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Charles Stross – Glashaus

Niemand hätte gedacht, dass »Accelerando« sich würde fortsetzen lassen.

Wer aber die Verlagsinformation so versteht – in ihr wird »Glashaus« als kongeniale Weiterführung bezeichnet -, der wird sich enttäuscht sehen. Dieser Roman ist mit »Accelerando« nicht stärker verwandt als mit Cory Doctorows »Backup« – er stützt sich nur auf das Fundament der posthumanen Gesellschaft, das Stross in »Accelerando« entwickelt. Die Zeit der Beschleunigung findet in Form einer Singularität in der menschlichen Gesellschaftsentwicklung Erwähnung und erwächst damit in Stross‘ Vision zu einer unumgänglichen Größe. In dem Sinne kann man »Glashaus« als Fortsetzung bezeichnen, nämlich insofern, als eine Beschleunigung vorangegangen sein muss und in ihrem Zuge die Erde zur Defragmentierung gefunden hat.

In welcher Verbindung steht der Roman mit Doctorows »Backup«? Ziemlich direkt: Auch bei Doctorow können die Menschen Backups ihres Zustandsvektors anlegen und sich im Falle des Todes aus diesen Daten rekonstruieren lassen. Allerdings führt Stross dieses Experiment konsequent fort, denn wo Datenspeicher benutzt werden, besteht auch die Möglichkeit der Veränderung und des Fälschens. »Identitätsklau«: im »Glashaus« das schwerwiegendste Verbrechen.

Der Protagonist, Robin, lebt in einer Nachkriegswelt, die sich für ihre Bewohner als unendlich darstellt. Ob es Weltraumhabitate oder planetare Gebäude sind, ist für sie nicht feststellbar, denn sie bewegen sich nur innerhalb dieser Sphären und überbrücken große Distanzen mit Toren, in denen sie aufgelöst, als Datenpaket verschickt und in einem anderen Tor neu synthetisiert werden. Dabei haben die Menschen die Möglichkeit, alte Erinnerungen löschen zu lassen. Robin scheint sein gesamtes früheres Leben gelöscht zu haben. Nun schließt er sich einem Experiment an, welches das Leben in der Zeit vor der Beschleunigung nachzuvollziehen versucht. Das heißt: keine Assembler, die jede Bestellung produzieren können, keine Backups und damit die Möglichkeit zum echten Tod, kein Zugriff auf das allgegenwärtige Netz.

Im Verlauf der Geschichte rücken immer wieder Erinnerungen an den Krieg in den Vordergrund und machen neugierig. Es sind nicht nur Hintergrundinformationen, aus denen sich diese Zukunft entwickelte, sondern sie haben ganz direkte Beziehungspunkte zur Geschichte. Robin entpuppt sich als Schläfer, der in das Experiment geschleust wurde, um die Machenschaften der als Forscher getarnten Terrorgruppe zu enthüllen. Hier geht es um ein Virus, das sich, über die Tore verbreitet, in die Backups der Menschen einnistet und gezielt Erinnerungen löschen kann.

Stross‘ besondere Stärke sind Charakterisierungen. Seine Protagonisten entwickeln sich sehr individuell weiter und werden zu lebenden Persönlichkeiten, die genau so und nicht anders handeln müssen. Dabei entwickelt gerade der Ich-Erzähler Robin zwei unterschiedliche Seiten, nämlich die der Frau Reeve, deren Handlungsweisen sehr gut einer Frau zugeordnet werden können und deren Stärken auf anderen Gebieten liegen als bei Robin, der männlichen Inkarnation des gleichen Selbst. Dieser Spagat zwischen den Geschlechtern ist faszinierend und von Stross in hoher Kunst dargestellt.

