Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Dresden 1945 – New York 9/11: Odyssee zum Geheimnis

Dies ist die Geschichte von Oskar Schell. Oskar ist neun, er ist Erfinder, Pazifist, Veganer, Schmuckdesigner und Tamburinspieler. Obendrein hat er jede Menge Frage, auf die er dringend eine Antwort braucht. Wieso gab es den Anschlag vom 11. September? Warum musste sein Vater eines der Opfer sein? Als er in dessen Sachen einen Schlüssel in einem Umschlag mit der Aufschrift „BLACK“ findet, probiert er alle Schlösser in der Wohnung durch: nichts. Bleibt also nur, alle Menschen in New York City, die Black heißen, zu befragen, ob der Schlüssel bei ihnen passt. Eine abenteuerliche Odyssee beginnt.

Der Autor

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Defoe, Daniel – Robinson Crusoe (Hörbuch)

_Abenteuerlich: Vom Schiffbrüchigen zum Vizekönig_

Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe, eines Seemannes aus York, welcher 27 Jahre ganz allein auf einer unbewohnten Insel vor der südamerikanischen Küste nahe der Orinoco-Mündung lebte. Ein Schiffbruch, bei dem die ganze Besatzung ums Leben kam, verschlug ihn auf dieses selbst von Kannibalen nur selten besuchte Eiland.

_Der Autor_

Daniel Defoe wurde als Sohn eines Fleischers Anfang 1660 in London geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung gab er mehrere Zeitschriften heraus, ein Angriff auf die Kirche brachte ihn sogar ins Gefängnis. Wieder entlassen, schrieb er zahlreiche Romane wie etwa „Moll Flanders“ und „Roxana“. Mit „Robinson Crusoe“ erzielte er im Jahre 1719 einen Welterfolg, dem er mehrere Fortsetzungen folgen ließ. Defoe starb am 26. April 1731 in London.

_Sprecher, Produktion, Übersetzung_

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen der Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören auch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Margrit Osterwold führte bei diesem Hörbuch Regie und Ansgar Döbertin steuerte den Ton aus. Der Text wurde gekürzt.

Die Übersetzung stammt von Sybil Gräfin Schönfeldt. Die promovierte Germanistin und Kulturwissenschaftlerin ist eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen, schreibt der Verlag. Für ihre Jugendbücher wurden ihr der Deutsche Jugendliteraturpreis und der Europäische Jugendbuchpreis verliehen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Entgegen der Darstellung in den populären Kinder- und Jugendbüchern begannen Robinson Crusoes Abenteuers keineswegs damit, dass er auf einer einsamen Insel strandete. Da kam noch eine ganze Menge vorher, wie diese Textfassung zeigt. Und das macht das Hörbuch eigentlich spannender als die altbekannten Versionen.

Robinson Crusoe wird 1632 in York in eine angesehene Familie geboren, die aus Deutschland eingewandert ist. Sein Vater, der aus Bremen stammt, hieß ursprünglich Kreuzner, bevor er sich umbenannte, denn die Engländer sprachen seinen Namen stets wie „kru:so“ aus. Nach seiner Heirat zog er nach Hull, der Heimatstadt seiner Frau. Er verlor zwei seiner drei Söhne, und natürlich sollte Robinson, der Jüngste, etwas Rechtes werden: Jurist.

Doch Robin, wie ihn sein Paps nennt, ist keineswegs ein Freund der Schrift, sondern sein Herz hat ständig Fernweh. Er will zur See fahren. Es gab damals nur wenige schlechtere Berufe, etwa Latrinenreiniger. Folglich stellt ihn der entsetzte Vater vor die Wahl: volle Unterstützung in der Juraausbildung oder null Unterstützung als Seemann. Er spricht prophetische Worte: Eines Tages werde niemand da sein, um für Robin zu sorgen. Doch Robinsons gute Vorsätze nach dieser Gardinenpredigt sind schon bald vergessen, und auch von Mutterseite erfährt er nur Ablehnung für seinen Berufswunsch.

|Nach London|

Am 1. September 1651 geht der 19-Jährige ohne Abschied und Segen an Bord eines Schiffes, das ihn von Hull nach London bringen soll. Ein Kamerad hat ihn dazu überredet. Robinson bereut es sofort. Schon im ersten Sturm wird er seekrank, und er ertränkt Kummer und Vorsätze im Punsch. In Yarmouth wird das Wetter kaum besser, und das Schiff sinkt im Sturm, so dass die Seeleute froh sind, mit dem nackten Leben davonzukommen. Doch die Scham hindert Robinson, zu seinem Vater zurückzukehren.

|Nach Afrika|

Er geht an Bord eines so genannten „Guineafahrers“, aber nicht in Lohn und Brot, sondern als Passagier. Doch die Investition von 40 Pfund erweist sich als lukrativ, als er mit Gold zurückkehrt. Leider stirbt der freundliche Kapitän, und auf der zweiten Guineafahrt ereilt Robinsons Schiff das Unglück: Türkische Piraten entern es vor den Kanarischen Inseln und nehmen alle gefangen. Zwei Jahre lang schmachtet unser Freund in der marokkanisch-türkischen Sklaverei, bevor sich ihm die Gelegenheit zur Flucht bietet.

|In die Freiheit|

Doch inzwischen verfügt er über genügend nautisches Wissen, um sein kleines Segelboot nach Westen zu navigieren. Es ist eine sehr lange Reise zu den Kapverdischen Inseln vor Westafrika, wo ein Brasilienfahrer ihn freundlich an Bord nimmt. In Bahia gründet und betreibt Robinson erst einmal eine Zuckerrohrplantage, doch es ist abzusehen, dass sie ohne billige Arbeiter nicht wirtschaftlich zu betreiben ist. Er und andere Unternehmer brauchen Sklaven. Am 1. September 1659 – exakt acht Jahre nach seiner Ausfahrt von Hull – begibt sich Robinson auf seine vorletzte Segelfahrt.

|Schiffbruch|

Doch statt nach Guinea zur Sklavenküste verschlägt ein heftiger Orkan das Schiff erst nach Guyana, dann noch weiter nordwestlich in die Mündung des großen Orinoco. Dort ist endgültig Endstation, und er überlebt als Einziger an Bord, obwohl er beinahe ertrinkt und auf eine Klippe geschleudert wird.

Die restlichen 27 Jahre sind Geschichte, wie es so schön heißt. Als er wieder englischen Boden betritt, ist er 53 Jahre alt und der Vizekönig eines winzigen Eilandes irgendwo vor der Mündung des Orinoco.

_Mein Eindruck_

Man kann „Robinson Crusoe“ (1719) sowohl als ersten modernen englischen Roman ansehen wie auch als einen der ersten Weltbestseller, der in zahlreiche Sprachen übertragen wurde und besonders bei Kinderbuchverlagen bis heute beliebt ist. Leider sind die meisten Ausgaben besonders seit 1780 -– so gekürzt, dass sie sich auf den Inselaufenthalt beschränken – ohne Zweifel das Unterscheidungsmerkmal Nummer eins des Buches. Wer will schon wissen, dass Robinson vorher seekrank und ein Sklave, ja, sogar ein Sklavenkäufer war?

Im Übrigen ist auch die vorliegende Lesung nicht vollständig, denn es fehlt ein letzter Teil, in dem Crusoe eine gefährliche Pyrenäenüberquerung wagt. Die vorliegende Fassung endet, als Crusoe seinen Fuß wieder auf englischen Boden setzt.

Das Buch erwies sich auch als ein Leitbild der Weltliteratur, das einen beispiellosen Einfluss auf die Romanliteratur ausgeübt hat. Es wurde als Reisebericht, wahrhaftige Autobiografie, als Abenteuerroman, psychologische Charakterstudie, religiöse Bekehrungsgeschichte, didaktische Illustration des bürgerlichen Lebensideals (obwohl Crusoe genau dieses ablehnte), spirituelle Autobiografie, Gesellschaftsutopie, Dokument kaufmännisch-bürgerlicher Existenz und als kurzgefasste Geschichte der Kolonisation verstanden. Eine ganze Menge also, und nicht alles davon lässt sich anhand des Textes belegen.

Ganz besonders wichtig ist hierbei die Form der Ich-Erzählung, getarnt als autobiographische Erzählung und Tagebucheinträge, die von einem fingierten Herausgeber veröffentlicht werden. Crusoe erzählt aus der Rückschau und deutet seine Erlebnisse, so dass zeitweise – in der Lesung sehr deutlich – die zusammenfassenden Endbetrachtungen mit der Unmittelbarkeit der Tagebucheintragungen konstrastieren.

Daraus kann man den Aufstieg des bürgerlichen – im Gegensatz zu Adel und Bauern – Individuums ablesen. Die Amerikaner wird dieses Urbild des Selfmademan gefreut haben, belegt doch Robinsons Erfolgsgeschichte, dass es möglich ist, selbst aus unbewohntem Gebiet noch eine würdige menschliche Existenz herauszuholen und obendrein – und das ist sehr wichtig – über andere Menschen Herrschaft auszuüben. Freitag, der keineswegs ein importierter Afroamerikaner, sondern ein Karibe ist, freut sich, vom weißen Mann lernen zu dürfen und wird sozusagen ein gehorsamer Freund. Dass auch er mal Menschenfleisch gegessen hat und dies auch nicht leugnet, muss man eben in Kauf nehmen. Interessant ist, dass Crusoe nicht versucht, Freitag zum Christentum zu bekehren.

Die dominierende Freundschaft zu Freitag steht ganz im Gegensatz zu Robinsons Feinden. Das sind die kannibalischen Kariben einerseits und die europäischen Meuterer andererseits. Im letzten Drittel dieses Hörbuchs geht es ausschließlich darum, Crusoes Eiland gegen die Meuterer zu verteidigen und diese zu besiegen. Sobald ihr Schiff mit Crusoes Hilfe wieder in den Händen des rechtmäßigen Kapitäns ist, wird die Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung belohnt: Crusoe bekommt ein Gratis-Ticket nach London. Hier sind also klassische Action und Auseinandersetzung angesagt, was der Spannung sehr zugute kommt.

Die Religion spielt, wie oben erwähnt, eine wiederkehrende Rolle. Crusoe lobt immer wieder die gütige Hand der Vorsehung – das Wort „Gott“ fällt sehr selten. Die Anrufung eines höheren Wesens findet ebenfalls nur selten statt, wenn überhaupt. Das ist insofern auffällig, als der Autor sich in einem Konflikt mit der Obrigkeit befand, weil er die „Kirche“, also die englische Amtskirche, verunglimpft hatte. Vielleicht sympathisierte er mit den religiösen Dissidenten, die seit 1621 – die berühmten „Pilgerväter“ – in die Neue Welt auswandern mussten, um dort ihren Glauben frei ausüben zu können.

Diese Vermutung wird gestützt von Robinsons Liberalität in Sachen Glaubensausübung. Er herrscht unumschränkt als Vizekönig auf seinem Eiland und könnte verlangen und durchsetzen, dass alle Untertanen seinen eigenen Glauben zu übernehmen haben, wie es ja viele Amtskirchen in Europa taten. Doch nichts dergleichen kommt ihm in den Sinn. Freitag darf ein ungetaufte Heide aus den Kariben bleiben, und der gerettete Spanier darf weiterhin Mitglied der römisch-katholischen Kirche sein. Kein Wunder also, dass das Buch auch als Utopie verstanden wurde: Eine solche Neue Welt, wie sie Crusoe erlaubte, kam wohl so manchem Glaubensverfolgten – der Dreißigjährige Krieg lag erst 70 Jahre zurück – wie das Gelobte Land vor.

So genannte „Robinsonaden“ gab es im Gefolge des Romans jede Menge, und sogar ein Gutteil von Science-Fiction lässt sich unter diesem Aspekt betrachten, ganz besonders amerikanische Pioniergeschichten. Bemerkenswert in Deutschland sind Johann Gottfried Schnabels Roman „Die Insel Felsenburg“ (1731 bis 1743) und das Schauspiel „Robinson soll nicht sterben!“ (1931) von Friedrich Forster. In Jean-Jacques Rousseaus Bildungsroman „Emile oder Über die Erziehung“ aus dem Jahr 1762 wird dem Knaben Emil als erste Lektüre der „Robinson Crusoe“ empfohlen.

Der britische Literaturwissenschaftler Ian Watt hat 1957 mit „The Rise of the Novel“ eine sehr lesbare und informative Analyse der Entstehung des so genannten „realistischen Romans“ – es gibt ja auch andere Romanarten – vorgelegt. Ich habe das Buch mit Spannung und Genuss gelesen. Watt bespricht die grundlegenden Romane „Robinson Crusoe“, „Moll Flanders“ (beide von Defoe), „Pamela“ und Clarissa“ (beide von Samuel Richardson, 1689-1761) sowie „Tom Jones“ von Fielding. Für ihn ist „Crusoe“ die paradigmatische Schilderung einer Selbsterziehung des Individuums. Der Schiffbrüchige baut sich mit den Resten der Zivilisation und einer ernsthaften Bibellektüre selbst wieder auf, statt zu verzweifeln. Tom Hanks hat in „Cast Away“ statt einer Bibel das Medaillonbild seiner geliebten Kelly und als Freitag Wilson – und der ist ein Volleyball.

|Der Sprecher|

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedene Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit wenigen Stimmen – hauptsächlich Crusoe – sprechen, und dies möglichst einfühlsam. Ganz nett ist auch Crusoes Papagei Poll (nicht „Polly“). Am meisten Abwechslung weist Becks Darstellung im letzten Drittel auf, als sich erst Kannibalen und dann Meuterer auf Crusoes Insel ein Stelldichein geben. Am großen Tag des Gerichts kann Beck seinem Crusoe das pompöse Gehabe eines Statthalters des englischen Königs angedeihen lassen. Eine Menge Rufe sind zu hören, bevor alles für die Abfahrt nach merry old England bereit ist.

_Unterm Strich_

Wer meint, das Buch „Robinson Crusoe“ aus Kindertagen schon in- und auswendig zu kennen, der wird hier eines Besseren belehrt. Fast ein Drittel der Handlung vergeht, bevor der Held überhaupt erst auf seine einsame Insel gelangt. Und noch einmal ein Drittel – das letzte – wird darauf verwendet, seinen Kampf gegen die Kannibalen und Meuterer zu schildern. Dass er sich eine komplette Existenz à la 17. Jahrhundert im Alleingang aufbaut, ist zwar zur Genüge bekannt, aber es erstaunt dann doch ein wenig, wenn man hört, dass er für diese oder jene Fertigkeit oder Errungenschaft ein halbes oder ein ganzes Jahr benötigt hat.

Schade ist nur, dass auffälligerweise überhaupt keine Frauen vorkommen, nicht eine einzige (außer Crusoes Mutter). Um dieses Vergnügen zu bekommen, sollte man „Moll Flanders“ oder das schlüpfrige „Roxana“ lesen, ebenfalls aus Defoes Feder. Sex spielt also im „Robinson“ keinerlei Rolle, schon gar nicht unter Männern; das wollte der Autor dann doch nicht riskieren.

All das ist in der Sprache des 19. Jahrhunderts erzählt, und für manchen Zeitgenossen könnte das zu einer kleinen Schwierigkeit werden. Nicht nur wegen der Ausdrucksweise, die wirklich großväterlich wirkt, sondern auch wegen der realen Dinge, die darin erwähnt werden. Wer weiß schon, wie eine Muskete aussieht, eine Schaluppe oder eine Palisade? Was versteht man unter dem Ausdruck „die Sonne nehmen“? (Eine Methode der Positionsbestimmung.) Wohl dem, der über ein wenig Allgemeinbildung verfügt.

|Das Hörbuch|

Rufus Beck macht das Hörbuch zu einem angenehmen Erlebnis, aber auch seine Fähigkeit zu unterhalten ist dadurch eingeschränkt, dass der Held die meiste Zeit völlig allein ist. Abwechslung und vor allem Spannung kommen erst mit Freitag, den Kannibalen und den Meuterern auf. Da diese Fassung ebenfalls nicht den kompletten Text bietet – es ist schon ein umfangreiches Buch –, sollte der wirklich am Original interessierte Leser zur Komplettfassung greifen. Diese muss aber nicht unbedingt unterhaltsamer sein.

|Hinweis: Die Insel|

Wer übrigens heute nach der Robinson-Crusoe-Insel sucht, findet sie zu seiner Verblüffung vor der Küste Chiles. Sie hieß früher nicht zufällig Alexander Selkirk Island: Der schottische Seemann wurde dort im 18. Jahrhundert ausgesetzt und musste sich als Robinsonjünger durchschlagen. Ab und zu gerät sie in die Schlagzeilen, weil wieder einmal Schätze von Piraten gefunden worden sein sollen. Defoes Robinson-Insel hingegen liegt in der Nähe von Trinidad in der Orinoco-Mündung.

|284 Minuten auf 4 CDs|

Lindquist, Mark – Carnival Desires

Mark Lindquist ist hierzulande noch ein recht unbeschriebenes Blatt. In Amerika dagegen ist er weitaus bekannter. Bret Easton Ellis bekennt, dass Lindquist sein Lieblingsautor ist, und so wie Ellis auch, wurde Lindquist Ende der 80er und zu Beginn der 90er zum so genannten |“literarischen Brat Pack“| gezählt. Zum |“Brat Pack“| zusammengefasst wurden seinerzeit Autoren, die mit ihrem postmodernen Prosastil die Literaturkritik in wahre Verzückung versetzten. Neben Ellis und Lindquist zählte auch noch Jay McInerney dazu.

Lindquist tauchte als Romanautor zuerst 1987 mit „Sad Movies“ auf der Bildfläche auf. 1990 folgte der 2005 nun endlich auch auf Deutsch bei German Publishing veröffentlichte Titel „Carnival Desires“. Nach zehnjähriger kreativer Pause folgte 2000 dann „Never Mind Nirvana“. Der vierte Roman scheint in Arbeit zu sein.

Lindquists Biographie ist recht ungewöhnlich und dient ihm immer wieder als Inspirationsquelle für seine eindeutig autobiographisch gefärbten Romanfiguren. Bis Anfang der 90er schrieb Lindquist Drehbücher für große Hollywood-Studios. 1991 folgte dann ein radikaler Schnitt. Lindquist zog sich völlig zurück, studierte Jura und arbeitet heute als stellvertretender Staatsanwalt in Seattle.

Lindquist ist jemand, der hinter die Kulissen Hollywoods geschaut hat, und diese Erfahrungen und Eindrücke sind Teil seiner Romane. Seine Hauptfiguren arbeiten bei Filmgesellschaften, sind Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, wie Lindquist selbst. Nur bei „Never Mind Nirvana“ kommt die Hauptfigur aus einer anderen Ecke und ist – welch eine Überraschung – Staatsanwalt in Seattle.

Ausgangspunkt von „Carnival Desires“ ist Tim, der im Roman selbst aber keine allzu lebendige Rolle mehr einnimmt. Kein Wunder, denn Tim, der als Schauspieler tätig war, hat sich an Heiligabend erschossen – aus Langeweile. An Silvester kommen Tims Freunde zusammen, denken zurück an ihre gemeinsamen Jahre und grübeln über die Zukunft. Tims Freunde sind allesamt Endzwanziger und Teil von Hollywoods Film- und Partyszene. Tims Tod lässt sie einen Moment inne halten und über ihr Leben, ihre Träume und Ziele nachgrübeln.

