Archiv der Kategorie: Belletristik

Reed, Kit – Körperkult

Jung, schlank, schön – das Idealbild des Menschen der oberflächlichen, modernen, globalisierten Gesellschaft. In gewisser Weise trifft das schon heute zu, wenngleich mehr im Seifenopern-Leben der TV-Landschaften als in der Realität. In besonderem Maße trifft es auf die Menschen in Kit Reeds visionären Zukunftsroman „Körperkult“ zu.

_Dein Körper ist ein Tempel!_

„Körperkult“ wirft einen Blick auf das Amerika der möglicherweise nicht mehr allzu fernen Zukunft. Die Religionen versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, sondern an Schönheit und Jugend. Der Körper ist der Tempel, in dem dieser neue Glaube zelebriert wird. Oberster Prediger der Glaubensgemeinschaft ist Reverend Earl Sharpnack – ein charismatischer Redner, der mit Fitnessclubs, Diätprodukten und Schlankheitskuren Milliarden scheffelt und sich ein gigantisches Imperium geschaffen hat.

Die Menschen eifern alle denselben Idealen nach: Schlank wollen sie sein, schön, gut gekleidet und auf ewig jung. Wer nicht in dieses Raster passt, wer von der Schönheitsnorm abweicht, bekommt die Folgen bitter zu spüren. Dicke werden in den Untergrund verbannt, Magersüchtige werden in geschlossenen Anstalten wieder auf Normgewicht gebracht, gut betuchte Übergewichtige erkaufen sich einen Platz in Sylphania, einem riesigen Wüstencamp, wo die Menschen gemeinschaftlich abnehmen und sich auf ein „Leben nach dem Fett“ vorbereiten.

Reed stellt in ihrem Roman mehrere Menschen vor, die ihre ganz eigenen Probleme mit dem aufgezwungenen Idealbild haben. Da wäre zum einen die 16-jährige Annie, die ihre Magersucht so lange geheim halten kann, bis ihre Eltern sie eines Tages erwischen. Da ihr Vater diese Schande möglichst schnell beseitigt sehen möchte, ruft er die „Guten Schwestern“ herbei, die Annie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in eines ihrer Klöstern bringen. Die Guten Schwestern sind ein obskurer Nonnenorden und Teil von Reverend Earls Imperium. Übergewichtige und Magersüchtige werden in ihren Einrichtungen weggesperrt, ohne Chance auf ein Entrinnen. Annies Geschwister, die Zwillinge Betz und Danny, sind nicht bereit das hinzunehmen und machen sich zusammen mit Annies Freund Dave auf die Suche nach dem Kloster, in dem Annie festgehalten wird.

Eine gänzlich andere und dennoch sehr ähnliche Geschichte erzählt Jeremy. Der reiche aber übergewichtige Geschäftsmann hat sich für viel Geld einen Platz in Sylphania erkauft, um dort abzuspecken. Als er dort ankommt, stellt er schon bald den erschreckenden Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit fest. Das Leben in dem Camp in der Wüste ist hart. Es gibt kaum etwas zu essen und Jeremy wird harte Arbeit abverlangt. Seine Aussichten auf eine „Erlösung im Leben nach dem Fett“ schmelzen schneller dahin als die Pfunde auf seinen Hüften. Unzufriedenheit macht sich breit. Und er ist nicht der Einzige, der mit der Zeit immer mehr das Bedürfnis hat, den falschen Propheten Earl Sharpnack von seinem Sockel zu reißen. Es formieren sich Kräfte, die einen Aufstand herbeiführen wollen …

_Globalisierte Seifenopernrealität_

Auf den ersten Blick scheint „Körperkult“ sich in eine Reihe mit Globalisierungssatiren wie [„Logoland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=96 von Max Barry stellen zu können. Die Thematik ist ähnlich. Es geht um die globalisierte Gesellschaft von morgen. Während „Logoland“ einen Schwerpunkt auf den Markenterror setzt, geht es bei „Körperkult“ um die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die auf Äußerlichkeiten mehr Wert legt als auf Persönlichkeit und Charakter. Eine gesellschaftliche Tendenz, die sich auch heute schon, geschürt durch die Scheinrealität des Fernsehens, erkennen lässt.

Reed skizziert vor diesem Hintergrund ein Szenario, das von der satirischen Überspitzung lebt. In vielen Aspekten unterscheidet sich die Welt von „Körperkult“ nicht großartig von unserer. Der Grad der Technisierung entspricht in etwa heutigem Standard, so dass Reeds Utopie in Teilbereichen durchaus bodenständig und zeitgemäß wirkt. Alle Dinge, die sich um Schönheit, Essverhalten und Alter drehen, wirken dagegen schon recht schräg.

Es herrscht ein aus heutiger Sicht absolut überzogenes Figur- und Fitnessbewusstsein vor. Fast-Food-Ketten gibt es zwar immer noch, aber dort sündigen kann natürlich nur, wer anschließend im Fitnessstudio Buße tut. Das sind für sich genommen noch die harmloseren Auswüchse von Reeds figurbewusster Gesellschaft und es gibt auch heute schon genug Menschen, deren Denkweise ähnlich (wenngleich weniger radikal als bei Reed) erscheint. Allein der Blick auf die Milchprodukte eines durchschnittlichen Kühlregals im Supermarkt suggeriert auch heutige schon ein Mantra, das ebenso gut von Reverend Earl stammen könnte: Fett ist böse! Selbst wenn es nur die 3,5 Prozent der Vollmilch sind. So unglaublich die Geschichte von „Körperkult“ auch zunächst klingen mag, so ganz unvorstellbar erscheint sie nicht.

Radikaler wird Reeds Utopie, wenn sie ihren Blick auf die Menschen richtet, die es nicht schaffen, die aufgezwungene Norm zu erfüllen. Die Klöster der „Guten Schwestern“, hermetisch abgeriegelt von der Gesellschaft, wirken wie ein Zwischending aus Gefängnis und Krankenhaus. Wer hier fliehen will, hat schlechte Karten und wird obendrein brutal bestraft – das bekommt auch Annie zu spüren.

Sylphania setzt dem noch eins drauf. Ein riesiges Camp mitten in der Wüste. Wer sich hier mit viel Geld einen Platz zum Abspecken sichert, haust in einem verrosteten Wohnwagen, wird wie ein Gefangener behandelt und hat nur geringe Aussichten, jemals davon erlöst zu werden. Wer hier nicht abspeckt, hat weder einen Chance auf Verbesserung seiner Situation noch auf Freiheit. Es gibt eine strengere Hierarchie, die Reverend Earl medienwirksam in seinen wöchentlichen TV-Shows in Szene setzt. Die, die es schaffen, von ihren überflüssigen Pfunden erlöst zu werden, werden zu so genannten Engeln befördert, ziehen in das fürstliche Clubhaus ein, genießen Hummer zum Frühstück und das von Reverend Earl stets propagierte „Leben nach dem Fett“. Sylphania ist in Erscheinungsbild und Organisation noch einen Tick radikaler als die Klöster der „Guten Schwestern“. Das Ganze erinnert an eine Mischung aus Internierungslager und „Big Brother“.

Das wirkt für sich betrachtet schon recht abgedreht, dennoch erschien mir Reeds Roman nicht ganz so bitterböse, wie es beispielsweise Max Barrys „Logoland“ ist. Die Grundidee überzeugt zwar durchaus, dennoch weiß Reed ihre Geschichte nicht ganz so gut zu verkaufen wie Max Barry. Letztendlich gibt es vier verschiedene Erzählstränge: die Suche der Zwillinge nach Annie, Annies Erlebnisse bei den „Guten Schwestern“, Jeremys Erlebnisse in Sylphania und die Suche von Annies Mutter nach ihrer Tochter. Gerade der zuletzt genannte Erzählstrang wirkt wenig überzeugend. Annies Mutter wird für den Leser nicht so recht greifbar. Sie bleibt ein wenig fremd und wie der Erzählstrang am Ende mit den übrigen verknüpft wird, erscheint schon ein wenig holprig.

Auch die eine oder andere Frage, die mehr oder weniger ungeklärt im Raum zurückbleibt, trübt am Ende ein wenig die Freude. Der bereits im Klappentext versprochene Aufstand tritt erst auf den letzten 50 der insgesamt 381 Seiten ein und verläuft weniger radikal als man von einer „bitterbösen Satire“ (Zitat Klappentext) eigentlich gerne erwarten möchte. Insgesamt bleibt das Ende, das Reed mit einigen offen in den Raum gestellten Fragen dem Leser allein überlässt, ein wenig schwammig und unbefriedigend.

Auch mit Blick auf die Erzähltechnik bleibt ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Reed wechselt nicht nur immer wieder die Handlungsebenen, sie wirkt auch in ihrem Erzählstil teils etwas sprunghaft. So tauchen unvermittelt immer wieder Passagen auf, die direkt an den Leser gerichtet sind und sich auch in der Anrede direkt an ihn wenden. So ganz stimmig mit dem übrigen Text wirkt das leider nicht immer. Auch der eingebaute Wechsel der Erzählperspektive im Jeremy-Erzählstrang überzeugt nicht wirklich. Alles, was der Leser über Jeremy erfährt, wird in Form seiner eigentlich in Sylphania verbotenen Tagebuchaufzeichnungen dokumentiert. Die sonst neutrale Erzählperspektive wechselt hier immer zu einem Ich-Erzähler. Als es dann allerdings auf den Showdown zugeht, wechselt auch dieser Erzählstrang in die neutrale Erzählperspektive, was etwas unglücklich wirkt.

Die Figurenzeichnung überzeugt mal mehr, mal weniger. Manche Figuren laden zum Mitfiebern ein, andere lassen einen weitestgehend kalt. Jeremy und Annie werden am eindringlichsten geschildert und hinterlassen auch den meisten Eindruck, während die Zwillinge und Dave schon etwas blasser bleiben. Annies Mutter dagegen wirkt etwas deplaziert und der ganze Erzählstrang um sie herum wie Füllwerk.

Der Spannungsbogen wird durch ständige Perspektivenwechsel bestimmt. Der Leser begleitet mal die eine Figur, dann wieder eine andere. Dabei schafft Reed es oft, den Leser neugierig darauf zu machen, wie es in den anderen Teilen der Handlung weitergeht. An manchen Stellen nutzt Reed aber auch die Perspektivenwechsel mit ihrem Potenzial zur Spannungssteigerung nicht aus. Die spannendsten Erzählstränge sind logischerweise die, die von ständigen Fluchtgedanken geprägt sind, wie es bei Jeremy und Annie der Fall ist. Besonders diese beiden Erzählstränge tragen im Wesentlichen die Spannung weiter, während die übrigen Handlungsteile nicht immer durchgängig spannend sind.

Alles in allem bleibt am Ende ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Die Grundidee der Geschichte, das Gesellschaftsbild, das Reed in ihrem Roman skizziert, wirkt absolut überzeugend und macht den Roman durchaus lesenswert. Die Art, wie Reed mit ihrem Bild des vom Schönheitswahn getriebenen Amerika auf satirische Art Denkanstöße zur heutigen Gesellschaft liefert, weiß durchaus zu überzeugen. Über ein paar Schönheitsfehler der Erzählung kann diese Tatsache allerdings nicht ganz hinwegtäuschen. Die Erzähltechnik wirkt manchmal ein erzwungen und auch die Balance zwischen den einzelnen Erzählebenen wirkt nicht immer solide. Eine Reihe unbeantworteter Fragen aus dem Handlungsverlauf geben ebenso zu denken wie das offene, unbefriedigende Ende.

Fazit: Nicht immer hundertprozentig schlüssig und erzählerisch souverän, aber schon aufgrund des entworfenen Szenarios dennoch lesenswert.

Clevenger, Craig – geniale Mister Fletcher, Der

Mr. Ripley war gestern – heute ist Mr. Fletcher. Oder Mr. MacIntyre. Oder Mr. Edward. Oder Mr. Bishop. John Vincent hatte schon viele Namen und behält keinen für lange Zeit. Rastlos wechselt der begnadete Fälscher von einer Identität zur nächsten. Wie eine moderne Antwort auf den „talentierten Mr. Ripley“ lebt John Vincent unter dem Deckmantel anderer Namen. Als er am Beginn des Romans mit einer Überdosis Tabletten im Magen und Drogen im Blut ins Krankenhaus gebracht wird, heißt er gerade Daniel Fletcher.

Und dieser Daniel Fletcher sitzt nun einem Psychiater gegenüber, der seinen Geisteszustand begutachten soll. Macht Fletcher seine Sache gut und überzeugt den Gutachter davon, mental und psychisch fit zu sein, spaziert er am Ende als freier Mann zur Tür hinaus. Vermasselt er seine Vorstellung, riskiert er, in der psychiatrischen Abteilung weggesperrt zu werden.

Fletcher ist gerissen, hochintelligent, eiskalt und geradezu brillant. Seinen Job als Fälscher hat er zu höchster Perfektion gebracht, doch im Gespräch mit dem Psychiater steht für Fletcher viel auf dem Spiel und das nagt an ihm. Es geht nicht nur um sein Leben, das er verständlicherweise nicht bis ans Ende seiner Tage zugedröhnt und ruhig gestellt in einer geschlossenen Anstalt verbringen will. Es geht auch um seine Freundin Keara, die Fletcher in Gefahr glaubt. Aber um sie retten zu können, muss er erst einmal den Psychiater davon überzeugen, dass er weder verrückt noch selbstmordgefährdet ist …

In den USA hat Craig Clevenger für seinen Debütroman „Der geniale Mister Fletcher“ viel Lob bekommen. Leonardo diCaprio hat sich bereits die Filmrechte gesichert. Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn schon bald wieder als Fälscher auf der Flucht über die Kinoleinwand hetzen, so wie schon in Steven Spielbergs Film „Catch me if you can“.

Vielversprechend scheint dieses Filmprojekt sich schon jetzt zu entwickeln und das hat vor allem zwei Gründe: Chuck Palahniuk, der Autor von „Fight Club“, der für Craig Clevengers Roman voll des Lobes ist (|“Bei Gott, das ist mit Abstand das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.“|), schreibt das Drehbuch. Und darüber hinaus ist das Buch wirklich sehr gut. Herrn Palahniuks Meinung möchte ich mich zwar nicht vorbehaltlos anschließen, dafür habe ich in den letzten Jahren einfach schon zu viele gute Bücher gelesen (unter anderem eben auch von Chuck Palahniuk), aber es ist definitiv ein Roman, für den all das Lob berechtigt ist.

Clevenger konzentriert sich in seiner Geschichte gänzlich auf die Hauptfigur. Andere Figuren agieren höchstens am Rand, im Mittelpunkt steht Daniel Fletcher, mit seiner Lebensgeschichte und mit Blick auf sein „Duell“ mit dem Psychiater. Mit Fletcher hat Clevenger einen Protagonisten, der so viel Aufmerksamkeit absolut verdient hat. Ein Typ, der bis auf die letzte Seite etwas Rätselhaftes behält, dessen Geschichte zu fesseln weiß, und dessen Lebensart so skurril und faszinierend wirkt wie der voll ausgebildete zweite Mittelfinger an seiner linken Hand.

Fletcher wollte als Kind Verrenkungskünstler im Zirkus werden. Als Erwachsener ist er genau das, nur auf etwas andere Art. Seine Verrenkungen vollzieht er, indem er immer wieder in andere Identitäten schlüpft. Clevenger erzählt die Lebensgeschichte dieses Verrenkungskünstlers und skizziert dabei ein faszinierendes Psychogramm. Fletcher ist absoluter Perfektionist, macht keine Fehler, ist stets Herr der Lage und hat alles im Blick, so dass er nie die Kontrolle verliert. Bis auf eine Ausnahme: Von Zeit zu Zeit plagen ihn Migräneanfälle, die so heftig sind, dass sie meistens mit einer Überdosis Schmerzmittel im Bauch in komatösem Zustand im Krankenwagen enden. Das ist Fletchers Schwachpunkt. Doch er weiß mittlerweile, wie er sich aus solchen Situationen, wenn seine Person mehr Aufmerksamkeit bekommt, als ihm lieb ist, herauswindet. Er ist geübt im Umgang mit Psychiatern, durchschaut das Frage-Antwort-Spiel. Dennoch lässt ihn die ausgiebige Begutachtung durch Dr. Carlisle ins Schwitzen kommen.