Der Kopf dieses Menschen muss förmlich bersten von abgedrehten Ideen. Jeder einzelne der Romane von Charles Stross ist ein Feuerwerk und nährt sich an Ideen, aus denen andere Autoren ganze Serien fabrizieren. »Glashaus« ist eine Studie menschlichen Verhaltens unter besonderen Bedingungen auf dem schillernden Boden übermenschlicher Fantasie. Wenn sich dem Leser zwischenzeitlich der Vergleich mit dem »Experiment« der Strugatzkis aufdrängt, wird doch schnell deutlich, dass sich hier ganz andere Beweggründe finden und dass ein solcher Vergleich nicht möglich ist. Die fast psychedelischen Aspekte am Strugazki-Roman finden in diesem streng reglementierten Kosmos keine Entsprechung. »Glashaus« ist ein eigenständiger, intelligenter Roman, der sehr deutlich die visionäre Kraft des Autors darstellt.

Originaltitel: Glasshouse
Übersetzt von Ursula Kiausch
Mit Fotos Illustrationen von Stephan Martinière
Taschenbuch, 496 Seiten

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Michael McCollum – Sternenfeuer (Gibraltar-Trilogie 1)

Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit die überlichtschnelle Raumfahrt entdeckt. Erste Erkundungsmissionen und Fehlschläge offenbaren, dass es nur wenige für die Besiedlung geeignete Welten gibt. Fremde Intelligenzen hat man bisher ebenfalls nicht entdeckt.

Das ändert sich, als der Erkundungskreuzer |Magellan| unvermittelt Zeuge einer Raumschlacht zwischen zwei Raumschiffen wird. Eines ihrer Beiboote wird zerstört, die |Magellan| ebenfalls in das Gefecht verwickelt. Es gelingt mit Mühe und Not, das kleine feindliche Kampfschiff zu zerstören. An Bord des ebenfalls schwer beschädigten größeren Alien-Raumschiffs findet man überraschenderweise die Leichen vieler verschiedener Rassen, kann aber nur einen Überlebenden bergen: den affenartigen Sar-Say.

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Richard Matheson – Ich bin Legende (I Am Legend)

Der letzte Mensch und die Teufel

Die Titelstory lieferte die literarische Vorlage für die aktuelle, dritte Verfilmung mit Will Smith in der Hauptrolle. Robert Neville lebt als letzter Mensch auf Erden in einer Welt voller Vampire. Nachts verbarrikadiert er sich in seinem zu einer Festung ausgebauten Haus in L.A., tagsüber durchstreift er das Land der lebenden Toten auf der Suche nach Nahrung und Waffen. Er sucht ein Heilmittel für die Vampire. Doch diese warten darauf, dass er einen Fehler macht …

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Jack Womack – Ambient (Dryco-Zyklus 3)

Miss Liberty mit dem Totenkopf

Seamus O’Malley ist der Leibwächter eines Konzernchefs, der mit seinem Vater abrechnen will. Seamus lässt sich in ein Attentatskomplott verwickeln, das aber anders als geplant ausgeht. Seine Flucht vor dem Seniorchef führt ihn durch ein Endzeit-New-York, in dem das Überleben eine Kunstform ist. „Ein amerikanisches ‚Clockwork Orange'“, ist dieser Science-Fiction-Roman untertitelt. Und wer dabei vor allem an Bilder aus Kubricks genialem Film denkt, liegt in Sachen Inhalt schon halbwegs richtig.

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John Scalzi – Geisterbrigaden

Die Kopie des Bewusstseins eines verräterischen Wissenschaftlers wird einem Menschenklon aufgeprägt. Der junge Mann wird außerdem als Soldat ausgebildet, denn ein Krieg mit bösen Aliens droht. Mitten im Kampfgetümmel droht der Verräter die Hirnherrschaft zu übernehmen … – Turbulentes SF-Spektakel mit politisch unkorrektem Unterton, das zwar nur Bekanntes präsentiert, aber trotzdem kurzweilig und ohne Anspruch auf literarischen ‚Wert‘ zu unterhalten vermag. John Scalzi – Geisterbrigaden weiterlesen

Jennifer Roberson – Dämonenkind (Cheysuli 1)

„Dämonenkind“ ist der erste Band einer Neuveröffentlichung des Cheysuli-Zyklus von Jennifer Roberson. Er enthält die ersten beiden Bände, die ursprünglich unter den Titeln „Wolfsmagie“ und „Das Lied von Homana“ veröffentlicht wurden. Die jeweiligen Bände wurden in dieser Fassung mit Teil 1 und Teil 2 bezeichnet.