Und so kommt es, wie es an Silvester zwangsläufig kommen muss: Es werden gute Vorsätze fürs neue Jahr gefasst. Der Drehbuchautor Bick will sich zur Ruhe setzen, in den Norden ziehen und ein religiöseres Leben führen, der Regisseur Oscar will eine Freundin finden, Mona will endlich einen Job ergattern, Schauspielerin Libby will eine Sprechrolle an Land ziehen und das Schauspielerpaar Merri und Willie will endlich erwachsen werden, was für Willie bedeutet, Merri zuliebe den Drogen entsagen zu müssen. Joys Vorsatz ist es, einen Vorsatz zu finden.

Ein paar Monate später wollen die Freunde sich wieder treffen und über Erfolg und Misserfolg ihrer Vorsätze urteilen. Die einen vergessen ihre Vorsätze so schnell, wie sie sie gefasst haben, andere arbeiten darauf zu, sie zu erfüllen und wiederum andere enden in einer absoluten Katastrophe …

„Carnival Desires“ ist ein Roman, der auf den ersten Blick einfach nur locker-flockige Lektüre zu sein scheint. Knappe Dialoge, gepfefferte Wortwechsel mit Witz und Ironie und eine Handlung, die mehr oder weniger daraus besteht, in Momentaufnahmen die unterschiedlichen Figuren der Geschichte zu beleuchten und zu Wort kommen zu lassen. Leichtgängige Unterhaltung über das schräge Leben in Hollywood.

Doch das würde dem Roman nicht ganz gerecht werden. Lindquists Roman hat zweifelsohne seine witzigen Momente, die vor allem im Partygeplänkel der Hauptfiguren und den flotten Wortwechseln durchschimmern, aber das ist eben noch längst nicht alles, was diesen Roman ausmacht.

Lindquist weiß, wovon er spricht. Die Hauptfigur Bick könnte er selbst sein. Die biographischen Parallelen sind offensichtlich. Lindquist hat durch diese Nähe zu seiner eigenen Biographie Charaktere erschaffen, die (gemessen an ihrer Umgebung) überraschend menschlich und real wirken. Man kann sich erstaunlich gut in sie hineinversetzen.

Lindquist versetzt seine Hauptfiguren in alltägliche Situationen und lässt seine Figuren ganz natürlich darin agieren. Bei einem Roman, der in einer realitäts-vakuumverpackten Welt wie Hollywood spielt, mag das ein wenig verwundern, aber es verleiht dem Roman eine besondere Note. Natürlich gibt es auch abgedrehte Figuren, wie den Schauspieler Willie, der alles, was er macht, gleich bis zum Exzess durchlebt, aber auch hinter seiner überdrehten, zugedröhnten Fassade schlummert ein überraschend menschlicher Kern. Bei Lindquist bietet fast jede Figur ihre eigenen Identifikationspunkte.

Jeder ist auf der Suche nach seinem persönlichen Glück. Jeder versucht auf seine individuelle Art, sich selbst zu verwirklichen, insofern ist Lindquists Blick hinter die Hollywood-Gesichter ein durch und durch menschlicher. Jeder hat irgendeinen wunden Punkt, jeder einen schwarzen Fleck auf der Seele und muss mit seinen eigenen Problemen fertig werden; und wie es scheint, ist es kaum irgendwo schwieriger glücklich zu werden als in Hollywood. Der Wert echter Freundschaft ist dabei unermesslich und genau das müssen auch die Figuren in Lindquists Roman erkennen.

Gewürzt wird „Carnival Desires“ durch Lindquists gewitzte und intelligente Art. Er schreibt in einem recht schlichten Stil, verschachtelt sich nicht im Satzbau, sondern bringt seine Aussagen zielsicher auf den Punkt. Ein großer Teil des Romans besteht aus Dialogen und so ist Lindquists Art, seine Ideen und Gedanken zu vermitteln, eine sehr direkte. Seitenhiebe auf Hollywood gibt es da natürlich in Hülle und Fülle, aber auch kritische Töne über die Funktionsweise und Machtstrukturen der Traumfabrik.

Alles in allem ist „Carnival Desires“ in all seiner Einfachheit überraschend vielschichtig. Lindquist treibt die Geschichte mit viel Schwung voran, erzählt direkt und gewitzt, mal nachdenklich, mal humorvoll und stets sehr menschlich. Wer mal einen halbwegs realistischen Blick hinter die Kulissen Hollywoods werfen will, der ist mit diesem Roman gut bedient und bekommt gleichzeitig noch ein unterhaltsames Werk zeitgenössischer Literatur in die Finger.

Lindquist hat eine ganz eigentümliche Mischung aus Witz und Melancholie, die durchaus Lust darauf macht, auch mal zu seinen beiden anderen Romanen „Sad Movies“ und „Never Mind Nirvana“ zu greifen. Freunden von Douglas Coupland und Konsorten sehr ans Herz zu legen.

Oidium, Jan / Winter, Norman / Kornmann, Gerd – Teiser

„Teiser“ ist der Name des neuen Comic-Projekts von Jan Oidium. Dieses Mal hat der Autor der „Fire & Steel“-Reihe, die nach dem vierten Band eingestellt wurde, jedoch nicht selber die Zeichnungen angelegt. Oidium ist ausschließlich für das Storyboard verantwortlich und hat in Norman Winter einen neuen Partner gefunden, der die etwas skurillen Ideen schließlich graphisch umgesetzt hat. Dabei ist zu sagen, dass Winter sich stilistisch sehr nahe an der Vorlage des Berliner Verlegers orientiert, weshalb man sich als Oidium-Fan auch sofort zurechtfinden wird.

Die Geschichte von „Teiser“ setzt ungefähr dort an, wo die „Fire & Steel“-Story geendet hat. Dementsprechend findet man innerhalb des Comics auch bekannte Charaktere wie die beiden finsteren Schergen Heimdall und Loki, die hier ebenfalls kurze Gastauftritte haben. Quasi als Verbindung zwischen den beiden Serien dient das beiligende Hörspiel, das erste Audio-Comic, bei dem Jan Hilfe von Gerd Kornmann, dem Sänger der Metalband THE OCEAN, bekommen hat. Kornmann hatte die schwierige Aufgabe, die verschiedenen Sounds und Effekte auszuwählen und sie in die Erzählung zu integrieren, was ihm übrigens fabelhaft gelungen ist. So findet sich hier eine Leierkasten(?)-Version von IRON MAIDENs ‚Blood Brothers‘ oder eine Ode an den Comic-Charakter „Hans der Vogel“. Außerdem gibt es am Ende noch einen Song der Band PLANET KING zu hören, die Vertraute bereits aus dem zweiten „Fire & Steel“-Comic kennen sollten. Und den zugehörigen Song hat niemand Minderer als „StarSearch“-Gewinner Martin Kesici eingesungen.

Bei diesen Voraussetzungen sind die Erwartungen an „Teiser“ natürlich enorm hoch, und auch wenn Jan Oidium und sein Team jetzt keinen Meilenstein in die Landschaft der Comic-Geschichte gesetzt haben, muss man den Mitwirkenden dennoch attestieren, gute Arbeit geleistet zu haben. Doch jetzt zur eigentlichen Handlung …

_Story:_

Teiser ist Künstler. Nachdem er diesen Beschluss gefasst hat, verfügt er weiterhin, dass der Funke der neuen Gesinnung auch auf seinen Freunde Beppo Thunderforce, den Igel, den Wurm und natürlich Hans den Vogel überzuspringen hat. Neben alten Bekannten gesellt sich auch Oggi der Hühner-Schamane zum bunten Treiben auf Schloss Teis und macht die Gruppe von Freunden komplett.

Abenteuer 1, KUBA:
Teiser beschließt als Erstes, mit seinen über Nacht entstandenen Kunstwerken um die Welt zu touren. Hans dem Vogel wird dabei eine „tragende“ Rolle zuteil. Während Beppo das Schloss Teis in der Wüste aus Sand originalgetreu nachbauen muss, versuchen sich Wurm, Igel und Hans der Vogel als Jiffel-Kombo. Oggi reitet derweil auf einer Mumie in die Stadt, um zahlende Ausstellungsbesucher zur Veranstaltung zu locken. Während der Teiser im organisatorischen Chaos versinkt, taucht noch eine Armee der Verteidiger des Weltkulturerbes auf und erklärt Teiser den Krieg.

Abenteuer 2, KAUF BEI TEISERS:
Teiser eröffnet einen Supermarkt, den er ins Zeichen der Kunst stellt, und lockt so mit ungewöhnlichen Methoden Kundschaft in den Laden. Dabei treibt es die Belegschaft in den Wahnsinn. Beppo fliegt derweil mit einer Horde hypnotisierter Hühner zum Markt, während Teiser eine Performance mit Schlager Wollfried vorbereitet, um kaufsüchtige Rentner besser mit Mokka und Griebenschmalz abzufüllen.

Abenteuer 3, POESIE:
Teiser wurde von der Muse verlassen und sucht nach neuer Inspiration für seine Werke. Er begibt sich mit Hans dem Vogel auf die Reise. Schloss Teis ist zu alledem auch noch von einer Zwangsversteigerung bedroht. Beppo ist nun allein im Schloss und bemüht sich, eine Vorstellung mit Oggi vorzubereiten, um das nötige Geld aufzutreiben. Doch Teisers organisatorische Fähigkeiten werden dringend benötigt. Dieser befindet sich fernab in einem See und versucht den Fischen das Singen beizubringen. Beppo setzt in seiner Verzweiflung den Wurm an das Klavier und lässt ihn das Vorprogramm spielen. Alle hoffen auf die rechtzeitige Rückkehr von Teiser, um dieses Debakel zu beenden.

Teiser-Hörspiel:
Abenteuer 4, PLANET KING LIVE AT CASTLE OITIONTISE:
Der mächtige, vor allem true Oitiontiser und sein Scherge Beppo Thunderforce bereiten ein Konzert der Gruppe PLANET KING vor und erwarten, dass ihr ärgster Widersacher, der dunkle Black-Metal-Fürst Dark Even McBaron die Veranstaltung mit seiner Horde Maulwurfsmenschen zu verhindern versucht. Zunächst zu deprimiert, um weiter böse zu sein, entwickelt Dark Even McBaron mit seinem Gehilfen Neroon doch noch eine finstere Strategie. Beide Seiten versuchen sich nun zu rüsten, um beim großen 28-Stunden-PLANET-KING-Konzert vor drei Millionen Zuschauern alle Register zu ziehen.

_Meine Meinung:_

Jan Oidium hat einen recht schrägen Humor, und genau diesen bekommt man in den drei Episoden des Comics respektive im Hörspiel dann auch permanent zu spüren. Abgeschlachtete, unschuldige Hühner, ein durchgeknallter Indianer und düstere Gestalten wie Heimdall und Loki bestimmen die Szenerie und sorgen recht schnell dafür, dass die Eigenwilligkeit des Comic-Autors wieder omnipräsent ist.

Die drei Geschichten in diesem 88-seitigen Sammelband hingegen schwanken in ihrer Qualität. Zeichnerisch astrein sind sie zwar alle, doch der Inhalt schwankt dann doch verdächtig zwischen ziemlich genial („Kuba“), recht einfallslos („Kauf bei Teisers“) und seltsam eigenartig („Poesie“). Doch der Reihe nach:

Mit dem ersten Stück „Kuba“ lernt man die beiden Hauptfiguren Teiser und Beppo kennen und freundet sich auch auf Anhieb mit den beiden an. Der stets verwirrte Beppo und der sich als Künstler maßlos überschätzende Teiser geben ein schlagfertiges Team ab, das mit seinen wahnwitzigen Ideen besonders hier die Lachmuskeln in Bewegung bringt. Die Idee, in den Pyramiden (!) des fernen Kuba eine total bekloppte Kunstaustellung loszutreten und eigens hierzu die beiden Düsterheimer Heimdall und Loki mitzunehmen, erweist sich als wirklich originell und die Umsetzung ist nahezu perfekt. Dass dabei am Ende auch noch die UNESCO eingreift und Beppo Thunderforce zum ersten Mal von seinen magischen Kräften Gebrauch machen muss, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf.

Die darauf folgende Erzählung ist jedoch leider ziemlich flach. In „Kauf bei Teisers“ will Teiser im Sinne der Kunst sein eigenes Kaufhaus etablieren. Seine Gefährten sollen in der Stadt mit einigen zweifelhaften Methoden die Besucher anlocken, was auch funktioniert, doch als dann der große Run auf das Kaufhaus einsetzt, ist die Geschichte auch wieder zu Ende; der Höhepunkt indes ist ausgeblieben. Es gibt zwar hier auch einige witzige Szenen (in erster Linie bedingt durch die Zeichnungen), doch im Vergleich zur vorherigen Story bleibt das Ganze hier recht flach.

Im letzten Strip betreten Oidium und Winter dann Neuland. „Poesie“ basiert einzig und allein auf der Dichtkunst, was die Dialoge zum einen ein wenig abgehobener wirken lässt, im Zuge dessen aber leider auch den Humor aus der Erzählung nimmt. Die Geschichte liest sich bei weitem nicht mehr so locker, wie man dies gewohnt ist, was den Einstieg deutlich erschwert. Andererseits verarbeiten die beiden Verantwortlichen hier einige sehr gute Ideen, und die Reise von Hans dem Vogel und Teiser ist schließlich auch ziemlich lustig geworden. Man braucht im Endeffekt also eine kleine Anlaufzeit, kann sich dann aber mit dem neuen Ansatz trotz einzelner Schwierigkeiten gut anfreunden.

Das Hörspiel ist schließlich das Bonus-Schmankerl dieses Comics, erzählt die Vorgeschichte zu „Teiser“ und ist den Machern außerordentlich gut gelungen. Sieht man mal von der etwas drögen Erzählerstimme ab, kommt die Sache ziemlich flott richtig gut in Fahrt, wobei vor allem die Effekte und der Soundtrack richtig stark geworden sind. Auch die Stimmen der verschiedenen Sprecher fügen sich hier prima in den sehr positiven Gesamteindruck ein und machen das Hörspiel trotz der relativ kurzen Spielzeit von gerade mal einer halben Stunde zu einem echten Vergnügen.

Das Vorhaben, in Form von „Teiser“ einen neuen Comichelden zu etablieren, sollte dem Team um Jan Oidium mit diesem (trotz dezenter Mängel im mittleren Strip) gelungenen Debüt eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten. Die Figuren sind richtig gut gezeichnet und haben definitiv Witz, womit sie die wohl wichtigste Voraussetzung schon mitbringen. Außerdem ist der Humor des Texters eigenwilliger und irgendwie auch besser als bei den „Fire & Steel“-Heften. Und als Letztes weiß Oidium mit ausgefallenen Ideen und herrlich abgedrehten Rahmenhandlungen zu begeistern, die zwar nicht immer auf höchstem Niveau angesiedelt sind, alles in allem aber definitiv eine Menge Freude machen.
„Teiser“ gibt es für einen Unkostenbeitrag von 9,90 € auf der [Homepage des Verlags]http://www.oidium-verlag.de zu erwerben, wobei dies der Einführungspreis für die Serie sein wird. Doch mit 88 Seiten und einem zusätzlichen Hörspiel ist „Teiser“ zu diesem Preis auch eine sehr lohnenswerte Investition und auch mehr als fair berechnet. Viel Vergnügen!

Bear, Greg – Tangenten

Diese Storysammlung versammelt Bears beste kurze Arbeiten, umfasst jedoch keine seiner Novellen wie etwa das berühmte „Hardfought“ (dt. Titel: „Der Feind in mir“). Dafür sind die preisgekrönten Storys „Musik des Blutes“ – die Vorlage für den bekannten Roman – und „Tangenten“ enthalten.

Findet in „Musik des Blutes“ eine Erweiterung der Evolution aufgrund von intelligenten Viren statt, so nimmt in „Tangenten“ ein kleiner Junge Erstkontakt mit Aliens in einer Erweiterung unserer dreidimensioalen Wirklichkeit auf. Die Aliens kommen aus der vierten Dimension des Raumes und haben die Eigenart, sich auf überraschende Weise in den drei Dimensionen eines Hauses als riesige Körperteile zu manifestieren. Damit hat nicht nur die Einwanderungsbehörde ein Problem.

In den sieben anderen Erzählungen werden sehr unterschiedliche Probleme thematisiert. Ähnlich wie in „Tangenten“ greift Bear auch in „Schrödingers Seuche“ ein physikalisches, aber spekulatives Phänomen auf und treibt es zu einer möglichen Konsequenz. Ausgehend von Heisenbergs Erkenntnis, dass der Beobachter (subatomare) Ereignisse beim Beobachten beeinflusst, postuliert Bear, dass der Wissenschaftler dann auch den Ausbruch einer Seuche aus einem Behälter mit Viren entweder verhindern oder auslösen könne – ein unheimliches Szenario.

In andere Dimensionen führen auch die Storys „Totenfuhre“ und „Die Straße ins Nirgendwo“. „Totenfuhre“ funktioniert wie eine Erzählung von Stephen King: Ein auf den ersten Blick stinknormaler Trucker hat eine ungewöhnliche Fracht abzuliefern – tote Seelen (Gogol lässt grüßen). Sie sehen aus wie Menschen, aber ihr Blick ist relativ unlebendig. Als ihm Zweifel kommen, ob er manche Seelen nicht auch zu Unrecht chauffiert, fährt der Trucker ins Land hinter dem Gebäude, wo er abliefert, hinter die große Mauer, ins Land der Toten. Dort erfährt er die Wahrheit über seine Passagiere. Sie wurden von Vertretern der rechtsgerichteten „moralischen Mehrheit“ in den USA, die sich als „Stellvertreter Gottes“ betrachten, zum Tode verurteilt, zu Unrecht meist, zum Beispiel weil sie „Huckleberry Finn“ ausgeliehen hatten, ein „unmoralisches“ Buch. Der Trucker lässt die Seelen seiner letzten Fuhre frei und verschwindet.

Auf der „Straße ins Nirgendwo“ treffen zwei deutsche Nazi-Offiziere auf Urlaub im Frankreich des Jahres 1984 ein altes Weib in einer Kate. Durch die offenbar magischen Fähigkeiten der Alten landen sie auf ihrem weiteren Weg im Jahr 1944, mitten in den Wirrungen der alliierten Invasion.

Ähnlich satirisch ist die Fabel „Webster“ angelegt. Ein moderne, selbständige Frau der nahen Zukunft erschafft sich ihren Traummann aus einem Wörterbuch, eben dem Webster-Lexikon. Doch die Beziehung zu ihm scheitert, da, wie er sagt, ihm „die Substanz fehle“, sprich: Gefühle.

In drei weiteren Geschichten setzt sich Bear mit der Begegnung mit dem Andersartigen auseinander. In „Die Hure“ besucht ein Arbeiterjunge aus den armen Quadranten der Zukunftsstadt das Haus einer berühmten Prostituierten im besten Stadtviertel, um seine Mutter dort auszulösen. Seine Gegenleistung besteht darin, der Hure Gesellschaft zu leisten. Er verliebt sich sogar ein wenig in sie, obwohl er sie zunächst fürchtete. Er erscheint wie der Prinz in „Dornröschen“ in einem erstarrten Leben, schließlich soll er ihr Haus übernehmen. Er scheitert an der Missgunst seiner Verwandtschaft aus den Arbeitervierteln.

„Ein marsianischer Ricorso“ erzählt das Schicksal einer Marsexepedition, von der nach dem Kontakt mit den intelligenten Aliens nur ein Besatzungsmitglied überlebt, doch im Gegensatz zu „Alien“ nicht wegen irgendwelcher Monster, sondern wegen (oder trotz) der unangemessenen Reaktion seiner Vorgesetzten auf die friedlichen Aliens.

