nur ein einziges Mal auf, nämlich, als Johannes der Täufer Joshua untertaucht. Gerade als Jahwe sein Wohlgefallen ausspricht, hört dies Joshua natürlich nicht, was ihn maßlos ärgert und uns maßlos belustigt.

Kurz und gut: Moores Satire räumt mit einigen Legenden und Interpretationen der vier überlieferten, legalen Evangelien auf, die für die bibelfesten TV-Evangelisten sozusagen in Stein gemeißelt sind. Was jedoch die Amerikaner zur Weißglut treibt, ruft bei uns eher ein müdes Schulterzucken hervor. Nur ein Aspekt amüsiert uns, und das ist der gleiche, wie er in „Leben des Brian“ ausgebeutet wird. Dass es endlich ein paar halbwegs lustige Erklärungen gibt dafür, wie bizarr es seinerzeit in Judäa, Galiläa und den sonstigen römisch besetzten Gebieten zuging.

Ansonsten bleibt Moore mit seinem bodenständigen Yankeehumor ziemlich auf dem Teppich: Auf Golgatha schreit keiner „Vater, vergib ihnen!“, sondern es geschieht ein Mord. Von den ach so tollen Aposteln – das griechische Worte bedeutet lediglich, dass sie eine Nachricht verbreiten – bleibt ebenfalls wenig Heiliges übrig. Es sind übrigens fünfzehn, nicht zwölf. Der apokryphe Bartolomäus gehört natürlich dazu. Und als Zyniker hat er die Narrenkappe auf und stets einen kessen Spruch auf der Lippe. Kein Problem für Joshua.

Schade nur, dass das Hörbuch so kurz ist und am Schluss relativ abrupt endet. Ein kleines Glossar wird schmerzlich vermisst, das dem Hörer erklärt, was denn unter „Mazze“ (ungesäuertes Brot) und „Mikwe“ zu verstehen ist. Vielleicht gibt es das nur im Buch.

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder entledigt sich seiner Aufgabe mit der Routine des langjährigen Entertainers und Conferenciers. Leider liest er viel zu schnell für meinen Geschmack. So überhört wahrscheinlich jeder den Witz über die „Trockenpflaumerei“ Was das sein soll? Ganz einfach: Frigidität. Ähnliche Beispiele ließen sich massenhaft anführen.

Warum Balder jetzt auch Hörbücher aufnimmt? Wer weiß, vielleicht hat er ja von den Honoraren gehört, die ein Rufus Beck verlangen kann. Beck hat seine eigene Hörbuchedition bei |Hörbuch Hamburg|. Allerdings verfügt Beck über eine ungleich längere Liste von Werken, die er „vertont“ hat und über weitaus mehr Stimmen und Klangfarben, die ihm zur Verfügung stehen. Im Vergleich dazu ist Balder ein Zwerg, aber jeder Zwerg hat ja mal klein angefangen, nicht wahr?

Die einzigen Stücke der Stimmakrobatik, zu denen sich Balder hinreißen lässt, sind zum einen die Witwe des Zebedäus, die als Mutter der Apostel Johannes und Jakobus einen Platz im Himmelreich für die beiden fordert. Diese Witwe hat ein kreischendes Organ, dass es einem die Socken auszieht und den letzten Nerv raubt. Und zum anderen macht Balder einen Marktschreier und einen Geldwechsler täuschend echt nach – wenn es bei uns noch Marktschreier und Geldwechsler gäbe. Gäbe es ein Remake von „Leben des Brian“, so müsste Balder unbedingt diese Nebenrollen synchronisieren.

_Unterm Strich_

Die Geschichte von Joshua, Biff und Maggie ist stellenweise durchaus witzig und hat auch ihre spannenden Momente, wenn es dem Autor gelingt, die Figuren von ihrer religiösen Patina zu befreien und zum Leben zu erwecken. Dann kann sich der Hörer Szenen einer Handlung vorstellen, wie er sie sonst nur aus Monty Pythons „Leben des Brian“ kennt. Sie sind vor allem eines: respektlos. Das trägt erheblich zum Unterhaltungswert der Geschichte bei.

Aber „Bibel nach Biff“ belässt es nicht bei der Klamotte à la Monty Python, sondern untersucht auch elementare Lehren wie etwa die der „Bergpredigt“. Beim Verfassen dieser Rede, die bei keinem der legalisierten Evangelisten fehlen darf, erscheinen uns Biff und Joshua wie zwei Krämerseelen, die sich als Redakteure betätigen, wenn sie neue Ge- oder Verbote aufstellen, so etwa für das beliebte Verbrechen des Ehebruchs. Das nenne ich respektlos. Auch ein Homosexueller ist unter den Aposteln, natürlich undercover: ein gewisser Johannes.Und Maggie ist natürlich keine Hure, sondern ein sehr vernünftiges und liebes Frauenzimmer. Außerdem liebt sie Joshua, was ihr einen Bonuspunkt einbringt.