Immer wenn er mit einer Identität in den Mittelpunkt des Interesses von wem auch immer rückt, taucht er ab, macht sich unsichtbar und nimmt einen neuen Namen und ein neues Leben an. Dabei geht er geradezu detailbesessen vor. Er entwickelte eine komplexe Biographie, ohne Lücken, besorgt sich alle nötigen Papiere und lebt unauffällig. Unsichtbar zu sein, entspricht Fletchers Idealbild. Und diese Unsichtbarkeit betreibt er mit einer selten gesehenen Perfektion.

Aber ganz ohne Schwächen und Fehler kommt eben auch Daniel Fletcher nicht aus, und so zeigt Clevengers Roman letztendlich auch, wie winzige Fehler und Zugeständnisse an andere den Einzelgänger verwundbar machen. Es folgt eine Kettenreaktion von Ereignissen, die der Autor mit viel Liebe zum Detail darstellt. Eine Sache bedingt die nächste und Fletchers Lügengerüst gerät ins Wanken.

Doch Fletcher ist eiskalt berechnend und hochintelligent, und so darf der Leser staunend und fasziniert verfolgen, wie Fletcher versucht, die Dinge wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich aus seiner brenzligen Situation herauszuwinden. Die Auflösung ist dabei derart gewieft eingefädelt, dass man Clevenger nur zu so viel Erfindungsreichtum beglückwünschen kann.

Man merkt dem Roman zu keinem Zeitpunkt an, dass es sich um ein Debüt handelt. Gerissen entwickelt Clevenger einen Plot, der am Ende richtig aufgeht, ohne lose Enden zurückzulassen. „Der geniale Mister Fletcher“ ist dabei ein Lesegenuss, der gleichermaßen faszinierend wie fesselnd ist und das unter anderem auch, weil Clevenger dem Leser praktisch eine Anleitung zum Fälschen einer Identität liefert. Er zählt die Schritte auf, erläutert Fletchers Vorgehensweise und weist auf mögliche Schwachpunkte hin. Zur Nachahmung wohl eher nicht empfohlen, aber auch deswegen so spannend zu lesen, weil da eben noch der Reiz des Verbotenen mitschwingt. Die Figur Daniel Fletcher nimmt den Leser gefangen und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los.

Auch sprachlich ist „Der geniale Mister Fletcher“ ein erfrischendes Lesevergnügen. Clevengers Stil ist sehr direkt und offen, teilweise hart und explosiv wie der Lebenswandel seines Protagonisten. Im Klappentext wird der Roman mit den Werken von Paul Auster verglichen. Das vereinfacht die Sache zwar vielleicht ein bisschen zu sehr, aber der Vergleich ist nachvollziehbar. Beide Autoren haben in ihren Werken etwas Magisches und Fesselndes, dem man sich nicht entziehen kann. Sie üben gleichermaßen Faszination aus, mit einem gewieften und absolut gekonnten, intensiven Erzählstil.

Alles in allem ein Roman, der sich als der lobenden Worte würdig erweist. Eine Hauptfigur, die absolut faszinierend ist und eine Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite bis ins Mark überzeugt. Ein Erzähler, der mit einem packenden Psychogramm zu fesseln und zu erstaunen weiß. Bei einem derart gerissenen Debütroman darf man sicherlich gespannt sein, was von Craig Clevenger in den nächsten Jahren noch so kommen mag. Den Namen sollte man sich in jedem Falle merken.

Eugenides, Jeffrey – Air Mail

Spätestens seit Jeffrey Eugenides 2003 für seinen erstklassigen Roman [„Middlesex“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=916 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist er einer der großen Stars der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Ein großartiges Erzähltalent, das fesselnd seine Geschichten spinnt und Figuren aus dem Hut zaubert, die erfrischend normal und alltäglich sind.

In Romanform hat Eugenides sein Können bereits zweimal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Zum einen mit seinem Romandebüt „Die Selbstmord-Schwestern“, der Geschichte des Selbstmords der fünf Schwestern der amerikanischen Vorstadtfamilie Lisbon, zum anderen durch die Familiengeschichte des Hermaphroditen Cal/Callie in „Middlesex“. Beide Romane drehen sich um ähnliche Dinge. Normalitäten und Absurditäten in den weißen Vorstädten der amerikanischen Mittelschicht und gleichzeitig um die Zeit des Erwachsenwerdens, die schwierige Phase der Pubertät, des Erwachens der Sexualität, mit all den Irritationen und Kuriositäten, die dazugehören. Beide Romane sind Familiengeschichten der etwas anderen Art.

„Air Mail“ ist nun ein Werk, das sich von den beiden bekannten Veröffentlichungen des Autor einerseits fundamental unterscheidet, andererseits aber durchaus das Bild vervollständigt. „Air Mail“ vereint drei Erzählungen, deren zeitlicher Ursprung genau zwischen den beiden genannten Romanen liegt, zwei stammen aus dem Jahr 1997, die dritte wurde 1999 verfasst.

Nun ist das immer so eine Sache, von einem überaus erfolgreichen und vielgelobten Autor zu einem späteren Zeitpunkt frühere Werk auszugraben und zu veröffentlichen. Im Fall von Jonathan Franzen fand ich mit [„Die 27ste Stadt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1207 das Ergebnis eher weniger befriedigend. Oft werden die frühen Werke der heute so großartigen Autoren den Erwartungen nicht ganz gerecht. Doch bei „Air Mail“ ist diese Gefahr schon aufgrund des gänzlich anderen Erzählformats geringer. Als „Kurzstrecken-Erzähler“ ist Eugenides schließlich dem deutschen Leser bislang noch weitestgehend unbekannt.

_Air Mail (1997)_

Die erste Erzählung dreht sich um Mitchell, der gerade auf einer kleinen Insel im Golf von Siam auf einer Strohmatte in einer kleinen Hütte gegen die Ruhr ankämpft. Inspiriert durch die fernöstliche Mentalität, durch den Glauben an die Kraft des Geistes, versucht Mitchell die Ruhr durch eisernes Fasten kleinzukriegen. Fernab von zu Hause, in der Abgeschiedenheit seiner Hütte, bringt Mitchell all seine Gedanken über sich und den Lauf der Welt zu Papier – auf Luftpostpapier, in Form von Briefen, die er seinen Eltern schicken will, in der Hoffnung, dass sie ihn besser verstehen. Während Mitchell seinen Durchfall „wegfastet“, stapeln sich Briefe, die Mitchell nie abschicken wird.

„Air Mail“ ist eine recht sonderbare, aber gleichsam faszinierende Erzählung. Ein exotischer Schauplatz, an dem der Protagonist Mitchell nach einem Inhalt für sein Leben sucht. Der Kontakt zu den Eltern beschränkt sich auf ein Minimum. Sie sind enttäuscht von ihm, dass er die eigentlich geplante Europareise zu einer ausgedehnten Asienreise erweitert hat, mittlerweile seit einem halben Jahr fort ist und ihnen keinerlei Hoffnung auf eine baldige Rückkehr macht. Karriere, Studium und Familie stehen hinten an, solange Mitchell ohnehin nicht weiß, was er einmal machen will.

Fernab der Zivilisation beginnt Mitchell sich selbst zu erforschen, nach einem Sinn zu suchen. Die Ruhr sieht er da fast als eine Art Weg zur Erkenntnis. Er beginnt, sich von der Welt abzukapseln, während er gleichzeitig in dem Glauben ist, er würde sich ihr öffnen, sie endlich verstehen. Innere Erkenntnis und äußere Kommunikation stellen dabei gegenläufige Entwicklungen dar. Verfasste Briefe werden nicht mehr abgeschickt, sein Kumpel Larry versteht nicht recht, warum Mitchell nicht endlich Medikamente nimmt, statt weiter zu fasten, und als Mitchell nach vielen Tagen der Abgeschiedenheit in die Gemeinschaft am Strand zurückkehrt, hat er sich längst meilenweit von ihr entfernt.

Besonders das Ende der Geschichte ist merkwürdig und man steht als Leser etwas ratlos da. Doch irgendwie bleibt auch der Eindruck zurück, dass das Ende gar nicht so sehr das Entscheidende ist. Kern der Erzählung ist vielmehr der Gegensatz zwischen Innen- und Außenleben des Protagonisten.

_Die Bratenspritze (1999)_

„Die Bratenspritze“ ist eine Erzählung, die eine gänzlich andere Richtung einschlägt. Weniger nachdenklich stimmend, weniger sonderbar und weniger verkopft als „Air Mail“. Tomasina ist vierzig, hat alles erreicht, was man sich wünschen kann und einen Job als Produzentin der CBS Evening News, auf den andere nur neidisch sein können. Tomasina ist Single, hatte viele Liebschaften mit nicht wenigen Pannen und daraus resultierend immerhin auch schon eine Handvoll Abtreibungen. Doch mit vierzig beginnt allmählich die biologische Uhr zu ticken, auch für Tomasina. Sie will ein Kind, aber möglichst ohne Mann. Samenspende heißt das Zauberwort, und so lädt sie zu einer Art Befruchtungsparty, inklusive Samenspende, am Tag ihres mittels Basalthermometer ermittelten Eisprungs.

Rein erzählerisch spielt „Die Bratenspritze“ schon in der Liga, in der etwas später auch „Middlesex“ spielt. Bildhafte Vergleiche, die den Leser schmunzeln lassen, und lebhaft gezeichnete Figuren. „Die Bratenspritze“ ist letztendlich eine satirische Momentaufnahme à la „Sex and the City“. Eine Party zwecks Befruchtung der Gastgeberin, das ist für sich schon schräg genug, aber Eugenides lässt diese Party durchaus ernsthaft organisiert erscheinen – so wie man sich eine Party in der feinen New Yorker Gesellschaft der Besserverdienenden halt vorstellt, mit passendem Nippes und feinstem Champagner.

Der eigentliche Protagonist stolpert erst im Verlauf der Erzählung in die Geschichte, ganz unvermittelt und unerwartet platzt er mit einem |“An diesem Punkt sollte ich mich vielleicht vorstellen. Ich heiße Wally Mars.“| in das Geschehen. Wally ist die heimliche Hauptfigur. Ein abgelegter Liebhaber von Tomasina, dem die Rolle des unauffälligen Beobachters zufällt. Mit einem feinen Blick für das Absurde der Situation erzählt Wally die Geschichte, in der er selbst später noch eine maßgebliche Rolle spielen wird.

Eugenides zeigt sich hier von seiner unterhaltsamsten und ironischsten Seite. Während die anderen beiden Erzählungen vielfältigere und weniger leicht zu entschlüsselnde Emotionen transportieren, ist „Die Bratenspritze“ recht einfach gestrickte Unterhaltung, mit einem Blick für die teilweise absurden Züge der modernen Gesellschaft.

_Timesharing (1997)_

In der dritten Erzählung geht es mitten hinein in den tristen amerikanischen Alltag. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die in Florida angesiedelt ist. Der Ich-Erzähler besucht seine Eltern, die in Florida gerade ein heruntergekommenes Motel in eine Goldgrube umzuwandeln versuchen. Timesharing heißt das Zauberwort. Die Zimmer werden mit Kochnischen ausgestattet und sollen möglichst längerfristig an zahlungskräftige Gäste vermietet werden.

„Timesharing“ ist einfach eine Momentaufnahme. Anfang und Ende bleiben ein wenig diffus. Eine Pointe, auf die alles hinausläuft, oder einen Höhepunkt gibt es in dem Sinne nicht. Es ist lediglich eine Zustandsbeschreibung des Lebens der Protagonisten und ihres Verhältnisses zueinander. Der Zustand des alten Motels geht dabei mehr oder weniger konform mit dem Zustand des Vaters, der mit brüchiger Gesundheit und stetig schwindender Kraft versucht, sein Lebenswerk zu vollenden. Der Sohn wirkt dabei nicht weniger müde, als es die Eltern sind. Unmotiviert verbringt er seine Zeit als Beobachter auf der Baustelle der Eltern, zieht abends durch die Kneipen und sieht sich nicht einmal dazu in der Lage, ein neues Paar Schuhe zu kaufen.

„Timesharing“ lässt den Leser mit einem merkwürdigen Gefühl zurück. Die Geschichte wirkt irgendwie melancholisch und traurig und die Figuren in all ihrer Müdigkeit und Zerbrechlichkeit erschreckend menschlich. Dadurch, dass die Geschichte keinen klar definierten Handlungsrahmen aufweist, bleibt sie einerseits etwas distanziert und befremdlich, trifft einen andererseits aber auch ins Mark, weil sie authentisch und lebensecht wirkt.

Ergänzt werden die drei Erzählungen durch ein Nachwort des ARD-Literaturkritikers Dennis Scheck. Es wirkt teilweise etwas hochtrabend, wie Scheck sich von Fremdwort zu Fremdwort hangelt, unterstreicht inhaltlich aber die Bedeutung, die Eugenides in der modernen Literatur hat. Möglich auch, dass das Nachwort noch ein wenig als Füllwerk dienen soll, um das Büchlein auf immerhin knappe 120 Seiten zu bringen. In meinen Augen wäre es nicht unbedingt nötig gewesen.

Die drei Erzählungen in „Air Mail“ sind Lektüre für knapp etwas mehr als eine Stunde, dennoch fordern sie eine gewisse darüber hinausgehende Aufmerksamkeit. Ein wenig bedauerlich ist es schon, einen Eugenides so schnell aus der Hand legen zu müssen, und so bleibt ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit zurück. Aber die deutet weniger auf einen qualitativen Mangel hin, sondern mehr darauf, dass man als Leser einfach schon verwöhnt ist, wenn man vorher „Middlesex“ gelesen hat. Eugenides bleibt auch nach der Veröffentlichung von „Air Mail“ ein großartiges Erzähltalent, das man im Auge behalten sollte.

Alexandre Dumas – Die Kameliendame

_Wenn Liebe Sünde läutert_

Wer den Namen Alexandre Dumas hört, wird sicherlich sofort an „Die drei Musketiere“ oder auch „Der Graf von Monte Christo“ denken. Dieser Alexandre Dumas, der Ältere (1802-1870), hatte einen unehelichen Sohn (1824-1895), der früh Zugang zu den literarischen Kreisen von Paris genoss. 1848 veröffentlichte dieser seinen Roman „Die Kameliendame“, der ihm ebenfalls Ruhm als Autor einbrachte. Diverse Verfilmungen und nicht zuletzt die Tatsache, dass Verdi diese Geschichte in „La Traviata“ aufgriff, verhalfen dem Roman bis heute zur Popularität.

_DIE KAMELIENDAME_

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Palahniuk, Chuck – Lullaby

_Fantastisch & makaber: tödliches Wiegenlied_

|“Language is a VIRUS from outer space“| (William S. Burroughs)

Ein Zeitungsreporter in USA findet heraus, dass ein afrikanisches Wiegenlied den Tod bringt. Und er kann es willentlich so einsetzen, auch lautlos. Er besitzt unbegrenzte Macht über das Leben von Millionen Menschen. Allerdings ist er nicht der Einzige, der diese Macht besitzt. Und die anderen haben bei weitem nicht seine Skrupel, sie einzusetzen.