In „Schwestern“ ist die Fremdartige diejenige, die man heute eine „normale Schülerin“ nennen würde. Alle anderen an ihrer Schule sind genverbesserte superintelligente Schönheiten. Leider, so wird im Lauf der Handlung klar, fallen sie sehr leicht Herzanfällen und Kreislaufzusammenbrüchen zum Opfer. Eine Seuche bricht unter den „Optimierten“ aus. Die Eltern der „Normalen“ triumphieren: Sie hatten sich aus ethischen und ökologischen Gründen geweigert, ihre Kinder im Mutterleib genetisch optimieren zu lassen. Doch ihr „normales“ Kind zeigt eine weit sympathischere Reaktion: Sie begreift die Optimierten als Opfer einer Krankheit und solidarisiert sich mit ihnen. Sie sind ihre Schwestern und Brüder.

Bear legt seine Ansichten in einem Vorwort dar und erklärt die Entstehung der Storys ein wenig. Die abschließende Reportage „Die Unterhaltungsmaschinerie – Ein Bericht aus den Trickstudios über die Medien der Zukunft“, die den Band beendet, liefert einen Ausblick auf die mögliche virtuelle Realität aus dem Computer, allerdings aus der Sicht des Jahres 1987. Da manche von uns bereits zunehmend in eben dieser virtuellen Realität leben, kommt uns dieser Bericht reichlich zahm und, nun ja, „normal“ beziehungsweise altbacken vor.

|Originaltitel: Tangents, 1989
Aus dem US-Englischen von Andreas Irle und Peter Robert|

Andreas Neumann – Sir John jagt den Hexer. Siegfried Schürenberg und die Edgar-Wallace-Filme

Siegfried Schürenberg (1900-1993) gehörte nie zu den Stars des deutschen Theaters, Films und Fernsehens. Schauspieler wie ihn nennt man „Charakterdarsteller“; sie stellen ihre Arbeit in den Dienst der erzählten Geschichte und tragen eher unauffällig ihren dennoch gewichtigen Teil dazu bei, diese möglichst unterhaltsam ablaufen zu lassen. Die Rollen sind meist klein aber prägnant. Manchmal gelingt es einem Charakterdarsteller, aus dem zweiten Glied hervorzutreten. Schürenberg kam in der Rolle des kauzigen „Sir John von Scotland Yard“ zu spätem Ruhm, als in den 1960er Jahren die deutschen Edgar-Wallace-Filme in Serie gedreht wurden. Der Künstler war auch als Theaterschauspieler tätig. Sicherlich ebenso wichtig ist sein Wirken als Synchronsprecher. Erst recht unsichtbar lieh er seine sonore Stimme zahlreichen US-Schauspielern und sprach u. a. für Clark Gable in der deutschen Fassung des Klassikers „Vom Winde verweht“.

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Dark, Jason / Döring, Oliver – John Sinclair – Mr. Mondos Monster (Folge 34, Teil 1)

Eines vorweg: So groß die Freude über ein weiteres neues Hörspiel der „John Sinclair“-Reihe auch ist, so groß ist schließlich auch wieder die Enttäuschung darüber, dass es sich hier um einen Zweiteiler handelt, der frühestens im April 2006 fortgesetzt werden wird. Mehr als drei Monate Wartezeit vom Veröffentlichungstag an, das ist wirklich deftig und im Falle dieser sehr spannenden und teilweise auch lustigen Geschichte schon recht fies. Andererseits gehört der erste Teil von „Mr. Mondos Monster“ zu den besten Episoden der gesamten Reihe, gerade weil den Machern hier etwas gelungen ist, was bei der seltsamen Comedy-Edition noch nicht funktioniert hat, nämlich Gruselstimmung mit Humor zu verbinden. Beide Daumen also nach oben für ein durch und durch gelungenes Hörspiel!

_Story:_

Sarah Goldwyn ist bei der örtlichen Polizei schon bekannt für ihre allabendlichen Anrufe, weshalb die Beamten die abenteuerlustige alte Dame auch nicht mehr ganz so ernst nehmen. So auch eines Abends, als die Lady bei der Behörde angibt, ihr Butler wäre von einem Werwolf angegriffen worden. Sicherheitshalber geht man der Sache nach und hört schließlich am Telefon auch einige seltsame Geräusche, die den Beamten zweifeln lassen. Also schickt er den berüchtigten John Sinclair in das Haus der alten Dame, und dieser findet tatsächlich die zerstückelte Leiche des Butlers dort vor.

John entdeckt recht schnell die Ursprünge dieser Tat und sucht den gräuslichen Ort, an dem der Werwolf erschaffen wurde, auf. Doch das Ganze war eine Falle, denn ein verrückter Wissenschaftler war nur darauf hinaus, den Geisterjäger in seine Gemächer zu führen und ihn dort außer Gefecht zu setzen. John kann trotzdem fliehen, doch beim Versuch, die finsteren Pläne von Mr. Mondo zu durchkreuzen, stellt er fest, dass er dem durchgedrehten Professor hilflos ausgeliefert ist. Jetzt kann er nur noch darauf hoffen, dass Suko und Bill Conolly ihm zur Hilfe eilen – oder aber die alte Dame, die sich selber einer erheblichen Gefahr aussetzt und in Mr. Mondos Labor herumschnüffelt …

_Meine Meinung_

Anfangs erinnert die Geschichte ein wenig an die berüchtigten Krimis mit Mrs. Marple. Die schrullige Sarah Goldwyn und die berühmte Detektivin haben definitiv Ähnlichkeit miteinander, nur dass man es hier mit komplett unterschiedlichen Gegnern zu tun hat. Aber dass die Lady später ebenfalls in die Ermittlungen eingreift, ist von diesem Hintergrund aus betrachtet sicherlich kein Zufall …

Davon mal ganz abgesehen, ist das neue Abenteuer von John Sinclair mal wieder bärenstark. Oliver Döring und sein Team haben sich im Rahmen dieses Zweiteilers sehr viele Freiheiten gelassen, was den Aufbau der Geschichte angeht, und dementsprechend ausufernd werden manche Szenen auch beschrieben. Doch damit meine ich damit nicht ‚übertrieben lang‘. Im Gegenteil, die Geschichte überrascht trotz allem mit einem sehr hohen Erzähltempo und gerät nur deswegen in die Länge, weil sich die Handlung an mehreren Hauptschauplätzen abspielt und außerdem auch viel mehr Personen als gewohnt ins Geschehen eingreifen. Und so ist es letztendlich auch genau diese Tatsache, die das Ganze so stimmig macht. Man nimmt sich die Zeit, die von der Handlung auch erfordert wird, und versucht nicht überhastet zum Schluss zu kommen. Vielleicht ist dies auch ein Ansatz, den man in künftigen Hörspielen verfolgen sollte, nur müsste eben das Ganze dann auch in einem Set, sprich als Doppel-CD, erhältlich sein. Die Idee, „Mr. Mondos Monster“ als Cliffhanger im Raume stehen zu lassen, ist nämlich äußerst unglücklich, gerade wenn man bedenkt, wie lange man auf die Fortsetzung warten muss. Da wäre es günstiger gewesen, man hätte beides erst im April veröffentlicht, denn bis es endlich so weit ist, hat man schon wieder die Hälfte vergessen und muss wieder von vorne beginnen (was wiederum nicht zwingend von Nachteil sein muss).

Nun gut, dies ist ein wesentlicher Kritikpunkt eines ansonsten tadellosen Hörspiels, bei dem sich die Macher einmal mehr selbst übertroffen haben. In „Mr. Mondos Monster“ findet man wirklich alle Elemente, die in der jüngeren Vergangenheit für diese Serie erprobt wurden: Humor, Spannung und eine entsprechend düstere Atmosphäre. Nicht zu vergessen die tollen Effekte, die hier erneut die Ausnahmestellung dieser Hörspiel-Reihe untermauern.

Auch wenn Kritiker die neuen Folgen von „John Sinclair“ nicht mehr ganz so famos finden, bin ich ganz klar der Meinung, dass sich Oliver Döring bei der tonalen Interpretation von Jason Darks Romanen nach wie vor am oberen Limit aufhält. „Mr. Mondos Monster“ ist nämlich ganz klar eine der besten Produktionen bislang, und wer – abgesehen vom Veröffentlichungsrhythmus – an diesem Hörspiel etwas auszusetzen hat, den kann ich beim besten Willen nicht verstehen.

http://www.sinclairhoerspiele.de/

_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Anfang“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3564
[„Im Nachtclub der Vampire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5234 (Folge 46)
[„Die Rückkehr des schwarzen Tods“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3473 (Buch)

Mankell, Henning – fünfte Frau, Die

1993 werden in Algerien fünf Frauen von Fundamentalisten ermordet, vier sind Nonnen aus Frankreich, die fünfte ist eine schwedische Touristin. Ein Jahr später werden in Schweden drei Männer auf brutale Weise umgebracht. Sie waren auf den ersten Blick achtbare Bürger, bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Männer, die Frauen seelisch und körperlich schwer misshandelt haben. Sie kannten einander nicht.

Sind diese Morde die Rache eines Vergewaltigungsopfers an Vergewaltigern und Mördern? Ist ein oder eine Serientäter(in) am Werk? Kommissar Wallander muss sich mit seinen Ermittlungen beeilen, wenn nicht weitere, immer grausamere Morde geschehen sollen. Zum Glück weiß er nicht, dass die Todesliste nicht weniger als vierzig Namen enthält.

|Der Autor|

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

_Handlung_

Im Mai 1993 überfallen islamistische Fundamentalisten in Algerien ein Kloster französischer Nonnen. Vier Frauen sterben sofort, weil sie das Land nicht verlassen wollten, doch es gibt eine fünfte Frau, mit der die Angreifer nicht gerechnet haben: eine schwedische Touristin. Auch Anna Anders muss sterben. Im August erhält Anna Anders’ Tochter einen dicken Brief aus Algerien. Er ist von einer Polizistin, die die Aufgabe hatte, den Tod der fünften Frau aus politischen Gründen zu vertuschen. Doch sie fand eine Tasche mit Briefen an Annas Tochter, welche sie der Tochter nun zusammen mit Annas Pass schickt. Und diese soll niemandem verraten, von wem sie diese Dokumente erhalten hat.

Am 20.8.1993 beschließt die Tochter, ein Jahr lang zu trauern. Aber nicht länger. Inzwischen bereitet sie ihre Rache vor. Und das erfordert sorgfältige Planung.

Am 21. September 1994 verschwindet der Dichter und frühere Autohändler Holger Eriksson aus seinem abgeschieden gelegenen Haus. Nachdem er ein Gedicht über einen Vogel geschrieben hat, macht er einen Spaziergang zu seinem gewohnten Beobachtungsturm, um den Vögeln bei ihrem Zug nach Süden zuzusehen. Doch oben auf dem Turm wartet schon jemand auf ihn. Wer kann das sein? Er tritt auf den Holzsteg, der über einen zwei Meter tiefen Graben führt, und bricht sofort ein. Spitze Pfähle bohren sich in seine Lunge, sein Leben verebbt. Der Beobachter wendet sich zufrieden ab.

Der Ölhändler Sven Turjen gibt eine Vermisstenmeldung auf: Eriksson habe sich nicht gemeldet und sein Postkasten laufe über. Da stimme doch was nicht. Wallander bestätigt diese Befund, als er zu Erikssons Haus fährt. Das Gedicht trägt das Datum des 21.9.1994, heute ist der 28.9. Und dann dieser seltsame Einbruch in das Blumengeschäft von Ystad: eine Blutlache mitten im Laden statt direkt an der Scheibe, und mitgenommen wurde auch nichts. Was ist hier eigentlich los?

Der Gefesselte kann sich kaum rühren, so eng ist er geschnürt. Es ist stockfinster in dem engen Raum, wo jemand ihn nach dem Überfall abgelegt hat. Danach hat er einen kompletten Filmriss: Er kann sich an nichts erinnern. Aber jemand füttert ihn und hilft ihm, seine Notdurft zu verrichten – schon fünf Tage lang. Er ahnt nicht, dass er in einem riesigen alten Backofen steckt. Sein Todesurteil ist bereits unterzeichnet, und nur über seine genaue Todesart wurde noch nicht entschieden …

|Was steckt dahinter?|

Im ansonsten so ruhigen südschwedischen Ystad verschwinden also nacheinander mehrere Männer, die später auf grausige Weise getötet aufgefunden werden. Kommissar Kurt Wallander und seine Kollegen bemühen sich, eine konkrete Absicht hinter diesen Morden zu entdecken. Warum sollte jemand einen zurückgezogen lebenden Dichter und Vogelkundler (Holger Eriksson) oder einen Orchideensammler und -züchter ermorden?

Die Verbindung liegt, wie so oft, in der Vergangenheit und in den Frauen. Wie sich herausstellt, haben Holger Eriksson und Gösta Runfeld wahrscheinlich – aber das ist nicht hundertprozentig sicher – ihre Freundin oder ihre Frau getötet. Das dritte Opfer, Eugen Blumberg, hat seine Geliebte Katarina Taksell, die gerade eine Baby bekommt, grün und blau geschlagen. Und wer ist der Nächste?

Der oder die Mörder üben anscheinend Vergeltung an den Männern, die Gewalt an ihren Frauen ausgeübt haben. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wallander erkennt, dass der Täter nicht für sich selbst tötet, sondern für die Opfer von Männergewalt. Aber warum? Und wie lässt er – oder sie? – sich stoppen?

_Mein Eindruck_

Dieser beeindruckende Mankell-Thriller führt den Leser dicht an die psychologischen Vorgänge heran, die zu einem doppelten dramatischen Showdown führen. Dabei wechselt das erste, sehr actionbetonte Finale unvermittelt in eine beklemmende, schier ausweglose Katastrophe, die Wallander selbst unwillentlich herbeigeführt hat und die Annbritt in eine tödliche Gefahr bringt.

Das geistige Auge des Leser bzw. Hörers sieht sich mehrmals einigen schockierenden Anblicken ausgesetzt. Der Dichter, aufgespießt auf angespitzten Bambusstöcken; ein Mann, gefesselt im Wald; ein anderer ertränkt in einem Sack. Alle lebten noch mindestens ein paar Minuten, bevor das Leben sie verließ. Weil aber für das Heben von Männern ebenfalls ein starker Mann für notwendig gehalten wird, fällt nie der Verdacht auf eine Frau. Ein schwerer Fehler, doch Annbritts weibliche Intuition hilft Wallander, diesen Fehler zu korrigieren.

Dass das zweite Opfer zunächst eine Weile gefangen gehalten worden war, erfährt Wallander erst spät. Die Fundorte und der Backofenkeller sind Szenen wie aus einem düsteren Thriller von David Fincher. Der Anfang von „Sieben“ ließe sich am ehesten mit manchen Stilmitteln vergleichen, die der Regisseur Birger Larsen in der ZDF-Verfilmung dieses Thrillers einsetzte. Ebenso düster, unsicher, verstörend – sowohl im Bild als auch auf der Tonspur. Kein Wunder, dass diese Verfilmung erst ab 16 Jahren freigegeben ist.

Die Verfilmung weicht in vielen und wichtigen Punkten von der Vorlage des Buches ab. Allerdings ist auch das Hörbuch ein gekürzter Text. So taucht beispielsweise keine Bürgerwehr im Hörbuch auf, und auch eine Affäre zwischen Wallander und Annbritt findet nicht statt. Im Gegenteil: Als Annbritt im Krankenhaus liegt, düst ihr Ehemann aus dem arabischen Dubai sofort nach Hause zurück, um an ihr Bett zu eilen.

Selbst das Eingeständnis einer eigenen Schuld, dass Wallander einmal, ein einziges Mal seine Frau (Mona) geschlagen habe, fehlt im Hörbuch. Und selbstverständlich taucht hier auch kein Freund von Linda auf, dem Wallander drohen könnte, er solle ja gut zu seiner Tochter sein. Infolge des Fehlens dieser Szenen erscheint Wallander auf der privaten Ebene selbstgerecht, obwohl er doch auf der beruflich-öffentlichen Ebene nur seine Pflicht tut und den Täter der Gerechtigkeit zuführt.

Aber was ist „Gerechtigkeit“? Die Frage bleibt offen, ob es in irgendeiner Weise „gerecht“ war, dass Anna Anders in Algerien ermordet wurde. Und vor allem die Frage bleibt: „Wer wird jetzt nach ihrem Mörder suchen?“ Wer sorgt dort für Gerechtigkeit?

_Unterm Strich_

„Die fünfte Frau“ ist ein erstklassiger Thriller, der an manchen Stellen stark an David Finchers „Sieben“ erinnert. Es geht um Selbstjustiz, Schuld, moralische Berechtigung, menschlichen Verlust und Gewinn. Natürlich spielen die Ermittlungen in Sachen Serienmorde eine große Rolle, aber sie finden ihr Gegengewicht in den Erlebnissen, die Commissario Wallander hat – die meisten sind nicht allzu angenehm.

Das Buch fängt ganz langsam an, mit ein paar Merkwürdigkeiten wie dem Verschwinden zweier Männer und dem Einbruch in einen Blumenladen in Ystad. Aber das letzte Drittel besteht fast nur noch aus einer Verfolgungsjagd. Wie im Film macht die Polizei von Lund keine besonders gute Figur, als sie die überwachte Person über die Hintertreppe entkommen lässt. Bis der Täter identifiziert ist, vergeht noch einmal eine Schnitzeljagd, bei der Herr Bergstrand, ein Beamter der Staatsbahnen, von Wallander und Co. regelrecht gepiesackt wird – der Ärmste!

Wie gesagt, gibt es praktisch zwei Finali und einen schönen, langen, recht melancholischen Epilog. Wieder einmal erscheint uns Wallander als ein Frauenversteher, aber auch er kann seinem Täter nicht mehr helfen. Dieser Schluss weicht völlig von dem des Films ab und sollte als eigenständig gewürdigt werden.

Von mir gibt es für diese Leistung eine uneingeschränkte Empfehlung.

|Originaltitel: Den femte kvinnan, 1996
Aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt|

Warner, Alan – Hin und weg

_Die ravende Maria_

Die schottische Literatur erlebt eine Renaissance, nicht erst seit „Trainspotting“ von Irvine Welsh. Alan Warners Roman „Hin und weg“ kontrastiert die herbe schottische Alltagsrealität mit der abgehobenen Musikwelt der Raver an der Costa del Sol. Und er hat die – vielleicht utopische – Hoffnung, dass die Transformation einer Frau durch den Rave vielleicht etwas Positives zu den schottischen Verhältnissen beitragen könnte.

_Handlung_

Morvern ist eine ganz normale Arbeitssklavin im örtlichen Supermarkt, wo sie sich den Arsch abrackert. In diesem Hafennest an der schottische Küste gibt es nicht mehr allzu viele Jobs. Das Waisenkind, das mit seinem Freund zusammenlebt, macht jeden Abend in den Kneipen mächtig einen drauf. Ihre beste Freundin Alannah unterstützt sie dabei nach Kräften. Morvern kennt sie alle, die Kollegen ihres Pflegevaters bei der Lokalbahn, die so köstlich derbe Witze erzählen. So kann sie kostenlos auf der Lok mitfahren und ein bisschen rauskommen.

Eines Morgens kippt ihr Freund, der Schriftsteller, im Badezimmer tot um. Schädelbruch oder so was. Während amerikanische Teenager nun einen Schreikrampf nach dem anderen bekommen würden, behält Morvern die Nerven und geht erstmal ordentlich zur Arbeit. Am Abend macht sie wieder einen drauf, diesmal inklusive Sex mit Männern. Morvern nimmt, was sie kriegen kann.

Natürlich muss die Leiche weg. Dafür gibt es den Dachboden. Sehr praktisch ist im Winter der fallende Schnee, der dafür sorgt, dass die Leiche nicht verfault, wenn sie auf der Tischplatte der Modelleisenbahn liegt. Aber wehe, der Frühling kommt oder die Handwerker, um den Schornstein zu reparieren! Das kann einem schon mal die Fahrprüfung versauen.