Was die Hörbuchfassung vom Buch übrig lässt, ist vielleicht nicht berauschend, aber doch annehmbar, wenn man sie alleine betrachtet. Der Sprecher Balder erledigt einen nicht so wahnsinnig tollen Job, was vor allem daran liegt, dass er viel zu schnell vorliest. Man könne dagegenhalten, dass eine Komödie immer schnell sein muss, aber das halte ich für Unsinn. So aber gehen viele Witze einfach unter. Sehr unterhaltsam sind hingegen seine stimmlichen Karikaturen. Leider sind sie viel zu selten. Zum Niveau eines Rufus Beck reicht eben noch nicht.

|Umfang: 280 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: Lamb: The gospel according to Biff, Christ’s childhood pal, 2002|

Lumley, Brian – Necroscope 2 – Vampirblut

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich und die Konfrontation ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung unheimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. 1981 beendete er seine Militär-Karriere. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine ersten Veröffentlichungen standen ganz unter dem Einfluss von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. 1986 schuf Brian Lumley mit seiner Vampir-Saga „Necroscope“ eine der erfolgreichsten Horror-Serien der Welt. Alleine in den USA haben sich seine Bücher weit über 2 Millionen Mal verkauft. So wie Brian Lumley den Vampir darstellt, hat es noch kein Autor zuvor gewagt. Mittlerweile hat Brian Lumley mehr als 50 Bücher veröffentlicht und schreibt fleißig weiter. Er und seine Frau Barbara Ann leben in Devon, England. (Verlagsinfo)

|Der Autor über sein Buch|

„Ich begann das erste Buch im März 1984. Ich hatte mir schon lange gewünscht, einen eigenen Vampir-Roman zu schreiben, irgendwann nach der Lektüre von Mathesons „Ich bin eine Legende“ (I am legend; verfilmt mit Charlton Heston) – und das ist schon Ewigkeiten her. Ich wollte jedoch Vampire darstellen, die etwas mehr tun, als bloß Blut zu saugen. Sie sollten ihre eigene Historie haben, eine Abstammung, und es musste einen verdammt guten Grund geben, warum sie noch nicht die ganze Welt beherrschen.“ (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

_Das Hörbuch_

Auf dem Rücken jeder CD-Hülle sind Informationen zu Autor, Sprecher und Musiker abgedruckt sowie die Tracklist. Alle sieben CD-Hüllen stecken in einem dunkelroten Schuber, der selbstredend ebenfalls Infos trägt, darunter ein Zitat von Hans Ruedi Giger: „Ich liebe Lumleys deftige Fantasie“. Geschenkt.

Regie führte wieder Lars Peter Lueg von LPL records (www.lpl.de). Die Musik und Tontechnik sowie den Schnitt besorgte Andy Matern. Er hat maßgeblich an dem Hörbuch [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=524 mitgearbeitet, das 2003 den |Deutschen Phantastik Preis| erhielt (www.andymatern.de).

Der Buchtext wurde von Frank Festa (www.Festa-Verlag.de) bearbeitet und gekürzt. Dennoch ist das Hörbuch noch neun Stunden lang, inklusive der Pausenfüllermusik.

_Handlung_

Im [ersten Band]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 der Vampirsaga „Necroscope“ haben wir bereits Boris Dragosani als eine der beiden Hauptfiguren kennen gelernt. Er ist im ESP-Dezernat (ESP: übersinnliche Wahrnehmung) von Gregor Borowitz für die Interessen des sowjetischen Geheimdienstes tätig. Seine Tätigkeit ist ebenso speziell wie grausig: Er ist ein Totenhorcher in dem Sinne, dass er frisch getöteten Opfern den Körper öffnet und dann daraus liest – eine perverse Art von Augur. Auf diese Weise zapft er die Erinnerungen der Opfer an. (Wie das im Einzelnen funktionieren soll, ist mir allerdings schleierhaft, wie so vieles in der Serie.) Sein Chef bezeichnet ihn als „Nekromant“, was gar nicht so verkehrt ist. Man denke etwa an Chiromantie, die Kunst des aus der Hand Lesens.