Teil 1 erzählt vorwiegend von Alix: Alix ist frisch verliebt. Aber das hat sie ihrem Schwarm natürlich nicht verraten. Immerhin ist sie nur die Tochter eines Kleinpächters, und er ist ein Prinz und Thronerbe von Homana. Und bevor sich die unschuldige Schwärmerei zu etwas Ernsthaftem entwickeln kann, überstürzen sich die Ereignisse: Alix wird mitsamt ihrem Schwarm gekidnappt. Von Kriegern der Cheysuli. Und Alix muss nur zu bald erkennen, dass sie selbst nicht das ist, wofür sie sich immer hielt! Plötzlich ist sie ein wichtiges Glied in einer uralten Prophezeiung. Und sie muss sich entscheiden, zwischen zwei Welten … und zwischen zwei Männern.

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Brent Ghelfi – Russisches Abendmahl

Ghelfi Abendmahl Cover kleinDer Raub eines Gemäldes führt zum blutigen Krieg zwischen diversen Fraktionen der Moskauer Unterwelt. Koalitionen entstehen und zerbrechen, während Doppelspiele und Verrat die Zahl der Opfer sogar für russische Verhältnis bedenklich ansteigen lässt … – Spannend-lakonischer, an (manchmal etwas zu) detailliert geschilderter Gewalt nie sparender Thriller, der in einem Russland spielt, in dem der Kapitalismus mit krimineller Anarchie und der Missachtung sämtlicher Menschenrechte eine unheilige Dreifaltigkeit bildet.
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Marzi, Christoph – Fabula

Christoph Marzi macht es einem nicht leicht. Nachdem er mit seiner „Lycidas“-Reihe so grandios gestartet ist, entpuppte sich schon die Fortsetzung seines Jugendbuchromans [„Malfuria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3398 als Enttäuschung. Mit seinem neuesten Werk „Fabula“ knüpft er schon rein äußerlich an die „Lycidas“-Zeiten an und so hofft man als Leser zu Recht darauf, dass „Malfuria“ nur ein Ausrutscher war und Marzi sich mit „Fabula“ zurück auf sein anfängliches hohes Qualitätsniveau begibt.

„Fabula“ ist eine Art fantastisches Märchen, das in Schottland spielt. Colin Darcy lebt schon seit Jahren in London, lehrt an der London Business School und ist heilfroh darüber, Ravenscraig, seinem Elternhaus in den Rhinns of Galloway, entronnen zu sein. Vor allem an seine Mutter Helen Darcy hegt Colin keine allzu positiven Erinnerungen. Seinem jüngeren Bruder Danny geht es nicht anders. Ihn zog es sogar bis in die USA, wo er Karriere als Musiker macht.

Eigentlich ist Colin mit seinem Leben ganz zufrieden, als ihn eines Tages eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse aus seinen so geregelten Bahnen wirft. Zunächst stirbt sein Freund und Kollege Arthur Sedgwick unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall und dann erreicht ihn ein Anruf aus der alten Heimat: Seine Mutter ist verschwunden – und zwar kurz bevor sein Bruder Danny ebenfalls verschwand, der sich, aus Gründen, die Colin schleierhaft sind, in Ravenscraig aufhielt.

Colin bleibt nichts anderes übrig, als in seine alte Heimat zu reisen und herauszufinden, was den beiden zugestoßen ist. Und so ist er nach jahrelangem Verdrängen jetzt auch dazu gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen – und damit den Geschichten, die Helen Darcy ihren Kindern zu erzählen pflegte und die auf magische Weise immer wahr wurden …

Den Zutaten nach ist auch „Fabula“ eigentlich wieder ein typischer Marzi. Er sucht sich Elementen aus unterschiedlichsten Einflüsse, nimmt eine Prise keltische Mythologie, einen guten Schuss „1001 Nacht“, garniert das Ganze mit ein wenig klassischer Western-Atmosphäre und schmeckt es am Ende mit ein paar Rockmusik-Anleihen ab. Die Mischung ist in gewohnter Manier höchst eigenwillig und unterhaltsam. Dennoch muss auch „Fabula“ wieder ein wenig hinter dem Glanzstück [„Lycidas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1081 zurückstecken.