_Der Autor_

Chuck Palahniuk ist der Autor der literarischen Vorlage zu David Finchers furiosem Film „Fight Club“ (verfilmt mit Edward Norton und Brad Pitt). Palahniuk, geboren 1962, ist französisch-russischer Abstammung und lebt in Portland, Oregon, auf einer Farm ohne Fernseher. „Schon in jungen Jahren träumte er davon, Schriftsteller zu werden, doch erst ein persönlicher Einschnitt in seinem Leben gab ihm schließlich den Impuls, seinen Traum zu verwirklichen“, erzählt der Klappentext. Mittlerweile habe der „Chuckster“ mit insgesamt sechs Romanen Kultstatus erreicht, nicht zuletzt durch „Fight Club“ (s.o.). Zuletzt erschien „Das letzte Protokoll“ im Februar 2005.

_Handlung_

Carl Streator, der Ich-Erzähler, scheint ein recht harmloser Zeitgenosse zu sein. Zunächst jedenfalls. Carl ist ein verwitweter Reporter um die vierzig, angestellt bei einer Provinzzeitung. Von dem Thema „plötzlicher Kindstod“ hat er sich nicht allzu viel versprochen, doch als er eine Reihe solcher Todesfälle (die oft den Freitod der Mutter nach sich ziehen) untersucht, stößt er auf eine merkwürdige Gemeinsamkeit: In den nunmehr verwaisten Kinderzimmern der Babys findet er den Sammelband „Gedichte und Lieder aus aller Welt“, stets aufgeschlagen auf Seite 27.

Dieses Buch weckt furchtbare, verdrängt geglaubte Erinnerungen in Carl, denn einst hatte er selbst jenes afrikanische Wiegenlied, ein „Lullaby“, das auf Seite 27 abgedruckt ist, seiner Frau und seiner kleinen Tochter vor dem Einschlafen vorgelesen. Am nächsten Morgen waren beide tot, friedlich lagen sie im jeweiligen Bett. Todesursache: unbekannt.

Mit der Zeit wächst in Carl der Gedanke heran, dass die scheinbar so harmlos wirkenden Zeilen den Tod verheißen. Er lernt die Zeilen auswendig. Sein Verdacht erhärtet sich, als er das Lied an einem unglaubwürdigen Fernsehprediger und einem aufdringlichen Radiosprecher testet, die ihn mit ihrem nie enden wollenden Gequäke nerven. Auch einer seiner Kollegen in der Redaktion nervt den armen Carl. Am nächsten Tag wird der Kollege vermisst.

Mit gelindem Entsetzen wird Carl bewusst, welche Macht er auf einmal in seinen Händen hält: Er braucht das Lied nicht einmal laut aufzusagen, sondern lediglich zu denken, und schon ist das auserkorene Opfer dem Tode geweiht. Doch geriete das Wissen von der tödlichen Wirkung des Wiegenliedes an die Öffentlichkeit, oder würde das Lied im Radio oder Fernsehen vorgetragen und verbreitet, bedeutete dies ewige Nachtruhe für Millionen von Menschen.

Doch dann beginnt der Ärger. Überall, wo Carl auftaucht, geben wenig später Menschen den Löffel ab, mit unbekannter Todesursache. Die Polizei ist ja auch nicht so wahnsinnig blöd. Und auch der Ambulanzfahrer Nash ist nicht auf den Kopf gefallen. Ihm gelingt es, den Trick mit dem Lullaby herauszubekommen und selbst anzuwenden, für abstoßende sexuelle Zwecke. Wenigstens versucht er nicht sofort, Carl zu erpressen. Das kommt erst später.

Dann stößt Carl auf eines der schrägsten und furchterregendsten Wesen, die man sich vorstellen kann: Helen Hoover Boyle, ihres Zeichens Immobilienmaklerin und Auftragsmörderin. Helen ist schon über fünfzig, sieht aber sehr gut konserviert aus. An jedem Finger trägt sie einen Diamantring, denn für ihre Aufträge lässt sie sich nicht in rückverfolgbaren Summen bezahlen, sondern in edelsten Steinen. O ja, man ahnt es schon: Auch sie kennt die Macht des Wiegenliedes und wendet sie ebenso diskret wie skrupellos an. Sie verscherbelt Spukhäuser, denn die neuen Besitzer sind schon nach wenigen Wochen wieder hinausgeekelt, so dass das Objekt wieder – wesentlich günstiger – zum Verkauf steht, und mit ihm das Mobiliar.

Helen ist Mitglied in einem spiritistischen Kreis, zu dem ihre Sekretärin Mona (Deckname: Mulberry) und ein virtuelles Anwaltbüro unter der Leitung eines jungen Mannes mit den Decknamen Oyster gehören. Mit ihnen zusammen macht sich Carl auf zu einer heroischen Mission: Alle restlichen 499 Exemplare des tödlichen Buches in den USA zu vernichten. Und um ein spezielles „Buch der Schatten“ zu finden, hinter dem der Hexenzirkel schon lange her ist: ein Buch mit Zaubersprüchen, ein so genanntes „Grimoire“.

Kurz und gut: Die beiden Missionen gelingen. Mehr oder weniger. Und ganz anders, als sich das jeder vorgestellt hat. Und nicht jeder erlebt das Ende.

_Mein Eindruck_

Dies klingt, zugegeben, schon fast nach einem Fantasyroman. Nur dass sämtliches Brimborium eines Fantasyromans fehlt, und die Geschichte völlig in der Gegenwart spielt, ähnlich wie eine Urban Fantasy von Charles de Lint, die mitunter in Toronto oder der kanadischen Provinz spielen kann.

|Sing me a song|

Der Knackpunkt ist das titelgebende Wiegenlied. Die Afrikaner, die es erdichteten, wollten damit ursprünglich in Zeiten der Hungersnot Alte, Schwache und Kranke von ihrem Elend erlösen, auf dass der restliche Stamm eine höhere Überlebenschance habe. Helen Hoover Boyle nennt es ein „Merzlied“, nach seiner Funktion des Ausmerzens. Das mag grausam klingen, aber das ist die Natur zuweilen auch, und wenn’s ums Überleben geht, greifen auch Menschen zu verzweifelten Mitteln.

Das Merzlied tut, was es soll: schmerzlos töten. Der Autor schreibt ihm lediglich eine Art Zaubermacht zu. Das ist vielleicht der einzige Fantasy-Aspekt daran. Es gibt Fernsehserien wie „Charmed“, die durchaus einfallsloser, aber auch spielerischer mit solchen Mächten umgehen. „Lullaby“ ist nicht spielerisch, sondern eher makaber und grimmig. Denn es geht ja um schier unendliche Macht.

|Verhängnisvolle Gruppendynamik|

Macht weckt bekanntlich Begierden und Neid. So kann es auch in der familienähnlichen Gruppe, die in ihrem Auto kreuz und quer durch die Staaten von Bibliothek zu Bibliothek gondelt, nicht ausbleiben, dass Machtkämpfe ausbrechen und Intrigen gesponnen werden. Wobei Helen eine ganz besonders unheilvolle Ausstrahlung verbreitet, wie eine dunkle Königin. Eine Mörderin, die aussieht wie Nancy Reagan. Nur ganz in Rosa.

Die Gruppe erinnert an jene Fight-Club-Therapiegruppen, mit denen der Autor offenbar langjährige, intensive Erfahrungen gesammelt hat. Solche Gruppen tauchen immer wieder in seinen Büchern auf. Ebenso die schrägen Verhaltensweisen, die sie verlangen oder auslösen. Die dynamische Psychostruktur in der Gruppe verlockt auch Carl mitunter dazu, seine Macht des Tötens anzuwenden, etwa gegen den aufmüpfigen Oyster oder die verführerische Mona. Dann beginnt er im Geiste Zahlen aufzusagen, zu zählen, um nicht das Merzlied auszulösen. Helen hat diese Hemmungen nicht. Der „body count“, den sie hinter sich zurücklässt, wächst rasant.

|Eine Mediensatire?|

Das „Time Magazine“ behauptet auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe: „Eine brillante Satire auf die Reizüberflutung in der modernen Informationsgesellschaft: Ein köstlicher Anti-Liebesgruß an unsere Welt!“

Ist es wirklich so einfach? Das mit der Reizüberflutung mag ja schon zutreffen, und das, was Fernsehprediger oder Radiosprecher von sich geben, kann durchaus nerven, so dass Carl zum Äußersten greift. Auch Oysters lediglich virtuell existente Anwaltskanzleien, die zu Sammelklagen aufrufen, um Geld zu kassieren, bilden einen satirischen Kommentar auf die Sucht der Amerikaner, wegen allem und jedem zu prozessieren.

Handfester ist hingegen die Kritik am Machtmissbrauch, dessen sich Helen schuldig macht. Wer sind ihre Auftraggeber, für die sie so effizient und lautlos tötet (Anruf genügt)? Sie sagt, es sind Regierungen und (Untergrund-) Organisationen, Carl scherzt, es sei das Außenministerium der USA. Helen, Carls warnendes Gegenteil, ist durch und durch Utilitaristin: Nur was nützt, ist gut. Will heißen; Nur das, was |ihr| nützt. Und danach kommt lange nichts mehr. Die Frau jagt mir kalte Schauder über den Rücken. Carl hingegen fühlt sich zu ihr hingezogen wie ein Spinnenmännchen zu einem -weibchen. Er wird schon sehen, was er davon hat.

|Language is a virus …|

Einen ganz wichtigen Aspekt, den ich bislang unterschlagen habe, bringt Oyster ein: biologische Umweltverschmutzung. Bevor die Weißen in Nordamerika ankamen, befand sich das Ökosystem dort in einem über Millionen Jahre entstandenen Gleichgewicht. Die Weißen brachten alle möglichen Arten ins Land, wo sie sich mangels Feinden hemmungslos ausbreiteten. Nicht nur Nilkarpfen oder Stare gehören dazu, sondern auch Pflanzen wie das Unkraut Kudzu oder die Trespe („Sie liebt das Feuer, die Trespe“). Die Gründe für das Einbringen waren manchmal verblendeter Idealismus (Stare), manchmal Gier auf Nahrungsversorgung (Karpfen an jeder Bahnstrecke), dann wieder Unvorsichtigkeit.

Ist das Verbreiten des Wiegenliedes in jenem idealistisch gedruckten Sammelband ebenso als eine Art Umweltverschmutzung aufzufassen? Falls ja, dann handelt es sich nicht um „Reizüberflutung“, sondern um Verseuchung durch Sprache und ihre Kraft, Ideen und Gedanken zu verbreiten. Wie sagte doch der Schriftsteller William S. Burroughs so treffend: „Language is a VIRUS from outer space“ – „Sprache ist ein Virus aus dem Weltraum“.

Erst an diesem Punkt scheint mir die Satire, die der Autor im Sinn hat, zu greifen. Er versucht sich vorzustellen, welche Folgen all die Soap-Operas mit Starlets und all die Radiosendungen von Fernsehpredigern auf „die Welt da draußen“ haben. Und mit „Welt“ meint er nicht nur die USA, sondern die ganze Welt, also beispielsweise auch die islamische. Es könnte eine Art Kulturkampf auslösen, meinte Hutchinson in seinem Buch „Culture Clash“. Als Erklärung für Al-Kaida ist das mittlerweile widerlegt worden; Al-Kaida und dem islamistischen Fundamentalismus geht es um anderes.

Aber was passiert, wenn ein Großteil der Welt schon so sehr die amerikanischen Sprach- und Medienerzeugnisse übernommen hat, dass eine geistige Monokultur entstanden ist, in der man andere Vor- und Einstellungen gar nicht mehr als legitim hinnehmen will? Monokulturen sind stets anfällig und fordern Attacken heraus, so etwa gegen |Windows| als Betriebssystem. Und wenn ein wirklich starker Gegner auftaucht, dann brechen sie mangels innerer Vielfalt zusammen, denn sie können sich nur mit wenigen Methoden zur Wehr setzen statt mit der Vielfalt, die meist der Gegner besitzt. Monokulturen sind eine Form von Krankheit. Vielleicht will uns der Autor dezent darauf hinweisen, was mit der Welt passiert.

_Unterm Strich_

Man muss nicht unbedingt schon ein totaler Fan von Chuck Palahniuk sein, um diesen Roman genießen und verstehen zu können. Palahniuk weiß eine spannende Handlung aufzubauen, die zu weiteren Konflikten mit etlichen schrägen Charakteren führt. Er erzählt die Story aber auf seine eigene unnachahmliche Weise, als hätten sich Kurt Vonnegut, Don de Lillo und Thomas Pynchon zusammengetan.

Wer „Fight Club“ mochte und verstand (vor allem das Ende), der könnte auch „Lullaby“ mögen und verstehen.

|Originaltitel: Lullaby, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Werner Schmitz|

Henning Mankell – Tea-Bag

Erfolgloser Poet bietet Schreibtechnikseminar

Jesper Humlin veröffentlicht genau ein Buch pro Jahr und zwar eine Gedichtsammlung, die sich im Schnitt etwa tausendmal verkauft, doch seinem Verleger ist das nicht mehr genug, er möchte Jesper davon überzeugen, endlich einen Kriminalroman zu schreiben. Dabei ist Jesper doch erfolgreich auf seinem Gebiet, seine Gedichte sind anerkannt und gerade erst ist er von einer monatelangen Südseereise zurückgekommen, die er sich nur durch ein Stipendium finanzieren konnte. Sein wichtigstes Anliegen ist ihm nun eigentlich seine Sommerbräune, die er so lange wie möglich aufrecht erhalten möchte, doch neben seinem unzufriedenen Verleger stellt auch seine Freundin Andrea immer mehr Ansprüche. Sie möchte endlich ein Kind mit ihm und droht mit der Trennung und der Veröffentlichung ihres Privatlebens in Romanform. Es ist nicht so sehr die Angst vor der Trennung, die ihm schwer im Magen liegt, sondern die Möglichkeit, dass Andreas Buch sich besser verkaufen könnte als seine Gedichtsammlung.

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Murakami, Haruki – Tony Takitani

„Tony Takitani“ ist ein Buch, das aus dem Rahmen fällt. Recht großformatig geschnitten, etwas minimalistisch gestaltet und für den Zyniker geradezu papierverschwenderisch gedruckt. Gerade mal 64 Seiten, gerade mal etwa eine Dreiviertelstunde Lesevergnügen, für die der geneigte Leser satte 16 €uro auf den Tisch zu legen hat. Ganz haarspalterisch betrachtet, sind das 25 Cent pro Buchseite oder gar 35 Cent pro Leseminute. Manch einer wird angesichts dieses Preis-/Lesezeitverhältnisses nicht nur schlucken, sondern gleich die Finger von dem Buch lassen. Das ist einerseits verständlich, andererseits ob der Inhalte aber auch bedauerlich, denn „Tony Takitani“ ist ein waschechter Murakami, mit all seinen Qualitäten – nur eben in Kleinstausgabe.

Dass Haruki Murakami ein Ausnahmeautor ist, haben viele Leser schon längst begriffen. Er hat ein außerordentlich vielfältiges Repertoire, hangelt sich von Genre zu Genre, erzählt Romantisches, Visionäres und Fantastische, versteht sich aber auch auf ernste Themen mit dokumentarischem Charakter. Alles auf gleichsam hohem Niveau. Schon mit „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ oder mit „Der Elefant verschwindet“ hat Murakami bewiesen, dass er auch über die kurze Distanz zu erzählen und den Leser gefangen zu nehmen weiß. Mit „Tony Takitani“ liefert er einen weiteren Beleg dafür.