Dragosani hat in Transsylvanien die intime Bekanntschaft eines Wesens gemacht, das er als einen Vampyr und „alten Drachen“ bezeichnet. Durch einen über sechzig Jahre alten Vampirforscher namens Ladislau Gireski erfährt er mehr über Vampyri. Gireski erfuhr während der Bombenangriffe, die während des 2. Weltkriegs auf die Ölstadt Ploesti in Südrumänien geflogen wurden, von der Existenz dieser seltsamen Rasse von Wesen.

Gireski wohnte dem Sterben eines 500 Jahre alten Vampirs namens Fetor Fernczy bei, der unter den Trümmern eines ausgebombten Hauses sein Leben verlor. Interessanterweise sind Vampyri Symbionten: Ein Fremdwesen, der eigentliche Vampir, hat sich in einem normalen Menschen eingenistet, seine Physis ebenso verändert wie sein Leben verlängert. Im Falle des drohenden Todes seines Wirtes versucht der Vampir wieder zu entkommen, während das Fleisch seines Wirtes rapide verfällt. (Ob Vampire vom Titan oder Mars kommen, ist noch nicht ganz klar.)

Wie höchst interessant, findet Dragosani. Das bedeutet, dass jeder Mensch zum Vampyr (gemacht) werden kann. Er erfährt auch, dass Fetor Ferenczy zwei Söhne hatte: Tibor und Janosch, beide haben angeblich das Zeitliche gesegnet. Doch das Wesen, mit dem Boris schon Bekanntschaft gemacht hat, ist offenbar Tibor – man hat bei seiner Bestattung vergessen, ihn zu köpfen.

Boris bringt ihm Blutnahrung, woraufhin das bislang substanzlose Ding einen Tropfen seiner Essenz, ein Ei, auf Dragosanis Nacken fallen lässt. Als er es wegwischen will, ist es bereits in ihn eingedrungen und breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Schon nach kurzer Zeit registrieren Dragosanis Mitarbeiter die typischen Symptome eines Vampirs: lange Zähne, ebenso verlängerter Schädel, bleiche Haut und erhöhte Lichtempfindlichkeit.

All dies geschieht während des Frühjahrs und des Sommers 1976. Im Dezember schickt Borowitz seinen Nekromanten auf einen Killereinsatz nach England: Er und sein Kollege Max Batu sollen den Chef der ESP-Abteilung des britischen Geheimdienstes, Sir Keenan Gormley, töten. Außerdem sollen sie herausfinden, warum britische Atom-U-Boote für sowjetische Überwacher-Telepathen unsichtbar sind.

|Harry Keoghs Fehde und Aufstieg|

Frühjahr/Sommer 1976: Der britische Totenhorcher oder „Nekroskop“ Harry Keogh hat im ersten Band den Mörder seiner Mutter, Viktor Schukschin, ermittelt und nahe Edinburgh gefunden. Er besucht ihn und übergibt ihm eine Warnung in Form des Ringes seiner Mutter, ein Indiz für das Verbrechen. Schukschin, der gerade Borowitz seine Mitarbeit angeboten hat, ist entsprechend erschüttert. Er hasst alle ESP-ler, warum, wird (noch) nicht erklärt.

Harry wiederum erhält in seinen Träumen ernste Warnungen von seiner verstorbenen Mutter – er kann ja mit den Toten kommunizieren, und sie ist ein Medium. Sie warnt ihn vor Schukschins Reaktion und vor weiteren Agenten, die es auf Harrys ungeborenes Kind, das Brenda empfangen hat, abgesehen haben könnten.

Sir Keenan Gormley ist von Harrys ehemaligen Schuldirektor informiert worden. Er besucht Harry und bittet ihn um Mitarbeit in seiner Geheimdienstabteilung. Es herrscht Kalter Krieg und Harrys Beitrag könnte sich als wertvoll erweisen.

Für Harry ist es das erste Mal, dass jemand seine wahren Fähigkeiten ihm gegenüber zur Sprache bringt und nutzen will. Entsprechend verängstigt reagiert er, stellt sich unwissend und abweisend. Als diese Nummer nicht zieht, erbittet er sich Bedenkzeit, bis er seine Fehde gegen Schukschin abgeschlossen hat. Die Warnung seiner Mutter veranlasst ihn im Dezember, Brenda schleunigst zu heiraten und Gormley ebenfalls sein Ja-Wort zu geben.

|Killerwinter in Moskau|

In Moskau spitzen sich die Ereignisse zu. Werden der Vampyr Dragosani, sein Killer Batu, der Vampyr Tibor und der Nekroskop Harry Keogh erstmals in einem Duell der ESP-ler aufeinandertreffen? Eines steht schon mal fest: Die Dimensionen dieses Duells werden übermenschlich sein.