Da wäre zum einen die Figur des Colin Darcy. Kurz gesagt ist Colin Darcy ein Langweiler. Ein trockener Wirtschaftswissenschaftler, der nun wirklich nicht die Ausstrahlung eines Helden hat. Zwar mausert er sich im Laufe der Handlung und wächst in seine Rolle hinein, je mehr er sich darauf einlässt, sich an seine Vergangenheit zu erinnern, doch so ganz kann er halt nicht raus aus seiner Haut. Und so braucht das Buch, das am Anfang ja erst einmal nur Colin näher beleuchtet, seine Zeit, um in Fahrt zu kommen.

So wirklich interessant wird es also erst in dem Moment, als Colin in Schottland eintrifft und dort auch ganz unverhofft seine große Liebe von damals wiedersieht. Die wiederum ist als Figur wesentlich interessanter und geheimnisvoller. Liviana Lassandri ist ein Friedhofsmädchen, die Tochter eines Bestattungsunternehmers. Sie ist sympathisch und eigenwillig und verleiht der Handlung mit ihrem Auftauchen den nötigen Schwung, der bis dahin fehlt.

Dabei ist das Grundthema der Geschichte eigentlich ein ganz schönes, das Marzi sich bei „1001 Nacht“ ausgeliehen hat. Helen Darcy hat eine Begabung, mit der sie ihre Kinder immer wieder das Fürchten lehrt. Sie ist magisch begabt im Umgang mit Worten. Geschichten, die sie erzählt, werden auf magische Weise wahr. Die Geschichten erwachen zum Leben, und plötzlichen stecken ihre eigenen Kinder mittendrin in der Handlung einer Geschichte, die nicht selten einen schaurigen, furchtbaren Verlauf nimmt. Marzi gelingt es sehr gut dieses Element in die Geschichte einzufügen. Obwohl die Geschichte im Hier und Jetzt spielt, fügt sich die Fantasy-Komponente der Handlung stimmig in den Plot ein, und so kann die Romankomposition im Großen und Ganzen durchaus überzeugen.

Kommt die Geschichte erst einmal auf Touren, weiß Marzi den Leser ausgesprochen gut zu unterhalten. Nachdem sich die ersten gut 110 Seiten in wenig ziehen, kommt die Geschichte mit Colins Ortswechsel nach Schottland und den ersten aufkommenden Erinnerungen an die Geschichten seiner Mutter ganz gut in Fahrt. Zum Ende hin baut Marzi dann sogar noch richtig Spannung auf und strafft das Tempo der Erzählung. Und so kommt es dann, dass im Finale dann plötzlich alles sehr schnell geht. Die Auflösung ist zwar stimmig konstruiert, kommt aber eben auch sehr plötzlich. Die erzählerische Balance und das Gefühl für das Tempo und den Spannungsbogen hat Marzi in der wesentlich umfangreicheren „Lycidas“-Reihe einfach besser hinbekommen.

Dennoch ist „Fabula“ durchaus unterhaltsame Kost für Freunde der Urban Fantasy. Mag die Geschichte um die uralte Metropole auch um einiges besser sein – nachdem Marzi mit dem zweiten Teil von „Malfuria“ ein erschreckend schwaches Buch abgeliefert hat, ist hier doch schon wieder eine deutliche Steigerung der Qualität wahrzunehmen.