Doch Glückes Geschick! Ihr verblichener Ex-Freund hat ihr ein Romanmanuskript hinterlassen, das Morvy unter ihrem eigenen Namen an Londoner Verlage schickt. Mit einem satten Vorschuss von 2500 Pfund Sterling düsen sie und Lanna ab an die Costa del Sol und raven sich den Arsch ab, bis sie vor Musik, Bier und Ecstasy nicht mehr wissen, wie sie heißen. Doch was die Animateure unter „Unterhaltung“ verstehen, trifft nicht so ganz Morvys Geschmack: Badesachentausch im Sack mit anschließendem Wettschwimmen vor der Videokamera (wohlgemerkt: die Frauen oben ohne, die Männer im Bikini …). Morvy macht die Fliege.

Quasi als Ausgleich bestattet sie die Einzelteile der eigenhändig zersägten Leiche vom Dachboden, indem sie sie in den Bergen begräbt. Nach so viel Arbeit tut Nacktbaden im Bergbach richtig gut! Sie schmeißt ihren Job, als sie ihren Ex auch noch beerben darf: Wow, weitere 44.000 Pfund Sterling! Störend ist eigentlich nur, dass ihr Lanna erzählt, sie habe es kürzlich noch mit Morvys Ex getrieben, von dem sie glaubt, er sei verreist. Genauer gesagt, so rechnet Morvy nach, am Abend vor dessen Hinscheiden …

Dicke Luft hängt also zwischen beiden, als es wieder in den sonnigen Süden geht, zum Raven. Allerdings setzt sich Morvy diesmal ab, um es ruhiger angehen zu lassen. Sie trifft die Lektoren ihres Londoner Verlags und macht schon wieder einen drauf.

Erst in ihrem nächsten Urlaub findet sie endlich zu sich selbst. Und so kommt es, dass eines Abends eine schwangere junge Schottin im Schneefall über den Bergpass nach Hause kommt – wie weiland Maria nach einer langen Reise aus Ägypten.

_Fazit_

„Movern Callar“ ist von einer flott zu lesenden, eingängigen Einfachheit, die das Auge täuscht. Warners Sätze kommen so simpel und schnell daher wie ein Pferd im Galopp, dass man darüber vergisst, was er nicht sagt. Das schwarze Loch, der blinde Fleck in dieser Erzählung ist die Gestalt der Mutter. Morvy hat ihre Mutter, eine von Spaniern abstammende Schottin, nicht gekannt, nur ihre Pflegemutter. Kein Wunder, dass sie sich selbst in erster Linie dem Vergnügen verpflichtet fühlt, eine befreite junge Frau. Die Mutterrolle ist keine Option.

Erst der Tod ihres Ex und das Sichverlieren im sonnigen Süden führen Morvern zu sich selbst. Sie schläft nicht mehr mit Männern, dafür registriert sie fasziniert, wie der Glaube an die Muttergottes die menschliche Gemeinschaft an ihrem spanischen Urlaubsort zusammenhält und ihr Identität verleiht. Hier sind offenbar ihre Wurzeln und ein Humus. Zwar dauert es noch drei Jahre, bis sie selbst Mutter wird, doch der Weg ist vorgezeichnet.

Das Buch erzählt uns, wie Frauen als Mütter für die Kontinuität in einer menschlichen Gemeinschaft sorgen. Zumal in der Gemeinschaft eines vom Aussterben bedrohten schottischen Dorfes. Hier werden die Männer – etwa ihr Pflegevater – ebenso von den Bessergestellten (den „Sassenachs“) – betrogen wie die anderen Frauen in Morvys Alter um ihre Jugend. Keine Zukunft, keine Hoffnung. Sollte man meinen.

Hier bringt sich die neue, geläuterte Morvern ein. Sie macht ihrem spanischen Familiennamen Callar – es bedeutet so viel wie „ruhig sein, schweigen“ – alle Ehre. Sie raucht nicht und hat das Trinken aufgegeben. Sie ist fähig zu beten, als sie an einem Altar steht. Als sie in ihre Heimat zurückkehrt, kehrt nach einem Stromausfall auch das elektrische Licht wieder zurück …

Dies ist beileibe kein religiöses Buch, wie Morverns Umgang mit der Leiche zeigt. Aber es findet in der Religion Vorbilder und einen verbindenden Glauben, die Hoffnung ermöglichen. Und nicht nur die Kirche kann hier Glauben verkörpern, sondern offenbar auch Rave. Von solchen Musiktiteln ist der ganze Roman durchzogen, und man sollte sie vielleicht kennen, um die Hauptfigur vollständig zu verstehen. Das musikalische Leitmotiv wird bis zur Schlussszene durchgehalten. Dadurch mutet das Buch an keiner Stelle altmodisch an, sondern stets modern. Und im Gegensatz zu „Trainspotting“ zeigt es keine abgründigen, völlig fertigen Existenzen, sondern vielmehr eine Entwicklung zum Positiven.

|Originaltitel: Morvern Callar, 1995
Aus dem Englischen übertragen von Sabine Lohmann|

Glenn Meade – Mission Sphinx

Das geschieht:

1939 reist Playboy und Abenteurer Jack Halder, Sohn einer Dame aus der New Yorker Gesellschaft und eines preußischen Großgrundbesitzers, nach Ägypten, um an archäologischen Ausgrabungen teilzunehmen. Begleitet wird er von seinem besten Freund Harry Weaver, dessen Vater als Verwalter für die Familie Halder gearbeitet hat. Im Schatten der Stufenpyramide des Pharaos Djoser lernen sie die Archäologin Rachel Stern kennen und verlieben sich beide in die junge Frau. Die unbeschwerte, gemeinsam verbrachte Zeit endet abrupt, als Hitler seine Truppen in Polen einmarschieren lässt: Der II. Weltkrieg hat begonnen. Die Wege der drei Freunde trennen sich.

Vier Jahre später hat der Krieg seinen Höhepunkt erreicht. Jack Halder ist nach Deutschland zurückgekehrt. Zwar lehnt er das Hitler-Regime ab, aber seit seine Familie einem Luftangriff zum Opfer fiel, hat er den Alliierten Rache geschworen. Er ist zu einem der besten Spione der Abwehr geworden und hat sich auf Unternehmungen im nordafrikanischen Raum spezialisiert.

Rachel Stern musste als Jüdin die volle Grausamkeit des „Dritten Reiches“ erleiden. Daher bleibt ihr kaum eine Wahl, als ihr die Abwehr das ‚Angebot‘ unterbreitet, mit Jack Halder nach Ägypten zu gehen, um dort mit ihm ein hochbrisantes Unternehmen vorzubereiten: In Kairo werden sich im November 1943 US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill treffen – für die Nazis eine Gelegenheit, beide Staatsoberhäupter auszuschalten.

Die deutschen Aktivitäten in Ägypten sind nicht unbemerkt geblieben. Im Generalhauptquartier für den Nahen Osten arbeiten Briten und Amerikaner fieberhaft daran, den Anschlag zu verhindern. Lieutenant Colonel Harry Weaver vom Nachrichtendienst der US-Army wird die Leitung über ein Team übertragen, das die Attentäter entlarven soll. In der Wüste, den Labyrinthen alter Städte wie Kairo oder Alexandria und in den Ruinen Sakkaras beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel. Für Jack, Harry Rachel wird die Auseinandersetzung zu einer besonderen Zerreißprobe. Obwohl sie nun Gegner sind, finden sie erneut zueinander – bis sich herausstellt, dass eine/r von ihnen ein Verräter ist …

Vergangenheit und heikle Vergangenheit

Mit einem historischen Thriller, der zur Zeit des „Dritten Reiches“ spielt, lässt sich das Wohlwollen der Literatur-Kritik besonders in Deutschland schwerlich gewinnen. Angesichts der jüngeren Geschichte ist durchaus verständlich, dass es problematisch kann, die Welt zur Zeit des II. Weltkriegs als Abenteuer-Spielplatz für tapfere Helden und finstere Bösewichte zu benutzen. Das gilt erst recht, wenn auch die Prominenz des „Dritten Reiches“ persönlich auftritt. Die Versuchung ist groß, dieser die Züge typischer Hollywood-Schurken aufzuprägen, was der Handlung eines Romans zum Vorteil gereichen, angesichts des realen Grauens, das diese Männer vor gar nicht so langer Zeit entfacht haben, jedoch leicht einen schalen Nachgeschmack hinterlassen kann.

An dieser Stelle soll nicht erörtert werden, ob die unbekümmerte US-amerikanische oder britische Sicht auf dieses heikle Thema generell zu verurteilen oder unkommentiert zu akzeptieren ist; dies muss jede/r selbst für sich entscheiden. In den genannten Ländern (doch nicht nur dort) ist es jedenfalls legitim, das „Dritte Reich“ als Schablone für reine Unterhaltungsgeschichten zu verwenden. Am besten fährt der kritische Leser wohl, wenn er sich vor Augen führt, dass Meades Nordafrika trotz aller aufwendigen Recherchen (die der Autor in einem Nachwort beschreibt) rein fiktiv ist und mit der zeitgenössischen Realität etwa so viel gemeinsam hat wie das Rom Ben Hurs, der Wilde Westen John Waynes oder die Gotham City Batmans. Der spielerische Einsatz operettenhafter Nazi-Schergen negiert in keiner Weise die banale Bösartigkeit ihrer realen Vorbilder. Nur sehr schlichte oder vom Ungeist übertriebener „political correctness“ angekränkelte Gemüter setzen das eine mit dem anderen gleich.

Thriller mit vorab bekanntem Ausgang

Glenn Meade vermeidet die schlimmsten Fangstricke, indem er „Mission Sphinx“ auf einem Nebenschauplatz des II. Weltkriegs ansiedelt. Schriftstellerische Freiheiten kann man ihm vor der farbigen Kulisse des Nahen Ostens leichter verzeihen. Zwar vermag er der Versuchung nicht ganz zu widerstehen und bringt mit General Walter Schellenberg und Admiral Wilhelm Canaris vom deutschen Sicherheitsdienst zwei reale Figuren der Zeitgeschichte ins Spiel, aber er erspart seinen Lesern den in diesem Genre üblichen, von wagnerianischem Theaterdonner und Schwefeldunst begleiteten Auftritt von NS-Größen wie Göring, Himmler oder gar Hitler selbst.

Ansonsten müht sich Meade entschlossen, das große Manko seiner Geschichte zu überspielen: Da er einen gewissen Anspruch auf historische Genauigkeit erhebt, kann er es sich nicht erlauben, die Realität umzuschreiben. Im Klartext: Der Leser weiß, das alliierte Kommando-Unternehmen wird scheitern, denn weder Roosevelt noch Churchill sind 1943 einem Anschlag zum Opfer gefallen. So gilt es, dieses Scheitern an das Ende einer möglichst packenden Handlung zu stellen, um die Spannung zu erhalten, obwohl zumindest das historische Finale vorgegeben ist. Dies gelingt Meade im Großen und Ganzen gut. Dennoch seien einige kritische Anmerkungen gestattet.

Die dramatisch-tragische Geschichte dreier ‚normaler‘ Menschen in der Hölle des Krieges ist schon tausendfach erzählt worden. In dieser Hinsicht kann Meade mit keinen Überraschungen aufwarten. Sind seine drei Helden wider Willen erst einmal in Nordafrika eingetroffen, löst sich der Plot in eine einzige, vielhundertseitige Verfolgungsjagd auf. „Mission Sphinx“ könnte in diesem Teil um einige hundert Seiten gekürzt und die künstlich aufgeblähte Geschichte zu ihren Gunsten gestrafft werden. Die endlose Jagd durch die Wüste ist reiner Selbstzweck; sie wird wenigstens mit Schwung und Einfallsreichtum abgespult.

Kulissen statt Schauplätze

„Mission Sphinx“ spielt in Nordafrika, einem zumal in der Mitte des 20. Jahrhunderts fernen, fremden Land mit einer uralten, reichen Kulturgeschichte. Davon ist in dem Roman leider nur beiläufig die Rede. Kairo, Sakkara, Alexandria sind für Meade nur klangvolle Namen für exotische Orte aus 1001 Nacht und fantastische Kulissen für die aus Europa und Amerika importierten Helden und Bösewichter. Einige Szenen inmitten malerisch untergegangener Pharaonen-Herrlichkeit sind ein Muss für einen Roman, der in Ägypten spielt – dies unabhängig davon, wie logisch das im Gefüge des Handlungsgerüstes tatsächlich ist.

Der einheimischen Bevölkerung bleibt nur eine Statistenrolle. Als Individuen treten höchstens hinterlistige Handlanger der Nazis oder treuherzige Gehilfen der Helden auf, denen der Autor großzügig ihren Augenblick literarischen Ruhms gewährt, wenn sie eine verirrte Kugel trifft, was gleichzeitig den Guten Anlass für rührselige Gefühlsausbrüche bietet, die ihre edle Gesinnung unterstreichen sollen.

Auffällig sind die Verrenkungen, die Autor Meade unternehmen muss, um die Figur des Jack Halder als tragischen Helden aufzubauen. Deutscher Spion und hochrangiger Angehöriger des Sicherheitsdienstes darf er sein, Nazi aber auf keinen Fall. Also wird aus Halder ein „guter Deutscher“, der Hitler hasst und ihm nur dient, weil er als Soldat dazu verpflichtet ist – so sind sie halt, die Deutschen, wie Meade ‚weiß‘. Der Autor erledigt solche Schwarzweiß-Malereien lieber sofort, ehe er es später für das Drehbuch einer (erhofften) Verfilmung sowieso tun muss.

Diese (und andere, hier unerwähnt bleibende) Klischees mindern das Vergnügen an der Lektüre nicht entscheidend, solange man sich über eines im Klaren ist: „Mission Sphinx“ ist gewiss nicht der Fixstern am Literaturhimmel, als den die Kritik dieses Buch (besonders in den USA) der potentiellen Leserschar verkauft, sondern reine Kolportage – ein Unterhaltungs-Produkt, dessen Umfang eine Bedeutsamkeit suggeriert, die ihm indes nicht zukommt, das seinen eigentlichen Zweck aber hervorragend erfüllt.

Autor

Glenn Meade wurde am 21. Juni 1957 in Finglas, einer Vorstadt von Dublin, geboren, in der hauptsächlich Arbeiter lebten. Eigentlich wollte er Pilot werden, was an einer Augenkrankheit scheiterte. So studierte Meade Ingenieurswesen und bildete in New Hampshire Piloten am Flugsimulator aus. Später wurde er Journalist und schrieb u. a. für die „Irish Times“ und den „Irisch Independent“.

Parallel dazu begann Meade zu schreiben. Zunächst verfasste (und produzierte) er zwölf Stücke für das Strand Theatre in Dublin, mit denen die Darsteller auch auf Europa-Tournee gingen. Anfang der 1990er Jahre inspirierte der Fall der Berliner Mauer Meade zu einem ersten Roman. „Brandenburg“ (dt. „Unternehmen Brandenburg“) erschien 1994 und wurde auch außerhalb Großbritanniens ein Bestseller.

Meade verlegt seine Geschichten gern in die Vergangenheit. In diese Kulissen bettet er konventionelle Thriller-Elemente ein, die er mit ausladenden Liebesgeschichten anreichert. Meade-Romane sind lang und reich – an Handlung wie an Klischees. Wohl genau diese Mischung erfreut ein breites Publikum, weshalb Meades Werke in mehr als 20 Sprachen erscheinen.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Glenn Meade in Dublin und in Knoxville, US-Staat-Tennessee.

Taschenbuch: 748 Seiten
Originaltitel: The Sands of Sakkara (London : Hodder & Stoughton 1999)
Übersetzung: Susanne Zilla
http://www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (3.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Bionda, Alisha – Regenbogen-Welt

Der größte Traum der Gottesanbeterin Saha ist es, die fünf Ebenen der Regenbogen-Welt, die sich über die verwaiste Erde wölbt, zu erkunden. Doch ihre Freunde, ebenfalls Angehörige des Insektenvolkes und anderer Tiergemeinschaften, stehen dieser Idee eher skeptisch gegenüber, sehr zum Verdruss der abenteuerlustigen Saha. Schließlich gelingt es der jungen Gottesanbeterin mit Hilfe der weisen Eule Uhura, ihre Gefährten zu überzeugen. Von der alten Heuschrecke Iman erhält Saha einige Artefakte, die ihr auf dem langen beschwerlichen Weg helfen sollen, und so machen sich Saha, ihr Gefährte, die Libelle Ishtar, die Eule Uhura, die Schlange Kasur, der Käfer Tuc, das Eichhörnchen Hazee, die Fledermaus Jabani, die Riesenameise Shirkan und Sahas beste Freundin, der Schmetterling Barb, auf den Weg in unbekannte Welten.

Auf ihren gefahrvollen Reisen schließen sich der Gemeinschaft eine Menge neuer Freunde an und in mörderischen Gefahren muss sich die Freundschaft und der Zusammenhalt der unterschiedlichen Charaktere mehr als einmal beweisen. Dabei stoßen Saha und ihre Kameraden auf Relikte der ersten Menschen, die sich selbst und die Erde zerstört haben. Und bald wird Saha die gesamte Wahrheit offenbar, denn langsam beginnt sich die Gottesanbeterin zu verwandeln. Sie bekommt Hände mit fünf Fingern und wird zu einem Menschen, der zur zweiten Rasse gehört. Doch bevor sie mit ihren Gefährten die Erde neu bevölkern kann, muss sie die fünfte Ebene der Regenbogen-Welt erreichen. Und bis dahin ist es ein beschwerlicher Weg, auf dem weitere tödliche Gefahren lauern …

Mit „Regenbogen-Welt“ erwartet den Leser ein Fantasy-Roman der etwas anderen Art und der faszinierendste Beitrag zur |Magic Edition|. Ein sehr philosophisch ausgelegter Roman, denn so wie man sich selbst im Laufe des Lebens entwickelt und geistig wächst, so entwickelt sich auch die Protagonistin Saha und wird vom naiven Mädchen zu einer erfahrenen Frau. Die äußerliche Wandlung ist dabei sekundär.

Ein besonderer Appell geht dabei an die Freundschaft, und genau wie im richtigen Leben treffen Saha und ihre Freunde auf neue Weggefährten, während andere zurückbleiben oder sogar den Tod finden. Die Charaktere, so unterschiedlich sie von Gestalt und Gesinnung auch sein mögen, wurden allesamt liebevoll dargestellt und es ist kaum jemand dabei, den man nicht in sein Herz schließt. Die Interaktion zwischen den unterschiedlichen Freunden ist oft sehr witzig, manchmal auch traurig oder dramatisch aber nie langweilig, und besonders auffällig ist die gut recherchierte Hintergrundgeschichte, welche sich auf einen Mythos der Navajo-Indianer bezieht, in deren Sagen und Geschichten die Regenbogen-Welt eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt.

Insekten-Liebhaber sollten bei der Beschreibung von Saha und ihren Gefährten das eine oder andere Mal die Augen zudrücken, so z. B. wenn Saha ihre bewimperten Augenlider niederschlägt oder eine Libelle ins Schwitzen gerät. Die meisten anatomischen Besonderheiten und Verhaltensweisen werden aber vollkommen naturgetreu wiedergegeben und man sollte nicht außer Acht lassen, dass mit diesem Buch ein Fantasy-Roman vorliegt und keine wissenschaftliche Abhandlung.