_Mein Eindruck_

Die Handlung dieses zweiten Bandes ist in vielerlei Hinsicht zufrieden stellender als die des ersten. Auf dem Debütroman liegt die Bürde, die Hauptfiguren vorzustellen und aufeinander zuzuführen. Im zweiten Band wird diese Bewegung vollendet, denn hier findet die finale Konfrontation zwischen Harry Keogh und Boris Dragosani statt. Auf einer höheren Ebene geht es in dieser Schlacht um die Vorherrschaft in der Welt des ESP-Einsatzes, und zwar nicht nur im Rahmen des Kalten Krieges.

|Der schwarze Ritter|

Aber die Schlacht wäre ziemlich spannungslos, wenn wir von vornherein wüssten, wie stark die Kontrahenten sind. Beide entwickeln sich aber zum Glück um wesentliche Bestandteile ihres Arsenals von „Talenten“ weiter. Hinsichtlich Dragosanis besteht ja der Sinn seiner häufigen Besuche in Transsylvanien darin, sich die Geheimnisse und Fähigkeiten eines unsterblichen Vampyrs anzueignen, um seinen Chef Gregor Borowitz vom Thron der ESP-Welt zu stürzen und sich an seiner Stelle zum König der sowjetischen ESP-ler-Zentrale auf Schloss Bronizy zu machen. Es ist spannend und mitunter bizarr zu verfolgen, wie dem rücksichtslosen Nekromanten dies gelingt.

|Der weiße Ritter|

Dragosanis Markenzeichen ist der skrupellose Machtmissbrauch, er geht buchstäblich über Leichen – um sie dann zu verhören. Er versagt darin nur ein einziges Mal … Sein genaues Gegenteil ist Harry Keogh, der Nekroskop. Um die geistigen Inhalte Verstorbener zu erhalten, schlitzt er keine Körper auf, sondern bittet ausschließlich die Verstorbenen selbst darum. Diese können bereits mehrere hundert Jahre tot sein, wie der Fall eines Adligen aus dem 17. Jahrhundert belegt. Von diesem veröffentlicht er das „Tagebuch eines Lebemanns“, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eigeninteresse liegt Harry also nicht fern.

Harry ist darauf eingestellt, die Toten zu seinen Verbündeten zu machen. Dies wird sich bei dem Angriff auf Dragosanis Festung als entscheidender Vorteil erweisen. Doch nachdem ihn Lebende wie Sir Keenan Gormley mit wichtigem Rat versehen haben, wendet er sich der Entwicklung eigener Fähigkeiten zu. Für die Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung ist die Begegnung mit dem 1868 verstorbenen deutschen Mathematiker und Astronomen Möbius.

|Teleportation|

Noch heute ist dessen endlose und in sich verdrehte Möbiusschleife vielfach abgebildet zu sehen. Es geht um Dimensionen und das Durchschreiten von Türen in der Raumzeitdimension. Faktisch kommt dies dem Talent der Teleportation gleich. Grenzen sind für Harry fortan kein Hindernis mehr. In diesem „Möbius-Kontinuum“ begegnet Keogh mehreren Opfern von Dragosanis Spur der Verwüstung. Sie bitten Harry, sie zu rächen und steuern jeder ein Instrument zu Dragosanis Vernichtung bei. Mit diesen Attributen ausgestattet und mit mehreren Helfern an seiner Seite stellt Harry den klassischen weißen Ritter dar, der gegen den schwarzen antritt.

|Ironie|

Wieder einmal rächt sich für seinen Gegner, dass das absolut Böse keine Zweifel kennt oder zulässt. Es darf sich und seine Handlungsweise nicht hinterfragen, denn das würde belegen, dass es über ein Moralbewusstsein verfügt, mit dem es sich infrage stellen könnte. Spätestens der Vampir in Dragosani hat diese Ethikinstanz vernichtet. Das rächt sich bitter. Denn nun schlägt Dragosani auch die Warnung in den Wind, die ihm der bodenständige Mongole Max Batu auf den Weg gegeben hat: „Man kann die Toten nicht mit dem Bösen Blick verfluchen, denn sie sind bereits tot. Der Fluch fällt daher auf seinen Urheber zurück …“

|Für Harry und das liebe Vaterland|

Etwas naiv fand ich Lumleys Darstellung von Brendas Verhalten. Als die frisch angetraute Mutter von Harrys Sohn erfährt, dass ihr Mann Harry gedenkt, sich einer geheimnisvollen Abteilung des britischen Geheimdienstes anzuschließen, mäkelt sie keineswegs zickig herum, dass sie ja von nun an nur noch wenig von ihm haben werde. Und wer diese Finsterlinge denn überhaupt seien, ihr den Mann wegzunehmen? Oh nein, sie findet das voll in Ordnung, wünscht ihm viel Glück und opfert sich fürs liebe Vaterland. Jemand sollte der Lady ein Denkmal errichten und eine Flasche zwölf Jahre alten Glenmorangie schenken!