Bleibt als Fazit festzuhalten, dass „Lycidas“ zwar unerreicht bleibt, Marzi aber mit „Fabula“ dennoch einen durchaus unterhaltsamen Roman abgeliefert hat. Colin Darcy ist zwar nicht unbedingt ein Vorzeigeprotagonist, aber trotzdem weiß „Fabula“ den Leser zu unterhalten, nachdem der Plot erst einmal in Bewegung gekommen ist. Marzis Meisterwerk ist und bleibt aber die „Lycidas“-Reihe.

http://www.christophmarzi.de/
http://www.heyne.de

_Christoph Marzi auf |Buchwurm.info|:_

[„Lycidas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1081
[„Lilith“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2070
[„Lumen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3036
[„Malfuria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3398
[„Malfuria – Die Hüterin der Nebelsteine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4167

Kim Harrison – Blutspiel

Mit „Blutspur“ hat die Amerikanerin Kim Harrison den ersten Band ihrer Dark Fantasy-Reihe um die junge, freche Hexe Rachel Morgan vorgelegt. Der zweite Band, „Blutspiel“, soll die Reihe fortsetzen. Dabei begegnet man vielen bekannten Gesichtern, aber auch einigen neuen. Die Ausgangssituation ist nun allerdings eine andere. Während Rachel im ersten Band noch die Gejagte war und vor ihrem ehemaligen Boss flüchten musste, hat sie in „Blutspiel“ einen knallharten Kriminalfall zu lösen. Das ist Absicht, wie die Autorin im anhängenden Interview erklärt. Sie möchte jedem Buch eine eigene Atmosphäre verleihen, indem sie die Handlung derartig variiert. Ein guter Vorsatz, den man sich auch bei einigen anderen Autoren wünscht. Doch gelingt es der Amerikanerin auch in der Umsetzung ihrer Pläne zu begeistern?

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Robert Charles Wilson – Darwinia

Das geschieht:

Im März 1912 ereignet sich das „Wunder“: Der Kontinent Europa verliert sein bekanntes Gesicht. Während die Topografie erhalten bleibt und alle Flüsse oder Berge noch dort zu finden sind, wo man sie seit jeher kannte, verschwinden Tiere, Pflanzen und Menschen spurlos. Die Städte, Industrielandschaften oder Felder Europas werden ersetzt durch eine bizarre, außerirdische Wildnis, bevölkert von seltsamen, meist sechsbeinigen und in der Regel giftigen Kreaturen.

„Darwinia“ wird das neue Land genannt; ein halb spöttischer Versuch, jenes auf seine Weise völlig ausgewachsen aus dem Nichts entstandene Land zu begreifen, das Charles Darwins epochale, gerade erst halbwegs akzeptierte Lehre von der allmählichen Entstehung und evolutionären Veränderung der Arten Lügen zu strafen scheint. So ist denn auch der alte, halb wissenschaftliche, halb religiöse Streit zwischen den Darwinisten und den „Naochiten“, nach deren Überzeugung Darwinia wie einst die Welt überhaupt in einem einzigen Schöpfungsakt entstand und sich seither nicht mehr verändert hat, wieder aufgeflammt. Die Evolution wird bestritten, Fossilien gelten als göttliche Spielerei, und da die Naochiten nicht nur über eine kopfstarke Anhängerschar verfügen, sondern die Darwinisten fanatisch verfolgen, droht die Forschung auf ein totes Gleis zu geraten.

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Cory Doctorow – Backup



Ein langes Leben?
Ein langes gesundes Leben?
Ein langes gesundes Leben ohne Krankheit?
Ein langes gesundes Leben ohne Krankheit und Tod?
Ein endloses Leben.

Ein Leben aus dem Backup. Keine Gefahr für den Geist und die Seele, Mord sinnlos. Der Körper aus der Retorte mit allen Modifikationen, die man sich wünscht. Zum Beispiel an den Weltraum angepasst oder mit einem zweiten Kniegelenk für den eleganten Schritt oder dem Gesicht eines berühmten Schauspielers (dessen Gesicht wiederum nicht sein eigenes sein muss). Oder alles das – und viel mehr.

Und das Beste: Alles kostenlos! Jedenfalls auf den ersten Blick, denn man ist auf die Achtung seiner Mitmenschen angewiesen, und mit der Achtung steigen die eigenen Whopple-Punkte. Den Punktestand kann jeder Mensch anpingen und entscheiden, ob man es würdig ist, beachtet zu werden oder in welcher Suite eines Hotels man würdig ist zu übernachten oder welche Klonmodifikationen man sich leisten kann.