Darüber hinaus ist „Tony Takitani“ der erste Murakami, der nicht nur als Buch Eindruck machen kann, sondern auch als Kinoverfilmung. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches läuft auch der gleichnamige Film in den deutschen Programmkinos an, wenngleich auch sicherlich eher vor kleinem Publikum. Das mag wieder den Zyniker auf den Plan rufen, der einwirft, dass er für einen Buchkauf auch zweimal ins Kino gehen könnte, so teuer wie das Buch ist. Das lässt sich alles nicht leugnen und ob ein so hoher Preis für lediglich eine Novelle gerechtfertigt ist, da darf man sicherlich so manchen Zweifel hegen.

Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen der eigentliche Inhalt des Buches. Murakami erzählt wieder einmal eine Geschichte über Zwischenmenschliches – über Nähe und Isolation, über Liebe, Einsamkeit und Verlust.

Tony Takitani, Hauptfigur und Namensgeber der Geschichte, hat keine leichte Kindheit. Die Mutter stirbt drei Tage nach seiner Geburt, das Verhältnis zum Vater bleibt stets ein wenig unterkühlt. Obendrein wird er aufgrund seines amerikanischen Vornamens gehänselt, teilweise gar als vermeintliches Mischlingskind verspottet. Dabei ist Tony Takitani ein waschechter Japaner.

Seine Kindheit verläuft ansonsten unspektakulär. Der Vater verdient seine Brötchen als Jazz-Posaunist, während Sohnemann seine Leidenschaft für das Zeichnen entdeckt. Ganz akkurat und geradezu detailbesessen führt Tony Takitani den Bleistift. Dass er später technischer Zeichner wird, verwundert niemanden. Ähnlich akkurat und leidenschaftslos wie seine Zeichnungen, verläuft auch Tony Takitanis Privatleben. Er ist allein und lebt recht unspektakulär vor sich hin. Tony Takitani hat sich mit seiner Einsamkeit abgefunden.

Das ändert sich, als er eines Tages eine junge Frau kennen lernt. Schnell erkennt er, dass diese Frau für ihn etwas Besonderes bedeutet. Er verliebt sich in sie – eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht. Die beiden heiraten und Tony Takitani findet in seinem Leben endlich das, was ihm immer gefehlt hat. Der einzige Schatten, der dieses Glück trübt, ist die Besessenheit, mit der Tony Takitanis Frau Kleider kauft. Als ihre Kleider irgendwann schon ein ganzes Zimmer in Tony Takitanis Haus füllen, bittet er seine Frau, sich doch vielleicht ein bisschen zu mäßigen. Sie zeigt sich einsichtig, weiß um das Krankhafte ihrer Leidenschaft und verspricht sich zu bessern.

Kurz darauf verunglückt die Frau tödlich mit dem Auto. Tony Takitani ist untröstlich. Der Anblick des Zimmers voller Kleider ist ihm unerträglich. Er versucht all die abgestreiften Hüllen, die seine Frau zurückgelassen hat, wieder mit Leben zu füllen und macht sich auf die Suche nach einer 1,61 m großen Frau mit Kleidergröße 34 …

„Tony Takitani“ ist eine Geschichte, die einem so schnell nicht aus dem Kopf geht und somit ein typischer Murakami. Murakami ist ein Meister im Erzählen von Geschichten, die einem nicht aus dem Kopf gehen und so steht „Tony Takitani“ in bester Murakami-Tradition.

Schon nach wenigen Zeilen nimmt uns die Geschichte gefangen. Haruki Murakamis Erzählstil wird von einer merkwürdigen Poesie getragen. Seine Geschichten haben etwas Magisches, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Er fesselt, durch seine Art zu erzählen, durch seinen bedachten Umgang mit Worten, durch die Bilder, die er im Kopf erzeugt. Seine Erzählweise, die auf den ersten Blick ein wenig kühl und distanziert wirken mag, ist bei näherer Betrachtung das genaue Gegenteil: eindringlich und emotionsgeladen – aber eben auf ihre ganz eigene Art und immer wieder auch ein wenig verstörend.

Auch „Tony Takitani“ zeigt deutlich diese Mischung. Auf der einen Seite Distanz und deutlich spürbare Kühle. Auf der anderen Seite ein tiefer Einblick in Emotionales. Tony Takitanis Frau bekommt nicht einmal einen Namen, man erfährt nichts über ihr Leben, weiß nur um ihre Kleiderbesessenheit. Ihr Tod kommt plötzlich und unerwartet, geradezu beiläufig und gerade darin liegt bei Murakami so viel Wucht: |“In diesem Moment raste ein Lastwagen, der noch bei Gelb über die Kreuzung fahren wollte, mit voller Geschwindigkeit in ihren Renault Cinque. Ihr blieb nicht einmal Zeit, etwas zu spüren.“|

Tony Takitani ist fortan wieder allein. Und trotz der Kürze der gesamten Geschichte kann man sehr gut mit ihm fühlen. Diesmal erwischt die Einsamkeit ihn eiskalt. Isoliert steht er da, während das Leben vor seiner Tür weiterzieht und er scheint unfähig, daran teilzuhaben. Einsamkeit war ihm von früherer Zeit so vertraut und doch ist sie ihm so neu. Murakami schafft es mit ganz einfachen Mitteln, mit so wenigen Worten, dies einfühlsam zu vermitteln.

Es sind Erzählelemente, die recht typisch für Murakami sind. Liebe und Einsamkeit, Verlust und Isolation spielen oft eine Rolle in seinen Erzählungen und dennoch zeigt „Tony Takitani“ noch eine eigene Spielart. Unstrichen wird diese auch durch die Aufmachung des Buches. „Tony Takitani“ ist in zweifacher Hinsicht ein Kunstwerk – literarisch und visuell.

Das Buch mit dem dicken, schlichten Pappeinband ist angereichert mit Bildern aus der Verfilmung von Jun Ichikawa. Bilder, die schon einen recht guten Eindruck vermitteln und Lust auf den Film machen. Bilder, die all die Emotionen widerspiegeln, die auch Murakami auf erzählerische Art vermittelt. Entfärbt und in schlichtem, kühlem Blaugrau gehalten, erzeugen die Bilder ein absolut stimmiges Bild. € 16,- für eine 64-seitige Novelle mögen schon sehr teuer sein, aber zweifelsohne bekommt man dafür auch ein ungewöhnliches Buch geboten.

Haruki Murakami beweist mit „Tony Takitani“ einmal mehr auf eindrucksvolle, nachhaltig beeindruckende Art, dass er ein Meister des Erzählens ist. Man denkt auch nach dem Ende der Erzählung immer wieder an Tony Takitani zurück. So leidenschaftslos sein Leben auch wirken mag, er ist dennoch eine Figur, die einem immer wieder in den Sinn springt, aber das haben Murakami-Figuren auch irgendwie so an sich. Ein Murakami zieht nicht spurlos an einem vorbei – auch dieser nicht. Ein Autor, der Eindruck macht und eine Erzählung, die im Gedächtnis haften bleibt.

Murakami-Fans werden so auch weiterhin daran festhalten, den Nobelpreis für ihren Star zu fordern. Oder, wie ich es einst in einer Kundenrezension des Online-Buch-Giganten |Amazon| las: „Sie haben noch nie einen Murakami gelesen? Sie Glücklicher. Dann haben Sie das Beste ja noch vor sich.“

DBC Pierre – Jesus von Texas

Eigentlich hätte DBC Pierre ein Buch wie „Jesus von Texas“ gar nicht nötig gehabt. Wozu sich Geschichten ausdenken, wenn man eine Vita wie dieser Mann hat? Angeschossen, hoch verschuldet, ehemals drogen- und spielsüchtig, nach einem Unfall mit chirurgisch wiederhergestelltem Gesicht und Stationen als Filmemacher, Schatzjäger, Schmuggler und Grafiker. Zweifelsohne hätte eine Autobiographie hier ihren Reiz. Doch auch „Jesus von Texas“ hat seinen Reiz und dafür hat der Autor nicht ohne Grund 2003 den Booker-Preis verliehen bekommen.

_Shit happened_

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Padgett, Abigail – Kalt ist der Tod

„Eiskalt und knallwitzig, buchstäblich ein Lesespaß“ wirbt die |Für Sie| auf dem Buchrücken für Abigail Padgetts Roman „Kalt ist der Tod“, der zunächst dadurch noch sehr verlockend wirken mag, doch schon die ersten Seiten lassen Zweifel aufkommen …

_Stromausfall – Totalausfall?_

Als in der Nähe von San Diego ein kleines Erdbeben zu einem Stromausfall führt, fällt auch die Stromversorgung in einem öffentlichen Kühlhaus bei Borrego Springs aus und führt eine Leiche zutage, die dort vor Jahren eingefroren wurde. Eine alte Dame mit dem netten Namen Muffin bekennt sich des Mordes schuldig und wandert auf ihre alten Tage ins Gefängnis. Das wiederum bringt ihren jüngeren Bruder Dan Crandall auf den Plan, der die Privatdetektivin Blue McCarron engagiert, um die Unschuld seiner Schwester zu beweisen. Nur Blues Buch „Affe“ war der Auslöser für ihre Beteiligung an diesem Kriminalfall, da Dan diese 700-seitige Abhandlung über männliche und weibliche Verhaltensmuster gelesen hat und aus nur ihm bekannten Gründen daher Blue McCarron als Privatdetektivin verpflichten möchte.

Nach einem Besuch im Gefängnis bei Muffin erkennt Blue ihre Sympathie für die alte Dame und engagiert daraufhin die bekannte homosexuelle und schwarze Psychiaterin Rox Bouchie, damit diese ein psychologisches Gutachten über Muffin anfertigt. Rox bemerkt auch sogleich Muffins Täuschungsmanöver und stellt fest, dass ihre Patientin geistig völlig gesund ist, körperlich allerdings nicht, denn Muffin hat Krebs im Endstadium. Kurz darauf wird Muffin vergiftet im Gefängnis aufgefunden und die Frage stellt sich, wer die todkranke Frau ermordet hat.

Bald entdeckt auch Blue mitten in der Wüste zwei dubiose Gestalten, die es offensichtlich auf sie abgesehen haben und sich über den Überfall auf eine andere Frau unterhalten. Blue kann den einen Kerl verletzen und sich retten, das andere Opfer der beiden nächtlichen Angreifer kennt sie jedoch recht gut. Blue muss erkennen, dass sie in großer Gefahr schwebt, obwohl sie sich nicht erklären kann, warum man es auf ihr Leben abgesehen hat …

_Lauwarm statt eiskalt_

Gleich auf der ersten Seite werden wir der Ich-Erzählerin Blue McCarron vorgestellt, die uns von ihren Erlebnissen rund um Muffin Crandall erzählt und den Startschuss zu den turbulenten Ereignissen nach dem Stromausfall und dem Auffinden der Leiche im Kühlhaus gibt. Doch kommt das Buch von Anfang an nicht aus den Startlöchern, die Autorin hält sich mit ellenlangen Gedankenmonologen über Blues Exfreundin Misha auf, die vor zwei Jahren ohne ein Lebenszeichen verschwunden ist und immer noch in Blues Gedanken herumschwebt. Immer wieder wird die eigentliche Handlung unterbrochen, damit Blue sehnsüchtig an ihre Vergangenheit mit Misha, das Kennenlernen und ihre ach-so-tolle Beziehung zurückdenken kann.

Im Laufe der Zeit erhält man als Leser schnell den Eindruck, dass Blue sich gerne von Gedankenblitzen ablenken lässt, denn egal, welche Gefahr auch gerade droht, ständig füttert sie uns mit weiteren uninteressanten Informationen zur sagenumwobenen Misha-Vergangenheit. Auch in der Einstiegsszene, als Dan Crandall Blue als Privatdetektivin anheuern will, präsentiert uns Blue zunächst große Teile ihrer Familiengeschichte und einige Ideen aus ihrer Dissertation, die mit der eigentlichen Situation leider gar nichts zu tun haben.

So kommt natürlich weder Spannung auf, noch eine düstere gefahrvolle Atmosphäre, in der der Leser angesichts der drohenden Gefahr den Atem anhalten müsste. Selbst als die Killer auftauchen, um Blue zu überfallen, gibt es keinen Nervenkitzel, auch die todesbringenden Deltas, wie Blue sie nennt, sorgen für keine spannungsgeladene Atmosphäre. Beim Lesen ist einem meist eher zum Gähnen zumute, da die Erzählung vor sich hin plätschert und mit allerlei unnötigem Beiwerk geschmückt ist, das weder die Handlung vorantreibt noch die Figurenzeichnung realistischer wirken lässt.

Besonders die zahlreichen Exkurse, die über Misha oder auch Rox Bouchie belehren, bremsen das Erzähltempo drastisch aus. Immer wenn die Handlung ein wenig vorangekommen ist, hält Padgett inne und streut nebenbei sehr ausführlich weiterführende Informationen ein, die leider meist nur wenig mit dem Kriminalfall zu tun haben. Von einem eiskalten Thriller kann hier also keine Rede sein, eher von einem lauwarmen Aufguss, den man auf einer langweiligen Bahnfahrt konsumieren sollte.

Überraschungsmomente gibt es nur wenige im Verlaufe des Romans, so ahnt der krimi-erfahrene Leser sehr früh, warum Muffin für einen Mord ins Gefängnis geht, obwohl sie doch offensichtlich unschuldig ist, die Gründe hierfür sind zu offenkundig. Erst später lässt uns die Autorin staunen, wenn nämlich Misha wieder auftaucht und die einzelnen Figuren miteinander verknüpft werden. Die uns hier erwartenden Überraschungen sind allerdings nicht so erfreulich …

_Hausfrauenpsychologie_

Da die gesamte Geschichte aus Sicht der Sozialpsychologin Blue McCarron geschrieben ist, bleiben wir auch nicht von psychologischen Gedankengängen verschont, die weibliches und männliches Verhalten analysieren sollen. Hier greift Blue gerne auf ihr eigenes Buch „Affen“ zurück, in welchem menschliches Verhalten von Grund auf durchleuchtet wird. Mir persönlich tritt Abigail Padgett allerdings zu viele Altweiberweisheiten breit und wirft mit fragwürdigen Begründungen für geschlechtertypisches Verhalten um sich, die sich speziell auf den ersten hundert Seiten des Buches zu sehr häufen. Praktisch alle paar Seiten entdecken wir neue Ausführungen aus dem Affenreich, die die psychologische Seite des aktuellen Kriminalfalls erklären sollen. Mir erscheint diese Deutungsweise an vielen Stellen allerdings zu undifferenziert.

|“So weit klang die Geschichte der Frau unglaubwürdig, aber dennoch sehr vertraut. Es war der Alptraum einer jeden Frau, ein Grund, warum Frauen Geräusche im Dunkeln fürchten. Vergewaltigung, Schändung und brutaler Tod. Dies ist das ständig wiederholte Mantra, das uns von haarigen Vorfahren hinterlassen wurde, den Cousinen von Schimpansen, Gorillas und Menschen. Ein Blick auf jede x-beliebige Schimpansenenklave, mit Ausnahme der matriarchalischen Zwergschimpansen, enthüllt die Quelle des Alptraums. Männliche Schimpansen schlagen wahllos Weibchen, um die allgemeine weibliche Unterwerfung zu sichern. Und wenn sie in der Brunst ist und die sexuelle Penetration verweigert, wird sie vielleicht von dem Männchen zu Tode geprügelt, während seine Kumpel johlen und pfeifen und herumhüpfen. Ein Blick in jede x-beliebige Zeitung zeigt, dass der Alptraum in menschlichen Enklaven ebenfalls vorhanden ist.“|

_Konstruktionen_

Am Ende wird der Leser bemerken, dass jeder noch so unwichtig erscheinende Gedankenmonolog seinen Grund in der Geschichte findet und jede noch so nebensächlich wirkende Figur ebenfalls in das Chaos verstrickt ist. Selbstverständlich hat auch die inzwischen wohl bekannte Misha später ihren großen Auftritt und steht plötzlich im Zentrum der Verwicklungen. Doch gerade zum Finale hin greift Padgett dermaßen in die Trickkiste und offenbart völlig unglaubwürdige Verbindungen zwischen den auftretenden Figuren, dass sie eine mehr als lebhafte Phantasie offenbart. Zum Finale hin scheint nichts unmöglich zu sein, als Leser bekommt man den Eindruck, als wollte Padgett bemüht alle erwähnten Namen in den Kriminalfall verwickeln, doch kann so etwas nicht funktionieren. Die Auflösung wirkt dermaßen konstruiert, dass ein mehr als fader Nachgeschmack bleibt, welcher durch das gefühlsduselige Happy-End noch verstärkt wird.