_Der Sprecher_

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie wohl Joachim Kerzel, der Sprecher von „Necroscope 1: Das Erwachen“ bestimmte Passagen gelesen hätte. Ich denke mal, er hätte bestimmte Figuren wie etwa den uralten Vampyr viel lustvoller dargestellt. „Aaaah! Bluuuut!“ Und der finale Abgang des Vampyrs wäre wesentlich dramatischer ausgefallen: „Du Naaaaarrrr!“ Nun ja, man muss es ja nicht gleich übertreiben.

|Keine Atempause, die Geschichte wird gemacht, es geht voran!|

Helmut Krauss macht relativ kurzen Prozess mit solchen dramatischen Höhepunkten, als gelte es, doch möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit zu sprechen. Von Runterleiern kann zwar nicht die Rede sein, aber die fehlenden Pausen zwischen den Szenenwechseln haben mich mehr als einmal verwirrt und aus dem Konzept gebracht. Nur zwischen den riesigen Kapiteln wurde Füllmusik eingefügt, so dass man ein wenig zum Verschnaufen kam.

|Die CDs|

Die CD-Wechsel sind ebenfalls mitten in einer Szene fällig, was von den anderen Verlagen meistens vermieden wird. Die Wirkung besteht darin, dass der Hörer gezwungen ist, sofort weiterzuhören, um das Ende der Szene noch zu erfahren. Ein raffinierter Trick der Regie oder ungeschickte Aufteilung? Ich neige eher dazu, das Erste anzunehmen. Jedenfalls ist jede CD 78 bis 78,5 Minuten lang, eingeteilt in 16 bis 17 Tracks. Die Aufnahmequalität ist unverändert hoch.

_Unterm Strich_

Nach einem schleppenden ersten Drittel, in dem es vor allem Dragosani um Informationsbeschaffung geht, verknüpfen sich die Handlungsstränge, und es kommt zu ersten Szenen, in denen Interessenskonflikte ausgetragen werden. Ich rede hier von Action, okay? Die Spannung steigt, als sich sowohl Dragosani als auch sein britischer Gegenspieler Harry Keogh neue Fähigkeiten aneignen können, mit völlig gegensätzlichen Methoden. Der Showdown nahe Moskau ist unausweichlich und dürfte alle actionhungrigen Vampirfans zufriedenstellen.

Wie sich aus der Zusammenfassung der Handlung ergibt, setzt dieser Band die Kenntnis der Handlung des ersten voraus. Neueinsteiger dürften hiermit nur wenig anzufangen wissen. Wer nicht in das – gekürzte – Hörbuch von „Necroscope 1“ investieren will (wenn es nicht bereits vergriffen ist), der sollte sich beim |Festa|-Verlag das Buch besorgen.

Der Sprecher Helmut Krauss konnte mich nicht so begeistern wie Joachim Kerzel, wenn er auch die gleiche sonore Stimme voll zur Geltung bringt. Mein Tipp: Bässe aufdrehen! Doch die Tatsache, dass keine Pausen zwischen den Szenen einen Wechsel andeuten, hat mich mehr als einmal verwirrt.

Andere Verlage agieren diesbezüglich rücksichtsvoller. Ein besonders positives Beispiel stellt Jürgen Tarrachs Lesung von Robert Harris‘ Roman „Pompeji“ dar. Obwohl die Szene ständig wechselt und oftmals ebenso die erlebende Hauptfigur, so verliert der Hörer doch nie den Faden. Bei „Vampirblut“ kann das schon mal vorkommen. Die Musik von Matern ist mir nicht in besonderer Erinnerung – ein Beleg, dass sie sich dezent im Hintergrund hält.

Fazit: Ein ausgezeichnetes Horror-Hörbuch für hohe Ansprüche, das zwar hier und da Kanten & Ecken aufweist, aber exzellent ausgestattet ist.

|Umfang: 548 Minuten auf 7 CDs|