Das ist die Bitchun-Society. Man legt an entsprechenden Terminals in individuellen Abständen Backups seiner Persönlichkeit an, um im Falle des eigenen Ablebens mit einem möglichst aktuellen Erinnerungsstand wiederbelebt werden zu können. Natürlich kann man auch ältere Backups nutzen, um unangenehme Erfahrungen nicht nur aus dem Gedächtnis, sondern auch aus der Persönlichkeit zu streichen. Sehr praktisch, zum Beispiel wenn man ein Verbrechen begehen will und sich danach an nichts mehr erinnert …

Cory Doctorow sagt von sich selbst, er lebe im Internet. Und so gestaltet sich auch die Geschichte: Es begann als Revolution des Internets. Die Bitchun-Society, die Gesellschaft größten Glücks, entsteht und stürzt die alten Lehrstrukturen an den Universitäten. Das Internet findet in den Köpfen der Mitglieder statt, der Informationszugriff ist optimiert. Daraus entwickelt sich die scheinbar einzig gerechte Währung, die Whopple-Punkte gegenseitigen Respekts und Achtung, in der jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Chancen hat. Grundlage ist natürlich auch die Weiterentwicklung künstlicher Arbeitskräfte, so dass grundsätzlich jeder Mensch der Gesellschaft Zugriff auf alles Lebensnotwendige hat, und zwar in für unseres Verständnis luxuriösen Maßen. Es gibt Arbeiten, die weiterhin von Menschen erledigt werden müssen (wie Putzen oder kreative Programmierung), und die entsprechenden Menschen sammeln mit dieser Arbeit enorme Punkte.

Natürlich gibt es Feinde und Neider dieser Gesellschaft, aber sie hat ein schlagendes Argument: Ihre Gegner sterben aus, während ihre Mitglieder beliebig oft aus einem Backup neu erstellt werden können. Man kann sich trotz der perfekt sozialistisch anmutenden Idee der Whopple-Punkte ausmalen, dass es Betrugsmöglichkeiten in diesem System gibt. Und hinter den Kulissen ist alles viel komplizierter, als sich in wenigen Sätzen sagen lässt. Zentrales Thema des Romans ist zum Beispiel die Langeweile, die bei den fast unsterblichen Mitgliedern der Gesellschaft häufig aufkommt. Man hat schon alles erlebt, jedes Risiko genossen, jede Anstrengung vollbracht, jede Möglichkeit der Entspannung und des Nichtstuns genutzt – was kann einem dann das Leben noch bieten? Man lässt sich einfrieren, um vielleicht in hundert Jahren zu erwachen und etwas Neues zu erleben. Oder ein Computer wacht über die Ereignisse und weckt einen, wenn interessante Neuigkeiten greifbar sind. Oder man lässt sich auf unbestimmte Zeit einfrieren, sagen wir, bis zum Kollaps unseres Universums. Denn das bietet auf jeden Fall noch Unerlebtes.

Was aber passiert mit einem Menschen, der durch Fehlfunktionen seiner Implantate aus dem Netz fliegt? Normaler Weise kann er sich aus einem Backup neu erstellen lassen, aber wenn er die Erlebnisse seit dem Backup nicht vergessen will? Er wird zum Außenseiter, der keinen Zugriff mehr auf die sphärische Kommunikation seiner Mitmenschen hat, sondern auf die normale Sprache angewiesen ist. Dessen Whopple nicht mehr angepingt werden kann, der also völlig vom guten Willen seiner Mitmenschen abhängig ist. Und hinter dessen Rücken man eins-a intrigieren kann, ja, in dessen Beisein man an ihm vorbei kommunizieren und sich über ihn lustig und ihn betrügen kann.

»Backup« ist mit seinen 285 Seiten für heutige Verhältnisse ein erfrischend dünner Roman, dessen flotte Gangart seinem Thema entspricht und Lesevergnügen »in einem Rutsch« liefert. Er ist spritzig, witzig, tiefgründig – uneingeschränkt zu empfehlen.