Der Roman ist keineswegs ein Kinderbuch, sondern betrachtet das Leben an sich aus einer sehr realistischen Sichtweise, wo auch schon mal der eine oder andere Freund stirbt. In einer Vision erleben die Kameraden zudem, wie die Spanier Amerika entdecken und dabei das Volk der Indianer niedermetzeln, um an Gold und Reichtümer zu gelangen. In jeder Welt erwarten den Leser, genau wie die Reisenden, neue gefährliche Abenteuer. Selbst mit feuerspeienden Drachen bekommen es die Gefährten zu tun, so dass auch die Freunde der „altmodischen“ Fantasy auf ihre Kosten kommen.

Abgerundet wird der Band durch die stimmungsvollen Illustrationen von Barbara Emek, welche teils kindlich verspielt anmuten oder melancholisch verträumt den Beginn eines Kapitels zieren. Selten haben Schrift und Zeichnung eine so vollkommene Einheit gebildet. Das Titelbild fügt sich mit seiner schlangenhaften Spirale gut in das Gesamtbild ein und bietet für das Auge einen ersten Blickfang, ohne überfrachtet zu wirken. Die indianischen Symbole und die Farbgebung, welche an den hoffnungsvollen Schimmer des Sonnenaufgangs erinnert, vermitteln einen ersten Eindruck von der Atmosphäre des Buches.

Es hat sehr viel Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, und wer Lust hat, sich auf eine wundervolle und fantastische Reise zu begeben, der sollte sich diese Geschichte nicht entgehen lassen. Es ist eine wunderschöne Hommage an Freundschaft und Toleranz sowie ein Wegweiser in eine bessere Welt und ein harmonisches Miteinander.

http://www.blitz-verlag.de/

_Florian Hilleberg_

Bionda, Alisha / Borlik, Michael (Hrsg.) – ewig dunkle Traum, Der (Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik, Band 1)

„Der ewig dunkle Traum“ – das ist eine ergreifende, abwechslunsgreiche Reise in die Abgründe der Schattenwelt, in das Reich der Geister, Vampire und Dämonen – aber auch in die geistigen, morbiden Auswüchse der Vorstellungskraft: Der Leser begegnet diesen Geschöpfen persönlich oder taucht in die düsteren Fantasien der agierenden Personen ein. Diese Sammlung der unterschiedlichsten Erzählungen des Grauens sollte bei keinem Liebhaber der schwarzen Literatur im Bücherregal fehlen.

Die Kurzgeschichten stammen aus der Feder mehrerer Autoren wie dem namensgebenden Wolfgang Hohlbein, begleitet von Barbara Büchner, Markus Heitz, Marc-Alastor E.-E. Und vielen anderen. Ebenfalls dabei sind Alisha Bionda und Michael Borlik; die beiden Herausgeber geben ihren eigenen Beitrag zu diesem Almanach der Schattenwelt zum Besten, aber auch ein paar neue Namen in diesem Genre gewähren einen ersten Einblick in ihre beklemmenden Fantasien des Schreckens:

„Ein besonderer Geschmack“ entführt uns in die moderne Welt der vampiresken Wesen Elaine und Gedeon und ihres gnadenlosen Kampfes gegen die eigenen Artgenossen. Die actiongeladene, teilweise zynische Story erinnert zweifelsohne an das Schicksal des Daywalkers |Blade|. Die Geschichte liest sich auch vielmehr wie ein kurzer Einblick in einen umfassenden Zyklus dieses außergewöhnlichen Paares, weniger wie eine abgeschlossene Kurzgeschichte. Vielleicht werden wir von Markus Heitz und seinen Kreaturen irgendwann noch mehr lesen können.

Eddie M. Angerhuber dreht die Lautstärke der ersten Geschichte auf ein Minimum zurück und bedient sich vielmehr psychologischer Elemente. In „Das Nachtbuch“ wird mit einer geschickten Metapher gespielt – die Schattenwelt als Symbol einer Beziehungskrise: Eine Frau wird zur Gefangenen ihres Geliebten, nachdem dieser sie mit einem Fremden erwischte, der sie anscheinend infiziert hat, denn die Frau verändert sich zunehmend. Sie wandelt sich zu einer Art Dämonin, sucht ihren Trost in einem Buch, das die Geheimnisse der Hölle zu kennen scheint.

Mark Freier (auch er lässt es sich nicht nehmen, einen kleinen Schocker zu präsentieren) jagt den Leser in „Das Höllenwunder“ durch einen treibenden, aufregenden Albtraum.

In „Seelenpfand“ arbeitet die Herausgeberin Alisha Bionda ebenfalls mit einer Metapher – das Schicksal der Vampire als Spiegel zur alltäglichen, misslungen Beziehung unter Normalsterblichen. Hier bedient sie sich auch eines wunderschönen Spiels mit Worten, um die auszehrende Ambivalenz dieser Krise deutlich zu machen.

Nach diesen Ausflügen in die Abgründe der emotionalen Hölle serviert uns Armin Rößler eine klassische Gruselstory. In einem „Vergnügungspark“ bricht das Grauen abrupt in das Leben des jungen Adrian ein, jagt ihn durch eine Geisterbahn seiner beklemmendsten Ängste und wartet mit einem schockierenden Ende auf.

Frank H.Haubold entführt uns in „Die Stadt am Fluss“, zusammen mit Robert wandern wir durch eine leise Gespenstergeschichte, die Geister der Vergangenheit holen uns schleichend ein, wir baden uns in tiefen Sehnsüchten, begleitet von einigen Zitaten der |Doors| und Jim Morrisons.

Beklemmend, aber auch von einer ganz eigenen Atmosphäre umschlungen geht es in „Trauerflug aus dem Süden“ zu. Dominik Irtenkauf und Javier Hurtado berichten über eine Gruppe von Männern, die das Verschwinden einiger Personen aufklären wollen. Sie machen sich auf den Weg durch eine düstere, einsame Moorlandschaft – ein Weg in den Schrecken.

Die titelgebende „Schattenchronik – Der ewig dunkle Traum“ vom Altmeister Wolfgang Hohlbein führt den Leser in die Anfänge der Geschichte um die Vampirin Dilara ein. Wie alles begann, wie sie unmerklich zu dem wurde, was sie fürchtete. In die Vorfreuden auf ihre Verlobung bricht der Vampir Antediluvian in ihr behütetes sorgloses Leben ein und zeigt ihr das wahre Gesicht der Schattenwelt. Das junge Mädchen versinkt in eine Schizophrenie zwischen Wahn und Wahrheit bis zur finalen schrecklichen Erkenntnis, was tatsächlich mit ihr passiert ist. Der Einstieg in einen vielversprechenden Zyklus …

„Die Nahrung der Toten“ von Barbara Büchner greift das Thema des Nachzehrers bzw. eines Ghouls auf, verpackt in eine kurze, emotionsgeladene Geschichte.

Marc-Alastor E.-E. präsentiert die erste von drei Mumiengeschichten in diesem Band. Hierbei wird auf mitreißende Weise das Thema der Mumifizierung am eigenen Leibe behandelt. „Lang lebe die Königin!“ heißt es am Ende nach einem Trip durch die einzelnen erschreckenden Stationen.

Der Vampir als melancholischer Romantiker findet seinen „Engel der Nacht“ in Michael Borliks Erzählung. Er macht seine sterbliche Angebetene zu einem Geschöpf seinesgleichen, damit sie doch noch ein Paar werden können.

Anfänglich so gewöhnungsbedürftig wie der Titel „Mumienglanz in der Nekrophilharmonie“ liest sich die experimentelle Sprache von Dominik Irtenkauf. Ebenso ungewöhnlich wohl wie die Aussagen der hier sprechenden Geister, die durch das Einbrechen der Sterblichen in ihrer ewigen Ruhe gestört werden.

Für ein belustigtes Schmunzeln sorgt Boris Koch in seinem „Heiligabend bei Manfred“. Weihnachten bei den Blutsaugern bei dampfendem Glühblut – herrlich!

Für beste viktorianische Unterhaltung im alten London sorgt Linda Budinger mit ihrem „Schattentrinker“. Das Thema Mumie wird diesmal in guter alter Tradition aufbereitet, aber auch der berüchtigte „Jack the Ripper“ sieht sich mit einer ganz neuen Theorie konfrontiert. Beste Unterhaltung durch eine bodenständige Gruselgeschichte.

Klassisch präsentiert sich auch „Der Verfluchte von Tainsborough Manor“. Christel Scheja geleitet uns in eine altbewährte Spukgeschichte, verpackt in eine dramatische Liebesnovelle.

Am Ende wartet Markus K.Korb noch mal mit einem packenden Schocker auf. „Die Brut“ erinnert in seinem Flair an Horror-Geschichten aus den Federn von H.P. Lovecraft oder Stephen King, vor allem das überraschende Finale lässt den Leser ein letztes Mal zusammenfahren.

Die Essays von Christel Scheja im Anhang geben abschließend einen interessanten Einblick in die historischen und wissenschaftlichen Hintergründe der Geschöpfe, von denen wir in den vorangegangenen Erzählungen lesen durften. Über Dämonen, Werwölfe, Vampire bis hin zu den Mumien werden all diese klassischen Schattenwesen genauer unter die Lupe genommen. Dominik Irtenkauf jongliert in seiner Niederschrift auf seine ganz eigene Weise mit den Worten, verpackt Nietzsche und Bram Stoker zu einer gemeinsamen Theorie, um der Welt der Schatten seinen speziellen Anstrich zu verpassen.

Auf den letzten Seiten stellen sich dann alle Autoren mit Fotos und kurzen Abrissen ihres Schaffens vor, damit auch die Personen hinter dieser großartigen Chronik ein Gesicht bekommen.

Die Aufmachung dieses Buches ist beeindruckend! Für gerade mal 9,95 € bekommt man eine ganze Menge geboten: nicht nur die erwähnten Erzählungen und Zusatzinformationen, sondern auch die Covergestaltung von Mark Freier sowie die morbiden Illustrationen von Pat Hachfeld als passende Einleitung zu jeder Geschichte geben dem jeweiligen Einstieg eine ganz eigene Atmosphäre und sorgen für den richtigen Flair. Schriftgröße und der illustrierte Seitenaufbau machen deutlich, dass man hier ein sorgfältig gestaltetes Werk in Händen hält, welches in seiner Ausführung zusätzliches Lesevergnügen bereitet.

An dieser Stelle gibt es daher ein großes Lob an den [BLITZ-Verlag]http://www.blitz-verlag.de/ für dieses schöne und gelungene Buch; ich habe es sehr genossen, diesen ewig dunklen Traum zu träumen.

Doyle, Arthur Conan – Neue Fälle von Sherlock Holmes & Dr. Watson

_Sechs Holmes-Fälle für Sammler und Einsteiger_

Die fünf CDs bieten sechs Fälle des Meisterdetektivs, die jeweils als Hörspiel in den sechziger Jahren vom Saarländischen bzw. vom Bayerischen Rundfunk mit Profi-Sprechern produziert wurden. Leute wie Horst Tappert („Derrick“), Martin Benrath, Peter Pasetti oder René Deltgen kennt man zwar heute kaum noch, aber damals waren sie vielbeschäftigte Schauspieler. Ihre Qualität kommt dem Hörspiel zugute.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Die Sprecher und Sprecherinnen_

Alle fünf Hörspiele wurden von Michael Hardwick bearbeitet, diese Vorlagen übersetzten dann Ruth von Marcard und John Lackland aus dem Englischen. Die Vorlagen gab es also schon zum Teil Jahre vor der Übersetzung. Die Aufführungen bei den Sendern Saarländischer Rundfunk und Bayerischer Rundfunk erfolgten zwischen 1960 und 1968. Daraus ergeben sich auch ganz unterschiedliche Besetzungslisten, und es ist wenig sinnvoll, diese herunterzubeten. Nur die wichtigsten Rollen seien vorgestellt.

Sherlock Holmes: Alexander Kerst, Peter Pasetti

Dr. Watson: Heinz Leo Fischer, Klaus Behrendt, Erik Schumann

In weiteren Rollen hören wir: Horst Tappert, René Deltgen, Martin Benrath, Hans Caninenberg, Horst Sachtleben (ein damals bekannter Synchronsprecher für Hollywoodfilme), Fritz Rasp (als Butler Ralf in „Der kreidebleiche Soldat“) und viele andere.

_Handlung von „Das Geheimabkommen“_

Holmes und Dr. Watson werden zum Krankenbett von Percy Phelps gerufen, einem Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes (AA) Ihrer Majestät. Percy kennt Watson noch von der Schule, deshalb ist der Empfang relativ herzlich. Wo drückt der Schuh? Percy sind die Dokumente eines eminent wichtigen Flottenabkommens mit Italien aus seinem Büro gestohlen worden. Das war vor zehn Wochen. Dabei hatte sein Onkel Lord Holdhurst, der derzeitige Außenminister, ihm erstmals einen wichtigen Auftrag gegeben. Und nun das! Die Sorge warf ihn aufs Krankenbett, und erst jetzt, gepflegt von seiner Verlobten Miss Harrison, ist er halbwegs wiederhergestellt.

Wer würde ein Geheimdokument stehlen und wozu? Der Dieb würde versuchen, die Dokumente an eine ausländische Macht zu verkaufen und unweigerlich würde auch die Presse Wind von dessen Inhalt bekommen. Weil aber bislang in den Medien nichts darüber zu lesen war, vermutet Holmes stark, dass die Dokumente momentan gar nicht im Besitz des Diebes sind. Doch die Zeit drängt: Bald wird die Regierung eine offizielle Erklärung dazu abgeben. Dann sind die Dokumente auf dem Markt nichts mehr wert.

Der Dieb muss rasch reagieren. Holmes legt sich auf die Lauer und erwartet ihn. Er erlebt eine Überraschung.

_Handlung von „Der Mazarin-Stein“_

Dr. Watson erzählt, dass Holmes neuerdings einen Butler namens Billy habe. Dieser hat ihm anvertraut, dass Mr. Holmes gerade an dem Fall eines Diebstahls arbeite, bei dem ein Kronbrillant namens Mazarin-Stein entwendet wurde. Und neuerdings habe der Meisterdetektiv eine Wachsfigur von sich selbst so aufstellen lassen, dass man sie von der Baker Street aus sehen könne, doch meist sei sie durch einen Vorhang verborgen. Dr. Watson besucht seinen Freund. Holmes erwartet, demnächst ermordet zu werden. Von einem gewissen Graf Nigretto Sylvius und seinem Schläger Sam Merton. Watson ist schockiert.

Der Graf wird angemeldet, und Holmes schickt Watson vorsichtshalber weg. Wer weiß, wozu der Verbrecher fähig ist. Sein Schläger ist bestimmt auch nicht weit. Tatsächlich verbirgt sich in des Grafen Gehstock ein Luftgewehr und in seiner Rocktasche ein Revolver. Doch auch Holmes ist bewaffnet. Er fordert Auskunft, wo das geklaute Juwel ist und wird ausgelacht. Doch Holmes hat den Tathergang anhand von Zeugenaussagen rekonstruiert und weiß von einem Juwelier, dass der Graf den Stein immer noch in seinem Besitz hat. Den Stein – oder 20 Jahre Zuchthaus.

Während der Graf mit Sam Merton eine List ausknobelt, hören sie Holmes vernehmlich im Nebenzimmer Geige spielen. Der Wachspuppe hinter dem Vorhang schenken sie keine Beachtung. Was sich als fataler Fehler erweisen soll.

_Handlung von „Der kreidebleiche Soldat“_

(Dieses Hörspiel wird mit klassischer Tanzmusik eingeleitet, was sich angesichts des Themas – Lepra – als reichlich makabrer Einfall erweist.)

Dr. Watson will endlich heiraten und sich mit einer Praxis im feinen Londoner West End niederlassen. Übers Heiraten kann Holmes nur den Kopf schütteln. Er hat ja seine treue Mrs. Hudson als Köchin und Haushaltshilfe sowie Billy als Butler. Den nächsten Fall bearbeitet er ohne Watsons Beisein. Sein Biograph bekommt die Geschichte dann eben hinterher zu hören.

Holmes bekommt Besuch von Mr James Dott, einem ehemaligen Soldaten, der in Südafrika gegen die Buren gekämpft hat, um die Kapkolonie für die britische Krone zu erobern. Das sei 1901 gewesen, berichtet Dott, und mit von der Partie war Godfrey Amesworth, der zu seinem besten Freund wurde. Allerdings wurde Godfrey verwundet, man wurde getrennt, und seither hat Dott ihn nicht wieder gesehen. Das war vor sechs Monaten. Seitdem kein Wort von ihm.

Daher beschloss Dott, Godfreys Vater, Oberst Amesworth, auf dessen Landsitz in Tuxbury Old Park zu besuchen. Doch der Oberst erwies sich als unglaublich abweisend. Dott solle seine Nachforschungen einstellen, Gidfrey sei auf einer Weltreise, und dies sei eine reine Familienangelegenheit, die ihn nichts angehe. Wenigstens darf Dott übernachten, und so kann er Ralf befragen, den Butler, der quasi Godfreys Pflegevater war. Ralf bestätigt Godfreys Tod nicht, aber auch nicht dessen Weltreise. Hier ist etwas oberfaul.

Am nächsten Tag sieht Dott am Fenster das Gesicht seines Freundes. Es ist kreidebleich wie das eines Gespenstes. Schnell ist es wieder verschwunden, als sei sich Godfrey einer Schuld bewusst. Dott sucht den Garten ab und gelangt zu einem kleinen Haus an dessen Ende. Der Mann, der heraustritt und die Tür sorgfältig abschließt, sagt ebenfalls, Godfrey sei verreist, doch insgeheim beobachtet er Dott aus den Büschen. Da ertappt der Oberst seinen Gast beim Spionieren und wirft ihn achtkantig raus. Tja, nun kann nur noch Sherlock Holmes helfen. Worin besteht das Geheimnis des kreidebleichen Soldaten?

_Handlung von „Das getupfte Band“_

Holmes weckt Watson aus dessen Schlummer, denn sie haben wieder eine Klientin. Im Wohnzimmer hat eine tief verschleierte Frau Platz genommen, die sich als Helen Stoner vorstellt. Als sie den Schleier lüftet, blickt ihnen ein kaum dreißigjähriges, leidgeprüftes und blasses Gesicht entgegen. Das Haar wird bereits von grauen Strähnen durchzogen. Was hat so viel Leid hervorgerufen, fragt sich Watson, der Chronist. Man schreibt den April des Jahres 1883.

Sie habe Todesangst, erzählt sie. Dabei will sie in zwei Monaten heiraten. Ihr Verlobter hält ihre Ängste für Einbildung, doch sie hat guten Grund dafür: Ihre Schwester Julia ist bereits an einer unbekannten Ursache im Zimmer nebenan gestorben. Niemand weiß, wodurch. Helen bittet Holmes um Rat.

Der Detektiv sagt sein Kommen zu, denn er nimmt den Fall ungewöhnlich ernst. Und mit Recht, denn kaum ist die junge Frau wieder gegangen, erscheint Dr. Roylet, ihr Vater, unter dem sie offenbar zu leiden hat. Sein jähzörniges und grobes Auftreten sowie die Drohungen, die er gegen Holmes, sollte er sich einmischen, ausstößt, charakterisieren ihn vollständig als gefährlichen Choleriker. Er hat in Indien seinen einheimischen Diener erschlagen, musste ins Gefängnis und danach den Subkontinent verlassen. Und wer weiß, was er an gefährlichen Dingen aus Indien, wo er Helens inzwischen verstorbene Mutter kennen lernte, mitgebracht hat?