Auch in Sachen Figurenzeichnung weiß Padgett nicht zu überzeugen, insbesondere in der Gestaltung der Ich-Erzählerin wirft die Autorin mit Klischees nur so um sich. Hier lernen wir die eigentlich homosexuelle promovierte Sozialpsychologin Blue McCarron kennen, die nach gescheiterter Liebe mit ihrem Hund in die Wüste geflüchtet ist, um dort mit ihrem überragenden psychologischen Geschick Geld zu scheffeln. In einem dramatischen Moment lässt sie sich aber nach überstandener Todesgefahr vom männlichen Protagonisten zu einem kurzen Quickie überreden, bei dem sie sogleich vergisst, dass beim Sex zwischen Mann und Frau durchaus die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht.

Blues Familiengeschichte wirkt gleichfalls völlig überzeichnet; da ist einmal der frühe Tod der Mutter zu nennen, außerdem der Zwillingsbruder, der nun im Gefängnis sitzt und dort per Zufall die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Nach geschicktem Austausch eines gefüllten Präservativs ist seine Flamme nun schwanger geworden, sodass eine Traumhochzeit hinter Gittern stattfinden muss, die selbstverständlich der überglückliche Familienvater höchstselbst vornimmt. Eine solche Anhäufung ausgelutschter Klischees trägt wirklich nicht zum Lesespaß bei!

_Lauwarmer Kaffeekränzchenthriller_

„Eiskalt und knallwitzig“? Leider habe ich beides beim Lesen des Buches vermisst, denn der Kriminalfall kann an keiner Stelle dermaßen mitreißen, dass eine spannungsgeladene Atmosphäre aufgebaut werden könnte, auch eiskalt ist die Handlung an keiner Stelle. Von knallwitzig ist ebenfalls keine Spur; mir kam Padgetts Schreibstil eher dröge und konstruiert vor, eventuell mag sie sich bemüht haben, ihren Roman humorvoll klingen zu lassen, dabei herausgekommen ist allerdings ein lahmer Kriminalfall mit völlig überzeichneten Figuren und einer konstruierten Auflösung, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen. Selbst vor einem triefenden Kitschende schreckt Abigail Padgett nicht zurück und versetzt damit ihrem Buch noch den finalen Todesstoß.

Merkel, Rainer – Gefühl am Morgen, Das

Mit „Das Gefühl am Morgen“ legt Rainer Merkel seinen zweiten Roman vor. Für sein Erstlingswerk „Das Jahr der Wunder“ erhielt er 2001 den Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Er hat sich also viel Zeit für den Nachfolger gelassen, der erstaunlicherweise mit 150 Seiten Umfang auch recht kurz ausfällt.

Auf dem Buchumschlag wird „Das Gefühl am Morgen“ als Liebesgeschichte, die zwischen „Rausch und Zögern schwankt“, angepriesen. Doch die Erzählung als bloße Liebesgeschichte abzutun, wäre leichtfertig, denn einerseits ist das hier keine normale Liebesgeschichte, von der man Leichtigkeit und Pathos erwartet. Zumdem steckt hier noch mehr drin: „Das Gefühl am Morgen“ ist, wie es in der neueren deutschen Literatur doch häufig vorkommt, eine Erzählung, die sich mit dem Thema der 68er Generation und deren Folgen auseinandersetzt. Der „Held“ der Geschichte, Lukas, ist wie seine Partnerin Laura Kind von Eltern eben jener Generation, wobei man über die Familienzustände Lauras nichts erfährt. Generell wird der Leser hier in vielen Dingen im Unklaren gelassen. Der auktoriale Erzähler heftet sich ganz an Lukas und gibt trotzdem nicht alles wieder. Lange Ausflüge in die Gedankenwelt gibt es ebenso wenig wie Beschreibungen von Äußerlichkeiten.

Kennen gelernt haben sich die zirka 20-Jährigen auf einem langen Gang im Westberliner (die Erzählung spielt in den Achtziern) Studentenwohnheim Schlachtensee. Er war fasziniert von dem seltsamen Rhythmus ihrer Bewegungen, sie trat daraufhin ohne Grund in sein Zimmer. Man verbrachte die Nacht zusammen und kam nicht mehr voneinander los. Doch etwas stimmt da nicht: Wer an Liebe denkt, der denkt an Leichtigkeit, nervöses Kribbeln und Albernheiten. Die fehlen hier. Träge wirken beide, sie geht nicht gern aus, denn „das ist doch Zeitverschwendung“, er versucht sie zu beeindrucken, doch die gestelzten und konstruierten Sätze wirken fehl am Platz.

Das im Titel verwendete Wort „Gefühl“ wirkt im Hinblick auf diese Beziehung fast schon zynisch. In seiner Trägheit wirken die beiden Charaktere taub; sich als Leser in die Protagonisten „einzufühlen“, ist fast eine Unmöglichkeit. In Merkels Bemühungen, das Ganze vage zu halten, wirkt die Geschichte doch etwas konstruiert und aufgesetzt. Die Flachheit der Charaktere und die ständige Unklarheit über die Situationen (ob Lebens- oder Liebessituation der Protagonisten) stört den Lesefluss zusätzlich. „Das Gefühl am Morgen“ ist ein anstrengendes Vergnügen. Doch wer sich müht, wird tatsächlich auch belohnt. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto klarer wird, dass Merkel hier mehr im Auge hatte als eine bloße Liebesgeschichte. Bald kommt Lukas` Vater, ein hoch angesehener Psychoanalytiker, hinzu. So wird dem Leser die Tür zu einer interessanten Familienwelt geöffnet, zumindest einen Spalt weit. Denn auch hier wird keine Klarheit gegeben. So heißt es, dass Lukas‘ Mutter in Kalifornien lebt, mit seinem Bruder. Der Kontakt zur Mutter ist jedoch nur sporadisch, auch das Verhältnis von Vater und Mutter wird nicht aufgelöst. So bekundet der Vater zwar seine Zuneigung, lebt aber in Berlin und scheint gelegentlichen Affären auch nicht abgeneigt zu sein. Zudem scheint die Mutter den in Kalifornien lebenden Bruder zu überfordern, sie reist umher, scheint gesundheitliche Probleme zu haben und verprasst ungehemmt Geld.

Die Beziehung zwischen Lukas und seinem Vater ist eine sehr interessante. Der Sohn scheint eine gewisse Abneigung zu haben, sagt zu Laura, dass er ihn nur analysiere und für eine „Idee“ halte. Was das zu bedeuten hat, bleibt ungewiss. Feststeht, dass der Sohn in absoluter Abhängigkeit zu seinem Geldgeber steht. Der ist auch ganz spendabel, gibt Geld und psychologische Ratschläge freigiebig, was nichts daran ändert, dass auch diese Beziehung kalt bleibt.

Es ist eine schemenhafte Welt, in die uns Merkel hier entführt. Die Achtzigerjahre, die in den letzten Jahren ein Comeback erlebten, wirken hier alles andere als berauschend. Einschläfernd, ermüdend und trist ist das Bild, das man von der Welt und den Protagonisten bekommt. Geradezu lethargisch lässt Merkel seinen Lukas durch diese Welt stolpern, ohne Ziel und Energie. Er studiert Ethologie, ohne zu wissen, welchen Sinn das hat. Er scheint auf etwas zu warten, doch letztendlich verpasst er auch die Gelegenheit zu schätzen, was er hat. So zerbricht die Beziehung schließlich an der ungeplanten Schwangerschaft Lauras. Die bemerkt während eines Spaziergangs: „Wir laufen in die falsche Richtung.“ Einen anderen Weg zu gehen, das fällt aber keinem von beiden ein.

„Das Gefühl am Morgen“ ist eine interessante Erzählung, die aber Geduld braucht und es leider auch verpasst, den Leser zu unterhalten. Dafür lässt sie ihn auch noch nach der letzten Seite lange nachdenken, und das nicht nur über die Liebe.

Karl-Heinz Ott – Endlich Stille

„Solange ich in den ersten Tagen noch hoffte, er werde mir spätestens abends für den nächsten Morgen seine Abreise ankündigen, versuchte ich mir einzureden, dass unsere Fahrten übers Land auch mir etwas bringen, doch je planloser sich dieses Einerlei aus Landgasthofaufenthalten und Kirchenbesichtigungen fortzusetzen und ich mich wie ein Fremdenführer zu fühlen begann, desto öfter hätte ich manchmal einfach schreien und davonlaufen mögen.“

Endlich einmal „nein“ sagen können, das ist es, wovon der Protagonist aus „Endlich Stille“ nur träumen kann. Kurioserweise kauft er sich in Amsterdam ein Buch, mit dessen Hilfe man lernen soll, das Nein aus seinem Sprachschatz zu streichen. Als ihn in Straßburg ein Unbekannter mit der so harmlos wirkenden Frage „Suchen Sie auch ein Hotel?“ anspricht, gerät der Protagonist in einen Strudel von Ereignissen, wie er ihn sich nie hätte ausmalen mögen …

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Kureishi, Hanif – Gabriel\’s Gift

|Hanif Kureishis Roman „Gabriel’s Gift“ (dt. „Gabriels Gabe“) erinnert in vielem und viel zu sehr an seinen Debütroman „The Buddha of Suburbia“ (dt. „Der Buddha aus der Vorstadt“, 1990) und dessen Nachfolger „The Black Album“ (dt. „Das schwarze Album“, 1995), kann deren Tiefe und Originalität jedoch nicht erreichen.|

Die Handlung ist schnell erzählt: Der Vater des 15-jährigen Gabriel verlässt seine Familie, um ziellos durch London zu streunen und in einer billigen Absteige dahinzuleben. Er zehrt von den Erinnerungen an die guten, alten 70er, in denen er umgeben von Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll mit der Rockband um Lester Jones tourte, bis er während eines Konzerts von seinen Plateauschuhen kippte und nach dem Ausheilen der Verletzung nicht wieder in die Band aufgenommen wurde. Gabriels Mutter ist mit ihrem Geschäft pleite gegangen und versucht nun, ihren Sohn und sich mit einem Kellnerjob über Wasser zu halten. Gabriel selbst hat eine Gabe, wie bereits der Titelt verrät: ein Zeichentalent. Indem er dieses entwickelt, arbeitet er an der Erfüllung seines Traumes, findet sein Lebensziel und seinen Platz in der Erwachsenenwelt. Der Originaltitel ist doppeldeutig – handelt es sich bei dem „gift“ nicht nur um die „Gabe“, zeichnen zu können, sondern auch um ein „Geschenk“, das für einige Verwirrungen sorgt.

Wäre da nicht Kureishis spezieller Humor (Ironie, Satire, groteske Begebenheiten), gäbe es keinen Grund, diesen Roman zu lesen, denn es scheint, als seien dem Autor die Ideen ausgegangen. „Gabriel’s Gift“ liest sich wie eine Variation der Themen, die bereits im „Buddha of Suburbia“ oder in „The Black Album“ ausgearbeitet wurden. Wieder hat Kureishi einen Initiationsroman vorgelegt, in dem ein künstlerisch begabter Jugendlicher in einer verwirrenden, rassistischen Welt, bestehend aus unterschiedlichsten Typen (Homosexuellen, Künstlern, Menschen am Rande der Existenz), seinen Platz finden und am Erreichen seines persönlichen Traumes arbeiten muss.

Wie Karim („The Black Album“) und Shahid („The Buddha of Suburbia“) kommt der Held in diesem Roman aus einem wenig intakten Elternhaus der englischen Mittelklasse. Sein Vater ist – gelinde gesagt – ein Träumer, ein Spinner, ein ewig Gestriger oder, um es mit Gabriel zu sagen: „Had he been a woman, he might have been called hysterical. Instead he was deemed ‚moody‘, which, because of its ‚artistic‘ overtones (…) suited him.“ (dt. etwa: „Wäre er eine Frau gewesen, würde man ihn als hysterisch bezeichnet haben. Stattdessen hielt man ihn für „launisch“, was ihm der ‚künstlerischen‘ Untertöne wegen genehm war.“) Seine Mutter hingegen steht mit beiden Beinen im Leben und fürchtet nichts mehr, als dass der Sohn sich wie sein Vater zum Künstler berufen fühlen und dessen Ende nehmen könnte. Dementsprechend erzählt Gabriel ihr nichts von seinem ersten Job, bei dem er ein Aktportrait des homosexuellen Barbesitzers Speedy anfertigt, wobei der Leser die gleichen Ängste ausstehen muss, die Gabriels Eltern ausstehen würden, wüssten sie, dass er so engen Kontakt mit einem von Kureishis „love vampires“ pflegt. Man erwartet förmlich, dass Speedy den blutjungen Gabriel auf der Stelle verführt, doch hier reicht die Phantasie eines Kureishi-erfahrenen Lesers über die des Autors hinaus (oder er hat sich diesen Tabubruch nicht getraut).

Interessant an der Figur das Gabriel ist dessen tiefe Verbundenheit mit seinem verstorbenen Zwillingsbruder Archie. Wohl jeder, der bereits einen lieben Menschen verloren hat, kennt das Phänomen, dass man sich hin und wieder bei einem inneren Zwiegespräch mit dieser Person ertappt. Für Gabriel ist Archie der engste Vertraute, da ihm die Eltern aufgrund eigener Probleme oft nicht zur Seite stehen können/wollen. Mit Archies Augen gelingt es ihm, seine Situation objektiver zu betrachten. In Entscheidungssituationen wird der verstorbene Bruder so zu Gabriels rationaler innerer Stimme.

Amüsieren kann sich der Leser über die Figur des „Kindermädchens“ aus dem Ostblock, das zum Glücklichsein nichts weiter braucht als ausreichende Mengen an Nahrungsmitteln und die Seifenopern im Fernsehen. Zum Schmunzeln verleitet den Leser ebenso das altkluge und dennoch pointierte Reden Zaks (Gabriels bestem Freund), dessen Vater seine Familie überraschend für einen Liebhaber verlassen hat. Witzig sind auch Szenen, in denen mit Hilfe von Musik oder Anspielungen auf Musiker über das Leben philosophiert wird.

Sein ganz persönliches fiktionales Universum unterstützt Kureishi in „Gabriel’s Gift“ mit einem „Gastauftritt“ des Charlie Hero aus „The Buddha of Suburbia“, der immer noch ein populärer Rockstar ist, mit der Erwähnung von Deedee Osgood aus „The Black Album“ und mit der Enthüllung, dass Charlies Mutter und Karims Vater dazumal eine Affaire hatten. Dadurch wirkt „Gabriel’s Gift“, obwohl es eine Fiktion ist, authentischer.