Originaltitel: Down and out in the Magic Kingdom, 2003
287 Seiten
Aus dem US-Englischen von Michael K. Iwoleit

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

James Tiptree jr. – Beam uns nachhaus

Mission durch Fission: Die Welt wird bekehrt

Dieser zweite deutsche Tiptree-Band versammelt die ersten Geschichten der Autorin, die sie veröffentlichte und die in der SF-Gemeinde zwischen 1968 und 1971 für Furore sorgten. Zusammen mit dem Band „10.000 Lichtjahre von zuhaus“ (|Heyne| SF-Band 3462) erschienen die Geschichten unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von zuhaus“ später in der SF-Bibliothek des |Heyne|-Verlags.

Die Autorin

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Sabine Thiesler – Hexenkind

In einem einsamen Waldhäuschen wird Sarah Simonetti brutal ermordet. Ihre Kehle ist so tief durchgeschnitten, dass ihr Kopf fast abgetrennt wurde. Ihr Ehemann Romano ist erschüttert – wer könnte seine Frau ermordet haben? Schnell tauchen aber die ersten Verdachtsmomente auf, denn Sarah hatte einen jüngeren Liebhaber. Als dann die Polizei auch noch bemerkt, dass in der Küche der Trattoria, die die Familie Simonetti betreibt, das größte Messer fehlt, ist für den Chefermittler Donato Neri klar, dass Romano die Tat begangen hat. Kurzerhand nimmt er den Familienvater fest, der seinen behinderten Sohn Edi in der Obhut seiner Großeltern lassen muss und sich fortan in einer winzigen Zelle befindet, die von drei weiteren mutmaßlichen Mördern bewohnt wird.

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Dean Koontz – Irrsinn

Billy Wiles arbeitet als Barkeeper in einer Kneipe. Er ist ein ruhiger Mensch, der den Gästen lieber zuhört als selber erzählt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Holzschnitzereien. Sein Lebensmittelpunkt ist seine Freundin Barbara, die seit vier Jahren im Koma liegt und die er, so oft es geht, in der Klinik besucht, ohne große Hoffnung darauf, dass sie je wieder erwacht.

Eines Tages findet Billy einen Zettel an seiner Windschutzscheibe. Ein Unbekannter kündigt einen Mord an: Geht Billy zur Polizei und macht Meldung, wird eine ältere Frau sterben, geht er nicht, stirbt eine junge Lehrerin. Verunsichert fragt Billy einen befreundeten Polizisten um Rat, der die Nachricht für einen harmlosen Streich hält. Am nächsten Tag jedoch ändert er seine Meinung, denn tatsächlich wurde eine junge Lehrerin zu Tode gequält.

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Wolfgang Jeschke, Robert Silverberg – Titan-6

Mit Tweel durch die Wüsten des Mars

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 6 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Heinlein, Lester del Rey und Stanley G. Weinbaum und John W. Campbell gesammelt.

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Dan Simmons – Terror

Der Suche nach einer Nordwestpassage, die eine Seefahrt zwischen Europa und Asien entlang der Nordkante des nordamerikanischen Kontinents ermöglicht, hat Sir John Franklin sein Leben geweiht. Er sieht sich als kühnen Entdecker und Eroberer im Dienst des britischen Königreiches, nachdem er bereits mehrfach die polaren Regionen dieses Planeten erkundet hat. Franklin ist ein typisches Produkt seiner Epoche und seines Standes – ein Mann, der fest davon überzeugt ist, einer ‚besseren‘ Klasse Mensch anzugehören, deren Willen sich die Natur zu beugen hat.

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Jack Ketchum – Beutezeit

Drei junge Paare planen eine Urlaubswoche in einem abgelegenen Ferienhaus in Maine. Die taffe Carla ist schon früher angereist und richtet das Haus her. Sie erwartet ihren neuen Freund, den Schauspieler Jim, mit dem sie eine oberflächliche Beziehung führt, ihren Exfreund Nick, dem sie immer noch freundschaftlich verbunden ist, mit dessen neuer Flamme Laura sowie ihre ruhigere Schwester Marjie mit deren neuem Partner Dan. Trotz ihrer Verschiedenheit stehen sich die beiden Schwestern sehr nah.