Als Holmes mit Watson und Miss Helen den Tatort untersucht, fallen ihm verschiedene Merkwürdigkeiten auf. Es werden noch sehr viel mehr, als es ihnen gelingt, auch Dr. Roylets Arbeitszimmer in Augenschein zu nehmen. Durch Renovierungsarbeiten, die lediglich einen Vorwand bilden, ist Helen gezwungen, im gleichen Zimmer wie das Todesopfer zu nächtigen. Als sich Watson mit Holmes nachts auf die Lauer legt, ist ziemlich klar, dass der Detektiv mit einem weiteren Mordanschlag rechnet. Vorsichtshalber hat er einen Revolver mitgenommen – bei Leuten wie Dr. Roylet muss man auf alles gefasst sein.

Im entscheidenden Moment dringen seltsame Laute und Schreie aus den Zimmern. „Vorsicht, Watson – es besteht höchste Gefahr!“ flüstert Holmes, als sie ins Haus eindringen. Denn natürlich kennt Holmes bereits die Lösung des Rätsels.

_Handlung von „Der Daumen des Ingenieurs“_

An Dr. Watsons Wohnungstür klopft es. Ein Schaffner der Eisenbahn vom nahen Paddington-Bahnhof bringt einen jungen Mann zur Behandlung. Der Ingenieur Victor Hatherley hat eine verwundete Hand: Der Daumen wurde abgetrennt. Rechtzeitig ist es ihm gelungen, die Blutung zu stoppen. Doch was der Schaffner einen „Unfall“ nennt, bezeichnet Hatherley als Mordanschlag. Das ist natürlich ein Fall für Sherlock Holmes.

Hatherley berichtet, dass er mutterseelenallein auf diesem Planeten lebt und sich sein Brot mit Beratungsarbeiten und dergleichen verdient. Eines Tages kam ein Mann in sein Büro in der Victoria Street und tat sehr geheimnisvoll. Er stellte sich als Oberst Lysander Stark vor: Hatherley könne 50 Pfund in einer Nacht verdienen, sofern er Diskretion bewahre und kommende Nacht nach Iford in Berkshire hinauskomme. Dort solle er eine hydraulische Presse untersuchen. Nach etwas Hin und Her willigte Hatherley ein. Die Sache kam ihm seltsam vor, aber er brauchte das Geld.

In Iford fuhren sie an die zwölf Meilen mit einem geschlossenen Pferdekarren übers Land, bis sie an einem Haus ankamen, wo eine junge Frau ihnen mit einer Lampe leuchtete. Kaum war Stark kurz weg, warnte die junge Frau Hatherley eindringlich, so schnell wie möglich zu verschwinden, denn sein Leben sei in Gefahr. Zu spät! Schon kam Mr Fergusons, Starks Kompagnon, ins Zimmer und führte Hatherley zur hydraulischen Presse, die so groß ist, dass man hineingehen kann.

Der Mann vom Fach findet den Schaden sofort: ein verfaulter Dichtungsring. Und wegen dieser Lappalie hat man ihn geholt? Deshalb stellt er ein paar neugierige Fragen, die gar nicht gut ankommen. Die zwei Gentlemen Stark und Ferguson verschließen die Tür zur Presse und setzen die Maschine in Gang! Es ist offensichtlich ein Anschlag auf sein Leben. Hätte die junge Frau ihm nicht das Leben gerettet, könnte er jetzt nicht Sherlock Holmes um Hilfe bitten. Wer um Himmels willen waren diese Ausländer?

_Handlung von „London im Nebel“_

Ende Oktober 1895 liegt ein dicker gelber Nebel über der Themse-Metropole. Dr. Watson kann kaum die andere Seite der Baker Street sehen. Holmes meint, das sei für Verbrecher eine ideale Tarnung. Er soll Recht behalten.

Sein Bruder Mycroft, ein Staatsdiener mit weitreichenden Verbindungen, trifft zusammen mit Scotland-Yard-Inspektor Lestrade ein. Der Beamte Arthur West wurde tot auf den Gleisen der U-Bahn nahe Aldgate (City) aufgefunden. Die geheimen Baupläne für ein neues U-Boot, die er bei sich hatte, waren zuvor gestohlen worden. Allerdings sind es nur sieben von insgesamt zehn Plänen, die man vermisste. Wo ist der Rest?

Mycroft bittet seinen Bruder, ihnen zu helfen, die Dokumente wiederzubeschaffen und den Täter zu fassen. Als Erstes fordert Sherlock eine Liste aller ausländischen Spione an, und nach einer Inaugenscheinnahme von Fundort und Leiche besucht er Violet Westbury, die Verlobte des toten West. Sie verteidigt seinen guten Ruf und erzählt von jenem verhängnisvollen Abend, als sie mit ihm ins Theater wollte, er aber auf der Höhe seines Bürogebäudes plötzlich mit einem Ausruf verschwunden sei. Offenbar verfolgte West den wahren Dieb und bezahlte seine Tapferkeit mit dem Leben.

Es führt kein Weg dran vorbei: Sherlock Holmes muss einen Einbruch im noblen West End ausführen. Und Dr. Watson merkt etwas zu spät, um was es dabei in Wirklichkeit geht.

_Mein Eindruck_

|“Das Geheimabkommen“|

Was tut man nicht alles für einen Schulfreund und fürs britische Vaterland! Watson und Holmes hängen sich gleichermaßen rein, doch Holmes kommt zu einer verblüffenden Lösung. Das ist durchaus spannend. Was mich aber störte, ist die Behauptung, jemand könne neun Wochen lang mit einem „Nervenfieber“ darniederliegen. Das kommt besonders im Lichte heutiger Behandlungsmöglichkeiten recht unwahrscheinlich vor. Aber vor hundert Jahren kann ja alles ganz anders gewesen sein.

|“Der Mazarin-Stein“|

Holmes stellt eine verblüffende neue Verhörmethode vor: die Ganzkörperverkleidung. Mehr darf aber nicht verraten werden. Seinen Juwelendieb schnappt er natürlich auf jeden Fall. Auffällig ist an diesem minimalistischen Hörspiel, dass der Schauplatz nur ein einziger Raum ist. Es ist dementsprechend recht kurz: rund 20 Minuten.

|“Der kreidebleiche Soldat“|

Welche Art von Krankheit ist so schrecklich, dass der Betroffene quasi vor der Außenwelt abgeschirmt und verleugnet werden muss, ja, sogar vor seinem besten Freund und Kampfgefährten? Der Autor greift hier die Ausgrenzung des Aussätzigen auf und gemahnte mich dabei an jene bewegenden Szenen aus dem Film „Ben Hur“, in denen Charlton Heston auf das Lager der Leprakranken stößt. Holmes ruft jedoch den anerkannten Experten auf diesem Feld herbei und löst durch den Befund allgemeine Erleichterung aus. Es liegt also nicht im eigentlichen Sinne ein Verbrechen vor, und Dr. Watson tritt ebenfalls nicht auf. Das macht diesen Fall relativ ungewöhnlich.

|“Das getupfte Band“|

Mit großer Freude habe ich diese Story angehört, denn auch hier handelt es sich wieder einmal um ein Beispiel des „Locked room mystery“, das bei Autor Doyle so beliebt war (siehe „Das Zeichen der Vier“): Obwohl Helen Stoners Schwester wohlbehütet eingeschlossen war, ist sie am nächsten Morgen mausetot. Um dieses Rätsel zu lösen, ist natürlich kein Geringerer als Sherlock vonnöten.

Bei seinem Vorgehen wirkt Holmes diesmal allerdings recht unorthodox, ja geradezu versessen darauf, ein wenig Action zu genießen. Obwohl er das Rätsel in Nullkommanix gelöst hat, muss er noch dem Täter das Handwerk legen. (Sicher spart die Polizei dadurch eine Menge Kosten für den Einsatz vor Ort.) Dazu ist a) eine Falle aufzustellen und b) der Köder zu platzieren. Sodann haben sich die beiden Jäger Holmes und Watson auf die Lauer zu legen, wobei sie der aggressiven lokalen Fauna ebenso aus dem Weg gehen müssen wie den in der Nähe kampierenden Zigeunern. Im entscheidenden Augenblick gilt es dann noch dem Köder – der zähneklappernden Helen Stoner – das Leben zu retten und dem Mordinstrument sorgfältig aus dem Weg zu gehen. Eine Menge Aufregung für nur eine Nacht!

Daher hat mir diese Story sehr gut gefallen, stehe ich doch auf Geschichten, in denen etwas passiert und die Handlung ordentlich vorankommt. Auch diese Geschichte basiert wieder einmal auf „culture clash“, denn der Arzt Dr. Roylet hat eine Menge Fremdkörper aus Indien mit in seine Heimat gebracht, und das sind keineswegs seine beiden hübschen Töchter …

|“Der Daumen des Ingenieurs“|

Hier spielt der Autor mit den Tücken falscher Wahrnehmung und Schlussfolgerung. Holmes hat natürlich den richtigen Riecher und durchschaut, worum es im Grunde geht. Bemerkenswert ist an den Verbrechern, dass es sich wieder einmal um Ausländer handelt, wie schon in „Der Mazarin-Stein“ und „London im Nebel“. Der Technik-Laie wundert sich natürlich, dass es eine hydraulische Presse geben kann bzw. konnte (vor über hundert Jahren), in die ein Mann hineinspazieren kann, der dort eingeschlossen wird.

|“London im Nebel“|

Wieder schlagen ausländische Mächte zu. Doch diesmal stecken nicht Prof. Moriarty und seine Schergen dahinter, sondern ein Deutscher namens Oberstein. Zum Glück sind antideutsche Ressentiments in Doyles Werk selten, denn schließlich war der deutsche Kaiser Wilhelm II. ein enger Verwandter der Königin Viktoria. Nachdem diese 1901 gestorben war, änderte sich allerdings das allgemeine politische Klima – mit den bekannten Folgen.

Dieser Fall ist ebenfalls bemerkenswert, weil hier Mycroft auftritt, Sherlocks Bruder. (Über ihre Eltern erfährt man hingegen nichts, und beide haben keine Kinder.) Sherlock hält übrigens große Stücke auf Mycroft: Er sei ein Mann „mit einem systematischen Verstand“, der auch schon mal die Regierung vertrete. Und die Angebote zur Entlohnung, die Mycroft zu machen weiß, sind auch nicht von Pappe: zum Beispiel einen Adelstitel. Am Ende begnügt sich Sherlock mit einer Smaragdkrawattennadel von einer „sehr hochgestellten Persönlichkeit“, die in Windsor residiert. Na, dreimal darf man raten.

_Die Sprecher & Inszenierung_

Die Sprecher sind allesamt Profis, die sich als Film- und/oder Bühnenschauspieler bewährt haben. Diese Profis kennt man heute kaum noch dem Namen nach, aber Peter Pasetti, René Deltgen, Martin Benrath und Hans Canineberg waren damals echte Stars. Horst Tappert wurde erst im Laufe seiner Serienauftritte im TV zu einem bekannten Gesicht, vor allem als Kommissar Derrick. Tappert hat im ersten Hörspiel „Das Geheimabkommen“ eine so kleine Rolle, dass ich ihn die meiste Zeit vergeblich gesucht habe. Frauenrollen gibt es durchaus eine ganze Reihe, aber ich könnte nicht sagen, dass eine der entsprechenden Sprecherinnen Starstatus hatte. Aus einem einfachen Grund: Die meisten weiblichen TV- und Filmstars waren vorher Models. Bei Hörspielen sind aber Schauspieler mit Bühnenerfahrung gefragt.

|Musik und Geräusche|

Alle Hörspiele liegen lediglich in Mono-Qualität vor, so dass der Höreindruck relativ bescheiden ist. Das macht aber der Plot meist wieder wett. Es gibt sehr viele Geräusche, und dafür brauchte man einen Tonmeister, damit die Sounds den Dialog nicht überlagerten. Einmal fährt eine Dampflok quasi direkt vor dem geistigen Auge des Zuhörers vorüber, und hierfür wäre ein Stereoeffekt sehr wünschenswert gewesen. Ansonsten sind Schreie, Klingeln, Hammer & Meißel sowie jede Menge Schritte zu hören. Schüsse fallen keine, was vielleicht bedauerlich erscheint, aber andererseits für die Effektivität von Holmes’ Ermittlungen spricht.

Über die jeweilige Intro-, Abspann- und Pausenmusik lässt sich zum Teil streiten. Sie stammt von den Komponisten Peter Zwetkoff und Konrad Elfers. Während Zwetkoff sich auf klassische, tanzähnliche Kompositionen verlässt, wagt sich Elfers schon in neutönerische Klangdimensionen vor. Ich fand Zwetkoffs heitere bis dramatische Motive nicht immer passend.

_Unterm Strich_

Alle diese Hörspiele sind hinsichtlich ihrer Handlung lediglich gutes Mittelmaß, und man hat nichts verpasst, wenn man sie nicht kennt. Es geht hier meist nicht um Tote, sondern auffällig häufig um ausländische Agenten und Missetäter sowie um Opfer von Rückkehrern aus den Kolonien. Erzschurke Prof. Moriarty fehlt völlig.

Die Fälle sind häufig nicht besonders komplex, und die jeweiligen Hörspiele überschreiten niemals die Lauflänge von 45 Minuten. Das scheint damals eine Art Schallmauer gewesen zu sein, eventuell aus technischen Gründen. Heute kann man auf eine CD ohne weiteres 79 Minuten Hörbuch packen.

Die Produktion ist immerhin durchweg professionell, was Musik, Geräusche und vor allem die Sprecher angeht. Die Mono-Tonqualität ist heute natürlich keineswegs mehr vertretbar. Insofern kann man die Hörspiele vor allem den Sammlern empfehlen oder Holmes-Einsteigern, die eine preiswerte Sammlung von Holmes-Fällen suchen.

Für den Neupreis von 20 Euronen (bei |amazon.de| nur 13,97!) bekommt man sechs Fälle. Allerdings ist die Laufzeit von knapp dreieinhalb Stunden, die man dafür bekommt, damit schon recht teuer bezahlt.

Steven Erikson – Das Spiel der Götter (Gesamtzyklus)

Ein Vorwort

In den letzten Jahren – vorangetrieben durch „Harry Potter“ und die Verfilmung des Buches „Der Herr der Ring“ – gab es einen regelrechten Aufschwung im Bereich der Fantasyliteratur. Dabei werden nicht nur alte Romane neu aufgelegt, denn glücklicherweise sind im literarischen Raum die Praktiken noch nicht so weit gediehen wie im Bereich der Filmwirtschaft; so gibt also noch Innovationen und gelegentliche Neuerungen im Genre.

Wobei sich der wahre Freund der Fantasy gewiss nicht dagegen wehren sollte, einer Reprise altbekannter Themen gegenüber zu treten, denn Elfen und Zwerge, Magier und Trolle kennen wir alle bereits aus dem „Herrn der Ringe“ und natürlich den altertümlichen Sagen, aus welchen diese Gestalten entliehen wurde. Wir werden auch in Zukunft immer wieder auf Romane treffen, die derartige Figuren zum Leben erwecken, so sollte man zumindest hoffen. Denn auch wenn die behandelten und verwendeten Elemente nicht neu sind, so bieten sie schließlich eine wundervolle Kurzweil.

Steven Erikson – Das Spiel der Götter (Gesamtzyklus) weiterlesen

Wiesler, André u. a. – LodlanD – In den Tiefen des Meeres (Grundregelwerk)

_Allgemein_

„LodlanD“ spielt auf unserem Planeten, allerdings in der Zukunft. Das Weltklima ist so dramatisch abgekühlt (ähnlich wie bei dem Film „The Day After Tomorrow“), dass sich die Menschen ins Meer zurückziehen mussten, da die Erdoberfläche nicht mehr bewohnbar ist. Da die Technik auf einem überschaubar höheren Stand ist als unsere heutige, leben die Menschen in riesigen Kuppelstädten, tief auf dem Grund des Meeresbodens.

Selbstverständlich hat sich auch die Art der Fortbewegung radikal verändert. So werden jetzt U-Boote als reguläres Verkehrsmittel betrachtet. Diese werden dann auch genutzt, um zwischen den sieben bekannten Ländern Arbiträa, Stawa, LoD, Bund Freier Städte (BFS), Scientia, Kobe-Uppland und Union Nordischer Länder (UNL) zu verkehren. Organisiert sind diese Länder in einer Art Staatenbund, dem so genannten Rat der Länder (RDL).

Neben der technischen Seite haben sich auch die Menschen weiterentwickelt, denn etwa ein Prozent der Bewohner des RDL haben psionische Begabungen, sprich Kräfte wie Telepathie, Telekinese oder Ähnliches. Auch geklonte Menschen sind nichts wirklich Außergewöhnliches in „LodlanD“.

_System_

In „LodlanD“ wird ein System genutzt, das auf Prozentwürfe zurückgreift. Gewürfelt wird mit zwei zehnseitigen Würfeln (W10), einer gibt die Zehner- und der andere die Einerstelle an (zwei Nullen entsprechen einer Hundert). Wenn man bei einer Probe kleiner/gleich seinem Wert würfelt, hat man diese bestanden. Die Attribute haben zu Beginn einen Wert zwischen 20 und 80, sind allerdings im Laufe des Spiels bis zur 99 steigerbar. Auch die Talente und PSI-Kräfte haben einen Wert zwischen null und hundert, doch hat man bei den Talenten häufig eine gewisse Grundbegabung. So weist das Talent Menschenkenntnis bei jedem von Anfang an eine fünfundzwanzigprozentige Grundchance auf, auch wenn man kein Psychologe oder Ähnliches ist. Bei berufsspezifischen Talenten, wie Geologie zum Beispiel, hat man bei einer Grundchance von 0 % keine Möglichkeit, die Proben ungelernt zu bestehen. Da es bei „LodlanD“ keine vorgegeben Klasseneinteilungen oder Professionen gibt wie in vielen anderen Rollenspielen, bleibt es dem Spieler selbst überlassen, was sein Charakter kann oder nicht, solange er sich an die vorgegebene Punktezahl der Fertigkeiten hält.

Hat man eine Fertigkeit bis zu einem Wert von 60 % gesteigert, wird angenommen, dass man alles normal Wissenswerte über diese Fertigkeit kennt. Will man den Wert weiter erhöhen, muss man sich spezialisieren. So kann man etwa Schiffe steuern auf 60 % erhöhen, möchte man aber besser werden, muss man sich auf einen der verschiedenen Schiffstypen spezialisieren.

Die Attribute und die Fertigkeiten sind voneinander unabhängig. Doch bestimmen die Attribute unter anderem die Werte der Geistigen Ausdauer und der Lebensenergie.

Wenn PSI-Kräfte gewirkt werden oder man geschlagen wird, verliert der Charakter Geistige Ausdauer, bei richtigen Schäden verliert er Lebensenergie. Diese beiden Werte werden in je vier Teile gespalten. Sobald man durch Schaden vom ersten Viertel in das zweite rutscht, gibt’s einen Malus auf die weiteren Aktionen. Dieser Malus erhöht sich dann je nach erreichtem Viertel weiter.

_Mein Eindruck_

„LodlanD“ ist ein sehr gelungenes Regelwerk. Man merkt durchgehend, dass sich die Autoren und Mitarbeiter einige Gedanken über ihr System gemacht haben. Dieses bietet in einem sehr gut ausgewogenen Rahmen sowohl genügend Freiheiten für erfahrene Spieler als auch sinnvolle und einfache Grundregeln für einen Anfänger. So gibt es etwa für den Schiffskampf eine einfache Grundregel und eine optionale, differenzierte und realistischere Zweitregel für Fortgeschrittene.