Als jedoch für den Protagonisten in „Gabriel’s Gift“ zum Schluss der gemeinhin schwer zu erfüllende Traum vom Erfolg mit der Erfüllung des Traums von einer intakten Familie zusammenfällt, gibt der Autor seine ironisch distanzierte Haltung zugunsten einer märchenhaft irrealen Zusammenführung der Elternteile auf. Möglich, dass Kureishi damit den Lesern, die ein Happyend brauchen, entgegenkommen wollte. Möglich auch, dass der Autor genug hat von offenen Enden und traurigen Geschichten wie in „Love in a Blue Time“ oder „Intimacy“ (dt. „Blau ist die Liebe“, 1997; „Rastlose Nähe“, 1998). Objektiv betrachtet, stört dieser Schluss jedoch, weil er nicht zum realistischen Stil Kureishis passt. Auch dadurch überzeugt der Roman trotz guter Figurenanlagen und witziger Dialoge nicht. Man sollte in Mußestunden lieber zu einem der anderen Werke Kureishis greifen.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net

|Eine [deutsche Broschurausgabe]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499233118/powermetalde-21 erschien im März 2003 bei Rowohlt.|

Szerb, Antal – Reise im Mondlicht

|“Ich mag Menschen nicht, die nicht so sind wie andere Menschen. Schon die anderen Menschen sind widerlich genug. Und erst noch die, die nicht so sind.“|

_Honeymoon_

Schon auf ihrer Hochzeitsreise tun sich die ersten Abgründe zwischen Mihály und Erzsi auf: In einer Nacht in Venedig verläuft Mihály sich so lange in den Gässchen der Lagunenstadt, dass er erst morgens zu seiner frisch angetrauten Frau zurückkehren kann, und in Ravenna schließlich wird Mihály von seiner Vergangenheit eingeholt. Die byzantinischen Mosaiken rufen nämlich Erinnerungen an seine Jugendfreunde Tamás und Éva Ulpius wach, die ihn sehr verwirren. Kurz darauf taucht János Szepetneki auf, der ebenfalls zum früheren Freundeskreis gehört hat.

Nach dem Zusammentreffen mit János erzählt Mihály seiner Frau einiges über seine ehemaligen Freunde aus dem Ulpius-Haus, zu denen neben Tamás, Éva und János auch Ervin gehört hat, der damals vom Judentum zum Katholizismus übergetreten war. János glaubt nun, dass Ervin als Mönch in Umbrien oder der Toskana lebt, Tamás dagegen hatte sich damals selbst umgebracht, bevor er richtig erwachsen werden konnte.

Nach einem Brief von Erzsis erstem Ehemann Zoltán, in welchem dieser seinem Nachfolger Tipps für das Zusammenleben mit Erzsi gibt, fürchtet Mihály, seine Frau zu verlieren, da er ihr nicht den Luxus und die Sicherheit geben kann, die sie von Zoltán gewöhnt ist. Auf der Zugfahrt nach Rom beschließt Mihály, während eines Zwischenstopps einen Kaffee zu trinken. Als er den Zug weiterfahren sieht, springt er noch schnell auf, stellt allerdings zu spät fest, dass er sich im falschen Zug befindet. Dieser bringt ihn nach Perugia, wo Mihály eine ganz andere Reise antreten wird – eine, die ihn in seine eigene Vergangenheit und zu sich selbst führen wird …

_Eine Reise ins Ich_

„Reise im Mondlicht“ überzeugt in erster Linie, weil dieses Buch von ganz alltäglichen Dingen berichtet, von Selbstzweifeln eines fehlerhaften Helden, der nicht erwachsen werden mag und immer noch seinen Jugendfreunden und -erinnerungen hinterhertrauert. Antal Szerb erzählt in wunderbaren Worten eine einfache Geschichte, die großartig zu unterhalten weiß, weil man sich auf den Seiten wiederfinden kann und Szerb die Sorgen des Helden so darzustellen weiß, dass man sich mit ihnen identifizieren und sie miterleiden kann.

Schon auf der ersten Seite wird der Abgrund deutlich, der sich unweigerlich zwischen Mihály und Erzsi auftun muss, denn Mihály ist noch gar nicht reif, um die Verantwortung für seine Ehefrau und ihre Lebensgemeinschaft zu übernehmen. Von Kleinigkeiten und winzigen Gedanken lässt er sich ablenken; so benötigt es nur die kleinen Gässchen Venedigs, um ihn eine ganze Nacht lang während der Flitterwochen von Erzsi fernzuhalten. Schon Zoltáns Brief weckt solch starke Zweifel in Mihály, dass er praktisch das Ende seiner Ehe vorhersieht. Eine starke Bindung kann der Leser zwischen den beiden kaum erkennen, auch wenn Erzsi an der Ehe festhalten möchte, selbst nachdem Mihály nicht gedenkt, ihr nach Rom nachzureisen und die Zeit und Gelegenheit lieber nutzt, um eine Entdeckungsreise auf eigene Faust zu unternehmen.

Szerb erzählt auf großartige Weise eine Geschichte, die man einfach lieb gewinnen muss. Feine Ironie und gute Beobachtungsgabe zeichnen diesen Roman ebenso aus wie elegante Sprache und kuriose Begebenheiten, die die Erzählung scheinbar zufällig in eine bestimmte Richtung lenken. So lässt Szerb immer wieder Kleinigkeiten passieren, die dem Geschehen eine ganz neue Wendung geben und Mihály manchmal wie eine Schachfigur wirken lassen, die in einem größeren Spiel eingesetzt wird, welches andere Mächte für ihn entscheiden werden. Die Situationen entlocken uns dabei häufig ein Lächeln, wenn Mihály beispielsweise schusselig auf den falschen Zug aufspringt, sich aber schnell damit anfreundet, alleine Perugia zu erkunden und seine Ehe erst einmal auf Eis zu legen.

Derlei Dinge mögen einem vielleicht unwahrscheinlich erscheinen, sicherlich sind sie etwas überspitzt, aber hegen wir ähnliche Gedanken nicht zwischendurch alle einmal? Ist der Gedanke daran, sein altes Leben hinter sich zu lassen und neu zu beginnen, nicht völlig normal? Mihály lebt ihn schließlich für uns aus, weil er anders nicht sein Glück finden kann, und wir befinden uns in der glücklichen Lage, ihn auf dieser Reise begleiten zu dürfen. So tauchen wir in eine Welt ein, in der vieles möglich wird, und wir müssen sehen, welche Konsequenzen das Abwenden vom gewohnten Leben mit sich bringen kann. Auf diese Weise können wir von Mihály und seinen Fehlern vielleicht sogar noch lernen.

Aber dieses Buch hat noch mehr zu bieten, denn die gesamte Handlung spielt sich an traumhaft schönen Schauplätzen zunächst in Italien und später auch in Paris ab, die ihren ganz eigenen Reiz haben und ebenfalls zum Lesegenuss beitragen. Hierbei und auch bei den nostalgisch gefärbten Jugenderinnerungen Mihálys umschifft Szerb jedoch gekonnt jegliche kitschigen Klischees, die bei derlei Ausführungen so leicht auftauchen könnten.

_Alltagshelden_

In dieser Geschichte liegt einiges im Argen; jeder der Protagonisten offenbart seine guten wie auch schlechten Eigenschaften, Gut und Böse werden jedoch nie schwarz-weiß gezeichnet, die Grenzen dazwischen bleiben verwaschen. Im Zentrum steht natürlich Mihály, den wir auf seiner Reise begleiten. Auf den ersten Blick scheint er ziellos umherzuirren und lediglich vor seinem Leben und seiner Ehe zu fliehen, doch unweigerlich läuft alles auf eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit hinaus. So erahnt Mihály bald Ervins Aufenthaltsort und trifft ihn tatsächlich wieder. Die beiden unterhalten sich und Mihály muss erkennen, wie sehr sein alter Freund sich durch den Klosteralltag verändert hat, dennoch scheint er mit sich im Reinen zu liegen, wovon Mihály weit entfernt ist. Ervin kann seinem Freund noch einen guten Rat auf den Weg geben, doch wird es bei dieser einen Begegnung der beiden Jugendfreunde bleiben.

Mihály begibt sich nach Rom, um dort dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Immer hofft er auf ein zufälliges Zusammentreffen mit Éva, das selbstverständlich eintreten wird. Während seiner Wartezeit muss Mihály erkennen, wie wenig er doch seine eigene Vergangenheit verarbeitet hat, die er für abgeschlossen hielt. Unser Romanheld wird von kräftigen Schicksalsschlägen getroffen; schnell geht ihm das Geld aus, von seinem Bruder aus Ungarn erhält er einen Brief, der seine baldige Rückkehr einfordern will, und auch einen schweren Zusammenbruch mit anschließendem Krankenhausaufenthalt muss Mihály überstehen. Mihály ist alles andere als perfekt, und obwohl er seine Frau frühzeitig sitzen gelassen hat, obwohl sie ihm zuliebe doch ihren ersten Ehemann verlassen hat, wächst er uns ans Herz, sodass wir ihm wünschen, dass er endlich seinen Weg findet und glücklich werden möge.

Derweil sucht Erzsi alleine in Rom ihr Glück und trifft bald János Szepetneki wieder, der schließlich den Vermittler für Zoltán spielen wird. Zunächst hofft Erzsi noch auf Mihálys Rückkehr, doch muss sie bald einsehen, dass damit nicht zu rechnen ist. Dennoch will sie die Hoffnung auf eine Versöhnung nicht aufgeben. In der notwendigen Sparsamkeit geht sie vorerst völlig auf, da sie diese in der Ehe mit Zoltán so vermisst hat, aber schließlich sind es dann die Männer, die Erzsi lenken und ihre Geschicke für sie leiten. Solcherart erscheint uns Erzsi ein wenig als Spielball der Geschichte, dennoch verleiht Szerb natürlich auch ihr Merkmale, die sie liebenswert machen und stark erscheinen lassen können.

Zoltán erhält die Rolle des liebeskranken verlassenen Ehemanns, der zwar in Mihály keine bedrohliche Konkurrenz gesehen hat, jedoch in allen Männern, die Erzsi in Rom und später auch in Paris treffen würde. Um Erzsi zurückzugewinnen, erniedrigt sich Zoltán und will alles in seiner Macht Stehende tun, allerdings kommen dem Leser auch Zweifel, ob es wirklich um die Liebe geht oder einfach nur um den dabei zu erringenden Sieg?!

Antal Szerb zeichnet durchweg glaubwürdige Charaktere, die von vielen Seiten beleuchtet werden, um sie menschlich wirken zu lassen und eine Identifikation zu ermöglichen. Die Sympathien sind jedoch klar verteilt, denn als Leser hängt man sein Herz an Mihály, der kurz vor dem Abgrund zu stehen scheint.

_Traumwelten und Schuldzuweisungen_

Schon die Erlebnisse im Ulpius-Haus entscheiden über Mihálys Zukunft, in den Flitterwochen schließlich wird er von seinen Erinnerungen überrollt. Mit den Ulpius-Geschwistern konnte Mihály beim Theaterspiel viele Träume ausleben und Dinge geschehen machen, die im wirklichen Leben nicht möglich erschienen. Mit großer Hingabe sind die damaligen Freunde in unterschiedliche Rollen geschlüpft, die sicherlich charakteristisch für die Schauspieler waren. Mit Tamás und Éva war nichts unmöglich und in dieses Bild passt auch Tamás’ Selbstmord, der ihn vor einer Zukunft bewahrt hat, in der er sich unweigerlich von seinen Traumvorstellungen hätte lösen und Verantwortung für sich und andere hätte übernehmen müssen.

In etwas naiver Manier schafft Mihály es, sämtliche Schuld von sich zu weisen, immer sind es die kleinen Momente, die für ihn entschieden haben. In Venedig sind es die unübersichtlichen Gassen, in denen er sich verläuft, auf der Fahrt nach Rom ist der Zug schuld, der zu früh abfährt, und später ist es Ervin, der die Entscheidung für Mihály trifft und ihn nach Rom schickt. Nur selten scheint Mihály bewusst Entscheidungen für sein Leben zu treffen und so passt besonders das gelungene Buchende perfekt in das Gesamtbild.

_Klein, aber fein_

Antal Szerb benötigt weder Mord noch Totschlag und auch keine perfekten Charaktere, um eine absolut gelungene Geschichte zu präsentieren. Gerade die Fehler des Romanhelden sind es, die den Leser schmunzeln lassen und eine Identifikation ermöglichen. Auf jeder Seite fiebert man mit und wünscht Mihály so sehr, dass er endlich sein Glück finden möge, doch geschehen immer wieder Dinge, die seine Geschicke für ihn lenken. Auch sprachlich ist „Reise im Mondlicht“ eine erfreuliche Abwechslung vom oft anzutreffenden literarischen Einheitsbrei der „Massenschreiber“; jeder Zeile merkt man an, dass ein Literaturprofessor am Werke war, der die Sprache liebt – so macht das Lesen richtig Spaß. „Reise im Mondlicht“ ist ein Muss für jeden Buchliebhaber, der sich an den Kleinigkeiten erfreuen kann, an feiner Ironie und wunderbaren Sätzen, die eine liebevolle Geschichte von Alltagsmenschen erzählen. Dieses Buch ist einfach großartig!

http://www.dtv.de

|Ergänzend dazu: Michael Matzers [Rezension der Hörbuchfassung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2724

Niccolò Ammaniti – Ich habe keine Angst

Ein kleiner italienischer Junge entdeckt, dass sein Vater ein Kindesentführer ist. Der Gewissenskonflikt verursacht Michele schreckliche Albträume, und als er erfährt, dass man den Entführten töten will, fasst er einen verhängnisvollen Entschluss.

Der erfolgreiche Roman von Niccolò Ammaniti wurde mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Premio Viareggio. Das Buch erschien bei uns zuerst 2003 im Verlag C. Bertelsmann unter dem Titel „Die Herren des Hügels“.

Der Autor

Niccolò Ammaniti, Jahrgang 1966, ein römischer Biologe, konnte mich schon mit seiner überschäumenden Farce „Die letzte Nacht auf den Inseln“ für sich begeistern. Schon dort zeigt er, wie sich der Einzelne gegen absurde Widrigkeiten und die – häufig beiläufig und gedankenlos ausgeübte – Grausamkeit der Mitmenschen zur Wehr setzen muss. Oft befinden sich seine psychologisch ausgereift dargestellten Figuren in einer ausweglosen Situation.

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Kureishi, Hanif – Intimacy

_The Saddest Night_

|“Intimacy“ (dt. „Rastlose Nähe“) unterstreicht Hanif Kureishis Abkehr von der postkolonialen Thematik, steht jedoch in Offenheit, Ehrlichkeit und Tiefe der Beschreibung von inner- und zwischenmenschlichen Vorgängen in der Tradition der Werke, für die er bekannt geworden ist („The Buddha of Suburbia“, „My Beautiful Laundrette“ u. a.).|

„It is the saddest night, for I am leaving and not coming back.“ (dt. etwa: „Es ist die traurigste Nacht, da ich weggehen und nicht zurückkommen werde.“), konstatiert der Ich-Erzähler zu Beginn von Hanif Kureishis kurzem Roman und macht den Leser damit zum Mitwisser seines Plans, Lebensgefährtin und Kinder zu verlassen. Beschrieben wird auf den 118 Seiten im Wesentlichen die letzte Nacht, in der Jay (ein erfolgreicher Drehbuchautor) die zurückliegenden Jahre seiner eheähnlichen Beziehung mit Susann resümiert. Liebe und Leidenschaft sind abgekühlt und einem Nebeneinanderherleben gewichen. Was die beiden Menschen noch verbindet ist die Liebe zu ihren Kindern. In Flashbacks erfährt man, dass sein Sexualleben inzwischen mit Nina stattfindet – einer jungen Frau, die gekennzeichnet wird durch ihr unbeständiges Leben, geprägt von Ziellosigkeit, wechselnden Sexualpartnern und Drogenkonsum. Die Affäre mit ihr ist zum Zeitpunkt der Überlegungen, Susann zu verlassen, bereits vorüber, hat jedoch durch das tabulose Ausleben von Erotik Wünsche in Jay geweckt, die er nicht mehr bereit ist, hintenanzustellen.