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Philip Pullman – Der Goldene Kompass, Der (His Dark Materials 1)

Magier und Elfen sucht man in Philip Pullmans Trilogie |His Dark Materials|, die mit „Der Goldene Kompass“ ihren Anfang nimmt, vergebens. Trotzdem, oder gerade deswegen gehört das Buch zu den populärsten fantastischen Kinderbüchern der letzten Jahre, die durch den Erfolg von „Harry Potter“ ins Rampenlicht gerückt sind. Obwohl oft mit diesem verglichen, haben die Romane kaum etwas gemeinsam, davon einmal abgesehen, dass sie beide in England spielen und einen jugendlichen Hauptcharakter aufweisen. Während Rowlings Zauberlehrling nämlich an einer Magierschule aufwächst, die in die normale Welt der Gegenwart integriert ist, beginnt Pullmans Geschichte an einem Internat in Oxford – einem gewöhnlichen Handlungsschauplatz in einer alternativen Realität. Dies wird dem Leser aber erst allmählich klar, denn die Welt funktioniert nach ähnlichen, allerdings im Detail doch anderen Regeln. Und der vielleicht größte Unterscheid: Diese noch stark an die Wirklichkeit angelehnte Welt ist nicht die einzige, sondern eine von vielen, die Lyra, die Hauptfigur in diesem Buch, nach und nach erkundet.

Inhalt

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Jed Rubenfeld – Morddeutung

Rubenfeld Morddeutung Cover 2008 kleinDas geschieht:

Im August des Jahres 1909 empfangen die Psychoanalytiker Stratham Younger und Abraham Brill im Auftrag der Clark University in New York die europäischen Väter ihrer noch jungen Wissenschaft: Aus Wien besucht sie Sigmund Freud in Begleitung seiner Schüler Sándor Ferenczi und C. G. Jung. Der berühmte Analytiker wird von den wissenschaftlichen Kollegen, die ihn für einen Scharlatan halten, stark angefeindet. Die Einladung in die USA gab Freud die Gelegenheit, dem Streit für einige Zeit aus dem Weg zu gehen und sich unter freundliche Kollegen zu begeben.

Die gelehrte Männerrunde wird durch ein aktuelles Verbrechen herausgefordert. Ein brutaler Serienmörder überfällt junge Frauen hohen gesellschaftlichen Standes, foltert und erdrosselt sie mit einer Seidenkrawatte. Sein letztes Opfer, die 17-jährige Nora Acton, konnte durch Schreie rechtzeitig auf sich aufmerksam machen und wurde gerettet. Der Schock hat allerdings die Erinnerung an die Untat gelöscht. Younger, der selbst zur Highsociety gehört, kann dem Bürgermeister von New York, der persönlich die Ermittlungen in diesem delikaten Fall leitet, die Idee schmackhaft machen, Nora psychoanalytisch zu behandeln und so die Gedächtnisblockade zu lösen. Freud steht ihm beratend zur Seite. Jed Rubenfeld – Morddeutung weiterlesen

Kit Whitfield – Wolfsspur

Man weiß nicht so recht, in welche Schublade man Kit Whitfield mit ihrem Debütroman „Wolfsspur“ stecken soll, so viele verschiedene Genres verschmilzt sie zu einer einzigen Geschichte. Grob trifft es wohl der Begriff „Urban Fantasy“, auch wenn eine solche Kategorisierung gleichermaßen etwas ganz anders verspricht, als man bei Kit Whitfield erwarten sollte.

Ganz der reißerischen Titelgrafik entsprechend, geht es um Werwölfe. Doch wer deswegen nun spannende, actiongeladene Fantasy mit Gruselfaktor erwartet, der ist falsch gepolt. „Wolfsspur“ weist eine immense Tiefe auf, die man hinter einem so billig aufgemachten Buchdeckel niemals erwarten würde. Fantasy, Thriller, Liebesgeschichte, düstere Utopie und Sozialdrama – all diese Elemente verwebt Whitfield zu einer eigenwilligen und faszinierenden Geschichte.

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