Auch die Trennung der Attribute von den Fertigkeiten ist sinnvoll, denn dadurch hat der Spieler zum einen die maximale Gestaltungsfreiheit bezüglich des Könnens seines Charakters. Zum anderen ist eine solche Zuordnung (fast) immer ein fauler Kompromiss, da meistens einfach mehrere Attribute zutreffen. Wer will denn etwa entscheiden, ob die Fertigkeit Waffenloser Kampf auf die Stärke, die Geschicklichkeit oder die Konstitution geht?

Obwohl „LodlanD“ in der Zukunft spielt, hat es mit den bekannten Dark-Future-Rollenspielen wenig gemein. So sind zum Beispiel Schusswaffen in der RDL wirklich eine Besonderheit und sehr selten. Wenn man mal kurz darüber nachdenkt, wird einem sicherlich schnell klar, was ein Fehlschuss für kathastrophale Folgen haben könnte. Daraus ergibt sich, dass die Spieler ihre Köpfe anstrengen müssen, und nicht einfach nach Schema F: „Erst schießen, dann fragen!“ vorgehen dürfen. Hier sind Ideen und gutes Rollenspiel gefragt.

Die Psi-Kräfte hingegen machen den fantastischen Aspekt bei „LodlanD“ aus. Es ist aber nicht so, dass diese Kräfte das Spielgleichgewicht durcheinander bringen würden. Diese sind zwar ziemlich nützlich, allerdings nicht wirklich mächtig. Desweiteren ist es durchaus möglich, komplett auf diese Kräfte zu verzichten, wenn man auf diesen Aspekt keine Lust hat, denn es wird extra betont, dass kein offizielles „LodlanD“-Abenteuer so aufgebaut sein wird, dass es ohne Psi-Kräfte nicht gelöst werden könnte.

Ein großes Plus dieses Rollenspiels ist die wissenschaftliche Fundiertheit. Man merkt einfach an fast jeder Stelle, dass es wirklich so oder so ähnlich sein könnte, wenn bei uns einmal die Erde abkühlen sollte. Angefangen von der Beschreibung der Ernährung und Lebensweise eines Lodländers über die originalgetreuen Seekarten bis hin zur Zeichnung der (U)-Boote. Auch die lange Liste der Danksagungen an etwaige Wissenschaftler für deren Rat ist beeindruckend. Um es in der Seemannssprache auszudrücken: Hier wird kein Seemansgarn gesponnen! Dieser enorme Aufwand ist es auf jeden Fall wert, belohnt zu werden.

Kommen wir nun zu meinem einzigen, kleinen Kritikpunkt: Die Namensgebung. Ich meine, ein Staat namens Scientia, in dem hauptsächlich Wissenschaftler leben bzw. an der Macht sind, und der eine Hauptstadt namens Logika hat, ist beileibe nicht der Höhepunkt kreativer Ergüsse! Allerdings ist das eher lustig als störend, denn ansonsten sind die Länder sehr interessant gestaltet.

So ist LoD eine Freihandelzone, in der fast alles verkehrt, vom reichen Händler bis zum letzten Abschaum, am BFS hätte George Orwell („1984“) seine wahre Freude gehabt, und die Piratenjägernation Arbiträa ist allemal für etliche Abenteuer zu gebrauchen. In fast jedem Land gibt es entweder soziale oder ethische Probleme, die ein anspruchsvolles Rollenspiel ermöglichen. Sehr positiv sind auch die „weißen Flecken“. Diese sind zum Teil Lokalitäten oder Personen in „LodlanD“, die in keiner folgenden Publikation beschrieben werden und so dem Spielleiter völlig zu freien Entfaltung zur Verfügung stehen.

Die Aufmachung ist gut, wenn auch nicht gerade überragend. Äußerst vorbildlich ist auch der Online-Support der „LodlanD“-Crew. Jedes Grundregelwerk enthält einen Code, mit dem man sich unter http://www.lodland.de als Spielleiter registrieren und somit das umfassende, kostenlose Downloadangebot (Abenteuer, Regelergänzungen, Charakterbögen etc.) nutzen kann. Die Homepage ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

_Fazit:_ Starkes neuartiges Rollenspiel, das mit wissenschaftlicher Fundiertheit und originellen Ideen glänzt. Für Anfänger und Fortgeschrittenen gleichermaßen geeignet. Wer mal etwas jenseits der typischen Fantasy-Rollenspiele ausprobieren möchte, dem ist „LodlanD“ wärmstens zu empfehlen.

Kazumi, Yuana – Skydream Song

|Mana blickt aus dem Fenster. Vor ihr zieht sich eine Schlucht aus Hochhäusern dahin. Autos drängen sich auf den Straßen, eine Polizeisirene ertönt – Alltag in einer Großstadt. Nur der Himmel ist ungewöhnlich. Graue Rechtecke breiten sich bis zum Horizont aus. Eine gigantische Deckenplatte hängt über allem. Kein Wunder, denn die namenlose Stadt in Yuana Kazumis „Skydream Song“ liegt unter der Erde.|

Das neue Leben hier unten unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem alten oben. Die Menschheit hat es einmal wieder geschafft, sich selbst an den Abgrund der Zerstörung zu treiben. Ein Krieg hat den Planeten verseucht. Den Überlebenden blieb nur eine Wahl, der Rückzug unter die Erde. Mana ist hier aufgewachsen. Obwohl es ihr gut geht und sie eigentlich alles hat, sehnt sie sich nach etwas Höherem. Sie hat noch nie in ihrem Leben Sonnenlicht oder den Himmel gesehen.

Nicht jeder hängt solchen Träumen nach. Wer sich realistisch gibt, hat die Hoffnung auf eine Rückkehr an die Erdoberfläche längst aufgegeben. So auch ihr Vater Kunio. Er hält solche Gedanken für sinnlos und töricht. Allerdings gibt es auch andere in Manas Umfeld, die die Sehnsucht nach dem Himmel teilen. Da ist zum Beispiel ihr Großvater, ein Wissenschaftler, der nach einem Weg hinauf ans Tageslicht forscht. Und nicht zuletzt der engelsgleiche Android Ciel. In ihm soll die Erinnerung an alte Zeiten schlummern. Sein wunderschöner Gesang lässt darauf schließen.

Als Ciel beschuldigt wird, Manas Großvater und ihre Eltern getötet zu haben, kommt die Geschichte ins Rollen. Das Mädchen selbst glaubt an die Unschuld ihres Androiden, sogar noch, als sich herausstellt, dass er ein gefährlicher Killerroboter aus dem Krieg ist. Ciel flüchtet. Er versteckt sich in dunklen Seitenstraßen, wo ihn das Mädchen Iku aufgreift. Sie und ihre Freunde sehnen sich ebenfalls nach dem Himmel. Gemeinsam versuchen sie, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Der neue One-Shot von |Carlsen| enthält zwei Geschichten der jungen Mangaka Yuana Kazumi: „Skydream Song“ und „Planet der blühenden Sterne“. Im ersten und längeren Teil dreht sich alles um den Androiden Ciel und seine Freunde, die den Himmel suchen. Im zweiten Teil ist die Hauptfigur sein Widersacher R, ein Android gleichen Typs. Beide Storys hängen eng zusammen. Sie ergänzen sich und bilden quasi Vorder- und Rückseite derselben Medaille. Kazumis Erzählstruktur zeichnet sich durch Tempo und Sprunghaftigkeit aus.

Das Aussehen der Figuren ist ausgesprochen konform. Große Augen, schmale Gesichter, wirres Haar. Schön anzusehen, aber eben nicht besonders innovativ oder einprägsam. Hinzu kommt eine innerliche Leere der Figuren, denn aufgrund der schnellen Erzählweise bleibt kaum Zeit für eine eingehende Charakterisierung. Mitfiebern lässt es sich da schwer.

Die Suche nach dem Himmel ist in Wahrheit eine Metapher für die Suche nach dem Glück. Die Jungen wollen etwas, was die Alten nicht mehr verstehen. Der Wunsch nach Freiheit spielt die tragende Rolle. Allerdings gestaltet Yuana Kazumi dieses Begehren ausgesprochen zaghaft. Von Revolution ist wenig zu spüren. Eine gute Abenteuergeschichte ist „Skydream Song“ nicht, dafür ist sie nicht spannend und lebhaft genug. Ein facettenreiches Sinnbild ist sie auch nicht, dafür fehlen Variationen des Themas. Die Suche nach dem Himmel wird so lange hin und her gewendet, bis sie niemanden mehr richtig interessiert. Zurück bleibt Verwirrung. Und der Rat, lieber etwas anderes zu lesen.

Richard Morgan – Heiliger Zorn

„Heiliger Zorn“ ist ein sehr treffender Titel für Richard Morgans dritten Roman rund um den Ex-Envoy Takeshi Kovacs. Nach den Ereignissen in „Gefallene Engel“ kehrt Kovacs an den Ort seiner Geburt zurück, Harlans Welt. Dort wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert: einem jüngeren Doppelgänger seiner Person sowie der in den Vorgängern oft zitierten Quellcrist Falconer und seiner Envoy-Ausbilderin Virginia Vidaura.

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Röhrig, Tilman – Ein Sturm wird kommen von Mitternacht

_Romantisch: die Pferdeflüsterin und der Hunnenprinz_

Europa im fünften Jahrhundert: Die Völkerwanderung stellt die alten Verhältnisse auf den Kopf, denn das alte römische Reich gehört der Vergangenheit an. Die vordringenden Hunnen aus Zentralasien haben ein weiteres Heer geschlagen: Die Stadt Worms am Rhein wird geplündert. Auf dem Schlachtfeld hat die junge Goldrun ihren Vater verloren, und ein Hunne namens Keve nimmt sie als Sklavin mit nach Osten, ins Hauptquartier.

Goldrun entdeckt ein besonderes Talent, das sie bei den Hunnen, die mit ihren Pferden so verbunden sind, sehr geschätzt macht: Sie ist eine Pferdeflüsterin. Als ein junger Prinz, Attilas Sohn, auf sie aufmerksam wird, wird auch sie in die Staatshändel der Hunnen mit den Römern und Galliern hineingezogen.

_Der Autor_

Tilman Röhrig, geboren 1945 in Hennweiler/Hunsrück, besuchte die Staatliche Schauspielschule in Frankfurt/Main und hatte Engagements in Frankfurt, Bon und Hannover. Außerdem war er sieben Jahre bei den Städtischen Bühnen Köln. Seit 1973 arbeitet er als freischaffender Schriftsteller, Film-, Funk- und Fernsehautor. Für sein literarisches Schaffen wurden ihm zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter der deutsche Jugendliteraturpreis und der Große Kulturpreis NRW. Röhrig lebt in der Nähe von Köln. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Hörspiel-Inszenierung prunkt mit mehr als dreißig Sprechern und einer ausgefeilten Orchestermusik. Auf der Liste der Sprecher findet man Angelika Domröse, Friedrich Schoenfelder (dt. Stimme von David Niven), Cathlen Gawlich, Till Hagen (dt. Stimme von Jonathan Pryce), Jürgen Kluckert, Manfred Lehmann (dt. Stimme von Bruce Willis), Jürgen Thormann (dt. Stimme vieler Aristokraten) und viele andere.

Die Bearbeitung des langen Romans erfolgte durch Siegfried Antonio Effenberger. Regie, Hörspielmusik und Ton besorgte Christian Hagitte und Simon Bertling, wobei Hagitte auch das Berliner Filmorchester und den Kammerchor leitete. Tonnachbearbeitung und Schnitt erfolgten durch Sonja Harth, als Produktionsassistenz fungierte Katalin Hartke.

Die besonders schöne Frauenstimme gehört Lili Zahavi, und die prägnante Percussion spielte Tom Marberg. Die mittelalterlichen Instrumente Dulcimer, Cister, Lyra und Monochord bediente Norbert Dobisch. Sie tragen wesentlich zu einem zeitgenössischen Eindruck vom Geschehen im fünften Jahrhundert bei.

_Handlung_

Ein Entsetzensschrei ertönt: „Die Hunnen kommen!“ Und tatsächlich hat Worms am Rhein, die Hauptstadt des Burgunderreiches, allen Grund, entsetzt zu sein. Die Reiterhorden der Eroberer aus den Steppen Asiens haben bereits ganz Osteuropa nördlich des Römischen Reiches unter ihr Joch gezwungen und schicken sich nun als nächstes an, auch die römische Provinz Gallien anzugreifen. Worms ist lediglich eine Station auf dem Weg dorthin, doch es entbrennt eine Schlacht, bei der auch die Hunnen Federn lassen müssen. Das verschafft dem Westen eine Atempause von 15 Jahren. Man schreibt das Jahr 436, als das Reich Burgund untergeht. König Gunther ist in der Schlacht gefallen.

Die zehnjährige Goldrun verliert in der Schlacht ihren Vater, und nur ihre Mutter, ihre Schwester und ihr kleiner Bruder Giselher überleben von ihrer Familie. Sie findet eine verwundete Stute, die sie mit ihrer Stimme besänftigt. Ein Rabenkrächzen schreckt Goldrun auf dem Schlaf empor. Ein Hunne steht über ihr. Er hält sie für einen Blutgeist, denn sie ist über und über mit dem Blut der inzwischen gestorbenen Stute bedeckt. Keve nimmt Goldrun mit. Weinend muss sie von ihrer Mutter Abschied nehmen, die ihr ihr eigenes Kleid gibt.

Auf einem Planwagen treten die gefangenen Burgunderinnen, die für die Hurenzelte der Eroberer bestimmt sind, die lange Reise gen Osten an, zu Großkönig Bledas Hauptquartier. Dieser soll über ihr Schicksal entscheiden. Die Matrone Fulla ruft die Frauen zu Durchhalten und Solidarität auf, und Goldrun findet in dem Mädchen Hildegund eine liebe Freundin. Hildegund ist die Tochter eines königlichen Beraters und recht gebildet. Beide setzen sich für den Junker Walter ein und retten ihm das Leben. Später entsteht zwischen Hilegund und Walter eine feste Bindung.

Bledas (Manfred Lehmann) Bruder Attila konnte die Burgunder nur angreifen, weil es ihm 434 gelungen ist, mit dem Oströmischen Reich unter Kaiser Theodosius II Frieden zu schließen. Attila ist der über den Ostteil des Hunnenreiches herrschende Unterkönig und gönnt Bleda den ganzen Ruhm des Burgunderfeldzuges, doch insgeheim grollt er, dass er zwei Drittel seiner Kriegsbeute an Bleda abgeben muss. Obendrein hat Bleda eine Abmachung Attilas mit den Römern gebrochen und seinen Bruder somit bloßgestellt. Attilas Berater Onogesius (Jürgen Thormann) rät dazu, Bleda sukzessive zu entmachten. Attila giert bereits nach Bledas Blut.

Nach der gewaltsamen Trennung von allen Freunden wird Goldrun im Haushalt Keves untergebracht. Der verheiratete Keve tut dem jungen Mädchen nichts an, sondern lässt es auf dem Gestüt seiner Schwägerin Tarcal arbeiten. Dort erweist sich Goldruns spezielles Talent als Pferdeflüsterin als von großem Nutzen. Sie heilt eine kranke Stute, und deren Stutenfohlen Wildrose wird ihre treue Gefährtin.

Im Jahr 440 trägt ein Schamane Unterkönig Attila die Führerschaft über die Hunnen an. Das Symbol dieser Führerschaft ist ein dem Kriegsgott Mars geweihtes Silberschwert. Das ist ein subversiver Akt und Onogesius rät sofort zur Zurückhaltung – doch der Tag wird kommen, an dem das Schwert jenen Dienst verrichten wird, für den es geschmiedet oder entdeckt wurde …

Nur zwei Jahre später greift Bleda Ostrom an und macht es tributpflichtig. Unmengen von Beute fließen fortan in das königliche Hauptquartier. Die inzwischen 16 Jahre alte Goldrun erhält erstmals Besuch von Hildegund, die nicht nur schon einen Busen hat, sondern auch einen Schatz: Junker Walter. Goldrun hat inzwischen ihre Stellung gefestigt und keine Pläne mehr zu entfliehen (im Gegensatz zu Walter und Goldrun). Keve ist für sie ein Ersatzvater geworden und Tarcal eine Mentorin.

Da kommt der schwärzeste Tag in Goldruns Leben. Auf dem Fest Bledas zu Ehren eines römischen Senators ist ein Narr namens Zerkon aufgetreten, dessen Aufgabe es war, die Römer tödlich zu beleidigen. Das ist ihm vollauf gelungen. Als Belohnung darf sich Zerkon mit Bledas Erlaubnis eine wertvolle Stute aussuchen. Seine Wahl fällt unglücklicherweise auf Wildrose, Goldruns beste Freundin unter den Pferden. Doch von der Mutter getrennt zu werden, würde den Tod von Wildroses Fohlen bedeuten, und so protestiert Goldrun dagegen. Zerkon will es töten lassen, doch Goldrun schreit auf. Als er merkt, wen er zuerst zähmen muss, zerrt er Goldrun in einen Stall, um ihr Gewalt anzutun …

Fünf Jahre später führt Attila den langen geplanten Putsch gegen seinen Bruder aus. Im Jahr 451 greift eine halbe Million seiner Reiter Gallien an, und in Worms und Umgebung hallt wieder einmal der Schrei „Die Hunnen kommen!“ wider. Es kommt zur Entscheidungsschlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Paris.

_Mein Eindruck_

Der historische Roman schildert eine für die nachrömische Zeit entscheidende Epoche: den Einfall der Hunnen in Westeuropa sowie ihr ebenso plötzliches Verschwinden. Natürlich ist Attila, die „Geißel Gottes“, nicht nur durch das Nibelungenlied, wo er als König Etzel auftritt, zu einer Legende geworden. Auch in Italien und anderswo erinnert man sich der Grausamkeit seiner Herrschaft nur allzu gut. Es gibt daher auch italienische Monumentalschinken, in denen Attila zur Bedrohung Roms schlechthin hochstilisiert wird.

Der vorliegende Roman ist uns leicht zugänglich, sobald wir einmal eine Verfilmung von „Die Nibelungen“ gesehen oder eine Nacherzählung gelesen haben. Burgunder, Hunnen – alles da. Dass die Hunnen aber eine eigene, durchaus verständliche Kultur und Lebensweise hatten, haben bislang nur die wenigsten Schriftsteller anzudeuten und zu beschreiben gewagt. Zu verpönt ist dieses Volk. (Die Engländer setzten im 1. Weltkrieg sogar die Hunnen mit den Deutschen gleich: „Beware of the Hun out of the sun!“ mahnten die Fliegerinstruktoren. Die deutschen Luftwaffenpiloten nutzten die Sonne in ihrem Rücken, um ihre Gegner, die dadurch geblendet waren, zu überraschen.)

Und nun scheint der Autor dieses berüchtigte Volk sogar zu romantisieren. Die Burgunderin Goldrun verliebt sich gar in einen dieser Barbaren. Herrje, was kommt als Nächstes? Attila auf dem Kaiserthron? Beinahe hätte er es sogar geschafft, sich auf den Thron Westroms zu setzen, sobald er Bleda aus dem Weg geräumt hatte. Doch eine listige Frau machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. Das ist recht kompliziert erzählt und leider nicht sonderlich anschaulich. Die Folgen sind es umso mehr: Attila greift nun auch die weströmische Provinz Gallien an. Hat er sie erobert, wird ihn sein Weg unweigerlich nach Spanien, Oberitalien und Rom führen. Wie die Geschichtsschreibung lehrt, kam es nicht dazu.

Die zwei völlig verschiedenen Handlungsstränge, die sich nur an ein oder zwei Stellen treffen, dienen dazu, einerseits Frauen – durch Goldruns Schicksal und Romanze – anzusprechen, zum anderen auch Männer, die sich wohl eher für die Rivalitäten unter den Herrschern und Reichen interessieren. Auf dieser Ebene spielt eine ausländische Pferdeflüsterin eine denkbar untergeordnete Rolle. Doch für den Leser wird Goldrun wichtig als Beobachterin.