Der Leser erfährt weiterhin von einer erfolglosen Paartherapie, von anderen Lebensentwürfen – dem seines Freundes Viktor oder des Familienmenschen Asif („Wisdom is to know the value of what we have.“) – von dem Verhältnis des Erzählers zu seinen Eltern, die das „bürgerliche Glück“ einer aufrechterhaltenen Ehefassade der individuellen Selbstverwirklichung vorgezogen und zum Schluss doch zu einer neuen „intimacy“ gefunden haben. Er wird hineingezogen in eine Diskussion über Ehe, Liebe, Leidenschaft, Genderkonzepte – kurz: über das universelle Glück der Menschen. Damit sind in diesem Roman des gereiften Kureishis die Pakistanis zumindest auf ihrer Suche nach Selbstverwirklichung nicht länger anders als Engländer. Ihre Probleme, Wünsche und Träume gehen über die Identitätssuche einer hybriden Persönlichkeit hinaus.

Auch „Intimacy“ ist geprägt von Themen, die bei Kureishi immer wieder auftreten. Musik, Drogen und Fashion sind dem Leben seiner Figuren inhärent, wohl auch aus dem Grund, dass sie Kinder der 70er sind, die mit ihrer Lebensphilosophie hier durchaus kritisch betrachtet werden.

Natürlich nimmt der Autor wie üblich kein Blatt vor den Mund, wenn es um sexuelle Handlungen geht. Man erlebt den Erzähler beim Geschlechtsverkehr mit Nina und folgt ihm ins Bad, wo er sich selbst befriedigt. Freimütig und derb wird über die sexuelle Einstellung seiner Freunde geredet. „Sometimes he fucked five people in a day, shoving his arm up to the elbow into men whose faces he never saw.“

Den typisch ironischen Humor Kureishis muss man ebenfalls nicht missen, zum Beispiel wenn er beschreibt, wie verzweifelt in die Jahre gekommene Frauen versuchen, sich ihr Alter nicht anmerken zu lassen oder, wenn es statt der Frauen die Männer der 90er sind, die auf den Büropartys über nichts anderes als ihre Kinder sprechen. Doch im Wesentlichen übernimmt der Roman die Stimmung des ersten Satzes. Der Leser steht mit dem Ich-Erzähler vor den Scherben dessen Lebens und vor philosophischen Phrasen, die nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Familie zerbrechen wird. Zwei Personen müssen einsehen, dass ihre Beziehung gescheitert ist und dass sie unabhängig voneinander weiterleben müssen. Durch die Schilderung seiner Affäre mit Nina (und anderen Frauen) fühlt man sich als Leser eher bestätigt, dass es Jay vorrangig um die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse geht, obwohl er selbst meist von „Liebe“ spricht. Das Ende des Romans hebt diese Sicherheit jedoch wieder auf, denn er endet optimistisch mit einer Beschreibung eines Momentes des vollkommen Glücks, der während eines Spaziergangs erlebt wird.

|Faber und Faber| haben sich in ihrer generell relativ haltbaren Paperback-Aufmachung bei „Intimacy“ zusätzlich für einen (gelben) Schutzumschlag entschieden, der einem Buch in Fragen „Ansehnlichkeit in späteren Jahren“ durchaus zuträglich ist. Die Schrift ist weniger gedrängt als in anderen Ausgaben von Kureishis Werken. Es findet sich sogar ein üppiger Rand, auf den man seine Anmerkungen kritzeln kann.

Alles in allem – ein lesenswerter Kureishi, der mit der Neudefinierung der britischen Identität abgeschlossen hat; ein Buch, das die Qual und die Freuden von Menschen analysiert, die versuchen mit einem anderen Menschen zusammenzuleben.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net/

|Eine [deutsche Fassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499229005/powermetalde-21 erschien 2001 unter dem Titel „Rastlose Nähe“ bei Rowohlt.

Besonders lohnend ist sicherlich die Geschichtensammlung [„Intimacy“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/349923193X/powermetalde-21 die im Juni 2001 anlässlich des gleichnamigen Films von Patrice Chéreau ebenfalls bei Rowohlt erschien und neben „Rastlose Nähe“ weitere Kurzgeschichten enthält, zusammen mit einem Essay und Szenenfotos aus dem Film.|

Kureishi, Hanif – Midnight all Day

_Vier blaue Stühle und ein emanzipierter Penis_

|Frage: Was haben blaue Stühle und ein Penis gemeinsam? Antwort: Sie erscheinen in Hanif Kureishis letzter Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“, die dem Leser die bekannte Mischung aus Humor, Liebe, Sex, Drogen, Musik und Desillusion bietet, sowie ein kafkaeskes Schmankerl beinhaltet, das mir die Tränen in die Augen getrieben hat – vor Lachen.|

Hanif Kureishi wurde 1954 als Sohn einer weißen englischen Mutter und eines pakistanischen Vaters in London geboren. Solchermaßen prägten die Auseinandersetzung mit rassischen Vorurteilen und die Suche nach der Zugehörigkeit zu einer Nation seine Jugend. Und die frühen Werke (Theaterstücke wie „Outskirts“, 1989; Film-Skripts wie „My Beautiful Laundrette“, 1984; Romane wie „The Buddha of Suburbia“, 1990) zeigen den Autor als anglophone Stimme der asiatischen Erfahrungen in England.

In neuerer Zeit, insbesondere ab „Intimacy“ (1998), tritt die Auseinandersetzung mit Rassismus weiter in den Hintergrund seiner Werke. Seine Hauptfiguren sind zwar häufig Engländer pakistanischer/indischer Abstammung, aber sie werden nicht vordergründig in rassischen Konflikten gezeigt. Stattdessen rücken allgemein-menschliche Themen in den Vordergrund, die sich auch in „Midnight all Day“ wiederfinden lassen. „Ich glaube, es gibt Phasen im Leben eines Autors, wo er sich auf ein Thema konzentriert. Zurzeit interessiert mich die Leidenschaft zwischen Mann und Frau. Die Anziehung, die manchmal so groß ist, dass es wehtut. In festen Beziehungen ist alles gefährlich nah beieinander: Gefühle wie Liebe und Hass, Verbundenheit und Abhängigkeit, Begehren und Wut.“ meint der Autor zu seiner Abkehr vom literarischen Rebellentum der frühen Jahre, die ihm so mancher Kritiker vorwirft.

Die zehn Geschichten in diesem Buch drehen sich somit vordergründig um Liebe in ihren verschiedenen Ausprägungen. Die abgeklärte Haltung des fast 50-jährigen Autors ist dabei nicht zu übersehen. So handelt die Geschichte „Four Blue Chairs“ (dt. „Vier blaue Stühle“) von ebenjenen Stühlen, die sich ein Pärchen kauft, das kürzlich zusammengezogen ist. Beide Partner haben bereits andere Beziehungen hinter sich und sind sich nicht sicher, ob sich der neuerliche Versuch, das Leben mit einem anderen Menschen zu teilen, wirklich lohnt. Die Entscheidung für den Kauf der Stühle für die gemeinsame Wohnung fällt leicht, die Kaufhandlung ebenso. Erst der Transport der schweren unhandlichen Möbelstücke zeigt, dass dem Entscheiden und dem Tragen von Konsequenzen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beizumessen sind. Solchermaßen wird der Stuhlkauf zu einer Metapher für das Führen von Beziehungen in unseren Tagen.

Erfreulich an dieser und anderen Geschichten des Bandes ist auch, dass Kureishis Helden fernab von idyllischer Romantik konstruiert sind: körperliche Unzulänglichkeiten paaren sich mit Hilflosigkeit, Unter- oder Überlegenheitsgefühlen und mit Angst vor Konflikten, die zum Ende der Beziehung führen könnten. Viele Protagonisten finden Erfüllung nur noch im Drogenrausch und stehen vor den Scherben ihres Lebens, wenn sie vom Trip zurück sind. Für andere wird Musik zur Ersatzreligion und zur Möglichkeit der Realitätsflucht in rauschhafte Zustände (vgl. „That was Then“, dt. „Das war früher“).

Und immer wieder – so z. B. in der Geschichte „Girl“ (dt. „Mädchen“) – werden Themen angeschnitten wie Gewalt in Familien sowie soziale Unterschiede zwischen den Menschen in der City Londons und den Vororten. Literarisch verpackt wird auch die Dekonstruktion von Mythen über die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und die theoretische Auseinandersetzung mit der Schriftstellerei.

Die Protagonisten sind jedoch trotz ihrer komplizierten Vergangenheiten, von denen sie immer wieder eingeholt werden, gezwungen, ihrer Leben vorwärtsgewandt auszurichten. „Sucking Stones“ – nennt Marcia in der gleichnamigen Geschichte den sinnlosen Zustand der Stagnation, der sonst eintritt: „We look to the old things and to the old places. […] Even when there’s nothing there we go on. But we have to find new things, otherwise we are sucking stones.“ (dt. etwa: „Wir halten an den alten Plätzen und Dingen fest. […] Selbst wenn dort nichts mehr zu holen ist, machen wir damit weiter. Aber wir müssen neue Dinge finden, sonst sind wir verdammte Steine.“)

Die Geschichte „The Penis“ (dt. „Der Penis“) sticht ähnlich wie im ersten Kurzgeschichtenband „Love in a Blue Time“ (1997) die Geschichte „The Flies“ (dt. „Die Fliegen“) durch ihre Absurdität heraus. Der Einstieg dürfte manchem Zeitgenossen aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen: Ein Mann kehrt eines Abends sturzbetrunken von einer Party nach Hause zurück und kann sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Grotesk wird es erst, als seine Ehefrau ihn mit einem „penis – complete with balls and pubic hair“ („ein Penis – komplett mit Hoden und Schamhaar“) konfrontiert, den sie in seiner Manteltasche gefunden haben will. Einer Erklärung nicht mächtig, ist der Mann nur bestrebt, diesen Penis so schnell wie möglich loszuwerden; was ihm erst gelingt, als er ihn in mehrere Lagen Papier eingewickelt von einer Brücke wirft, wo er statt im Wasser auf einem Ausflugsdampfer landet.

Unweit von dieser Brücke entfernt wacht an ebenjenem Morgen Pornostar Doug auf und muss erschrocken feststellen, dass ihm sein bestes Stück abhanden gekommen ist. Somit seiner Erwerbsgrundlage entzogen, begibt er sich verzweifelt auf eine Kneipentour; teils um sich vollaufen zu lassen, teils um zu schauen, ob irgendwo (s)ein Penis abgegeben wurde. Schließlich entdeckt er den Flüchtigen „tall, erected and wearing dark glasses and a fine black jacket“ („groß, erigiert und mit Sonnenbrille und einer schicken schwarzen Jacke bekleidet“) in Begleitung einer Frau auf der Straße. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, an dessen Ende Doug seinen Penis stellen kann. Wie die anschließende Diskussion über Ausbeutung und darüber, wer ohne wen ein Nichts ist, ausgeht und, ob Doug seinen Penis zur Rückkehr bewegen kann, erfährt man in Kureishis Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net

|Eine [deutsche Fassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499231247/powermetalde-21 ist als „Dunkel wie der Tag“ bei Rowohlt erhältlich.|

Hanif Kureishi – Love in a Blue Time

Love Vampires

1997 veröffentlichte Hanif Kureishi seine erste Sammlung von Kurzgeschichten „Love in a Blue Time“ (dt. „Blau ist die Liebe“, eigentlich: „Liebe in einer traurigen Zeit“) und zeigte, dass er auch die kurze Prosaform auf seine witzige, freizügige und moderne Weise beherrscht und eine sehr abgeklärte Einstellung zur Liebe hat.

Ein erotischer Akt schemenhaft im Hintergrund des blauen Buchcovers, übergroß der Name des Autors und karminrot der Buchtitel – auf den ersten Blick möchte man meinen, dass eine Mogelpackung verkauft werden soll, sich die Texte vielleicht hinter dem inzwischen „bestsellenden“ Autorennamen verstecken müssen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt bereits das Inhaltsverzeichnis mit Titeln wie „My Son the Fanatic“ (dt. „Mein Sohn der Fanatiker“) oder „Nightlight“ (dt. „Nachtlicht“), dass hier wichtige Stationen in der Entwicklung Kureishis als Autor versammelt sind.

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Hanif Kureishi – Das schwarze Album

_Die Geschichte eines anderen Londons_

|Auf dem Flur seines abgewrackten Londoner Wohnheims begegnet der unbedarfte Literaturstudent Shahid dem Anführer einer militanten Moslemgruppe und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Kureishis zweiter Roman zeigt unter anderem, wie subtil und willkürlich die Veränderungen sind, die einen Kleinstadtjungen zu einem Terroristen werden lassen.|

Bekannt ist „Das schwarze Album“ vor allem für Kureishis Verarbeitung der Fatwa gegen Salman Rushdi, dessen „Satanische Verse“ (1988) bis heute nicht nur eine schwer verdauliche Lesekost sind, sondern dessen sehr freie Darstellung des frühen Lebens des Propheten Mohammed zudem unter Muslimen zu einer Protestbewegung mit wochenlangen Demonstrationen und Ausschreitungen gegen den Autor geführt hatte. Obwohl sich Rushdi Ende 1990 öffentlich von seinem Roman distanzierte und zum Islam bekannte, blieb die Fatwa mit einem Kopfgeld in Millionenhöhe bis 1998 bestehen. Der damalige iranische Präsident Khatami erklärte zu diesem Zeitpunkt den Fall Rushdi für erledigt, extreme Moslemgruppen wie die „Stiftung 15. Chordad“ meldeten sich jedoch bald zu Wort und bekräftigten das Todesurteil, so dass der Autor sich bis heute nicht völlig sicher fühlen kann.

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Franzen, Jonathan – Korrekturen, Die

Auf allen Bestsellerlisten standen „Die Korrekturen“ ganz oben, sämtliche Kritiker überhäuften Jonathan Franzen mit Lob und 2001 wurde ihm der |National Book Award| verliehen. Doch was ist es eigentlich, das dieses Buch ausmacht? Warum haben so viele Menschen es gelesen? Und warum lieben wir es, obwohl auf der Handlungsebene so wenig passiert?

_Nobody’s perfect_

Alfred und Enid Lambert wollen zusammen auf eine Kreuzfahrt gehen und vorher ihre beiden Kinder Denise und Chip besuchen. Das Familientreffen soll in Chips New Yorker Wohnung stattfinden, doch als Chip genau in diesem Augenblick von seiner Freundin Julia verlassen wird und einsieht, dass er in seinem Drehbuch noch einige Änderungen vornehmen muss, lässt er seine Eltern stehen und begibt sich zu seiner Verlegerin Eden, der er das Drehbuch entreißen will, bevor sie es lesen kann. Denise kocht ihren Eltern derweil ein Essen und verbringt mit ihnen den Mittag, bevor sie Alfred und Enid zum Schiff begleitet.

Im Zentrum der gesamten Geschichte steht das bevorstehende Weihnachtsfest, das Enid gerne mit ihrer gesamten Familie, also den Kindern Gary, Chip und Denise und Garys Frau Caroline und den drei Kindern, in St. Jude im elterlichen Haus verbringen möchte. Alfred ist an Parkinson erkrankt und hat mal mehr mal weniger mit seiner Gesundheit zu kämpfen, und auch Enid wird von ihrer kranken Hüfte geplagt, daher wünscht sie sich nichts mehr als dieses gemeinsame Weihnachtsfest, doch haben nicht alle Kinder die Absicht, Enid diesen Wunsch zu erfüllen.