Die Hunnen erscheinen uns als ein Nomadenvolk, das seine Pferde liebt. Schon von klein auf lernen die Knirpse, ein Pferd zu reiten und zu pflegen, so dass sie schließlich eine Einheit bilden. Je edler die Pferdezucht, desto größer daher auch das Ansehen desjenigen, der diese Pferde reiten und zur Verfügung stellen kann: der König in der Regel. Zerkon braucht Attilas und Bledas ausdrückliche Erlaubnis, sich so ein edles Tier unter den Nagel zu reißen.

Nun erscheinen uns durch Goldruns Augen die Hunnen als ein tierliebes und naturverbundenes Volk, doch das bedeutet überhaupt nichts, wenn es um Menschen und insbesondere um unterworfene Ausländer geht. Für Letztere gelten keine Blutsbande und die üblichen familiären Rücksichten. Frauen werden in der Regel versklavt und daher von jedermann benutzt. Goldrun ist also eine seltene Ausnahme. Dass ein hunnischer Fürstensohn um sie freit, grenzt an ein epochales Wunder. Wenn das mal gut geht.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Die Sprecher spielen und sprechen ihre Rollen recht gut. Ganz besonders gut gelingt dies Jürgen Thormann, der die Rolle des einflussreichen und listigen Ratgebers Attilas spricht: Onogesius. Auch Manfred Lehmann, der Synchronsprecher von Bruce Willis, hat eine eindrucksvolle Rolle auszufüllen, doch die demütigende Arroganz, die er seinem Bleda verleiht, macht diese Figur weiß Gott nicht sympathischer.

Mit Angelika Domröse und Friedrich Schoenfelder (Erzähler) sind zwei Altstars vertreten, die nicht allzu sehr ins Gewicht fallen, weil sie Nebenrollen zu sprechen haben. Auch die Sprecher von Keve, Zerkon und dem Fürstensohn stehen nicht im Vordergrund, aber sie müssen ebenso glaubwürdig erscheinen wie der Rest des Teams. Fällt einer aus, so fällt ein Schatten des Zweifels auf den Rest der Riege. Glücklicherweise gibt es hier wenig zu krisitieren. Zerkon als Schurke ist natürlich wieder mal der Unsympath in Person, aber sein Sprecher scheint seine fiese Rolle zu genießen.

|Musik und Geräusche|

Geräusche und Hintergrundstimmen gibt es relativ wenige, so zum Beispiel in der Schlacht um Worms, die am Anfang steht, oder während der Gelage, die an König Bledas Hof stattfinden. Diese Szenen sind natürlich besonders lustig. Dafür gibt es aber umso mehr Musik, die wirklich mitreißend ist. Ich könnte mir solche fetzigen Klänge durchaus in einer der Verfilmungen über Attilas Leben – da war doch was in 2004 – vorstellen. Die volkstümlichen Instrumente und Melodien tragen viel zum Zeitkolorit bei, das der Glaubwürdigkeit des Hörspiels gut tut. Allerdings gibt es hin und wieder auch Mönchschoräle und klagende Frauenstimmen, die ich fehl am Platz fand, obwohl sie natürlich auch in die Zeit passen (durften Frauen damals schon solo singen?).

_Unterm Strich_

Die dramaturgische Umsetzung der literarischen Vorlage erscheint mir in der gebotenen Kürze durchaus gelungen. Das Hörspiel durfte nicht zu lang sein – erstens wegen der möglichen Ermüdung des Hörers und zweitens wegen der Produktionskosten. Denn so ein Hörspiel mit Musik, Geräuschen und einer riesigen Schar Sprecher ist wie eine Theaterproduktion und verursacht entsprechende Kosten. Daher hat Lübbe die Produktion an das Studio STIL ausgelagert und fungiert lediglich als Vertriebspartner. Die Leute von STIL verstehen etwas von diesem Geschäft.

An Spannung lässt das Hörspiel aber erheblich zu wünschen übrig. Denn einerseits weiß man schon frühzeitig, dass Attila seinen Bruder irgendwann kaltmachen wird, denn Bleda taucht in der Überlieferung überhaupt nicht auf. Die halbwegs spannende Frage ist, wann Attila zuschlagen wird. All die Händel mit Ost- und Westrom interessieren im Grunde nicht und werden auch dementsprechend in Erzählerprosa abgehandelt. Die Zusammenhänge sind für das Verständnis der folgenden Szenen allerdings notwendig.

Ist aber wenigstens Goldruns Handlungsstrang spannend? Freunde von „Hanni und Nanni auf dem Pferdehof“ kommen hier voll auf ihre Kosten, und auch Anhänger von heißen Liebesnächten mit wilden Männern gehen nicht leer aus. Doch es kommt der Tag, an dem auch die junge Goldrun vor der Wahl steht abzuhauen oder zu bleiben. Sie schließt einen Kompromiss, doch ihr Hunnenlover kommt ihr auf die Schliche. Was für ein weiches Herz er nun an den Tag legt! Die List der Frauen erweist sich mal wieder als erfolgreich. Ganz besonders dann, wenn sie zusammenstehen.

Das Hörspiel ist unterhaltsam und lebhaft gestaltet. Freunde historischer Romane können sich auf eine gelungene Umsetzung freuen, aber vielleicht wünschen sie sich auch eine vollständige Lesung der literarischen Vorlage. Sicherlich hat der Dramaturg etliches weggelassen, was Leser des Buches vermissen dürften. Aber das war ja auch schon bei Hörspiel von Ken Folletts [„Die Säulen der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1227 so.

|257 Minuten auf 4 CDs|

Andreas Eschbach – Der Nobelpreis

Bestsellerautor Andreas Eschbach – so nennen ihn Verlage und Fans gleichermaßen begeistert. Mit „Der Nobelpreis“ liegt der neueste Roman vor, der diesmal keinerlei Elemente aus Herrn Eschbachs Ursprungsgenre, der Science-Fiction enthält, sondern ein hochklassiger Thriller ist.

Über Andreas Eschbach gibt es viel zu sagen, aber vor allem zählt, dass er hervorragende Romane schreibt. Er ist gebürtiger Deutscher, wohnt aber seit einiger Zeit mit seiner Familie in der französischen Bretagne. Für seine Romane erhielt er regelmäßig Auszeichnungen, zuletzt schaffte er es mit seinem Romanerstling „Die Haarteppichknüpfer“ über den Großen Teich – die Amerikaner, sehr zurückhaltend, was die Übersetzung fremdsprachiger Romane angeht, veröffentlichten ihn als edlen Hardcover unter dem Titel „The Carpetmakers“.
Weitere Infos unter http://www.andreaseschbach.de.

Der Nobelpreis

Für Hans-Olof Andersson ist der Nobelpreis eine Institution, für deren Glaubwürdigkeit er alles tun würde. Er schlägt ein enormes Bestechungsgeld aus, als er als Mitglied des Nobelkomitees für Medizin für eine bestimmte Kandidatin stimmen soll (was er allerdings ohnehin beabsichtigt hatte). Der Nobelpreis käuflich? Unvorstellbar! Da greifen die Hintermänner der Bestechung zu einer anderen Maßnahme und entführen des Professors Tochter. Hans-Olof versteht diesen Angriff auf den Nobelpreis als unduldbaren Übergriff und geht zur Polizei. Wie er jedoch feststellen muss, ist ein Polizeibeamter direkt involviert – unmöglich kann er sich den Beamten anvertrauen. Bleibt als letzter Ausweg sein ungeliebter Schwager Gunnar Forsberg, der als Industriespion im Gefängnis sitzt.

Auf Bewährung bringt Olof ihn heraus und überträgt ihm die Suche nach seiner Tochter Christina. Hochprofessionell gelingen Gunnar nächtliche Besuche bei wichtigen Personen der verdächtigten Firma (Wer würde wohl am meisten vom manipulierten Nobelpreis profitieren? Doch wohl die Firma, bei der der Träger arbeitet!) und dort selbst, doch auf unglückliche Weise scheint die Polizei einen Riecher für ihn zu besitzen, so dass ihm oft nur knapp die Flucht gelingt. Über Christina lässt sich allerdings wenig herausfinden. Stattdessen kommt Gunnar einer ganz anderen Geschichte auf die Spur.

Für den Leser

Wie Herr Eschbach immer betont, ist auch dieser Roman wieder ganz anders als seine Vorgänger. Für die Geschichte ist ein wunderschöner erzählerischer Trick unabdinglich: Der Perspektivenwechsel zwischen Hans-Olof und Gunnar. Das kommt völlig überraschend und bewirkt außerdem eine Änderung in der Erzählung selbst und ihrem Stil. Man kann in ihrem Ton Teile der Lebenseinstellung der beiden Erzähler erkennen: Olofs gleichmäßige, etwas phlegmatische Stimme gegen Gunnars sprunghafte, aufmerksame und lebensfreudige. Dabei sind beide Personen sehr selbstüberzeugt und sehen Fehler nur bei Anderen, vor allem Gunnar fällt hier auf. Er macht natürlich alles richtig – bis er fast auf die Nase fällt, glaubt er auch daran.

Andreas Eschbachs Kreativität zeigt sich deutlich in einer Szene, in der Gunnar außergewöhnlich knapp der Polizei entkommt: In einer nächtlichen Arztpraxis ausweglos festsitzend, täuscht er den Beamten den Beischlaf mit einer populären Persönlichkeit vor und gibt sich selbst als Arzt aus. Entscheidendes Element ist für die Abwiegelung des Misstrauens der Männer der hastig versteckte, aber lang genug sichtbare triefende Penis des „Arztes“.

So überraschend eine derartige Beschreibung auch kommt, Herr Eschbach versteht sein Fach: Als Bühnenbildner, Regisseur und Schauspieler im Theater der Fantasie benutzt er alle Mittel, um seine Geschichte in die Vorstellung des Lesers zu transferieren.

Was außerdem macht diesen Roman so gut? Wahrscheinlich spielt auch die Technik eine große Rolle, die Flüssigkeit, der Spannungsaufbau, der sich durch die häufigen Rückschläge Gunnars manifestiert. Und Herr Eschbachs professionelle Recherche, denn wenn man den sachlichen Informationen zum Beispiel über den Nobelpreis glauben kann, offenbart sich zu einem großen Medienereignis dieser Monate ein toller „BILD“-Fehler: Der in Kalifornien hingerichtete Gangster. Ob diese Hinrichtung nun moralisch vertretbar oder abzulehnen ist, wurde an anderen Stellen diskutiert. Hier geht es um den Nobelpreis, für den der Gangster gleich mehrfach nominiert gewesen sein soll. Herr Eschbachs Recherche ergab, dass diese Informationen unter Verschluss bleiben. Darauf ist auch ein wichtiger Handlungspunkt zurückzuführen, ohne den die Geschichte so nicht funktionieren würde. Künstlerische Freiheit von Herrn Eschbach oder mediale Fehlinformation? Leicht lässt sich auf Letzteres Tippen.

Die Geschichte lädt zum Miträtseln ein. So erscheint es doch plausibel, dass der vorbildliche Hans-Olof, der ja für die entsprechende Kandidatin stimmen wollte, durch den gescheiterten Erpressungsversuch dazu gebracht werden sollte, ihr seine Stimme zu verweigern. Aber wäre das sinnvoll? Herr Eschbach spinnt ein feines Netz aus falschen Fährten, die zum Teil extra für den Leser angelegt erscheinen, da sie von den Protagonisten missachtet werden, uns jedoch so deutlich vor Augen liegen. Schließlich kommt aber doch alles ganz anders.

Fazit: Andreas Eschbach sagte sinngemäß, wenn man noch ein Buch in diesem Jahr oder Jahrzehnt lesen wolle, solle man Wolfgang Jeschkes „Cusanus-Spiel“ lesen. Diese Aussage trifft weitaus eher auf den „Nobelpreis“, seinen eigenen neuen Roman zu. Das ist garantiertes Lesevergnügen für jedermann.

Khoury, Raymond – Scriptum

Auf den Spuren eines Dan Brown möchten heutzutage verständlicherweise sehr viele Autoren wandeln, insbesondere wenn es um die sagenhaften Verkaufszahlen von Browns Verschwörungsthrillern geht. So wundert es kaum, dass der Buchmarkt in den letzten Jahren von immer mehr Kirchenthrillern geflutet wird, die allerdings oftmals nicht einmal annähernd auf der Brown’schen Erfolgswelle mitschwimmen können. Denn ein kirchengeschichtlicher Hintergrund – am besten natürlich unter Mitwirkung eines Geheimbundes – sowie ein relativ spartanischer und rasanter Schreibstil alleine reichen noch nicht aus, um beim Leser dasjenige Kribbeln hervorzurufen, das man beim Lesen von „Illuminati“ verspürt.

Auch Raymond Khoury hat sich mit den Tempelrittern und einem dunklen Vatikangeheimnis zwei sehr erfolgreiche Komponenten herausgepickt, die gepaart mit dem verkaufswirksamen Titel samt optisch hervorstechenden Buchcover praktisch einen Bestseller garantieren. Und richtig, „Scriptum“ verkauft sich hervorragend und wird an Weihnachten sicher so manch einen Bibliophilen erfreut haben. Doch eins muss man gleich vorweg feststellen: Dies widerfährt Khoury nicht ganz zu Unrecht, denn sein Buch sticht aus den zahlreichen mittelmäßigen Thrillern erfreulich positiv heraus. Doch beginnen wir zunächst beim Inhalt:

Im New Yorker Metropolitan Museum werden in einer Sonderausstellung Schätze des Vatikans präsentiert, die sich auch die hübsche Archäologin Tess Chaykin, ihre Mutter und ihre Tochter ansehen wollen. Doch dann tauchen plötzlich vier in Tempelrittertracht verkleidete Reiter auf, die einen Wachmann köpfen, die Besuchermenge in Schach halten und sich einige Schätze ergreifen. Tess kann dabei nur knapp einem der bedrohlichen Reiter entgehen, der sich zielsicher einen unscheinbaren Kasten greift und dazu geheimnisvolle lateinische Worte spricht. Nach dem Überfall schnappen die Reiter sich eine prominente Geisel und verschwinden über alle Berge.

Nachdem Tess ihren Schrecken überwunden hat und auch ihre Tochter wohlbehalten in die Arme schließen kann, fragt sie sich bald, warum der eine Reiter zielbewusst den so unbedeutend wirkenden Kasten erbeutet hat, der im Katalog als Rotorchiffrierer mit mehreren Walzen geführt wird. Doch Tess‘ Gefühl sagt ihr gleich, dass dahinter mehr stecken muss. Bald stellt sie eine Verbindung des Überfalls zu den Tempelrittern her und beginnt mit ihren eigenen Nachforschungen.

Dies aber ist FBI Special Agent Sean Reilly ein Dorn im Auge, da er weiß, dass Tess sich durch ihre eigene Ermittlung unbewusst in große Gefahr begibt. Denn nach dem Überfall auf das Metropolitan Museum werden nach und nach die Leichen der Reiter aufgefunden. Irgendjemand verfolgt seine eigenen Ziele und ermordet zielsicher die Museumsräuber. Sogar der Vatikan hat einen Verbündeten in New York, der dafür sorgen will, dass ein gut gehütetes Geheimnis im Verborgenen bleibt. Während Tess ihren Nachforschungen nachgeht und sich allmählich in Reilly verliebt, werden die beiden von den Verfolgern zu den Verfolgten …

Raymond Khoury bedient sich einiger erfolgsversprechender Komponenten für seinen Tempelritterroman, die Garanten für seinen großen Verkaufserfolg sind: In Manier eines Dan Brown lässt er zwei Protagonisten auf den Plan treten, die gut aussehend sind und mutig agieren und sich natürlich im Laufe der Geschichte ineinander verlieben und folglich alle Gefahren gemeinsam durchstehen können. Aber in den Biografien beider Hauptfiguren finden sich dunkle Episoden, die ihr heutiges Leben noch überschatten und dafür sorgen, dass die Liebe zwischen Tess und Sean nur langsam gedeihen kann. Khoury bedient hier sämtliche Klischees und langweilt dadurch an mancher Stelle, doch verlangt inzwischen wohl kaum noch jemand nach realistischen Figuren in aktuellen Spannungsromanen.

Glücklicherweise aber geschieht diese Liebelei zwischen Tess und Sean nur nebenbei und steht nicht im Zentrum der Geschichte. Khoury konzentriert sich vielmehr darauf, seine Tempelrittergeschichte zu entwickeln. In einem rasanten Erzähltempo präsentiert er uns historische Informationen über die Tempelritter und ihre Verbindung zum Vatikan. Hierfür lässt er zwischendurch einige Kapitel in weiter Vergangenheit spielen, wo wir neue Protagonisten kennen lernen, die damals das große Geheimnis des Vatikan gehütet haben.

„Scriptum“ spielt an verschiedenen, teils recht exotischen Schauplätzen, zwischen denen Khoury hin und her blendet, um dadurch immer mehr Spannung aufzubauen. Besonders die erste Buchhälfte fällt dadurch sehr spannend aus. Ab der Hälfte jedoch übertreibt der Autor es ein klein wenig mit seinen Ausführungen. Hier überschlagen sich die Ereignisse dermaßen, dass Spannung und Glaubwürdigkeit darunter zu leiden haben. Die Ereignisse erscheinen nicht mehr so ausgefeilt, sondern eher wie eine bloße Aneinanderreihung von gefährlichen Situationen. Da der Leser sich zudem recht sicher sein kann, dass Tess Chaykin und Sean Reilly diese Gefahren überstehen werden, fehlt dem Leser etwas die Gänsehaut.

Stilistisch hat sich Raymond Khoury stark an Dan Brown orientiert; so zaubert er nicht nur ein Vatikangeheimnis aus dem Ärmel, das an dasjenige aus Sakrileg erinnert, sondern er bedient sich ebenfalls der kurzen Kapitel, die schon bei Brown für ein rasantes Erzähltempo gesorgt haben. Dennoch merkt man, dass die Geschichte bei Khoury bei weitem nicht so raffiniert ausgeklügelt ist wie bei seinem berühmten Kollegen. Dies ist auch ein großes Manko, mit dem „Scriptum“ zu kämpfen hat, denn das wohlgehütete Geheimnis, das Khoury uns so sensationsversprechend präsentiert, wirkt nicht sonderlich innovativ, sodass an dieser Stelle viel aufgebaute Spannung verpufft. Hier hätte ich mir eine größere Sensation gewünscht, die vielleicht noch kein anderer Autor verwendet hat.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass Raymond Khoury mit seiner Geschichte sehr wohl zu unterhalten weiß und mit „Scriptum“ einen rasanten und spannenden Roman vorgelegt hat, den man gerne und gebannt liest. Doch leider kann Khoury nicht vollkommen überzeugen; Dan Brown hat die Messlatte mit „Illuminati“ und „Sakrileg“ einfach zu hoch gelegt, sodass Khoury diese Marke nicht erreichen kann. Den Vergleich verliert Khoury durch seine wenig innovative Geschichte, die leider nicht an jedem Punkt überzeugen kann und auch nicht mehr neu wirkt, außerdem übertreibt der Autor es am Ende seines Buches etwas zu sehr. Etwas weniger Action hätte der Glaubwürdigkeit seines Romans gut getan. Insgesamt ist „Scriptum“ somit zwar überaus lesenswert und versüßt die Zeit bis zum nächsten Brown-Thriller gut, ganz oben in einer Liga mit Brown oder Eco kann das vorliegende Buch allerdings nicht mitspielen.