Zu Beginn lernen wir Chip näher kennen, der einst erfolgreich als Dozent an einem College gearbeitet hat, bis seine Affäre mit einer Studentin bekannt wurde, die ihn Beförderung und Job gekostet hat. Nun schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben und schreibt Drehbücher. Denise ist Chefköchin in einem noblen Restaurant, hat allerdings schon eine geschiedene Ehe vorzuweisen und will auch einfach kein Glück in der Liebe haben. Auch Gary hat es mit seiner Frau und den drei Kindern nicht besser getroffen, denn an seinem ehelichen Himmel ziehen dunkle Gewitterwolken auf, wenn er das Weihnachtsfest in St. Jude erwähnt. Seine Frau weigert sich, das Weihnachtsfest bei ihren Schwiegereltern zu verbringen und manipuliert die gemeinsamen Kinder soweit, dass sie sich von ihrem Vater abwenden. Sie scheint größten Gefallen daran zu finden, sich über Gary und seine Familie lustig zu machen.

Auf der Kreuzfahrt schließt Enid schnell Bekanntschaft mit einer netten Frau, die ihr ein persönliches Geheimnis anvertraut, während die beiden sämtliche Vorzüge der Kreuzfahrt genießen. Doch dann sieht Enid ihren Mann Alfred vom Schiff fallen …

_Korrigiere dein Leben_

Trotz aller Vorschusslorbeeren stand ich den „Korrekturen“ äußerst skeptisch gegenüber, denn bei seinen knapp 800 Seiten und dem offensichtlich spärlichen Inhalt machten sich zunächst gewaltige Zweifel breit, die von den ersten 25 Seiten des Buches noch bestärkt wurden. Das erste Kapitel nämlich zieht sich wie Kaugummi und erzählt eine Geschichte, die ich auch nach zweifachem Lesen nicht recht nachvollziehen konnte. Doch mit dem Beginn des zweiten Kapitels erscheint uns der Autor wie ausgewechselt, erst hier beginnt die eigentliche Erzählung, die vom ersten Moment an mitzureißen weiß.

Jonathan Franzen zeichnet ein wunderbares Bild seiner fünf Protagonisten, denen viel Raum im Buch gewidmet ist. Jedes der drei Lambertschen Kinder erhält hierbei sein eigenes Kapitel, während Enid und Alfred ganz nebenbei auftauchen. Mit jeder Seite wachsen einem die handelnden Personen mehr ans Herz, denn jeder hat irgendwo einen kleinen Spleen oder eine besondere Eigenart, die sie so sympathisch machen. So ist Alfred früher Hobby-Wissenschaftler gewesen, der hauptberuflich für die Eisenbahn gearbeitet und in seinem Keller chemische Experimente durchgeführt hat, die ihm einige Patente eingebracht haben. Doch nun ist er krank geworden und sieht des Nachts seltsame Scheißhaufen (das ist wörtlich zu nehmen) durch sein Zimmer springen.

Chip hat kein Glück mit Frauen und vergnügt sich daher oft genug auf und mit seinem eigenen Sofa, außerdem schuldet er seiner Schwester einen Haufen Geld. Gary dagegen steht unter dem Pantoffel seiner eigenen Frau. In ihrer Ehe spürt man keine Liebe mehr, sie wird eher als eine Art Kampf dargestellt. Garys Frau Caroline zieht die gemeinsamen Kinder auf ihre Seite, stichelt gegen ihren Mann, straft ihn mit Missachtung und will sich nicht zu einem Weihnachtsfest in St. Jude überreden lassen, während Gary beschließt, alleine zu seinen Eltern zu fahren, um den ehelichen Frieden zumindest oberflächlich wieder herzustellen.

Mit seinem ausführlichen und liebevollen Schreibstil schafft Franzen es, dass der Leser sich ein sehr gutes Bild von der Familie Lambert machen kann, wir erleben hautnah all die familiären Katastrophen mit, die die Lamberts zu ertragen haben. Dabei vergeht im Haupterzählstrang nicht viel Zeit, während uns Franzen oftmals in einer Nebenerzählung weiter in die Vergangenheit entführt, um mehr über die Lambertschen Kinder und ihr Leben zu berichten. Während dieser Vorstellungen werden also wesentlich größere Zeitspannen abgearbeitet. Die Charakterzeichnungen sind so gut gelungen, wie man es nur äußerst selten erleben kann. Kaum ein Autor schafft es, seinen Lesern die handelnden Romanfiguren so deutlich vor Augen zu führen wie Franzen, das allein macht das Buch schon zu einem einzigartigen persönlichen (Lese-)Erlebnis.

Franzens Sprache ist zwar einfach aber ausschmückend; so bedient er sich zahlreicher Adjektive, um seinen Beschreibungen noch mehr Farbe zu verleihen, er ist mit viel Liebe zum Detail bei der Sache. Seine Beschreibungen sind ausführlich, lebendig und so detailliert, dass man sich beim Lesen mitten in der Geschichte wiederfindet. In diesem Buch entfaltet Jonathan Franzen sein gesamtes hervorragendes Erzähltalent, das eine oberflächlich betrachtet einfache Geschichte über alltägliche Menschen über eine epische Breite von knapp 800 Seiten gekonnt und unterhaltsam vorzutragen weiß, ohne nach dem zweiten Kapitel auch nur einen Moment lang zu langweilen.

Der Autor splittet seine Geschichte in mehrere Handlungsstränge, die sich an einem Zeitpunkt wiedertreffen und hier überzeugend zusammengeführt werden. Ein wenig Aufmerksamkeit ist allerdings erforderlich, um den Zeitverlauf immer richtig einzuordnen, doch wer würde bei einer so liebevollen Erzählung seine Konzentration freiwillig schweifen lassen?

Zwischendurch wird nur bedingt Spannung aufgebaut; im Grunde genommen gibt es nur einen Moment, der den Leser so sehr an das Buch fesselt, dass man es nicht mehr aus der Hand legen könnte. An dieser Stelle nämlich erhält Gary einen aufgeregten Anruf seiner Mutter, die Schreckliches von der Kreuzfahrt zu berichten hat, doch erst viel später erfährt der Leser, dass Alfred vom Schiff gefallen ist. Bis Franzen uns aber offenbart, was aus dem Lambertschen Familienoberhaupt geworden ist, spannt er uns lange Zeit auf die Folter. Jonathan Franzen bedient sich noch ganz anderer Elemente, um den Leser bei der Stange zu halten, seine faszinierende Erzählweise ist es, die zu unterhalten weiß.

„Die Korrekturen“ haben ihre Lobhudeleien völlig zu Recht verdient. Über die gesamte Strecke des Buches führt uns Jonathan Franzen ein liebevolles Familienportrait über eine merkwürdige, aber irgendwo doch alltägliche Familie vor Augen, das sympathisch geschrieben und überzeugend erzählt ist. So wachsen einem die Romanfiguren dermaßen ans Herz, dass man sich völlig in der Geschichte verliert und am Ende die eine oder andere Träne verdrücken muss, wenn man sich von Familie Lambert leider wieder verabschieden muss. Dieses Buch besticht durch seine ausgezeichnete Erzählweise und wird dadurch zu einem literarischen Hochgenuss und einem absoluten Muss für jeden Buchwurm!

S. 9: |“Drei Uhr am Nachmittag war eine Zeit der Gefahr in den gerontokratischen Vororten von St. Jude. Alfred hatte seit dem Mittagessen in seinem großen blauen Sessel geschlafen und war gerade aufgewacht. Nun lag sein Nickerchen hinter ihm, und die nächsten Lokalnachrichten kamen erst um fünf. Zwei leere Stunden waren eine Nebenhöhle, in der Infektionen keimten. Er rappelte sich hoch und stand neben der Tischtennisplatte, vergebens horchend, ob Enid sich oben regte.“|

Sharpe, Matthew – Eine amerikanische Familie

Die Geschichte, die hinter der Veröffentlichung von „Eine amerikanische Familie“ steckt, mutet schon ein wenig fantastisch an. Mehr als 20 Verlage ließen Matthew Sharpe mit seinem Roman abblitzen, bis der winzige New Yorker Verlag |Soft Skull Press| Sharpes Buch druckte. Ein paar Wochen später war der Roman ein absoluter Renner. Die Kritiker zeigten sich begeistert und mittlerweile sind sogar schon die Filmrechte verkauft. Die Pressestimmen auf dem Klappentext verheißen Gutes. Vollmundiges Lob und ein Vergleich mit Jonathan Franzens [„Die Korrekturen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1233 lassen Freunde moderner amerikanischer Literatur in jedem Fall aufhorchen.

Eine schrecklich nette Familie: Chris Schwartz ist 17, ein vorlauter Klugscheißer aus Bellwether, Connecticut, der zu allem und jedem einen blöden Spruch macht. Seine ein Jahr jüngere Schwester Cathy unternimmt trotz der jüdischen Wurzeln ihrer Familie gerade einen Ausflug zum Katholizismus, getreu ihrem Vorbild der jüdischen Märtyrerin Edith Stein folgend. Pubertät wäre mit Blick auf beide ein passendes Stichwort. Vater Bernard schafft es, nachdem seine Frau ihn verlassen hat, kaum noch ohne seine tägliche Dosis Prozac aus dem Bett, während seine mittlerweile von ihm geschiedene Frau Lila nach Kalifornien durchgebrannt ist und dort Karriere macht. Alles ganz normal bei den Schwartzens.

Das ändert sich schon bald, als Bernard versehentlich seine Antidepressiva vertauscht. Er erleidet einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Als Bernard aufwacht, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Sohn und Tochter geleiten den Vater zurück in den Alltag, der sich für Bernard erschreckend befremdlich gestaltet. Er muss die einfachsten Handgriffe neu erlernen und tut sich mit so ziemlich allem schwer. Doch besonders Chris kümmert sich rührend, seine Schulbildung opfernd, um Bernards Training. Zusammen schlingert die Familie durch so manche kleinere und größere Katastrophe. Die Sprösslinge werden stetig, und ohne es recht zu merken, erwachsen und während sie ihre Unschuld verlieren, hat Vater Bernard sie wieder zurückgewonnen …

„Eine amerikanische Familie“ erzählt genau das, was der Titel vermuten lässt: Die Geschichte einer amerikanischen Familie. Etwas plump mag der deutsche Titel wirken (im Original heißt es: „The Sleeping Father“), aber er trifft’s halt. Sharpes Roman ist in erster Linie eine Familiengeschichte. Und die kommt so komisch und schräg daher, dass das Lesen von der ersten bis zur letzten Seite durchweg Spaß macht.

Den Reiz des Romans macht dabei seine Mischung aus. Auf der einen Seite irrsinnig witzig, auf der anderen Seite alles andere als eine Komödie. Sharpe gelingt der Drahtseilakt zwischen Dramatik und Witz, zwischen Humor und Melancholie. Verglichen wird „Eine amerikanische Familie“ im Verlagstext mit Sam Mendes‘ Film „American Beauty“, in dem Kevin Spacey als von Midlife-Crisis geplagter Vorstädter die Höhen und Tiefen eines sich wandelnden Familienlebens durchmacht. Ganz grob kann man den Vergleich im Grunde stehen lassen. Im Detail gibt es natürlich zu viele Unterschiede, um beides wirklich in einen Topf werfen zu können, aber die Stimmung ist in beiden Werken durchaus ähnlich. Diese Mischung aus Witz und Melancholie und dieser alles durchdringende Sarkasmus, der im Endeffekt dazu dient, den wahren Kern des heutigen Amerika zu entblößen, ist beiden Werken gemein.

Doch während die Figuren in „American Beauty“ so erschreckend normal wirken, präsentiert sich bei „Eine amerikanische Familie“ manches etwas überspitzt, was Sharpe aber andererseits durch seine feinfühlige Erzählweise kompensiert. Mag einiges, wie zum Beispiel die Entführung des Vaters zu Thanksgiving aus dem Krankenhaus oder Chris‘ „Make-up-Aktion“ am Krankenbett des schlafenden Vaters, noch so überzogen anmuten, so zeigt Sharpe dennoch, dass er ein Herz für seine Figuren hat. Wirken gerade Chris und sein Kumpel Frank auch noch so bitterböse und beleidigend auf andere Menschen, so erkennt man doch stets ihren guten Kern. Sharpe schafft es, trotz der scheinbar eher oberflächlich angelegten Erzählung, trotz des Humors, der zwischen den Zeilen funkelt, ein überraschend tiefes Bild seiner Figuren zu skizzieren. Er entblättert auf so lockere und unterhaltsame Art ihr Innerstes, dass es ein wahrer Genuss ist.

Sharpe wechselt immer wieder die Perspektive, verfolgt mal Bernard oder Lila, meistens aber Cathy und Chris. Und so ist „Eine amerikanische Familie“ eben auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über die ersten sexuellen Erfahrungen und über die Tücken der Pubertät. Besonders Chris macht mit der Zeit einen Reifungsprozess durch und ist die heimliche Hauptfigur in Sharpes Roman. Seine bösartige Ironie trägt er wie eine Art Schutzschild vor sich her und wenn jemand auf die gleiche Art kontert, wie er zuvor ausgeteilt hat, ist er verunsichert. Er wandelt etwas haltlos durch seinen Alltag und weckt hier und da Erinnerungen an Holden Caulfield in J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“.

Was an der Lektüre so erfrischend ist, ist Sharpes Stil. Voller Wortwitz, raffiniert erzählt, bissig und gespickt mit Pointen, ist „Eine amerikanische Familie“ ein Roman, der Spaß macht. Sharpes Stil ist eine Stil der schnellen Schnitte. Er braucht keine großen Worte, um in der Handlung von einer Figur zur nächsten überzuleiten. Die Wechsel vollziehen sich wie von selbst. Temporeich treibt er die Geschichte voran, von der der Leser vielleicht manches vorausahnen mag, es dann aber in Sharpes Worten präsentiert zu bekommen, macht diese Transparenz wieder wett.

Was in meinen Augen ein wenig hinkt, ist der Vergleich mit Jonathan Franzens [„Die Korrekturen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1233 Beiden gemein ist zwar eine genaue Beobachtungsgabe mit einem Blick für kleine unscheinbare Details und beide haben sicherlich einen Sinn für Humor der eher trockenen Sorte, dennoch ist Sharpes Werk irgendwie lauter und frecher. Wenn Jonathan Franzen Pop ist, dann ist Matthew Sharpe Rock.

Thronend über all dem steht Sharpes Sinn für Sarkasmus und Ironie. |“Egal, ob einem die Ironie entging oder nicht, der Ironie entging man auf keinen Fall.“| (S. 150) Das scheint nicht nur Chris‘ Einstellung widerzuspiegeln, sondern lässt sich auch auf Matthew Sharpes Art des Erzählens übertragen. Daraus ergibt sich ein unnachahmlich heiterer Erzählstil, der richtig Lust darauf macht, mehr von Sharpe zu lesen. Doch da wird der deutsche Leser sich wohl noch gedulden müssen, bis mehr von Sharpe auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erscheint bzw. auf die amerikanischen Originalausgaben umsatteln müssen. Da gäbe es dann immerhin noch einen Band mit Kurzgeschichten („Stories from the Tube“, 1998) und den Roman „Nothing is Terrible“ (2000).

Bleibt unterm Strich der Eindruck eines wirklich lohnenswerten Buches für Freunde moderner und vor allem unterhaltsamer amerikanischer Literatur. Wer die Stimmung und die Art des Films „American Beauty“ mochte, der wird auch an Matthew Sharpes „Eine amerikanische Familie“ seine wahre Freude haben. Ein Buch, das gewitzt, schräg, herzerfrischend, herrlich ironisch und ganz nebenbei so feinfühlig und mit einem ausgeprägten Sinn für Melancholie daherkommt, dass man es mitsamt seiner Figuren einfach mögen muss. Für mich eines der bislang unterhaltsamsten Bücher dieses Jahres. Bitte mehr davon!